Gietzener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1924 Zamstag, Sen 22. Uooemder" ” wmmerZS Der Geist der Loten. Von Johannes Verwehen*). Die Ihr für immer von uns Abschied nahmt, bleibt mit Euren Gdelkräften jeden Augenblick in uns lebendig als ein leuchtend Vorbild auf dem Wege der Vollendung! Die Ihr das Auge niemals wieder offnen werdet, lehrt uns Sehende, die Schönheit dieser Welt in ihrer ganzen Fülle freudig aufzunehmen, eh' unfer Zag dem Euren gleich zur Aeige geht! Die Ihr der Erde Bande abgestreift, lehrt uns die große Verachtung alles Vergänglichen und lenkt unser Auge aufwärts zur Sonne! j Die Ihr den Lebenskampf zu Ende führtet, leiht uns gleichen Mut, auszuharren in der Erdennvt und die Wirrnis dieses Daseins zu bezwingen! Die Ihr zur ewigen Buhe eingegangen, seid uns Mahner, die flüchtige Zeit zum Schaffen und Wirken zu nützen, auf das wir sieggekrönt in Euer Land Euch folgen! Die Ihr vom Weltenleid befreit nun schlafet, lasset Schmerz und Widerstand uns zu Freunden werden, bis wir dem Schoß des Alls zurückgegeben gleich wie Ihr! Gedanken zum Totensonntag. Von ReinholdBraun. In meinem Selbstbewußtsein ruht unerschütterlich die elementare Gewißheit meiner Ewigkeit. .Und wenn mich die ganze Welt mit der einmütigen Behauptung, daß unser Geist verweht betäuben wollte, so würde sie nur die ursprüngliche Empfindung auslösen: in mir ist ewiges Wesen, ewiges Leben. Johannes Müller. Dieses Wort ist der Siegessang des wesentlichen Menschen! Wer zu sich selbst und zu seinem Tiefsten gekommen ist, der ist von dieser Gewißheit immer umleuchtet, und der unvergängliche Schein durchstrahlt ihn ganz und gar und macht ihn selber leuchtend in allem, was er denkt und fühlt und tut. Sein Leben wird gleichsam getragen von der Schwingungs- Mächtigkeit dieses Lichtes. Freilich, diese Gewißheit kommt nicht von heute auf morgen. Je mehr Dunkel die Seele bezwingen mußte, desto klarer und sieghafter ist diese Gewißheit. Jeder Zweifel muß eine neue Stufe sein, um emporzukommen. Manch einer muß durch Labyrinthe gehen, um dann ganz inne zu werden der seligen Fülle des weiten Blickes und klaren Weges. Da suchen die Menschen durch Spiritismus und andere Dinge hinter den großen Schleier zu blicken und spinnen sich meist dabei in eine Gedanklichkeit ein wie in ein graues, unentwirrbares Betz. Ja, was sie treibt, ist einzig das Gedankliche, hätten sie mehr Gefühls nach der Höhe hin organisch beschwingte Kultur, dann hätte das rein Gedankliche nicht diese verheerende Macht in ihnen. Durch bloße Gedanklichkeit gewann noch nie ein Mensch ganz den anderen. Das erleben wir genugsam auf der großen Wanderung über diese Erde. Bur da schwingen zwei Menschen vollkommen ineinander, wo die Lebenspunkte sich berühren, wo das Tiefste ihres Gefühles, das Unsterbliche in ihnen eins wird. Wo das in dem Leben zweier Menschen geschah, ist der Tod nur die große, wenn auch augenblicklich schmerzvolle Wandlung, Aber eine wirkliche Trennung vermag er nie herbeizuführen. Diese Menschen bleiben einander in der Unsterblichkeit dessen, was sie sich zulebten und -blühten, sie stehen trotz des Fortgehens des Einen in einem unvergänglichen Lichte seliger Gemeinsamkeit. Wir hätten weniger verhängnisvoll lähmende Trauer in der *) Don einem modernen Mystiker, dem Bonner Dichterphilo- svphen Verwehen, legt der Wolkenwanderer-Verlag in Leipzig in der Bei he seiner Veröffentlichungen aus dem Reiche der romantischen Mystik alter und neuer Zeit ein Buch vor, daß eine erstaunliche Schönheit der Sprache und Form mit dem Bekenner» mut eines tiefreligiöfen und suchenden Menschen verbindet. Kein asketischer Verzicht auf die Freuden der Welt, kein Entsagen, nein ein frohes, beglückendes Ringen und Streben nach Bezwingung der Welt, nach Harmonie spricht aus diesen „Gebeten" einer auf» wärtsstürmenden Seele, berauschend und mitreißend durch die Kraft des Klanges, des Wortes und der Ueberzeugung. Der Verlag hat auch diesem Werk alle Liebe einer künstlerisch und drucktechnisch vollendeten Ausstattung angedeihen lassen, die feine früheren Veröffentlichungen auszeichnen. 640 Welt, wenn wir wüßten unsterblicher zu sein in der Welt unser« Gefühls, jener klaren, großen, zugleich erdstarken und Himmels» mächtigen Empfindungen. Wo eine Liebe zwei Menschen nicht verwesentlicht, war sie keine Liebe im erhabenen und wahrhaft beglückenden Sinne. „Unter dem Katheder des Todes" immer inniger, lebendiger, schöner, reiner, gütiger werden, das muß die Losung für di« Einzelseele und den Kreis einer Liebe fein!-- Lasset uns den Sonntag feiern mit aufgeschlossener Seele, und seine groß« Predigt von der Wesentlichkeit und ihrem Glücke hören! Wie klein werden die vielen, uns so oft quälenden Dinge deS Lebens angesichts des großen Zieles, dem wir alle entgegen« wandern. Das allein ist unsere Bestimmung, Pflicht und einziges Glück, recht viel am inwendigen Menschen an das Ziel zu bringen! In uns selbst liegen Schönheit und Lebendigkeit unserer Ewigkeit! Etwas Oesterliches mutz durch die Stunden des Gedächtnisses und der Einkehr schwingen! Zur Festigung unserer Gewißheit von der unsterblichen Seele muß der stille Tag dienen! So wird Totenfest in einem höchsten Sinne zu einem Fest des Lebens! Volkstümliche Arisdhofskunst. Von August Sieg Hardt, Aürnberg. Ein trüber, nebelfeuchter Rovembertag steigt vor unserem Auge auf, wenn wir an den großen Dag unserer Toten erinnert werden, die drauhen liegen auf dem stillen Friedhof. Kein Platz berührt Herz und Gemüt so tief und nachhaltig wie der Friedhof. Er ist der Ort, wo wir unseren Toten das letzte Liebeszeichen und Andenken weihen. Damit ist die persönliche Pflege der Grabhügel zu einer außerordentlich wichtigen Sache im Gemütsleben des Volkes geworden. Den Toten gehört der Friedhof: wir alle finden dort einst unser Heim, und eben deshalb haben wir ein Anrecht auf einen schönen Friedhof. Leider aber hat in Lieser Beziehung der Begriff „schön" in letzter Zeit recht bedenkliche Formen angenommen, mit denen sich allmählich die Kunst und die Heimatschutzbestrebungen zu befasse« beginnen. Es ist erfreulicherweise eine Art Wiä>ergeburt der Friedhofskunst eingetreten und damit ein eigenes Feld in der Architektur, der Bildhauerei und der Gärtnerei eröffnet worden, um die einer öden Handwerksmäßigkeit und Schablonenarbeit vielfach verfallene Friedhvfskunst einem wahren künstlerischen Einfluß zu unterwerfen. Ist doch die würdige Gestaltung der Friedhöfe eine nicht unwichtige Kulturaufgabe unserer Zeit, an der wir nicht achtlos vorübergehen können. Das Interesse und die Liebe für alte und neue Friedhofskunst und ihre Geschichte, wie für Dorfkunst überhaupt, muß im Volke wieder geweckt werden. Es muß dem Volke der Schwerpunkt für künstlerische und dabei doch volkstümliche Gestaltung der Grabstätten vor Augen geführt werden, damit es weih, wo eigentlich die wahren Schönheitswerte eines Dörffriedhofes liegen. Es muß dem Volke der Weg gezeigt werden, wie man den Friedhof in Obhut nehmen und seine Denkmäler erhalten soll, die der Heinrat ihr besonderes Gepräge verleihen. Wir dürfen uns und der Nachwelt den Kunstgenuß der Volkskunst auf dem Friedhöfe nicht verkümmern, sondern müssen ehrlich trachten, die Schönheiten unserer Heimat auf den Friedhöfen zu erhalten und zu mehren. Grabmäler haben bekanntlich den Sinn und den Zweck, den Schmerz der Hinterbliebenen über Verlust und Trennung bildlich zum Ausdruck zu bringen. Das Grab hat demnach schon äußerlich das, was zur Trauer stimmt und das Herz beschwert. Dieser traurige Zug soll durch das Denkmal nicht noch mehr verstärkt, sondern dieser Eindruck soll durch dasselbe ausgelöst werden. Jeder Stein, jedes Denkmal sollte eine stille, innerliche Versöhnung mit dem Schicksal, mit dem Tode, darstellen, nicht eine ewige Mahnung, daß wir dereinst zu Staub werden und den Tod als solchen zu fürchten haben. Aber gerade diese, wenn auch unabänderliche Tatsache kommt bei den meisten Grabmälern durch deren äußere Form, Sprüche und dergleichen zum Ausdruck. Hier soll nun die Kunst zeigen, wie der Mensch den am Grabe sich geziemenden Gefühlen Gestalt verleihen kann, und zwar so. daß auch der Friedhof für ihn eine Stätte der Erbauung und des Friedens im Leben, nicht deS .Unbehagens und der Furcht bedeutet. Aber jeder, ob arm oder reich, muh heutzutage feinen „Stein" Haben, selbst wenn ihm derselbe Kosten verursacht, die weit üb« feine Verhältnisse hinausgehen. Das gehört sein« Ansicht nach — 218 — Totenfeste der Naturvölker. Don D i r g e r M ö r n e r*). Wir Kulturmenschen leben in einer mehr oder minder festen Verbindung mit unseren Ahnen und Vorfahren. Sn der Schule unterrichtete man uns in der Geschichte unseres Volkes, zu Hause *) Der schwedische Graf Birger Mörner hat in einem inhaltlichen Buch, dem er nach dem ©lückslande der Gingeborenen der Koralleninsel Wuwulu den Titel „Linara" gab, die Vorstellungen der Naturvölker vom Jenseits dargestellt. Wir geben aus dem von Paul Hambruch übersetzten und bei Eugen Diedetichs tn Jena herausgegebenen Werke einige Abschnitte wieder. in der unserer engeren Familie. Den Naturvölkern geht mit wenigen Ausnahmen der Besitz einer Geschichte in unferm Sinne ab. Für gewöhnlich erstreckt sich ihr Wissen von älteren Zeiten nur über wenig zurückliegende Generationen. Vater und Großvater sinv ihre Vorfahren. Darüber hinaus beginnen die einzelnen Personen schon mit Sagen verquickt zu werden. Un& doch leben die Naturvölker mit ihren Vorfahren in einer Verbindung, deren Weise in einem protestantischen Lande wie Schweden fremder anmutet als z. B. im katholischen Frankreich. Die feiern nämlich oft den Tag „Allerseelen". Die Eskimo am St. Michel und Anterm Vukon-Fluß in Alaska feiern alljährlich zu Beginn Dezember ein derartig^ Fest. Im Versammlungshaufe des Stammes legt man Essen und Kleider für die Toten nieder und erhellt den Baum mit einer Lampe. Wer einen toten Verwandten ehren will, setzt auf dessen früheren Platz auf einem Gerüste eine Lampe mit Seehundstran hin Man hält sie die ganze Nacht über in Brand, denn sie soll den Schatten leuchten wenn sie von dem Tvtenreiche zurückkehren und wieder dort hingehen. Am Vorabende des Festes geht der nächste Angehörige nach dem Grabe. Er leitet die Feier damit ein.dah er z B auf das Grab eines männlichen Verwandten die Nachbildung eines Seehundspeeres, aus dem Grabe einer weiblichen Verwandten eine kleine Holzschale niedersetzt. Kinderlose Eskimos pflegen daher zu dem Behufe Kinder zu adoptieren, um nach ihrem Toda nicht von einem solchen Feste ausgeschlossen zu werden. Es gilt dem Toten als ein furchtbares Schicksal, von den Lebenden etwa nicht geladen zu werden. Das Fest wird mit Gesang eingeleitet, der den Toten gilt, darauf folgt die Verteilung von Essen und ®e» tränken Gesang und Tanz beschließen das Fest. Man tanzt auch am Grabe; ist jemand ertrunken, tanzt man auf dem Else. In Kambedja feiert man das Fest der Toten am letzten Tage des Monats Phatrabet (September—Oktober). In leqem I Haufe werden Kuchen und Süßigkeiten gebacken», Kerzen angezun- det die Weihrauchkerzen duften und die Toten werden mit dem dreimal wiederholten Gruß eingeladen; „Kommt alle, esset und segnet uns!" Vierzehn Tage nachher setzt man des Abends kleine Rindenbvvte mit Eis, Kuchen, kleinen Münzen, brennenden Weihrauchkerzen und angezündeten Lichtern auf den Fluß, aus diesen kehren die Seelen nach ihrem Lande heim. Die Lebenden rufen ihnen zum Abschied zu: „Geht, aber kommt wieder zuruck! Ist der Tag da dann werden sich Söhne und Enkel Eurer erinnern. Dann kehrt Ihr wieder! Kommt wieder! Kommt wieder! Der Strom füllt sich mit leuchtenden, glitzernden Punkten. Er führt sie hinweg, und sie erlöschen einer nach dem andern. Die Buddhisten feiern in Japan das Totenfest vom 13. bis 16 August. Bon-Matsuri wird es benannt. Dazu werden große Vorbereitungen getroffen. Auf den FistedHöfen werden die Grabsteine gewaschen und mit Blumen geschmückt; darauf zündet man an den Grabhügeln Weihrauchkerzen an. Vor die Hauser und um die Altäre hängt man prächtig schimmernde Latemen auf; oftmals haben sie die Form von Lotosblüten und sind mit festlichen Papierbändern verziert. Auf dem reich und phantastisch ausgeschmückten Altar legt man Kuchen, Früchte und Miniaturnachbildungen von Ochsen und Pferden reihenweise, in Lotosblätter Egeschlagen, nieder. Alles Opfer für die Seelen der Verstorbenen. Aus dem Lande wandern ganze Familien mit brennenden Kerzen nach dM Gräbern der Toten, nachdem sie zuvor festliche Scheiterhaufen entzündeten, um die Geister willkommen zu heißen. Vor die, Haustüren setzt man Schalen mit Wasser, damit die ©elfter bei ihrem Eintritt sich die Füße waschen können. Arn 14. August verrichten die Priester vor den Altären Gebete und den Tag darauf werden aufs neue Scheiterhaufen zum Abschied angezündet. An der Küste herrscht ein Brauch, der an Kambodja erinnert; tuen setzt man sämtliche kleine Boote mit Papiersegeln und mit Wasser gefüllten Töpfchen und Weihrauch beladen aus. Darauf^ stehen die tarnen der Toten geschrieben. An andern Stellen schmückt man dieDoote mit Laternen aus oder setzt gar schwimmende Laternen ins Wasser. Die primitiven Ainos begraben in Japan und Sachalin ihre Toten nachts im Walde; Gewänder Fischereigerate und Glasperlen des Verstorbenen werden ihm aufs Grab gelegt. Em tiayr I nach dem Begräbnis versammeln sich die Verwandten, sie vennei- | den es aber, von den Verstorbenen zu sprechen, denn sie furchten, daß anders die Seele wieder zurückkommen und die Lebenden | beunruhigen wird. Diese stille Huldigung der einfachen Mur» linder ist bemerkenswert, denn sie offenbart deutlich den ©nett der Empfindungen zwischen einer ehrfurchtsvollen Ergebenheit und | einer geheimnisvollen Furcht. I Alle 12 Jahre einmal feierten die Irokesen zu Ehren der- I ieniqen ein Fest, welche in den vergangenen Jahren verschieden I waren Die Reste der Verbrannten wurden zusammengesucht und I die übriggebliebenen Knochen derer, welche. auf ©ernsten bei- I gesetzt worden waren, herabgenommen. Alle Aeoerbleibsel tourb en | in ein großes Grab zusammengetragen, daß mit kostbaren Biber I pshen eingefaßt war; hernach warf man mancherlei Gaben m das I Grab und schüttete dasselbe zu. nr~ Auch die Eingeborenen der Südsee kennen einen L,ag Allerseelen Turner berichtet von einem Feste auf den Aeu-Hebriden. Dort hatte sich der ganze Stamm vor den Eingang einer j Höhle versammelt und davor alles aufgestapelt, was für eine Fest- I mahlzeit notwendig war. Bei Sonnenuntergang traten einige an den Höhleneingang und tiefen: „Ihr Geister dort drinnen, singet zum guten Ton, schon der Leute halber. Die Leute, die in der Regel | ?n ten Kreise seiner „guten Freunde" zu suchen sind slnd nun freilich gewöhnt, den Toten oder vielmehr das Aiiüenken an ihn, mit dem Maßstab zu messen: je größer und schöner der S^uh | desto größer der Schmerz der „tieftrauernd Hinterbliebenen L^ß ein schlichter Rasenhügel mit ein paar liebevoll gepslanzien Vlamen- beeten die eine brave Arbeitersrau ihrem teuren ©atten un& Er- j nährer schuf, oder ein einfaches Holzkreuz mit einem Kranzlem Waldblumen, die eine betagte, sorgenbelabeneMutter ihrem einzigen Sohne auf den Grabhügel legt, den gleichen, ja oft noch viel härteren Schmerz auszudrücken vermögen — d