Gießener jamilienblätter Untechültungsbeilage zum Giehener Anzeiger I^rgaug (92^ —Samstag, den 22^ März Nirwmerd Avalun. Von Börries, Freiherr von Münchhausen Mir liegt dn Land im Sinn. Ich weih es nicht, wann ich es sah in meinen Heimweh: räumen, doch meine Sehnsucht, wenn sie Kränze flicht. Pflückt Blüten sich von seinen Apfelbäume«. Änd meine Sehnsucht wandelt göttlich leicht die g ünen Gar en hänge auf und nieder, mit Schmeichelhänden sie ein Windhauch streicht und flüstert ihr ins Ohr verwehte Lieder. Im fernen Grund spielt eine Mädchenschar, die Hellen Kleider toi von Abendstrahlen, und wie sie laufen, blitzen wunderbar die schmalen Sohlen ihrer Goldsandalen. Wie Silberrgen ihr G'lächer fällt in dieser Hügel feierliches Schweigen und schüttelt in der weihen Blütenwelt viel tausend Sternchen von den wirren Zweige« „ cklnd sinnend schreit ich. Alle Wünsche ruhn. 2ch sühl's, ich bin zu Haus an diesen Dachen. T aumheimai meiner Se le, Avalun!--- Mir ist, als Höri ich meine Mutter sprechen. Me seltsame Schneegans. Bon Paul Georg Münch'). Die Missekäte in hieh Annemieke Köpke. Riemand hätte ihr zugetraut, daß sie jemals etwas hinter dem Rücken des siebenten Gebots unternehmen werde. Sie war elf Jahre alt, also e siche Jahre älter, als ihre schmäch'igr, von der Not der Zeit gezeichnete Gestalt vermuten lieh. Ein fio6g?mute3 Schlankding war sie, allezeit verg-.ügt; zuweilen konnte sie ein ausgelassen lustiger Wild- fang sein. Als ech e kleine Berlinerin war sie nicht auf den Mund gefallen, aber eine Berliner Range war Annemieke nicht. Sie sah in der Klasse obenan, ihr untadeliges Betragen war ihr jedes Jahr durch eine Eins beglaubigt worden. Als Annemiekes Lehrer würdige und bedürf ige Mädchen für den Landauf mthalt auswählen sollte, schlug er in erster Linie die kleine Köpke vor. Zu Haufe bei Muttern gab es nicht viel zu beih'n. und es wäre ihr von Herzen zu gönnen gewesen, dnst eine Milchkur ihre Backen runde, Bergluft ihre Lunge dehne und Alpens mne S irn und Waden bräune. . Atm mieke kam bald nach Ostern zum Taver Dastelger, einem reichen Einödbauer in der Räh: von Wall in Oberbayern Einen Duchsensch st g'gen Süden rauscht am Gchäft die Mangfall vorüber. die einen Abglanz von der Farbenfreuds des Tegernsees ins Rosenh imer Land hinabträgt. Das Mädel aus dem Scha ten der Großstadt war in dieser Welt der Freude und der Farbe überglücklich. Ein trauliches Stübchen für sich ganz allein, ein Gatshof voll wohlgesüllter Schmalzhäfen, ringsum Wiesenbrei en mit braungefleckten Rindern und wilden Füllen, nach Süden die gigantischen Krli'fen der Alpen — sie sah ihre Sommerresidrnz als eine graste Bühne, auf der sich vor ihren A gm immer neue Märchenwunder vollzogen. In Gaste'g'rs beiden Baben, dem Pevl und dem Hiesl, sand sie zwei übermütige Gespielen, und um ihr Glück vollzumachen, warf ein Weststurm Ende April noch eine verspätete, Schneewehe über das Land! Drei lustige Kinder und als vierter im Bunde Spaßmacher Schnee — da war auf Erden ein Glückskönigreich auf« gerichtet. Eines Tages bekam Annemieke eine Nachricht, die ihr auf« rich'ig weh'tat: ihre Klassetschw'ster, die kleine blonde Lies, die in ver benachbarten Siedel'ng Wall einquartiert war. hatte den Arm gebrochen. Dem Rodelschlitten hatte es nicht gepaßt, dast sie gar 8U übermütig war: er hatte sie an einer steilen Berglehne abge« *) Besinnlich-H'itere Ersiehnngsgeschichten von Kindern und fröhlichem Jungvolk erzählt Paul Grv'g Münch in seinem „Qu« stige Len t che n" (Dürrsche Buchhandlung in Leipzig) mit feinem Verständnis für die Kinderseele und einem Humor, den man allen Gtziehern unserer Jugend wünschen möchte. „Laßt Sonne herein," vwhnt das Büchlein, „werdet wieder Kind mit Auren Kindern, sie werden's Auch danken." wvrfen. Annemieke besuchte die kleine Patientin und erfuhr, dcch Lies auf Anraten des Arztes über acht Tage nach Berlin zurück» fahren solle. Da kam ihr der schicksalsschwere Gedanke: Hei, wenn du der Gelegenheit deinen Eltern etwas von deinem üleberflusse mit» schicken könntest ,..! Der Gedanke war ihr nur flüchtig durch den Smn gehuscht, kehrte aber wieder und hatte es bald gar nicht mehr so eilig, davonzukommen.... Als ihr die Bäuerin heute den Gierkorb gab, hast sie in M Huynerstalle .abnehmen" gehe, hatte sie wieder allerhand Heber» legungen---an ihre fünf Geschwister dachte sie, die die mager« Kost daheim, an BaterS Kriegswunde, an feine Arbeitslosigkeit, und sie sann immer nachdenklicher über das Päckchen nach, das sie als dn Drosam von ihrem Sommerreichtum der Lies mit« geben wollte. Sie streichelte tie Nestwärmen Gier, nahm eins nach dem anderen in die Hand und matte sich aus. was Mutier für Augen machen würde, wenn---nein, sie schob das freche Godankengrsindel en schlos.en beiseite! Aber einmal in das Seelen* stubchen, wo man Pläne schmiede!, eingelassen, war das ©eftnM von erschreckender Dreistigkeit und zäher Beharrlichkeit... es zwang und schmeichelte Annemieke akkgemach auf den Wxrg, auf ben des Teufel das Mädel haben wslite. Sie erntete heute siebzehn Gier und dachte, es sei wohl feine Todsünde, wenn sie die unschöne Siebzehn nach unten abrunde und eine glatte Bauernmandel daraus mache. Das größte Ei erklärte sie für überzählig und lieh es in ihre Tasche wandern. Sie nahm es am Abend mit In ihr Bett, den nächsten Morgen brachte sie es aus einem Bersteck in das andere und schaute es immer wieder an ... ja, wenn sie ihrer Mutter über acht Tage eine ganze Wandel solche Eier schicken könnte, eine ganze Mandel frische Dauern-Eier ...! Der Teufel sag.« ihr ganz leise vor: „Oder ... gar ... zwei ...?" Sie hatte im Laufe der nächsten Tage siebenundzwanzig ausgesucht grohe Gier heimlich beiseite gebracht, auf jeden ihrer Lieben daheim kämen also knapp vier Stück. Weil es in Gafteigers Einödhofe von Geflügel kribbelte und krabbelte, merkte die Bäuerin nichts von der Spitzbüberei. Sie hatte an dem braven, fleißigen und bescheidenen Mädel ihre helle Freude. Da bei Tisch alle Tage von Gendarmenbesuch die Rede war, von Beschlagnahmungen, von den neuesten Verordnungen mit der gruseligen Aussicht auf „nicht unter fünf Jahre Gefängnis" und von derlei erschrecklichen Dingen, irrte Annemieke umher wie dn Kuckuck, der zuletzt selbst nicht mehr weist, in welche Rester er seine Eier versteckt hat. Jeden Tag nahm sie sich ganz fest vor, die Gier zur Lies zu tragen, aber im letz en Augenblicke machte jedesmal das Gewissen seine Einwände und lähmte ihren Mut. Wenn sie mit ihrer Diebesbeute unterwegs dem Gendarm begegnen würde? Ihr siel wieder die furchtbare Drohung: „Richt unter fünf Jahre Gefängnis!" ein — sie wäre dann gerade sechzehn Jahre, wenn sie die Elter» wiedersähe ... Planlos packte sie die Eier um unb um: aus dem Bett in den Schrank, aus dem Schrank in die Kommode und wieder inS Bett, unter das Bett, hinter das Bett und wuhte sich keinen Rat. Sie dache an die beiden übermütigen Gasteigerbuben: wenn die wieder einmal in ihr Zimmer kämen, wie gewöhnlich ihr Allotria trieben und alles auf Len Kopf stellten, dann würden sie sicher die Eier im dunkelsten Versteck aufstöbern — — ein Königreich für einen verschwiegenen Hamsterwinkel! Unter allen cklmständen mi st en die Eier aus ihrem Zimmer heraus, damit sie nachts wieder Schlaf fände. Die Bäuerin hatte sie schon einmal wehleidig am» geschaut, hatte ihre übernächtig bleichen Backen gestreichelt und gesagt, ihr läge gewih eine Grippe in den Gliedern! Ähr lagert aber nur die Eier in den Gliedern. Endlich erleuchtete ein großer, ein rettender Gedanke ihre bekümmerte Seele: sie wollte die Gier unter dem Schnee verbergen! Denn es gebe keinen verschwieg eueren Diebessack in der Welt, als dieses- weihe Tuch! ’ In der Abenddämmerung schlich sie sich mit den Eiern in den Garten, und unter einem Birnbaum, der bis ans Knie in einer Schneewehe stand, verbarg sie ihren Schatz. Es war beinahe finster, nur der Wendelstein schauie ihr von ferne zu: der glüht« noch in rotem Glanze . Ihr war es, als mache sich der Riese heute noch oiel„ viel grötzer. Einen fegefeuerroten Spitz Helm batte er sich aufgesetzt und schaute gespenstisch zu ihr herüber ... Annemieke fürchtete sich vor dem Wendelstein. — 48 — Me lange Welt!" Der Dauer beruhigte baS kleine aufgeregte Völkchen, «beneflte WH, baß Annemieke gerade zwei Wochen im Hause war. und sagte: dürft scho sei Richtigkeit hvam. t 6oab seit Doager vier- .'S dürft scho sei Richtigkeit hvam. i hvab seit Toager vier- MtzK alleweil ane SchneeganS dohier umafliegen g'seh'gut' Jetzt war Annemieke wieder obenauf. .Aa seht ihr, daß der stimmt, was ich jesagi habe?" fertigt« 6 den Pepl und den Hiesl ab. .llnfenn Lehrer seine Dräut, flammt auS'm JeMflelladm! Die »den doch bet wissen. Als wolle Sankt Peter der zitternden Missetäterin in ihren Gewissensnöten beistehen, ließ er über Rächt Reuschnee fallen, und die Fußstapfen, die nach dem Birnbaum führten, waren am Morgen «erwischt. Jetzt war Annemieke voll guter Zuversicht. Wenn morgen Familie Gasteiger in Stall oder Scheune bei der Arbeit träte, wollte sie den Schatz unter dem Birnbaum heben und zur LieS tragen. Der Gendarm würde sie schon nicht erwischen 1 Ehe sie aber zur armen Lies nach Wall wanderte, zog em lustiger Gesell die Siebenmeilenstiefel an und kam ihr in ihrem Unternehmen zuvor. Er lief von den Hvchalpen quer über die Mangsallau und blies mit warmem Obern die ganze Winter- Herrlichkeit zusammen. Das war der Föhn. Er hielt über Rächt Kehraus und machte dabei ganze Arbeit! Aus jeder Felsrunse angelte er die letzten Fetzen Winterkittel hervor und verwehte sie Er vollbrachte in einer Rächt ein Großreinemachen, das hunderttausend Kehrweiber in einem Jahr nicht zuwege gebracht ^^Am Morgen nach dieser föhndurchheulien Rächt, als Annemieke noch hin'er den Fensterläden bei der Morgenmilch saß. ging Dauer Gasteiger durch den Garten und sah--- — -.Ja-was denn nacha jetzt dös?" Und sah unter dem Birnbaum das Haus- Ein paarmal ging er um den seltsamen Fund herum . . war s ein Hexenzeichen? Ein Haufen spartakislischer Eiergranaten? Er §©b ein Ei auf. wog es in der Hand--aanz gewiß, es waren richtige Hühnereier! Merkwürdig, merkwürdig . . Plötzlich flog ihm ein Gedanke zu: Anneimeke ...! Ra wart, du Mauseluderchen! „„ . Er mach'- aus feinem roten Taschentuche ein Säckchen, legte die Eier vorsichtig hinein und brachte den Fund ins^Haus. Lor der versammel'en Familie breitete er ibn aus, beobachtete jeöe Regung au? Annemtetens Gesicht und sagte: ..DöS ist mr oa no nsi vorkemrna^sisbnazwanzig Oar auf oan ' Annemieke stierte die Beute des B-rusm an. ihr Gesicht verlor den letzten Blutstropfen. ihre Rasenflügel flackerten. Dann raffte sie sich zusammen, stellte sich, als teile sie vollkommen die ^rtoun- derung der Bauersleute über den seltsamen Fund schüttelte den Kovi wie eine Schauspielerin von köstlicher Saten'tohgfett schluckte etliche Male und fragte bann erstaunt, wo, wer und wieso ... em Dutzend Fragen der Beriegenheit stammelte fte. Der Bauer wußte alles! „ Er gab auch der Bäuerin durch Blicke zu verstehen, was er wisse. Run machte er sich ein teuflisches Vergnügen daraus. Md Mädel ganz allmählich in die Enge zu treiben Er sagte, das ginge doch nicht mit rechten Dingen zu, denn bumm wa^doch das dümmste Huhn nicht, daß es seine Eier unter Schnee frieren ^'noa. naa! A Huhn? Da ist koa Drvdenka net!" fagt er. ilnb was für ausgesucht große Eier das waren! gab die <3&u® $rin zu bedenken. Plötzlich jubelte Annemieke auf: jßerr Gasteiger, jetzt weiß ich: das ist sicher eine Gelehrsamkeit setzte sie dozierend ^tn8U®ie heißen sicher Schneegänse, weil sie die Eier in den Schnee ^Der Dauer stellt« sich, als wäre er glücklich, daß endlich des Rätsels Lösung gefunden sei, legte den Zeigefinger an die Rase ^Richti! Dos ist ganz g'wiß ane Schneegans g wesen!" Annemiekes Svmmerbrüder aber, der Pepl und der Hiesl. «eßen sich nicht so rasch mit der Schneeg-ms aMhelten. Hiesl brachte eine Jndianerschwarte herzu, zeigte das Bild wie die Indianer Schneegänse abschießen, und las die Fußno e unter dem Seit: Schneegänse wären nur in Nordamerika heimisch! Annemieke suchte den Einwand mit einer Handbewegung aus der Welt zu schassen und sagte: „fV natürlich, aber manchmal verirrt sich auch eine nach Deutschland!" _ , .Sei stad! Dös ist net wahr!" meinte Pepl. ilnb Hiesl lachte: _ e.. .0 glaabs aa net! Dös friagt net amal der Zevvelin außi. WerS große Wasser zu fliegen! Doa berfauft erst' Wie sich jetzt Annemieke in ihrem ßugenbau bedroht fühlte, tzmrde sie schnippisch und begann, nervös zu berlinern: .Ra jlaubt bet man! Wenns unser Lehrer auch iefagt hat, dann stimmt bet! Wat verstehst denn du von SchneejSnsen. du Hummer! Wir in ‘Berlin kennen uns doch aus in bet Jeflugel von .Bater, hals bu V SchMSDArS toteesfentoÄ fieHgst, fnng t sie mir eint!“ Hiesl aber fragte skepttsch: .Mit woas wvll'n wir aber hernach d' Schneegans ffltteim, Vater?" Der Dauer schaute Annemieke an und wollte sagen: Mit einer Tracht Rutenhiebe! Er drückte es aber mit verschmitztem Miner« spiel so aus: .Die triagn Dirkenzucker, der, wo hinterm Spiegel für* wachst...!“ Annemieke verstand ihn nicht', die von ihr heraufbeschwvrenE Schneegans wurde ihr aber immer geheimnisvoller, und das böse Gewissen drängte sie. weiter zu schwatzen. „Stellen aber die Adler den Schneegänsen nicht nach, He« Gasteiger?" Der Bauer sah. wie der Gendarm, der längst erwartete, bat Hang herab auf den Gutshof zukam. und antwortete: „Raa, naa! Für g'wissene Sorten Schneegänse verintressierf sich koalier net als wie der Landgendaum!" Annemieke wußte seine orakelhaften Aussprüche noch immer nicht zu deuten, aber sie wurde ein wenig mißtrauisch. Sie begann mit der Möglichkeit zu rechnen, daß der Dauer am Ende gar darauf hinauswollte, sie mit dem Landgendarmen in Beziehung zu bringen ...! Das böte Gewissen machte hellhörig, und es war ihr ein paar Augenblicke nicht recht behaglich zumute... wußte er, oder wußte er nicht? Jetzt war ihr einziges Sinnen: nur keine Pausen aufkommen lassen! Sie setzte sich mit Mühe ein vergnügtes Lachen auf, tänzelte um den Tisch herum und fragte: „Wie sieht denn eigentlich so eine Schneegans aus. Herr Vs» {leiget?“ .Wie so ane SchneeganS ausschaugt, die wo b' „Oar in H Schnee einifegt?" Er schaute Annemieke an und sagte: „Untenrum sieht sie Mau. und obenrum sieht sie woaßst' Jetzt»witterte sie Beziehungen und wurde leichenblaß. Der Bauer fuhr seelensruhig fort: „Aber Sunn'ags solltest halt die Schneegans fehan! ®oa schaugt sie totxtß aus von oben bis unten! älnb a rvlsBandel tragtS doa im Schopf und--“ Jetzt erlebte Annemieke ein furchtbares Erwachen aus ihrem Lügentaumel! Sie warf sich auf einen Stuhl, schrie auf und zitterte an allen Gliedern, ilnb um das Maß ihrer Höllenpein vollzw» machen, geschah das En'setzliche: der Gendarm trat ein! Sie sprang auf. lief wie von Sinnen auf den Gendarm zu, faßte des Allgewaltigen Hand und gelobte schluchzend:' „Herr Gendarm, ich werde es nie. nie wieder tun!“ Der Gendarm warf einen Blick über die Sünderin hinweg auf die lächelnden Gesichter des Bauern und der Bäuerin, svielt« die Rolle der gnadenlosen Gerechtigkeit und fragte in furchtbar grimmigem Amtsbaß: .Was hat sie denn ang'stellt, Gasteiger?" „Siebnazwanzig Oar hat sie sich unterm Birnbaum -'recht- fliegt!“ .Herr Gendarm, guter Herr Gendarm, ich werde in meine® ganzen Leben keine Eier wieder legen!" Der Gendarm griff mit beiden Händen in ihre Schultern und fragte: .Wie heißt sie?!" ..Annmnieke Schneegans!" lächelte der Bauer. Da Annemieke nun einmal in ihrem Herzstübchen aufräumte, wollte sie auch gleich aanze Arbeit machen und sämtlichen Mori» taten-llnrat hinauSwerfen. Sie griff in ihre Rocktasche, brachte ein kleines Bäckchen heraus und getobte weinend: .Und ich will auch nie. nie wieder Käse machen!" Sie hatte sich von jedem Quarfg'rißt. Has auf den Tisch ge* kommen war, ein haar Brocken a"sgesvart und zeigte jetzt em Tasckentüchl voll Käse, den sie der Mutter zugleich mit den Bient hatte schicken wollen. Der Gasteiger-Dauer packte ihr die siebenund-zwanzig Sier sein säube-lich ein legte nrnch ein paar Käie hinzu und sagte: .Sv Dös schickst an bet Mutter hvam und schreibst an Schreibebrief zu: Die Oar hätt a seltsames Mech gelegt — " ane hindianische Schneegans aus Berlin!" Technische Wettwende. Bon R. A. Eoudenhove-Kalergi. Die Welt Philipps II. bedeutet in keiner wesentlichen Hinsicht einen Kulturfortschritt gegenüber der Welt Hammurabis: wed« in der Kunst, noch in der Wifsenschaft, noch in der Politik, noch in der Justiz, noch in der Verwaltung. . 3n den dreieinhalb Jahrhunderten, die zwischen uns und Philipp liegen, hat sich die Welt gründlicher geändert als in den vorhergehenden dreieinhalb Jahrtausenden. , Es war die Technik, die Europa aus seinem afiatlichen Dornröschenschlaf des Mittelalters weckte. 6ie hat Rittertum und Feudalismus durch die Erfindung der Feuerwaffe — Ptivittinn und Aberglauben durch Erfindung des Buchdruckes besiegt, durch Kompaß und SchiffSiechnik hat sie dem Europäer die fremden flBrittette «rfchlosfen, die er dann, mit Hilfe des Pulvers erobert hat- - 47 - Der Fortschritt der mobetnot Wissenschaften ist von der Entwicklung der Technik nicht zu trennen: ohne Teleskop gäbe es feine moderne Astronomie, ohne Mikroskop keine Bakteriologie. Auch die moderne Sun ft steht in engstem Zusammenhang mit 6er Technik: die moderne Instrumentalmusik, die moderne Architektur, das moderne Theater ruhen teilweise auf technischer Grundlage. Die Wirkung der Photographie auf die Porträtmalerei wird sich ebenfalls verstärken: denn, da die Photographie in der Re- vroduktion der Gesichtsformen unübertrefflich ist, wird sie die Malerei zwingen, sich auf ihr eigenstes Feld zurückzuziehsn und das Wesen, die Seele des Menschen festzuhalten. — Eine ähnliche Wirkung wie die Photographie auf die Malerei könnte die Kinema- Agraphie auf das Theater ausüben. Die moderne Strategie hrt sich unter dem Einfluß der Technik gründlich geändert. Aus einer psychologischen Wissenschaft tß Kriegskunst vorwiegend zu einer technischen geworden. Die heu» AMN Kriegsmethoden unterscheiden sich von den mittelalterlichen wesentlicher als diese von der Kampfesweise der Aaturvölker. Die ganze Politik der Gegenwart steht im Zeichen der technischen Entwicklung: Demokratie, Nationalismus und Volksbildung lassen sich aus die Erfindung des Buchdruckes zurückführen: Inda» Arialismus und kolonialer Imperialismus. Kapitalismus und So- etalismus sind Folgeerscheinungen des technischen Fortschrittes und •er durch ihn bedingten Umstellung der Weltwirtschaft. Wie der Ackerbau eine patriarchalische, das Handwerk eine individualistische Mentalität schafft — so schafft die gemeinsame, organisierte Jn- bustriearbeit die sozialistische Mentalität: die technische Organi- fflüon der Arbeit spiegelt sich wider in der sozialistischen Or- GLnisation der Arbeiter. Endlich Hal der technische Fortschritt den Europäer selbst Verändert: er ist hastiger, nervöser, unbeständiger, wacher, geistes- Gegenwärtiger, rationalistischer, tätiger, praktischer und klüger ge- Vvrden. Streichen wir all diese Folgeerscheinungen der Technik von unterer Kultur ab. so steht das, was übrig bleibt, in keiner Hinsicht Höher als altbabylonische Kultur — in mancher Hinsicht tiefer. Der Technik verdankt also Europa seinen Borsprung vor allen «nderen Kulturen. Erst durch sie wurde es zum Herrn und Führer der Welt. Europa ist eine Funktion der Technik. Amerika ist die höchste Steigerung Europas. — Durch die Bevölkerungszunahme wird die Lage des Europäers Immer verzweifelter: trotz aller bisherigen Fortschritte der Technik befindet er sich noch in einem recht erbärmlichen Zustande. Die Gespenste des Hungers und des Erfrierens hat er zurückge- tträv-9 — aber um den Preis seiner Freiheit und seiner Muhe. Die furchtbare Zwangscrrbeit beginnt für den Europäer im siebten Lebensjahre mit dem Schulzwange und endet gewöhnlich erst mit dem Tode. Die europäischen Völker haben zwei politische Versuche unternommen, diesen erbärmlichen Zustand zu verbessern: Kolonialpolitik und Sozialismus. Die erste Form der Kvlonialpvlitik besteht in der Er- pberung und Besiedelung dünnbevölkerter Erdstriche durch Da- ttonen, die an Uebervölkerung leiden. Die zweite Form den Kolvnialpolitik beruht aus Ausbeutung wärmerer Erdstriche und farbiger Völker. Ans die Dauer muß dieses Hilfsmittel versagen: denn seine unausbleibliche Folge ist ein ungeheurer Sklavenaus- stand, der die Europäer aus den farbigen Kolonien wegfegen und damit Europas tropische Kulturbasis stürzen wird. Auch die AuS- toonberung ist nur ein provisorisches Hilfsmittel: heute schon sind einige Kolonien ebenso dicht gcbrdngt wie ihre Mutterländer und »ähren das gleiche Elend. Die Zeit muh kommen, da es ferne Menschenleere Gebiete auf Erden mehr geben wird. Den zweiten Versuch, das europäische Massenelend zu lindern, unternimmt der Sozialismus. Der Sozialismus will die eu» rvpäiscbe Hölle bannen durch gleichmähige Verteilung der Arbeits» last und des Arbeitsertrages. ~ t , Es unterliegt keinem Zweifel, dah sich daS Los der eurvpais-^n Massen durch vernünftige Reformen wesentlich verbessern liehe. Wenn aber der soziale Fortschritt nicht getragen wird durch einen Aufschwung der Technik, kann er das soziale Elend nur lindern, nicht beheben. . . Denn die Arbeitslast, die zur Fütterung und Wärmung der vfelzuvielen Europäer nötig ist, ist grob: der Arbeitsertrag, den Das technische Zeitalter Europas ist ein weltgeschichtliches Ereignis. dessen Bedeutung mit der Ersindung der Feuerung in der menschlichen Urzeit zu verzeichnen ist. Die Wirkungsmöglichkeiten des technischen Zeitalters, an dessen Beginn wir stehen, sind unübersehbar. Es schasst die materiellen D>undlagen für alle kommenden Kulturen, die sich durch ihre ver- iinderte Basis wesentlich von allen bisherigen unterscheiden werden. Alle bisherigen Kulturen von altägyptischen und chinesischen His zu der des Mittelalters waren einander in ihrem Ablauf und in ihrer Entfaltung so ähnlich, weil sie auf den gleichen tech- vischen Voraussetzungen ruhten. Von der ägyptischen Frühzeit bis Atm Ausgange des Mittelalters hat die Technik keine wesentlichen Fortschritte zu verzeichnen. Die Kultur, die aus dem technischen Zeitalter hervorgehen wird, wird ebenso hoch über der antiken und mittelalterlichen stehen wie diese über den Kulturen der Steinzeit. das rauhe und nicht genügend fruchtbare Europa auch bei toten« stvster Ausnützung abwirft, relativ klein, so dah auch bei gerechtester Verteilung auf jeden Europäer sehr viel Arbeit und sehr wenig Lohn fiele. Beim heutigen Stande der Technik würde sich das Leben eines sozialistischen Europa in die Doppellätigkeit auflösen: arbeiten, um zu essen und essen, um zu arbeiten. Das C leich- heitsideal wäre erreicht: aber von Freiheit. Muhe und Kultur wäre Europa ferner denn je. Um die Menschen zu befreien, ist Europa einerseits zu barbarisch,, andererseits zu arm. Das Vermögen der wenigen Reichen, auf alle verteilt, würde spurlos verschwinden: die Armut wäre nicht ak^zeschafft, sondern verallgemeinert. Der Sozialismus ist nicht imstande, Europa aus seiner Unfreiheit und seinem Elend zu Freiheit und Wohlstand zu führen. Weder Stimmzettel noch Aktien könnten den Kohlenarbeiter dafür entschädigen, dah er sein Leben in Höhlen und Schächten verbringen muß. Die meisten Sklaven orientalischer Despoten sind freier als dieser freie Arbeiter eines sozialisierten Werkes. Der Sozialismus verkennt das europäische Problem, wenn er in der ungerechten Verteilung das Grundübel der europäischen Wirtschaft sieht, statt in der ungenügenden Produktion. Die Wurzel des europäischen Elends liegt in der Rotwendigkeit der Zwangsarbeit — nicht in der Ungerechstgkeit der Verteilung. Der Sozialismus irrt, wenn er im Kapitalismus die Ursache der furchtbaren Zwangsarbeit sieht, unter der Europa stöhw; denn in Wahrheit flieht nur ein sehr geringer Teil der europäischen Ar- beitsleistung den Kapitalisten und ihrem Lurus zu: der allergrößte Teil dieser Arbeit dient dazu, einen unfruchtbaren Weltteil in einen fruchtbaren zu verwandeln, einen kalten in einen warmen und auf ihm eine Menschenzahl zu erhalten, die er auf natürlichem Wege nicht ernähren konnte. Der Winter und die Uebervölkerung Europas sind härtere und grausamere Despoten als sämtliche Kapitalisten: aber nicht die Politiker führen die europäische Revolution gegen diese unbarmherzigen Zwingherren, sondern die Erfinder. * Der koloniale Jnrperialismus ebenso wie der Sozialismus sind Palliative nicht Heilmittel der europäischen Krankheit: sie können die Rot lindern, nicht bannen: die Katastrophe auf schieben, nicht verhüten. Europa wird sich entscheiden müssen, entweder seine B^ völkerung zu dezimieren und Selbstmord zu begehen — oder durch großzügige Steigerung der Produktion und Vervollkommnung der Technik zu genesen. Denn nur dieser Weg kann die Europäer zu Wohlstand. Muhe und Knl'ur führen, während die sozialen und kolonialen Rettungsversuche schließlich in Sackgassen münden Europa muß sich darüber klar sein, daß der technische yort- schritt ein Befreiungskrieg allergöß'en S'ils ist gegen den härtesten. grausamsten und unbarmherzigsten Tyrannen: die nordische Aatur. __ , ,. . Von dem Ausgange dieser technischen W e l t r e v v l u 11 oN hängt es ab, ob die Menschheit sich die einmal in Äonen bietende Gelegenheit: Herrin über die Aatur zu werden — nützt oder ob sie diese Gelegenheit, vielleicht für immer, ungenützt vorubergehen l^ Bor hundert (fahren etwa begann Earova die Offensive gegen die übermäßige Aatur. gegen die es sich bis dahin nur verteidigt hatte. Es begnügte sich nicht mehr damit, von der Gnade der Aaturgewalten zu leben, sondern es begann, seine Feinde zu ver- fllaven. , . _ ... Die Technik hat begonnen, bad Sklavenheer der Haustiere zu ergänzen und das Sklavenheer der Sch'verarbeiter zu ersehet? durch Maschinell. die betrieben werden von Aaturkräften Europa (und mit ihm Amerikas hat zu di-len größten uns folgenschwersten aller Kriege den Erdball mobilisiert Die Fronttruppen des weltumspannenden Arbei'sheeres das gegen die Willkür der Aawrkräste kämvft, sind die Lindustne- arbeiter: ihre Offiziere, Ingenieure, Unternehmer, Direktoren: ihren Generalstab bilden die G"finder. ihren Train Dauern und Landarbeiter, ihre Artillerie die Maschinen, ihre Schützengraben Bergwerke, ihre Forts Fabriken. Mit dieser Armee, deren Reserven er allen Weltteilen entnimmt. hofft der weiße Mensch die Tyrannis der Aatur zu brechen, ihre Kräfte dem Menschengeiste zu unterwerfen und so den Menschen endgültig zu befreien.*) gelte, der Zickzack. Von Anselma Heine. (Fortsetzung.) So verschwand der Fuchs denn eines Tages auS dem Waldtale. Auf dem noch weißen Acker sah man seine Spur. Erst wie eine einzige gerade Linie, dann verdoppelte sie sich. Auf der Ackerwi-sg hatte er Halt gemacht und mit dem Flügel eines erlegten Täuberichs fein Lebewohl an Helte in zierlichen Buchstaben in den *) Die Ausführungen von Eoudenhove-Kalergie sind einem Aufsatz ..Europas technische Weltmission" entnommen. Der Der» K behandelt den Stoff in einem im »Reuen Geist-Verlags, ig, erschienenen Werk »Das technische Zeitalter*' poch eingehender. - 48 — Schnee gefchrieben. Denn er war ern Fuchs, dem an der Meinung der Meistchen lag, und er wollte nicht unhöflich erscheinen. So verlor 3elte seinen Kameraden. 3n derselben Nacht, als es schon gegen Morgen war, wachte Jette auf und wunderte sich, daß er seinen Datec nicht im Bette neben sich fand. Er stand auf, ging hinaus und stieg auf den Bahndamm. Da stand der Bahnwämer hochanfgerichtet und kerzengerade. Schnee lag auf seinem Barte, Schnee auf feiner rotgeran« derten Mütze. Schnee auf seiner Fahne und schneegefültt waren seine toten Augen, in die der Mond hineinschaute. Gerade, wie der Zug Donteerfam, war er gestorben. Traurig ging Gelte nach der Wiese und schaufelte em Grad. La hinein leg e er den toten Körper, Mütze und Fahne gab er dem 'Datei: mit auch die Kleider, die er trug, und seine hohen Stiefel. „Warum tust du das?" schalt die Kuh, die verwundert zusay, du hättest sie gut gebrauchen können, du dummer Zickzack." Gelte aber schüttete das Grab sorgfältig zu und pflanzte Gew- traut und Moos darauf, denn Blumen gab es noch nicht. Danach Jing er im Tale umher, um Abschied zu nehmen, denn nun wollte er in die große Wett reifen. Weg fort." sangen die Lelegraphenstangen. Wir werden dir dn Aeisekleid geben," sagten die Vögel. „du armer Zickzack bist ja halb nackt, sie würden dich auslachen in der großen Wett." Dann flogen sie davon und holten ihre warmen Winternester herbei, daraus zupften und klebten sie in aller Eile ein graubuntes Federgewand für Gelte; das zog er an und war nun feiner und wärmer gekleidet, als wenn er feines toten Vaters Bock getragen hätte. „Wir werden dir Beisesch'chr aus Diumglas geoen, sag e der Wald die Steine in der grvhm Wett würden dir die Fitste 8er- reisten" Da schüttelten die Bäume ihre Sisbehänge, daß es klirrte. In wenigm Augenblicken hatten sie mit Schmelzen und Biegen ein zierliches Schuhwerk zufavne'.rgebrach: für Gelte. Das zog er an und war nun glänzender und glatter beschuht, als wenn er seines toten Vaters hohe Stiefel angezogen hätte. .Ich werde dir einen Hut von Butter geben, sagte die Kuh, „der Sturm der großen Welt würde dir die Locken zausen." Darauf rüttelte sie ein wenig und stampfte im Bttterfaffe, bis sie einen schönen gMen Hut gemacht chttie für Gelte. Den setzte er auf und trat nun weicher und luftiger bedeckt, als wenn er seines toten Vaters rotgeränderte Mütze auf den Kopf gesetzt hätte. .Und nachdem Gelte von Vögeln, Wald und Kuh so prächtig ausgerüstet war, gab er der Kuh den Schlussel zur Futterkiste, die noch halb gefüllt war ?md ging davon, um in die große Welt zu wandern. Gelte war noch nicht lange gegangen, als er an eine Stelle kam, wo der Wald lichter wurde. Ec ging weiter und gelangte zu einer großen, dunkeln Wiese, die am Bande dünn überfroren war. Es war dies aber der tiefe Moorfumpf, den die Waldtiere den Sumpf des Todes nannten, denn wer sich hineinwagte, der versank kläglich tat Schlamme, oder die giftigen Dünste erstickten ihn. Gelte wußte ganz gut, daß es der Sumpf des Todes war. an dem er hinwauLer;e. aber der Anblick der farbigen und glanzenden Welken, die unaufhörlich aus der Mitte der Wiese empor- sti. g n und wie präch ige Wagen gen Himmel fuhren, entzückte ihn dermaßen, daß er, ohne zu überlegen, der Gefahr entgegenlief und er wäre gewiß umgekommen, wenn feine Schuhe von Baumglas ihn nicht so glatt und schnell über die morastigen Spellen der Wiese heimbrrgetragen hätten. So hatte er die gute Hälfte der verrufenen Wiese durchglitten und Land nun vor einem tiefen Graben, in dem schwarzbraunes Wasser floß. Der gute Zickzack hatte die Augen in der Luft und war an den Band der bedrohlichen Tiefe gekommen, als eine MLLchenstimme, die säst klang wie Schwalbengezwitscher, ihn anrief: ..Geh nicht weiter," sagte di» Stimme, „wenn du nur noch einen Schritt machst, so versinkt dir der weiche Wissenboden unter den .Füßen, und du bist verloren." Gelte blieb verwundert stehen, denn er konnte weit und breit keine lebende Kreatur gewahren, nur der Debet, der vom Sumpfe auf flieg, flimmerte und glänzte in herrlichen Farben, die alle wie Gold umsponnen schienen. Als er aber länger hinabblickte, bemerkte er, daß es ein Frauenkleid war, das also goldigbunt durch den Debet schimmerte und er sah nun, daß eine wunderschöne Gung» frau mitten im Sumpfe stand und die weißen Arme angstvoll nach ihm ausgestreckt hielt. Goldfarben war ihr Gesicht, mondhell ihr Haar, das lang und schwer niederschleppte. Als sie sah, Mß Gelte keine Miene machte, weiter zu gehen, ließ sie die Arme sinken. „Wie kommst du hierher?" fragte sie. „Kein Mensch und kein Tier vermag es fonft, über die Wiese zu wandern." Gelte antwortete: „Der Wald schenkte mir Schuhe von Baum- glas, die trugen mich hierher." »And wo willst du hin?" fragte die Gungfrau wieder. Gelte antwortete: „Ich wandre in die große Welt." „Dies ist nicht der rechte Weg nach der großen Welk, armer Zickzack," sagte das Mädchen und sah ihn mitleidig an. „Hier gebt es nach dem Deiche des Ttches." „Was suchst du in der großen 'Wett?" fragte das Mädchen wieder. Gelte antwortete: „Ich suche die Sonne und die Wärme, in der Dosen blühen, And freundliche Menschen suche ich, denn ich bin ganz allein auf der Welt." „Ich will ein wenig zu dir kommen," sag'« das Mädchen. „Ws zum Dande des Grabens darf ich gehen, denn Las ist die Grenze des Sumpfes. Dir aber rühre dich nicht, denn sobald du näher an mich heran trittst, müssen wir beide sterben." Damit raffte sie ihr schimmerndes Gewand auf und kam quer über die Wiese gelaufen, so schnell wie ein Sonnenstrahl. Als sie nun näher herantrat und ihre ganze Gestalt deutlicher wurde, bemertte Gelte, daß ihre kleinen goldbeschuhten Füße keine Spur im Wiefenboden hinterließen; desto seltsamer kam es ihm vor, daß die Spitzen ihrer Haare schlammig waren und daß sie in dem Wintergrün des Sumpfes eine tiefe Spur hinterließen. Als die Gungfrau dicht bei Gelte stand, daß mir noch 6t» Breite des Grabens zwischen ihnen war. streckte sie ihren Ar« auL. „Gib mir deine Hand," sagte sie dabei, „aber rühre dich nicht von deinem Platze." Gelte bog und streckte sich, so gut er konnte, aber weil der Graben breit war, vermochte er nicht, die Hand der Fremden M erfassen. Das belustigte die Gungfrau und ein Lächeln glitt über ihr sunges Gesicht, das vorher traurig gewesen war, wie unter einem schweren Herzeleid. Auch sie bog und strecke sich nach Vermögen und es kam endlich so weit, daß ihre Fingerspitzen eins ander berühren könn en. Kaum hatte aber Gälte deS Mädchens Fingerspitzen angerührt. als er eine gr.-ß» Wärme durch fein Herz fließen fühlte, wie er sie nie zuvor empfunden hatte. Ohne zu sprechen, gingen mm die beiden eine große Weile lang an den Äsern des Grabens umher. Sie hielten sich immer in der gleichen Entfernung von einander, als fürchteten sie, sich zu verlieren. Und wie sie fo behutsam, mit erhobenen Armen, die Hände anein- andergelegt, dahinschrltten, sah es aus tote ein feierlicher Tan», Cen die beiden in großer Einfamkdt, zwischen Moor und Nebel mttfammen ausführten. „Wie heißest du?" fragte Gelte. „Lkch heiße Gulla," antwortete das Mädchen, „und bin eine Tochter der Sonne." ... Sette sah in ihre Augen, die goldgesprenkelt waren, wie ein Morgenyrmmel zur Sommerszeit. „Warum.wohnst du nicht bei dem^ Mutter?" fragte er, „warum bist du hier in diesem nebligen Sumpfe gefangen T ©ulla sah ihn traurig an, dann antwortete sie: „Als ich noch bei meiner Mutter wohnte, habe ich mich im Lachen zu welk über den Band des Himmelsgartens gebeugt, dabei bin ich herabgestürzt und in diesen Sumpf gefallen." „Aber kannst du nicht wieder herauskommen aus dem Sumpfe?" „Dicht, ehe mein Haar getrocknet ist. Siehst du nicht, wie es mich herabzerrt? Ist es aber getrocknet, so schnellt es empor und ich bin erlöst." „Warum aber kommt nicht die Sonne, deine Mutter, und trocknet dein Haar?" „Die Sonne hat keine Macht über den Sumpf des Tode»." „And der Wind, der über die Wiese streicht, kommt er nicht, dein Haar zu trocknen?" „Der Wind bringt nicht ein in meinen Debet" Während sie fo redeten, bog Gulla ihren feinen Hals ein wenigs so daß eine Strähne Ihres langen Haares zu Gelte hinüberfiel. Gelte streckte seine Hand ans und begann mit großem Eifer dl« blassen, feuchten Haare zu reiben und zu wärmen und es wollt« ihm scheinen, als ob sie strahlender würden und goldener unter der Arbeit fei-ter beiden warmen Hände. Gutta hielt stille und ihre Lippen lächek'en ein wenig in schüchterner Freude oder Hoffnung. Der gute Gelte aber sah nicht auf von feinem Geschäfte, sondern sag'« nur ein paarmal unter feinem eifrigen Wärmen und Beiben, während ihm das ganze Herz in der Brust zitterte vor Wärme: „Was bin ich doch für ein unnützer, armer Zickzack, daß ich dir nicht helfen kann." Gulla sah ihm lange nachdenklich und ein wenig schalkhaft auf das gesenkte Haupt, dessen dicke, goldene Locken unter dem Hute von Butter hervorquollen. „Wohl kannst du mir helfen, Gelte," sagte sie dann, „dentz nun sollst du wissen, daß es ein Feuer gibt, das mein Haar zu trocknen und mich aus dem Sumpfe zu lösen vermag." Dabet blickte sie recht holdselig auf Gelte, als meine sie, er wäre es, der ihr dieses Feuer bringen könne. Anter diesem Blicke spürte Gelte, wie in feinem Herzen die Wärme immer größer wurde. Er trachtete aber seine Gedanke« zu sammeln, damit er desto besser über Gullas Worte nächst«- nen und zu ihrem Wohle handeln könnte. „Wenn es dn solches Feuer gibt, wie das, von dem du sprichst." sagte er endlich bedächtig, „so war es gut, daß ich mich auf« (lemacht habe, In die große Welt zu gehen, denn nun werde ich o lange wandern, bis ich gefunden habe, was du brawdßft“ (Fortsetzung folgt) Schriftleitung: Dr. Friede. Mich. Lange. — Druck und V«kaa bet Brühl'fchen Univ.-Buck- und Steindruckerd. B. Lange, «Meßt»