Giehener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1924 Dienstag, den 2\. Oktober Kummer §6 sblumen, Lenzlicher Herbst. Von Robert Botz Hardt*). Als sich das Herz voll tiefer Ahnung schon Vor Winters rost verschlossen, Da blauten aus dem weiten Himmelskelch Roch wundervolle traumverhangene Tage. Aus allen Wiesen lachten Frühling!'" Gelbe und weihe, wo der Blick sich senkte. Durch die entlaubten Bäume ging ein Dehnen, So srühlingsübervvll und schmerzenselig. Da muhte auch das arme Herz sich öffnen, Und alles was dereinst im Lenz erblühn Und auferstehen, lachen, weinen sollte, Brach auf an einem blauen Spätherbst morgen: Blühte, — blühte seliger und wilder auf Als Frühlingsjauchzen weißer Dlütentage — Die Seele schluchzte ihre Sehnsucht hin ... Das war ein Lenz, den Wunden ganz geweiht. — Still starb er hin in einen weihen Mond. Nebelgespräche. Bon Carl Ferdinands**). Mein Freund und ich hatten den schönen Herbstmorgen benutzt, in Godesberg unser Boot in den Rhein geschoben und waren stromaufwärts gerudert. Man muhte ihn bewundern, wie er die Ruder führte, ruhig nnd sicher, strahlend von innerer Kraft. Wir sprachen wenig und liehen unsere Augen über das in allen Farben des Herbstes jubelnde Siebengebirge schweifen. Mein Begleiter, kurz nach Beendigung seiner Universitätsstudien schon ein führender Meister in seinem Fach, der glückliche Gatte einer stillen nordischen Schönheit, hatte diese paar Feiertage mit mir zusammen am Rhein verleben wollen, um alte Zeiten und Erinnerungen aufzufrischen. Wie sich die Berge und Täler vorbeischoben, hier ein Dorf, da ein fröhliches Gasthaus auftauchte, begannen unsere Rufe: „Weiht du noch?" „Erinnerst km dich noch?" und jeder Ruf erweckte heitere Bilder vergangener Tage: Studienfahrten, ein köstlicher, jetzt längst ausgetrunkener Jahrgang, Lippen, die küssen konnten. Mein Freund ruderte scharf, er steuerte sichtbarlich nach einer bestimmten Stelle, der Rordspitze der Insel, Grafenwerth, dem Drachenfels gegenüber. Rhöndorf lag vor uns. Da begann, zugleich mit der wärmer auf das Wasser scheinenden Sonne, aus der Flut ein.leichter Dunst zu steigen, das fahle Blau der Morgenfrühe trübte sich, ein ganz leiser, regelmäßiger Wind trieb das Fluhtal hinunter einen Watteweihen Dunst, der von Sekunde zu Sekunde dichter wurde. Schon lagen die Westerwaldhöhen hinter *) Der junge Schweizer, der hier zu Wort kommt, hat Proben einer tiefen, wunderbar ausgeglichenen Lyrik von stark verinnerlichter Raturbetrachtung und Raturerkenntnis und erstaunlicher Musikalität in Form und Rhythmus unter dem Titel „Singender Brunnen" zu einem schönen Gedichtbande vereinigt, dem der Wolkenwanderer-Verlag in Leipzig in einer an- schmiegenden Farbenshmphonie von Grau und Grün ein stimmungsvolles Gewand gab. Die technische Ausstattung macht auch diesen schmalen Band wie alle Werke des Verlages zu einem Juwel für jeden Bücherfreund. **)iXnfer geschätzter Mitarbeiter Carl Ferdinands feiert am 20. Oktober seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlasse möchten wir hier eine seiner kurzen, feingestimmten Erzählungen zum Abdruck bringen. Ferdinands ist Bonner, als Schüler und Student seiner Vaterstadt hat er all die zarten und wuchtigen Bilder rheinischer Landschaft in sich ausgenommen, die er nicht müde wird zu schildern. Wie sein berühmter Vorgänger, der Strubbelpeter-Hoff- mann, hat er sich die Jrrenheilkunde als Beruf gewählt, ist aber zugleich Verfasser zahlreicher bekannter Kinderlieber (Bilderbücher bei Hegel und Schade und Alfred Hahn) und Jugenderzählungen wie „Die Psahlburg", „Der Sieg des Hein Hammerfchlag", „Die Höhlenbären", die meist hohe Auflagen erlebten. In seinen Erzählungen für Erwachsene liebt er, der seit 25 Jahren Arzt der größten Berliner Anstalt ist, knappe Kürze und starke landschaftliche Stimmung. Eines seiner Lieder „Alle Tage ist kein Sonntag" ist so sehr Volkslied geworden, dah fast niemand mehr weih, dah der Verfasser dieser herzhaften Strophen, an denen übrigens das Volk schon fleißig weiterdichtet, Carl Ferdinands ist. einem grünen Schleier, schon war die Tiefe des Rhöndorfer Tales versunken, Licker kam es aus dem Fluh hoch, schnell wie eine Verwandlung auf offener Bühne. Run verbargen sich schon die Uferbäume, der steilaufgetürmte Lrachytklotz des Drachenfelsen ragte nur noch wie ein eintönig graues Ungetüm von wesenlosen Formen über den treibenden Dmrrpf. Als unser Kiel zwischen zwei Bühnen der Insel in dem angeschwemmten feinen Sand auf- lief, waren kaum noch die nächsten, gelb getönten Weiden zu sehen, so dicht, so überraschend schnell, so allmächtig hatte der Herbst- nebel alles verhüllt. Und wob uns nun ein in eine trauliche Stalle. Während wir mit Hilfe der Dootskissen uns Sitze errichteten, kalte Küche und eine Flasche Oppenheimer Kehr auf ein Luch zum Frühstück ausbreiteten, begann das geheimnisvolle Leben des rheinischen Rebelmorgens. Wie es sich erllärt, weih ich nicht, aber Tatsache ist, dah an solchen Tagen die spiegelglatte Fläche Les Wassers den Schall wie mit einem Sprachrohr verstärkt und weiter trägt als sonst. Wer fein hören kann, wird sich wundern, wie er aus der weihen Wand hinaus, über den Rhein hin, Stimmen und 'Gespräche mit seltsamer Deutlichkeit vernimmt, die am anderen Ufer geführt werden. Jeder Laut, das Rattern eines Wagens, das Arbeiten von Fischern in ihrem Kahn, das Hämmern von Handwerkern am Ufer, wird, wenn es nur dicht über der Wasserfläche seinen Ursprung hat, an gewissen Tagen wie mit der Deutlichkeit eines Telephvnes weitergeleitet, und es hat einen bestrickenden Reiz, diesem Gewirr von. Hundebellen, melodischen Schifferrufen und allerhand anderen Alltagsllängen zu lauschen, die wie aus einer anderen Welt durch das stille ruhende Meer von milchweihem Rebel tönen. So sahen wir auch diesmal und horchten, das Klopfen eines fleißigen Spechtes in den alten Weiden, die drüben am Honnefer Ufer hinter der grauen Dunstmauer Uferwacht halten, das Schnurren eines Autos, ein Schaf, Las unentwegt blökte. Und nun ein Hundebellen, nervös abgehackt, zwanzigmal hintereinander, dann als Schluh ein fast musikalisches Heulen, als wenn ein Hund versucht, beim Geigenspiel mitzusingen. Mir war es weiter nicht aufgefallen. aber mein Freund hatte einen andächtig rührenden Ausdruck bekommen und horchte auf Las Hundegebell wie auf ein vertrautes Lied. „Hörst Lu, das ist der Stropp!" Ich lachte: „Willst du etwa behaupten, daß du dies Hundetiev an seinem Singsang erkennst?" „Ja, das 'will ich," sagte er, fast ernst. „Ich bin nämlich mit voller Absicht an diese Stelle gefahren, um hier noch einmal, wenn auch nur in leisem Rachklang, die Stimmung meiner Aachtigallen- zeit zu genießen. Ich dachte, das wuhtest du, daß ich in meinem ersten Semester die schlanke Herrin dieses Bellens da drüben so liebte, wie man nur in der Rachtigallenzeit lieben kann." Ich schüttelte mir leise mit dem Kopf, um anzudeuten, Latz ich nie etwas davon gehört hätte und um seine Erinnerung zu ehren. Da fuhr er, nachdem wir den edlen Oppenheimer Kahr in Len Gläsern hatten klingen lassen, vvrsichttg, suchend, stockend für einen so sicheren Hochschullehrer, fort: „Ramen sind- Land. Wir hatten uns auf einer der vielen, akademischen Veranstaltungen kennengelernt und schwärmten nun einen Sommer lang rheinische Schönheit an; ich war als Student ganz ungebunden, sie. als Lvchter eines wohlhabenden Hauses, in meinem Alter, dabei wohl auch etwas verschlagen und klug, wußte ihren Eltern tausend Ausreden zu sagen, um mich zu treffen. Sie besah einen schmucken Kahn, Len sie allein zu führen Pflegte; ich, der ich schon vorher in Düsseldorf eifriger Ruderer gewesen war, mietete mich für den Rest des Semesters und die großen Ferien in Mehlem, auf dem linken Ufer, ihrem Besitztum gegenüber, ein. Wir hatten Lichtersignale, auch allerhand Zeichen für Len Tag, und oft kam es vor, Latz ich auf dem Balkon meiner Stube sah und über den Rhein schaute, in die Dunkelheit und in kHs Spiel der Lichter auf den Wellen und herzklvpfend wartete, bis* das Licht an dem bewußten Fenster viermal aufflammte; dann ging es unter dem Schutze der Rächt mit dem Kahn los und bald trafen sich, meist hier unter feen Weiden, die beiden Nachen und hielten Zwiesprache miteinander. Gott, und eigentlich so harmlos, so harmlos! Aber war nicht ein Kuh und ein glühendes Wort schon ein Glück für ganze Tagei Lieschen hatte, als ich vorschlug, bei ihren Eltern Besuch zu machen, fast zornig den dicken, blonden Zopf über die Schulter geworfen und* sich das verbeten; gerade, dah ich nicht bekannt sei. sei der Witz und der Späh der Sache, im Augenblick, da ich Besuch gemacht hätte, sei alles vorbei. Schön, ich fügte mich, begann aber, — 182 — fcÄ« ,TÄÄ 5 "**51"SÄ*I« =*n und n>t,4: ,t «» recht! Geht immerhin gut! Aber Zum richtigen Gluck fehlt noch qar vieles! Denn an Wünschen mangelt es mir niemals. Und der Herr wandte sich zum Gehen ~SSwr 016 er Jakobus fragte geschwind: „Habe ich Vollmacht, Herr । " < e 5>err xur Antwort: „Vollmacht, Jakobus! Kehrte Jakobus schleunig um und in das Haus zuruck und fnntc.. nvein Lieber du bist gut zu uns gewesen und ich wünsche I 9 ’m’rürf Ollso sollen deine Wünsch? erfüllt sein samt und fan* Ls und soN keiner übL bleibem kraft der Vollmacht, die mir 6eL' S aSTeTsS nach Jahresfrist wieder des, Weges kam, | J; Aäusckens des Bauern Herbelind IN Enten- blL’ftT’trat itJbie Dür^und gedachten Sie Jünger dort einen Gluck- W zu sinL schien ihE aber alsbald, als wäre der Baue« weit vom MuLso^ un& fagte: „Sollte es dir fehlen, mein Lieber? Und sind deine Wünsche nicht in Erfüllung gegangen, soviel« dir tai@mSnfwr verdrießlich und machte sich an der Leben, da es nichts mehr zu wünschen gibt WE es wäre row ’SSÄä ÄÄ »» I lächelte wehmütig. Glück. Legende von Max Dürr. Es ist überliefert daß einstmals der Herr Jesus wieder aus ErL^g und war niemand bei ihm als seine getreuen Junger Met'ms un& Jakobus. Er kam aber bei seiner Wanderung auch durch das deutsche Land und hatte sein Wohlgefallen an ihm da erfcie blühenden Fluren sah, die reichen Felder die grünen Waloer und die sanften Hügel, die in blauer üerne verschwanden. Und da und dort kehrte er ein, sprach mit den Menscyen, erkundete ihr« Sllten und Gebräuche, ihr Leben und Tun; und zuweilen ging ein Lächeln Über sein ernstes Gesicht, zuw?ilen s4uttelte er bedenklich das Haupt, doch endlich verstummte ^nd ging in nachden^ sichern Schweigen seines Weges, seufzte auch etliche Male ein klein Aber Petrus und Jakobus, die hinter ihm gingen und tags» über sorgsE seinen Worten und Lehren gelauscht 6erten sich, und endlich hielt es Petrus nicht mehr langer aus faßte Mut und Hub an: „Wir sehen Herr daß du stille geworden bist, und es scheint uns, als wärest du^bekümmert da.doch»das Land gesegnet ist und ist in guter Ordnung. Also gefallen Sir 6iefe Leute nicht? Oder sag uns, was deine Gedanken sind? Sagte der Herr: „Die Menschen hierzulande gefallen mir leidlich denn sie sind auch nicht schlimmer, als anderswo, oder manch- 5U 6,er cherr Jesus ernsthaft in das Gesicht und erwiderte: „Also wäre der Fehler bei mir? Eile, Petrus, ich ge SS->».i« 8en’ Krahte^sich der Bauer verlegen hinter dein Ohr, und sein Weib, LMLKdZKML wünfckt! Alsdann wären wir vollkommen glücklich. ,Petrms?"sagte der Herr, und schweigend ging er die Straße mal noch besser. Aber wenn ihr seid» aufmerksam geweM ft saget mir ob ihr in diesem schönen Lande einen unter den Menschen ge» gewesen wäre? Sehet, meine Getreuen, das macht, daß ich seufzte." Erwiderte Petrus und schüttelte den Kopf: „Sollte es so chwer sein in deutschen Gauen einen Glücklichen zu finden? Und so»wir ihn'nicht fänden, wäre es dem Herrn Jesuil eiri Schweres, diesen oder jenen, der es verdiente, glücklich zu machen? -stm-iifior fächeTte der Herr bekümmert und sagte: „Petrus, es ist ÄÄ Ä M Jakobus: „Lasset uns die Probe machen, was wir vermögen. , , , < Ollso kamen sie am späten Abend wieder in em Dors und luden sich zu Gaste im letzten Hause, das an der K faa wurden freundlich ausgenommen und ehrlich bewirtet, so rote e/bie Leute verstanden. Da sie aber Abschied nahmen dankte der «äen- und im Gehen fragte er den Hauswirt, der bescheiden mit feinem Weibe den Gästen zur Türe das Geleite gab: „Sag mir auf richtig, mein Freund, bist du glücklich. , . Dock der Mann lachte verlegen und wußte nicht Ja oder Nein, aber dÄ LZEs hurtiger mit der Znnge war.^ wvrtete an (Ktntt- O Sterr es geht uns gut und Gott Vater yar uns | f. Kinder gesegnet Wären wir auch vollkommen gluck- llck ab« siehe da ist In Aeckerlein, eines unserer besten, und M dieses Aeckerlein ragt des Nachbars Feld nut einem Sprckel herein, wäre sonst alles abgerundet und ein fch°n-s Anwesen Schon oft haben wir den Nachbar angegangen, er-soll uns dieftn Äi^ÄÄÄw E?de zeitlebens, daß wir nicht I können froh und glücklich werden. I Und der Herr ging schweigend vonHannen Wunderten sich die Junger, und Petrus frag^. „Herr warum tatst du's nicht? Es wäre dir doch ein leichtes gewesen, M-M-WWSZ tis Schluß das melodische Singen und Heu en Wie^schlu^ mit sonore Männerstimme: „-W, Fräulein Liese, w hin ^W wieder Ihren Mondscheiniungling treffen »um uieom I sentimentale Litaneien nicht recht Ge s , fagte, | nie vergessen, und» sel sam diesen^Menschen, ^oas^g^ ÄS«’ss WWW hb;SS»» ä «ÄX« SUMISIW« °d-° "«i «t»= »«., m» ® auf fr® WM M t «Ich,. sind fSJÄSW der Tn« s° toar. °->X« XL LdW"Ä i®*"; le§t nur. weil ich bald deutlich empfand, daß die unvergleichliche Nachtigallenzeit nun vorbei fei." , , - & Ottein fiteunb schwieg, die Sonne hatte den tc«>ei roieoer nieLergekänwft das herbstrote Siebengebirge stand schon wredm mit seinen kühnen lebenssicheren Linien über dem Dampf, der noch L Nhän aüfstieg. Und wir schauten ins Land und schwiegen. 183 9m Palast des Sultans von Djakjakarta. Don John Freeman. In rascher Fahrt trug der Zug mich durch das Hochland Javas. Ringsum Vulkane, einzelne rauchen, so der Brome. In der Tiefe liegen die dunkelgrünen Wälder, die alles Getier der Tropen bergen, liegen Kaffee-, Tabak-, Kokosplantagen; Flüsse schlängeln sich weißschäumend, wie silberne Bänder, durch die Täler, Reisfelder ziehen sich terrassenförmig die Abhänge hinan, Angeheure Tempel steigen auf aus grünem Hain. And- über dem allem ein Meer von Licht, von Sonne, von brennender Glut. In Djakjakarta ist die Fahrt zu Ende. Ein herrlicher Ort, eine Gartenstadt, von breitesten Pfaden durchzogen, daran leicht- g «baute, weiß schimmernde Bungalows stehen. Tamarinden, Chinabäume, Feigenbäume beschatten den Weg. Hier und da eine schlanke Palme. Sanfte, stille Menschen wandeln lautlos durch den Staub, der auf den Wegen dieser Stadt liegt. Da Djakjakarta hoch liegt, ist die Temperatur hier erträglich. Der holländische Statthalter der Provinz Minahassa auf Celebes, der Resident, hatte mir ein Empfehlungsschreiben an Len Sultan von Djakjakarta ein- gehändigt, und so betrat ich den Palast. Den Palast? Rein, ich betrat zuerst einmal den Zuweg. Ich sah mich dann vor einem offenen Tor stehen, welches durch eine dicke, hohe Mauer von fast unabsehbarer Länge in die Palastgärten führt. An diesem Tor stand ein javanischer Wächter. Rachdem ich ihm auf Malaiisch deutlich gemacht, weshalb ich hierher gekommen, liest er mich stumm passieren. Run sah ich mich drinnen, als ich vor einer zweiten Mauer stand, ähnlich der, welche ich soeben zurückgelassen. Auf dem Grasstreisen zwischen beiden weißen Mauern wuchsen hier und da exotische Bäume, grohe, leuchtendrvte Blumen. In dieser zweiten Mauer erblickte ich kein Tor. Bereits war ich im Begriff, zu dem Wächter draußen zurückzukehren, als ich fern oben an der zweiten Mauer einen Eingeborenen auftauchen sah, der dort offenbar aus einer Oeffnung, einem Tor, zum Vorschein gekommen war. So ging ich dann dorthin und fand in der Tat einen Zugang, gleich dem, den ich ein« Viertelstunde zuvor passiert. Auch hier stand ein Wächter, And wieder stand ich vor einer Mauer, der dritten, und sah keine Tür. Ich ging und ging, denn ich wußte, dast ich in einem labyrinthisch angelegten Palastgebiet war. So kam ich dann an diesem Dormittag durch neun Tore, welche in bedeutendem Abstand voneinander die Mauern durchbrachen, And an jedem Tor ein bunt- gekleideter, brauner Javaner als Wächter. Ein Weg dieser Art ermüdet mehr denn irgend ein anderer, weil man nicht weih, wie lange dies alles noch dauern kann, weil es auherdem langweilig ist, zwischen zwei Mauern, kaum acht Meter voneinander getrennt, dahinzuwandern. Es ist so schlimm, wie — zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Und dennoch beflügelte der Gedanke in einem ostindi- schen Labyrinth, auf dem Wege zu dem Groh-mächtigen von Ostjava zu sein, meine Schritte. Hatten nicht unzählige andere diesen Weg vor mir gemacht? Endlich, endlich hatte ich auch die letzte Mauer hinter mir und vor mir öffnete sich freies Gartenland. Als ich nur einig« Schritte getan hatte, stand da einer der Palastsoldaten am Wege. Er machte ein Zeichen des Grußes, dann wies er mich mit orientalisch stoischer Miene auf den überwölbten Eingang zu einem unterirdischen Gemach. Ich verstand und schritt die steinernen Stufen hinab, begleitet von einem hier hockenden javanischen Wächter, welcher alsbald eine Fackel anzündete. Tiefer und tiefer führte die steinerne Treppe abwärts, bis wir zuletzt auf eineil breiten, unterirdischen Gang gelangten. Das ungewisse Licht der Fackel irrte gespenstisch über die harten Wände dahin. Dann, nach einer Wanderung die mir endlos schien, erblickte ich mehrere hölzerne Falltüren in der Wand. Auf meine Frage erklärte mir der Javane, diese Türen wurden in ehemaligen Zeiten ven Kampf und Gefahr heraufgezogen, wenn die Feinde in den Palastgang gedrungen waren. Dann stürzten die Wasser des nahen Flusses hervor, und alle, die hier unten waren, ertranken. Weiter gings. Die Schritte des barfüßigen Jnselsohnes waren unhörbar, meine eigene näber hallten wider von den starken Wänden. Wie kühl es hier unten war! Eine wundervolle Eidechse huschte vorüber. „'Wie heißt du?" fragte ich den Fackelträger, denn'ich fing an, lebhaftes Interesse an ihm zu nehmen. „Ich. Herr? Ich bin der Sohn Mohammed Alis, des Gewürz- Händlers an der Tempelstraße nach Boro Budur, und ich heiße Siddin." „Hast du Frau und Kinder?" fragte ich nun. „Gewiß, Herr, dein Diener hat ein Weib. Sie heißt Ahessa. Sie ist zwölf Jahre alt. Ich habe einen Sohn, der vor zwölf Monden geboren wurde, und den Ayessa mir schenkte." Hin Vampir flatterte erschreckt auf. Offenbar 'hatte der blut- grerige Sauger, im Schlaf an der Decke hängend, die Laute vernommen. Vielleicht auch hatte das Licht sein schwaches Auge getroffen, doch das glaube ich nicht. „And du lebst nun in deiner Hütte, hier in Len Palastgärten, mit deinem Weib, deinem Sohn, und bist glücklich?" „Ich bin zufrieden, Herr. Wer ist glücklich, o Fremdling? And wer es zu sein glaubt, der kann es nicht lange sein, je mehr Glück er fühlt, um so rascher sucht das Anglück seinen Weg zu ihm!" »Mag sein, Siddin," „Ich freue mich an meinem Weib, sie arbeitet auf dem Felde, sie pflückt den Kaffee, wenn er reif geworden, sie ist meine Sklavin und die Mutter meines Sohnes." Der Javane, mich beim rötlichen Fackelschein anblickend, lächelte ein wenig und- ich sah seine vom Sirikauen schwarzen Zähne. Diese Menschen von Jnsulinde glauben, schwarze Zähne seien eine besondere Schönheit, und daher kauen sie den Betel, den sie auf Java Siri nennen. Run stiegen wir eine Treppe hinan. Stufen und Stufen, und es dünkten mir weit mehr zu fein als jene, die ich hinabstieg. Ich war froh, diesen Tunnel hinter mir zu haben. Da wurde es hell vom Tageslicht. Der andere steckte die schwelende Fackel in eine be-> reitstehendes Gefäß mit Wasser, danach legte er den Lichtspender in eine Rinne. Voll schien das heiße Licht der Sonne auf unsere Wangen. Ich sah mich auf hohem Wall und- blickte hinab auf weite Blumengärten, auf kleine Baumpflanzungen, oasenhaft. Aeberall überragten die hohen Palmen die Hütten hier und da. Braune Menschen wandelten über verschlungene Pfade. Wir stiegen nun über eine schmale Steintreppe den Wall hinab, gingen an den Hütten vorüber und standen plötzlich vor einem viereckigen, von einem gemauerten Rand eingefaßten Wasserbassin. In der Mitte dieses Bassins von bemerkenswertem Amfang stand aus einer kleinen Insel ein Pavillon. An einer in die Bassinmauer eingelassenen Treppe aber lag ein unbewegtes Boot von ostindischer Bauart. Ohne Zweifel war dieses Fahrzeug für die Aeberfahrt nach dem Pavillon bestimmt. Der gute Mann an meiner Seite berichtete mir, der Sultan bade hier. Aber auch seine vielen Haremsweiber und seine zahlreichen Kinder nähmen hier ihre Bäder, indes der Sultan dort im Pavillon auf weichem Lager ungesehen von seinen Mitmenschen dem lustigen Treiben der Badenden zuschaue. And nun standen vor dem Palast vor der Terrasse zwei Elefanten von grauer Farbe, ein Geschenk des Sultans von Atjeh an den Radscha von Djakjakarta. Bei unserem Rahen erhoben die Kolosse Den Rüssel und stießen einen weithin schallenden, trom- petenartigen Ton aus. Alsbald stürzen an fünfzig Javaner aus dem Palast herzu, sie werfen sich zu Boden und drücken die dunlle Stirn auf die kühlen Steine der weiten Terrasse. Es ist wie im Märchen. Alles gleicht einem Film. Ein „Oberdiener" geleitet mich in die weite Halle, darin an den mit bunten indischen Stoffen behangenen Wänden die Wonvtrvmvs, die Vasallen knien, in der Rechten das geflammte Schwert, indes der linke Arm den Klewang, den aus bunt bemaltem Leder angefertigten Schild hält. Im Hintergrund aber, hinter vielfarbigen Perlschnüren, sitzt der Sultan auf reichgeschmücktem Thron. Welch seltsame Atmosphäre in diesem von gedämpftem Licht erfüllten Raum. Märchenland Indien! Ich hatte das Glück gehabt, gerade zu einem Zeitpunkt in den Palast zu kommen, da der Radscha eine Versammlung seiner Anter- fürsten einberufen hatte. Der Anblick dieses wundervollen Schauspiels nötigte mir ein Lächeln ab, denn ungeachtet all des Ernstes der Versainmelten wußte ich nur zu gut, daß diese Fürstenherrlichkeit nahezu nichts denn eine theatralische Draperie ist, weil eben die niederländische Regierung alle Gewalt in Händen hat und den Eingeborenen das altgewohnte Schauspiel der würdevollen Versammlungen, den Pomp des orientalischen Hofes gern gewährt, um dadurch unter den Eingeborenen ihrer Besitzungen eine größere Ruhe zu erreichen. Rahezu eine Stunde harrte ich auf das Ende der Zeremonie, während welcher bald dieser bald jener Basall seine Aeuherungen in murmelndem Tone machte. Dann eine Bewegung in der'Menge. Die Aussprache ist beendet. Ich trete an den Thron heran und übergebe dem mir Zu- nächststehenden mein Schreiben. Der Sultan liest es. Die Perlenschnüre werden zur Seite geschlagen und ich blicke in ein festes, stark gepudertes und geschminktes Gesicht. Die Augenbrauen dieses Mannes von etwa 50 Jahren sind ungewöhnlich stark mit Tusche bestrichen. Eine Kruste liegt darauf. Der Sultan fragt mich in malaiischer, weil mir geläufiger Sprache, nach meiner Heimat, uM er spricht mit Bewunderung von dem tapferen Volke fern imAberwr lande. Rur kurze, doch freundliche Worte spricht der orientalische Fürst. Ein Lichtstrahl der Rachmittagssvnne fällt durch das bunte Fenster auf seine etwas schwammigen Züge. Die Audienz ist beendet, nachdem mir der Sultan eine glückliche Weiterreise gewünscht und mich bittet, die ferne Heimat zu grüßen, wenn ich eines Tages in der Zeitung berichten würde. Auf weit schnellerem Wege als ich hineingelangt in dieses Labyrinth, kam ich, geleitet von einem Diener, ins Freie. > Karrel und sein Freund. Don CharlotteRiese. (Fortsetzung.) Er wußte, daß sein Chef mit solchen Dingen nicht belästigt werden wollte, wenn er große Anternehmungen im Kopfe hatte. Lieber würde er ihm einen neuen Anzug geben, als von einem gestohlenen hören. Man war großartig bei Schmidt & Wolf geworden, ein Anzug Mehr od-er weniger spielte keine Rolle. Also blieb Karrel vorläufig nichts andres übrig, als in dem feinen schwarzen Anzug nach Hause zu gehen und- sich eine -Unter* suchung des Diebstahls für morgen aufzusparen. 184 — Im Grunde genommen ärgerte ihn nicht so sehr der Verlust, als Last ihm dafür ein so schlechter Anzug hingehängt worden war. Qtor dem Weggehen faßte er ihn mit spitzen Fingern an und warf ihn in ein kleines Verlies, wo eigentlich nur Abfallumpen auf- bewahrt wurden, die ein alter Jude gelegentlich abholte. Er freute sich ihn los zu sein, und wollte den ganzen Abend nicht mehr an die Geschichte denken. Seine Gedanken wanderten zu der armen kleinen Frau, zu dem Kinde. Wie konnte Guschi sich doch so schlecht benehmen! And wieder mußte er an seinen Jugendfreund denken, an die Spiele, die sie ehemals gemeinsam gespielt hatten, an das Keidedorf, in dem sie lustig und froh gewesen waren. Die ganze Kindheit hatte für ihn einen goldnen Schein. Er dachte nicht oft an sie, weil er dazu keine Zeit hatte; aber wenn die Erinnerung einmal über ihn kam, dann vergoldete sie ihm alles. Auch Guschi, der im Grunde genommen niemals viel getaugt und den Bauernfungen immer nur als Spielgefährten genommen hatte, wenn er sonst niemand anders fand. Karrel war spät und müde aus dem Geschäft gekommen. Er aß hastig und ging dann lange spazieren. Wie kam es doch, daß Linchen gleich Guschi geheiratet hatte? Wie kam es doch, daß sie ihn so ganz vergessen zu haben schien? Er wurde so traurig, daß er endlich in eine Vierhalle ging, einige Seidel hinabstürzte und dann mit schweren Schritten seine Wohnung aufsuchte. Er war sonst immer mäßig und konnte nichts vertragen. Heute muhte er einmal trinken und seine Gedanken betäuben. In seinem Zimmer angekvmmen, warf er sich aufs Dett und schlief gleich ein. Dann fuhr er mit einem Schreck in die Höhe. Ts war heller Sag, und vor seinem Bett stand ein Schwarz gekleideter Mann, der ihn mit einem sonderbaren Lächeln betrachtete. „Haben Sie gestern nicht etwas verloren?" fragte er, und ehe Karrel sich auf eine Antwort besinnen konnte, legte er ihm seinen gestohlenen Rock auf die Bettdecke. Hastig griff Karrel danach „Vielen Dank!" sagte er, noch Halb schlaftrunken. Der andre aber lächelte noch mehr. „Kleiden Sie sich an und folgen Sie mir!" sagte er dann in scharfem Sone. Als Karrel ihn fragend betrachtete, zeigte er ein Blechschild. „Ich bin Kriminalbeamter und verhafte Sie hiermit!" Was dann kam, war wie ein schrecklicher Traum. Karrel muhte sich ankleiden und mit dem Manne sahren, der auf keine Frage antwortete. Als beide in eine vor dem Hause haltende Droschke stiegen, stand eine kleine Menschenansammlung herum, die, als sie Karrel sah, in laute Verwünschungen ausbrach. Aber zwei Konstabler hielten sie zurück, sonst wäre sie bis an den Wagen gegangen, um Karrel zu mißhandeln. „Was war geschehen?" Wieder fragte Karrel, aber der Beamte schüttelte nur den Kopf. „Sie wissen's ja selbst, wir wollen nicht darüber sprechen!" Die Sonne schien hell in den Straßen. Ein Strahl lieh einen blutroten Zettel aufleuchten, der an einer Hausecke hing. „Sausend Mark Belohnung!" stand dort zu lesen, aber der Wagen fuhr so schnell daß Karrel nichts mehr sah. Er war auch noch immer wie betäubt, und sein Kopf schmerzte ihn. Dann hielt der Wagen vorm Stadthause; der Beamte faßte Karrel fest ans Handgelenk und führte ihn in ein Zimmer, in dem «in Herr mit scharfem Gesicht un& funkelnden Augen saß. Auf dem Sische lag ein vollständiger Anzug, und er mußte wieder sagen, daß er ihm gehöre. Er hatte Blutspritzen an verschiedenen Stellen; und dann kam's allmählich heraus, daß Karrel jemanden ermordet haben sollte. Als der junge Mann dies hörte, lachte er beinahe; aber der strenge Herr warf ihm einen vernichtenden Blick zu, und als der andre nur immer lächelnd den Kopf schüttelte, gab er einen halblauten Befehl. Wieder mutzte Karrel in eine Droschke steigen, diesmal aber mit gebundenen Händen, und dann stand er plötzlich in Sante Ma- renkas Zimmer und sah sie tot in ihrem Blute vor dem offenen, Geldschrank liegen. Sie hatte ein verzerrtes Gesicht und zornig geballte Hände. " „Schulte, angesichts dieser Seien, deren Blut zum Himmel schreit, gestehen Sie, daß Sie sie ermordet haben!" Es war der Antersuchungsrichter, der so mit ihm redete. Seine Kollegen nannten ihn den „Siger", weil er aus den Verbrechern die Geständnisse herauspretzte und für die härtesten Strafen war. Er war nicht böse; nur ein wenig gefühllos war er geworden in dem langen Verkehr mit Verbrechern. Streng sprach er mit Karrel. Seine Schuld war erwiesen. In diesem mit Blut befleckten Anzug Hatte Karrel sein Eigentum erkannt, und dieser Anzug war heute morgen, in ein Bündel gerollt, an der Straßenecke gefunden worben. Sante Marenka hatte viel Geld gehabt, und Karrel hatte es gewußt, weil er öfters die Bücher für die Gemordete geführt Hatte. Ävch mehr redete der Herr, und Karrel verstand ihn nicht. Er sollte seine Sante, die Frau seines Onkels, ermordet haben? Das war ja unglaublich, und er wurde fast wütend, so daß ihn der Konstabler fest ans Handgelenk packen und ihm eine eiserne Fessel an- legen mutzte, sonst wäre er aus den Richter losgegangen. Mit erregter Stimme berichtete er, was er gestern getrieben und wo er j gewesen war. Immer im Geschäft, bis auf den Abend, und um die Mittagszeit war ihm sein Anzug gestohlen worden. Aber die Herren hörten kaum auf ihn. Einer von den jungen Richtern zeigte ihm einen blutigen Hundertmarkschein. Der war gleichfalls in einer Tasche seines Rockes gefunden worden, und er trug die Rümmer von den Scheinen, die sich Frau Marenka in den letzten Sagen ausgeschrieben hatte. And dann satz Karrel im Anterfuchungsgefängnis. In einem kahlen Zimmer, in dem es still war, in dem man keine Geräusche hörte und nur hin und wieder einen Schritt auf dem Korridor. Hier saß der Junge aus dem Heidedorf und sollte sich auf sein Verbrechen besinnen. „Besinnen ist das Beste beim Menschen!" erklärte der Wärter, der ihm nachher eine labbrige Suppe brachte. „Gestehen Sie man gleich. Schulte, da haben Sie am wenigsten Last von! Gott, sie war ja wohl riesig geizig," setzte er hinzu. „Ich hab' woll mal von itzr gehört. Aber solche Geschichten sollten Sie doch nicht machen, Schulte, bei uns in Hamburg kommt alles raus! Wir haben solche großartige Polizei!" Sie redeten ihm alle zu, doch zu gestehen. Richt allein den Mord, sondern auch den Platz, auf dem er bas von Marenka geraubte Geld verwahrt hatte. Es mußten mehrere tausend Mark sein; und bei ihm war nichts gefunden worden. Aber er könnt« nur immer wieder den Kopf schütteln und versichern, daß er von nichts wisse. Da gingen die Frager viel unfreundlicher fort, als sie gekommen waren. Allmählich erfuhr er auch, wie er den Mord begangen hatte. Abends um acht Ahr war er zu seiner Sante gekommen und nach einer Stunde wieder gegangen. Verschiedene Leute hatten ihn weggehen sehen, und wie gegen Morgen in der Wohnung der Hund so erbärmlich heulte und gar nicht still wurde, da war die Tür aufgebrvchen worden. Da hatte Frau Marenka Schulte tot in ihrem Bette gelegen und der Hund mit einer tiefen Wunde neben ihr. Er hatte seine Herrin wohl verteidigen wollen, und das Beil, mit dem Karrel die Fran getötet hatte, war gleichfalls auf das arme Sier niedergefallen. Aber er hatte es nicht ganz getötet; die Schätze des Geldschranks hatten den Mörder zu sehr beschäftigt. Eine große Summe mußte er genommen haben; wo war Karrel damit geblieben? Wie konnten die Herren fragen! Karrel wurde schon müde, wenn einer von ihnen in seine Zelle kam. Arid sie kamen häufig; immer wieder wurde er gefragt, immer wieder sagte er dasselbe. Er wußte von nichts; sein Anzug war ihm gestohlen worden, bei Wolf & Schmidt, in seiner Kammer. Herr Schmidt hatte ihm schon ein wundervolles Zeugnis ausgestellt, aber von dem gestohlenen Anzug wußte er nichts, und die Zeugnisse der Kollegen waren widersprechend. Es war ein eiliger Sag gewesen, und niemand konnte sich auf Einzelheiten besinnen. Sie wußten nur alle, daß Herr Schulte recht verstört gewesen war, besonders in den letzten Sagen. Das war das, was Karrel gelegentlich von der Außenwelt hörte. Im ü&rigen hatte sich seiner eine tiefe Mutlosigkeit bemächtigt. Als er einmal auf dem Gefängnishvse spazierte, drängte sich ein andrer Gefangener an ihn heran, um ihm zuzuflüstern, er sollte doch tun, als wäre er ein wenig verrückt. Dann würde er kaum bestraft werden. Es gab wirklich Menschen, die einen Mord, einen Diebstahl halb im Traum ausführten; nachher konnten sie sich dann nicht besinnen, was sie getan hatten. Die Aerzte schrieben gleich dicke Bücher über solchen interessanten Fall, und der Kranke — denn er war krank und kein Mörder — kam ins Irrenhaus. Wer Karrel wollte nicht ins Irrenhaus. Er wollte seine Freiheit, er wollte seinen ehrlichen Ramen wieder. Es war Hochsommer geworden, und er satz noch in Antersuchungshast. Er hatte ja noch nicht gestanden, und das gestohlene Geld hatte er noch nicht herbeigeschafft. Also mußte er warten, bis das Gericht sich mit ihm beschäftigte. Einmal besuchte ihn feine Mutter. Sie legte einen Strauß aus Heideblumen vor ihn hin und fragte ihn traurig, ob er wirklich ein so schlimmes Verbrechen begangen habe. Sie konnte es nicht glauben. Sie war alt geworden, seitdem er sie gesehen hatte; viele Runzeln und weiße Haare waren zu ihr gekommen, und ihr krummer Rücken trug schwer an ihrem Kummer. Karrel hatte sich das Wiedersehen mit seiner Mutter.anders gedacht. Wenn er recht viel Geld verdient hatte, dann wollte er zu seinen Eltern kommen un& ihnen wunderschöne Geschenke bringen. Ab« das viele Geld hatte er noch nicht gehabt, und nun sprach sein Vater niemals mehr von ihm. Die Mutter aber, die so bange vor der großen Stadt und ihrem Geräusch war, hatte sich auf- gemacht und kam zu ihm ins Gefängnis. And wie er sagte, daß er nichts von Tante Marenkas Mörder wisse, daß er unschuldig sei, da glaubte sie ihm und legte ihre verarbeitete Hand einen Augenblick auf seinen Kopf. Er weinte, als sie gegangen war. Was hatte er doch verbrochen, daß er so bestraft wurde? War er nicht immer fleißig und ehrlich gewesen? Hatte er jemals einem Menschen etwas zuleide getan? And wie er sein Gesicht in die rote Erika drückte, da stand die Heide vor ihm auf, das stille Dorf. Gr chörte diq Bienen summender sah die hellen Landwege mit den tiefen Wagenspuren darin. Würde er jemals wieder in ihnen wandern, oder gab es keine Gerechtigkeit mehr auf dieser Wett? (Schluß folgt.) Schrtttleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Vrübl'lchen Aviv.-Buch- und Steindruckerei, 2t. Lange, Dieben.