Gießener Zainilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Eietzener Anzeiger Jahrgang(92$ Samstag, Öen 20. Dezember Nummer 65 Gedanken zur Weihnacht. Don Reinhold Braun. Dur keine gespielte Kindlichkeit, sondern sich von dem Kinde ergreifen lassen. Ellen Key. Christkindlein trägt di« Sünd«n der Welt, damit Christoph das Kind über Wasser hält. Sie haben es Beiß' uns angetan, es geht mit uns von vornen an. Goethe. Lasset uns vom Kind zur Weihnacht ergriffen sein! Eine solche Forderung ist zwar ganz unzeitgemäß; aber sie ist weihnachtlich deutsch und tut not für eine rechte We h- nachtsgesinnung. Denn wer sich an diesem Feste nicht auf seine Seele und alles, was ewigen Wert hat, besinnen kann, hat nie gefühlt, was deutsche Weihnacht bedeutet. Lasset uns vom Kinde ergriffen seink Du Sternenkind, ich bin im Staube worden blind; mit deiner Klarheit leucht' mich an, daß ich die Sterne sehen kannl Haben wir nicht alle ein wenig verlernt, in dem Wirbel der Zett und dem Staub unserer Lebensstraße in die Sterne zu schauen? Sind wir nicht alle inwendig zu schwer geworden und zu dumpf durch die Rot der Tage? Unser Blick ist immer wie von Nebeln verhängt, und wenn wir meinen, wir haben eine Stunde freien Ausblicks, dann türmt sich Plötzlich vor uns ein Jähes und Schroffes auf, daß wir ganz in seinem Schatten stehen. Wir haben auch viel von unserer innersten Klarheit verloren, und viel von der Klarheit untereinander. Weihnacht will ttotz alles Geheimniffes und Wunders als ein Fest sternenvoller Höhe und seliger Klarheit genossen werden. Wir können uns unserer Fesseln nur entwinden, wenn das Kind über uns Macht gewinnt, wenn wir von ihm ganz ttef ergriffen werden. Wir werden dann inne, welch eine Gewalt das Kind hat, dieses herrlich Urtümliche unserer Seele, dieses Aufbrechen Gottes in uns, dieses Erstrahlen des Lichts über uns. Einmal ganz klein werden vor dem Kinde, einmal Mensch sein, ehrlich, Gutes wollend, innig zur Freude und echten Lust, gläubig und verttauend. Fort mit aller falschen Scham und allem Eigendünkel. Fort mit aller kalten Wissenschaft, fort mit allem Sianbeswesen. Sich von dem Sternenkinde bei der Hand nehmen lassen und sinnen und fühlen und denken und Liebes tun. Ob das wirllich so schwer ist? Cs gehört dazu nur ein bißchen Willen zur eigenen Seele und ein klein wenig natürliche Frommheit. Du wirst tausendfälttg gesegnet sein. Du Armutkind, ich suchte Ding', die eitel sind; mein' Seel' ward arm; mein Haar ward bleich, aus deinen Wundem mach' mich reich! Sind wir nicht alle zu sehr dem Plunder der Welt verfallen? Sind wir nicht arm geworden in all den rasenden Blendungen der Zeit? Sind wir nicht in tausend Halbheiten versttickt, in der Jagd nach dem Glück? Sind unsere Tage nicht von Feigheiten erfüllt um äußerer Vorteile willen? Das alles muß uns zur Weihnacht klar werden. Wir müssen uns scheiden von den Anwertigkeiten der Welt und einmal deutlich fühlen, wo eigentlich die Werte liegen. Wir müssen uns gleichsam umschwingen lassen von der Fülle unvergänglichen Lebens, And das Kind der Weihnacht will uns helfen, daß wir des wahrhaftigen Reichtums inne werden. Das Armutkind ist der König der Höhe und wirft Gold und Silber über uns aus seinen Sternenreichen und weist uns mitten durch die rauhe Wirklichkeit hl..durch den Weg zu den leuchtenden Quellen und zu den Kämmen» der wirklichen Kostbarkeiten. Je näher wir uns ihm zuneigen, desto mehr werden wir inne des Segens der seligen Armut. Lieber leere Tische und volle Herzen als umgekehrt. Lasset uns so ergriffen sein vom Kinde der Weihnacht. Du Gütekind, ich jagt' mein Straß' gleich Winterwind! Durchglühe mich mit deiner Sonn' und weck« meines Herzens Bronn'! Wenn wir so zur Höhe und zum echten Reichtum« erwacht sind, dann strömt von selbst die Liebe in uns auf In ihrer unerschöpflichen immer wieder unerhörten Gewalt. 3a, ist es nicht so, daß wir unsere Sttaße daherjagen wie ein eisiger Winterwind, daß wir einander stoßen und drängen und nichts mehr von Wärme wissen? Gleichen nicht viele unter uns im Innersten einer Eiswüste, an deren Rand nur die Phrasen wie bunte lockende Blumen blühen? Wo ist das Ganzdurchglühtsein, wo ist das Sonnesein bis in den Kern hinein. O lasset uns erschüttert werden von dem Kind der Weihnacht, lasset es uns in uns hineinnehmen, daß es mit seinem Zauber und der Sonne seiner wunderbaren Liebe und der Kraft seiner göttlichen Herbmft Gärten erblühen lasse in unserer Seele, herrlich und schön wie der erste Frühling, und daß die Bronnen unserer Tiefe aufklingen mit dem 3ubel der Erlösten. Ach, ein großes Ziel, eine große Forderung. Gewiß, sie ist nicht leicht inmitten der harten Wirklichkeit erfüllt zu werden. Aber schon sich aufschwingen in dem Willen zu dem großen Ziele und glühen in der Inbrunst der Forderung an seinem schwachen Teile zu erfüllen, bringt wunderbaren Segen. Wenn wir zur Weihnacht uns nicht selber einmal aus unserer Halbheit und Schwachheit aufrecken und nichts fühlen von dem, was die Weihnacht will, und welches unsere Aufgabe als Mensch, und was das wahrhafttg« Glück ist, dann können wir nicht mehr als die wirklich Lebenden gelten. Schritt für Schritt, aber lächelnd in der großen Ergriffenheit und mächtig in Treue und Liebe, Lasset uns vom Kinde ergriffen fein* Stille Nacht. Don C. Prteh. Hansemaims hatten mich so herzlich eingelaßen, den Weihnachtsabend ganz still im Kreise ihrer Familien zu verleben, daß ich nicht nein sagen konnte. Angenehm war mir die Aussicht freilich nicht. Ich hatte einige Angst, daß mein sonst wohlgeordnetes Iunggesellengemüt durch den Einblick in anderer Leute Familienfreuden doch wieder gewisse Regungen von Neid und Sehnsucht verspüren könnte. Frau Anna war ohnehin so hübsch und gesund, und ihr Mann verdiente so viel Geld, daß sie sich mit gutem Gewissen auch heutzutage den Luxus von sechs sehr lebendigen Kindern leisten konnten und von dieser Lebenshöhe mit einigem Mitleid aus andere Sterbliche herunterzublicken pflegten. Da mir aber nichts anderes übrigblieb, als die fteundlich gemeinte Einladung anzunehmen, beschloß ich, mich im voraus mit möglichst viel Gleichmut und einigen feingefüllten Bonbonnieren zu versehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Punft sechs Ahr wurde beschert, der Keinen Kinder wegen, schärfte mir Frau Anna noch einmal ausdrücklich am Telephon ein. Sie bewillkommnet« mich schon auf dem Flur. „Nett, daß Sie da sind, lieber Doktor. Sie müssen aushelfen, die Kinder zu unterhalten. Heinz ist natürlich wieder nicht fertig mit dem Aufbauen. And die Kleinen sind schön müße von aller Vorfreude." „Nein, du mußt mir helfen", sagte Heinz Hansemann, der eben aus der Tür des Salons trat. „Die verfluchten Engel wollen sich nämlich nicht drehen — so eine alberne Erfindung ist mir noch gar nicht vorgekommenl Laß du bte Kinder nur ruhig weiter Weihnachtslieder singen, Anna, btt — 250 - ich vte Sache in Ordnung gebracht habe und klingeln werde." 3n dem großen Weihnachtszimmer stand in der Mitte der hohe, dunkle Lannenbaum, rundum an den Wänden war aus weißgedeckten Tischen allerlei Buntes, Lustiges aufge- haut, und über all dem lag es wie ein Duft von Kerzen, Kuchen und Kindheitserinnerungen. Aber Heinz Hansemann ließ mir keine Zeit, sentimental zu werden. Ich muhte ihm die Trittleiter halten und meine ganze Aufmerksamkeit dem „Engelreihen" widmen. Zarte Gebilde, aus rosa Wachs geformt, hingen diese Engel, mit bunten Seidenschnüren nur spärlich bekleidet, an silbernen Ketten von einem Goldreif herab, der ziemlich schief auf der Spitze des Baumes befestigt war. Heinz erklärte mir eifrig den Mechanismus. „Die Sache ist sehr einfach. Der Reif muh nur ganz genau im rechten Winkel zur Tannenbaumspitze befestigt werden, dann dreht er sich infolge der von den Lichtern aufsteigenden Wärme, und die Engel schweben rund um den Weihnachtsbaum. Es ist eine Ueberraschung für Anna und die Kinder — findest du die Idee nicht reizend? Aber vorerst hängen die verflixten Dinger anhaltend schief und denken nicht daran, sich vernünftig zu drehen." Ich beteiligte mich mit Rat und Tat eifrig bei der Lösung des Problems und kletterte sogar oben auf die Leiter, obgleich ich an Schwindelanfällen leide, und mein Hausarzt mir alles Steigen untersagt hat. „Jetzt hängen sie noch bedeutend schiefer als vorher", sagte Heinz. „Ich muh die Sache mal ganz allein in Ruhe deichseln. Ditte, geh du zu meiner Frau und hilf ihr die Kinder in Ordnung halten — da schreit ja Wohl wieder eins. Mit den Engeln will ich schon allein fertig werden." Ich ging also in das Eßzimmer, wo Frau Anna und ihre sechs Kinder sich seit längerer Zeit in der Geduld übten. Das Kleinste sah artig auf Mutters Sch oh und sang Weih- nachtslteder nach eigenen Melodien. Aber die sechsjährigen Zwillinge Hans und Heinz hatten erklärt, sie möchten Line Weihnachtslieder mehr hören und könnten wirklich nicht länger artig sein. So vertrieben sie sich die Zeit mit einer regelrechten Rauferei. Der Sextaner Fritz hatte sich ein Buch geholt und hielt sich die Ohren zu, um ungestört lesen zu tonnen, und die beiden Aeltesten, der angehende Backfisch Hilde und der Terttaner Siegfried, räkelten sich auf dem Sofa. Frau Anna begrüßte mein Kommen als eine Hilfe in der Rot. Ich tat, was ich konnte, um die Stimmung zu retten. Ich sang sehr laut und sehr falsch allerlei Weihnachtslieder und erzählte eine uralte Geschichte nach der anderen. Aber meine Bemühungen hatten wenig Erfolg. Die Situ- ation wurde immer kritischer. Da, gerade als auch das Kleinste anfing, liebenswürdig zu werden, klingelte es dreimal, und Heinz Heinemann schob die Flügeltür auf. Gott sei Dank, die Engel drehten sich! In rasendem Galopp sausten sie um die Spitze des Tannenbaums herum! Es war wirklich sehr hübsch, als nun dir Kinder ins Weihnachtszimmer drängten und mit strahlenden Augen unter dem Lichterbaum standen. And jetzt setzte sich Frau Anna ans Klavier und stimmte an: „Stille Rächt, heilige Rächt", und all die hellen Stimmen fielen ein. Es wurde mir dabet gerade so recht weihnachtlich gut und weich ums Herz — als auf einmal irgend etwas Heißes, Brennendes auf meinen Schädel niederfiel, just dahin, wo er sich keiner starken Behaarung mehr erfreut. And jetzt schrie die Kleine auf und zeigte auf einen Tropfen rosa Wachs, der da eben Heiß aus ihr Händchen gefallen war, und nun regnete es Wachsflecke aus der Höhe hernieder. „Die Engel — um GotteSwillen, es sind die infamen Engel", — rief Heinz Hansemann. „Sie schmelzen bei der Hitze, und infolge der Zentrifugalkraft bekommen wir die Lalgflecke. Auslöschen — sofort alle Lichter auslöschen." Mit dem Gesang und der Feierlichkeit war's gründlich vorbei. Alles rannte, sprang, pustete und löschte die Weihnachtskerzen aus. Es dauerte aber noch eine gute 'Weile, «he die Engel sich zu einem gemäßigteren Tempo verstanden Und das Tröpfeln einstellten. Als sie dann müde und aufgeweicht da oben baumelten, zeigten sie so seltsame und verwegene Körperformen, daß Frau Anna In ein herzhaftes Lachen ausbrach und uns alle damit ansteckte. Rur Heinz Hansemann wird versttmmt und zeigte sich persönlich gekränkt. Er hatte die meisten Lalgflecke davongetragen und wollte den Erfinder des Engelreigens auf Schadenersatz verklagen. „Kommen Sie, lieber Doktor," sagte Frau Anna, „jetzt will ich lHnen zeigen, was wir den Kindern beschert haben. Ich gebe mir viele Mühe, jedes wirklich nach seiner Eigenart zu beschenken. Das ist gar nicht so einfach — unsere Kinder sind so verschieden veranlagt! Unser Aeltester ist der geborene Techniker. Sie sehen hier auf seinem Tische nur Dampfmaschinen und Eisenbahnen. Und unsere Tochter ist ein ganz modernes Mädel — Sport und Lektüre sind da die Hauptsache." Frau Anna hatte wirklich liebevoll gesorgt und Geld genug ausgegeben. Trotzdem schien der geborene Techniker nicht zufrieden. Er drehte die neue Dampfmaschine auseinander und behauptete, es sei eine ganz altmodische Konstruktton. Diese Ansicht äußerte Hilde auch über ihre neuen Schlittschuhe, die sie morgen gleich umtauschen wollte. Dasselbe Schicksal war den geschenkten Büchern zugedacht, weil sie durchaus nicht der Geschmacksrichtung und geistigen Entwicklung des sehr modernen Backfisches entsprachen. Der Sextaner Fritz war zufriedener veranlagt. Er fand sein Aquarium „famos" und dessen Bewohner, besonders den Feuermolch „erstklassig". Leider sollten wir uns nicht lange am Anblick dieses zufriedenen Gemütes erfreuen: das Kleinste kam jämmerlich weinend angelaufen und versteckte sein Köpfchen in Mutters Rockfalten. Es stellte sich heraus, daß dies Kind Angst hatte — eine geradezu entsetzliche Angst vor zwei großen Eharakterpuppen, die ihm beschert worden waren. Geradezu unheimlich ruhig waren bisher die Zwillinge gewesen. Sie hatten im Weihnachtszimmer eine Ecke ganz für sich allein, und alle Spielsachen waren dort doppelt vertreten, da sich sonst der Eigenart dieser Kinder entsprechend, um jedes Stück ein Kampf entwickelt haben würde. Die beiden hatten sich dort in aller Eile und Stille ganz umgezogen und kamen jetzt, bekleidet mit ihren neuen In- dianeranzügen, zum Vorschein. Frau Anna war nicht weniger stolz auf diese Kostüme: sie hatte sie selbst verfertigt und unglaublich viele Hahnenfedern darauf festgenäht. Leider liehen die Jungens uns keine Zeit, diese mütterliche Handarbeit zu bewundern. Sie schwangen ihre Tomahawks und gingen zum Angriff aufeinander los. Es sah wirklich aus, als ob sie sich gegenseitig skalpieren wollten, und die Hahnenfedern flogen wild durchs Zimmer. Bei diesem Anblick vergaß der Hausherr seinen Groll auf die Engel. Er riß die Kämpfenden auseinander, konfiszierte die Tomahawks und machte seiner Frau bittere Vorwürfe, weil sie diesen Kampfhähnen so gemeingefährliche Geschenke gemacht hatte. Glücklicherweise explodierte in diesem kritischen Moment die Dampfmaschine. Das allgemeine Geschrei ließ die Zwillinge ihren persönlichen Kampf und Kummer vergessen, sie liefen einmütig zu Bruder Siegfrieds Weihnachtsplatz. Da war dann das schönste Feuerwerk zu sehen. Die Dampfmaschine und verschiedene andere Geschenke brannten lickter- loh. Ich dachte an den Zeitungsartikel, der das Ende dieser blühenden Familie unter dem Tannenbaum schildern würde — ich dachte an den nächsten Feuermelder — ich dachte vor allem an meine eigene Rettung. Aber Frau Anna hatte schon mit starkem Arm das Aquarium gefaßt und den ganzen Inhalt über das Flammenmeer ausgegossen. Das half. Es entwickelte sich ein hustenerzeugender Qualm, aber das Feuer war gelöscht, der Wasserschaden allerdings, wie es ja in der Regel nach solchen Ereignissen der Fall ist, ein ganz beträchtlicher. Der Besitzer des Aquariums heulte und machte energische Ersatzansprüche geltend. Es blieb eine interessante vorerst nicht zu beantwortende Frage, ob der Feuermolch verbrannt sei oder irgendwo in der Freiheit sein Leben weiterfriste. Fritz war der Aeberzeugung, daß ein Feuermolch ein für allemal feuerfest sei, und suchte den verlorenen Schatz in allen Ecken, während die Dienstboten unter Frau Annas energischer Leitung mit Eimern und Tüchern anrückten, um den Wasserschaden möglichst zu beseitigen. Der Hausherr bot mir eine Zigarre an und wir ließen uns recht ruhebedürftig in den bequemen Lehnsesseln am Kamin nieder. Leider waren die Zwillinge, die für musikalisch galten, mit Trommeln, Trompeten und Drehorgeln beschenkt worden. Diese Marterinstumente holten sie jetzt rache- lustig herbei und gebrauchten sie so kräftig und anhaltend, daß von der ersehnten 'Ruhe nichts zu spüren war. Aeber- dies fing der Techniker an, die geretteten Eisenbahnschienen auf dem Fußboden aufzubauen, der Backfisch probierte die neuen Schlittschuhe auf dem Parkett, und die Kleine fuhr ruhig ihr altes Mariechen in der Schiebkarre spazieren, gegen Tisch- und Menschenbeine an. Das war alles ja sehr hübsch, wirkte aber auf die Dauer doch ziemlich angreifend. Ich wenigstens war ganz — 251 zufrieden, als ich spür« allem mit den glücklichen Eltern im Eßzimmer beim Abendessen sah. Die Köchin hatte allerdings in der Aufregung die Karpfen nicht gar gekocht und den Fasan verbraten, aber es fehlte uns allen ohnehin am rechten Appetit. „Diese Familienfeierlichkeiten gehen doch höllisch auf die Nerven,' wie Heinz Hansemann richtig bemerkte. Frau Anna wurde dann bald abgerufen. Die Zwillinge wollten sich nicht abseifen lassen, das Jüngste konnte nicht einschlafen, und der Backfisch klagte über Magenschmerzen. Nachher sah ich dann mit Heinz Hansemann und einer guten Flasche Aheinwein noch ein Weilchen allein im Weih- nachtszimmer, das den Eindruck eines Schlachtfeldes nach der Schlacht machte. Als trauernde Walküren schwebten die Engel darüber. Wir waren zu müde, um noch viel zu reden. Aber mir war durchaus glücklich und edelgesinnt zumute. Och gönnte Heinz Hansemann alles: die gesunde Frau, die prächtigen Kinder, ich wünschte ihm nur die nötige Gesundheit und Nervenkraft, um all sein Glück so weitergeniehen zu können. Als ich dann durch den schneehellen, stillen Abend heimging, dachte ich an jene anders Nacht, die sich in wundervolle ©title mit Sternenglanz und Eng^lsgesang über den Hirten auf dem Felde und dem Kindlein in der Krippe eingeprägt hat. Was haben die Menschen von heute aus ihrem schönsten Erinnerungstraum gemacht — o stille Nacht, heilige Nacht! E. Prieß-Lübeck. Der Weihnachtsabend. Von Adalbert Stifter. (Schluß.) Sn diesem Augenblicke ging die Sonne auf. Eine riesengroße, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden. Die Kuppen und die Hörner warfen sehr lange grünliche Schatten längs des Schnees. „Sanna, wir werden jetzt da weiter vorwärts gehen, bis wir an den Rand des Berges kommen, und hinuntersehen," sagte der Knabe. Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel. Sie gingen desohngeachtet fort. Da kamen sie wieder in das Gis. Sie wußten nicht, wie das Eis dahergekommen sei. aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, das; sie aufglattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten und wieder zu klettern zwangen. Aber sie verfolgten doch ihre Richtung. Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Gis war gedrängt, gequollen, empvrgehvben, gleichsam als schöbe es sich nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. Sn dem Weih sahen sie unzählige vorwärtsgehende, geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weih und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand oder die Stücke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Dergrand zu gelangen und endlich einmal hinunter zu sehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauten Eis. Wo sie hinüber gelangen wollten, wurde es gleichsam immer breiter und breiter. Da schlugen sie, ihre Richtung aufgebend, den Rückweg ein. Wo sie nicht gehen konnten, griffen sie sich durch die Mengen des Schnees hindurch, der oft dicht vor ihrem Auge wegbrach und den blauen Streifen einer Eisspalte zeigte, wo doch früher alles weih gewesen war; sie aber kümmerten sich nicht darum, sie arbeiteten sich fort, bis sie wieder irgendwo aus dem Eise herauSkamen. „Sanna," sagte der Knabe, „wir werden gar nicht mehr in das EiS hineingehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Lind weil wir schon in unser Tal gar nicht hinabsehen können, so werden wir gerade über den Berg hinabgehen. Wir müssen in ein Tal kommen, dort werden wir den Leuten sagen, dah wir aus Gschaid sind, die werden unS einen Wegweiser nach Hause mitgeben." „Sa, Konrad," sagte bas Mädchen. Do Begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwärts zu gehen, welche sich ihnen darbot. Der Knabe führte das Mädchen an der Hand. Allein nachdem sie eine Weile abwärts gegangen waren, hörte in dieser Richtung das Gehänge auf. und der Schnee stieg empor. Also änderten die Kinder ölet Richtung und gingen nach der Länge einer Mulde hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der Mulde ^npvr, um nach einer andern Richtung ein Abwärts zu suchen. Es führte sie eine Fläche hinab, allein die wurde nach und nach steil, dah sie kaum noch einen Fuh einsetzen konnten und abwärts zu gleiten fürchteten. Sie klommen also wieder empor, um tole&er einen andern Weg nach abwärts zu suchen. Nachdem sie lange im Schnee empvrgeklommen und dann auf einem ebenen Rücken fortgelaufen waren, war es wie früher: entweder ging der Schnee so steil ab, dah sie gestürzt wären, oder er stieg wieder hinan, dah sie auf den Berggipfel zu kommen fürchteten. Lind so ging es immer fort. Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur roten Unglückssäule hinabgehen. Weil es nicht schneit, und der Himmel so helle ist, so würden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo die Säule sein solle, und würden von dort nach Gschaid hinabgehen können. Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwesterchen, und diese folgte. Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden. So klar die Sonne schien, so schön die Schneehöhen dastanden und die Schneefelder dalagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen, durch die sie gestern heraufgegangen waren. Gestern war alles durch den fürchterlichen Schneefall verhängt gewesen. dah sie kaum einige Schritte von sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Weih und Grau durcheinander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und zwischen denen! sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits viel« Felsen gesehen, die alle den nämlichen Anschein gehabt hatten wie die gestern gesehenen. Heute liehen sie frische Spuren in dem Schnee zurück; aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdeckt worden. Auch aus dem bloßen Anblick konnten sie nicht erraten, welche Gegend auf den Hals führe, da alle Gegenden gleich waren. Schnee, lauter Schnee. Sie gingen aber doch immer fort und meinten es zu erringen. Sie wichen den steilen Abstürzen aus und kletterten keine steilen Anhöhen hinauf. Auch heute blieben sie öfter stehen, um zu horchen; aber sie vernahmen auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts als der Schnee, der helle, weiße Schnee, aus dem hie und da die schwarzen Hörner und die schwarzen Steinrippen emporstanden. Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen, schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Seht sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. ©;e blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher! Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas tote einen lange anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Snstinkt schrien beide Kinder laut. Nach einer Zeit horten sie den Tmr wieder. Sie schrien wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Weile erkannten sie auch das Feuer. Er war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten. „Sanna," rief der Knabe, „da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die Fahne, es ist ö|ie rote Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, dah sie der Herr Pfarrer mit dem Fernrohre sähe, was als Zeichen gälte, daß sie oben seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn Pfarrer geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind." „Sa, Konrad." Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Menschen, die bei der Fahne waren, kleine schwarze Stellen, die sich zu bewegen! schienen. Der Ruf des Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit und kam immer näher. Die Kinder antworteten jedesmal. Endlich sahen sie über den Schneeabhang gegen sich her mehrere Männer mit ihren Stöcken herabfahren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da sie näher kamen, ernannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem Horne, seine zwei Söhne, dann der junge Eschenjäger und mehrere Bewohner von Gschaid. „Gebenedeit sei Gott," schrie Philipp, „da seid ihr ja. Der ganze Berg ist voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sider- alpe hinab und läute die Glocke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer muß auf den Krebsstein gehen! und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie dieselbe in dem Tale« sehen, und die Böller abschießen, damit die es wissen, die im Millsdorfer Walde suchen, und damit sie in Gschaid die Rauchfeuer anzünden, die in der Luft gesehen werden, und alle, die noch auf dem Berge sind, tn die Sideralpe hinab bedeute DaS Weihnachten!" - 262 - „Ich laufe in die Alpe hinab." sagte einer. „Ich trage die Fahne auf den Krebsstein,“ sagte ein anderer. „Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinabbringen, sv gut wir es vermögen und so gut uns Gatt helfe," sagte Philipp. Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwärts ein, und der andre ging mit der Fahne durch den Schnee dahin. Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den Knaben. Die andern halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen sie die entgegengesetzte em, bald gingen sie abwärts, bald aufwärts. Immer ging es durch Schnee, und die Gegend blieb sich beständig gleich. Ueber sehr schiefe Flächen taten sie Steigeisen an die stütze und trugen die Kinder. Endlich nach langer Zeit hörten sie ein Glöcklein, das sanft und fein zu ihnen heraufkam und das erste Zeichen war, das ihnen die niederen Gegenden wieder zusandten. Sie mußten wirklich sehr tief herabgekommen sein; denn sie sahen ein Schneehaupt recht hoch und recht blau über sich ragen. Das Glöcclein aber, das sie hörten, war das der Sideralpe, das gelautet wurde, weil dort die Zusammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter kamen, hörten sie auch schwach in die stille Luft die Böllerschüsse herauf, die infolge der aufgesteckten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in die Luft feine Rauchsäulen aufsteigen. Da sie nach einer Weile über eine sanfte schiefe Fläche abgingen, erblickten sie die Sideralphütte. Sie gingen auf sie zu. In der Hütte brannte ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und mit einem furchtbaren Schrei sank sie in den Schnee zurück, als sie die Kinder mit dem Eschenjäger kommen sah. Dann lief sie herzu, betrachtete sie überall, wollte ihnen zu essen geben, wollte sie wärmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald überzeugte sie sich, das) die Kinder durch die Freude stärker seien, als sie gedacht hatte, daß sie nur einiger warmer Speise bedurften, die sie bekamen, und daß sie nur ein wenig ausruhen muhten, was ihnen ebenfalls zu teil werden sollte. Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Männer über die Schneefläche herabkam, während das Hüttenglöcklein immerfort läutete, liefen die Kinder selber mit den andern hinaus, um zu sehen, wer es sei: der Schuster war es, der einstige Alpen- steiger, mit Alpenstvck und Steigeisen, begleitet von seinen Freunden und Kameraden. „Sebastian, da sind sie," schrie das Weib. Er aber war stumm, zitterte und lief auf sie zu. Dann rührte er die Lippen, als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, rih die Kinder an sich und hielt sie lange. Dann wandte er sich gegen fein Weib, schloß es an sich und rief: „Sanna, Sanna!" Rach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war. auf. trat unter die Männer und wollte reden. Gr sagte aber nur: „Rachbarn, Freunde, ich danke euch." Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhigung erbvlt hatten, sagte er: „Wenn wir alle beisammen sind, sv können wir ht Gottes Rainen aufbrechen." „Es sind wohl noch nicht alle,“ sagte der Hirt Phil PP, „aber die noch abgehen, wissen aus dem Rauche, daß wir dir Kinder haben, und sie werden schon nach Hause gehen, toeirn sie die Alp- hütte leer finden.“ Man machte sich zum Aufbruche bereit. Man war auf der Sideralphütte nicht gar weit von Gschaid entfernt, aus dessen Fenstern man im Sommer recht gut die g’ilne Matte sehen konnte, auf der die graue Hü te mit dem kleinen Glvckentürmlein stand: aber es war unterhalb eine fälschte Wand, die viele Klafter hoch hinabging, und auf der man im Sommer nur mit Steigeisen, im Winter gar nicht hrnabkoinmen konnte. Man mußte daher den Hmtoeg zum Halse machen, um von der älnglückssaule aus nach Geschaid hinabzukommen. Auf dem Wege gelangte man über die Siderwiefe, die noch näher an Gschaid ist, so daß man die Fenster des Dörfleins zu erblicken meinte. Als man über diese Wiese ging, tönte hell und deutlich das Glöcklein der Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des heiligen Hochamtes verkündend. Der Pfarrer hatte wegen der allgemeinen Bewegung, die am Morgen in Gschaid war, die Abhaltung des Hochamts verschoben, da er dachte, daß die Kinder zum Vorscheine kommen würden. Allein endlich, da noch immer keine Rachricht ein traf, muhte die heilige Handlung auch vollzogen werden. Als das Wandlungsglöcklein tönte, sanken alle, die über die Siderwiefe gingen, auf die Knie in den Schnee und beteten. Als der Klang des Glöckleins aus war, standen sie auf und gingen weiter. Der Schuster trug meistens das Mädchen und ließ sich von ihr alles erzählen. Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von denen der Schuster sagte: „Das sind keine Fuhstapfen von Schuhen meiner Arbeit.“ Die Sache klärte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen, die auf dem Platze tonten, angelockt, kam wieder eine Abteilung Männer auf die Herabgehenden zu. Es war der auS Angst aschenhaft entfärbte Färber, der an der Spitze seiner Knechte, seiner Gesellen und mehrerer Millsdorser bergab kam. „Sie find über das Gletschereis und über die Schründe gegangen, ohne es zu wissen," rief der Schuster seinem Schwiegen« Vater zu. „Da sind sie ja, da sind sie ja, Gott fei Dank,“ antwortet«! der Färber, „ich weiß es schon, daß sie oben waren, als dein Bote in der Rächt zu uns kam, und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und nichts gefunden hatten, und als dann das Morgengrauen anlrach. bemerfte ich an dem Wege, der von bejj roten .Unglückssäule links gegen den Schneeberg hinanführt, daß dort, wo man eben von der Säule weggeht, hin und wieder mehrere Reiserchen und Rütchen geknickt sind, wie Kinder gerne tun, wo sie eines Weges gehn, da wußte ich es, die Richtung ließ |ic nicht mehr aus, weil sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen den Felsen gingen und weil sie dann aus dem Grat gingen, der rechts und links so steil ist, daß sie nicht hinabkommen tonntem Sie mußten hinauf. Ich schickte nach dieser Beobachtung gleich nach Gschaid, aber der Holzknecht Michael, der hinüberging, sagte bei der Rückkunft, da er uns fast am Eise oben traf, daß ihr sie schon habet, weshalb wir wieder heruntergingen.“ „3a," sagte Michael, „ich habe es gesagt, weil die rote Fahne schon auf dem Krebssteine steckt, und die Gschaider dteses als Zeichen erkannten, das verabredet worden war. Ich sagte euch, daß auf diesem Wege da alle herabgehen müssen, weil man über die Wand nicht gehen kann.“ Und knie nieder und danke Gott auf den Knien, mein Schwiegersohn,“ fuhr der Färber fort, „daß kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden wieder vergehen, daß em so wunderbarer Schneefall niederfällt, und daß er gerade niederfallt, wie nasse Schnüre von einer Stange hängen. Wäre ein Wind gegangen, so wären die Kinder verloren gewesen.“ „ „3a, danken wir Gott, danken wir Gott, sagte der Schufte^ Der Färber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war, beschloß, die Leute nach Gschaid zu begleiten. Da man schon gegen die rote Unglückssäule zu kam, wo der Holzweg begann, wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alw Fälle dahin bestellt hatte. Man tat die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend mit Decken und Pelzen, die tm Schlitten waren, und ließ sie nach Gschaid vorausfahren. Die andern folgten und kamen am Rachmittage m Gschaid an. Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren uiu> erst durch den Rauch das Rückzugszeichen erfahren hatten, sanden sich auch nach und nach ein. Der letzte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hirten Philipp, der die rote Fahne auf Den Krebsstein getragen und sie dort aufgepslanzt hatte. 3n Gschaid wartete die Großmutter, welche herubergefahren war. „Rie, nie," tief sie aus. „Dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals gehen.“ Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett -gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Rachbarn und Freunde sich in der Stube emgefunDen hatten und dort von dem Ereignisse redeten, Die Mutter aber tu der Kammer an dem Bettchen Sannas sah und sie streichelte, sagte das Mädchen: „Mutter, ich habe heute nacht, als wir auf dem Berge saßen, Den heiligen Christ gesehen.“ . . O, du mein geduldiges, Du mein liebes, Du mein herziges Kind,“ antwortete Die Mutter, „er hat dir auch Gaben gesendet, Die du bald bekommen wirst.“ Die Schachteln waren ausgepackt worden, die Lichter waren angezündet, Die Tür in Die Stube wurde geöffnet, und Die Kinder sahen von Dem Bette auf den verspäteten, hell leuchtenden, freundlichen Christbaum hinaus. Trotz Der Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie hinausgingen, Die Gaben empfingen, bewunDerten unD endlich mit ihnen einschliefen. 3n Dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abende lebhafter als je. Alle die nicht in Der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die andern auch. 3eDer erzählte, was er gesehen und gehört, was er getan, was er geraten und was für Vegegnisse und Gefahren er erlebt hatte. Besonders aber wurde hervorgehoben, wie man alles hätte anders und besser machen können. Das Ereignis hat einen Abschnitt in Die Geschichte von Gschaid gebracht, und es hat auf lange den Stoff zu Gesprächen gegeben, und man wird noch nach 3ahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen besonders Deutlich sieht, ob*.*" wenn man Den Fremden von seinen Merkwürdigkeiten erzählt. Die Kinder waren von Dem Tage an erst recht Das (Eigentum des Dorfes geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als Eingeborene betrachtet, Die man sich von Dem Berge herabgehvlt hatte. Auch ihre Mutter Sanna war nun eine Eingeborene von Gschaid. Die Kinder aber werden Den Berg nicht vergessen unb werden ihn jetzt noch viel ernster betrachten, wenn sie in dein Gartens find, wenn wie in Der Vergangenheit die Sonne sehr schön scheint, der Lindenbaum duftet, die Bienen summen unb er so schön und fo blau tote das sanfte Firmament auf sie herniederschaut. Schriftleitung: Dr. Fri-dr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag Der Brühl'schen ölniv-Ruch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen, E t 9 t t o t t i t l < t l 1 t ( < i i । i i i i