Eichener Knnilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (924 Samstag. ^eit 20. September Nummer 59 Reife. Dom Maxim. Orth. Das ist der Lag, der still'die Menschen macht, wenn auf den Feldern rings die gvldnen Aehren leis flüstern in die gluhtdurchwehte Rächt Len letzten Hauch von seligem Gebären. Dann steht der Himmel wie ein Baldachin, zu dem Altäre wie zur Weihe rauchen und weiße Fahnen ziehn am Himmel hin, um dann verloren in das Blau tauchen. Es ist, als wäre just an diesem Tag das Menschenschicksal in ein Bild gekommen Drum schlägt das Herz so still, so leis, so zag und doch so selig und von. Glück beklommen. And reif steht alle Welt in goldner Pracht und tiefer beugen sich die Aehren nieder. Der Wind singt einmal noch die Sehnfuchtslied^r Das ist der Tag, der still die Menschen macht. Neid. Don Alfred Bock. Goethe sprach sich Eckermann gegenüber einmal über seine Gegner auä: „Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit. Es sind solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht. Doch soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie taten. Eine zweite große Menge bilden so» dann meine Beider. Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich mir durch mein Talent erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören, ihre Lästersucht an mir zu üben." Schiller nennt den Reid, der der menschlichen Ratur eigen sei und sie tief herabwürdige, niedrig und gemein. Ein wirklich guter Charakter kennt keinen Reid. Reid ist unversöhnlicher als Haß. Der Satiriker Lichtenberg meint, am Lob der Menschen sei ihm wenig gelegen, ihr Reid sei allenfalls das einzige, was ihn erfreuen würde. Das Tun und Lassen verdienter Mitbürger beständig mit Argusaugen neidvoll zu bewachen, ist das Wahrzeichen öder Kleinstädter«!. Zu wirklichem Haß, sagt ein bekannter Kriminalpshcholog, gehört immerhin Temperament, elenden Reid bringt jeder Schuft zuwege. Es sind stets nur kleine Geister die Scheelsucht auf ihr Banner schreiben, große Menschen suchen einander auf, in gegenseitigem Gedankenaustausch zu gewinnen. Die Reidharte sind wie die Fledermäuse, die das Licht nicht sehen können. Zuletzt werden sie ihre eignen Henker. Onkel Dodo. Bon Theodor Fontane. Es war im Hochsommer, als ich in Beantwortung eines an einen gutsbesitzenden Freund gerichteten Briefes folgende Zeilen empfing „Insleben a. Harz, den 20. Juli. Lieber Freund! Es freut sich alles hier, Dich wiederzusehen, am meisten meine Frau, die nun mal von den großstädtischen Reizungen und Gewohnheiten nicht lassen kann. Du wirst auf der Veranda die herkömmlichen Dreistunden-Gespräche mit ihr führen und neben Literatur und Theater vielleicht auch die kirchliche Kontroverse mit bekannter Anparteilichkeit beleuchten. Aber sei nicht zu gerecht. Frauen sind für Parteinahme, versteht sich, wenn es ihrer Partei zugute kommt. Am diese Plaudereien, so denk ich mir, wirst Du nicht herumkvmmen, auch kaum herumkommen w o llen, wenn Du nicht inzwischen ein anderer geworden bist. Im übrigen, und dies ist die Hauptsache, werden wir sorglich im Auge behalten, was Dich zu uns führt: Du sollst von niemandem gestört werden, und ganz 'Deiner Erholung leben können. Sollte sich ein andere« Besuch einfinden, was nicht wahrscheinlich, aber bei der Aähe des Harzes und seiner sommerlichen Anziehungskraft immerhin möglich ist, so kennst Du ja unser Haus, und weißt, d 3 Raum genug hat, sich darin zurückziehen zu können. KarsJ.r: vereinigt ihre Grüße mit den meinigen. Auch die Kinder freuen sich, und sind im voraus angewiesen, ihr Gepolter auf Flur und Treppen zu mäßigen Komme denn also, je früher, je besser, und je länger, je besser. Ich denke, Du sollst alles finden, was Du suchest, am meisten aber Ruhe. Dein Otto." Zwei Tage später traf ich in Jnsleben ein, und freute mich, die lieben Gesichter wiederzusehen. Alle Kinder traten an: Albert, der Aelteste, war gewachsen, Alfred hatte sich embelliert, Artur desgleichen, und nur Leopold, der Jüngste, hatte nach wie vor sein gutmütig, breites Gesicht und seine Sommersprossen. Am meisten erfreuten mich Alice itnö Maud, die zu kleinen Damen herangewachsen waren. Es fehlte nicht an den üblichen Scherzen und Vergleichen, denn mein Freund, wie der Leser bereits bemerkt haben wird, hatte bei der Namensgebung an feine Kinder die britische Königsfamilie als Muster genommen. Ja, es war ein glückliches Wiedersehen, der Hausherr zeigte sich unverändert in seiner Freundschaft, und die noch schöne Mutter erschien unter ihren Kindern immer nur als die älteste Schwester. Auch die Plauderlust war geblieben, und wir saßen gleich am ersten Abend noch auf der Veranda, als das Dorf schon schlief und in dem ausgedehnten Parke vor uns nichts weiter hörbar war, als das Wasser, das über ein Wehr fiel. Alles war so still und die Lampe vor uns flackerte kaum. Es war sehr spät, als ich treppauf in meine Stube ging. Sie hatte nur ein breites Fenster, ein sogenanntes Fall- oder Schiebefenster, an das ich mich nun setzte. Der Blick war derselbe wie von der Veranda aus, aber schöner und freier, und ich sah in die Sterne hinauf, und atmete höher und tiefer. And bei jedem Atemzuge war mir, als ob ich Genesung tränke. Dann ging ich zu Bett, und die lieblichen Bilder der eben erst durchlebten Stunden setzten sich in meinem Traume fort. Ich sah grüne Wiesen, und Maud und Alice beim Reifenspiel, und die Reifen flogen bis an den Himmel und fielen nicht wieder nieder. And auf einer Graswalze faß die schöne Frau und sah dem Spiele zu, das die Mädchen mit einem leisen Gesänge zu begleiten begannen. Aber die Mutter verbot es: „Er schläft, und wir wollen ihn nicht wecken, auch nicht mit Gesang." Ich war früh auf, ging durch den Park, und hatte den ganzen Tag über ein Gefühl, als ob ft4: mein Leben nach dem Traume der letzten Rächt gestalten solle: Kein lauter Ton traf mein Ohr, und alt und' jung übte die Rücksicht, mich frei schalten und walten zu lassen. Ich wußte wohl, wem ich dies alles, und damit zugleich ein rascheres Fortschreiten meiner Rekonvaleszenz zu danken halte. Luft und Licht heilen und Ruhe heilt, aber den besten Balsam spendet doch ein gütiges Herz. < Es war noch keine Woche vergangen und ich fühlte mich schon ein durchaus anderer. „Du bist ja wie ausgetauscht,", sagte Freund Otto beim Morgenkaffee. „Ich denke, Karoline, wir. dürfen ihm jetzt ein zweites Frühstücksei verordnen. And noch' eine Woche,, dann kriegt er einen gerösteten Speck. And haben wir dich erst bei dem Maufebraten, so haben wir dich auch in der Falle und du kommst so bald nicht wieder fort." Ich stimmte zu, nahm an der Heiterkeit von ganzem Herzen teil und machte, nachdem ich mich auf eine halbe Stunde verabschiedet hatte, meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Als ich zurückkam, war der Frühstückstisch noch nicht abgeraumt, vielmehr fand ich das Ehepaar über Briefen, die mittlerweile vom Postboten abgegeben waren. Einige dieser Briefe reichte Otto seiner Frau hinüber. Ich konnte deutlich wahrnehmen, daß sich ein Lächeln um ihren Mund zog, als sie die eine Handschrift erkannte. Bald aber sah ich auch, daß sie mich von der Seite her anblickte, wie wenn sie mir etwas nicht ganz Angenehmes mitzuteilen habe. Sie besann sich aber wieder und "sagte halblaut zu ihrem Manne: „Es wird schon gehen, Otto," was dieser durch ein Kopfnicken bestätigte. Trotzdem könnt' ich den gnazen Tag über eine gewisse Zerstreutheit an ihr bemerken, zugleich eine größere Heiterkeit, als ihr sonst wohl natürlich war und die. weil nicht ganz natürlich, mit Anflügen leiser Verlegenheit wechselte. Dies alles entging mir nicht, aber ich legte kein Gewicht darauf und erst am anderen Morgen war es mir zweifellos geworden, daß man ein Geheimnis vor mir habe. Der Tag war heiß, dazu hatte mein Zimmer die Vormittags- fonne; links neben dem Fenster aber lag alles in Schatten und an diese Schattenstelle schobt ich jetzt Tisch und Stuhl und las. Freilich nur kurze Zeit. Eine Müdigkeit überfiel mich, die mir freilich un- «rd-lich Wohl tat und um so Wohler, als ich darin ein neues Zeichen wiöderkehrender Genesung sah. So tat ich denn das Buch aus der Hand und lehnte mich in den Stuhl zurück. In dieser Lage mocht' ich zehn Minuten oder auch mehr in einem erquicklichen Halbl- schlummer zugebracht haben, als ich durch ein lautes Getöse geweckt Wurde, laut, wie wenn die wilde Jagd die Treppe heraufkäme, älnd eh ich mich noch zurechtfinden konnte, ward auch schon die Tür aufgerissen und der jüngste Sommersprossige stürzte mit dem Auf auf mich zu: „Er ist da, er ist da!" „Wer denn?" „Onkel Dodo." Ich wußte nicht, wer Onkel Dodo war, war aber verständig ge- «ug, mich ohne weiteres zu freuen. „Ei, das ist schön," sagte ich. „Freilich," rief der Junge. „Freilich ist das schön." Und damit war er wieder hinaus. Eine Viertelstunde später kam der Diener, um mich zum zweiten Frühstück zu rufen. Es sei heut etwas früher, weil der „alte Herr" «Len angekommen sei. „Onkel Dodo?" „Zu Befehl." „Aber sagen Sie, Friedrich, wer ist das?" „Das ist der Mutter-Bruder der gnädigen Frau. Regierungs- jtnö Baurat. Aber schon lang a. D." „Verheiratet?" „Rein. Alter Junggesell." „Bun gut. Ich komme gleich." Und da man auf dem Lande nicht warten lassen darf, am wenigsten, wenn ein Besuch angekommen ist, so war ich in fünf Minuten unten unfii wurde vorgestellt. Onkel Dodo schüttelte mir die Hand und lachte herzlich. „Sie werden mir vorgestellt, aber ich nicht Ihnen. Meine liebe Karo- line behandelt mich immer wie eine historische Person, die man fermen muß. Sagen wir wie Bismarck. lind- ich habe doch nur dies hier mit ihm gemein." Und dabei wies er auf die Stirn. „Aber ich meine nicht den Kopf. In d e m, mein lieber Doktor, ist ir mir über." „Ich bin ohne Titel, Herr Regierungsrat, absolut ohne Titel." „Desto besser! Uebrigens was ich sagen wollte, Kopf hin, Kopf her, es braucht nicht jeder ein Gehirn zu haben wie Kant oder jvie Schopenhauer. Oder gar wie Helmholtz. Sie kennen Helmholtz? Der soll die größte Stirnweite haben, noch- mehr als Kant, der im übrigen mein Liebling ist, von wegen dem kategorischen Imperativ. Aber das lassen wir bis später, das sind so Gespräche für eine Aachmittagspartie nach dem Waldkater oder der Rohtrappe. Denn es ist dummes Zeug, daß man unterwegs oder beim Steigen nicht sprechen solle. Gerade da. Das dehnt aus und der Sauerstoff strömt nur so in die Lunge. Ratürlich mufi- man eine Lunge haben. Au. Gott sei Dank, ich hab-' eine. Und- du auch, Leopold, nicht wahr. Junge? Wer Sommersprossen hat, wird- doch Wohl eine Lunge haben? Hast du?" „Freilich, Onkel. Aber hast du uns auch was mitgebracht?" „Prächtiger Kerl, Praktikus. Vor dem ist mir nicht bange. Ratürlich hab 'ich was mitgebracht, natürlich. Und- hier ist der Schlüssel, dieser dritte, und nun lauf' auf mein Zimmer unö- schließe den Reifefack auf und pack' aus. Ich komme gleich nach und werde alles verteilen, an Gerechte und Ungerechte. Oder seid ihr alle Gerechte? Oder alle älngerechte?" „Ungerechte, Onkel." „Das ist brav, Ungerechte! Die Gerechtigkeit ist bloß für die Komik. Da hab' ich- vorigen Winter was gelesen, ich glaube, ,die drei gerechten Amtmännew . . . .“ „Kammacher," verbesserte Karoline. „Richtig, Kammacher. Versteht sich, versteht sich, Kammacher. Amtmänner ist Unsinn, Amtmänner find nie gerecht . . . Aber da kommt ja der Lammbraten. Das ist brav, Karoline. Du kennst meine schwache Seite: Lammbraten, er hat so viel Alttestamentarisches, so war äir- und Erzväterliches." älnd dabei nahm er Platz und band sich die Serviette vor. „Aber nicht aus der Keule, lieber Otto," fuhr er fort. „Wenn ich bitten darf, eine Rippe, das heißt ein paar; ich bin fürs Knaupeln und was am Knochen sitzt, ist Immer das beste." So sprach er weiter, un&- weil ihn das Sprechen und Knaupeln ganz in Anspruch nahm, könnt' ich ihn, ohne daß er's merkte, gut beobachten. Gr mochte Mitte fünfzig sein, eher drüber als drunter, und konnte füglich als das Bild eines alten behäbigen Gartons gelten. Er war ganz und- gar in blanke graue Leinwand gekleidet, Sie fast einen Deidenschimmer hatte; die Weste war derartig weit ausgeschnitten, daß man hätte zweifeln tonnen, ob er überhaupt eine trüge, wenn nicht vorne, ganz nach unten zu, zwei kleineKnöpfe mit einem dazu gehörigen Stück Zeug sichtbar geworden wären. Auch 6er Rock wirkte zeugknapp und fipperich, eine seiner Seiten- taschen aber, aus der ein großes Taschentuch heraushing, stand weit ab un& das wenige blonde Haar, dessen er sich schon scherzhaft erwähnt hatte, war in zwei graugelben Strähnen links un& rechts hinter das Ohr gestrichen. Demohnerachtet — wie schon die seiden- glänzende Leinwand verriet — gebrach es ihm nicht an einer gewissen Eleganz. Hm den Hemdenkragen, der halb- Hochstand, halb niedergeklappt war, war ein seidenes Tuch geschlungen, vorn durch einen Ring zusammengehalten, während- auf seiner fleischigen i^b etwas großporigen Rase eine goldene Brille sah. Letztere war tn gewissem Sinne das wichtigste Stück seiner Ausrüstung. Er nahm sie beständig ab, sah sich-, zugekniffenen Auges, die Gläser an, zog aus der abstehenden Tasche sein Taschentuch und begann zu reiben, zu hauchen und wieder zu reiben. Dann fuhr er mit dem Tuche nach der Stirn, tupfte sich die Schweißtropfen fort und setzte die Drille wieder auf, um nach- fünf Minuten denselben Prozeß aufs neue zu beginnen. Alles übrigens, ohne seinen Redestrom auch nur einen Augenblick zu unterbrechen. An mir schien er allmählich ein Interesse zu nehmen und- befragte mich nun mit seinen Augen. Aber es war kein eigentlich schmeichelhaftes Interesse, sondern nur ein solches, das ein Arzt an seinem Kranken nimmt. Er hatte schon gehört, daß ich ange- griffenheitshalber aufs Land- gekommen- sein, was, neben einiger Mißbilligung, viel Heiterkeit in ihm wachgerufen hatte. „Das kenn' ich, das kenn' ich; das sind diese modernen Einbildungen. Ich habe mir von diesen nervösen Herrchen erzählen lassen. Denke dir, Karoline, von einem hab' ich gehört, er könne nur in Blau leben und in Rot schlafen. Ei, da bin ich doch besser dran, ich sage dir, ich sch-lafe den ganzen Tuschkasten durch, älebrigens mit diesem hier ist es nicht so schlimm. Er hat sich verweichlicht und- ist bloß deshalb- nicht recht im Zug. Aber sein Material ist gut und- ich will von heut ab von Tee und- englischen Biskuits leben, wenn ich ihn nich-t in acht Tagen wieder auf die Deine bringe. Laß mich nur! machen. Er muß erst wieder Betrauen zu sich selbst fassen, und einsehen lernen, d-ah er, wenn nötig, einen Daum ausreißen kann. Es sind das Patienten, die durch- wohltätigen Zw-ang, oder, wenn du willst, durch den kategorischen Imperativ, durch eine höhere Willenskraft wieder hergestellt werden müssen." Ich war gleich nach dem gemeinsam eingenommenen Frühstück auf mein Zimmer zurückgekehrt und ohne jedes Wissen und- Ahnen, welches Gespräch inzwischen über mich geführt wurde, hatte ich doch ein sehr bestimmtes Gefühl, daß- nach- Eintreffen dieses Besuches meine glücklichen Tage gezählt seien. Ich empfand, daß ein Wirbelwind- in der Luft sei, der mich- jeden Augenblick fassen! könne, und- so warf ich mich in einen Lehnstuhl und seufzte: „Meine Ruh' ist hin." Es schien aber fast, als ob ich mich- geirrt haben sollte, dis nächst-en Stunden vergingen stiller und ungestörter als gewöhnlich, und- eine flüchtige Hoffnung überkam mich, meine Situation doch für schlimmer und- verzweifelter als nötig angesehen zu haben. Ich las also wieder, schrieb- einen langen Brief und fütterte die Vögel, die sich- auf mein Fensterbrett gesetzt hatten — dann vernahm ich von fern her das Rufen des Kuckucks und fragte ihn: „Wieviel Tage bleib-' ich noch?" „Kuckuck" und- dann fchwieg er wieder. „Rur einen Tag. " Das schien mir doch zu wenig und ich mußte lachen! Weddigens Siege und Heldentod. Von Vizeadmiral a. D. Dr. E. v. Manie h. Am 22. 'September jährt sich zum zehnten Male der Tag, an dem der deutsche äl-Dootskommandant Otto W eddig en drei englische Kreuzer in rascher Folge nahe dem Kanal zur Strecke brachte. Eins unvergeßliche Höchstleistung aus der Frühzeit des äl-Bvotkrieges. Wir geben nachstehend anläßlich des Jahrestages die persönlichen Aufzeichnungen Weddigens über diese Heldentat. Otto Weddigen ist wohl von allen Pl-Bootkommandanten in der Welt am bekanntesten geworben. Seine größte Waffentat ist die Vernichtung von drei englischen Panzertteuzern, „Aboukir", „Houge" und- „Cressh", am 22. September 1914. Keine drei Wochen später, am 14. Oktober, versenkte er den Panzerkreuzer „Hawke". — Am 18. März sollte Weddigen dann selbst mit seinem neuen äl-Doot und- der ganzen Besatzung den Heldentod finden. — Diese drei Ereignisse mögen 'm Kürze hier geschildert werden. Am 19. September verliehen englische Truppentransport- dämpfer Dover, um Truppen der Marinebrigade nach Dünkirchen zu überführen. Die englische Admiralität beschloß, gleichzeitig Panzerkreuzer unter Admiral Christian zur Sicherung vor deü östlichen Eingang des Kanals zu legen. — Admiral Christian mutzte mit feinem Schiff „Enrhulus", um Kohlen zu ergänzen und- zur Reparatur des vom Sturm beschädigten Funkennetzes, eintaufen und- überließ dem Kommandanten der „Aboukir" die Sicherung, da er sich selbst bei der schweren See nicht auf „Aboukir" überschiffen konnte. — Die drei Kreuzer „Aboukir", „Houge", „Cressh" waren ohne Schuh von Zerstörern, da diese wegen Sturmes eben- - 155 zweites Rohr Achtung. — Los." „Alle Mann voraus, schnell auf 15 Mir. gehen." Pänk, Pänk — Hurra —. Beide Torpedos Treffer, ein glänzender Meisterschuh. Unser Obersteuermann, eine kräftige Gestalt, hat das sehr anstrengende Tiefenruder, das noch auf den alten Booten mit der Hand (ohne Maschine) bedient wird. Gr fragt erschöpft: „Herr Kapitänleutnant, wie lange Lauert es noch-." — Weddigen gibt die prächtige Antwort: „Vorläufig schwimmt noch einer." Der dritte Angriff beginnt. „Drittes und viertes Rohr Achtung.“ 8.20 Uhr. „Los". Ruhe! — Surren! — Pänk! Eine schwere Explosion. Ein Torpedo ist.inzwischen nachgeladen. — „Rohr fertig — Achtung — Los" — wieder ein Treffer. Drei stolze Schiffe lagen auf dem Meeresgrund. — Unsere Stimmung ist freudig und' doch> ernst. Welche ungeheure Wirkung dieser gewaltige Erfolg auslöste, bärste bekannt sein. — 3 Wochen später. — Durch häufige Vachrichten von Handelsschiffen vermutete man Teile der englischen Flotte in der nörd- lichen Nordsee. Zwei U-Boote, darunter Weddigen mit „11 9 , wurden in die betreffende Gegend geschickt. Fünf Schiffe, des 10. englischen Kreuzergeschwaders standen in der Dlockadelinie in der Nordsee, etwa in der Mitte dieser Linie der Panzerkreuzer „Hawke". Am 14. Oktober sichtete Weddigen am Abend mehrere Dampfer und ein als Kriegsschiff verdächtiges Fahrzeug. — Wed» Ligen beschloß daher, in der Bähe zu bleiben. Am nächsten Morgen war ein englischer Kreuzer zu sehen, Loch konnte Weddigen, da der Feind häufig Kurs und Geschwindigkeit änderte, ihn nicht erreichen. — Gegen Mittag erschienen jedoch zwei andere Kreuzer, „Hawke" und „Endhmion", und bald ein dritter. — Als sich bald darauf „Hawke" mit hoher Fahrt und Zickzackkursen von den andern loslöste, setzte WeLLigen auf diesen zum entscheidenden Angriff an. Schon schien es sicher, Latz sich die Kurse günstig für den Bugschuh Les U-Dvotes kreuzen würden, als der Engländer mitten im Angriff des U-Dootes 8 Strich Kurs änderte. Unbeirrt durch dieses Manöver drehte Weddigen hart auf ihn zu und' schoß um 11.53 Uhr vm. auf 150 Mir. den tödlichen Torpedo. Als er kaum 8 Minuten nach dem Schuß Las Sehrohr zeigte, war das Schiff bereits gesunken. Nur ein Kutter und einige Planken mit Schiffbrüchigen trieben auf dem Meere, deren sich, wie beobachtet werden konnte, später ein norwegischer Dampfer annahm. Dagegen hatten die anderen Kreuzer, Len ergangenen dienstlichen Weisungen entsprechend, so- svrt das Weite gesucht und die Kameraden ihrem Schicksal überlassen. Wie aus der englischen Darstellung hervorgeht, hatten „Endhmion" und „Hawke" um 10.30 Uhr vm. zum Postaustausch- gestoppt. Etwa eine Stunde später, als „Hawke" im Begriff war, mit 12 oder 13 sm Fahrt seinen Posten in der Ausklärungslinie wieder einzunehmen, erfolgte in Höhe des vorderen Schornsteins eine Detonation. So unerwartet kam der Angriff, daß die Besatzung zunächst an eine Minenexplosion glaubte: erst im letzten Augenblick hatte der Kommandant des Kreuzers die Torpedvlauf- bahn gesehen. Nur ein Doot mit 3 Offizieren und -46 Mann kam rechtzeitig von dem sinkenden Schiff frei, ein weiteres wurde von ihm im Kentern zerschmettert. WeLLigen hatte inzwischen das neuere Doot „11 29“ erhalten. — Es war der 18. März 1915. Die englische Lchlachtfotte hatte eine llebungsfahrt gemacht. Die Sichtweite war außerordentlich groß und- man hatte bei den Engländern Len Verdacht, -daß ein H-Boot in der Nähe sei. Gegen Wittag war die Schlachtflotte noch etwa 70 sm vom Pentland Firth entfernt. Das IV. Schlachtgeschwa- der war soeben entlassen worden, um nach Cromarth einzulaufen, als um 1.18 Uhr Vizeadmiral Durney, der Chef des ersten Schlacht- ■ geschwaders, meldete, daß von feinem Flaggschiff „Marlborough' ein U-Voot gesichtet worden sei, ein Torpedo sei eben hinter dem Heck von „Neptune", dem dritten Schiff der Kolonne, vorbeigelau- fen und- offenbar sei das H-Dovt im Begriff, einen zweiten Schuß zu feuern. Alle Schiffe der Flotte drehten sofort von dem 11-Bovt ab und gingen auf höchste Fahrt. Das IV., bereits entlassens Schlachtgeschwader behielt, da es keinen anderen Befehl erhielt, Lichtung auf Cromarth bei, der es auf das 11-Doot zuführen mußte Plötzlich sichtete der Wachvffizier der „Dreadnought in großer Nähe ein Sehrohr. Anscheinend steuerte ein 11-Doot Zickzack laufend, südlichen Kurs. Sofort ging die „Dreadnought mit äußerster Kraft in Las Kielwasser des H-Dootes, „Termeraire folgte und nun begann eine atemlose -Jagd auf das anscheinend den Tiefenschwankungen nicht mehr Herr werdende U-Boot, bis die Dreadnought" mit einem Nammstoß über es hinwegfuhr. ei Treffer Schiff drängte und sank unbeobachtet, wahrend der Anlauf für das nächste Schiff angesetzt wurde. 3 8 20 Uhr vm. Doppelschuß aus drittem und viertem Lohr auf das" letzte Schiff, welches in der Nähe stoppte und s-ch ebenfalls an der Rettung zu beteiligen schien. Schiff lag fast still. Schußentfernung etwa 1000 Mtr. Bride mit 5 Sekunden Intervall nacheinander im Ablaufen Mitte lvsgemacht Dom Boot nu eine, allerdings trotz der großen Entsernui^ sehr heftige Detonation verspürt. Munitionskammer? Es erscheint nicht ausgeschlossen. daß der zweite Torpedo von der Detonation des ersten mit zur Explosion gebracht worden ist. Im Sehrohr wurde die erste Wirkung am Ziel an einer b esonders großen Sprengwolke erkennbar. Beim ersten Zeigen des Sehrohrs nach Verlauf von etwa 4 Minuten konnte ich wohl eine veränderte g-rmimlage des Schiffes feststellen, eine Schlagseite jedoch nicht wegen der seitt lichen Stellung zum Schiff. Um sicherzugehen, entschloß ich mich zum Ab feuern des letzteii, des 6. Torpedos, auf das stilliegends havarierte^Schlsf. I.ohr. Schußentfernung 500 Mtr. Treffer Bel der ersten Beobachtung nach Verlauf von etwa fünf Minuten lag das Schiff mit etwa 45° Neigung da und' legte sich wie vom äb'laufenden U-Doot gut /bevoachtet wurde, allmählich mebr und- mehr auf die Seite, dann Kiel oben und' verschwand schließlich gänzlich^ dazu brauchte das Schiff etwa 35 Minuten. In derselben Weise wird der Untergang auch der beiden ersten Schiffe erfvlgttsein. . . _ , , < Bemerkung: Das Sehrohr wurde nur bei Klemer üahrt und- nur, wenn unbedingt notwendig, gezeigt. Die Beobachtungen der havarierten Schiffe sind daher nicht absolut genau. Vollbesetzte Beiboote — deutlich ausgemacht wurden nur etwa fünf — trieben am Schluß auf dem Kampfplatz umher, auch eine Dampf- oder Motorbarkasse habe ich gesehen. „11 9" fuhr unter Wasser noch etwa 20 Minuten mit hoher Fahrt nach- Nororn ab, tauchte dann auf und trat den Rückmarsch an. Der Erfolg wurde dadurch vollständig, daß die großen Schiffe einem durch U-Dootstreffer havarierten Schiff zu Hilfe eilten und' dadurch sich selbst Preisgaben. Irgendwelche Gegenwirkung, Geschützfeuer. erfolgte nicht. Es ist anzunehmen, Laß- Lei der allgemeinen Bestürzung beim Femde die Sehrohre in keinem Falle gesehen worden sind und die Anwesenheit eines U-Bootes nicht rechtzeitig erkannt worden ist. Zu diesenr Tagebuch-Bericht seien noch die Privataufzeichnungen des Marine-Oberingenieurs Schön von „11 9“ hinzugefugt: „Drei feindliche Kreuzer!“ ruft Weddigen in die Zentrale. Mit größter Sorgfalt wird' die Tiefenlage reguliert, das Doot steuert 10 Mtr. unter Wasser glänzend. „Achtung, Angriff beginnt! Beide Torpedorohre klar machen! Ich weih, das WeLLigen trifft, wenn wir ihm Las Doot gut halten. — Die Lohre sind klar gemeldet. Es ist 7.15 Uhr. „Erstes Lohr Achtung." Im Doot herrscht größte Luhe, man tonnte eine HtecknaLel fallen hören. 7.20 Uhr. „Los." Sofort geht es auf 15 Mtr. Tiefe. „Torpedo ist raus!" wird gemeldet. — Sekunden atemloser Spannung. Dann ein lauter Knall: „Treffer." — Alles ruft Hurra. „Der hat genug," sagt WedLigen. „Erstes Lohr nach- laden." — „Bloh nicht rauskommen,“ ruft WedLigen. „Erstes und — 156 - ganz besonders mächtig, und wohl der Anlatz, daß er den Rückweg nicht durch den Kanal, sondern nördlich um Schottland genvm- meir hatte. Schon vier feindliche Kriegsschiffe hatte er versenkt, nun war er an die „Grotze Flotte" zum Angriff gekommen. Man darf annehmen, datz er an diese grotze Aufgabe mit derselben Zielsicherheit, Kaltblütigkeit und Tatkraft heranging, die seine früheren groben Erfvge kennzeichneten. Rachdem der erste Schutz infolge des Zickzackfahrens der Engländer fehlgegangen war, hatte er wahrscheinlich keine Dugtvrpedvs mehr. Als plötzlich das IV. Geschwader sichtbar wurde und ihm in die Kursrichtung lief, hat vielleicht in diesem Augenblick die Tiefensteuerung oder eine andere Einrichtung versagt Im Gedächtnis seiner Kameraden und des deutschen Volkes lebt er fort als Heldengestalt! Aiemand gab es, der ihm seinen Duhm neidete Hervorragende Kenntnisse des Ül-Bootwesens und selten« praktische Fahr- und Schiebfertigkeit vereinigte er mit Tugenden des Charakters, die jeden, der ihn kannte, anspornte, es ihm gleich zu tun. Als erster eröffnete er die Reihen der Il-Bvots- grotztaten und ging den Kommandanten von glänzendem Ruf m den Tod voran. Die meteorologischen Derhältnisse aus der bevorstehenden Amerilrasahrt des Jeppelinluftschiffes. Don Prof. Dr. A. Peppler, Direktor der Badischen Landeswetterwarte, Karlsruhe. Die atmosphärischen Derhältnisse auf der Flugstrecke sind für den modernen Luftverkehr von größter Bedeutung. Die Kenntnis des in Fahrthöhe herrschenden Windes wird zur Berechnung der Abdrift gebraucht und ist bei Fahrten in Wolken oder nachts bei bäecktem Himmel und unsichtbarer Erde, ohne die Möglichkeit einer terrestrischen oder astronomischen Ortsbestimmung, oft das einzige Hilfsmittel für richtige Absetzung des Kurses. Da Richtung und Geschwindigkeit des Windes mit der Höhr sich ändern, kann die Kenntnis dieser Aenderungen dem Schiffsführer die Möglichkeit geben, einen in einer gewissen Höhe vorhandenen Mitwind oder windschwache Schichten, je nach den Erfordernissen der Fahrt auszunuhen, was einer Verkürzung der Reisezeit und Betrirbs- stvffersparnis gleichkvmmt. Ebenso ist die Kenntnis der T e m - p e r a t u r in der Höhe von Bedeutung, da die Tragkraft des Gasluftschiffes hiervon beeinflußt wird. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, die selbst im Sommer unserer Breiten schon in geringer Höhe von wenig über 1000 Metern gelegentlich angetrof- fen werden, tritt bei Fahrten in den Wolken durch Eisansatz eine gewaltige Belastung ein, die vermieden werden muh. Auch die Höhenlage der Basis und Oberfläche der Wolken, ihre Beschaffenheit (Eis- oder Wasserwolken), die Sichtweite, die Lage von Bodenneöelschichten und andere.meteorologische Erscheinungen haben Einfluß auf die Schiffsnavigation. Für einen transatlantischen Luftverkehr ergebe» sich folgende meteorologische Verhältnisse: Heber dem Atlantischen Ozean lagert während des ganzen Jahres, im Mittel in ca. 35° Rordbreite, ein verhältnismäßig beständiges, ausgedehntes Hochdruckgebiet mit heiterem Wetter und häufigen Windstillen/An seinem Rordabhang entspringt die Westwinddrift der gemäßigten Breiten, die erst als vorherrschende Süd- .weiter nördlich als SüÄwestströmung auftritt, in Richtung un6' Stärke sehr veränderlich ist und oft, besonders in der kalten Jahreszeit zu Stürmen anschwillt. Dem Süd- abhang des Hochdruckgebietes entquellen die als Handelswinde der Segelschiffahrt bekannten Rordostpassate, außerordentlich beständig und nur sehr selten stürmisch. Damit ist der transatlan- tischen Luftfahrt der Zukunft schon ohne weiteres in großen Zügen die Route vorgeschrieben, die im Verkehr einzuhalten ist: Sie darf nicht im Bereiche der Westwinddrift erfolgen, die dem Luftschiff entgegensteht und durch das Auftreten von Zyklonen mit Stürmen und starken Kondensationserscheinungen gefährliche Ileber- rafchungen bringen kanw). Sie mutz in die Rähe des Zentrums der subtropischen Antizyklone gelegt werden, oder auf ihren Südabhang, wo der gleichmäßig wehende Rordostpassat die Reisedauer abkürzen hilft. Hier fehlen auch die mächtigen Wolkenlager der nördlicheren Lufträume und vor allem auch die häufigen Kälteeinbrüche aus polaren Gebieten, so daß mit Eisbelastung und Schneestürmen, wie sie in der Westwinddrift Vorkommen, auch im Winter nicht gerechnet zu werden braucht. Heber die Verhältnisse in den höheren Luftschichten über diesem Teil des Ozeans haben Drachen- und Ballonaufstiege von Dampfern aus wertvolle Aufschlüsse geliefert. Schon 1904 rüstete der Fürst von Monaco auf Anregung H e r g e s e l l s, des derzeitigen Direktors &eg Aeronautischen Observatoriums, Lindenberg, eine aerv- logifche Expedition zur Erforschung her Passate aus, der mehrere weitere Expeditionen folgten. Es konnte u. a. die für einen transatlantischen Luftverkehr wichtige Feststellung gemacht werden, datz der Rordostpassat nur in den untersten Luftschichten mit großer *) Es sei an den mißglückten Versuch erinnert, den seinerzeit Wellmann, allerdings auch mit technisch ganz unzulänglichem Luftschiff, in der Westwindzvne unternahm. Beständigkeit weht, aber schon in 1—3 Kilometer Höhe kentert und in westliche Strömungen übergeht2). Andererseits wurde fest- gestellt, daß der Wind über dem Meere nur wenig mit der Höhe zunimmt, während über dem Festland bei mittleren Geschwindigkeiten schon in 500 Mtr. Höhe eine Verdoppelung der Windstärke, bei starken Winden schon in 200 Mtr. Höhe beachtet wird. Um danach den Passat nach Möglichkeit als Mitwind voll auszunuhen — seine normale Stärke kann auf 22 Stundenkilometer veranschlagt werden — sollte die Fahrthöhe bei einer Heber» querung des Ozeans in westlicher Richtung möglichst tief gehalten werden, da bei größeren Höhen westliche Gegenwinde wahrscheinlich werden. Dagegen könnte es bei der Rückfahrt von Vorteil sein, auf größere Höhen von 1—3 Klm. in die allgemeine Westströmung hinaufzugehen. Obige Feststellungen können natürlich nur grundsätzliche Bedeutung beanspruchen, um die allgemeinen Richtlinien zu geben, die bei der Wahl der Flugstrecke berücksichtigt werden müssen. Das Problem der meteorologischen Beratung eines transatlantischen Luftverkehrs beginnt jetzt erst, denn das atlantische Hochdruckgebiet wechselt mit der Jahreszeit seine Lage ganz erheblich und wird oft, besonders an der amerikanischen Küste, durch Tiefdruckgebiete durchbrochen. Es besitzt nur relative Beständigkeit. Im einzelnen Falle kommen starke Abweichungen von den geschilderten normalen Verhältnissen vor. Hier beginnt die Aufgabe des Luftfahrerwetterdienstes, der durch funkentelegraPhischeWetter- nachrichten fahrender Dampfer jederzeit im Stand sein muh, ein genaues Bild des atlantischen Luftdruck- und Windfeldes zu entwerfen, wobei es durchaus im Bereiche der Möglichkeit liegt, Druckänderung en für 1—2 Tage vorauszübrstimmen. Das genügt für die Zwecke der Ravigation. Je nach der Lage der Druckzentren muß der Schiffsführer von Fall zu Fall seine Fahrtdispositionen treffen und Kurs setzen. Bei der Hohen Eigengeschwindigkeit des /-Schiffes wird es möglich sein, den meisten stärkeren atmosphärischen Störungen, besonders Böenfronten durch Kurssetzung in Richtung des Hochdruckzentrums aus dem Wege zu fahren. Ein rasch und sicher arbeitender Wetternachrichtendienst ist aber hierfür die erste Voraussetzung; feine Organisation ist eine rein technische Aufgabe, deren Lösung zur Zeit nur noch eine Geldfrage darstellt, nachdem die Methoden der meteorologischen Forschung für die Erdoberfläche als auch die höheren Luftschichten hinreichend entwickelt worden sind. Einen tadellos arbeitenden Weitermeldedienst vorausgesetzt, können die Aussichten eines atlantischen Luftverkehrs vonr meteorologischen Standpunkt bei der hochentwickelten Leistungsfähigkeit der /-Schiffe günstig beurteilt werden. Allerdings mutz mit zwei Gefahrenmomenten gerechnet werden, den Sturmzhklo- nen der gemäßigten Breiten und den tropischen W i r b e l st ü r m e n. Erstere sind hauptsächlich eine Erscheinung der kälteren Jahreszeit. Da sie über große Flächen auftreten, lassen sie sich bei einigermaßen dichtem Stationsnetz leicht erkennen. Die Eigengeschwindigkeit der /.-Schilfe ist groß genug, um durch südlichen Kurs in windschwächere Lufträume zu gelangen. Anders die tropischen Wirbelstürme, die einen viel geringeren Durchmesser bei erheblich größerer Windstärke besitzen und sich durch fallenden Luftdruck erst dann bemerkbar machen, wenn der Wind schon stürmisch geworden ist. Sie bewegen sich im tropischen Teil des Atlantischen Ozeans zuerst entgegen der Zugrichtung unserer Zyklonen von Ost nach West, um dann in der Gegend der Antillen nordwärts über die Meergebiete östlich Florida entlang der amerikanischen Küste umzübiegen. Sie werden als westindische Zyklonen bezeichnet und kreuzen die Fahrtstrecke eines nach Rordamerika gerichteten Luftverkehrs. Diese tropischen Zyklonen besitzen oft eine außerordentliche Lebensfähigkeit und gehören zu den großartigsten meteorologischen Erscheinungen, die. wir kennen. Sv lieh sich die Bahn eines derartigen Wirbels vom' 3. August 1899 von der Gegend südwestlich der Azoren, dann nach Umbiegung wieder zurück in östlicher Richtung an die europäische Küste über Brest gurr durch Frankreich nach dem Mittel- meer verfolgen, wo die Störung am 9. September Korsika erreichte. Die Windgeschwindigkeiten, die in diesen Wirbeln erreicht werden, sind ganz ungeheuer. Es liegen bis jetzt nur wenige Windmessungen vor, da die Anemometer auf so hohe Extremwerte nicht geaicht sind und der Gewalt des Sturmes nicht widerstehen. Man darf aber mit 180 Stundenkilometer und mehr rechnen. Erwähnt sei der furchtbare Orkan im August 1873 im nordatlanti- schen Ozean, der 500 Personen tötete, 1000 Schiffe beschädigte oder zu Wracks machte, ebenso über 1000 Gebäude an der Küste Amerikas. Glücklicherweise treten dies« westindischen Orkane nur selten auf und fast ausschliehlich in einer ganz bestimmten Jahreszeit, nämlich von August bis Ende Oktober. Rur 12 Prozent aller vorkommenden Zyklonen fallen auf das übrige Jahr. Ob es möglich ist, diesen Stürmen durch geeignete navig atz>rische Maßnahmen zu entgehen, mutz die Praxis des Luftverkhrs ergeben. An und für sich ist es schon ein großer Zufall, wenn ein Luftschiff mit einem derartigen Wirbel zusammentreffen sollte. 2) Schon Alexander von Humboldt war der ständige Südwestwind über dem unteren Passat auf dem Pik öe Tehde (Teneriffa) ausgefallen. Schriftleitung: Dr. Friedr Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'schen Ilniv.-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.