Gießener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92$ Gster-5ondernummer Nummer g Osterfeuer soll lohen! Don Heinrich Sohn re y. Osterfeuer sollen lohen Auf den Bergen, den hohen! Wacker den Holzstoß geschichtet, Hur.ig die Fackeln gerichtet! Rufet die Knaben zusammen. Schüret mächtig die Flammen! Ehrwürdiger Sitte Walten Scll nicht vergehn, nicht veralten. Sagt es den Großen und Kleinen, Sagt es den Groben und Feinen, Sagt's allen Jugendfrohen: Osterfeuer soll lohen! Don Berge zu Berge ein Singen, Sp Ingen uno Fackel schwingen! Ehrwürdige Sitte ist Kraft, Li? fröhliche Herzen schafft; Ehrwürdige Sitte ist Geist, Der Treue um Treue verheißt, Treue in Rächt und Rot, Treue bis in den Lod. Möge der Erdball erzittern 3n wütenden Angewittern, F n ir heulen und drohen — Ostcrorauch soll nicht erkalten, Osterbrauch soll nicht veralten. Osterfeuer soll lohen! Das Rosenkreuz. Ostergedanken von Friedrich Lienhard. Auferstehung ist nicht nur ein Gedanke, nicht nur ein Begriff oder Glaube; Auferstehung ist vor allem auch eine Kraft, ein Drang, der dem Lebendigen eingeboren ist und den Tod von innen heraus überwindet. Tod und Auferstehung sind em Geschwisterpaar. Scheinbar bekämpfen sie einander, in W rhcheit aber ergänzen sie sich gegenseitig. Sie sind vergleichbar einer auf- und absteigenden Wage; sie brauchen einander wie Rächt und Tag, wie Winter und Frühling, wie Einatmen und Ausatmen. Es ist das große, ewig wunderbare Wechselspiel des Lebens; wir sind zum Tode geboren schon bei der Geburt. Der Tod ist in uns vom ersten Hauch an und wartet auf seine frühe oder späte Stunde . . . Aber in uns ist auch die Auferstehungskraft. Cs ist die „Wage des Lebens", wie der Raturphilosoph Raoul Francs eines seiner gedankenvollen Bücher genannt hat. Nichts ist dem deutschen Menschen jetzt notwendiger als der Glaub? an Auferstehung — nein, besser gesagt: der Drang nach Auferstehung, die Auferstehungskraft. Wir wurden in den Grund und Boden der Rot hinabgestampst. Das ist scheinbar Riedergang und Unterdrückung. Aber wir können den erschütternden Vorgang auch unter freundlicherem Bilde betrachten: wir können ihn vergleichen mit dem Eingedrückt- werden der Zwiebel einer Tulpe oder einer Hyazinte in das dunkle Erdreich. Wenn die rechte Stunde kommt, tauchen wir als grüne Blatterspitzen wieder aus der Scholle empor. Die dunkle Erde, die unsere Vernichtung schien, war die Hilfe zum Wiederaufstieg. Was eine trockene Zwiebel war, wird gerade mit Hilfe des feuchten Erdreichs eine leuchtende und duftende Blume sein. Der prähistorische Forscher Otto Hauser hat einmal hervorgehoben, daß der Auferstehungsglaube schon in den ältesten Bestattungsformen des Urmenschen nachweisbar ist. Also Jahrtausende vor der Bestattung jenes ägyptischen Pharao Tutenchamun, dessen neulich geöffnetes Grab mit allem Zubehör so viel Aufsehen erregte. Der wahrhaft Lebendige kann sich den Tod als Vernichtung gar nicht vorstellen; dieser Begriff geht in sein lebensvoll pulsierendes Gehirn einfach nicht ein. Wir sind ja, indem wir denken, fühlen und sprechen, selber im Kreislauf des Lebens; wie sollten wir da Unlebendiges oder Nichtseiendes nachfühlen können? 3m unscheinbarsten Wassertropfen ist ja 'Leben; auch Verwesung ist ja nur Verwandlung; auch Zersetzung ist ja nur Umformung in neue Bestandteile künftiger Lebensgebilde. Auferstehungskraft ist demnach Umwandlungskraft. Es ist ein Schöpfungsprozeß wie die Geburt. Das Absterben ist Eintritt in den Ruhezustand. Dieser Ruhezustand oder dieses Zurücktreten ist jedoch keine Vernichtung, sondern nur ein Warten, ein Atemholen, ein Sammeln der Kraft. Hernach tritt das ausgeruhte Leben aufs neue in Erscheinung und quillt hervor zu neuer Tätigkeit. Das Rad geht weiter. Das Hakenkreuz des Lebens dreht sich immerzu. Mein persönliches Symbol ist nun freilich nicht das uralte Drehrad des Hakenkreuzes, sondern das Rosenkreuz. Nehmen wir das Kreuz, das Symbol von Golgatha, als das Zeichen des Todes, und, damit verbunden, als das Sinnbild alles menschlichen Leides, so sind die Rosen daran das symbolische Zeichen des ans dem Tode hervorblühenden Lebens oder der aus Leid. Haß und Not hervorblühenden sieghafte« Liebe. Das Rosenkreuz ist demnach ein Auferstehungskreuz, ein Osterkreuz. Die rote Wunde hat sich, nach tapfer un6 edel bestandenem Karfreitag, in rote Rosen verwandelt. Leid und Schmerz sind überwunden und verklärt; das Gute und Reine in uns hat über Schmach und Tod gesiegt. So blüht der Ostersonntag aus dem Karfreitag empor. Jener Meister der Liebe hängt nicht mehr am Kreuz; aber seine Lebens- und Siegeswirkung ist nun versinnbildlicht durch Rosen, die aus dem Stamme hervorgeblüht sind, und zwar gerade an den Stellen, wo Haupt, Hände und Füße geblutet haben. Durch dieses schöne Symbol eines blühenden Baumes sind wir zugleich der Natur wieder nahe, der Pflanzenwelt, die so treu und stetig die Sonne sucht und von Sonne lebt. Das dunkel-ernste Holz, die herausblühenden freudig-rote« Rosen: — ich weiß neben dem Gralskelch kein schöneres Sinnbild als das Rosenkreuz. ES ist meine Hoffnung,' d^ß einst das Rosenkreuz übev Deutschland leuchten möge. Der feste Stamm, der Schme» und Tod versinnbildlicht, kennt weder Weichlichkeit noch Schönrederei; er bedeutet die unerbittliche TatsächlichkeÜ irdischen Daseins. Die Rosen andererseits sind weder Leichtsinn noch Spielerei; denn sie sind gedüngt mit Herzblut, sie sind Ergebnis sieghaft überwundener Schmerzen; es ist ihrem 'Aufblühen ein Kampf gegen Widerstände, gegen Zweifel, gegen Schmach und Verkennung vorausgegangen. Auch sind sie nicht auf den Stamm aufgeklebt, um etwa Schmerz und Düsternis zu vertuschen und zu beschönigen, sondern sie blühen aus dem Holz hervor und bilden mit ihm eine harmonische Einheit. Die Beziehungen des bisher Gesagten auf unser gepeinigtes Deutschland zu übertragen und zu deuten, ist wohl nicht schwer. Es bedarf da weiter keiner Worte, nur eines innigen Wunsches und einer stillen, starken, an unserem Schicksal durch gute Gedanken mitarbeitenden Hoffnung. Wann wird der Tag erscheinen, an dem über unserem verdunkelten Daterlande jenes Auferstehungskreuz leuchten wird^ Deutsche Legende. Don Georg Freiherr von Ompteda. Es begab sich, daß Jesus verliest das Land Judäa und ging in eine Stadt, da viele Menschen wohneten und sah Blinde, die erwarteten, dah einer käme, sie zu heilen. Es waren aber darunter etliche, die hatten keinen Willen mehr und keine Freude an dieser Welt. Da Jesus diese sah, jammerte ihn derselben, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben, und er trat mitten unter sie und sprach zu ihnen: Was stehet ihr und wartet? Meinet ihr. mein Vater tat Himmel totaß sich eurer erbarmen, eh« denn ihr euch nicht euerer selbst erbannet? Di« Minden aber sprachen: Wer ist jener, der sagt, er ist Voltes Sohn und ist selber nichts denn wir? Als sie nun also redeten, sprach Jesus zu ihnen: Wer blind ist, siehet nicht den Weg, darum sehet zu, daß euere Augen ausgetan werden. Es war aber unter ihnen einer, der war bsind geboren. Der rührete Jesu Kleid an und sprach: Herr, wie sollen unsere Augen ausgetan werden, wenn es Nacht ist um uns? Spricht Jesus zu ihm: Blind ist, wer nicht hat den Glauben an das Licht. Wer aber nicht glaubet an das Licht, der wird nicht das Licht schauen. Glaubet an das Licht m euch und es wird euch werden. Denn es stehet geschrieben: und Gott bsies chm ein den lebendigen Odem. Darum ist Gott in euch. And Gott ist das Licht. And das Licht ist in euch. , Sie tasteten aber nach ihm und riefen: Wer ist jener, der das Licht siehet und ist doch blind wie wir? Lind Jesus trat zurück, daß sie chn mcht beruhreten und antwortete und sprach zu ihnen: Wer da siehet, siehet und Ware er blind, wer aber sehend ist und will nicht sehen, der bleibet blind und wenn er auch sähe. ~ Da warf einer sich wieder vor Jesu und fand den Saum seines Gewandes und schrie: Herr, hilf uns, Latz toir das Licht fefteir. • Spricht Jesus zu ihm zum anderen Wale: Das Licht ist in euch! And wich von ihnen. And Jesus zog über das Land eine gute Zeit und ging in eine andere Stadt, da viele Menschen wohneten, und sah Lahme, die warteten, daß einer käme, sie zu Heiken. Da er sie nun also sah, erbarmet« ihn der Lahmen. Spricht Jesus zu ihnen: Werfet eure Krücken von euch, denn ihr könnet gehen so ihr nur wollet. Da ergrimmeten sie und riefen: Sehet, er toll unserer spotten. Wie sollten wir gehen, da wir doch lahm sind? Jesus aber redete zu ihnen mancherlei durch Gleichnisse unö sprach: Siehe, es war ein Wann, der hatte viele Söhne und ließ jedem einen Acker. __ _ Der Jüngste bestellte feinen Acker vom Morgen bis zum Abend. Seine Brüder aber bestellten ihre Aecker nicht und sprachen: Was sollen wir uns mühen, da Gott die Sonne lasset für unS scheinen? . , "Da nun der Tag der Ernte kam. trug des Jüngsten Acker hundertfältige Frucht, feiner Brüder Aecker aber trugen nur sechzig- des Jüngsten Reichtum sahen durch seinen Fleiß, ärgerten sie sich an ihm und sprachen: Was soll der Jüiigste reicher fein, denn wir? ., - Unö sie machten einen Bund wider ihn und schlugen.ihn und nahmen, was fein war. Da er aber am Boden lag, lahm und tränt, sprachen sie zu chm: Du fauler Knecht, bestelle deinen Acker, daß wir uns von deinem Fleiste bezahlt machen mögen. Der Jüngste aber jammerte laut und schrie: Oh, über mich Ungerechte! Habet ihr mich nicht lahm geschlagen und nun foll ich arbeiten für euch? And bestellte fortan seinen Acker nur halb, denn er war lahm und krank. . , _ ,. Als nun die Zeit der Ernte kam, trug fein Acker karge Frucht und ihn hungerte. Die Brüder aber nahmen ihm noch das ger- ringe, das er besah. Da zerrih er feine Kleider, warf sich meder, klagte Gott an und schrie: Herr was lassest du geschehen, dah fre mir nehmen alles, was mein ist? Herr, hilf mir in meiner Avtk Doch die Stimme Les Herren schwieg. Die aber solche Worte von Jesu höreten, verwunderten sich sehr und sie antworteten und sprachen: Wie kann Gott dem Armen nicht helfen, gegen seine Brüder? Jesus aber sähe sie an und sprach zu ihnen: 'Der sich selbst verlasset, den wird auch der Dater im Himmel verlassen. Wer es fassen mag, der fasse es. And er verschwand vor ihnen. And Jesus kam an einen Brunnen und setzte sich, denn er war müde von der Reife. , Da kommt ein Weib Wasser zu schöpfen und siehet ihn mcht, denn ihre Augen sind voller Tränen. Spricht Jesus zu ihr: Weib, was weinest du? Spricht das Weib zu ihm: Herr, sie haben im Kriege meinen Sohn erschlagen. . „ . „ Spricht Jesus abermals zu ihr: Weib, was weinest du? Spricht das Weib zu ihm: Herr, soll ich nicht meinen, denn ich hatte nur diesen? , , , Jesus aber antwortete und sprach: Siehe das Volk! Sind sie nicht lahm und blind insgemein? And du willst, dein Sohn solle unter solchen das Geben haben? Wahrlich, ich sage dir, selig sind, die da gegangen sind im Glauben an ihres Volkes Licht, denn sie werden das Licht schauen. Spricht das Weib zu Jesu: Herr, sage mir, ist mein Sohn im Himmel? Spricht Jesus zu ihr: Du sagst es. Da fiel das Weib nieder auf die Knie und rief: Herr, ich sehe, Satz du ein Prophet bist. . Darnach trifft Jesus einen Hauptmann, der gehet das nackte Schwert in der Hand. Fragt ihn Jes«»: Was gehest du mtt Dem nackten Schwerte? Der Hauptmann aber antwortete und sprach: voll ich mcht hm was meines Dienstes ist? Spricht Jesus zu ihm: Du hast gehört, datz zu den Alten ge» agt ist: Du sollst nicht töten. Darum sage ich dir, stecke dein Schwert in die Scheide. Der Hauptmann aber ergrimmte und sprach: Sie haben meine Brüder getötet. , Spricht Jesus zu ihm: Wer Blut »ergießet, detz Blut soll auch vergossen werden. „ . , Darüber zog Jesus hinauf und fand fitzen Derkaufer und Käufer, Wechsler und Krämer, die handelten allerlei Gut, das keiner mit Augen gesehen, und was durchs ihre Hände ging wuchs, dah keiner es mehr kaufen konnte. Sie mästeten sich aber an ihres Volkes Rot und Nahrung. „ Da nun Jesus solches sah, trat er unter das Volk und sprach: Wer sind diese? s Etliche aber antworteten und sprachen: Sage es selbst. Spricht Jesus: Wird unter euch einer sagen, was ihr selber nicht wisset? Ich aber sage euch, so ihr nicht von euch tuet euere Verderber, seid ihr gleich dem Hirten, der die Wölfe lässet unter Und Jesus ging hinaus und sähe das große Volk und sah Hunger und Krankheit, aber auch, daß sie die Hände legeten in den Schoß ihres Elendes. And es jammerte ihn derselben. Da es nun Abend ward, saß er unter ihnen und lehrete sie. Es waren aber etliche, die hatten nicht Arm und nicht Bein. Die zeigten Jesu ihre verstümmelten Glieder und sprachen: Herr, siehe, wir haben nicht Arm noch Bein. Spricht Jesus zu ihnen: Wo habet ihr sie gelassen? Sie aber schrieen und sprachen: Haben wir sie nicht für die Brüder gelassen und keiner hat uns gedanket? Jesus antwortete und sprach: Suchet ihr Lohn bet den Menschen und nicht bei eurem himmlischen Vater? Leidet um des Lichtes willen in euch, denn das Licht in euch löschet keiner, und wer um des Lichtes willen leidet, dem sollen ewige Leuchten brennen. So ihr euch aber nicht besinnet auf das Licht in euch und nicht die Hände reget und nicht ausweiset die falschen Propheten, wird auch mein Vater im Himmel sich nicht besinnen auf euch. Es waren aber Zweifler unter ihnen, deren einer stand auf und schrie: Herr, lasse uns nicht auf Öen Himmel warten, hilf uns zu dieser Stunde, daß wir sehen, ob du wahrhaft Gottes Sohn bist. Jesus erhob sich über sie und sprach: Oh, ihr Klein» gläubigen, so ihr nicht demütig werdet und ärger noch leidet denn bisher, ist euere Zeit noch nicht erfüllet. Wollet ihr die Brüder neiden, die eueren Acker genommen haben und eueres Lebens Dotdrcrft? Sie haben ihren Teil erhalten, und wenn sie vor dem himmlischen Vater stehen, werden sie nichts erhalten, denn sie haben ihren Lohn dahin. Ihr aber werdet, so ihr sterbet, im Glanze stehen, denn ihr habet g»l;tten um der Gerechtigkeit willen. Etliche aber antworteten und sprachen: Sollen wir solange im Elend bleiben, so ist es nicht not, uns die Herrlichkeit zu zeigen, da wir sie doch nicht sehen. , Spricht Jesus zu ihnen: Habet ihr nicht gelesen, tote der Herr feinem Knechte Mose vom Berge Rebo gezeigt hat das verheißene Land? And der Herr sprach zu ihm: Du hast eS mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. Also werdet auch ihr nicht hinühergehen, aber ihr werdet schauen das verheißene Land. . , t r, . , . . Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so ihr dem Lichte folget tn euch, wird auch eueren Kindern das Licht wieder scheinen. And sie fielen nieder auf ihr Angesicht, so Blinde als Lahme und die, die ihren Willen- verloren und keine Freude mehr hatten an dieser Wett und weinten taut Als sie wieder aufblickten, war die Stätte leer, da er gestände». FrühKngserwachSN. Von ElaraDiebig. Es duftet nach Frühling. Doch zeigen die breiten Buchenäste kein Blättchen, das junge Grän schläft in braune«, schwellende« Knospen, aber es schläft nicht mehr fest, es träumt schon vom Tag der Auferstehung. Klarer, blauer, fröhlicher Himmel, goldenes Sonnengeflimmer, und unter den Fichen raschelndes Laub. Das Weidengestrüpp am Weg steht mir silbrigen sammetweichen Kätzchen, durch die zähen Stengel schießt der Lebenssaft, daß sie rot glänzen wie frisches Blut. And weiße Schneeglöckchen hocken m Büscheln beieinander, schütteln sich im lauen Wind und flüstern von Lenzes- hoffnung. Die Vögel stimmen ihre Kehlen, noch klingt ihr Lied schüchtern — der Frühling liegt im Wiegenbett, fle wecken ihn mit zarter Melodie, bis er die strahlenden Augen aufschlägt, die Hände voll Blumen greift und sie mit Jauchzen über die Welt schüttet. „ „O wie schön, wie schön 1“ Sie hüpfte mehr als sie gmg, sprang nach rechts, nach links, kniete ins vermoderte Winter- Ur de mi St tei P' »Ul Tr eir St an Sc bei ein ihr sie, lös Pl wi Lö dai uni ein dai Dl He sch' guc sie wei Ist W: sch' Fi, spil ras Da ja am Do mi: da ton uni sm M wo die jet Ei- ihr ein üb lie fts ko, ess ihr ba da bi, stn — 67 — raub und pflückte jubelnd die weihen Glöckchen. — „Frühling, Frühling!" Sie war selbst wie der Frühling, jung und Kisch, das blonde Haar hing ihr in zwei langen Zöpfen und ihr klares Mädchengesicht leuchtete vor unschuldiger Freude. Wie kamen nur diese zwei Menschen zusammen, sie und der Mann, der neben ihr ging? Ein noch nicht alter, aber müder, vergrübelter Mann mit einem düsteren Zug auf der Stirn, mit Augen, die mehr nach innen als nach außen blickten, und mit dem Haar, auf dem es wie früher Winterreif glänzte. Sie hatten sich kennen gelernt gleich am ersten Tag, den Professor Rasmus hier draußen im Vorort der Hafenstadt zubrachte. Der berühmte Professor war des winterlichen Treibens der Residenz überdrüssig geworden, satt von der eingeengten Luft des Hörsaals und müde des Beifalls seiner Studenten. Er wollte sich hier ausruhen. Oben auf der Höhe, an der weiße Villen sich hinziehen, wie Perlen auf einer Schnur, hatte er sich eingemietet. Der Professor war mit dem kleinen Ostseedampfer von der Stadt herausgefahren, ein schlanker Backfisch im halblangen Rock stieg zugleich mit ihm aus. Beim Sprung auf den schlüpfrigen Steg stolperte sie, die Bücher aus ihrem Arm stürzten nieder, der Riemen löste sich, und die ganze Schulweisheit kollerte über die Planken. „O je!“ Hastig bückte sie sich, und dabei zauste der Seewind ungestüm an ihren Kleidern und warf ihr die blonden Löckchen unter der weißen Mütze in die Augen. Der Herr Professor bückte sich und sammelte mit auf. „O, wie gütig von Ihnen!“ Sie war rot geworden, und dann lachte sie. „Ree, der Wind ist heut' aber toll — und dabei ist doch schon der erste April!“ Freilich, gerade darum. Da macht sich der Wind eben einen Aprilscherz, er findet ein schadenfrohes Vergnügen daran, Röcke fest um junge, schlanke Körper zu drehn, das Blut in zarte Wangen zu jagen, und ernsten, gelehrten Herren ein kleines: „Aufgepaßt!“ in den Weg zu schleudern. Doktor Rasmus lüftete den Hut und wollte weiterschreiten, aber das liebe Gesicht unter der weißen Mütze guckte ihn so freundlich an, und der hübsche Mund sprach: „Ich danke Ihnen, mein Herr,,“ Wie selbstverständlich ging sie neben ihm her, unwillkürlich holten seine langen Beine weniger weit aus. „Wirklich ein nettes, zutrauliches Kind,“ dachte er und sah sie von der Seite an. „Schade, wenn sie nicht so bliebe!“ And dann sagte er: „Empfehle mich!“ „Ich bin noch nicht zuhause,“ sagte die Kleine, „da oben ist erst unsere Villa — sehen Sie, die allerletzte dicht am Wald!“ Sie wies mit der behandschuhten Rechten auf ein schönes, weißes Haus. Sein Blick folgte dem ausgestreckten Finger — o weh, der Handschuh hatte ein Loch, die Fingerspitze guckte neugierig daraus hervor. „Ach,“ sie versteckte rasch die Hand hinter ihrem Rücken — „mein Handschuh! Das sind noch die alten Winterdinger — aber nun wird's ja Frühling!“ „3o, Frühling!“ Weiter hatte er nichts gesagt, sie nur angesehen. ■ Er lauschte ihrem Geplauder. Bald wußte Doktor Rasmus, daß sie Susanne hieß, seit dem Tod ihres Vaters mit der Mutter Winter und Sommer in dem weißen Haus da wohnte, bald sechzehn war und zu Ostern eingesegnet wurde. Sie waren dann mit einem Händedruck geschieden, und seit dem Tag waren der ernste Herr Professor und das sonnige Kind gute Freunde. Merkwürdig, alle Tage, wenn der Gelehrte um die Mittagszeit den sonnendeschtenenen Waldweg auf und abwanderte, der zwischen Buchenstämmen wie in einem Rahmen die weißen Häuser mit ihren Gärten und tiefer unten das jetzt schon ganz blaue Meer zeigte, fand sich Susanne ein. Sie kam angeschossen, atemlos, und lachte schon von weitem ihr fröhliches: „Guten Tag,“ oder sie stand wartend hinter einem Baum, Äs die hohe, dunkle Gestalt auftauchte und über das Männergesicht mit der breiten Stirn und den tiefliegenden Augen ein erhellender Schein glitt. Zu schade, daß sie ihn den andern Mädchen nicht zeigen konnte! Die würden es nicht glauben, daß solch ein interessanter Mann ihr die Schulbücher aufgelesen hatte und jetzt ihr Freund war. Sie war sehr stolz «Af diese Freundschaft; darum hüpfte sie auch heute so strahlend neben ihm her, darum hob sie auch das Gesicht so zärtlich zu ihm auf: „Ich bin so glücklich — es wird, nein, es ist schon Frühling — sind Sie auch glücklich“? „Ich?“ Ein etwas bitteres Lächeln zuckte um des Professors Lippen, „warum sollte ich wohl glücklich sein?“ Ihre großen Kinderaugen wurden noch größer. „Aber man muß doch glücklich fein, wenn die Sonne so scheint und die Erde so duftet, und die Blumen kommen und das Grün und die Vögel. Warten Sie!“ Sie sprang fort, pflückte ein paar Schneeglöckchen und drückte sie ihm in die Hand: „Hier, der Frühling grüßt Sie!“ Er nahm die Blumen und sah darauf nieder. „Warum seufzen Sie?“ Sie sah ihn besorgt an. „Mögen Sre die Blumen nicht?“ „O ja, ich mag sie schon.“ Seine Antwort klang kurz, und dann schien er in Gedanken versunken. Sie wanderten stillschweigend weiter. Susannes glänzende Augen streiften verstohlen das Gesicht des Mannes. Plötzlich blieb sie stehen und ihre Stimme klang unsicher: „Sind Sie traurig? Ich habe nachts schon manchmal gedacht, vergnügt sind Sie eigentlich doch kein bischen; aber so ein Gesicht wie heut' haben Sie noch nie gemacht. Sehen Sie sich um, bitte, die Welt ist doch so schön, die Menschen sind alle so gut —“ »Gut?“ unterbrach er sie. „Das finde ich nicht.“ „Mir sind alle gut, und ich bin auch allen gut. And morgen ist Ostern, und ich werde eingesegnet, und ich freue mich. Bitte, freuen Sie sich doch auch! Sie kommen doch auch in die Kirche? Da sehen Sie auch meine Mutter, sie ist eine schöne Frau. And ich nicke Ihnen zu. Richt wahr. Sie freuen sich doch auch?“ „Ich kann mich nicht mehr freuen, liebes Kind, die Zeiten sind vorbei. Ich bin alt. Sie sind jung, Susanne, und können mich nicht verstehen. Ich will nichts mehr von der Welt, meine Welt ist die Wissenschaft, ihr lebe ich; aber man wird arm dabei — und sehr einsam!“ „Rein, nicht arm, nicht einsam!“ Ein brennendes Rot stieg ihr in die Wangen: „Das sollen Sie nicht sagen, ich kann das nicht hören!“ And plötzlich, in Weinen ausbrechend, faßte sie mit beiden Armen den Erschrockenen um den Hals — ein Schluchzen — eine tränenfeuchte, glühende Wange — ein leichter Kuß — dann flatterte ihr Kleid, die Zöpfe wehten, sie war fortgelaufen. Der Professor stand verdutzt; es hatte sich auf seine Wange gelegt, zart und weich wie ein Blütenblatt, es hatte ihn anqeweht wie Lenzeshauch, Frühlingsregen hatte getröpfelt. Was sollte das ihm?! Die Rächt schlief er schlecht, vielmehr gar nicht. Er starrte ins Dunkel hinein — zwanzig Zähre, zwanzig lange Jahre hatte ihn niemand geküßt! And neben Susannes rosigem Gesicht tauchte ein anderes Mädchen gesicht auf; fast sahen sich die beiden ähnlich. Er ging wieder zwischen knospenden Gartenbüschen, und vor ihm stand die, die er liebte, und hielt ein Osterei in der Hand. Ein weißes Zuckerei mit bunter Inschrift: „Dies Ei ist fein, mein Herz ist dein!“ „Gib es mir,“ hatte er gebeten; aber sie hatte es lachend einem anderen geschenkt. „Regierte mich der Teufel?!“ Der Mann im Bett rief es laut — war es teert, sich um ein Osterei zu entzweien? Er war heftig gewesen, reizbar, mißtrauisch — sie war schnippisch, beleidigt, von ihren heimlichen Tränen sah er nichts — gute Freunde trugen dazwischen, aus war's. Die Orgel spielte, die Kirche war übervoll, der Geistliche predigte, und jetzt, jetzt trat sie vor aus der Reihe der Genossinnen, seine kleine Freundin, das blonde Kind. Rein, heute kein Kind mehr! 3n langen Falten hing daS schwarze Kleid, sie stand und schlug die Augen nieder. „Die ist mal hübsch,“ flüsterte es hinter Rasmus. Za. sie war hübsch, aber sie war mehr als das! Er fühlte sich innig bewegt. Durch bunte Kirchenfenster drang warmes, sanftes Licht, die Orgel brauste, die Gemeinde sang — vor seinen Augen verschwamm Susaimes jugendliche Gestalt, in seinem Innern sprang ein Fenster auf, und eine heitere, quellende Morgenluft strömte herein. Wie einer, dem die Tür zur Freiheit plötzlich geöffnet ist, so ging der Professor zur Kirche hinaus. Draußen Frühlingszauber; durch das blendende Sonnengeflimmer kamen jetzt zwei Gestalten auf ihn zu: eine noch schöne Frau mit leichtem Grau an den Schläfen und ein junges Mädchen. „Ach. da sind Sie ja,“ rief Susannens Stimme, „wie nett von Ihnen! — And hier, hier, das ist meine Mutter!“ „Meine Tochter hat mir alles gebeichtet. —“ sprach die weiche Stimme der Mutter mit leichter Befangenheit. „Susanne ist noch so unbedacht, sie vergißt manchmal, daß es nicht ganz schicklich ist, was —“ Warum stockte sie plötzlich? Ihre ausgestreckte Hand zitterte, ihre dunklen Augen wurden ganz groß, ganz starr, fast erschrocken. Sie wurde sehr blaß. 68 Ostern als Geburtstag des modernen Dramas Don Dr. Paul Landau. Die Osterfeier hat für die Geschichte der Dichtung eine besondere Bedeutung: aus ihr ist das moderne Drama geboren worden. Don den unscheinbaren Anfängen der kirchlichen Liturgie an hat es sich langsam und allmählich entwickelt, und heute auf der Höhe einer jahrhundertelangen künstlerischen Entfaltung gedenken wir kaum noch der Reime, aus denen der stolze Bau unseres Dramas entsprossen ist. Aber das größte deutsche dramatische Werk, der Faust, läßt in seiner weihevollen Verherrlichung des Osterfestes die Präludien des frühen Werdens wieder erklingen und schließt fo die Kette, die von den ersten Regungen einer dialogischen Gestaltung der Auferstehung bis empor zur klassischen deutschen Dichtung führt. Zu Ostern also dürfen wir auch stets die Erinnerung an das Entstehen des deutschen Schauspiels feiern; in den Wechselgesängen der Liturgien liegen bereits die Elemente des dramatischen Geschehens beschlossen. Das Opfer des neuen Bundes, das Christus am Kreuze dargebracht, war schon in der frühchristlichen Kirche zum Mittelpunkt des Gottesdienstes geworden; die Wechselgesänge und andere dialogische Formen gaben der Liturgie eine reiche Mannigfaltigkeit und besonders die Osterfeier hatte einen dramatischen Charakter, indem hier die Priester, die Altardiener, die Sänger und die Gemeinde zu einer erhabenen Zeremonie sich vereinigen. Besonders bildeten sich kurze Wechselreden zwischen den drei Marien und den Engeln am Grabe heraus, die den Wortlaut dem Evangelientext des Markus entnahmen; sie enthalten den Kern aller liturgischen Osterfeiern und damit die Wurzel der lateinischdeutschen Osterspiele. Die dramatische Urform der Feier vollzog sich so. daß in der Frühmesse des Ostersonntags nach dem dritten Desponsorium der Chor in feierlicher Prozession zu einem Orte neben dem Altäre zog, der durch das am Karfreitag aufgestellte, in ein Tuch gehüllte Kreuz als Christi Grab bezeichnet war, sich in zwei Teile schied und der eine die Worte der Marien, der andere die Worte der Engel fang. Diese Worte sind uns zuerst in Auch über das zergrübelte Männergesicht zuckte es seltsam. Stumme Minuten. „Gnädige Frau," klang es bann stockend, und bann verbeugte sich Rasmus und küßte bte bebende Frauenhand. „Sie — Sie, Susannens Mutter?! Susannens Augen irrten fragend hin und her, ihr Mund blieb erstaunt geöffnet: „Aber, Mama, ihr kennt euch ja schon?!“ „Wir kennen uns schon," sprach die Mutter. And er sagte: „Freilich ist es schon lange her, aber wir haben uns gut gekannt. Sehr gut! Örn Garten der weißen Billa schritten am Aachmittag die verwitwete Frau Generalkonsul Werner und Professor Rasmus auf und ab. Sie gingen immer wieder und wieder denselben Pfad, sie sprachen halblaut, auf ihren Gesichtern lag eine tiefe Erregung. Sie sahen nicht den Sonnenglanz über frühlingsfrischen Beeten, nicht den blauen Himmel, nicht das weite Meer, sie sahen nur ihre Jugendzeit, und leise schlug die Erinnerung ein Blatt des Buches nach dem anderen um. , . Fast erschrocken fuhr die Frau zusammen, als es jetzt in den Büschen rauschte. Susanne kam gesprungen, ihre blonden Haare flatterten, das hübsche Gesicht glühte vor Lust. „O sieh mal, dies schöne Ei, das hab' ich eben gefunden. Das schenk' ich euch, das müßt ihr teilen!" And schon stürmte sie wieder davon. Die Beiden standen und sahen sich an. Sie blieben stumm eine lange Weile. Man horte nichts als tiefes, zitterndes Atmen, und bann flüsterte sie, scheubeklommen: „War es möglich, um ein Ei?!" Er fuhr sich über die Stirn, und bann nickte er, traurig und doch wieder mit einem leisen Hoffnungsschimmer: „Lange, törichte, verlorene Jahre, aber nun —?“ Er sah sie fragend an, blickte tief in ihre Augen. Da -reichte sie ihm beide Hände, lächelnd, gerührt. — And bann suchten sie Susanne. Wie würbe die sich freuen, daß der Freund und die Mutter sich gefunden hatten! Aber Susanne wurde glühend rot, Tränen stürten ihr aus den Augen und, sich die Hände vors Gesicht haltend, lief sie schluchzend fort. Den ganzen Rachmittag ließ sie sich nicht mehr sehen. Erst am Abend, als er gegangen war. war sie plötzlich wieder da, schlich sich leise an die Seite der Mutter und schmiegte ihre heiße Stirn zärtlich an deren Wange. „Heirate du ihn nur,“ sagte sie, „er paßt am Ende doch besser zu dir!“ einer St. ©aller Handschrift des 10. Jahrhunderts überliefert; sie lauten in Aebersehung: „Wen sucht ihr im Grabe, ihr Christinnen!" „Jesus von Aazareth, den Gekreuzigten, ihr Himmlischen." „Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Gehet hin, verkündet es, da er aus dem Grabe auferstanden." Aus dem Gesang des Chors traten bald einzelne Personen heraus. Aach Beendigung der Frühmesse erschienen zwei Kleriker, Palmenzweige in den Händen, die die Engel darstellten, und setzten sich an dem teeren Grabe nieder. Dann kamen drei ältere Kleriker, die Weihrauchfässer schwingend, als Marien langsam herangeschritten und sahen sich dabei spähend, suchend um. Run richteten die Engel an sie die Frage, die Marien antworteten und bei dem „Er ist auferstanden" der Engel stimmte auch der Chor den Hymnus an. Ein Tedeum beschloß die Zeremonie. Dieser vratorienhafte Charakter der Feier wurde immer mehr ausgebildet, indem neue Hymnen und Sequenzen hinzutraten. In einer lateinischen Osterfeier aus Trier, die dem 13. Jahrhundert angehört macht sich zum ersten Mal die Einzelperson geltend und zwar dadurch, daß in die Feier die berühmte Ostersequenz von dem Lamme Gottes eingelegt ist, in der Maria dreimal direkt zur Antwort aufgesordert wird. „Sag an, Maria, was du unterwegs gesehen?" Die Marien sprachen nun, jede einzeln, die drei Antwvrtsätze und traten so individueller hervor. Zum wirklichen Drama aber wird die kirchliche Osterfeier durch die Einführung der Person Christi selbst, der der Maria Magdalena erscheint. Hier ist ein durchgeführter Dialog, von hier aus entfaltet sich ein feinerer Aufbau, indem Maria Magdalena durch einen Chorgesang herausgehoben und dem Heiland gegenübergestellt wird. Eine Rürnberger Feier aus dem 13. Jahrhundert zeigt diese reich ausgebildete, die liturgischen Formen schon fast sprengende Szenenreihe, und in die lateinischen Hymnen und Sequenzen tönt bereits mächtig hinein ein deutscher Gesang. das einfach gewaltige Osterlied „Christ ist erstanden". Ungestüm pochte in diesen geistlichen Aufführungen das volkstümliche Element und rang zu eigener Gestaltung in Sprache und Inhalt. Eine gewisse schauspielerische Mimik und Szenierung war in den kirchlichen Osterfeiern unvermeidlich gewesen; sie machte sich immer stärker geltend, zumal als die „fahrenden Kleriker", die z vielerfahrenen Wanderpriester, sich der Ausführungen annahmen und eine Art geistlicher Berufsschauspieler herausbildeten. Eifernde Bußprediger begannen gegen die Profanierungen des Heiligsten aufzutreten; Verbote gegen das Auftreten der Vaganten in der Kirche wurden erlassen. Das Volk aber hatte dieses Ost erspiel, das ihm in anschaulichen Vorgängen die lateinischen Texte erläuterte, tief ins Herz geschlossen. So ward denn das Osterspiel aus dem Gotteshause ins Freie verlegt, und jetzt begann erst seine eigentliche Entfaltung zum Volksdraina. Der deutsche Text wurde nun die Hauptsache. 3n einem Trierer Spiel des 13. Jahrhunderts finden wir bereits die lateinischen Hymnen und Sprüche fast überall in deutsche Reimpaare recht frei überseht, und ein anmutig schalkhafter Geist umspielt schon die ernsten starren Sätze der Vulgata. Das ursprüngliche Osterspiel bestand aus einer Reihe von Szenen. in denen sich an den Gang der Frauen zum Grab die Grabes- fzene zw fchen Jesus und Maria Magdalena anschloß, dann folgte die Verkündigung der Auferstehung und der Wettlauf der Apostel Petrus und Johannes zum Grabe. Der Apostelszene fügte man bald die populäre Gestalt des ungläubigen Thomas zu, dem Christus auch erscheint, während man dem Gang der Marien eine Begegnung mit einem Salbenkrämer und den Kauf der Salben für den Leichnam des Herrn voraufstellte. Diese Krämerszene wird allmählich zu einem ganzen burlesk derben Possensp el. Doch auch grandiose und weihevolle Szenen weih das Volksdrama zu fchasfen. Man verlangt nach einer sinnlichen Darstellung des w ch- tigsten Vorganges, der Auferstehung: Christus steigt aus dem Grabe empor, die Siegesfahhne in der Hand, und singt selbst das: „Ich bin auferstanden." Zum Bilde des auferstehenden Christus aber gehören die Wächter, die in ihrer prahlerischen Großmannssucht geschildert werden, um dann desto fester einzuschlafen. Pilatus tritt auf, der feine Lehensmannen selbst ans Grab führt und zur Wachsamkeit ermahnt. Auch die Juden erscheinen in langer Prozession von Kaiphas und Hannas geführt, und ziehen mit halb hebräischen und halb lateinischen Gesängen zur Synagoge, um hier Rat zu halten. Während all diese breit angeführten Szenen sich als Einleitung in farbigen Bildern entfalten, wird nach der Auferstehung Christi Höllenfahrt geschildert, der die gefangenen Seelen befreien will und dabei einen harten Kampf mit den Teufeln, besonders mit Lueifer und Satanas, zu bestehen hat. Die burleske Ausmalung der Hölle und der Teufel, dazu die ernste Mahnung an Strafe und Gericht wirken allmählich so stark, daß ganze Teufelsspiele in das Osterdrama eingefügt werden, in denen die Boten Lucifers die durch Jesus leer und öde gewordene Hölle wieder nach Kräften zu füllen und zu beleben trachten. Sv ist aus dem Ksterspiel im 15. Jahrhundert ein ganzes Weltdrama entstanden das durch Himmel und Hölle, von der Erde zum Paradiese führt, das Erhabene mit dem Kom fchen mischt und realistische Bilder des Lebens neben die heiligen Wunder der Auferstehungsgeschichle stellt. Ein deutsches Drama aus deutschem Volksgeist ist geschaffen. Schriltleitunq: Dr. Friede. Will). Lange. — Druck und Verlag der Brühlstchen älniv.-Vuck- und Steindruckerei. R, Lange. Gießen.