Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang <42^__________________Samstag, Sen 19. Januar ______ Nummer 3 Sie sollen ihn nicht haben n • • - - Len, I™ duschen Rhein, so fang einst vor hundert -^ltolaus Decker. Der Rhein ist auch, heute wieder das wmnbrld unserer natMralen Rot, des Rheines Schicksal ist das Schicksal des deutschen Vaterlandes. Darum Haden zwei deutsche ^Hanner*) m rechter Erkenntnis für das, was dem deutschen Volk rn dreser Stunde höchster Gefahr vor allem not tut, dem deutsche-- stm der Ströme, in dessen grünen Fluten seit grauen Dorzeiten sich Dache Heiden Bluts ergossen von all den Kämpfen um seine Äser, ein monumentales Denkmal errichtet, den Deutschen „einen Spiegel öer Scham und der Hoffnung zugleich", um durch die großen und «nenden Erinnerungen die Lauen auszurütteln, die Wissenden zu starken und zum Kampf um den Rhein, zum Kampf um Deutschland. Lam die „Stimmen des Rheines" in diesen Tagen, da die Gedamen mehr als sonst hiniiberwandern über den Strom zu jenem -Betfaultä, in dessen Spiegelsaal sich zwiefach unserSchicksal erfüllte, e Herrlichkeit begann und nach weniger als 50 Jahren kläglich endete, laßt sie laut zu uns sprechen und in uns das teeaen, was allein wieder aus Rot und Schande empvrführen kann zu lichteren Höhen: den Willen zur Freiheit. Der Rhein, die Sicherung Deutschlands. Ähr schönen Dheinlau.de, eure Sicherheit und das Heil der deutschen Stämme, die euch bewohnen, wäre schmählich dahingegen ven, ihr wäret die ersten bedauernswürdigen Opfer eines solchen Vertrages und die erste sichere Beute des schlauen Feindes, der mitten in seiner tiefsten Erniedrigung und in seiner härtesten .Uu- glückszeit den schönsten Sieg erfochten ... Dicht lange genug hat lauf euren Feldern der Krieg geraset, die Zahl der Jahrhunderte, in oenen ihr diesem Volke preisgegeben seid, ist noch lan^r nicht erfüllt, noch auch ist das Blutes genug vergossen. Wo irgend eines eurer alten Denkmale verwüstet steht, die Franzosen haben es aus- geführt,- wo irgend ein alter Tempel im Rauche aufgegangen, die Franzosen haben ihn angezündet; wo ein Palast in Trümmern liegt, dies Volk hat ihn zerstört... Wer den Rhein oder auch nur einen Teil des Rheins im Besitz ' hat. behält die Pulsader feines Lebens und somit fein Leben selbst in seiner Gewalt beschlossen, und Süddeutschland. das hinter dein Bollwerk des Elsasses wohl gesichert läge, wird vor ihm gerade wie die Rheinlande immer der Schauplatz französischer Kriege sein. (Görres. Rhein. Merkur. 1814/15.) Historisches Recht. Keinem Deutschen darf es verborgen oder gleichgültig bleiben, bah, wenn Frankreich und Deutschland je miteinander abrechnen, olles Soll auf feiner, alles Haben auf unsrer Seite steht. Dur wir haben von Frankreich zu fordern, was es uns widerrechtlich entrissen. Frankreich dagegen hat nichts von uns zu fordern, nicht rin Dors, nicht einen Baum. Der Rhein ist, wie Arndt kurz und gut gesagt hat, Deutschlands Strom — nickt Deutschlands Grenze. Geht man vorn historischen Recht aus, so ist alles, was Frankreich seit dem dreizehnten Jahrhundert an seinen östlichen Grenzen gewonnen hat, ein Raub an Deutschland gewesen, so sind alle bnr- aundischrn und lothringischen Lande unser altes, uns widerrechtlich entrissenes Eigentum, und wir hätten demnach noch weit mehr zu reklamieren als die Sprachgrenze. Geht man vom nationalen Standpunkt aus und macht die Sprache zur natürlichen Grenze der Matronen, so gehört uns der ganze Rhein mit seinem ganzen linken wie rechten Äser, denn im ganzen Flußgebiet des Rheins wird seit vierzehn Jahrhunderten deutsch gesprochen ... Äst es zu viel der« langt von einer so großen, alten, erfahrenen und durch und durch gebildeten Ration, wie die deutsche, wenn man ihr zumutet, sich nicht in sich selbst zu verfeinden, solange ihr noch so viele Feinde von außen drohen? ... Wir müssen uns, selbst mitten im Meden, immer wie ein großes Heer im Feldlager und im Angesicht eines mächtigen Feindes betrachten. Än solcher Lage ziemt es uns nicht, aus welchem scheinbar sehr natürlichen und gerechten Anlaß es auch geschehe, unseirmnder selbst feindlich gegenüber zu stellen. Wir müssen immer nur Front machen gegen den Feind von außen. (Mvltke, Die westliche Grenzfrage, 1841.) *) Friedrich Wolters und Walter Glze: Stimmen des BHeines. ein Lesebuch für die Deutsche», im Verlag von Ferdinand Hirt, Breslau 1923 Französische Methode». Mitten im Frieden haben Sie Krieg geführt und wunderbare Eroberungen gemacht. Sie haben eine Reunionskammer eiagerich- tet, um zugleich Richter und Partei zu fein, das hieß die Beleb digung und dm Spott der Usurpation und der Gewalt hinzufügm. Sie haben rm Westfalischen Frieden, um Straßburg zu überraschen, nach zweifelhaften Ausdruckm gesucht. Keiner Ihrer Minister wurde es jemals gewagt haben, diese Ausdrücke nach ?t> bieten vaßren m irgendeiner Verhandlung zu gebrauchen, um durch sie zu zeigen, daß Sie Ansprüche auf diese Stadt besitzen. Sin 'solches Betragen hat Europa gegen Sie bereinigt und erregt. Selbst die offen zu erklären, wünschen mit Angeduld M ®‘e, ?Eschwacht und erniedrigt werden, weil das die einzige Möglichkeit für rhre Freiheit und für die Ruhe aller christlichen Schulte? tft (Seneton art Ludwig XIV. - Ueberschung A Französischer Stießen! ®e.r Friedensfristen wird sich Frankreich weit besser, als wir als UIt& Ulti Länger nicht genießen lassen' nrrS ^-WFEOcht, daß wir nochmals ■3’2^ stumpf beiven müssen ... Sodann wird JjjJ’on 3a5r zu v-ahr eine rlrsach an uns vom Zaun herab müssen, efne r“ FJraflt Werden: wie teuer wir abermals E solche Frist erhandeln wollen? und solches so lang und so oft bis nicht ein Fußbreit mehr des freien Deutschlands unter Himmel zu finden fein wird! (Richt der Rhein, sondern dis Vogefen und Ardennen Deutschlands Grenze! Flugschrift l§62.) SsparatismvS- . Es gab in den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts eine. Zeit, wo man Jtd> am linken Rheinufer nicht glänzender als «freien Aeufranken ‘ kundgeben konnte, als indem man ein Denk- mittelaltrigen Finsternis und Gewaltherrschaft vom Boden vertilgte. Burgen, die tief im Wald und Gebirg auf hohen Gipfeln lagen,, und deren Abbruch in einer bruchsteinreichen Gegend ebensowenig nutzen konnte als ihr Fortbestand schaden, wurden von einzelnen mit Muhe uno Kosten abgebrochen, lediglich auf daß der Göttin der Vernunft und Freiheit eine weitere Hekatombe falte Es war dies zur selben Zeit, wo die Franzosen auf der Stätte des wegzurafierenden Speierer Doms anfänglich einen Exerzierplatz fcann bei noch hoher aufslammender Begeisterung einen Saumarkt anlegen wollten, und, weil die Mauern gar zu widerspenstig waren Steinbruck- erklärten, und jeden Einwohner mit Strafe bedrohten, der anderswo Bausteine brechen werde - dieselbe Franzosen, welche 100 Jphre früher in Landau verfüg- te”«. ^«8 Wr Einwohner in Stadt und Land, der nicht seine pfäb * Volkstracht ablege, und sich statt ihrer einen französischen «"schaffe, um 50 Livres gestraft werden solle. (H. W. Riehl, Die Pfälzer, 1853.) Bsr Avis Becker gegen dir Rheinische Republik. Republikaner bin ich; aber davon war damals nicht die Redl und von einer rheinischen Republik erst reckt nicht. Wenn ich von einer Trennung der Verwaltung für Rheinland und Westfalen von der des übrigen Preußen sprach, so geschah bas nur in der Voraussetzung, daß der König von Preußen auch König von Rheinland und Westfalen bleibe. Rheinland und Westfalen, afö Republik für sich — nein, so etwas träume ich nicht. Wir Deutschen haben eben das besondere Anglück. daß wir zuerst den Staats- boden gewinnen müssen, so wir von der Dlaatsform reden können, Äch bin so entschieden der Üleberzeugung, daß Deutschland ein einheitlicher Staat werden müsse, daß ich die Einheit auch um den Preis des starrsten Absolutismus zu Dank annehme. Gerade weil ich Rheinländer bin und also die Gefahr meiner Heimat, infolge der preußischen Staatskunst dem Vaterland entfremdet zu werden, unmittelbar vor Augen habe, dringe ich vor allen Dingen aus Herstellung eines deutschen Gefamtstaates: und, bis der möglich wird, auf die Anerkennung des Deutschtums der Rheinländer, und daß bas geschehe, barm: ist ganz Deutschland interessiert. (Der rote Becker' an Kattner, 1856.) Feigheit Es werden die Matten und Feigen komme«, die ohne Arbeit stücklich und ohne Blut frei fein wollen, diese werden sprechens >is zum Rhein ist des deutschen Landes genug, das andere kostet — 10 — »u viel Gefahr und Mut, darum mögen wir es -den Franzosen jassen Diesen sollst du nicht glauben; denn wenn du nicht wieder- aewinnst, was des deutschen Landes jenseits des Rheines hegt, so hast du diesen groben Krieg umsonst begonnen und geführt. (@. M. Arndt, Geist der Zeit, 1813.) Friedrich Engels und das Vaterland. Aachdem Burgund und Lothringen uns entrissen, nachdem wir Flandern französisch, Holland und Belgien unabhängig werden liehen nachdem Frankreich mit Elsah schon bis an den Rhein vor- gedrungen und nur ein verhältnismäßig kleiner Tut der ehemals deutschen linken Rheinseite noch unser ist, setzt schämen wir uns nicht, grohzutun und zu schreien: das letzte Stuck sollt ihr wenigstens nicht haben. O über die Deutschen! And wenn dw Franzosen den Rhein hätten, so würden wrr doch mit dem lächerlichsten Stoche «rufen: Sie sollen sie nicht haben, die freie deutsche Weser und so fort bis zur Elbe und Oder, bis Deutschland zwischen Franzosen hntb Russen geteilt wäre und uns nur zu fingen bliebe: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Strom der Theorie, fotange noch ein unpraktischer Gedankenfisch auf seinem Grund die ülosse hebt! Statt daß wir Buhe tun sollten im Sack und in der Asche für die Sünden, durch die wir alle jene schönen Länder verloren haben, für die Aneinigkeit und den Verrat an der Idee, für den Drvvinziälpatrivtismus, der vom Ganzen um deS lokalen Bor.eits willen abfällt und für die nationale Dcwr.ß losig en! Allerdings ist es eine fixe Idee bei den Franzosen, dah der Rhein ihr Eigenium sei, aber die einzige des deutschen Volkes würdige Antwort aus dies-' anmaßende Forderung ist daS Arndtsche: „heraus mit. dem Elsah und Lothringen!" Denn ich bin vielleicht im Gegensatz zu vielen, deren Standpunkt'ich sonst teile, allerdings der Ansicht, dah die Wiedereroberung der Deutsch sprechenden linken Rheinseite eine nationale Ehrensache, die Germanisierung des abtrünnig gewordenen Hollands und Belgiens eine politische Rvtwendigkeit für uns ist. Sollen wir in ienen Ländern die deutsche Rationalität vollends unterdrücken lassen, während im Osten sich das Slaventum immer mächtiger erhebt? Sollen wir die Freundschaft Frankreichs mit der Deutsckheit unsrer schönsten Provinzen erkaufen, sollen wir einen kaum hundertjährigen Besitz, der sich nicht einmal das Eroberte assimilieren konnte, sollen wir die Verträge von 1815 für em Arteck des Meltgeistes in letzter Instanz halten? ■ Mer auf der anderen Seite sind wir der Elsässer nicht wert, solange wir ihnen das nicht geben können, was sie jetzt besitzen, ein freies öffentliches Leben in einem großen Staate. Es kommt ohne Zweifel noch einmal zum Kampf zwischen uns und Frankreich, Md Da wird sich's zeigen, wer des linken Rheinufers würdig ist. Bis dahin können wir die Frage ruhig der Entwicklung unsrer Volkstümlichkeit und des Weltgeistes anheimstellen, bis dahin sollen wir auf ein klares gegenseitiges Verständnis der europäischen Rationen hinarbeiten und nach der inneren Einheit streben, die Unser erstes Bedürfnis und die Basis unsrer zukünftigen Freiheit ist. Solange die Zersplitterung unseres Vaterlandes besteht, solange sind wir politisch Rull. (Friedrich Engels, E. M. Arndt, 1841.) Gelöbnis für Rhein und Ruhr. Blicket auf die, welche zwischen dem Rhein und der Mosel Md der Saar wohnen, welche die Afer der Ruhr und Maas be- weiden, und errötet, wenn ihr nicht hoffet, daß sie weder Deutschlands Kinder werden sollen; ja wenn ihr nicht vor Gott und der Welt gelobet, daß ihr sie wiedergewinnen wollet. Werfet Eure Mrgen auf diese Ströme und Länder, o wendet auch eure Herzen Dahin! und was sehet ihr? was fühlet ihr? ihr sehet das Land, Das euch an die herrlichsten Arbeiten und Kämpfe eurer Väter mahnet, ihr sehet die Arsprünge und Anfänge eures Volkes, die heiligsten Erinnerungen des Reichs der Deutschen, die Wiege eurer Bildung, die Städte, wo eure Kaiser gewählt, eure Erzkanzler, eure Erzbischöfe schlafen, die Denkmäler eures Ruhms und eurer Größe. Wohin ihr blicket, wohin ihr tretet — und ihr könntet den Gedanken ertragen, daß dieses Aelteste, dieses Ehrwürdigste, dieses Deutscheste französisch werden sollte? wahrlich mit dem Gedanken ertragt ihr auch die französische Sklaverei. (EM. Arndt, Der Rhein Deutschlands Strom aber nicht Deutschlands Grenze, 1814.) Amfchwuug. Daß ein Strahl von Hellas auf uns fiel: daß unsere Jugend jetzt das Leben nicht mehr' niedrig sondern glühend anzusehen beginnt: daß sie im Leiblichen und Geistigen nach schönen Maßen sucht: daß sie von der Schwärmerei für seichte allgemeine Bildung und Beglückung sich ebenso gelöst hat als von verjährter lanzknech- tischer Barbarei: daß sie die steife Gradheit sowie das geduckte Lastentragende der Amlebenden als häßlich vermeidet und freien Hauptes schön durch das Leben schreiten will: daß sie schließlich auch ihr Volkstum groß und nicht im beschränkten Sinne eines Stammes auffaßt: darin finde man den Umschwung des deutschen Wesens bei der Jahrhundertwende. (Blätter für Die Kunst, 4, Folge, 1892-99.) (Ein Separatist vor hundert Jahren. Aus Briefen Georg Forsters. Die Erinnerung an eins der denkwürdigsten Gestalten der deutschen Literaturgeschichte ruft der bekannte Verleger und Schriftsteller Wilhelm L a n g e w i e s ch e*) wach, mit einer außerordentlich farbenfreudigen, eindrucksvollen Schilderung des bewegten Lebens Georg Forsters unter Wiedergabe vieler Briefe und Tagebucheintragungen. Es ist ein Menschenschicksal von erschütternder Tragik, was aus diesen Blättern zu uns spricht. Ein hochgebildeter, weitstrebender Mann, der sich als Raturforfcher und Weltumwälztzr bereits in jungen Jahren einen bedeutenden Ramen gemacht hat, wird ergriffen von dem Freiheitsrausch der französischen Revolution und, abgestvßen von den widerwärtigen Verhältnissen in der deutschen Heimat, schließt er sich begeistert den Franzosen an, als diese 1792 Mainz besetzen, wo er Bibliothekar der kurfürstlichen Aniversität war. Aus reinstem Idealismus, aus einer Aeber- zeugung heraus, der er bis in den bitteren Tod in der Pariser Verbannung treu blieb, wird er Jakobiner und tritt mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit für Republikanisierung und Französierung ein. Diese lauteren Beweggründe unterscheiden einen Mann wie Forster so himmelweit von dem landfremden, käuflichen Gesindel, das heute als Schergen des französischen Imperialismus am deutschen Rhein sein trauriges Handwerk treibt. Die folgenden Briefstellen geben ein Bild der Mainzer Verhältnisse nach dem Einzug des französischen Generals Custine und einen Ei> blick in Forsters Wirken, das im übrigen Deutschland mit Fug und Recht als Daterlandsverrat aufgefaßt und gebrand- m-arkt wurde. Am 25. Oktober 1792 schreibt Forster an seinen Freund Huber: „Zehn Ahr morgens. Diesen Augenblick komme ich vom General, wo wir zwei Stunden warten mußten. Ich hielt eine kurze Anrede vom Papier ab an ihn, die er sogleich aus dem Stegreif beantwortete und zwar mit Bedacht, ohne das Geringste zu vergessen, und wohlgesetzt. Er ist etwa fünfzig Jahre alt und hat sehr guten Anstand. Vorgestern ist doch schon eine Art Klub ge» . halten worden. Gestern soll Custine selbst sehr gut gesprochen haben, und, wie zu vermuten ttxtr, hat das schon' Zutrauen erweckt. Er versicherte, Frankreich werde nie von Mainz lassen, falls die Bürger fick) unabhängig erklären; es sei im Werke, die französischen Waffen bis nach Bonn zu führen, und die Despoten müßten sich nicht regen können. Ans antwortete der General so günstig wie wir für die Aniversität wünschen konnten; insbesondere versicherte er, da die Zehnten (worin unsre meisten Einkünfte bestehen) ein Teil des gothischen Feudalitätsgebäudes wären, so könnten sie freilich bei einer künftigen neuen Ordnung der Dinge nicht bestehen, allein nach dem Beispiel Frankreichs könnten wir ab» nehmen, daß man andre Fonds ausmitteln würde, um die Aniversität zu unterhalten". And am 27. Oktober begründet er in einem Brief an den Berliner Buchhändler Voß seine politische Stellungnahme zugunsten Frankreichs. Es heißt dort: „Die Republik Frankreich scheintMainz nicht wieder fahren lassen zu wollen; eine Freiheitsgesellschaft hat sich unter den Auspizien des Generals Custine gebildet, und die sich selbst überlassene Bürgerschaft scheint ganz geneigt, so wie Savoyen, sich der Republik in die Arme zu werfen. Rur behalten die Leute noch Die Augen offen auf diejenigen unter ihnen, denen sie Beurteilung und Einsicht zutrauen und die sich noch nicht erklärt haben. Ich habe mit mehreren gutgesinnten Männern bisher von Allem mich zurückgehalten; allein diese Reutralität ist mißlich, die Krisis naht heran, und man wird Partei ergreifen müssen. Das Beispiel Frankreichs hat gezeigt, was das Schicksal der Emigrierten überall fein müsse, und der durch die gänzliche Vernichtung der kombinierten Aimee geweckte Revolutionsgeist wirkt, wie man vvrausgesehen hat, bereits so kräftig, daß für die deutsche Verfassung alles zu befürchten steht, wenn man im Frieden nicht die bereits entscheidend demokratisch gewordenen Teile ablöset oder willig hingibt. Der Rhein ist jetzt zum Glück für Deutschland da; er muß die Grenze sein, die das Land der Republik von Deutschland absondert. Raserei wäre es, wenn man jetzt noch an die alten Träume von An- verletzbarkeit und Anzertrennbarkeit des Reichs dächte. Alles geht verloren, sobald man etwas zurückhaben will Das Beispiel der königlichen Macht in Frankreich ist hinreichend, dies zu beweisen ... In dieser Lage die Bürgerschaft, mehr aber noch das Volk auf dem Lande zurückzuhalten, Hinzuhalten, von einer Entscheidung abzuhalten, ist ohne auswärtiges kräftiges Zureden ganz unmöglich Der Kurfürst ist in Hannover, der Koadjutor kommt nicht her^mo vom Kapitel bekümmert sich niemand darum, zum Besten des Adels, der Geistlichkeit und der alten Verfassung ein Wörtchen zu sprechen. Die Elendigkeit, womit man noch jetzt an den Lügen der Emigrierten hängt und sich nicht getraut, unter Menschen als Mensch unbefangen aufzutreten, übersteigt allen Glauben. Feia uno adelig fangen an synonym zu werden, und für diejenigen Adeligen, die man kennt, ehrt und liebt, muß man beinahe weinen, daß tyr Stand so herabgesunken und an eigenem Innern Wert so verarmr M ... *) Georg Forster, Abenteuer eines Lebens (Bücher der Rose, Verlag W. Langewiesche-Brcmdt in Ebenhausen und Leipzig). 11 Das allgemeine Wohl des Orts, wo man sich befindet, muß man wollen dem Willen der Mehrheit muß man folgen oder seine bürgerliche Existenz und seine Familie einer blinden Anhänglich- leit an Leute opfern, die für sich selbst nichts zu tun imstande Ed, viel weniger ihre Klienten oder diejenigen, die um ihret- llen ins Unglück geraten, unterstützen wollen und können. Darf Irtan in Mainz öffentlich sagen, daß man für den Kurfürsten sei. her die Witwen- und Pupillen-fwaisen-jkasse mit sich genommen hat und von den Tränen der Waisen seines Leibes Pflegt! für einen Adel, der alles, was er Bewegliches hatte, geflüchtet hat imb dann von der Bürgerschaft verlangte, daß sie sich wehren solle! für eine Geistlichkeit, die sich schon lange beim Volk verhaßt gemacht hat und bei dieser Gelegenheit ebenso feig und eigennützig sich zeigte wie der Adel. — Was denken Sie wohl, daß in solcher Lage zu tun sei? Mein Haus und Ameublement, das heißt: was ich in der 'Welt habe, zu verlassen und aufs gerate« wohl mit Frau und Kind umherzuirren, bis es uns an Mitteln zu unsrer Erhaltung fehlt — oder hierzubleiben, die Universität aufrecht zu erhalten suchen, sich der Bürgerschaft anzunehmen, sie auf vernünftigem, gemäßigtem Wege so zu führen, daß ihnen bei dem Frieden die Wiedervereinigung mit dem deutschen Reiche, wenn sie notwendig sein sollte, nicht nachteilig wird, und bei dieser Laufbahn zu wagen, was zu wagen ist? Daß man mich verkenne, verschreie, für den Haupt-Demagogen halte und der- Aleichen mehr, da doch jetzt alles im Begriff steht, die Violentesten sgewaltsamstenf Beschlüsse zu nehmen, um sich von Menschen, die isichts, nicht einmal Ehre zu verlieren haben, über Stock und Stein führen zu lassen! Ich sehe ein, daß ich das Letztere wählen Muß, wenn ein Funken Liebe für das Wohl Aller, wenn einiges Gefühl von Würde in mir selbst, wenn Sorge für die Meinigen mich leitete". Wenige Tage später 'schreibt er an den selben: „In den drei Wochen seit der Kapitulation hat sich vieles geändert. Die Stimmung gegen die vorige Einrichtung ist jetzt entschieden, und beinahe so laut entschieden und ausgesprochen der Wunsch, auf neu- fränkische Art frei zu sein. Daß den Franken damit gedient fei, ton man wohl nicht zweifeln, da der Rhein so natürlich die Grenze zu machen scheint, daß ihnen die Zudüngung ihres Freistaates bei ihren gegenwärtigen Successen nur eine ganz billige Entschädigung für ihre Kriegslasten dünke. Die falschen Maßregeln oder vielmehr die gänzliche Apathie der vorigen Regierung haben un= glaublich beigetragen, den Entschluß der Bürger zu beschleunigen. Was mich betrifft, so hätte ich entweder emigrieren oder hierbleiben und mich in nichts mischen müssen, oder aber es blieb nur das Dritte übrig, in soweit tote es von mir gefordert wurde, zu wirken. Der der Kapitulation auszuwandern hieße die Feigheit beweisen, die ich unb jeder Gutdenkende an dem Adel und der Geistlichkeit verabscheute: nachher war es ohne eine Derleugnung aller meiner bisher geäußerten Grundsätze und meiner ganzen Denkungsart durchaus nicht möglich. Ich war schlechterdings in dem Fall, von mir sagen zu lassen, daß ich den Privilegierten, denen ich bisher in meinen Schriften nicht das Wort geredet und von benen ich mich im ilmgange ganz zurückgehalten hatte, doch wohl heimlich an» tze hangen haben müsse, weil ich jetzt, ba die Stadt in den Händen ©er Franzosen sei, fortgehen wolle: Rehmen Sie meine Privatumstände hinzu: ich hätte meine Meubeln fast um nichts hingeben Müssen, weil niemand jetzt tauft; ich hätte bis nach Altona gehen müssen, um wenigstens zu beweisen, daß ich, neben der Ruhe auch Freiheit suche, unb ich würde eS auch schon als freier Schriftsteller haben tun müsse n, um frei schreiben zu können, welches im Hannöverschen nicht möglich ist. Welch eine lange Reise mit Weib und Kind, welch ein teurer Aufenthalt und welch eine neue Ausgabe, ehe ich mich von vorne wieder einrichtete. Also mußte Ich in jeder Rücksicht hier bleiben. Die Universität trug mir auf, den General in ihrem Ramen zu haranguieren ffeierlich anzuredens und sie seinem Schutz zu enapfehlen. Da mir die Anrede an ihn Im Französischen soweit gelang, daß er vielleicht einen kleinen '.Unterschied von dem gewöhnlichen französischen Jargon der Mainzer gewahr werden mochte, so war ich von dem Augenblick «n bei ihm in einer gewissen Achtung, die sich seitdem, ba ich mich, wie es meiner Ratur gemäß ist. nicht zudränge, eher verstärkt hat. Meine Verhältnisse gegen die Universität brachten es mit sich, daß sch auch mit dem General-Kriegskommissariat zu tun bekam, um unsre Lieferungen zu regulieren; das gab Gelegenheit, die Rot- toenbigteit der Verproviantierung der Stabt mit Sglz und Holz mit einigem Rachdruck als eine unumgängliche Maßregel zu em« -fehlen, unb dies, nebst einigen Verhandlungen, wobei die Franken wahrscheinlich die Bemerkung machen mußten, daß sie an einen rechtschaffenen Mann geraten teuren, gewann mir immer mehr Zu- trauen, ohne baß ich einen absichtlichen Schritt getan hätte. Das, liebster Freund, ist gegenwärtig meine Lage. Ich habe Ursache zu glauben, daß man gesonnen ist, mich bei der provisorisch zu errichtenden Administration zu gebrauchen, und ich halte «s für meine Pflicht, ein Geschäft, welches es auch sei, nicht auszuschlagen, sobald es in einem solchen Zeitpunkt mich in Stand setzt, mich für meine Mitbürger auch vorteilhaft zu verwenden. Alles kommt hier nur auf die einzige Frage an, was jetzt der wahre Vorteil des Landes sei, unb ich beantwortete sie mir ohne alle Rücksicht auf politische Verhältnisse des eventuellen Besitzes so, 6aß ich glaube, es sei die Erhaltung des Privateigentums. Demjenigen, der einst im Frieden Herr des Mainzer Landes wird, wer es auch immer sei, muß es ein höchst erfreulicher Gedanke fein, das Land nicht erfchöpft, den Dauer n'cht zugrunde gerichtet, bra Handwerker nicht am Bettelstab zu sehen. Dies glaube ich könne man mit strengen Grundsätzen beweisen, wenn man zugleich den jedesmaligen Stärkeren durch Folgsamkeit dahin zu bringen sucht, mehr zu erhalten als zu zerstören. Zum eigentlichen Demagogen, mein Freund, bin ich freilich mit meinem etwas philosophischen Zuschnitt verdorben; daß ich aber den Mainzern von Herzen Freiheit wünsche, will ich Ihnen nicht leugnen; und daher werde ich auch ihren Bemühungen um Freiheit kein Hindernis in den Weg legen, des festen Glaubens, daß, wenn die Frankenverfaffung jetzt hier angenommen wird unb im Frieden Mainz doch wieder deutsch werden sollte, Frankreichs Garantie unfehlbar eine modifizierte, immer verhältnismäßig freie Verfassung zusichern müsse; dahingegen jetzt ein mezzotermino sMittelwegj Frankreich gegen uns so wenig günstig stimmen müß'e, daß uns beim Frieden nichts übrig bliebe, als uns wieder blindlings dem Reich in die Arme zu Wersen. Es fehlt hier nicht an Menschen aus allen Klassen, Handwerkern, Zunftgenossen, Kaufleuten, Gelehrten, Geistlichen, die mit vollem apostolischen Eifer die Mainzer zum fränkischen Republikanismus bekehren, unb sie haben dabei den erwünschten Sueeeß sSrfolgj, ohne baß Leute wie ich etwas mehr tun können als mitgehen ... Run noch ein Strich unb die Skizze ist vollendet; meinem eigenen Gefühle gemäß bleibe ich jetzt freier Bürger, es mag kommen, was wolle; kehrt der Kurfürst zurück, so wird für den redlichen Mann, der nicht umfmtft bezahlt sein will, auch in Frankreich Brot unb Unterkommen fein, und dahin gehe ich bann; bleibt Mainz frei, so liebe ich den Aufenthalt genug, um mich nicht ohne die wichtigsten Beweggründe davon zu trennen. Diese Gelegenheit, französischer Bürger zu werden, halte ich auf jeden Fal lsest. Das ist mein ganzes Credo, und nun wünsche ich nur, daß Sie beruhigt sein mögen". Heber die neue französische Verwaltung berichtet er seinem Schwiegervater, dem Göttinger Professor und Bibliothekar Chr. G. Heyne: „Alles ist mm im Begriff, hier die Organisation eines französischen Departements zu erhalten. Das neue provisorische Administrationsconseil besteht aus neun Mitgliedern, ich bin eines davon. Gestern ist die alte Regierung vom General aufgehoben und entlassen worden, heute wird die neue Munizipalität errichtet. Gegen Ende des Jahres wird wahrscheinlich der allgemeine Wunsch der.Stadt und des Landes, ein Teil des französischen Freistaates zu werden, an die Rativnalkonveniion abgehen. Gelehrte Arbeiten ruhen freilich sehr fürs erste. Man wird ja sehen, wie es künftig wird". Das furchtbare Erwachen aus dem Traum von Freiheit und Gleichheit, die trostlose Ernüchterung von den überspannten Hoff« frtungen, die Forster auf die Herrschaft der Trikolore im alten Mainz gesetzt hatte, kam auch für ihn überraschend schnell. Schon Anfang Dezember des gleichen Jahres 1792 schreibt er an Huber: „Das hiesige laue Volk hängt die Köpfe unb bie Pfaffen krähen ilnglütf unb drohen Mord unb Tod. Ob aus solchen Menschen je etwas werden könne, mögen Sie schließen. Wer seine Hoffnungen für sie opferte, ba sie nichts wissen wollen unb nichts tun, wäre ein Tor. Ich werde allen Fleiß verdoppeln, um selbst wegzukommen, nach Frankreich versteht sich. Wo sonst wäre Freude, Ehre und Zufriäenheit?" 3m März 1793, zwei Monate nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., brach er von Mainz nach Paris auf, um das freiwillige Geschenk des Vaterlandsverrates und damit, tote er selbst sagt, den Schlüssel des Deutschen Reiches in bie Hände der Franzosen zu legen. Am 30. März verlas er als Deputierter des Mainzer Konvents im Pariser Konvent „unter vielfältigem Händeklatschen" bie von ihm selbst verfaßte Kundgebung, worin der Anschluß des „rheinisch-deutschen Volles" an die französische Republik gefordert wurde: „... Richt den Sturz eines einzelnen Despoten verkünden wir euch heute; das rheinisch-deutsche Volk hat bie sogenannten Throne zwanzig kleiner Tyrannen, die alle nach Menschenblut dürsteten, alle vom Schweiße der Armen unb Elenden sich mästeten, auf einmal umgeworfen. Auf den Trümmern ihrer Macht sitzt das souveraine Volk. Die Stellvertreter des rheinisch-deutschen Volkes haben gegen diejenigen die Todesstrafe erkannt, bie es tragen würden, daselbst wiederaufzutreten um jene Rechte zu behaupten..." Der französische Konvent befretierte daraufhin die Einverleibung der besetzten Rheinlande. Forster fand in Paris aber alles andere als „Freude, Ehre und Zufriedenheit". Der nahe Anblick der Revolution, der widerliche Kamps der Parteien und ihrer Führer um den Besitz der Macht ernüchterte ihn bald. Das schreckliche Ende seiner Ehe mit der grausam-frivolen Therese Heyne, die mit Huber bald blue neue Verbindung einging, drückte ihn vollends nieder unb warf den Bedauernswerten auf ein schweres Krankenlager, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Am 10. Januar 1794 starb Georg Forster, von allen, die ihn liebgehabt hatten, verlasien, den schweren Tod in der Fremde, wie er immer in der Fremde gelebt patte. — 12 - Dis Wiese. DonM. von Gehsv'). Ts gehörte einem alten Grafen, der die Gicht hatte und nicht mehr jagen konnte, ein großer Wald. Der dehnte sich viele Meilen weit durchs Land, und in ihm wurden schon seit vielen Jahren keine Bäume mehr gefällt und keine Jagden abgehalten. Ein Keines Jagdschloß stand mitten Estin. Seine Fenster waren Leuten des Grasen, die früher im Walde gelebt hatten. Säger, Der mit seiner alten Frau nicht weit davon in einer strohvedeckten Hütte wohnte, verwahrte den Schlüssel dazu. Der hing neben seiner Flinte an dem rauchgeschwärzten Gebälk der niederen Dtuvendecke, und die Spinnen hatten dicke Betze um beide gesponnen. Denn der Alte war schon lange zu schwach, um ein Gewehr zu tragen. Er war der einzige, der noch übriggeblieben war von all den Leuten des Grafen, die früher im Waldrgelebt hatten. Jäger, Waldhüter und Holzhauer — alle waren fortgezogen, denn es Satt, als sei es im Walde nicht recht geheuer. Das alte Paar aber lebte ganz still und friedlich darin, sei es nun, daß ihnen nie etwas Anheimlichss begegnet war, Mcä, daß sie sich nicht davor fürchteten. Sie hatten einen kleinen Acker und aus dem Walde Holz und Wildbraten zur Genüge. — So mangelte ihnen nichts zur Zufriedenheit. Es lebte bei ihnen ein Enkelsohn, der war mit den Jahren zu einem schönen, starken Burschen hrrangewachfen. Als er so groß geworden war, daß er die Flinte von der Wand hrrablangea konnte, hieß ihn der Großvater sie nehmen und zeigte ihm, wie er fie pichen und laden müsse. Dann ließ er sich von ihm aus der Hütte führen sagte: „Sieh in die Höhe, und das. was am allerhöchsten und fernsten ist. auf das ziele." Der Himmel wölbte sich dunkelblau über den hohen Tannen, welche die Lichtung umgaben, auf der das Jägerhäuschen stand. Don der höchsten Spitze flog, von der Sonne bestrahlt, mit großen raschen Flügelschlägen ein Bogel weit in die Luft hinein. Auf den richtete der Bursche das Gewehr, zielte und traf. Er fiel hart vor ihm nieder. „®u hast brav geschossen," sagte Der alle Jäger, „und recht wie ein Sonntagskind. Es ist gut, datzZhtzt wieder einer Durch den Wald geh en kann wie ich vordem!" Der Jüngling hob den Vogel auf und sah traurig auf ihn nieder. Die glänzenden Flügel waren erstarrt, die Augen gebrochen, ' — leise strich er über die tarnte Brust und den kühnen Schnabel und dachte, daß er so herrlich in der Luft geschwebt hatte und daß er nun so starr und leblos vor ihm lag. And er nahm sich vor, nie wieder auf einen Bogel oder ein anderes Tier zu schießen. And das tat er auch nicht. — Im Fliutenlaus trug er wohl ein seltenes Reis oder einen Mischel frühreifer Deere», aber nie schoß er eine Kugel auf ein Tier des Waldes. Rehe und Hasen, Drosseln und Schnepfen, — alle waren vor ihm sicher. Weder mit der Flinte noch mit Fallen und Schlingen stellte er ihnen nach und selbst dem räuberischen Fuchs und den gierigen Miubvögeln mochte er nichts zuleide tun. Sv brachte er nie einen Braten heim, und der alte Jäger und sein Weib mutzten sich darein finden, so sehr sie zuerst auch murr» len. Doch bestellte er für sie das Aeckerlein, sorgte für Kuh und Ziege und brachte Beeren und Pilze aus dem Wach. Sm Winter streute er Futter für die Vögel ans und Heu für Rehe und Häsens Da gewöhnten sich die Tiere an ihn und versteckten sich auch un Sommer nicht, wenn er durch den Wach schritt. Die kleinen Vögel flogen zutraulich um ihn her, die Hasen sprangen über seine Füße, und die Rehs strichen dicht an ihm vorbei. Auch Baume mochte er nicht umhauen, fieber sammelte er tagelang dürres Holz zum Wintervorrat, bett« einmal war ihm begegnet, da er eine junge Buche fällen wollte, daß der Baum sich ächzend zur Seite neigte mrd helles Blut von feiner Axt. floh, so daß er sie wegwarf und nie mehr daran denke» mochte, einen Baum zu verwunden. — Er streifte von früh bis spät im Wach einher, und so groß der war, meinte er doch, jeden Fleck darin zu kennen — und alles war ihm ans Herz gewachsen. *) „HexengefinDe" ist der Titel eines stattlichen und von Ä. H. Paesler-Luschkowko mit feinem künstlerischem Empfinden ausgestatteten Aovellenbanbes tbeiRösl & Eie., Münchens, in Dem M. 8 v n G e y f o Perlen feinster Erzählungskunst vor uns ausbreitet. Die starken Kräfte der Romantik erleben hier eine Wiedergeburt. Der Sinn für das Schauriggespensterhafte S. T. A. Hvfftnanns vereinigt sich mit der zart lyrischen, fest in dem Wunderleben der Aatur wurzelnden Kunst Eichendorfs, um Kunstwerke zu schaffen, Sie in der Eigenart des Gegenstands und in der zauberhaft schönen Formgebung mit den besten Volksmärchen wetteifern. Da gab e» Dunkle Stellen, wo Die Baumkronen so dicht dev- wachsen waren, daß nur selten ein Sonnenstrahl hindurchdrangl Dort ließ sich kein Vogel sehen, nur der Waldkauz flog lautlos mit stillem Flügelschlag vorbei. Das dichte Moos dämpfte den Schritt, und die Luft stand schwül und still unter dem dunkley Laube. Anders war es dort, wo die hohen Föhren int Sommer ward schwankten: da flutete der Sonnenschein frei zwischen den Bäumen, die wilden Tauben gurrten, der Specht trommelte und bet Kuckuck rief von fern. Dori blühten Glockenblumen und wilde Rel» ken, und die hohe Königskerze ragte zwischen den zarten Farren» wedeln. Das Eichhorn blick e ne,'.gierig aus den Haselbüschen, und zirpend und wippend schlüpfte das Rotkehlchen durchs Gesträuch. Aebevall aber war eine große Wildnis. Viele Bäume war«, umgefallen und ihre Wurzeln starrten aus der fchwarzen 'Walderde, die sie mit sich emporgehobrn hatten und auf der wildes Moos und Blumen wuchsen — alles umschlungen und umwchert von Efeu und wildem Hopfen. Der Jägerbursch war froh in der Einsamkeit seines Waldes. Aiemals kam ein anderes Menschenkind zu der kleinen Hütte, und a im Lande draußen der Wald für verhext galt, mochten die Menschen kaum mit den drei Leuten reden, wenn sie einmal deS Sonntags in das Dorf, welches am Waldesrande tag, zur Messe gingen. And der Sommer reihte sich an den Lenz und der Winter ast den Herbst, Jahr folgte auf Jahr, und immer höher und dichter wuchs der Wald um den Jägerburschen empor. Da kam wieder ein Lenz ins Land. Doch war es wirr und winterlich unter den Waldbäumen. Die Frühlingsstürme hatten das alte Laub noch nicht weggefegt. kaum daß sich ein Schneeglöckchen hervorwagte — da schleuderte der Jägerbursche durch den Wald und befand sich unversehens auf etter Wiese, auf der eS hell und sommerlich war. Hohes Gras schwankte im Winde, — tozit dehnte sich die grüne Fläche, — und eben schickte er sich an, mit frohem Fuß darüber hinzulaufen, als er weit in der Ferne bas Glöcklein der Dvrfkirche läuten hörte. Das Glöcklein wurde jeden Freitag um die Mittagszeit geläutet zum Anlenken an den Tod des Heilands, und dem Burschen ging es blitzartig Durch den Sinn: diese Wiese hatte er schon früher gesehen, und jedesmal drang auch der Ton des Glöckleins an sein Ohr und er bedachte, wie wunderlich es sei, baß er sie noch nie betreten hatte. Er sah zur Sonne auf und beschloß schnell nach Hanse zu laufen, da die alte Großmutter gewiß schon mit dem Essen auf ihn wartete, und dann gleich, wieder zu kommen und in der schönen Wiese nach Herzenslust umherzugehen. Aber als er zurückkam, fand er sie nicht mehr. Ec tief kreuz und quer durch den Wald, drang durch jedes Dickicht und achtete nicht ber Tiere, die stch ihm zutraulich näherten. Zuletzt schien ihm, er müsse geträumt haben und er wunderte sich nur, daß er in dem kalten Walde hatte schlafen mögen. Aber der Frühling kam; schott wollte es im Walde tnaien, tntd das junge Grün drängte sich überall mit Macht hervor, da ging er eines Tages wieder seine gewohnten Wege durch den Wald. Es wehte kein Lüftchen, die Sonne stand hinter Wolken und unter den dichten Bäumen war es schwül und dämmernd. Da sah er es auf einmal ganz unvermutet hell durch die Bäume schimmern und befand sich nach wenigen Schritten am Rande der Wiese. Sein Herz klovste vor freudigem Schrecken, als sie in ihrem grünen Glanze leibhaftig vor ihm tag. Gr stand still, überlegte genau die Stelle des Waldes, wo er sich befand, und wie er von da aus gehen müsse, um nach Hause zu kommen — berechnete, daß die Wicfe gegen Abend läge, und zweifelte nun nicht mehr, daß er sich ganz genau den Weg merken würde. Doch hob et kaum Len Fuß um die Wiese zu betreten, da hörte er wieder fein und zart in der Ferne das Mittaqsglöcklein des Dorfes läuten. Und nun, da er Lachte, es könne ihm nun nicht mehr fehlen, den Weg zurückzufinden, ging er nach. Hause. Aber er fand sie nicht wieder. Er fand genau den Platz, wo sie hätte sein müssen, kam aber dort nirgends aus dem dichten Walde heraus. Er merkte, daß er immer im Kreise herumlief und kannte sich das nicht erklären. Abends erzählte er. von vielem Suchen ganz erschöpft, feint« Großeltern bas rätselhafte Begebnis. „Junge," sagte der Großvater, „besinne dich, Du mutzt geträumt haben. Solche Wiesen gibt es in diesem Walde nicht. Es ist nicht recht, danach zu suchen." And die alle Großmutter strich ihm über die Stirn, nahm einen Haselstab, band ihn mit einem Hollunderzweiglein zusammen uiid nähte ihn in seine Jacke zum Schutze gegen Gespenster und Das wilde Heer. And der Jägerbursche mußte verspreche«, «tf mehr «ach der Wiese zu suchen. — (Fortsetzung folgt.) Sckriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.