Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (924 Dienstag, den 18. November "™ Nummer 5( Wahrworte. Von Hermann Stehr. Tausend kamen und verschwand«». Jeder starb ein ander Sterben, anders hat er Gott verstanden, seinen Himmel, sein Verderben. Mast und Regeln kennen jene, die ihr eigen Matz verloren. Sei der Pfeil du deiner Srhtte, stets sei nur aus dir geboren. Andrer Kunst und andrer Klarheit sind für dich nur Mauersteine, die dir dienen, daß di« Wahrheit Leines Wesens rein erscheine. Tausend kamen und verschwanden. Jeder starb ein ander Sterben, anders hat er Gott verstanden, seinen Himmel, sein Verderben. Der „deutsche Philosoph". (Zu Jakob Böhmes 300. Todestag, 17. November.) Don Dr. Kurt Haack. „Das Licht, welches durch die schwebende Glaskugel aus den Arbeitstisch des Schusters fällt, ist das . Reich phantastischer Geister: es füllt die Einbildungskraft während der nachdenklichen Arbeit mit wunderlichen Gestalten und Vildern und gibt den Gedanken eine Färbung, wie sie ihnen keiine andere Lampe, patentiert oder nicht patentiert, verleihen kann. . . Immer tiefer sehen wir in die leuchtende Kugel, und in dem Glase sehen wir das Uni» Vers um in all seinen Gestalten und Naturen,- durch die Pfortenj aller Himmel treten wir frei und erkennen sie mit all ihren Sternen und Elementen; höchste Ahnungen gehen uns auf und niederschreiben wir, während der Pastor Primarius Richter den Pöbel gegen uns aufheht und der Büttel von ^Görlitz, der uns ins Gefängnis bringen soll, vor der Tür steht. . . . Diel sehen wir in der glänzenden Kugel, auf welches die Lampe so armes Licht wirft, dah wir dabei kaum zu Papier bringen können, was wir sahen, ober nichtsdestoweniger können wir unter das vollendete Manu- scriptum schreiben: Geschrieben nach göttlicher Erleuchtung durch Jakob Böhme, sonsten auch Teutonicus genannt." Wilhelm Raabe, selbst ein Künder der tiefsten Tiefen deutscher Seele und deutschen Denkens, hat in diesen Sätzen des „Hungerpastors" den Urgrund im Wesen und Schauen des mystischen Schusters, der schlechthin der „deutsche Philosoph" genannt wurde, unübertrefflich aufgezeigt, und Jakob Böhme wird ihm zum höchsten Sinnbild jenes Hungers nach Gott und Geist, nach Erlösung und Erkenntnis, der im germanischen Dolks- chavakter durch die Jahrtausende waltet. Der Ehrenname des „philosvphus teutonicus" siel ihm, dem ungelehrten Handwerker, dem stillen, milden, schüchternen Disionär, nicht nur deswegen zp, weil er zuerst seit den Mystikern des Mittelalters wieder in deutscher Sprache, in dem machtvollen Stil des begnadeten Sehers, ein einheitliches Bild der „großen und kleinen Welt", des Alls und des Menschen erschuf, sondern weil er, selbst von dem Pvlyphistor Leibniz bewundert, diesem Weltbild eine urdeutsche Prägung verlieh. Die Romantiker haben diese seine Wesenheit nach einem Jahrhundert der Verkennung wieder entdeckt. Friedrich Schlegel sagte im „Athenäum": „Der deutsche Künstler hat keinen Charakter oder den eines Albrecht Dürer, Kepler, Hans Sachs, eines Luther und Jakob Böhme. Rechtlich, treuherzig, gründlich, genau und tiefsinnig ist dieser Charakter, dabei unschuldig und etwas ungeschickt. Rur bei den Deutschen ist e& eine Nationaleigen- heit, die Kunst und die Wissenschaft bloß um der Kunst und der Wissenschaft willen göttlich zu verehren." Und Hegel urteilte: „Er ist genannt worden der philosophus teutonicus, und in der Tat ist durch ihn erst in Deutschland Philosophie mit einem eigen» tümlichen Charakter hervorgetreten, der Inhalt seines Philosophierens ist erst deutsch." Als ein Bauernsohn ist Böhme 1575 in einem Dörfchen der Oberlaufitz geboren worden, ein Schlesier, in dem der uralte mystische Zug dieses Stammes am reichsten und gröhten sich offenbart. Der Strom der Mystik flutet auch heute noch durch die schlesischen Herzen und Gerhart Hauptmanns „Emmanuel Quint", Hermann Stehrs „Gottsucher" sind die echten Nachfahren dich „Himmelsschusters", der in Görlitz ein echtes rechtes Handwerkev- leben führte, heiratete, eine Kinderfchar um sich sah und seins Schuhe machte. Don wundersamen Vorboten seiner Berufung, die schon dem Hirtenknaben und Wandergesellen erschienen fern sollen, künden die späteren, ausschmückenden Lebensbeschreibungen. Aber der große Augenblick der Erleuchtung, der jedem Propheten kommt, mag sich ähnlich vollzogen haben, wie er geschildert wird. Ist doch diese Lichtvision aufs engste mit seinem ganzen Schauen und Erleben von Gottheit und Menschheit verknüpft! Anno 1600, in feinem 25. Lebensjahre, soll er „vom göttlichen Licht ergriffen und mit seinem gestirnten Seelengeiste durch einen jählichen Anblick eines zinnernen Gefäßes — als des lieblich jovialen Scheins — zu dem innersten Grunde oder Centro der geheimen Natur eingeführet" worden fein. Das LichtsyMbvl nach andern ihm durch den Schein der Schusterkugel vermittelt — offenbart ihm das Wesen der Gottheit, das sich in aller Kreatur so spiegelt, wie die Sonne in einer Scherbe. Also entzündet der Strahl detz Gottheit im irdischen Dunkel ein sehnendes Feuer, in dem Helle und Finsternis sich vermählen, und aus dieser Paarung der Gegensätze ist alles entstanden, Gutes und Böses, Himmel und Hölle. Böhmes Eigenart gegenüber anderen großen neueren Mystikern, wie z. B. Swedenborg, ist der Verzicht auf alle Aeußerlichkeiten, auf die Vermittlung von Geistern, Engeln und ähnlichem; es ist die ganz persönliche Schau eines Erleuchteten, dem der „Urgrund" der Dinge aufgetan, dem in Gott die Wurzel aller Geheimnisse und Kontraste offenbart ist, aller Entzückungen und Bitternisse, des Herben und des Zarten, von Liebe und Haß. Er erfaßte aus dem nur ihm aufgeschlagenen Buch, das „er selbst" war, den Mikrokosmos des Menschen und den Makrokosmos der Gottheit als ein einheitliches Ganzes, das er in einfachsten Formen, aber mit der glühenden Inbrunst" seiner Phantasie zusammenfügte. Aus dem inneren Drang, das Geschaute und Erlebte festzu- halten, entstand als „ein Memorial zu eignem Gebrauch" in seinen Mußestunden sein berühmtes Werk „Morgenröte im Aufgang", eine unklare, wirre, aber von einem überirdischen Erkennen verklärte erste Aufzeichnung seiner Gedanken, die er später viel schlichter, durchsichtiger, inniger, plastischer geformt hat. In all den vielen Schriften des „deutschen Philosophen" stört den Menschen von heute eine krause barocke Vermischung von Begriffen! und Bildern, ein dunkles Wortkauderwelsch, das z. T. auf den Zeitstil, z. T. auf das Wesen mystischer Deutung überhaupt zurückzuführen ist. Dazu kommt die naive Unbildung des Schusters, die fortwährende Wiederholung und breite Ausmalung der Grunde begriffe seiner Weisheit; aber über diesen trüben Moder des Zufälligen ^triumphiert der erhabene Aufschwung eines gottseligen Gemüts, der „Morgenglanz der Ewigkeit", der ihn angestrahlt, die hinreißende Melodie einer genialen Schau, die in der dichterischen Innigkeit unb Pathetik seiner Sprache, in der trotz alles Dunkels sieghaft durchbrechenden Klarheit seines Stils zum Ausdruck kommt. Was er aus Vergangenheit Und Gegenwart mit sich führt, Astrologie und Alchimie, die Naturmystik des Paracelsus, die Ausdrucksform Weigels, Schwenckfelds und anderer Gleich» strebender, die ihn beeinflußten — all das verschwindet vor der Urtümlichkeit seines eigenen Gefühls. Das abgrundtiefe deutsche Volksgemüt, das in Mythen denkt und in Visionen sieht, spricht aus seinen Worten und schafft eine naturphilvsophische Mystik die sich zu der der italienischen Renaissance in strengstem Gegensatz setzt. Während ein Gioröano Bruno sich ganz in die Geheimnisse der äußeren Natur verliert, bohrt sich ein Jakob Böhme tief ein in die Mysterien seines Inneren und schlägt von dem Persöni» lichsten Seelengrund die goldenen Brücken zu Himmeln und Sternen, statt eines Pantheismus, der sich im All verliert, ein Finden „weltweiter Dinge im -engsten Kreise". Wenn man dies« Grundmelodie seines Philosophierens erfaßt hat, dann wird man bald bei ihm und in ihm heimisch werden. Wir haben jetzt an Stelle der alten ungefügen, schwer zu bewältigenden Ausgabe^ die ein Wust gesuchter Erläuterungen noch ungenießbarer machte in der Auswahl von Hans Kayser der Sammlung „Der Dom" im Insel-Verlag ein gutes Hilfsmittel, das den Zugang zu seinem sinnlich-übersinnlichen Reich erleichtert. Die stimmungsvolle Biographie seines ersten Schülers Abraham von Fvanckenberg, der knappe Ueberblick seiner Hauptlehren in dem Auszug" OetingerS, die den eigentlichen Texten vorangestellt sind, tragen viel zur Orientierung bei und führen zu dem Kern seiner Mystik hin, bte der Romantik von Tieck und Novalis bis zu Schelling und Baader den Weg zu Gott und Natur bahnte. — 214 — Borzeitwaffen waren Axt und Hammer. Die Mythen unseres Bokkes erzählen von dem Hammer Thors, an. dessen Wurs freute noch die Namen vieler denkwürdiger Statt«: rm Norden" Hamme rsest in Norwegen, Hcunmeren imfr Etvmmershaus auf Bornholm and die seltsamen „Donnerkeile am Ostseestrande tUn9®8 geschah in feierlichster Form indem '»«tz das ganze schief hpa inan sich zueignen wollte, mit einem He u er I brande in der Hand umschritt oder umritt. Zuletzt nahm man den Brandt an die Stelle mit, wo man sich niederlieh un | Mndete damit die erste Feuerstätte an. bezeichnete bi Onno hyä Derdes und der war wieder der Mittelpuntt oes i Ä^ses An chm hatte der Herr seinen Sitz, der von da aus ganzes Anwesen übeesöinute. So war hier alles ante, °" L°-»?-,°-7LLche'"s°-m »ar. dasl .«««»« .In« Kn- c.A(. r, ein Nad — das Abbild des Sonnenrades . toHen" liest Davon ist noch, anlählich eines Grenzstreites m Deutschlands Rordwestecke im Jahre 1595 die Rede. Traf Anton n Delmenhorst hatte bei Liutel auf der Wusting ge- jag?und dann in einem Hause übernachtet von dem'Graf 2°Kann von Oldenburg behauptete, dast es zu seiner Grastchast gefröre was der andere bestritt. Es kam darüber zu einem Prozesse, und dabei stellte sich heraus, dast jenes Gebiet schon Immer strittig war. Ein Nestor der Gegend, der hundertiahrig Eilert Kloppenburg, berichtete, als Zeuge vernommen, wie man lick vor etwa drei Stiegen" (d. i. dreimal zwanzig) Jahren damit abfand. Damals wurde die Sache in Harmenhauswiverhandelt wo die Stedinger ein altes Gericht, „die sieben Rechte genannt, hatten, und dieses batte dahin erkannt, „dast die Wüsting den Wüstenländern zugehore. Man solle aber auf der Höchte (Höhe) bei den Semmeln auf der Geest ein Rad berdal (hinunter) laufen lassen, und so weit es rollte rmd wo 8 d«l (nieder) fiele, so ferne solle die Linteler Gerechtigkeit Ein^a^eres"'ebenso wichtiges Wodanssymbü iftbaS Hus° »He „ in Erinnerung an des „wilden Jageis Weihes Pfer . das beispielsweise der „Rosttrappe" im Harz s^.unverMschbare Spur aufdrückte. Durch Huseisenwurf wurde zwischen den Vst- und Westfriesen der Anteil an der Ems bestimmt, wie wert ein am -User stehender Mann über den Strom hm zu werfen vermochte In späterer Zeit warf man statt dessen in solchem Halle auch mit allerlei Waffen, noch später sogar mit mancherlei. 8U 9Das"waren also schon recht einschneidende Beschränkungen der Freiheit im Besitzergreifen. Sie bringen uns auf dre Frage ss sää g* es an sein Land getrieben wird, der mag es benutzenglUch dem seinen; bleibt aber dem Geschädigten auch nur soviel, datz eine Gans mit ihren Jungen darauf sitzen könnt-y und. wird ihm später einmal daran ßan& angetrieben, dann sollen er und wt« «»• äS ’S nV'pvt lind wenn niemand sonst, —- die Steuerbehörde hatte Sr b«Äs ein alLbedeiiklichstes Jiiteresse. Wir inden die selbst für unsere Begriffe unerhörte Weisung. »Wer m den Marken zu Schweinheim nur soviel Eigen und Erbe hat, dast er einen dreibeinigen Stuhl darauf sttzen kann, soll, wenn er von ^odes wegen abgeht, dem Amte ein Besthaupt geben. Ein Lostfür den unglücklichen Besitzer,^ dast er es wenigstens nicht mehr selbst erlebte, wenn der Hronbote das beste -wr ! °US Ja'nia^rechnUe sogar mit Besitz, der üb erha upt nicht In den alten Handvesten der Friesen war verbrieft, dast die ertrunkenen Landflächen, die das Meer ersäufte dadurch nicht herrenlos wurden, und wenn wieder aui taucht en dem früheren Eigentümer gehEN sollwn, dessen rlfer sich das neue Grünland als natürliches Geschenk anschlotz. Dasselbe gilt b«ite noch von den Watten, die täglich zwemial^- b« Ebbe I Shit — auf- und- untertauchen; auch- sie werden von den Landwirten, die ihre Schafe darauf weiden lassen, und von den erinnern, die man dort an manchen Stellen masseuyast vande sindet Wo der Hammer fiel, da blieb er liegen, vielfach grub J pj.. So wurde der — ursprünglich steinerne — Hammer zunr Grundstein, und es geschieht heute noch in Erinnerung an jene weit zurückliegende Zeit, M; wir auf den Grundstem ie^es neuen Hauses drei feierliche o)ammerschlage tun. >>n Wr.y- ^h Waaen teil' Mfrei mit dem Hammer auf den Hammer, wir ig-B S*lM s S'MSSSug tnirb aucßi von Jung-Siegfried gerühmt, dast er „n-e.i Dch wohl schwingen kund". Er schuf sich mit dem Hammer sein blcmkes Schwert, mit der alten Waffe die neue, so wandelt sich bte Zeit. Otto der Gr oste schleuderte indessen,, als er ander auster- StVS Ä Speerwurf üb^'WEer war i »n so häufig geübter Brauch', besonders auch am Äfrem, u «SÄ’» S*ÜC5m' Laufe der Jahrhunderte verblühte die Erimiermng an diese ältehrwürdigen Zusammenhänge. Da warf um sein LaMiück. von anderen abzu—n> 'M dem, ^is^ gerade gewohnheitsmähig zur Hand freüte. - Slf<&ev seinem Pflugeisen, der Gärtner nut bem öjal^ ' »v,.. fö.-Mei mit seinem Steuernagel, um zu oeiiiuunein___ SÄSÄ«»*-j*5 I lei knifslichen Best immungen verknüpft Mcht machte.man sw — ’ä« erneuern und dabei sein Gut weiter ausdehnenl Will, d-w sbll, s,s- stä es?S&SeS -LSS-tODW-SL TÄSf* ÄS Ln voirtickend, dreimal sein Glück versuchen. Biel war dabei nicht Ducht man sich Böhmes Gestalt und Wesen in seiner.Zeitlich-- ' -u neraeaenwärtigen, so wie ihn Franckendeig geschildeit. xKL ä s-ätww »x ÄfS .s SÄ* “**• Silesius, gewidmet: I Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanze in der Erden, Der Bogel in der Luft, die Sonn am Hirmament, Der Salamander must im FeM.erfralhm werden, ünb Gottes Herz ist Jakob Bohrnes Element. Wie man früher Besitz ergriff. Eine kulturgeschichtliche Studie. Bon Dr. Johannes Kleinpa ul. Nach dem Glauben unserer Ahnen war die ^e niemals herrenlos. Altvater Wodan waltete über ihr. Er deckte sie mi feinem blauen Mantel, sowe t der Hunmel reicht und liest ^em Sonnenauge über ihr strahlen, von dem schon L,acitus ,agt, | “Ä*'» ’m»' hma liegt zweierlei Erstens, dast man sich auf irgendein Grund- Ä.Ä- Oer ganze Kerl" war also m jebem Halle dabei beteiligt. ' Ww aber das? Auf mancherlei Art, und da^i kamen die verschiebensten Symbole des Wodankults ältester Zeit zur Gel- - 216 - Fischern, die da ihre Fangplätze haben, von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, in der Hoffnung auf reicheren Segen. Mit dem bloßen „Hinsetzen" und „Zugreifen" ist es in solchen Fällen freilich nicht getan. Manch wertvoller Besitz will mühevoll „erworben" sein. Den Marschbauern wurden die Watten wahrhaftig nicht geschenkt. Im Kampfe haben sie sie dem neidischen Meere abgerungen, mit zäher Ausdauer Last um Last erhöht, um sie fort im& fort gegen den Ansturm der Wogen zu verteidigen. Sonst schwemmt eine einzige Sturmflut den ganzen „Platz", den Gewinn 100jährigen Bingens von Hunderten von Händen wieder fort. Wem aber das Werk gelang, der sagt wohl im sicheren Gefühl: „Jk fett up mien Gegen, well wil mi wat dauhn?!" und schaut stolz wie ein König über meilenweit« Weidewiesen. Mit stolzer Gebärde ergriffen Ungar ns Könige von ihrem Lande Besitz. Hoch zu Bost sprengten sie auf eine 'Anhöhe und schwangen dort ihr blankes Schwert nach allen Welt- gegenden. Wohin es blitzte, war alles ihnen untertan. Manch anderer verdankte seinen Besitz seinem „Witz", womit man früher anderes als jetzt meinte. Die Aeberlieferung der Angelsachsen erzählt von der Ankunft des Heng ist und Hvrsa, Heirgist habe sich soviel Raums zur Niederlassung erbeten, als er mit einer Kuhhaut umspanneir könne. Als ihm das gewährt wurde, verschaffte er sich die Haut eines alten Ochsen, liest, sie wohl gerben und! dreimal ausspannen, hernach in die schmälsten Biemen schneiden und damit umzog er ein weites Gebiet, worauf der Grundwall einer stolzen Burg entstand, die Lundunaburg, das heutige London. Heinrich der Welf liest sich von Ludwig dem Frommen soviel Land verleihen, als er, solange der König zu Mittag schliefe, mit einem goldenen Pfluge umackern oder mit einem goldenen Wagen um- stchren könnte. Noch viel mehr gewann der heilige Andreas von Sagelse, dem König Waldemar von Dänemark um das Jahr 1205 alles zusprach, was er auf einem neun Nächte alten Füllen umritte, während der König im Bade fast. Andreas ritt so scharf, dast die Hvfleute zu Waldemar eilten und ihn ermahnten, schnell das Baden sein zu lassen, sonst umritte der Heilige sein ganzes Beich. Gefions Söhne aber pflügten Schweden hon Dänemark ab. So entstand! zwischen beiden der blaue Oerefunb'. Das alles zugleich köstliche Proben Mittelalterlichei: Humors, der unfern Borfahren über alles ging. Ein noch Lustigeres erzählt das'Chronicon Nvvaliciense vom König Karl. Er habe einem Spielmanne das Recht verliehen, aus einen hohen Berg zu steigen unö' sein Horn zu blasen. Soweit er gehört würde, sollten ihm Land und Leute zu eigen sein. Der Sänger blies, stieg wieder vom Berge herab', ging durch Dörfer und' Felder, und wen er fand!, Leit fragte er: „Hast du ein Horn blasen hören?" Jeden, der es bejahte, gab er eine Maulschelle mit den Berten: „Du 6ift mein Eigen!" Die Kohle als Rohstoff. Bon Dr.' Heinrich G r o ste - Kre u l. Seit langen Zeiten ist die Kohle dem Techniker unentbehrlich; hat man sie doch neben dem Eisen gar das Rückgrat der heutigen Technik genannt. Sehen wir näher zu, in welcher Weise die Kohle in ihrem Hauptverwenöungsgebiet, der Wärmetechnik, ausgenutzt wird, so erkennen wir, Latz ihre Zusammensetzung d'abei von nebensächlicher Bedeutung ist; denn das, was der Kohle ihre überragende Wichtigkeit verschafft hat, ist doch der Umstand, dast sie — auch heutzutage noch — die bei weitem bedeutendste Quelle der Energieerzeugung ist. Den Techniker interessiert zunächst nur die Tatsache, Last bei der Verbrennung eines Kilogramms Kohle etwa 8000 Kalorien Wärme entstehen. Diese,: Energiebetrag sucht er mit einem möglichst hohen Wirkungsgrad in Arbeit umzuwandeln. Dazu dienen ihm seine Maschinen. Dast sich die Kohle — im wesentlichen also Kohlenstoff — mit Sauerstoff verbindet und dast dabei aus der festen Kohle ein farbloses Gas entsteht, das Kohlendioxyd oder unter gewissen ilmstänöen auch ein anderes, das Kohlenoxyd, das kümmert ihn weniger. Die Gase entweichen durch den Schornstein in die Luft. Damit ist die Kohle in ihrem Bestände für den Menschen verloren. Seit längerer Zeit hat man jedoch angefangen, den Stoff der Kohle selbst nutzbar zu machen, d. h. daraus andere Stoffe herzustellen, die eine weitgehende chemische oder technische Anwendung finden. Dazu ist das Schwelen, die trockene Destillation der Kohle, zu rechnen, wie es in den Gasanstalten und Kokereien seit langem ausgeübt wird. Allerdings wird auch dabei nur ein kleiner Teil des Gesamtgewichtes der Kohle in Form wertvoller Verbindungen gewonnen, der Hauptanteil bleibt als Koks zurück und dient in der Hauptsache wieder als Heizstvff, also als Energieerzeuger. Der erwähnte Anteil an Verbindungen aus Kohle ist als Teer allgemein bekannt. Wie aus diesem anfangs wertlosen, ja sogar lästigen Nebenerzeugnis allmählich ein überaus wertvoller- und' heutzutage unentbehrlicher Stoff geworden ist, aus den: die Kunst des Chemikers in allerdings recht langwierigen und verwickelten Verfahren die wunderbarsten Farbstoffe, herrliche Riechstoffe, wundertätige Arzneimittel ßervorzaubrrt, das zu schildern wäre cm sich schon eine reizvolle Aufgabe. Nun hat der nach dem bisher üblichen DesMationsverfahren gewonnene Teer eine Zusammensetzung, die in der Hauptsache sogenannte aromatische Verbindungen aufweist. 'Benzol und Naphthalin sind unter diesen allgemein bekannt. Die riesige Entwicklung der Maschinentechnik und des Verkehrswesens, der ungeahnte Aufschwung in Bau und Anwendung der Verbrennungsmotoren haben aber den Bedarf an anderen Arten von Verbindungen ins älngemessene anschwellen lassen, die der Chemiker aliphatische nennt. Leichtsiedende Flüssigkeiten wie die Benzine, Petroleum und Schmieröle sind-bekannte Beispiele solcher Verbindungen. Sie entstammten fast ausschließlich dem amerikanischen Rohpetrvleum. Aber die Erzeugung von Petroleum un& der daraus gewonnenen Verbindungen hat ihren Höhepunkt bereits überschritten; die Erschöpfung der amerikanischen Petroleumquellen droht in absehbarer Zeit. Man muh also bei Zeiten nach Ersatz suchen. Die erste Lösung der hier angedeuteten Aufgabe war ein neues Verfahren der Destillation der Kohle, die durch eine wesentliche Herabsetzung der Entgasungstemperatur der Kohle gekennzeichnet ist. Man arbeitet nach diesem neuen Verfahren bei 400—600 Grad gegen 1000 Grad und mehr beim alten. Der Erfolg ist, daß sich ein Teer von ganz anderer Zusammensetzung bildet, als bisher, nämlich ein Teer mit vorwiegend' aliphatischen Verbindungen. Dieser Tieftemperaturteer ist nach neueren Untersuchungen der zuerst entstehende Teer; aus ihn: entsteht der gewöhnliche, bislang erzeugte Teer durch Zerfall infolge Aeberhitzung. Man hat den Tieftemperaturteer deshalb auch Ärteer genannt. Die Ausbeute an Urteer ist aus geeigneten Kohlen etwa doppelt so groß, wie die an Zersehungsteer beim alten Verfahren. Der Urteer liefert bei feiner Weiterverarbeitung unter anderem Benzine, Schmieröle und B--"-»sfin, er ist auch schon selbst ohne weitere Verarbeitung als Schmi mitt'! verw ndet worden. Es gibt noch eine andere Möglichkeit, den Kohlenstoff' der Steinkohle in verwertbare Verbindungen umzuwandeln, als die nach dem eben geschilderten Entgafmigsverfahren; das ist die sogenannte Vergasung der Kohle: Durch glühende Kohle wird Luft oder Wasserdampf geblasen. Dabei verwandelt sich der gesamte Kohlenstoff in das bekannte Kohlenvxydgas, nur die unverbrennbare Asche bleibt von der Kohle als fester Bestandteil übrig. Das Kohlenoxydgas läßt sich nun nach neueren Forschungen in eine Reihe von wertvollen Stoffen umwandeln, indem zunächst einmal Wasserstoff daran angelagert wird. In dem aus Kohle und Wasserdampf erzeugten Wassergas liegt ein Gemenge beider Gase vor; es handelt sich also weiter um die Aufgabe, dieses Gemisch beider Stoffe in eine chemische Verbindung uberzuführen. Das ist leichter gesagt als getan. Aber auch die Lösung dieser Aufgabe ist durch die Anwendung eines chemischen ZaubermittelL gelungen, nämlich durch die Anwendung der f»genannten Katalysatoren. Darunter versteht man Stoffe mit der merkwürdigen Fähigkeit, chemische Vorgänge, die sich gar nicht oder nur äußerst langsam abspielen, durch ihre bloße Gegenwart herbeizuführen und fo zu beschleunigen, daß eine technisch wirtschaftliche Durchführung des Vorgangs möglich wird. So werden heute aus Kohlenoxyd und Wasserstoff unter Verwendung von Eisen als Katalysator schon eine Anzahl technisch wertvoller Verbindungen erzeugt, von denen ein petroleumähnliches Gemenge verschiedener Stoffe unter dem Namen „Synthin" in den Handel kommt. Dies ist also gewissermaßen künstliches (synthetisches) Petroleum, hergestellt aus Kohle und! Wasser. Das Verfahren erscheint sehr entwicklungsfähig und wird wohl in Bälde zur Herstellung anderer wertvoller Stoffe führen. Noch auf einem anderen Woge ist die -Umwandlung der festen Kohle in die begehrten flüssigen Verbindungen von der Art des Erdöls gelungen, nämlich durch das Berginverfahren. Auch dabei wird Wasferstoff unter Druck angelagert,, aber nicht an gasförmige Erzeugnisse, die erst aus Kohle gewonnen werden mußten, sondern unmittelbar an die feste Kohle selbst. Das Derginverfahren verzichtet auch auf den Zusatz eines Katalysators, wahrscheinlich weil die eisernen Wände der Vorrichtungen, in denen sich der! Vorgang abspielt, seine Rolle übernehmen. Es liefert Oele und Motorenbetriebsstoffe in befriedigender Ausbeute. Da die anfänglichen Schwierigkeiten, die sich der Durchführung des Verfahrens im Dauerbetriebe entgegenstellten, jetzt überwunden sein sollen, dürfte die Zukunft des Verfahrens gesichert fein. Schließlich muß hier noch aller der Stoffe gedacht werden, die die heutige Chemie aus A'atylen als Ausgangsstoff herstellt: Alkohol, Essigsäure, Azeton, Aldehyd — um nur einige der bekanntesten zu nennen. Dem: Azetylen wird aus Kalziumkarbid und Wasser gewonnen, und' das Kalziumkarbid, gewöhnlich kurz „Karbid" genannt, erzeugt man im elektrischen Ofen durch Zusammenschmelzen von Kalk und Kohle. So wird- also heute auch schon Spiritus aus Kohle hergestellt, und nur wenige wohl würden es beim Genuß eines guten Likörs oder „echten" DranntweiM für möglich halten, daß das Gehaltvolle daran, der Weingeist, aus einem Rohstoff stammt, den die Hacke des Bergmanns dem tiefen Schoß der dunkeln Erde entrissen und den erst die Kunst des Chemikers in das begehrte Feuerwasser verwandelt hat. Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, in welchem Matze die Technik bereits gegenwärtig mit Erfolg an die stoffliche Umwandlung der Kohle herangegangen ist. Für die Zukunft wird die Aufgabe einer Veredelung dieses Rohstoffs von noch weit größerer Bedeutung werden. Wissenschaft und Technik haben hier ein unerschöpfliches und auch höchst dankbares Arbeitsgebiet vor sich. — 216 — Schriftleituna: Dr. Sriedr Wilh. ßanae. — Druck und Derlaa bet Brübl'schen Univ.-Buch- uud Steindruckerei. *K. Lange. Dieben. gefiegt^ ^^pf war ehrlich." rief einer der Zuschauer. „Sie hat ihm nur vergolten, was er ihr getan!“ ein anderer. „Ich fordere einen jeden vor meine Klinge, der den Freiherrn für gebunden hält an das Wort, das ihm ein tolles Mädchen Mtrißl“ schmetterte Sir Stuart in den Saal. „So kreuzt die Klinge mit mir!“ ries Gottlieb« erregt dawider. Der Kavalier schüttelte den Kopf. Er sagte spöttisch: „Fräulein Gottliebe, Ihr wißt, was für Gefühle ich für Euch im Herzen trage. Ich suche im Kampfe dem Mars, nicht der Venus zu begegnen.“ Sm Saal wuchs die Erregung. Sir Stuarts Hochmut hatte alle Gemüter aufgepeitscht, aber keiner wagte es, sich mit dem gefürchteten Degen zu messen. Triumphierend durchschweiften die Blicke beg Kavaliers den vor ihm zurückweichenden Kreis der Schwan- kenLen, als neben Gottliebe der Fechtmeister Achatius trat und zu Sir Stuart ruhig und ernst sprach: „Sv Jhr's verschmäht, Eure überlegene Kraft mit einem Mädchen zu messen, werdet Jhr's vielleicht nicht ablehnen, einem alten Waffengefährten Genugtuung zu geben, Len Ihr todkrank von der Schwelle des Hauses fvrt- toiefet, in dem Ihr selbst als Gast warm sähet. Tretet Ihr nicht mit mir aus Toledaner Klingen an, so erkläre ich, Freiherr Achatius von Söllern, Euch Sir Stuart Hamilton, als einen stinkenden Hundsfott!“ Sir Stuart war bläh geworden. Er warf Rock und Weste ab. Alsbald standen sich die beiden gegenüber. Von dem wütenden, blitzschnellen Kampf, der jetzt folgte und fast eine Stunde dauerte, lebte die Erzählung über ein Jahrhundert Lei den Anhängern der edlen Fechtkunst weiter . . . samen Kampfes au. Die Stimmen schwirrten vurcyeinanoer. «ai trat der Freiherr von Herrenbruch, der seine Besinnung wieder- gesunden hatte, vor und rief: „Ich fordere Euch H^en, als Zeu- gen auf. Mich verlieh di- Ruhe, als ich sah, daß ich minder scharfen Waffe im Kampf gegen die eigene Schwester stand. Aber die Llngewaffnete mit der Waffe in der Hand zu bedrohen, sie ins Haus zu zwingen, um stean ei-ien hergelaufenen. Fremden zu verkuppeln, dazu mangelte dir die Ruhe nicht, Bruder!“ rief Gvttliebe. , , , o„ . . Was hat der Freiherr von Herrenbruch getan? fragte der eine.” „Hat er es wirklich gewagt, die Schwester mit dem Schwerte zu bedrohen? rief ein anderer. „Gr gibt ja alles dem Engetsch- mann, warum sollte er ihm nicht die Schwester geben wollen < „Wagst du es, allen Herren hier ins Gesicht zu leugnen, was ich dir vvrwerfe?“ rief Gottliebe. . Gustav Friedrich war bläh geworden. Ihm fehlten di« Worte um der Anklage zu begegnen. Da trat Sir Stuart vor und rief mutig: „Für Augen, die das Spiel gesehen haben, liegt erne hinterlistige Herausforderung vor. Der Freiherr ward bestehst, weil er die Schwester erkannte. Hätte er's vorher gewuht, er hatte nicht gekämpft. Hätte sie sich nicht zu erkennen gegeben, so hätte er Mit geballter Faust und butunterlaufenen Augen. bte an ein« stöhigen Stier gemahnten, versolgte der Freiherr von Herrenbruch den Kampf seines Freundes auf Leben und Tod. * Ihm gegenüber rang Gottliebe, die die Linke auf das schlau Ä Herz gepreht hatte, nach Atem. Jede Bewegung des Hem« ins schwang in ihrem Körper nach. Die Knie federten leicht, das Handgelenk fühlte die Stöhe und Drehungen mit. Da geschah es, dah Plötzlich Sir Stuart zurucksprang. Dbi Linke preßte 1er auf die Rippen, knickte in den Knien ein, ließ den Degen sinken und fiel zurück. , - „Sch habe ihn nicht getötet,“ sagte der Rittmeister, der hoch» aufgerichtet das Zusammenbrechen seines Gegners verfolgte Ein Aufseufzen ging durch die Menge. „Gott hat entschieden" löst« sich von einem Lippenpaar. > ~ Der Freiherr von Herrenbruch trat hinzu, nahm den Freuno in die Arme trug ihn hinauf in ein Zimmer des Wirtshauses. Ei» Chirurgus kam, um Sir Stuart zu verbinden. Er ward gefra» wie es um den Verwundeten stünde. Er berichtete, dach ein Bungen* stich Sir Stuart lange auf ein schmerzhaftes Krankenlager fesseln ^^Am vierten Tage nach der Verwundung des Freundes ritt Gustav Friedrich 'nach Herrenbruch zurück. Aber Tor gelangte, fand er die Zugbrücke aufgezogen Als er Einlaß Begehrte, trat feine Schwester auf die Zinne des Turmes nndtt^ hinab: „Hast es verwettet, zehn Sahre außer Land zu Meißen. Reite denn hinweg. Was du bedarfst an Aufrüstung und Geld, sollst du Mm herzoglichen Rat von Knop findem Der Freiherr tobte und fluchte. Er schrie nach seinen Diener« und Knechten. Allein keiner wagte es, W sein Los und zog, sobald es die Wunde Sir Stuarts erlaubt^ mit diesem von dannen. t ®rei Jahre führte Gottliebe die Zügel auf Herrenbruch und meinte daß eine tüchtige Frauen Hand den Zaum besserzu mei- ftecn ’ verstünde, als die behandschuhte Faust eines Kavalier« ©ie^itt auf die Felder, trieb die Taglöhner zur Arbeit an unb scheute sich nicht, gegen rohe Gesellen die Peitsche zu gebrau» chen. Aber sie hatte auch die rechte Güte zur rechten Zeit, wie es 5