Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92^ Samstag, -en |8. Oktober Nummer^ß Sonne im Herbst. Don Josef Schänderl*). Sonne, Lu einzig geliebte, lächelst mir heiter und klar; Huld, die nimmer sich trübte, bleib mir — es neigt sich mein Jahr. Wärmst noch die welkenden Tage mild, nun sie einsamer sind, still durch vergilbende Hage schreit ich im leichten Wind: von aller Sehnsucht entbunden, nur hingegeben dem Glanz — einst, wenn ich heimgefunden, Sonne, gehör ich dir ganz. Aus dem Band „Krone", einer Gedichtsammlung stark c Poesie voll feinster Aalurstimmungen (im Verlag Georg , München). Der Enkel. Von Fritz Müller-Partenkirchen. Im Lieserantenbuch bedeckte eine Kontenseite sich am schnellsten. Unter vier Stellen gab's da keine Zahl. War umzuwenden, schrieb man fast mit Ehrfurcht auf die neue Seite: Gebrüder Fromme Hamburg. Sie lieferten den meisten Kaffee. Kaffee und Fromme, das war eins. Sagte einer „Fromme", roch es schon nach Kasfee. Alraft war das Haus. Ein Fromme wird's gewesen sein, der unter Prinz Eugen die ersten Kaffeebohnen in gestürm- ten Türkenlagern vor dem befreiten Wien entdeckte. Ein Buchhalter meiner Lehrzeitfirma trat aus. Er kam zu Gebr. Fromme, Hamburg. Vorher hatten wir ihn gehänselt. Jetzt sahn wir ihm mit Ehrfurcht nach: „Zu Fromme kommt er, zu Gebrüder Fromme." Das Almgekehrte freilich, &a& einer von Gebrüder Fromme seinen Weg zu unserer Firma fände, hielten wir für ausgeschlossen. Dennoch sagte eines Tages der Herr Muschel: „Am nächsten ersten tritt Herr Karl Fromme bei uns ein." Eine Weile war Verblüffung. „Doch nicht von Gebrüder Fromme?" wagte Endres, der Kreditbuchhalter, zu fragen. „Ja, ein Aachkomme des Begründers der berühmten Firma. Herr Endres, übertragen Sie ihm einen Posten in der Korrespondenz. Möglichst einen leichten, bitte." Der alte Endres lächelte vor sich hin: „Aha, ein junger Enkel, der sich seine ersten Sporen hier verdienen will. Volontär Sturmbrenner soll ihm seinen Platz einräumen." Sitzt am andern Tag ein alter Mann an diesem Platz. Hat eine Drille, eine müde Hand, und schleppend ist sein Gehwerk. Wir Lehrlinge umschlichen ihn sachte: „Soll das der junge Fromme sein, Herr Endres?" „Ja," sagte er knapp, „und geht an eure Arbeit." Aber langsam brachten wir es doch heraus: Der mit der Brille war ein Schiffbruchfromme. Als junger Mann Verächter des Berufes seiner Väter. Studierte dies und das. Ward langsam ein verbummelter Student. Dann ein Sonderling. Die stützenden Firmenhände von Gebrüder Fromme zogen sich, zurück. Es ging ihm schlecht in alten Tagen. War nahe am Verkommen. Sie bugsierten ihn zu uns mit sanftem Rachdruck. Da sah er nun und schrieb und schrieb. Pünktlich kam er. pünktlich ging er. So eifrig wie er war. Kaum, dah er auffah von der Arbeit. Unser Prinzipal, Herr Kramer, brachte ihm die Arbeit morgens selber. Tiefernst unterhielten sie sich immer eine kleine Weile. Sicher hat er die Vertrauensbriefe zu behandeln, dachten wir. Keiner wagte sich zu nähern. Einmal aber ging er früher fort und lieh die Tagesarbeit liegen. Es war ein BestätigungS« brief: „Wir empfingen Ihren werten Brief von gestern, dem wir entnahmen: 3000 Mk. in drei Voten zu 1000 Mk. . 7000 Mk. in einem Scheck auf die Handelsbank, hier. 10 000 Mk. womit wir zuzüglich 300 Mk. für 3 Prvz. unser« Faktura im Betrage von 10 000 Mk. dankend beglichen. Alm Erneuerung Ihrer geschätzten Aufträge bittend zeichnen wir. ‘ Hochachtungsvoll l Wir sahen uns an. An diesem Briefe hatte er den ganzen Tageschrieben. Fünf vermurkste Konzepte lagen im Papierkorb. Jemand wollte lachen. Ein rohes Lehrlingslachen. Aber da stand der alte Endres vor uns. „Er ist ein armer Mensch. Was ihn allein noch retten lang vorm letzten Riederbruche, ist die Achtung. Wer sie ihm versagt, ist unbarmherzig. Vergeht nicht, es ist einer von Gebrüder.Fromme." „Gebrüder Fromme", klang es nach in uns. „Gebrüder Fromme ...“ Es roch nach Aiesenkaffeelagern. Der alte Ramtz wurde wieder wach. Die Schiffe der Weltfirma fuhren über den Ozean. Wir klappten unsere Bücher zu und gingen still nach Hause. Am andern Morgen sah er wieder da. Wir verneigten unS vor ihm und grüßten ehrerbietig seinen Damen. Herr Kramer hatte einen Sohn. Der war eben mit der Schul« fertig. Dem erzählte er von Karl Fromme. Dessen Tagesarbeit legte er ihm vor: „Sieh, Wilhelm, damit hat ein Welthmrssproh. der nicht sich selbst befehlen konnte, aufgehört. Ich denke, du fängst an damit. — Glückauf, mein Sohn, Beginne.“ Karre! und fein Freund. Von CharlvtteRiese. (Fortsetzung.) Das muhte mein tun, wenn man ein Mädchen „poussieren" wollte. Guschi sagte das immer, und er verstand sich darauf. Der kam eines Abends, als Karre! gerade mit seiner Flamme ausgehen wollte, und er war so lustig und konnte so viele Geschichten eqN zählen, dah Fräulein Linchen nicht aus dem Lachen kam und sich nachher sehr bei Karrel bedankte, weil sie sich so herrlich amüsiert hatte. 1 Es war ein lustiger Abend', und es fiel Karrel erst nachher ein, dah er einmal ernsthaft mit Guschi sprechen wollte. Erstens der zweihundert Mark wegen, die er selbst nötig hatte, und dann auch wegen der Geschichte bei Dachs & Storch. Aber das war jetzt immer so: wenn er Guschi sah. wollte er ernsthaft mit ihm reden und kam doch nicht dazu. Es schien Guschi ja auch sehr gut zu gehen; da muhte man sich nicht beunruhigen. Karrel konnte jetzt nicht viel an seinen Freund denken; an einem stillen Mondschein abend, als er ein Doot genommen hatte und Fräulein Linchen auf der Alster ruderte, da verlobte er sich mit ihr und schwur ihr ewige Treue. Linchen war sehr gerührt unv kühte ihn zärtlich. Sie nannte ihn einen „furchtbar" netten Jungen und sagte, es wäre prachtvoll, einen Bräutigam zu haben. Don Heiraten sprachen die zwei natürlich nicht, sie hatten ja Zeit zum Warten; als aber Guschi am nächsten Abend Karrel aufsuchw um eine kleine Anleihe bei ihm zu machen, da erwiderte der Freund ernsthaft, dah er nun nichts mehr ausleihen könnte, er mühte vielleicht bald für eine Familie sorgen. Guschi lachte laut, als er von der Verlobung erfuhr; doch Karrel erwiderte, dabei sei nichts zu lachen. Linchen hatte sich schon mehrere hundert Mark erspart, und wenn Karrel und sie vernünftig wirtschafteten, dann konnten sie vielleicht bald ans Heiraten denken. Karrel sprach so lebhaft, wie es sonst nicht seine Art war, und Guschi kniff die Augen zusammen, während er ihm zuhvrte. Gr hatte eine schlechte Gesichtsfarbe, und wenn Karrel nicht so mit sich beschäftigt gewesen wäre, dann würde er vielleicht bemerkt haben, dah der Andre einen sehr schlechten Anzug trug. Aber er dachte an sich selbst und lieh den Freund diesmal ohne Geld gehen. Ach, Karrel war so glücklichl Es kam ihm vor, als mühte er immerfort singen oder wenigstens leise vor sich hinsummen. Linchen war gestern abend so reizend gewesen; er hatte ihre frischen Lippen küssen, ihre Hände halten dürfen. Und der Mond hatte lächelnd in das leise schaukelnde Boot geschienen, gerade, als wühte er, dah Karrel selig war. Alnd dann muhte er noch an demselben Tage nach England reisen. Sein Chef nahm ihn mit und lieh ihm kaum Zeit, feinen Koffer zu packen. Es gab irgendeine Kleiderlieserung, die er besorgen wollte, und' es war kein Tag zu verlieren. Karrel war noch niemals gereist; fast hatte er Angst vor der grauen Aordfee, vor dein Tumult in London; dann aber ging alles gut, und Herr Schmidt sagte ihm einige anerkennende Worte für seine Almsicht, während er ihn zugleich beauftragte, noch einige englische Städte für ihn zu besuchen. Do kam Karrel erst nach einer Woche daziu an Linchen zu schreiben und seine Plötzliche Reise zu erklären, und 178 — Ihr Wann—* -r - ■ *t» t' - Kcrrrel mußte sich setzet,, Und sie sah ihm unfreuMich bl bk Er wußte nicht recht, was er hierzu sagen sollte, und als er st« so erstaunt betrachtete, begann sie ihn zu schelten. Herr Gebers sagt Loch, daß du ihm geraten hast, nach zu heiraten Ich hab' den Gustav gern, aber er braucht mir Geld' Ich hab' ihm schon einmal tausend Mark gegeben, und ich weiß nicht, was er damit begonnen hat. Mein, wenn du chm geraten hast, mich zu heiraten, dann sag' ihm nur, daß ich (nicht Wärmeeinheit ist bekanntlich die Grammkalorie, ^ne Wärmemenge, die imstande ist, 1 Gramm Wasser um 1 Grad zu ser- wärmen. Wieviel solcher Wärmeeinheiten pro Minute auf einen Quadratzentimeter eingestrahlt werden, kann, ermittelt wervm. Prinzipiell geschieht die Messung so, daß man emen Korp«, der alle Strahlungen absorbiert, eine bestimmte Zeit lang der Sonne Augen „Jawohl, er ist mein Wann! Schon ganz lang« sind wir auf dem Standesamt gewesen, und deswegen wmme ich am Lage hierher, um auf ihn zu warten. Er will mich ja nicht hier wohnen lassenI" setzte sie böse hinzu. „Er ist überhaupt ein schlechter Mensch: aber ich habe ihn nun einmal, und er soll stch nicht einbilden; daß ich ihn laufen lasse." Sie schien ganz vergessen zu haben, daß sie Karret einmal, nre »me i geküßt und ihm die Treue geschworen hatte, und er wundert« stch aewandt I auch, daß das niedliche kleine Fräulein Hellmund, das so adrett - • und zierlich gewesen war, nun eine ärmlich gelleidete Frau mit hohlen Wangen und einem verkniffenen Munde war. Er wußte nichts mit ihr zu sprechen, als daß er Guschr zu sich bestellte. Sie versprach, Li« Botschaft zu übernehmen. „Hoffentlich haben Sie eine Arbeit für ihn," setzte sie hinzu. „Er ist so faul, so schrecklich faul. ich kann noch immer nicht wieder arbeiten." Dabei drückte sie den Kopf des kleinen Kindes an ihre Brust und legte ihre Lippen auf die spärlichen blonden will!" _ _,. , Zausend' Mark hatte die geizige Tante an Guschr gegeben und der wollte sie heiraten? Karrel wurde beinahe schwindlig, und die Tante redete und schalt eine Weile auf ihn' ein, bis er ihr versprach, mit Guschi zu sprechen und' ihm vorzustellen, baß aus emer Heirat nichts werden könnte. „Warum sagst du rhm das mcht selbst?" mußte Karrel endlich fragen. Marenka zuckte die Achseln. „Er laßt mrch gar mcht zu Worte kommen und- ist so lieb und- zärtlich: da mag ich ihm nrcht wehe tun. Aber heiraten will ich ihn nicht." Karrel wußte nicht mehr Guschis Wohnung, aber Aante Marenka gab ihm die Adresse, und er ging eines Bachmittags hin, Das Zimmer lag in einem neuen Miethause, und die Etagentür stand- weit offen. Karrel konnte unbehindert einen schmalen Gang hinuntergehen und an die Tür klopfen, an der eine Disiten- karte mit Guschis Damen steckte. Eine weibliche Stimme rief ,,H«- ein!", und wie Karrel eintrat, sah er eine junge Frau am Tische sitzen'und ein kleines Kind füttern. Sie war blaß und schlecht gekleidet; er erkannte sie zuerst nicht; dann aber blickte sie ihn mit ihren Hellen, blauen Augen an, und da sah er, daß es Linchen Hellmund war. . „Was wollen Sie hier, Herr Schulte?' fragte fte kurz. „Mern Mann ist nicht zu Hause. E" ist eigentlich niemals zu Hause." Die uns von der Sonne zukommende Wärmestrahlung ist es, di« alles Leben und alle Bewegung auf der Erde ermöglicht. Die Sonne ist es, die Luftmassen erwärmt und dadurch Wind und Kondensation des Wasserdampfes (also Bewölkung und Niederschlage) hervorruft. Die Stärke der Sonnenstrahlung und ihre etwaigen Aenderungen kennen zu lernen, müßte also auch gerade für den Meteorologen höchst wichtig sein. Aber erst in neuerer Zeit wandte man sich allgemeiner diesem Problem zu, als eine andere Wissenschaft die Medizin, zu ihren Zwecken meteorologischer Daten, besonders gerade in der Frage der Strahlung, bedurfte. Die Licht- n yer- । und Wärmestrahlen (bekanntlich sind dies elektromagnetische Zuviel 1 Schwingungen von einer Wellenlänge von 4 bis 8 tausendstel ' - 1 Millimeter für sichtbares Licht, darüber hinaus Warmewirkung), wie sie uns von der Sonne zukommen, erleiden m unserer At-^ mvsphäre mancherlei VeränderungAi, ehe sie die Erdoberfläche treffen worüber uns das Spektroskop Auskunft gibt. (Das Spell troskop ist ein Apparat, mit dem man das Sonnenlicht , in ferne Spektralfarben zerlegen und- die Grundstoffe, aus denen die Sonne besteht feststellen kann.) Schon die äußere Gashülle der Sonne absorbiert ja gewisse Wellenlängen, die im Spektrum als dunkle Linien erkennbar sind- Don den Gasen unserer Lufthülle abfor- bieren besonders Wasserdampf und Kohlensäure. Diese sog. „tel- lurischen" Linien verraten sich durch ihre wechselnde. Starke, je nachdem die Sonne bei hohem oder tiefem Stand eine dünnere oder dickere Luftschicht durchstrahlen muß-, während die echten Sonnenlinien unverändert bleiben. Außerdem wird auch viele Strahlung durch Staubtrübungen irgendwelcher Art zurückgehalten und reflektiert So gelangen von der an der Grenze der Atmosphäre auf- treffenden Sonnenstrahlung bestenfalls nur 50 bis 80 Prozent zur Erdoberfläche. Wie die Strahlung gemessen wird und- zu was für Resultaten man dabei gelangte, soll im folgenden kurz dargestellt In dieser Zeit wurde Tante Marenka lebenslustig. Sre ging mit Guschi ms Varietetheater und ins Bierlokal, sie, putzte sich mehr als es sonst ihr« Art war, und wenn Karrel dabei war. dann winkte sie ihm verschmitzt zu, gerade, als wollte fte chm etwas Desondres damit sagen. Aber er wußte nicht, was sre wollte und ließ sie mit Guschi meistens allein. „ , Ms sie ihn eines Abends kommen ließ und rhm erklärte, daß sie nicht daran dächte, sich wieder zu verheiraten. Sie wollte sich wohl einmal belustigen, aber ihre Freiheit wollte sie mcht aus- da er keine richtige Abrufe angeben konnte, wußte er, daß er von I ihr nichts hören würde. Gr aber schrieb, wenn er Muße fand, und I als er nach zwei Monaten wieder nach Hamburg zurückkehrte, da I hatte er Herzklopfen, als er das Haus betrat, in dem er rm vierten I und Linchen im zweiten Stock wohnte. Doch als er bei ihrer Wrrtin I fragte, wann Fräulein Hellmund nach Hause käme, erfuhr er, daß I sie ausgezogen sei. Wohin? Das vermochte die Vermieterin mcht zu sagen, und als Karrel auf dem Kontor nachfragte, auf dem sie zu arbeiten pflegte, wurde ihm der Bescheid, daß. Kraulern I Hellmund di« Stellung hier aufgegeben habe. Ihr Bräutigam I hätte ihr wohl eine andre besorgt. Diese Antwort erteilte eme Maschinenschreiberin, an die sich Karrel mit seiner, Frage gewannt hatte und als er das ältere Mädchen verständnisvoll anstarrte, setzte sie hinzu: „Fräulein Hellmund' war mit einenr feinen imigen Herrn verlobt; ich habe sie mehrmals zusammen gesehen! Es war gut, daß Karrel nicht recht zur Besinnung kam; fern Herr nahm ihn mit nach Berlin und dann nach Warschau, Ueberall aab's Geschäfte zu machen, es galt, seine Gedanken zusammen- zunehmen. Endlich lagen die Türme von Hamburg wieder vor Karrel, aber er freute sich nicht, sie zu sehen. Er war jetzt in der Welt umhergekommen und wußte, daß sie nicht überall schon war, aber an Linchen Hellmund konnte er noch nicht denken, ohne einen scharfen Schmerz zu empfinden. Er hatte sie für treu und gut gehalten. und sie war beides nicht gewesen. Der Winter kam wieder einmal und vrele Arbert rm Geschäft. Herr Schmidt vertraute ihm jetzt manches an; da mußte Karret besonders acht geben, und es paßte ihm nicht besonders, als Tante Marenka ihn eines Sonntags zum Abendessen einlud. Tante Ma- lenka hatte sich blitzwenig um ihn gekümmert und war manchmal kaum freundlich gewesen; da hatte er sie beinahe vergessen und ließ sie mit ihren Gold- und Srlbersachen allein fertig toeröen. Gr wußte, daß sie im Sommer seine Eltern besuchte und berichte^ wieviel sie für ihren angeheirateten Dessen tat, aber er konnte sich nicht denken, daß man ihr glaubte. An diesem Abend empfing die Tante ihn sehr freundlich und sagte ihm, daß sie Gutes von ihm gehört habe. Er solle inur immer so bleiben. Als sie noch nicht mit ihrer Ermahnung zu Ende war trat Guschi ein, begrüßte die Tante vertraulich und nrate auch Karrel zu. Er war gut gekleidet und schien sehr guter Laune. Für seinen alten Freund hatte er einen flüchtigen Gruß, dann wandte er sich Tante Marenka zu und machte so viele Witze, daß diese aus dem Lachen nicht herauskam. Dur als er eine Anspielung auf ihr vieles Geld' machte, wurde sie ernst und erwiderte verdrießlich, daß es mit ihrem Reichtum nicht weit her sei. Aber dann vergaß sie ihr« Verstimmung, und der Abend verlies gemütlich. Beim Heimweg hängte sich Guschi in Karrels Arm. „Dun laß uns noch ein Glas zusammen trinken. So lange haben wir uns nicht gesehen! Du sammelst wohl schon Reichtümer was? Wer irgendetwas gefiel Karrel nicht mehr an fernem Freunde. So lehnte er das gute Glas ab und ging lieber nach Hause. Haare Einen Augenblick stand- Karrel noch neben ihr, aber dann ging er eilig davon. Es kocht« in ihm. Eine ohnmächtige Wut, und dann doch ein unsägliches Mitleid mit Linchen und ihrem Kinde stieg in ihm auf, und dann suchte er Guschi dennoch ein wenig zu entschuldigen. Jedermann mochte ihn nun einmal gern, und dadurch tat er Dinge, die nicht recht waren. Den ganzen Abend wartete er auf ihn, weil er ernsthaft mit ihm reden wollte, aber eb erschien nicht, und am andern Tage gab's so viel Arbeit im Geschäft, daß Karrel fast ein wenig verstört wurde. Er hatte fein eignes Zimmerchen im Kaufhause, das er zum Umkleiden benutzte. Der einfache blaue Straßenanzug, mit dem er morgens kam, war Herrn Schmidt nicht elegant genug; im Geschäft mußte er einen feinen schwarzen Anzug tragen, der zugleich Reklame für die schwarzen Anzüge der Firma machte. Auch heute wechselte Karrel gleich seinen Anzug und kam erst nach einigen StundAi wieder in seine Kammer, um sich ein Papier aus der Tasche seines Straßenrockes zu holen. Aber sein Anzug war verschwunden, ein sehr vertragener hing an seiner Stelle. Karrel wurde sehr ärgerlich. Es war schon einmal vorgekommen, daß ihm etwas aus seiner Kammer weggekommen war, und er wollte gerade Lärm schlagen, als er zum Prinz pal gerufen wurde, der einen Auftrag erhalten hatte. .Und dieser Auftrag war so großartig, es stand eine so große Summe auf dem Spiel,, daß Karrel seinen Verdruß hinunterschlucken mußte und ihn gewissermaßen auf gelegene Zeit verschob. (Fortsetzung folgt.) Die Messung der Sonnenstrahlen. Ein neues Problem der Wissenschaft. Von Dr. W. Malsch, an der Badischen Landeswetterwarte in Karlsruhe. — 179 - *) Den Aufsatz des bekannten Berliner Hygienikers, des Schöpfers der modernen Kleidungshhgiene und Verfassers vieler bedeutsamer Werke, entnehmen wir — mit Genehmigung des Verlages — dem bekannten Fachblatt „Der Manufakturist". Unsere Kleidung. Don Geh. Ober-Medizinalrat Prof. Dr. Max Rubner, D e r l i n*). Der Mensch hat, wie alle Warmblüter, einen Kampf mit dem Klima und Hitze, Kälte, Regen und Wind auszufechten; vor allem ist seine haarlose Haut kein rechter Schutz gegen Kalte. So, wie er auf die Welt kommt, nackt, patzt er einzig und allem nur für das tropische Klima. Dort sehen wir auch heute noch die Vatuiv Volker unbekleidet, aber auch da suchen sie Schutz gegen Regen und Wind, und Sicherheit für die Vachtruhe durch den Dau der $UttSic Mittel unseres Körpers zum Kampf mit dem Klima sind folgende: Steigt die Temperatur der Umgebung soweit, MD unser Blut anfängt wärmer zu werden, so verdunsten wir Wasser, und wenn die Gefahr besteht, datz die Dlutwärme sinkt so wird in uns mehr Wärme erzeugt. Beide Vorgänge sind unserem Wüten entzogen, erfolgen automatisch und heitzen die Wärmeregulation. Alle Warmblüter besitzen sie. Aber diese Hilfsmittel allem wurden den Menschen wie den Tieren den Aufenthalt in kalten Ktomaten oder gar in den Polargegenden, wo Temperaturen hinter —600 vorkommen, nicht ermöglichen, wohl aber reicht die Wärmeregulation aus, Len Menschen in trockenen Gegenden, selbst bet Temperaturen von -{—50 °, leistungsfähig zu halten. Der Pe^ der Tiere ändert sich bei ihrer Wanderung auf der Erde, Spezies mit viel Haaren, wie Schafe, bekommen in den Tropen cäne Mtut wie ein Windhund, Kamele im Klima von Tibet sind stark behaart. Für den Pelzhandel sind Tiere der arktischen Zone gesucht. Autzer dem Pelz schützt manches Lier auch ein mächtiges Fettpolster gegen Ursache jene leuchtenden Streifen an» Vachthtmmel habai, tntejle vor einigen Jahren an der Heidelberger Sternwarte und anoen» Orten gesehen wurden. Jedenfalls sand der Verfasser zur Zeit Beobachtung jener Streifen auch eine Strahlungsvermm» “ " " - ' -tum. Ob kosmische Wolken die Aachtwolken vulkanischen Air* Der Mensch hat seine allmähliche Ausbreitung über die kalten Zonen Lurch die Erfindung der Kleidung ermöglicht. Zuerst haben ihm die Felle der Tiere als Schutz gedient, wie heute noch dem Es* kimo Erst später entstand die Kunst, aus pflanzlichem Material Gewebe herzustellen. Die Fadenbildung mit der Spindel war bte Grundlage für das Flechten und Weben. Wollstoffe finden sich erst in der Bronzezeit. Üngezählte Jahrtausende hat 6er Mensch feine Kleidung den Gefühlen Kälte und Wärme angepatzt. Erst m den letzten fünfzig Jahren hat man sich mit der Kleidung vam wisseiischaftlichen Standpunkt aus besaht und ihre physikalischen und physiologischen Eigenschaften erkannt Die wesentlichen Grundzüge einer rationellen Kleidung will ich in nachfolgendem kurz skiszie^em b.e ÄIeiJnmg hem Menschen sein? Bor allem — tenfi’ man — ein Schutz gegen Kälte, aber d-och dies nicht allem. Di« weihe Haut des Europäers verträgt die Tropensonne nicht em Teil der Sonnenstrahlen dringt tief in den Körper ein und schadiM ihn Die Vatur gab den Aegern den Schutz gegen die Sonne durch die'schwarze Haut. Die weitze Haut bedarf also eines besonderen Schuhes wenn auch nur Lurch leichte Bekleidung. . . . Was Len Kälteschutz anlangt, so scheinen uns die primitiven Völker Lurch die Wahl der Tierhaut als Kleidung das allein Richtige getroffen zu haben. Wenn man die Sache aber genau betrachtet so eignet sich ein Fell durchaus nicht für alle Zwecke unserer'Bekleidung. Auch wemi uns Haare gewachsen wären, so wäre doch die Sachlage bei uns eine ganz andere, als bei den meisten Tieren Denn die menschliche Haut hat das Charakteristische, Latz sie in ihrem ganzen Umfang zu schwitzen vermag, was nur bei ganz wenigen Tieren vorkommt. Die letzteren atmen lebhafter, wenn es warm wird und verdampfen Wafser aus der Lunge. Jeder kennt die keuchende Atmung des Hundes im Sommer. Das Tier auSsetzt und seine Wärmezunahme mitzt. Kennt man den sogenannten „Wasserwert" jenes Körpers und seine Oberfläche in . «uu Quadratzenkimeter, so kann man nach Reduktion auf die Einheit Orten gesehen wurden. Jedenfalls falber 6er Fläche und der Zeit die Strahlung in gr-cal/min/qcm aus- einer Beobachtung jener Atresien auch «w« S tvahüi^vwm^* frtüden Der Wea erscheint einfach doch ist die Ausführung des 1 derung auf dem Feldbergvbservatorium. Ob kosmische Wolken di« Experimentes sehr sch^ Es wurde bemerkt, man müsse einen Ursache waren oder leuchtende Vachtwolten vuLmisä^i Alt* Rrp^r Nehmen Mr arte'auf ihn fallende Strahlung absorbiere; sprungs wie sie seinerzeit nach dem Krakatau-Ausbruch 1893 auf* tut her absolut töttxme Körper" den wir aus der theoreti* I traten, ist noch ungewitz. schen Physik kennen Ein erdolchen aber in der Praxis vollkommen Diese Untersuchungen und Ergebnisse dienen nicht allem der herzustellen istfast unmöglich Hat man aber keinen absolut schwär* meteorologischen Wissenschaft, sondern auch der Medizin, dteja »en Körper' so erleidet Mr Apparat Verluste an Erwärmung durch I die heilkräftige Wirkung der Sonnenstrahlung in immerweit^* ei-Z-ue Allssjrabluna die schwer in Rechnung zu ziehen sind. I gehendem Matze verwendet. Der Arzt mutz wissen, wcmn die Amehesten ^füllt Rutz ^die Forderung völliger Absorption aller Strahlung am stärksten ist, welche Strahlenarten a'umMM ge= Wellenlängen So beruhte Pouillet die Auffangfläche seines ersten schwächt werden, und in welcher Weise. Em gro^rrtiges 3n* SS Pyrheliometers» (d. h. „Feuersonnenmesser", da flitut für Sonnenforschung hat übrigens m Davos ProtzDr. solibsu Avvaraten auch die Oberflächentemperatur der I C. Dvrno eingerichtet. Ihm verdanken wir grundlegende Kennt Sonne messen kann) Pouillets Apparat bestand^ aus einem be- nisse. Auch die Badische Landeswetterwarte istmit Tliiterstutzung ÄrSuüöÄ S&meter, W die Erwärmung der „Badischen Gesellschaft für Wetter- und Klimasorschung jetzt Wisers matz Sväter bat Crova einen ähnlichen Apparat, dabei, an diesem Institut und an dem ihm angegliederten Feld- mit Quecksilb-r statt Wasser g-füllt verwendet. Violle schlietzlich I berg-Observatorium Strahlungsforschungen nach Möglichkeit Mit Mru^e^die^hermometerkugel selbst Alle Apparate litten aber den vorhandenen Mitteln zu treibmi und das Instrumentarium aÄ MTB äußere«nflüHe. namentlich Wind, ihre mit der Zeit zu Vervollständigen Es ist zu ^nschen datz diese Angaben stark beeinflußten. Gute Werte lieferte erst das I Bestrebungen von Erfolg gekrönt sind und Ergebnisse Mtigen. Angströmsche Kvmpensationsphrheliometer, das in sehr sinnreicher I auf denen die Wissenschaft weiterbauen kann. Weise die eingestrahlte Wärmemenge durch Thermoelemente mitzt. I Wie man aus mühseligen Beobachtungen und Untersuchungen I gefunden hat beträgt die Sonnenstrahlung an der Grenze der Atmosphäre 1,95, also rund 2 gr-cal/min/qcm. Wieviel gelangt I nun von dieser Strahlung zur Erdoberfläche und wie ändert sich I dieselbe im Laufe eines Tages, eines Jahres? Zunächst ist klar, I datz nur ein Teil, und zwar um so weniger, je dickere Luftschichten I zu durchdringen sind, zur Erde gelangen wird. So hat z. B. Prof. ! Peppler der Direktor der Badischen Landeswetterwarte in wauä- I ruhe im Freiballon in 7500 Meter Höhe 1,67 gr-cal, gefunden, auf I dem ’ Feldberg (Schwarzwald) mah der Verfasser bis 1,5 cal. und in Karlsruhe werden bestenfalls etwas über 1,3 cal. gefuiwert. I Das find alles Maximalwerte bei höchstem Sonnenstand um Mittag Morgens und abends, wenn die Sonne tief am Horizont I stehend eine dickere Luftschicht durchstrahlen mutz, ergeben sich natürlich bedeutend geringere Werte. Die Zu- und Aonayme der 1 Strahlung geht aber nicht parallel zum Steigen und Sinken der Sonne sondern der Tagesgang wird modifiziert durch das Vor- I handensein von Trübungen in der Atmosphäre, von Staub und I Wasserdampf Diese sind meist am Vachrnittag reichlicher vorhanden weshalb am Vormittag intensivere Strahlung gemesfen wird. Dieser mittlere Lagesgang ändert sich natürlich m mannigfacher Weise namentlich durch Zunahme der Luftfeuchligleii in hohen I Schichten der Atmosphäre beim Herannahen von Twsdru<^ebieten was eine Abnahme der Strahlungsintensität bewirkt. Man hat I hier schon gewisse Gesetzmätzigkeiien gefunden, und,hofft, in Zu- I fünft Beobachtungen der Strahlungsintensität auch für die Wetter- | Prognose zu verwenden. , ,. „ ,. , Don besonderer Wichtigkeit, namentlich für die Medizin, war I es auch die Jntensitätsverhältnisse einzelner Spektralgebiete zu untersuchen Legt doch der Arzt hauptsächlich auf den Anteil der violetten und ultravioletten Strahlung im Sonnenlicht grvtzen Wert. Man fanb, datz der Tagesgang der roten Strahlung ge- I ringe Veränderlichkeit zeigt, da ja rotes Licht am wenigsien von | der Atmosphäre absorbiert wird. Violett dagegen ist bei niederen Sonnenständen fast nicht vorhanden wegen starker Absorption tn der Luft (aus diesem Grund erscheint auch die tiefstehende Sonne I rot) Ebenso zeigt sich, datz beim Smporsteigen im Gebirge Die I Intensität des roten Lichtes sich nur unwesentlich steigert, Die des violetten dagegen sehr bedeutend. Die Gebirgssonne ift also viel reicher an violetter Strahlung als die der Tiefebene, worauf , ihre I heilkräftige Wirkung "für Lungenkranke usw. zuruckzufuhren ist. Auch ein Jahrgang der Totalstrahlung ist vorhanden in dem I Sinn datz, gleiche Sonnenhöhe und Lufttrübung vorausgesetzt, Messungen im Winter höhere Werte liefern als im Sommer., Der Grund hierfür ist erstens der, öafl die Atmosphäre tm Wnnter I wasserdampfärmer ist als im Sommer, die Strahlung allo leichter durchläht, bann aber auch, dah die Erde in elliptischer Bahn um bis Sonne läuft und tm Winter (Januar) die Sonnennähe stattfindet, weswegen sich hier die höchsten Werte ergeben. Ebenso ist die Lufttrübung im Winter durch Staub, namentlich im Gebirge infolge der Schneedecke, meist geringer als im Sommer. Auch der Lahresgang weist, teilweise periodisch, Alnregelmätzigkeiten tn seinem Verlauf auf, hervorgerufen durch Staubtrübungen in hohen und höchsten Schichten der Atmosphäre. Durch, die Meteorwolken, die die Erde auf ihrer Buhn um die Sonne alljährlich durchfliegt, werden Sternschnuppenfälle hervorgerufen (hauptsächlichste 1 Schwärme: Aqu ariden tm Mai, Perseiden im August, Levniden tm November. Der hierbei in die höchsten Atmosphärenschtchten gelangende Staub ruft eine Verminderung der Strahlungsintensität hervor Ebenso wirkt vulkanischer Staub, der gelegentlich bei Vulkanausbrüchen emporgeschleudert wird und sich in ettoa 80 Kilometer Höhe lange schwebend erhält und durch Luftströmungen fast | über die ganze Erde verbreitet wird. So machten sich die Staub- massen vom Ausbruch des Katmai in Alaska im Jahre 1912 selbst bei uns in Europa bemerkbar durch fast zwei Jahre währende Verminderung der Sonnenstrahlung. Unentschieden ist noch, welche — 180 — hat also auch in der Hitze einen trockenen Pelz, der Mensch aber ! «die nasse Kleidung durch den Schweiß. Außerdem muß man bedenken, datz ein Pelz als Bekleidungsmaterial und die Haarbekleidung der Tiere, d. h. der lebendige Pelz, ganz verschiedene Dinge sind; die Tire können die Haare des Pelzes verschieden stellen, und die Dicke und Wärmehaltung verändern. Also wir sehen, die richtige Bekleidung des Menschen ist ein« schwierige Ausgabe, die auch die Aatur dadurch, daß sie uns Hütte Haare wachsen lassen, nicht hätte lösen können. Wenn wir uns behaglich fühlen wollen, mutz unsere Haut unter der Kleidung 32—330 haben. Diese Temperatur ist uns auch im nackten Zustand angenehm. Wer zuviel Kleider anzieht, erhöht diese Temperaturgrenze und wird verweichlicht. Personen, die sich an etwas tiefere Temperaturen als 32—33 0 gewöhnt haben, habe ich nie beobachtet. Wie uns die Kleidung Sonnenschutz gibt, so soll sie außerdem uns schützen gegen Verletzungen, Druck und Stotz, und — was für die Tropen wichtig ist — schützen gegen die Stiche von Insekten, welche schwere Krankheiten wie Malaria, Gelbfieber, Schlafkrankheit, Hervorrufen und gelegentlich auch andere Krankheiten übertragen können. Die elastischen Eigenschaften treten als förderlich namentlich bei dem Strumpfwerk entgegen, das bestimmt ist, die Stötze des Körpers auf die Sohle beim Menschen zu mildern. Llnsere moderne Kleidung verwendet als Grundstoffe meist Wolle, Leinen, Baumwolle. Seide scheidet wegen des hohen Preises als allgemein benutzter Stoff ans. Die Gewebe, die unmittelbar am Körper getragen werden, sind am häufigsten aus Leinen und Bamnwolle, Hose, Rock, Weste der männlichen Bekleidung meist aus Wolle. Die Webweise kann entweder so sein, datz die Fäden gekreuzt werden, oder das Schlingen gebildet werden (Trikvtgewebe). Bei stärkerer Vergröberung mit dem Mikroskop sieht man bei den Stoffen nur ein Gewirr von Fasern, das besonders bei Wolle wirrer zu sein scheint, wie bei den pflanzlichen Geweben. Dabei übersehen wir aber das Wesentlichste, die Luft in den Poren der Kleidung, und diese Luft ist nicht ein zufälliger, sondern ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil des Gewebes. Diese Luftmenge lätzt sich messen. Es enthält der gewöhnliche Hemdenstoff, z. B. Schirting, 37 Prozent Luft, die Trikotgewebe meist an 80 Prozent, Wollflanell gar 90 Prozent, und der Pelz der Tiere 97 bis 98 Prozent. Die Kleidung besteht also einmal aus festen Stoffen, und dann aus Luft, und zwar aus Luft, die in kleinen Hohlräumen ein» geschlossen ist und deshalb sich nicht so leicht bewegt. Wenn wir die Wärmehaltung als wichtigste Eigenschaften der Kleidung ansehen, müssen wir uns mit dem Vermögen der Wärmehaltung dieser beiden Komponenten beschäftigen. Die Körper leiten ine Wärme verschieden gut; das weitz jeder aus dem prak- schen Leben; eine Teekanne aus Metall wird uns beim Berühren schmerzen, während eine solche aus Porzellan bequem angefatzt werden kann. Dieses Wärmeleitungsvermögen kann man genau messen. Die Luft (ruhend) leitet 22 OOOmal schlechter als Kupfer, Wolle 6mal so gut wie Luft, und Baumwolle 30mal so gut, Also ist der Luftgehalt der Kleidung derjenige Teil derselben, der für die Wärmehaltung am wesentlichsten ist. Run verstehen wir auch, warum die Aatur in den Pelzen der Tiere das beste und wärmehaltendste Material, die Luft, so reichlich verwendet hat! Die wärmende Wirkung eines Kleidungsstückes hängt also ab vom Grundstoff, von der Luftmenge und der Dicke. Im Sommer hat unsere Kleidung nur 1—2 Millimeter Dicke, im Winter an kalten Tagen 25—26 Millimeter, mehr noch bei der arktischen Bekleidung mit Pelzen. Aus der Erfahrung ergibt sich, Latz wir, je dicker die Kleidung werden muh, um so luftreichere Stoffe verwenden. Im Sommer tragen wir mit unserer Kleidung etwa 3—4 Kilogramm, im Winter 7—8 Kilogramm mit uns herum. Würden uns Haare gewachsen fein, wie einem Schaf oder einem Eisbären, so würde diese prächtige „Winterbekleidung" noch nicht einmal 2 Kilogramm wiegen, also nur ein Viertel von dem Gewicht unserer künstlichen Kleidung. Wir haben also in der Konstruktion einer rationellen Kleidung noch vieles zu verbessern. Aber die Schwierigkeiten für die Konstruktion einer güten menschlichen Kleidung müssen wir erst noch besprechen, sie liegen darin, datz unsere Haut unter Arnständen schwitzt, und der Schweiß sollte eigentlich, ohne datz wir es merken, verdunsten können. Schweiß als Mässe hat seinen Beruf verfehlt. Wir müssen an der Hand der wissenschaftlichen Erforschung uns klar machen, wie der Wasserdampf durch die Kleidung hindurchkommt. Zu diesem Zweck untersuchen wir die Luft in den Poren der Kleidung, die Kleiderluft. Wir finden, datz sie kohlensäurehaltiger ist als die Stubenluft. llnfere Haut atmet Kohlensäure aus, Und aus dem Verdünnungsgrad der Kohlensäure in irgendeinem Kleidungsstück können wir berechnen, datz und wieviel frische Luft von autzen durch die Kleidung strömt und bei einer idealen Kleidung soll diese Ventilation ausreichen, den Wasserdampf abgu- führsn. Gelingt das, so ist uns die Kleidung behaglich, gelingt es nicht, so haben wir «in Gefühl der Bangigkeit, Arbeitsunlust, das Gefühl der Mässe oder selbst Frösteln, Wasser in der Kleidung verdrängt die Luft und leitet die Wärme 30mal so stark, wie di« letztere. Anter normalen Verhältnissen ist die Luft in der Kleidung trockener als im Zimmer. Das lätzt sich leicht mit einem kleine» Feuchtigkeitsmesser nachweifen. Vermehren wir aber z. D. durch Arbeit unsere Wärmeerzeugung und dadurch auch die Abgabe von Schweitz, so zeigt das Hygrometer, datz nunmehr die Kleiderluft! feuchter wird. Merkwürdigerweise hängen alle unsere Bekleidungsstoffe ii> ihrem Gewicht ganz von der relativen Feuchtigkeit der Luft ab. Wolle kann, wenn sie vorher trocken war und in ganz feucht« Luft (Rebel) kommt, um 30 Prozent an Gewicht zunehmen, Leinen und Baumwolle etwa um halb so viel. Diese Feuchtigkeit in den Stoffen kann man nicht fühlen, aber sie vermindert das Wärme- Haltungsvermögen. Durch diese Eigenschaft lassen Wollgewebe, wenn es zu warm wird, durch Zunahme der hygroskopischen Feuchtigkeit die Wärm» besser abströmne. Es ist also so, als wenn wir geradeweg einen Teil der Kleidung ausgezogen hätten. Leinen und Baumwolle haben diese günstige Eigenschaft der Wolle nicht. Wenn wir noch mehr Schweitz bilden, und die Kleiderventilation ihn nicht mehr beseitigen kann, so kommt es zur Durchnässung der Kleidung. Bei gewöhnlichem Seinen und Baumwolle genügen ein paar Tropfen, um eine große Fläche zu durchtränken. Alle Poren füllen sich mit Wasser, und wenn wir z. D. das Hemd auch auswringen wollten, wir brächten die Feuchtigkeit nicht auS den Poren! Die Haut steckt in einer dunstigen Hülle, das Gefühl der Schwüle belästigt uns, der Stoff legt sich an die Haut. Ganz anders bei den Trikotgeweben aus Wolle und Baumwolle. Wolle besonders benetzt sich sehr schwer, die Stoffe kleben auch nicht an der Haut, ein Teil der Poren bleibt offen, die Aus- trvcknung der Kleidung geht von der Haut nach nutzen, also werden diese Stoffe bald das Gefühl der Trockenheit aufkommen lassen. Die praktisch getragene Kleidung besteht aus mehreren Schichten, am Rumpf aus Hemd; Weste, Rock und Aeberzieher, und ihr wechseln teils gut, teils schlecht luftdurchgängige Schichten, schon das Leinen- und Baumwollhemö gehört zu den schwerstdurchlässi- gen und luftarmen Geweben. Andurchgängig ist meist das Futter von Weste und Rock, auch manchmal noch int Aeberzieher. Jede nicht poröse Schicht stört die darunter gelegene Schicht an der Abgabe des Wafserdampfes. Die rationelle Kleidung hat also zunächst mit der Reform der Hautbekleidung einzusetzen und Die Technik hätte endlich einmal für Futterstoffe zu sorgen, die ausreichend luftdurchgängig sind. Gut lüftbare Kleidung erhöht die Reinlichkeit der ganzen Persönlichkeit; die von außen eindringende frische Luft vermindert überhaupt das Schwitzen und desodorisiert den Schweitz, der sich abgelagert hat. Poröse Stoffe hindern auch die Konzentration des Schweißes auf eine geringe Masse von Stoff, sie verteilen ihn mehr, und die Wollgewebe lasten ihn auch leicht weiter durch sich hindurchwandern. Bei aller Wertschätzung gut lüftbarer Kleidung halte ich eS für übertrieben, wenn man einen gestärkten Kragen und gestärkt« Manschetten oder Gummiwäsche dieser Art als gesundheitsschädlich verdammt. Anders freilich steht es mit der gestärkten Brust, die man als Gala und Repräsentativnslleidungsstück freilich so lange tragen wird, bis die Mode etwas anderes erfunden hat! Auf die verschiedenen Anforderungen des Berufs in der Bekleidung kann ich hier nicht eingehen. Was die Bekleidung in der Jugend, im Mannesalter oder höheren Alter anlangt, so machen sich dabei wesentliche Unter» schiede geltend. Kinder int Spiel- und Schulalter haben weniger Schweihbildung, ihre Haut wird bestens durchblut^, die Gefäß« sind sehr dehnbar und so geht asto die überschüssige Wärme leicht nach außen. Auch Pflegt man Kinder eher zu wenig als zu dicht zu bekleiden. Im Mannesalter setzt gewöhnlich die Ablagerung von Fett am Körper ein; dadurch kommt es leichter zur Schweitzbildung« Im hohen Alter haben wir es meist wieder mit mageren Menschen zu tun. Die Blutgefäße, zur Verkalkung neigend, gestatten kräftig« Muskelbewegungen überhaupt nicht mehr. Der Grund zurSchweitz- bildung fällt weg. Sehr viel läßt die Kleiderreinlichkeit zu wünschen übrig. Di« Leibwäsche wird allerdings des Waschens wert gehalten, aber an die übrigen Bekleidungsgegenstände und deren periodische Reinigung denkt man überhaupt nicht. Das Bett sollte man auch zu« Bekleidung rechnen, denn man bringt meist, ja ein Drittel seines Lebens, in dieser „Bekleidung" zu. Selbst in guten Familien denkt man heutzutage nicht mehr daran, die Federkissen usw. zu reinigen, die nach jahrzehntelangem Gebrauch unglaubliche Mengen von Schmutzbestandteilen aller Art aufzunehmen pflegen. Gute Kleidung trägt zur Erhaltung der Gesundheit ungemein viel bei, auch zur körperlichen Leistungsfähigkeit. Von der Kleidung hängt die gute oder schlechte Beschaffenheit der Haut aß. Wer also in einer gesunden Haut stecken will, mutz auch ein« rationelle Kleidung wählen! Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dietzen. e li 0 d d f t s j < t i i s f i < ] 1 i