Winter. Von Stefan Zweig. Zu Gott, hoch über dem wandernden Wind flehen die Aeste mit frierenden Armen: Erbarmen! Erbarmen! O sieh, wir waren schon frühlingsbereit, nun sind wir wieder in weißer Wehmut verschneit, und ist doch schon Blühen in unserm Blut. O schenk' uns den warmen Lenzatem deiner urewigen Glut und scheuche den scharfen, schneidenden Schn« von unseren Blüten. Er tut ihnen weh ... Die schönste Gabe. Von Reinhold Braun. Da ich alt und älter werde, kenn' ich nun das Glück der Erde: Ja, die. schönste aller Gaben ist, die Menschen lieb zu haben. ®!e wunderbare Frau Aja, des großen Weimarers Atutter, sagte: „Ich habe dre Gnade von Gott, daß noch Kme MeitschLnseele mißvergnügt von mir gegangen ist, wen Standes, Alters und Geschlechtes sie auch gewesen sei. Ich habe die Menschen sehr lieb!" Dieser Ausspruch der herrlichen Frau ist wie eine stille, lichte Krönung alles dessen, was sie gesagt und wie sie gelebt hat. ' - das Trost- und Lichtgeben in andere Herzen, tag Liebhaben, das tiefe, wahre, als eine Gnade, eine Gabe ^^..Hunmrls. Ein solches Empfinden ist das rechte- denn es fuhrt an die heimlichen Quellen des Lebens und in den wahren Reichtum der Liebe. Es beschenkt gleichzeitig den bebt, um) den, der geliebt wird. And es beschenkt beide mit wahrhaft himmlischen Gütern. Es ist etwas Zeitloses rm solch ern Blühen von Herz zu Herzen. Solch eine Auf- assung vom Liebhaben führt in das wahre Wesen der -iebe, in den großen Ernst der Verantwortung um andere, n die heilige Sehnsucht, zu wachsen in dem Liebhaben immer neue Wege zu suchen, Herzen zu beglücken. Es fuhrt in die segensvolle Erkenntnis, daß ohne das Hineiimehmen des Göttlichen in die eigene Seele ein wirkliches Liebhaben gar nicht möglich ist. Ie mehr ich wachse in dieser Erkenntnis, desto mehr wachse ich in der Kraft der Lauterkeit und Schönheit meiner Liebe. Ich entfalte mich zur echten Demut und damit zur Größe des inneren Menschen. .. all diese Gedanken und Empfindungen will uns die Advents- und Weihnachtszeit die Augen öffnen. Die heilige Zeit will einen großen Dienst, den Dienst des tiefen Lebens, an uns üben! Wir müssen nur die Williqen sein. Ohne diese Willigkeit ist echte Weihnachtlrchkeit in uns und um uns nicht möglich! o r sollen die Adventszeiten und Weihnachten unseres Lebens nicht hinnehmen als das immer Gleiche und nur Wiederkshrende, sondern als ein immer Tieferes und Höheres gleich- Ein neues Tor der Inwendigkeit muß sich uns mit jedem Male neu auftun und mit immer feinerem Lichte dazu Iedes Advents- und Weihnachtserlebnis soll uns eine Stufe empor führen in unserer Menschlichkeit. 0e ernster wir die heilige Zeit nehmen, desto mehr unvergängliche Freude schenkt sie uns. And je tiefer wir zu lieben wissen, desto mehr Wunder breitet sie vor uns aus Rerfwerden ist alles! Auch zu dem Erlebnis des Advents und der Weihnacht muß man reifer werden. Immer mehr wird uns dann offenbar werde«, warum gerade das Kind die Mitte der Weihnacht ist! Gietzener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mrgang 192, Dienstag, »e» 16. Dezember iüiiiwM Wenn wir in das Erlebnis des Kindes eingeaanaen sind schönste aller Gaben unser Eigen als eine M überw^enI' UIU$ btekö Schmerzliche und Harte Ia, die schönste aller Gaben bleibt, die Menschen lieb zu haben! Weihnachten bei Theodor Storm. Vvn Ernst Edgar Aeimerde». toemge ©1^ fiat das poesieumwobene Weih- $C ^Edeutung gehabt wie für Theodor Storm, der wenn er auch dem Verstands nach auf dem Boden der ai“?uttoITm^aft stand, doch dem Herzen nach Romantiker war. Dieser Dichter mit dem tiefen Gemüt und dem reinen Kinderherzen hatte nicht nur den rechten Sinn lUtfflnc Rutsche Weihnachtsfeier, er verstand es auch n ^rfen den Zauber des schönsten aller ^^st^ wiederzugeben. Eine Anzahl seiner besten ltzrischen Schöpfungen sind Weihnachtsgedichte und in einigen seiner derÄ-Äa!?^ Novellen spielt die wundervolle Stimmung der Weihnachtszeit hinein. Das gilt besonders von den Erzäh- lungen „Anter dem Tannenbaum" und „Abseits". Aeber^aS erstgenannte Werk äußerte Storm selbst einmal, er habe eS Wie innig Stonn am Weihnachtsfest hing, das er sein lebelang in rührend kindlicher Weise im Familienkreise feierte geht aus einigen seiner Briefe an Angehörige und Freundes (namentlich Gottfried Keller) hervor. So heißt es in einem am l9. Dezeniber 1858 geschriebenen Brief an seine Eltem: „Wie unendlich gemütlich war das einst vor Iahren, zu Hause wenn m 5er großen Stube die Lichter angezündet waren, der Teekessel summte ,die braunen Kuchen und Pfeffernüfle auf dem Disch standen. Vater und wir Kinder warteten dort auf ^?^dsen, während drüben in der Wohnstube der Weihnachtstisch hergerichtet wurde. Ich sehe noch die erleuchtete Außsndiele, auf die wir immer, wenn ausguckten And mir ist, als habe an diestm Abend die Dielenlampe besonders hell gebrannt. Wie oft tour&en totr getäuscht, wenn statt der erwarteten Gäste eine Schar singender Kinder in die Haustür drängte. — Wie jetzt gwß und hell und weit und ewig begründet vor! And so ist es auch, wenigstens in meinem Herzen. Sogar Onkel Woldsen und Simon, diese nicht gerade poetischen Gestalten, sind von der wärmsten Glorie meiner Erinnerung umgeben." Als Storm verheiratet war, sorgte er stets dafür daß Weihnachten bei ihm ebenso wie einst in seinem Eliernhause gefeiert wurde. Schon lange vor dem Fest „weihnachtete" es t sP1'' welch reiner, kindlicher Freude nahm er l^st Vorbereitungen teil, machte er in aller Heimlichkeit Einkäufe, schmückte er den Tannenbaum aus, wobei ihm, als sie etwas älter waren, seine Kinder helfen durften. Da wurden Papiernetze geschnitten, in die Bonbons hinein- kamen, und ausgeblasene Eier, Russe und Tannenzapfen mit Schaumgold überzogen. Aach dem Bericht seiner Tochter Ger- triid legte der Dichter auf diese Aetze, die ihn schon als Kind mitzuckt hatten, besonderen Wert, wie die darin liegende« ^nbons alter Sttte gemäß unbedingt in grünes, goldenes oClrD»St-Tapie^ emgewickelt sein mußten Später fehlten Lamettafaden niemals am Stormschen WeihnachtS- baum^A^ diEr Christbaumschmuck eben gerade aufgekonunen war, -rächte Regleningsrat Petersen, ein Freund des Haukes, dem Dichter kurz vor dem Fest das erste Paket davon mit: „Anser Tannenbaum hat in diesem Iahrr besonderes Auf. sehen erregt", schreibt Storm. .Freund Petersen beacht« am — 246 — Draußen saust mit schneidend kalten Nockenwirbeln MMW-W-Z -SMMLWZ:: °m Und^Mutter guckt mit großen Augen Vater an und 6altTT 3n aher CESelt ja eben? Wer das bloß sein mag?" Und die Kinder hören aus zu spielen und gucken Vater und Mutter an und machen was für Augen! , Aber da brummt draußen vor der Tür schon eine mächtige Baßstimme, und jetzt kracht es, ungeduldig, nochmal dagcge . „Das wird doch nicht gar der Knecht Rupprecht sein? Irgendwo hockt immer die Rot und dudelt wie d« Rattenfänger von Hameln. Wirf ihr Ricke! in den Hut. Weit draußen. Gerade als alle Glocken, das Fest einläuteud, über die vom roten Lichtdunst der Laternen und erhellten Laden überwölbten Dächer ihren metallenen Subelsturm hinbraust^, traq sich's. daß ich doch fern draußen auch meinen Blick ins^ einsame Gefild hineintat, da draußen hörst du nichts davon; es ist hier eine gar schwache Stimme, höchstens ab und zu mal ein verlorener, kaum verständlicher Tonsetzen, da der Wind den Schall gerade nach der entgegengesetzten Schwarz^ der Himmel über'm weiten, weihglimmenden: Schneegelände, das mit ihm zusammengeht in der undurchdringlichen Rächt des nahen Horizontes. .Richt etn lebendes Wesen, nicht mal eine Krähe. Rur so em Baum am dickverschneiten Wegrand. Der schwarze Stamm aus dem trüb glimmenden Weiß hervor, oben die einsam sausende, pfeifens, zischende, winselnde Krone Mit ihrem matten, schwarzen Das ist nicht gerade besonders anheimelnd, ist wie jene Grenze, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist.aberwenns Glück gut geht, siehst du hier, tote nirgends, das Licht, welches hinter und über allem, was Licht und Dunkel. Die alten Götter. Eh' du zur Bescherung hineingehst, sitzt du noch so n bißchen für dich allein am Fenster und halst DunkelMnde. Die alte, angerostete Wetterfahne auf dem .Nachbar ' -V c t'YX. .. JC. C/..»« Sämat nlO IXm 1 i Pili -Innern eine Regenbogenpracht bunter, schön flammig gewundener Fäden haben; diese aber ist M .wasserhell. durch- Somttag vor Weihnachten eine Tut« märchenhafter Silber , wden Mit diesen seinen Fäden wurde der Baum umsponnen, daß es aussah, tote fliegender Sommer." . , 9 Aeber das letzte Weihnachtssest des Dichters (1887) berichtet seine Tochter u. a. folgendes: „Zum erstenmal fehlt eines seiner Kinder ganz, auch seine liebevollsten.Gedanken vermögen es nicht mehr zu erreichen. Anser ältester Bruder Haits ist von uns gegangen. Der Baum steht noch emmal tin vollen Lichterglanz, die Flügeltüren offnen f«H wett. - Vater legt den Arm um Mama, wir, die totr keme Kinder mehr sind, umstehen das Klavier und Karl stimmt.leise: an. Stille Rächt heilige Nacht!". Wie toir an öie S.rll^ kvm^ EN Schlaf in himmlischer Ruh", da breitet Vater wert di« Arme aus, Tränen stürzen aus seinen lieben Augen, und leise hören totr ihn die Worte sprechen: „Anten, m Bayern, da ist ein einsames Grab, darüber weht der Wind und der Schnee fällt in dichten Flocken darauf." — Wir stngen nicht weiter wir gehen zu ihm hin und nehmen sanft seine lieben Hände und eine schmerzliche Ahnung, daß totr woh. so zum letztenmal mit unserem lieben kleinen Vater unter dem brennenden Lichterbaum stehen, durchzittert unsere Herzen. Das E das letzte Weihnachtsfest Theodor Storms. Weihnachten. Skizzen von Johannes Schlaf. Die Glaskugel. °°- »*£ 5ÄaI“;o6e hatte, durchsichtig- GIa«rug°l, wie I Seine BMI* ia oben am AordM gen. MWM-MWK WZiMkMZ'§sM talt was sich gleichfalls recht hübsch macht. I Das gute, alte, ofenwarme Wohnzimmer Mit der Petro- Zch denke- Wenn das Geschöpfchen da drin lebendig j [eiim[ampG auf dem Tisch! Vater hegt mit seiner langen wäre mid der Ämfang dieser Glaskugel seine Welt, so würde 1 auf dem Sofa, Mutter sitzt beim Ofen und M