Eichener Kmilienblütter UnterhattungsbeUage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Samstag, -en 16. August Nummer M Giovanni bei fiori. Richt sehr weit von uns war eine goldene Villa. Genau genommen war sie nicht aus Gold. Und noch genauer nicht mal eine Villa. Aber für genaue Leute ist dies nicht geschrieben. Mr ungenaue freilich auch nicht. Mr Leute aber jenseits von genau Und ungenau war's wirklich eine goldene Villa. Und der graue Wann, der drinnen wohnte, hieß Giovanni dei fiori, Blurnen- Johannes. Als ich jung war, sah ich durch die Gitterstäbe feines Gartens. In seinem braunen Samtjackett ging er da drinnen still spazieren. Manchmal blieb er stehen bei einer Rose. Jetzt nickte er ihr zu. „Wie schön bist du!" sagte er. Auch die Rose nickte im Wind. Mas sie sprach, verstand ich nicht. Jetzt kam der graue Mann bei Mr vorbei und lächelte. Da faßte ich Mut. „Giovanni dei fiori," sagte ich, „Ihr sprecht ja nrfi den Blumen wie mit den Menschen. Könnt Ihr mich die Kunst auch lehren?" „Gerne," sagte er, „kommt nur jeden Dag vorbei, ft werdet Ihr es auch bald können." 1 „Wie lange dauert bei Euch bald?" „Ein knappes Dutzend Jährlein." „Wie, so lange?" „Wenn Ihr ungeduldig seid, werdet Ihr mit Blumen niemals wie mit Menschen sprechen lernen." „Ich will geduldig sein, Giovanni." Zwölf Jahre gingen vorbei an den Gitterstäben meines LebönS, bis der Tag kam, da ich sagen konnte: „Habet Dank, Giovanni, jetzt kann ich mit den Blumen sprechen wie mit Menschen." „Ich weiß es, aber es ist der Anfang meiner Dlumenkunjst." „And welches ist ihr Ende?" „Mit den Menschen sprechen wie mit Blumen. Es ist das Höchste, was der Mensch erreichen kann." „Wollt Ihr mich auch das noch lehren, Vater Johannes?" „Gerne. Drei Dinge sind vonnöten. Das erste ist, geht hinaus in alle Welt und werdet schuldig." Aach einem Dutzend Jahren stand ich wieder vor dem Gitterwerk der goldenen Villa: „Ich bin's geworden. Lehret mich das zweite." „Gerne. Geht in Euch hinein und werdet wieder voller Unschuld" Wieder stand ich nach zwölf Jahren vor den Gitterstäben: „Ich bin's geworden. Lehret mich das dritte." „Das dritte lernt man nicht. Das wird man. Kommet wieder." Aach zwölf Jahren kam ich wieder. Durch das Tor der goldenen Villa schwankte ein Leichenwagen. Ich' rannte in den Wald. „Giovanni dei fiori," schrie ich, welches war das dritte, hast du mich vergessen!" „Vergessen!" rauschte es von allen Wipfeln, „vergessen!" Da vergast ich und von Stund- an ging ich meiner Wege und vermochte es, mit Menschen zu verkehren wie mit Blumen. FritzMüller. Schlitz. Aus Vergangenheit und Gegenwart. Don Paul Kamowski, Hersfeld. Abseits der Bahnstrecke Giesten—Fulda liegt zwischen Knüll, Ahön und Vogelsberg ein Stückchen deutscher Erde, dessen köstliche Schönheit und unberührten Frieden nur wenige kennen. Es ist das von einem munteren Flützlein durchflossene Schlitzer Land Heilige Stille umfängt dort den Wanderer in uralten Buchen- und Eichenwäldern, die selten ein menschlicher Fuh betritt. Kein Wunder, dast das Wild hier noch unbeschränkter Herrscher ist und verwundert die Ohren spitzt, wenn sich mal ein anderes irdisches Wesen zeigt Von der Tageslast der Landwirte in den Dörfern drunten, ton Tal und dem handwerklichen Schaffen in dem kleinen Städtchen dringt kein Laut bis hinauf in die Höhe. Selbst der Pfiff der Kleinbahn bleibt ehrerbietig am Waldabhang haften. Lind in dieses stille Gebiet, wo alle Erbärmlichkeit und Kleinlichkeit der Welt aufhört, hat sich einst ein Kaiser verirrt. Es sind noch keine zwei Jahrzehnte, wo es alljährlich, wem, die Zeit der Auerhahnbalz kam, im Schlitzer Land von Mund zu Munde ging: „Jetzt kvnmrt der Kaiser wieder!" And es dauerte gewöhnlich auch nicht lange, da rollte der kaiserliche Hofzug von Gießen oder Fulda kommend in das Dal der Schlitz. In dem Keinen Gmpfangssaal auf dem Schlitzer Bahnhof hatten sich schon zeitig di« Abordnungen der Behörden und Körperschaften mit dem jetzt bereits entschlafenen Grafen Friedrich von Schlitz, dem Freund« des Kaisers, an der Spitze eingefunden, um dem hohen Herrn ihre Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen. Jubelnd wurdtz dek Kaiser empfangen und zu einem Triumphzug gestaltete sich di« kurze Fahrt in dem gräflichen Wagen zum Schloß. Die vieltausend- köpsige, spalierbildende Menge brach immer wieder in begeistert» Hurra-Ause aus. [ ; Schlitz glich in diesen Tagen einem einigen großen Festsaal. Die Straßen waren noch sauberer gefegt als sonst. Sie prangten in frischem Grün und unzählige Fahnen in den Reichs- und hessischen Laudesfarben flatterten lustig im Winde. Die Bevölkerung legte auch des Alltags Festkleider an. Tag aus Tag ein war der Schlvstpark von Schaulustigen umlagert. Aber nur selten war eS einem Glücklichen vergönnt, etwas von dem Treiben hinter der lebenden Hecke zu erhaschen. Die Kirche war an den Feiertagen voller als sonst, denn Kaiser und- Graf fehlten fast nie im Gottesdienst. Sic transit gloria mundi. Die einstigen Glanztags von Schlitz sind nicht mehr. Aur die Erinnerung an sie lebt in der Bevölkerung fort. Doch das Städ-tlein selbst ist tot seiner Eigenart und mir seiner redlich schäftenden Bevölkerung das alte geblieben. Mer noch gut erhaltene Burgen zeugen von- seiner langen Vergangenheit. Drei stattliche Türme ragen mächtig zum Himmel und die Wasser der Schlitz umspülen leicht das Weichbild der Stadt. Weit ins Land hinein schaut ein mächtiger viereckiger Turm mit schiefergedeckter Haube. Er verbindet die zwei Flügel eine» stattlichen Renaissancebaues. Auf dem toetten Hof steht ein altertümliches Brunnen Häuschen mit schwerfälligem Räderwerk. Atz der Westseite stellt ein Treppentürmchen die Verbindung mit den die Höhe umziehenden Gärten und Wiesen her. Gin romanttscheS Plätzchen ist das Ganze, die Dorderburg, die im 16. Jahrhundert erbaut worden ist. Das Gegenstück ist die wenige Schritte entfernte Hinter» h u r g. Sie besteht aus zwei Ginzelgebäuden und hat ihren Haupt- schmuck in einem durch einen gedeckten Durchgang erreichbaren! Bergfried. Wer einmal hier gewesen ist, muh ihn bestiegen haben. Die architektonischen Formen der Gebäude sind schlicht und einfach. Ein geschwungener Giebel und ein aus DerDenaissance verbliebener Wasserspeier sind Zierstücke, die treffliches Zeugnis ablegen vom früheren kunstgewerblichen Fleih. Die Schachtenburg ist von einem Herrn von Schacht 1557 erbaut, der durch Heirat mit einer Schlitzer Erbtochter hier zutz Ansiedlung kam. Die gotischen Liebers chneidungen in den Spitzbogen über dem Gingangsportal arten derart aus, dah sie in einer verschnörkelten Bretzelfvrm übergehen. Rechts von dem Dogen befinden sich die Wappenschild« der Familien von Schachten und von Goertz, di« von folgender Inschrift umrahM sind: JESUS MARIA DEIS IST FURGENLICH, GOTS WORT BLEIBT EVIGLICH A. D. MDLVIIJAR". Der Markt mit dem spätgotischen Rathaus ist von schönen alten Fachwerkbauten eingeschlvssen und bietet manch lauschiges Plätzchen. In seiner Mitte plätschert munter ein Springbrunnen. Ans einem Teil der alten Stadtmauer erhebt sich die 1655 erbaut» 011vburg. Ihren besseren Teil, einen von zwei Rundtürmen flankierten Palastbau, zeigt sie dem Wanderer schon vom Tal aus. Das Gelände auf dem Burgberg ist uneben und wellig. Aur ein Fleckchen breitet sich eben aus. Auf diesem ist wohl schon im 9. Jahrhundert die Kirche errichtet worden. Alle Jahrhundert« haben am ihr gebaut und nicht immer gebeftert. Die einzelnen Stilformen geh«, in- und durcheinander. Gin besonderes Merkmal ist der schiefergedeckte Turm mit gotischem Maßwerk in den Fenstern. Ausgrabungen haben ertmefen, daß die Kirche ursprünglich eine dreischiffige Pfeilerbafilika mit je drei Säulenpaaren gewesen ist. Heilige Ruhe umgibt das im Schuhs alter Linden stehend« Gotteshaus. Aur an Festtagen wird's hier lebendig, wenn di« Schlitzer und Schliherinnen die Gassen heraufsteigen und zur Kirche kommen. Dann wird der Anblick malerisch und prägt sich dem Fremden unvergeßlich ein. Die Frauen schreiten im Schmuck der kaum Über das Knie reichenden Stumperöcke daher. Der Motzen, ein Wollwams mit Stickerei, Perlen und untergelegtem Halstuch hüllt den Oberkörper ein. Die blauen Strümpfe haben schwarz» und weihgesttckter Zwickel und die Mße stecken in Mrbes, einem Tuchstiefel. Ein schwarzes Kopftuch oder ein schwarzes Käppchen — 134 gfit etngeffl