Gießener Zamilienblatter ' Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Samstag, den 16. Februar Nummer t Musik. Von Mol!her Rathena u*). Die intuitivste und transzendenteste aller Künste ist erfüllt von Gesetzmäßigkeit und Geheimnis: sie ist, so möchte man sagen, das zur sinnlichen Wahrnehmung gewordene Gesetz. Schon ihre Elemente verkörpern g:hnme Gesetzmäßigkeit. Anter dm Lauten der tönenden Welt wählt sie den musikalischen Ton, die Klangform, von der die nachspürende Wissenschaft aussagt, dab sie aus den reinsten Schwingungen beruht. Als zweites Element dient ihr die Harmonie, die aus dem Gesetz der einfachen Verhältnisse zwischen den Schwing.ingszahlen der Töne sich ausbaut. Zum dritten stellt die Melodie ihr Tvnreihen her, die den Tonfall der Sprache in seinem Gesetz erfassen und ihn verklären, indem sie ihn auf reine In ecvalle stimmen. Die Wiederholung, baä zeitliche Abbild dessen, was im Räume Symmetrie Heist!, last! die Gesetzmäßigkeit dec Melodie h.rvortreten und rundet sie zur Eirhckt. Als viertes Element beschließt die Gesetzmästig- keit des Rhy.hmus, gehoben und gestützt von Zeitmast und Dynamik. den gewaltigen Kreis der musikalischen Wirkung. Stets gegenwärtig, d -ch keineswegs dauernd wah genommen, durchdringt dies reine Arg.'seh die Schöpfung, vom Schritt der Gestirne zum Atemzug:, vom Meeres rauschen zum Pendelschlag; in ihm begreifen wir die Zeit und alles Zeitlich:. Jnd:m nun Klang und Harmonie den Sinn erfüllen, Rhythmus und Zci mast das Temperament erg eisen, Melodik die Phantasie zur unbÄvustten Erinnerung und Ahnung erweckt, nimmt fit lief; ihrer elementaren Gesetzmäßigkeiten die ganze Seele dahin. And indem ihr alle Gesetze, die uner lärlichsten, in der Verknüpfung der S:elenkräf;e preisge^e'en sind, steigert sie. ein Symbol des transzendenten Gesetzes, ihre Wirkung über das Mast aller Künste fast zur Raturkraft. Richard Wagners Quells zum „R ng". Wagner hat in seinem „Ring des Ribelungen" den altgermanischen My hos zu neuem Leden erweckt und das Verständnis für diese Riesei gestalten der Vorzeit erst erschlossen. Die wichtigste Anregung für seine Reuschöpfung des Ril-elungen-Mythos erhielt er aber nicht aus dem mittelhochdeutschen Gedicht, sondern aus der altnordischen Gestaltung der Völsunga Saga, die unter allen altgermanischen Heldendichtungen die gewaltigste ist. Besonders wich ig und anregend ist für ihr die Form der Sage gewesen, die ein a l t i s l ä n d i s che r Dichter ums Hahr 1250 ,zu- sammenfatz'e. Die ersten Anregungen für den Entwarf des „Ringes" erhielt Wagner durch die Edda. aber bald studierte er die Völsunga Saga in der Arbersetzung v. d. Hagens, und besonders scheint das Arteil Wilhelm Grimms über dir Saga ihm Eindruck gemacht zu haben, das tautet: ..In der Dich'ung von Sigurds Ahnen, vorzüglich ab:r von Siegmund und Si rfsötle, herrscht eine Wildheit, dir auf das Höchte Alter drutet. Keineswegs zeigt sich dabei die Gereimcheit herabgefunkener Raturen. Signe scheint für nichts als den Glanz ihres Geschlechts Grsühl zu haben; sie trägt kein Bedenken, ihm ihre Kinder, welche die Probe des Muts nicht, wie es Völsnngm geziemt, bestehen, hinzuopfern und in fremder Gestalt mit drm eigen Bruder einen reinen Abkömmling zu zeugen. In allen Taten dieses Geschlechts ist kein Zaudern, kein Aeberlegen, sie folgen dem gewaltigen Drange ihrer Ratur; aber Signe sühnt die begangenen Greuel durch einen freiwilligen Tod mit dem ung lieb'en Manime." Aeber Wagners mythische Auffassung gibt diese Stelle Aufschluß. Er hat aber dann die durch die Saga erhaltenen Eindrücke mit dichterischer Freiheit ganz eigentümlich gestaltet, und darum ist ihm der Versuch, Mythologie zu lebensvollem Drama umzuformen, in so einzigartiger Weise gelungen, indmr neben Siegfried der Gott Wotan zum tragischen Helden wurde. Dieses Wagnis, einen my Bischen Stoff aus den Andeutungen eines isländischen Heldenromans zur Tragödie umzubilden. ist eine geniale Tat. Ge- ade der Vergleich mit der Quelle rückt die dichterische Gröhe und Sstbständig'eit Wagners in helles Licht und zeigt, daß das Beste und Schönste das ist, was Wagner neu hinzng fügt hat. Aber nicht nur der Dichter, sondern auch der Musiker hat aus *) Dem bereits an anderer Stelle besprochenen Bändchen „Aefth-ik" der Kunstwart-Bücherei (G. D. W Eallwey, München, Preis Mk. 1.00) entnommen. der Völsunga Saga reiche Anregung empfangen. Aus dem Rhythmus des Walkürenliedes in „Siegfrieds Tod": „Rach Süden wir ziehen. Siege, zu zeugen, kämpsenden Heeren zu kiesen das Los" dürfen wir schliehen, dah ihm damals schon der wilde Walkürenritt im Ohr erklang. Aber das majestätische Wotan- oder Walhall-Motiv. die schmetternde Schwertfanfare. das von Trompeten, Posaunen und Tuben getragene Motiv des hehrsten Helden dev Welt, überhaupt die ganze Melodik und der hinreißende Schwung der Walküre würden ohne Kenntnis der Geschichte von den Völ- sungen die Welt niemals beglückt haben. 3n vielfacher Hinsicht übertrifft der Ton das Wort. Während z. D. der Leser der Sag» oder der Hörer der „Walküre" bei Sieglindens Erzählung „der Männer Sippe faß hier im Saal" erst der sachlichen Erklärung bedarf, wer der Fremde gewesen ist. der das Schwert in den Stamm der Esche stieß, bildet die Musik einen unendlichen beredten Dolmetsch, indem sie leise die feierlichen Klänge anstimmt, die Walhall und seinen Beherrscher Wotan kennzeichnen. Die Stunde der Sterne« Don Robert Hvhlbaum*). Der Sektionsrat Dr. Otto Schoberlechner faß noch eine Weile am geöffneten Klavier und sah durchs Fenster nach dem FranzenS- rb'g hinab, dessen grüne Bäume im leichten Wiener FrühlingS- winde rauschten. Aber dieses Baumrauschen duckte sich in Dr, Schoberlechners Seele tief vor einem großen Kummer. Einem Kummer, dm er schon jahrelang trug, der ihn aber noch nie so über die Maßen gequält hatte, wie an diesem Frühlingsmorgen, der allerorten mit Vogelsang und mütterlichem Windesstreicheln Friede und Versöhnung predigte. Dr. Schoberlechner hatte sich heute schon in aller Frühe, als die Sonne erst den Stephansturm am Kopfe packte, die siebente Symphonie von Anton Bruckner gespielt. Das Scherzo, in dem die kleinen Lauseengel über die Him- melswiese tanzen an einem Frühling ^morgen, der noch viel schöner war als der heutige, hatte er wiederholt, und immer deutlicher und geprägter hatte sich ein seliges Genießerlächeln um seinen Mund geschlungen. Dann war er eine Weile im stillen Rachkosten ruhig verblieben. In dieser Versunkenheit hatte er ab und an den Kopf gehoben und die Wände entlang geschaut. And endlich hatte sein Blick auf dem Bild: gehaftet, darauf ein kleiner Herr mit langem Kinn- und zigarren gefärbtem Schnurrbarte zu sehen war, dessen kurze Beine energisch die Pedale des vor ihm stehenden Flügels traten. Den Dr. Schoberlechner überrann es schuldbewußt-kalt, als die herrischen großen Augen auf ihn niederblickten. Was der droben wohl gesagt hätte zu des Sektionsrates gegnerischer Morgenandacht? Anter dem Zwange der großen Augen, die noch immer strafend niederiahen, legte Dr. Schoberlechner die Finger abermals auf die Tasten. Das Drahmssche Ständchen formte sich Als der wundervolle weiche Schluß verklungen war, da faßen die Argen schon um ein bedeutendes freundlicher drein, und als nun gar die ersten Takte des C-dur-Konzertes sich dranschlossen, da nickte das Lötvenhaupt beinahe so gütig wie damals, da der Dr. Schoberlechner als Obmann des Al herrenverbandes dem Meister Johannes die Ernennung zum Ehrenmitgliede des Akademischen Gesangvereins in Wien überreicht hatte. Aber ohne daß er es wollte, ging des Sektionsrates Spiel wieder in das Brucknerschs Scherzo über, und am Ende phantasierte er die beiden Motive so ineinander, daß er erschreckte innehielt. Dann faß er ganz ruhig und sah in den Frühling hinaus. „Friede und Versöhnung" fangen die Finken, „Friede und Versöhnung" rauschten die Bäume, „Friede und Versöhnung", ja, und nichts anderes klangen der Tanz auf der Engelswiese und die nachtweichen Akkorde des Ständchens. Obeide predigten sie Frieden, der kleine Glattrasierte und dec mit dem langen Gott-Vaterbart. Predigten, fangen aneinander vorbei und wollten nichts wissen einer vom andern. Wenn ")HimmlischesOrchester nennt sich ein schmales Bändchen feinsinniger, warm nachempfundener Musiker-Rvvellen, die Robert Ho hl bäum im Verlag L. Staackinann In Leipzig hat erscheinen lassen (Hnlbl. Mk. 2,50). Die beiden Bäche, Mozart, Haydn, Schumann, Ricolai, die beiden Strauß, Wagner und endlich die beiden Antipoden Bruckner und Brahms, die doch einmal zusammenfanden, sie alle ziehen in lebenswannen, farbigen Por- traits vor unserem Auge vorüber, die nur ein Dichter in so packender Form schaffen konnte, dem eine Musikalität zur Seite steht wie Hohlbaum — 26 — man dem Dr. Bvahms vom Bruckner anfmg, Sing er auf ein anderes Thema über, und wenn Im Bannkreise des alten Schullehrers der Name des noblen Doktors siel, bekam das große Kind einen roten Kopf, hieb ein paar Notenblätter auf den Tisch und schrie „Latzt's mi aus mit dem da!" Das hatte dem Dr. Schoberlechner sehr wehe getan, denn das Bausen und Neidhammeln gehörte ins Ministerium, wo er, der Sektionsrat, mit seinem Chef manchmal einen Strauß ausfvcht. Aber sein Sonntagsland. das anhub, wenn er zu Hause das Klavier ausmachte, und das erst wieder erlosch, wenn der medaillenreiche Portier: „Hab' die Ehre, Herr Sektions- rat!" dröhnte, das sollte rein sein von allem Zwist, Weil es bed Himmel war. In diesem Himmel waren doch gewiß Wvlkenthrvne geschichtet, und sowohl für den Meister Anton wie für den Dr. Johannes war noch je einer übrig, von wo aus sie auf die Herde, so man Derehrerschar nannte, hinunterspucken konnten. Ja, das konnten sie, auch auf den Dr. Schoberlechner. ja, nur einander sollten sie in Ruhe lassen und hin und wieder die Hand reichen! Die beiden Großen trugen freilich nicht die größte Schuld. Hüben und drüben wurde geschürt und Zwischenträger« geübt. Die Brahmsianer erzählten ihrem Herrgott, daß der andere seine Lieder erklügelt genannt, und die falschen Jünger des kleinen Himmelsstürmers brachten diesen in Harnisch, wenn sie ihm berichteten, daß der Eine über die Wagnerinaner geschimpft hätte. Aber mutzten sich die zwei äleberlebensgrotzen dadurch beeinflussen las- len? War das ihrer würdig? Wenn der alte Bruckner so widerborstig war, dann hatte der Dr. Schoberlechner ihn am liebsten an den Ohren genommen. Beim Brahms hätte er das nicht zu denken gewagt. Denn den verehrte er nur wie etwas älnerreichkmres, wie einen fernen Vater. Den andern aber liebte er wie ein Kindt Welch-r von beiden indes seinem anbetenden Herzen näher stand, das hätte er nicht sagen können. 3n dem Augenblick schon gar nicht, da er auf beide wütend war. Er vergaß sogar, den Dösendorser Flügel zu schließen, als er sich zum Gehen anschickte. Dann wanderte er über den Ring, durch den Dolksgarten, in dem der groß.- Frühling eine extrafeine Filiale ausgrschlagen hatte. Der Dr. Schoberlechner aber sah das alles nicht 3a, er trug den Gedanken an seine zweite verbotene! W--lt sogar in die kühlen Räume des Ministeriums, und der me- daillenbehäng^e Portier war sehr erstaunt darüber, daß der Herr Sektionsrat den schönen Morgengruh nicht beantwortete, etwas von zwei Dickschädeln vor sich hinbrummte und dann ein paar Takte pfiff, während er die Treppe emporstieg. Wäre der Herr Portier sehr musikalisch gewesen, so hätte er konstatieren können, daß es das Scherzo der Siebenten Brucknerschen war, das sonderbar und in ganz kühner Aeberleitung in die kapriziösen Akkorde des Brahntsschen Ständchens verflotz, bis eine knarrende Bureautüre alles verschlang. Die Akten des Herrn Sektionsrates kamen heute zu kurz. Er sah zur Decke auf und seilte an einem feinen Plan. Als er heimging und über den Wildpretmarkt kam. auf dem das Gasthaus „Zum roten Igel" paradierte, erhielt Plötzlich der feine Plan seine Krönung, And den ganzen Tag über hatte der Dr. Schoberlechner die Vision von zwei Wolkenthronen. Darauf saßen zwei alte Herren, der eine mit einem glatten Gesicht und einer riesigen Nase, der andere mit einem mächtigen Gott-Daterbart: die reichten über tausend auf kleinen Wolken reitende, muslzierende Engel weg einander die Hand.---- Der Haushofmeister des Velvederepalastes hatte schon am ersten Tage daran gezweifelt, daß die Habsburgische Hausmacht diesen Schlag überstehen werde. Was nur Seiner Majestät eingefallen war, dem verrückten Musikanten zwei der schönsten Zimmer als Wohnung einzuräumen! Als ob's für den ein Häusel in Grinzing nickt auch noch getan hätte! Auch dem Aniversitätslektor Anton Bruckner war die kaiserliche Gnade am Anfang gar nicht recht gewesen. Er hatte vor dem Hausmeister mit weitem Schwünge den Zylinder gezogen, weil er ihn für einen Hofrat gehalten, und war in den ersten Tagen immer in den Socken gegangen, weil er sich nicht getraut hatte, mit den Stiefeln den blanken Parkettboden zu betreten. Aber langsam gewöhnte er sich an die neue Umgebung, und als zum drittenmal das sonnenüberschienene Stück Alt-Wien, das der Stephansturm beherrschte und kein Schlot verunzierte, ihm im Morgenschimmer durchs Fenster glänzte, da hotte es mit einmal in seiner Seele zu klingen begonnen, und dieses Klingen hatte nach a.lhen gedrängt in die Fingerspitzen, bis der kleine Meister am Harmonium saß und in den immer helleren Tag hinausjubilierte? Als der Lakai auf dreimaliges Pochen keine Antwort erhalten, endlich die Tür geöffnet und dem neuen Bewohner submissest ins Ohr geschrien hatte, ob er nicht aufräumen dürste, wäre er vor Entsetzen fast umgesunken. „Schaun's daß abfahren. Sie blöder Hallawachel!" hatte der verrückte Musikant gesagt. Es war unerhört! Was nur Seiner Majestät eingefallen war? And auch der Lakai prophezeite im Innersten eine Götterdämmerung seines Herrscherhauses.--- An dem schönen Frühlingsabend saß Anton Bruckner in Anterhosen auf dem Fensterbrett. Das eine Bein ließ er hinaus- baumeln, und derselbe letzte Sonnenstrahl, der das Kreuz auf dem Domturme goldig erstrahlen lieh, lieh auch der Glatze des Kleinen seinen Abendschimmer. Allerdings war diese nicht so ruhig wie das Kreuz, denn der kleine Meister nickte und schlug mit den Armen immer erreg er den Takt. Als es an der Tür klopfte, schrie er K't „Raus!" Dann aber sah er, daß es nur der Dr. Schober« er war. Für einen Augenblick unterbrach er seine Taktier» fatoegungen und winkte den 'Sucher «ms Fenster, hüpfte auf den Drehstuhl, ber vor dem Harmonium stand, schlug ein Paar Akkorde. „Dös is für die Flöten," schrie er dazwischen. „And dös da für die Posaunen, watzt? Die dudeln Immer höher, immer höher." Der Toni Bruckner schmiß den Kopf, den der freundliche Sonnenstrahl jetzt verlassen hatte, in den Nacken und blickte verzückt zur Decke auf. Dann hielt er inne, und man hörte die Vögel aus dem Park, die ihr Abendlied begannen. Der Meister lauschte: „Die fingen aa aufi, alleweil aufi.“ Bruckner schwieg, bis die Vögel verstummten; bann spann er den Faden seines Themas Weiler. Endlich stand er auf, zog das baumwollene Taschentuch aus dem Schohrvck, der breit über einem Lehnstuhl hing, wischte sich den Schweiß von der hohen, kahlen Stirne, reichte dem Sektionsrat die Hand, sagte „Servus!" und trat ans Fenster. Der Dr. Schoberlechner folg e ihm. Ein südlich-milder Abend spann seine Schleier, breitete sie mütterlich über die grünen Bäume, in deren Laub verborgen wieder die Vögel fangen, und über die zierlich geformten Bosketts, in denen Sief Mütterchen, Narzissen und Levkojen ihr buntes Wesen trieben. Wie eine dunkle Statue tauchte da und dort ein Parkwächter auf, verschwand im Buschwerk. Eine Weile blickte Bruckner still hinaus, dann kehrte er sich um und fragte: „Na, g’fallt dir mei neue Sach?" „Gefallen ist wohl kein Ausdruck. Wenn das so weiter geht, wie nach die ersten Takt ..." Der Kleine hob die Arme und schwenkte sie in Ekstase: „Aber, dös is do nur der Anfang! Dös kommt schon no ganz anderscht! Beim Adagio ha'm nur die Geigen zu reden, da wir i amal ganz wach, patzwach, waß ? und int Scherzo mach i ä Plagiat, ja. Waßt, bei wem? Bei dem Finkerl, das vorhin da draußt so schön g’fungen hat." Bruckner spitzte den Mund wie zum Kuß und pfiff ein Mo io. „Aber beim Finale, da kommen die Pauken wieder, die Posaunen und die Hörner, da tritt i den Lackeln die, Schädel eindreschen, daß' wissen, wer der Bruckner is! Dit, i sagf dir, dös wird was toer’n! Wann dös auffa kommt, dann können s' gar nix mehr reden. Aa der Hanslick net. And der da, du watzt scho' wer, der wird paff sein, und Gift und Gall' wird er spucken, Gift und Gall'I" Der Dr. Schoberlechner blickte in den nun schon ganz verdunkelten Park hinunter, ärgerte sich daß sein Herz so aufgeregt klopfte, und endlich sagte er mit unsicherer, gepreßter Stimme: „Sei net bös', Toni, ich glaub’ halt alleweil, dem Brahms tust unrecht. Schau, ich kenn' ihn doch, ich sag’ dir, er ist net so, wie ihn dir die paar Herrschaften angemalt haben. Vielleicht versteht er dich net, das geb ich zu. Gr lebt halt in einer anderen Welt wie du. Aber neidig, na, neidig ist er dir net!" (Schluß folgt.) Hermann Kögler. Don vr. HeinrichRvese, Gießen*). Aus Hermann Köglers Schassen weht uns wie frisch« Morgenluft die wahre Freude an ber Bejahung der göttlichen Triebkräfte entgegen; in ihm lebt ein frisches, freies Bekennertum, die von Leidenschaft beflügelte feste Aeberzeugung eines unbeirrbaren, zwingenden Daimonions. Eine geheimnisvolle Kongruenz besteht zwischen dem Schöpfertum des Meisters und seinem äuß.ren Lebensweg. Gewaltige Auswirkungen einer unversiegbaren, sich immerwährend steigernden Energiequelle begki en die erschütternde Bahn des mit dem Herzblut Schaffenden und überwinden die Tragik des äußeren Lebens. Hermann Kögler wurde am 2. Februar 1885 in Lodz geboren. 3n frühester Kindheit verlor er durch ärztliches Verschulden das Augenlicht. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er in dem Dlindenerziehungsinstitut in Wien (1894—1902). Schon im Jahre 1903 konnte Kögler in Lodz, Warnsdorf, Reichmberg t D. und in Berlin mit eigenen Werken vor die Oeffentlichkeit treten; im Oktober desselben Jahres wurde seine O-Moll-Sinfonie, op. 4, in Görlitz zur Uraufführung gebracht. Von 1904 bis 1909 studierte er am Leipziger Konservatorium bei den Professoren Robert Teichmüller (Klavier). Stephan Krehl (Komposition) und Richard Hofmann (Instrumentation). 3n dieser Zeit wurde er mit dem Mozart- und dem N i k i s ch preis ausgezeichnet. Seit Beendigung seiner Studien lebt er als Komponist und Musikpädagoge in Leipzig. Als P i a n i st gehört Kögler, ein weltentrückter Träumer und Dichter am Flügel, unbedingt in die vorderste Reihe unserer bedeutenden Klaviermeister und Anschlagskünstler. Sein Gedächtnis umspannt nicht nur fast die gesamte ältere, moderne und modernste •) Dieser Aufsatz wurde mit gütiger Erlaubnis des Verlegers Herrn Otto Schlingloff dem Deutschen Musikjahrbuch, herausgegeben von Rolf Cunz, I. Jahrgang 1923, entnommen, welches im Rheinischen Musikverlag in Essen erschienen ist. Wir verweisen an dieser Stelle nachdrücklichst auf das bedeutsame Werk, welches bei seinem Erscheinen nicht nur von der Fach-, sondern auch von der Tagespreise als eine Kulturtat ersten Ranges aus dem besetzten Gebiet bezeichnet wurde. Es zählt zu seinen Mitarbeitern bedeutende deutsche Din- genten und Musikschriftsteller. — 27 - Klavteruteraiur, fv-roern auch toette Strecken des Liedes und der Kammermusik und sogar viele Orchester- und Chorwerke. Als universal gebildeter Musiker hat er sich u. a. auch mit der Theorie des dualen Harmoniesystems, die von A. v. Oetiingen ausgestellt wurde, eingehend beschäftigt und längere Zeit mit dem Gelehrten zusammen gearbeitet. Die sächsische Gesellschaft der Wissenschaften hat ihm ein von diesem konstruiertes reingestimmtes Harmonium (Orthotonv- phonium) zum Zwecke der Vorführung zur Verfügung gestellt. Die bis jetzt int Druck vorliegenden Werke Koglers sind bei Dreitkopf & Härtel, Leipzig: Karl Simon, Berlin: P. Pabst, Leipzig: Hug & Co., Leipzig; Steingräberverlag, Leipzig: C. F. Peters, Leipzig: W. Reißbrodt, Zürich, und Rhein. Musikverlag, Essen, erschienen. In dem schier unergründlichen Boden Dachscher Tradition wurzelt auch ein gut Teil von Küglers Kunst. Kügler ist Kontra- punktiker von Gottes Gnaden, einer jener höchst seltenen „geborenen" Komponisten der Fuge, wie es auch R e g e r gewesen ist. Beiden wächst hoch über die Form hinaus die Fülle des Erlebnisses, die Wucht des Bekenntnisses, die sie beseelt und durchglüht. Geist und Gesinnung Gefühl und Seele sind es, die erst Form und Gebilde adeln. Wenn ich den Ramen Regers in Ver- bindung mit Kügler nannte, so geschah es mit Absicht. Wir müssen uns einmal recht genau auf die Zeitlage einstellen, wie sie sich uns nach Regers Tod bietet. Mit Reger ist ein großer deutscher Meister, doch wohl der bedeutendste absolute Musiker der Jetztzeit ins Grab gesunken; über Problemen von bisweilen gigantischen Ausmaßen schwand ihm das Leben, gerade als seine nach so vielen Richtungen ausgebreitete Begabung in eine neue, eine romantische Phase einzutreten schien. Der starke Gegenpol gegen die musikalische Dekadence ist einer seiner stärksten Stützen beraubt; nur wenig Blüten scheinen noch in dem stillen Garten der innigen keuschen Kunst deutscher Kammermusik auf-ublühen, als ob Johannes Brahms der letzte Gärtner gewesen sei. Mit Nichten ist dem so. Wir dürfen hoffen. Hermann Kügler wird leben und die Gegenwart überdauern. Beethoven hat nur einen Fidelio geschaffen: Brahms und Reger huldigten der Bübne nicht. Auch Kügler wird — wenn ich seine Psyche recht erfühle — keine Oper schreiben. Der Wille der deutschen Musik zum Absoluten, das kostbare Erbe der unsterblichen letzten Quartette Beethovens ist in ihm lebendig. Die mächtige Bewegung der Musik als Kunst für sich, als herrschender und nicht als beherrschter Ausdrucksform einer großen Konfession, hat sich wieder einmal in der genialen Persönlichkeit eines hochragenden deutschen Künstlers konzentriert. 3n Hermann Kogler verkörpert sich jener rastlose unergründliche Schöpfergetst, der aus innerster Roiwendigkeit schasst, der hemmungslose Drang »um Werk, von dem wir nicht wissen, von wannen er kommt. Als ich vor Jahren in anderm Zusammenhang (in der Reuen Musik-Zeitung 1918. Heft 23) zum erstenmal eine Würdigung Köglers unternahm, war sein Rame mir in kleinerem Kreise be- bekannt, ich burfte aber meine hohe Meinung von dem Schaffen des Komponisten mit Männern wie Dr. Walter Riemann, Prof. Dertrand Roth u. a. teilen. Die Zehen haben sich rasch gewandelt: Leipzigs bedeutendste Musikkintiker (Dr. Mar Steinitzer u a) wiesen immer wieder mit nachdrücklichen Worten aus £>te Bedeutung Köglers hin. Durch musikalische Morgenfeiern unter großzügiger Initiative der Firma Grvtrian Steinweg (1920) gewann er auch eine bedeutsame Basis für die Interpretation ferner eigenen Werke. , Kügler war der weiteren Oesfentlichkeit wohl zunächst durch seine Chorkomposilionen bekannt geworden, welche der tapfere Verlag von Paul Pabst, Leipzig, herausbrachte. Er geht tn der Chorkomposition durchaus keine Wege der Spekulation; bas gewollt Konstruktive der beträchtlichen modernen, Literatur dieser Gattung ist vollkommen ausgeschaltet. Bekenntnisse, Sttm- Mimgen eines großen Rkystikers möch'e ich diese mit z. T. unerhörter Kunst der Kontrapunktik gestalteten Gebilde nennen. Ein Hineinlauschen der Seele in sich selbst. Ich denke bei dieser Cha- rakterisieriing vornehmlich an die. schon durch ihre Texte auffallenden Männerchöre a capella: Totensonntag. Chor der Toten, Der Gottesträumer, an die patriotischen Chöre, etwa an Deutschlands Rot mit dem markanten Rhythmus seiner Klavierbegleitung u a Aus dem Gebiete kirchlicher Gesangskomposition sind Kügler Werke gelungen, die nicht nur durch die außerordentlich hochstehende Kultur des Satzes gekennzeichnet sind, sondern auch als intime Offenbarungen einer tiefen Religiosität weit über alles Konfessionelle empvrragen. Sein eigenstes Gebiet hat Kügler wohl mit der Klavier- I o m p v s i t i o n betreten. Schon im Werk 6. einer großen Fan- wsie für Klavier, welche bei Dreitkopf & Härtel erschien, hatte sich die Klaue des Löwen gezeigt, mit dem Präludium und Fuge Esdur (P Pabst) vp 26. steht der Meister in der ersten Reihe der großen deutschen Klavierkvmpvnisten. Die innere Gewalt dieser auch Vie äußere Wirkung ins Außerordentliche steigernden Fuge wirkt dämonisch! Bon wundersamer harmonischer Pracht überschüttet, verraten die vier Intermezzi, op. 49, einen seltenen Sauber des Klavierklanges. Mit den Variationen über ein eigenes Thema, vp. 30, tritt Kügler an die Seite des Brahms der Händelvarta« tionen. Ein männlich elegisches sismoll-Thema setzt, nach einer Über harmonische Rückungen gleitenden Introduktion wte etne stolze Klage ein. In zehn Variationen, die alle aus dem Geiste des Thentas geboren find, wird das Wesen der Klaviervariation so- zusagen in konzentrierter Form erschöpft. Keine Variation, um zu variieren, sondern jede einzelne, um den thematischen Gehalt bis in die letzten Rervenverästelungen bloßzulegen. Innerhalb des Gebundenseins an die Fotin offenbart die Schöpferkraft des Meisters einen unermeßlich scheinenden Reichtum an Erfindung sowohl an sah- als auch an klaviertechnischer Kunst. Ich erinnere nur an die äußerst charakteristische Staccatcstudie (Dar. II), an die in Märchen- Harmonien gleitenden Triolen der Fisdur-Dariation IV, an den Kanon zwischen Sopran und Tenor der VI. Als ein wirkliches, naturgewachsenes Scherzando gibt sich die V. Variation. Zwei Seiten vorher steht jene III. mit ihrer versonnenen Verträumtheit, wie sie außer Kügler nur einem Johannes Brahms gelingen konnte. Schon die noch ziemlich frühen Klavier-Variationen über ein deutsches Volkslied (Die Blümelein, sie schlafen, op. 21, Walther Deißbrodt, Leipzig und Zürich) betraten eine ungewöhnliche Höhe des Stils und eine erstaunliche Sicherheit, mit welcher alle thematischen Möglichkeiten erschöpft werden. .Unmittelbar überzeugend wiicken die ukrainische Fantasie, op. 60, die Rubinstein-Variationen mit Schlußfuge, op. 48, die bei C. F. Peters erscheinen werden, uird die Variationen über ein Thema von E. Grieg, op. 59 (Peters), die ihre lebhaften Kontrastierungen in die Fülle eines voll- und weitgriffigen, oft ganz weltentrückten, mystisch verklärten Klavierstiles tauchen. Es erscheint mir kein Zufall, daß Köglers Erfindungskraft sich besonders in der Variativnenform ausgebreitet hat. Sie kann sehr wohl eine außerordentliche Musilali- tät und ein in Uebersnlle ausströmendes Gefühlsleben in Fesselung halten. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Der alte Stamm der großen Meister der Klaviervariation hat ein neues Reis. Auch auf dem Gebiet der Kammermusik gilt das. Leider liegt bis jetzt zur Stütze meiner Behauptung nur wenig Material in Druck vor. Ein Klaviertrio soll demnächst bei Peters heraus- kommen. Außer zwei Werken, die seltener gepflegten Literaturgattungen angehören (romantische Serenade für Klavier, Harmonium und Cello oder Violine, op. 14 [Sari Simon, Berlins, und Rokturne für Klavier und Harmonium, vp. 17 [®ebr. Hug, Leipzigs) ist bis jetzt nur die Julius Klengel gewidmete Fdur-Sonate für Cello und Klavier, vp. 34, eines jener wenigen Ewig'ei swerke auf diesem nicht sonderlich reich bedachten Gebiet, bei Peters erschienen. Ueberall findet sich in der Fülle der die Zahl 100 längst überschreitenden, zum größten Teil noch ungedruckten Werke auf engem Raum ein Reich um ursprünglicher Musikalität. Und noch ein anderes Charakteristikum: Reben der weitgespannten Melodik in den langsamen Sätzen die Abgrund iefe des Schmerzes, die kein Senkblei mißt. Hier schlägt das heiße Herz des ernsthaften Künstlers, der die Wonne des Schassens mit dem schwersten Seelenleid erkauft. Am erschütterndsten hat sich die Psyche Köglers in seiner Lyrik ausgesprochen. Wie magisch anziehende G erne leuchten die Farben dieser Lieder über seinem gesamten Schaffen. Zur Lyrik steht er in einem ganz ähnlichen innigen Verhältnis wie sein geliebter Robert 6d>imann. Die Bahnen Hugo Wolfs uad der neudeutschen Liederkomponisten, die manchmal vvm eigentlichen Wesen des Liedes weit ab führen und in konstruktiver Manier erstarrt sind, haben ihn nicht zu locken vermocht. Er hat den Weg zum 2hb an sich zurückgefunden. Das Erlebnis der 1 Dichtung schon wird ihm Musik. Aus der Stimmung d:s p e ischen Vorwurfs erwächst als organisches Ganze seine Schürfung; S imme und Klavierilang, der nirgends als Textuntermalung, als illustrierendes Rankenwerk erfebeint, sind untrennbar miteinander verknüpft. Das wahrhaft Klingende des Liedes wird lebendig: seine Seele. Gerade die letzten Lieder für hohe Stimme, vp. 44 und op. 54, die in eigenartig moderner äußerer Ausstattung im Rheinischen Musikverlag Otto Schlinzlo f. E fen, erschienen sind, ergreifen mit ihrem tragischen Zug. mit ihrer Leidenschaft, die oft wie ein verhaltener Schrei nach Erlösung bis ins Innerste erschüttert, derart unmittelbar. Es sind zum Teil von so dräng:n ter Rachempfin- dung getragene Kompositionen, wie etwa die sechs stark erfühlten und tief erlebten Lieder nach Dichtungen aus dem Zyklus Von Liebe und Tod von Marte Sorge, op. 70 (Rheinischer Musi'reckag), ober solche wie „Klage", „O schwere Pein", „Al er Dorffried Hof" oder gar der elementare „Sturm" (musikgewordenes Raturgeschehen) daß sie so nicht einmal erstehen könnten, Ausstrahlungen eines unendlich feinen seelischen Prozesses, der im Rachfühlen der dichterischen Idee schon seinen Ülrsprr ng hat. Es scheint kein Zufall daß gerade die schmerzzerrissene Resigna ion Theodor Swrms dem lichtberaubten Leben Köglers die lyrische Auslösung g bracht hat. Die unmittelbar zum Herzen dringende Gewalt der Melodik dieser Lieder wird man nie vergessen. Erschütternder konnte die Tragik der unglücklichen Liebe, die müde Todtraurigkeit, das Dämmergrau dieser melancholischen Welt nicht gestaltet werden („Weiße Rosen", op. 64, Rheinischer Musikverlag). Oder soll ich an das ganz von zartester Stimmung erfüllte Erinnerungsbild der Dämmerstunde (op. 55, Rr. I, © eingräbercerlag) erinnern. Eine web geschwungene melodische Linie schwebt über wundersam verträumten Harmonien. Ein Hinaufgleiten in ein leis verklingendes Fisdur („Vom roten Licht war deine Stirn beschienen") Die Stimmen brechen ab. Wie leise hingehaucht, gleichsam schildernd: „Wir schwiegen beid'". Wie kostbar „schwatzen die Alten fort". And bann der liebe lange Blick aus den Märchenaugen. Ein gleichsam suchendes, wie «us Träumen erwachendes Auf- *— 28 —-i steigen noch dem D-dur-Mfchlutz. DaS zweite Lied dieses vp. 55 .Im VolkStvn" kommt, nicht zuletzt mit seinem echten Volkslied- fchluß, tote ein lebendiges Lied aus dem Volke daher, wir es inniger und anheimelnder nicht bei Mondenschein und Lindenblüte Äsungen werden kann. Radio. Don Dr. GevrgHeutzel, Gießen. (Schluß.) Die Glühkathodengitterröhre, wie sie richtig heißt der Vame ist im Aufsatz vom vergangenen Samstag durch einen Dru^ehler entstellt — oder kurz Kathoden- oder Elektronenrohre, ist em Kunstwerk der Feinmechanik, und doch wundert man sich über den ver^ hältnismäßig niedrigen Preis, zu dem sie heute - sie tst auch schon in hiesigen Schaufenstern ausgestellt - fellgeboten wird. Dieser läßt sich nun erklären durch großzügige sabrikattonsmetho- den die schon während des Krieges trotz des Mangels an den geeignetesten Rohstoffen ausgebildet worden sind, durch ein Jn- einandergreifen von Hand- und Maschinenarbelt, das unbeschad« der erforderlichen Genauigkeit eine Masienfabrikation möglich macht. Richt nur die Herstellung der Metall eile, Heizfäden Gitter und Anode verlangt peinlichste Sorgfalt, denn nur unter Einhaltung der errechneten Maße kann man Röhren genau gleicher Leistung erzielen: jede Oryda ion muß streng vermieden werden, was fick nur durch Arbeiten in einer Wasserstoffatmosphare erreichen läßt. Am schwierigsten ist das Auspumpen, denn alle Gasreste, vor allem auch diejenigen, die noch in den Metallteilen emge- schlossen sind, müssen enisemt werden, da sie die Lebensdauer der Röhre empfindlich beeinträchtigen können. Die fertige Rohre wird noch einmal auf das sorgfältigste geprüft, ob sie nicht doch noch Spuren von Gasen enthält, und erst wenn sie diese Prüfung bestanden hat, darf sie in den Handel kommen. Hatten schon während des Krieges die Rohrenfabriken alle Hände voll zu tun, um den Heeres bedarf zu decken, so wuchsen die Anforderungen ins Llngemessen«, als kurze Zeit daraus die große Radiobrwrg mg einsetzte, von der z. 3t. auch in Deutschland alle Zeitungm voll sind. Die Elektronenröhre, einst ein empfindliches Instrument im Laboratorium des Physikers, hatte auch in den nicht immer g-sch täten Händen dis Schützengrake f mkers vortreffliche Dienste gelästet, bei ihrer dreifachen Verwendbarkeit gewann sie jeh: immer weitere Verbreitung. m „ Der Lichb g ngen'rator, mit dem schon sein Erfmder Poulsen drah'los die menschliche Sprache übertragen hatte, wurde 1908 von Lee de Fo est dazu benutz', die Musik vom Rei,Yorker Opera- house einer Anzahl von In eressenten radiotelephonisch zu übermitteln. Damit war der Gedanke zum erstenmal in die Tat um« gesetzt, von einer Sendestelle ungedämpfte Wellen in den Raum hinauszusenden, die nun von beliebig vielen Empfängern auf- genommen und als Sprache oder Musik gehört werden konnten. Aber es dauerte doch noch 13 Jahre, an die Stelle des Lichtbogens mrtz e erst die Senderöhre treten, bis diese Einrichtung — Broad- castv.g d. t. Brei Wurf, nennt man sie in Amerika — drüben Allgemeingut wurde. Aber dann entwickelte sich die Sache mit wahrhaft amerikanischer Geschwindigkeit. Seit dem Herbst 1921 sind dort Lausende von Sendern. Millionen von Empfangsstationen im Betrieb, in Wohn- und Schlafzimmern. Hotels. Fabriken. Kontoren. Banken, ja selbst in Autos und Eisenbahnwagen trifft man die Empfangsappa'a'e. Es gibt derer alle möglichen Arten und Formen. In nich zu groß r Entfevnurg vom Se der kommt man sogar ohne Röhren, allein mit dem Kristalldetektvc aus, und man hat nicht nur Taschenapparate von der Größe einer Hand gebaut, sondern es wird sogar berichtet, daß man in den Ausmessungen bis auf die Große einer Busennadel oder eines Fingerringes herabgegangen sei, abgesehen natürlich von den beiden Telephon- hörern, die man sich an die Ohren legen muß. Die Güte dieser Apparate entzieht sich natürlich meinem Urteil. Bei größeren Entfernungen benutzt man Kathodenröhren, von denen eine als Detektor dient, während die anderen verstärken. Ausgesangen tr-erden die Wellen von der Antenne: unter diesen gibt es Riesen wie die hoch in der Luft über die Dächer ausgespannten Drähte Und Zwerge, die sog. Rahmenantennen, mitunter so klein, daß sie in einem Kasten von der Größe eines kleinen Handkoffers mit- untergebracht werden konnten. Ja sogar schon vorhandene Leitungen. wie Telephon-, Klingel- und Starkstromdrähte, können als Antennen benutzt werden. Dem so plötzlich aufschießenden amerikanischen 'Broadcasting fehlte die ordnende Hand des Gärtners. Jeder durfte dort senden, jeher durfte aufnehmen. Bald glich das ganze nicht mehr einem trohlgepflegten Garten, sondern einem vom An kraut überwucherten Acker, auf dem selbst die schon vorhandenen Pslanzen, der staatlichen und postalischen Einrichtungen, in Gefahr gerieten. Zwar darf man nicht glauben, daß der Lauschende nun das tolle Gewirr aller gerade sendenden Stationen hören muß, man kann vielmehr durch einfache Aenderungen am Empsangsapparet so aus die Welle eines Senders »abstimmen", daß man nur diesen wahr nimmt: Sender aber, die mit gleicher Welle arbeiten, stören sich ganz empfindlich: zumal wenn sie vom Empsänger aus in derselben Richtung liegen, läßt sich diese Störung auch nicht mtt der Rahmenanteirne beseitigen. Dazu kommt noch, daß manch« Empfangsvorrichtungen selbst Schwingungen aussenden, so daß oft dem Hörer statt des erwarteten Kunstgenusses ein wahre- Babylon entgegenschallt. Weim wir heute hören, daß das Broadcasting in Amerika schon im Abflauen sei, so kann das nms daran liegen, daß dort viel zu spät der Staat mit ordnendes Hand eingegriffen hat. 1 Die englische Telegraphenbehörde hat mit Erfolg versucht solchen Auswüchsen von vornherein einen Riegel vorzuschieben. Vor allem beschränkte sie die Erlaubnis zu senden auf ganz wenige Stationen und schrieb ganz bestimmte Wellen vor. Dann muhte sich jeder Lauscher auf eine Anzahl Bedingungen verpflichten, die ihm zwar ziemlich viel Freiheit lassen, aber doch genügen, die nötige Ordnung und 6t&- rungsfreiheit aufrechtzuerhalten. Aehnliche Bestimmungen bestehe« in den meisten europäischen Staaten. So war uns Deutschen dal Ausland schon ein gutes Stück voraus. Daß wir zurückgeblieben, lag nich! nur an den wirtschaftlichen Verhältnissen: aus übertriebener Angst vor amerikanischen Zuständen hatten die deutschen Behörden ihre Dorschrif en so eng gefaßt, haß diese die ganze Be- toegung im Keime zu ersticken drohten. Diese Bestimmungen wurden feit September vorigen Jahres etwas gelockert, und es ist zu hoffen, daß unter dem Einfluß der Vereine von Freunden des Radiowesens, zu denen heute die eichen Männer der Wissenschaft und Technik ghören, noch weitere Erleich'erungen folgen werden. Daß nur ganz wenig Sendestationen entstehen sollen, wollen wir gern gutheißen, wenn diese nur für ein wirklich einwandfreies Programm sorgen, zumal bei uns ja auch die Darbie ungen des Auslandes, des Eissel tu rmes und besonders dec englischen Stationen, wohl zu hören sind. Reben den Sendern in der Reichs- haup.stadt werden demnächst Fran furt a. M, Stuttgart und München aufmachen. Es soll ihnen ein ganz begrenzter Wellenbereich zugewiesen werden, und die Empfangsapparate sollen so gebaut fein, daß sie außerhalb dieses Bereichs nicht mehr brauchbar sind. Deshalb behält sich die Post die Prüfung jedes einzelnen Empfängers vor und plombiert ihn, um Abänderungen unmöglich zu machen. Rur ganz wenigen S erblichen wird es gestattet fein, mit offenen Apparaten zu arbeiten. Mit einem gewissen Reid sieht der Liebhaber heute in den Fabriken die Apparate, die ins Ausland wandern, während er selbst nur einen festverschlossenen Kasten sein eigen nennen darf, dessen Inneres zu schauen ihm verboten ist. Sehr drückend sind bei uns noch die Gebühren: neben all den Steuern, mit denen die einzelnen Apparate und Apparatteile belegt sind, steht die jäh liche Gebühr von 60 Mk. der weiteren Verbreitung des Radiowesens noch sehr im Wege und führt manchen über die vom Gesetz gezogenen Grenon, wenn er als Zaungast mit Hilfe einer versteckt angebrachten Antenne den Darbietungen lauscht, die nur für Auserlesene bestimmt sind. Wer sich hmte bei uns in Gießen in den Abendstunden den Bügel mit den beiden Hörmuscheln um den Kopf legt, die 3 oder 4 Röhren zum Glühen bring', die Anodenbatterie eiaschaltet und dann mit einigm Handgriffen, die man schnell erlernt, abstimmt, der bekommt meist bald icgerd einen englischen Sender zu hören- Ist es eben eine pvtt ische Rede oder ein wissenschaftlicher Vortrag, den man vernimmt, so braucht man nur aus ei te andere Einstellung überzugehen, und man wird T isieehmer an eincm Orchesterkonzert oder gar an einer Oper des Ope mhauses in London: wieder ein Drehen am Knops, und aus dem Apparat kommen die Töne eines Klavie 's. das eine Singstimme beglei'et Rach jeder Panse verkündet wieder ein Ansager die nächste Programmnummer, und so geht es den ganzen Abend. Am lohnendsten wird für uns die Sache werden, wenn einmal Frankfurt a. M. sendet. Die Vorarbeiten sind in vollem Gange, zunächst ist nur ein schwacher Sender aufgestellt, während späterhin, etwa von April ab, die Reichweite 150 Km. betragen soll: innerhalb eines Kreises, der über Kassel, Eisenach Bamberg. Stuttgart, Trier. Köln geht, werden dann die Frankfurter Darbietungen zu hören sein. Wir liegen hier so günstig, daß eine eine einzige Kathodenröhre in Audio rschaltung vollauf genügen wird. Der Frankfurter Rundfunk wird ernste und heitere Musik bringen, er kann uns die Vorstellung-en der dortigen Over mitanhören lassen, er wird alle möglichen wichtigen Rachrichten verbreiten, dem Landwirt, mag er noch soweit von jedem Tels- graphenamt wohnen, wird er das Wetter rechtzeitig Vorhersagen, trissenschastllche. politische, belehrende Vorträge, ja wie in England auch Predig'en kann der Rundfunk uns nahe bringen. — Wer hätte eine solche Entwicklung auch nut im entferntesten ahnen können, damals als Hertz Im engen Raum seines ßabora« toriums seine ersten Versuche mit elektrischen Wellen anstelltet Dabei kann jeder Dag neue überraschende Verbesserungen bringen, Stöße von Anmeldungen laufen täglich bei dem Patentamt ein; noch harrt das Problem des Lautsprechers, der nicht an das Ohr gelegt zu werden braucht, sondern für eine ganze Versammlung hörbar ist, einer einwandfreien Lösung: aber auch diese wird kommen, für die Radiotechnik scheint es sobald keine Grenzen zu geben. Mögen sich deutsche Wissenschaft und Tatkraft auf diesem Gebiet recht bald die Führung erobern 1 Schrittleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen tUnlv.-Buch- und Steindruckerei. R. Laune. Gießen.