Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92^ Samstag, denJuni Nummer 25 Sonett. Von August Graf von Platon*). Was kann di« Welt für unser Glück empfinden. Die kalte Welt mit ihrem falschen Treiben? Kann sie es fesseln oder es vertreiben? Kann sie uns trennen oder uns verbinden? Wir sehn die Dinge rings um uns verschwinde». Als Dinge, die di« Liebe nur umschreiben. Verborgen mutz die wahre Liebe bleiben, Kein Dritter darf zu dir und mir sich finden. Sie, die uns wandeln sehn im bunten Schwan»», Vicht ahnen sollen sie, daß in der Stille Wir uns verzehren im verliebten Harme. Vergessen will ich jede fremde Grille, Wenn dich umschlingen meine frohen Arme, Hnö dir allein beugt sich mein Eigenwille. Spring wasser. Ein irisches Elfenmärchen**). 9 Wenn man aus der Stadt Cork geht, unweit der Galgenwiese, liegt ein großer See, auf dem sich Winters das Volk mit Schrittschuhlaufen ergötzt, aber die Lust über dem Wasser ist nichts im Vergleich mit der, die darunter ist, denn auf dem Boden dieses Cees stehen Gebäude und Gärten, die prächtigsten, die man je gesehen. Wie sie dahin kamen, hat sich folgendermaßen zugetragen. Lange bevor ein sächsischer Fatz irischen Grund betrat, lebte ein großer König Namens Sore; sein Schloß stand da, wo jetzt der C e ist, in einer grünen, meilenbreiten Aue. Mitten im Burghof befand sich ein Springbrunnen so reines, klares Wassers, datz es ein Wunder war. Der König freute sich auch nicht wenig, eine solche Merkwürdigkeit in seinem Schlosse zu besitzen: als aber die Leute in Hausen herbei kamen von fern und von nah das köstliche Wasser dieses Brunnens zu schöpfen, fürchtete er, datz es mit der Zeit versiegen möchte. Er befahl eine hohe Mauer rund herum zu bauen und wollte niemand mehr zu dem Wasser lassen, was ein großer Schaden für die armen Leute war, die in der Gegend wohnten. Sa oft er aber selbst Wasser brauchte, sandte er sein« Tochter hin, es zu holen und vertraute den Schlüssel zu der Quell- thüre keinem seiner Diener, aus Desorgniß, sie könnten etwas davon weggeben. Eines Abends feierte der König ein großes Fest, viele Fürsten waren zugegen, Grafen und Edelleute ohne Zahl, das ganze Schloß war voll Herrlichkeit, Freudenfeuer stiegen in die Wolken auf, der Tanz drehte sich und so süße Musik gieng dazu, daß sie die Todten aus ihren Gräbern hätte wecken mögen; Speisen standen für jeden bereit, der hereinkam und niemand wurde von dem Schloßthor zurückgewiesen, jedem rief der Pförtner: willkommen, herzlich willkommen! entgegen. Aun geschah es aber, daß bei diesem großen Feste auch ein junger Prinz erschienen war, lieblich von Ansehen, so schlank und gerade, wie sich ihn nur ein Aage wünschen möchte zu erblicken. Recht lustig tanzte er den Abend mit des alten Königs Tochter aus und nieder, federleicht und die Füße so zierlich setzend, daß es allgemeine Bewunderung auf sich zog. Die Musikanten spielten aufs Beste um einem solchen Tanz Ehre zu machen und jene tanzten, als stände ihr Leben darauf. Vach dem Tanz folgte das Abendessen, der junge Prinz sah seiner schönen Tänzerin zur Seite und so oft er mit ihr sprach, lächelte sie ihm zu, er that es aber lange nicht so ost, als sie wünschte, denn er mußte sich vielmals zu der Gesellschaft umdrehen und für die Complimente danken, die seiner schönen Tischgefährtin und ihm gemacht wurden. Mitten in der Mahlzeit sagte einer von den großen Herrn zu dem König Eorc: „mit eurer. Majestät Erlaubnis) alles ist *) Der hier schon besprochenen ausgezeichneten Auswahl des, Verlages Strecker & Schroder in Stuttgart entnommen. **) Die von den Gebrüdern Grimm übersetzten irischen Elfen- märchen, die 1826 zum erstenmal erschienen sind, hat der rührige Freiburger Verlag Ernst Guenther in neuem, schönem Gewand in der damaligen Sprach? und "Schreibweise wieder herausgegeben. Üeberaus drollige Lithographien Torst Hechts illustrieren wirkungsvoll die wiedergehobenen Schätze altkeltischer Sagenwelt. Dre obige Leseprobe ist getreu nach dem Erstdruck wiedergegeben. hier im ileberflutz, was das Herz sich wünschen mag, beides $u essen und zu trinken, nur kein Wasser.'" »Wasser!" sagte der König mit Wohlgefallen darüber, datz jemand das forderte, woran absichtlich Mangel gelassen war: »Wasser sollt ihr gleich haben und von so köstlicher Art, daß ich di« ganze Welt auffordere, ein gleiches vorzuweisen. Tochter", rief er, »geh, hole welches, in dem Goldeimer!, den ich dazu Habs machen lasten." Die Königstochter, welche Fior ilsga (Springwasser) hieb, schien eben nicht zufrieden damit, heut« vor so vielen Leuten dies« gemeine Hausarbeit zu übernehmen. Sie wagte nicht ihres Vaters Geheiß zu widerstreben, aber sie zögerte, auf den Boden schauend. Der König, welcher seine Tochter sehr liebte, merkte ihre Verlegen' heit und es that ihm leid, daß er es von ihr begehrt hatte, doch sein königliches Wort durfte er nicht zurücknehmen, er sann auf ein Mittel, sie gleich dahin zu bringen, daß sie das Master! holt« und fiel auf den Gedanken, der Prinz ihr Tischgesell solle sie begleiten. Mit lauter Stimme sagte er: „meine Tochter, mich wundert nicht, daß du dich fürchtest allein auszugehen so spät in der Vacht, der junge Prinz dir zur Seite, hoste ich, wird dich begleiten." Der Prinz hörte das mit Vergnügen und den Gold- ebner an die Hand nehmend, mit der andern die Königstochter aus dem Saal führend, zog er die Micke aller Gäste auf sich Als sie zum Wasterbrunnen im Schlohhos kamen, schloß die schöne älsga daS Thor sorgfältig auf, bückte sich mit dem Gvld- eimer und wollte Wasser schöpfen, aber das Gefäß wurde ihr so schwer, daß sie das Gleichgewicht verlor und in den Brunnen stürzte. Vergeblich strebte der junge Prinz sie zu retten, das Wasser stieg und stieg so mächtig, daß es schnell den ^ganzen Schlohhos einnahm, außer sich eilte er zurück zu dem König. Das Brunnenthor war offen geblieben und das lang Oer- schlotzne Wasser, froh über die erlangte Freiheit, rauschte unablässig herein, stieg jeden Augenblick höher und war in dem Gast- saal so schnell wie der junge Prinz selbst, dergestalt, daß, tote ey versuchte mit dem König zu reden, er bis an den Hals im Wasser stand. In die Länge stieg das Wasser zu solcher Höhe, daß eS die ganze grüne Aue, in welcher des Königs Schloß tag, erfüllte und fo wurde der jetzige See von Cork gebildet. Aber der König und feine Gäste ertranken nicht, noch feine Tochter, die schöne Llsga, sondern die nächste Vacht nach dem schreckenvollen Ereigniß kehrt« sie zum Festgelag zurück und fett» dem jede Vacht geht das Fest und der Tanz an in dem Boden d«S Sees und wird so lange dauern, bis es einem gelingt den Goldeimer heraus zu bringen, der die Ursache des Änheils war. Lind niemand kann ztoeifeln, daß dies Gericht darum über den König ergieng, weil er den Brunnen im Schloßhof den armen Leuten verschlossen hatte. Wer aber der Sage nicht glaubt, gehe hin an den See, tvenn das Waster niedrig und hell steht, so wird er mit guten Augen die Thurmspitzen und andere Häuser ht der Tiefe erblicken. Von gestern und vorgestern. Aus den Lebenserinnerungen Charlotte Vies es*). Es war sehr nett, als bestandene Gxaminandin wiedÄ nach Plön zu kommen. Das Schwesterchen war in der Genesung, Freunde holten mich im Triumph von der Dahn, und im Plöner Wochenblatt stand, daß eine geschätzte Mitbürgerin, Fräulein Ch. Riese, das Examen für höhere Töchterschulen bestanden habe. Da las ich zuerst meinen Vamen in Druckbuchstaben und empfand nicht einmal eine Ahnung, daß dieser Marne noch einige Male gedruckt erscheinen würde. Hetzt galt es, eine Stellung zu finden, in der ich Geld verdienen konnte. Damals lockte England. Einige bekannte Damen waren gern in England und redeten mir zu, gleichfalls dorthin zu geben. Ich war drauf und dran. Dann hörte ich von jemand anders eine so ernsthafte Warnung, datz ich diesen Ge- *) Charlotte Miese überrascht zu ihrem siebenzigsten Geburtstag, am Z. Juni 1924, mit dem Buche einer Hungen, denn ihr« Lebenserinnerungen „Don gestern und vorgestern" (im Verlag von Fr. Wilh. Grünow in Leipzig erschienen, tote fast ausnahmslos ihre Bücher) sind die Darstellung einer Vichtgealterten. Sprühend und lebenswahr sagt sie die Dinge frisch bei ihrem Namen. Sie legt nicht die Glättungen an, die sonst den Lebens- etinnerungen «inen wehmütigen Reiz einerseits geben, ihnen aber andererseits viel von bem Pulse der Zeiten nehmen, die eben geschildert werden füllen. — 98 ist dmm, wohl neunzigjährig, gestorben. Tante Emma, hingegen» lebte noch lange mit der Konvemtualin Lhinen zusammen rm Kloster zu Preetz. Dieses Damenkloster, durch eine Mauer von demStam- chen getrennt, ist ein reizendes Idyll. Die Damen bewohnen jede ihr eigenes Haus, das meistens noch einen schönen Garten wo. mesttensWanda und'LeoMe, während ich für meine I Hinter den Gärten gleitet die Schwentine dahin. Was an ^u- l^^Km^wunderLll f^md. Der Name Kuni- I gend in dem Kloster war, «Serbe.eifrig und freute sich an d« bert war mir nie begegnet; vielleicht nur in einer GeschichteAuch I ^u^eLung^Fraulernvon ^^uen uny Leonie und Wanda waren mir in Person nie begegnet. Leider siel I Ätertümsiches Haus, das noch stcht. Wh - Inster in dieses aeheisigte Buch eines Tages den Brüdern in die Hande, dre | Treppchen und eine sogenrnrnte Gewitterkammer ohne > STtafiX vorigen. Das war Sitter, u^d als ich die man flüchtete,, wmm dre Blitze zu arg wurden, meinen Schah wieder erwischt hatte, warf ich ihn ins prasselnde I von Th in en wrwern sehr gutes Ä^nschenkmd.Nrch ,-^vevoll. Feuer des Herdes. Leonie, Wanda und Kunibert brannten gleich- I feuchteten Geists, aber freundlich und m ihr«: Ar zeitig mit getrocknetem Vierklee und bunten Bildern. Dieses Auw- ! Ihre rasiewser TeckÄ, A^r Kule genannt, vm^n h K-tx ftarte izft fbäter lehr bedauert. Aber jedes zehn- bis zwölf- j ein scharfes Wort der Frau Priorin ein, ^as sie immer ly^ jährige Mädchen wird meine gekränkten Gefühle teilen. Damals 1 schreckte. Tante Emma beruhigte sie dann. „Liebe Klare, danken wieder aufgab. ilnd dann schlitterte ich in einevornehme . ^Z^ichE W deutsche Familie hinein, die äuherlrch imt " I me;n z^ft und au den Spott gedacht, den es rnrr einbrachte. Aber nehmlichkeiten gesegnet, mnerllch aber so wurmstichig war, dav ich | nieder allMeiAnwandlungen, und da es in mich freuen konnte, eines Tages wieder daherm M I mTRn ru?;M Stunde gab und ich mir ein eigenes Zimmer man auch in Deutschland seine Erfahrungen machen und braucht I H cinem Schreibtisch darin, so kamen die Gedanken bewegen nicht ins Ausland zu gehen. Spatertst es mu abe I 2 ech damals war das Porto billig und das Papier gleich» immer gut gegangen. Ich h^e liebe und nette Menschen kennen- ^sE Damals ^d^orw E ^te gelernt und warme Freundschaften geschlossen. Hler viele Ram I t - Mtmt unheimlicher Geschwindigkeit zurückkehrten, LMRLMffWUZ UZMML-sW« am Rhein, auch in der Rachbarschaft von Plon und endltch I . .. s Vermerk' Legen Sie uns gelegentlich etwas war es mit dem Unterrichten vorläufig, vorb-r weil meme Mutter sie wieder^mrt ^^7 ich nw rech^ was ich daraus mache» mich brauchte und in mir schon allerlei Gedanken an Drucks, Pi I Natürlich waren meine Versuche vom Schleier des Geheimund der Wunsch aufstiegen das was lch mnerlich dachte, auszu- so w RatEH von ihnen, lieb mich aber sprechen. So ha^^ mich allmählich der Schnftstell^^ug w I ^M>ren^ und sonst fragte niemand danach was ich im stillen Es kam nicht gleich und zuerst mußte ich, wie E we-sten, y I S 5 OUdne ersten Versuche erschienen rn der „Kieler geld bezahlen. Aber nach und nach kamen doch von hier und Kämmerlein tmev UT^ ist wohl vorgekommen, dort allerlei Ermutigungen, und schließlich war es für mich das I Ze 9 , WM ist wohl dieser Lucian Bürger? Er schreibt Schönste, mich einzuspinnen in meine Gedanken und zu^mch Gte» S ÄKSSH Mr nämlich beigelM. Ich »ÄÄ a ÄS’Ä?ÄS « »=UmUl«nW WÄchm sind gewöhnlich sehr nett gegen mich gewesm,. Aber ich «Uergew-rdmismd,dmm kommen^ez^ { mochte sie nicht habe Lch des öfteren Hauslehrerinnen getroffen, die sich mck großer fc ^Z?°S^rd^ ^^ltM Augenblicke verpatzt. SÄÄMSTÄg'g K“* feftÄÄS von Familien in Pommern, der Mark und ^^mBurg, die auf I d v sch auszuttänken. Ob dies mehr als einmal vvrgekom- einer für sie unsichtbaren Liste standen und denen es schwerJi , I s V I CTljrjnn<. mich eines Vortragsabends Lehrerinnen zu erhalten Datz ost I «Jtet Zum Prinzen", an dem einer der Herren vom Gymna- bss ÄFff-SÄ US« tÄÄ s Mage, wo die ^^echug-mg w dm- stadtrs^i und staat- yr sich Stehen, und zweite Glas bestellte fragw TwL We. geworden. Sv anders, daß man nicht Weitz, wie sie sich gestalte» I «be ’zreneben Ruf dem Friedhof stand unter anderen MMLMSSLS WDM--L-SL-H unterrichten konnte, tat mir sehr leid. ein Glashaus auf ^^b^setzemD-^ chm Aber der Hausstand meiner Mutter hatte sich durch verschiedene I „im Interesse der E^l-chmi O«n ng ch i M Musik Pensionäre vergrößert; sie brauchte meine Hilfe, und es war auch gegen gab es der s-merVeerdlgung em Festmahl und die w aut wenn man einige Jahre über Geschichtsbüchern und Gramma- i Heute wurde man manche von ihnmi rn ein. S^aatorium s S ÄÄji Einmal im Hausstand auszutoben. -Wer der Die haben aber niemanden geschadet, und ohne Originale gibt es SBBWääS I und Bilder einklebte. Ich las die Kinder meiner Muse oft, fand sie sehr schön und schrieb einiges dazu. Leider waren sie alle sehr kurz. Ich ließ nämlich meine Helden und Heldinnen gleich sterben Und beschrieb mit einer gewissen Wollust das Totengemach, in dos die Sonne schien und das Sterbebett verklärte. Meine Hel- — 99 — nichts. Der Enterich von Frau Priorin ist neullch auch gegen den Briefträger angegangen. Tiere sind eben unvernünftig!" Tante Emma war sehr dick und sehr würdevoll. Sie und Fräulein v. Thi- NLN lebten über fünfzig Jahre zusammen, und da eine regieren mutzte, sie regierte unsere Tante; allerdings möglichst unmerklich Und mit der ihr zustehenden Bescheidenheit. In meiner Jugend regierte als Priorin eine Gräfin Rantzau, die gern und wahrscheinlich auch gut regierte. Einmal bin ich ihr vorgestellt worden, jlcker da sie nur mit einem Auge etwas blinzelte, während < ich meinen Knicks machte, fiel dieser Knicks nicht gerade sehr tief aus. Tante Emma hielt mir nachher eine Rede. „Du bist nickst ehrerbietig genug gegen Hochwürden Gnaden!" „Findest du, datz sie nett gegen mich war?" erkundigte ich mich. Tante Emma war so erstaunt, daß sie nichts sagt.e. Rur äußerte sie sich nachher, datz ich eigentlich nicht ins Kloster patzte. Priorinnen brauchten nicht nett gegen junge Mädchen zu sein! And ich fand, datz ich gerade gut hinein patzte. Well mich die verschiedenen Typen der Damen interessierten. Sie waren nicht alle so unnahbar wie die Priorin. Einige hatten Interessen und kannten die Welt, während andere sich ganz ihr kleines Leben einspannen und nichts anderes kannten, als datz sie eine bevorzugte Stellung einnahmen. Eine von den alten Damen sprach ein ganz verkehrtes Deutsch. Was daher kam, datz sie in ihrer Jugend nur französisch gesprochen hatte. Später war sie dann nicht dazu gekommen, sich die deutsche Sprache anzueignen. Tante Emma und Fräulein von Thinen besuchten uns an jedem ersten Feiertage. Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Dann kamen sie mit einem großen Wagen immer viel früher angefahren, als man sie erwartete. Ansre Mutter, die vor jeder Festzeit ihr gerüttelt Matz an Arbeit hatte, hätte sich gern am ersten Feiertag ausgeruht, aber davon war keine Rede. Das Dienstmädchen der Damen hatte ihren Ausgang und konnte also nicht kochen. Run mutzte unsere Mutter für sie kochen. Es kam vor, daß unsere Mutter gerade den Tag mit heftiger Migräne zu Bett lag; aber dann waren wir andern ja da; es muhte mit Fräulein von Thinen spazierengegangen und sie sonst unterhalten werden. Tante Emma tellte dann auch wohl Geschenke aus. Die zwei Damen reisten alljährlich nach Frankfurt, um den Bruder der Thinen zu besuchen. Bon dort gab es dann als Mitbringsel alte Drvschken- tarife oder ein Programm aus dem Palmengarten, vielleicht auch irgendein abgelegtes Seidenband; genug, immer etwas, das durchaus wertlos und unnützlich war. Ich habe nie verstanden, datz eine sonst so kluge Dame so dumm handeln konnte. Denn wir haben nachher den alten Plunder lachend weggewvrfen. Es gab immer eine Aufregung, wenn die Damen wieder von uns fuhren. Das war nach dem Abendessen; denn alle Mahlzeiten mutzten mitgenommen werden. Damr rief Fräulein von Thinen dem Wagenlenker zu: „Kutscher, Sie sind doch nicht betrunken?" worauf ein brummiges „Rein" erfolgte. Ich glaube, datz der Mann es immer war. Die übermütigen Brüder haben Wohl einmal ein bengalisches Licht abgebrannt, das die Abreise mit rotem Schein über- gvtz und auf die Pferde anfeuernd wirkte. Wir waren froh, wenn der anstrengende Tag zu Ende war. Im übrigen haben wir auch Gastfreundschaft im Thinenschen Hause genossen, und dann sorgten beide Damen gut für uns. Als Tante Emma starb, war Fräulem von Thinen zuerst ganz verzweifelt. Allmählich fand sie sich, erhielt einen Ersatz, den sie zuerst sehr schlecht behandelte, der sich a&er nachher gut bewährte. Dann ist sie auch von der Welt geschieden, und das Damenkloster ist um zwei Originale ärmer geworden. Beide Damen waren die Verkörperung der alten Zeit mit ihren VvrurteUen, ihrem Standesbewutztsetn, aber auch mit ihrer Rechtschaffenheit und Anspruchslosigkeit. Wenn Fräulein von Thinen von einer Verbindung zwischen Adligen und Bürgerlichen hörte, meinte sie immer, die Welt mühte untergehen. Als sie einmal in Plön eine Baronin traf, die sie sehr nett fand, fragte sie mich nachher, welche Geborene diese Dame wäre. Auf meine Antwort datz sie eine geborene Müller wäre, schlug sie die Hande zusammen „Wie schrecklich! Geborene Müller? And sie machte wirklich keinen schlechten Eindruck! Ach, wie ist die Welt doch merkwürdig geworden!" Es ist gut, daß sie die heutige Zeit nicht mehr kennengelernt hat. Der gug zum UebersinnNchen. Generalarzt a. D. BernhardvonTobold. Der metaphysische Drang des Menschen ist so alt wie die Menschheit selbst. Mystik und Mysterien haben von ieher Me Menschen in ihren Dann gezogen. Wir lassen von vornherein die religiöse Mysttk beiseite als besondere Richlungdes teltgiofen Lebens die in vielen Religionen entstanden, auf christlichem 'Boden toter den Einflüssen der griechischen Mysterimkulte und der R«r- platoniker sich ausgebildet hatte. Auch die t^vsophischen Lehren mit lebhaften Anllängen indischer Erlösungslehren, sowie der An- chrvposophie scheiden wir hier aus in der Aeberzeugimg, datz die Religion mit Okkultismus und Spiritismus nichts zu schaffen Hatz Worauf beruht der in unseren Tagen deutlich hervortretende Zug zum Aebersinnlichen? Ist es nur eine mit fern unglücklichen Auszug des Krieges in Verbindung stehende Folgeerscheinung datz man von übersinnlichen Dingen jetzt mehr hort als früher < Oder befinden wir uns mit dem Anwachsen der Geheimwissen- fchaft mit Zeit auf der ansteigenden Bahn einer Wellenlinie, deren Abstieg in einigen Jahren wieder zu erwarten steht? Heftige seelische Erschütterungen, wie Angst und Trauer, die Krieg und Revolution auslösten, haben, wie auch in siüheren Zeiten, viele QHen* Men, die von Hause aus schon zum Aberglauben neigten, in dis Hände derer getrieben, die wir auch! heute noch als Träger der Mystik ansprechen, wie Wahrsager, Zukunftsdeuter. Dieser gauk- lerische Mystizismus treibt gerade jetzt in den Großstädten die tollsten Blüten. Horoskope werden auf den Stratzen feilgeboten. Aber nicht nur das Verlangen, den Schleier der Zukunft zu lüften, sondern auch die zunehmende Reigung, mit geheimnisvollen, übersinnlichen Vorgängen sich zu beschäftigen, wie sie im Okkultismus und Spiritismus uns entgegentreten, ist unverkennbar. Marktschreierische Ankündigungen von Vorträgen, wie man sie fast jede Woche an den Anschlagsäulen der Großstädte lesen kann, können stets auf einen andächtigen Zuhörerkreis rechnen. Worin liegt der Grund der stetig steigenden Anteilnahme des Publikums an diesen Geheimwissenschaften? Christoph Schroerer hat sicherlich recht, wenn er uns die psychologische Erllärung dafür gibt in der natürlichen und deshalb begründeten Gegenströmung gegen die Anmaßungen des Materalismus. Dor allem aber beschäftigt sich der gebildete Laie auch weit mehr als früher mit diesen übersinnlichen Vorgängen, weil gerade feit den letzten Jahren die Wissenschaft und ihre berufenen Vertreter in Deutschland sich nicht mehr scheuen, vorurteilsfrei an die Erforschung dieser Probleme heranzutreten. Die im Jahre 1882 in London ins Leben gerufene Gesellschaft für psychische Forschung eröffnete den Reigen. Ihrem Beispiel folgten allmählich in allen Kulturländern Vereine, die es sich zur Ausgabe machten, die okkulten Vorgänge aufzullären und durch sorgfältig und vorurteilsfrei ausgeführte Versuche dem Zustand der Ansicherheit auf diesem dunsten Gebiete ein Ende zu machen und auf klärend zu wirken. In Berlin gibt es heute eine ganze Reihe von Vereinen auf dem Gebiete der Geheimwissenschaften. Die im Jahre 1919 gegründete Deutsche okkultistische Gesellschaft stellte sich die Aufgabe, in einer vorcmssetzungslvsen, streng wissenschaftlichen Weise die sogenannten okkulten Phänome zu erforschen und dadurch einwandfrei festznflellen, ob und in welchem Umfange die Erscheinungen in den Bereich der exakten Raturwisienschaften ausgenommen werden können. Sie hat in den wenigen Jahren seit ihrem Bestehen fördernd und stärend auf diesem Gebiete gewirkt. Besonders freudig ist es auch zu begrüßen, datz vor nunmehr zwei Jahren (März 1922) in Berlin eine „Aerztliche Gesellschaft für die parapsychische Forschung" ins Leben trat, die, lediglich aus Aerzten als Mitgliedern bestehend, sich zur Aufgabe machte, bei strenger Befolgung aller von der psychologischen wie physikalischen Wissenschaft für unbedingt notwendig anertannten Deobachtungsmatznahmen den geeigneten Weg zu finden, um auf ihm die Lösung der ostulten Probleme zu finden. Auch diese Gesellschaft hat bereits in der kurzen Zeit ihres Bestehens Dankenswertes geleistet. In zahlreichen gut besuchten Sitzungen, zu denen auch eingeführte Gäste Zutrftt haben, hat sie durch Behandlung dieser Fragen ausstärend gewirkt und auch durch die Veröffentlichung ihrer Beobachtungen und Antersuchungsergebnisfe viele angeblich ostulte Leistungen richtiggestellt. Seitdem die berufensten Pioniere der Erforschung solcher Vorgänge, die Aerzte, sich nicht mehr scheuen, sich mit diesen Dingen zu befassen und hierbei auch von allem, was nach geschäftliche« Ausnutzung einer M^eströmung aussieht, auch in der Oefsent- lichkeit abrücken, insbesondere einen deutlichen Trennungsstrich zwischen den Aerzten und den Kurpfuschern auf diesem Gebiete zu ziehen, hat sich auch in den Kreisen der Aniversitätslehrer die Äeberzeugung Bahn gebrochen, daß die exaste Erforschung der parapshchischmi Probleme eine besondere Aufgabe der Wissenschaft sein mutz. ■ „ Mit Recht erklärt Ludwig Deinhardt die scheue Zurückhaltung, die Raturforscher und Aerzte bisher vielfach der Erforschung der dunsten Seiten des Seelenlebens entgegenbrachten damit, daß die Forscher nicht Gefahr laufen mochten, in den Ruf von Spiri- tisten zu kommen, wenn sie sich mit diesen Dingen beschäftigen. Dieser 3uftanb hat sich gerade in den letzten Jahren wesentlich gebeffert Gibt es doch heute bereits eine Anzahl akademischer Lehrstühle, die sich die Erforschung dieser Probleme angelegen fein lassen. Dielen Forschern fehlte häufig die Gelegenheit, mit geeigneten Versuchspersonen die psychophysiologischen Fragen zu ergründen. Auch scheuten sich bis vor kurzem die berufenen For- scher der Universitäten, auf diesem Gebiete sich mit Medien zu befassen, weil, tote Max Dessoir hervorhebt, dem Manne der Wissenschaft das zur Erfüllung seiner Aufgaben nötige Entgegenkommen versagt war, offenbar deshalb, weil die Medien merken, datz die Vertreter der Wissenschaft auf eine wirklich genaue Antersuchung dringen müssen. Außerordentlich erschwert wird zum Teil die Erforschung okkulter Vorgänge dadurch daß einige ältere Antersncher auf diesem Gebiete von einem anscheinend nicht zu überwindenden Vorurteil beherrscht, allen Antersuchungen von vornherein ablehnend gegenüberstehen. Solch ein Geist, der stets verneint und auch auf rein fachliche Diskussionen sich nicht einlätzt, erschwert ein gemeinsames Forschen auf diesem Gebiete ganz erheblich oder macht es geradezu durch feine „radikale Regierung" unmöglich, ihn zu feiner Mitarbeit aufzufvrdern. Vor vierzig Jahren gab es in Deutschland nur eine Zett- sch-tft, die sich mit diesen Dingen beschäftigte, heut» ftnb es mehr — 100 — als ein Duhung. Vor allem ist es als ein erheblicher Fortschritt in dieser Richtung aufzufassen, daß nunmehr anerkannt gute medizinische Zeitschriften der Erforschung dieses noch unbekanntes Seelenbereichs würdige und ernste Stätten schaffen. Die von dem dänischen Forscher Dr. A. Lehmannn im Jahre 1910 ausgesprochene Befürchtung, dah der neuzeitliche Hang zum älebersinnlichen zu einer neuen Art von Geistesstörung — der Paranoia mhstica — führen werde, kann heute als überwundener Standpunkt angesehen werden. Dah wissenschaftlich betriebener Okkultismus für die geistige Gesundheit derer nicht ganz unbedenklich ist, die sich ihm ganz ausschließlich hingeben, liegt wohl auf der Hand. Geradezu bedenklich und gefährlich ist aber der Spiritismus anzusprechen. Die Gefahr ist umso gröher, wenn die Veranstalter derartiger öffentlicher Vorführungen Leiter stnd, die. ohne die häufig nicht unbedenklichen Folgen auf das Nervensystem zu kennen, mit den Vorführungen von Medien lediglich Geschäfte machen. Wenn daher in der letzten Zeit in zunehmendem Matze Aerzte und Naturforscher sich nicht mehr scheuen, öffentlich über diese Dinge zu Laien zu sprechen und die vielfach auf grobe« Täuschung und Tricks beruhenden Experimente gewerbsmähiger .Okkultisten" und „Spiritisten" klarzustellen und somit über die Erforschung übersinnlicher Vorgänge aufklärend und dadurch zugleich beruhigend zu wirken, so ist das zweifellos ein erfreulicher Fortschritt. Wird der vielen Menschen innewohnende Hang zum Äcker-sinnlichen von berufener Seite, zu denen in erster Linie immer wieder die Aerzte zu rechnen sind, in vernünftige Bahnen gelenkt und hält sich das Publikum den Darbietungen unberufener Laien auf diesem Gebiete fern, so ist die Befürchtung einer Paranoia mhstica völlig unbegründet. Gründliches Erforschen übersinnlicher Vorgänge seht als ein besonderer Zweig der psychischen Wissenschaft eine Summe natur» wissenschaftllcher und vor allen Dingen medizinischer Kenntnisse unbedingt voraus. Wenn nur Aerzte in erster Linie übersinnliche Vorgänge untersuchten, so würden nicht mystische Vorstellungen hierüber verbreitet. Zugleich würde damit auch auf dem Gebiete der geistigen Gesundheitspflege eine dankenswerte Aufgabe gelöst. Gerade ein Rückblick auf die beiden letzten Jahre zeigt, datz die Arbeiten der erwähnten deutschen Gesellschaften, insbesondere die der ärztlichen Gesellschaft für parapshchische Forschung in Wort und Schrift aufklärend und dadurch segensreich gewirkt hat, so datz zu hoffen ist, dah es auch auf diesem W(rge gelingt, mitzu!- arbeiten an der geistigen Wiedergenesung unseres Volkes. — Aus ernster geil. Heimatbilder aus den Kriegsjahren 1618—1648, Von Lehrer A. Bach- Flensungen*). 1. Feindliche Brüder. Als der 30jährige Krieg 1618 seinen Anfang nahm, gehörte unsere Gegend bereits zu Hessen-Darmstadt. 156Z hatte Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen, einer der mächtigsten deutschen Fürsten, sein Gebiet unter feine vier Söhne geteilt. Sein zweiter Sohn, Ludwig IV., erhielt Hessen-Marburg, zu dem auch unsere Provinz Oberheffen gehörte. Er war es auch der 1583 bis 1584 das Schloß zu Merlau erbaute, eines der schönsten Schlösfer unferes Vaterlandes. Zwei Fallbrücken führten über einen gefütterten Wassergraben. Eine Wasserleitung. ging von einer gemauerten Quelle am Burgwald nach einem Springbrunnen im Schlohhof, Lessen steinerner Kompf 80 Ohm Wasser faßte. Die alten Leute erzählen fich noch jetzt, das Schlotz habe soviel Fenster gehabt, als das Jahr Tage zähle. Als der Landgraf Ludwig von Hessen-Marburg kinderlos starb, wurde sein Gebiet unter zwei noch bestehenden hessischen Linien Kassel und Darmstadt geteilt. Die nördliche Hälfte mit Marburg kam an Hessen-Kassel, die südliche dagegen mit unserer Gegend fiel an Hessen-Darmstadt. — Innerhalb dieses Gebietes lagen aber wieder kleinere Ländchen, deren Herrscher nur dem Kaiser zu gehorchen hatten. Ich nenne nur die in unserer Gegend gelegenen Grafschaften Solms- Laubach, Solms-LiH, Solms-Hungen. Die Stadt Grünberg gehörte dagegen damals schon zu Hessen-Darmstadt. — Die sogenannte Marburger Erbschaft rief einen langen Streit zwischen den beiden Druderhäusern Kassel und Darmstadt hervor, der während des ganzen 30jährigen Krieges anhielt. Daher kam es wohl auch, datz die Landgrafen von Hessen-Darmstadt, obwohl sie protestantische Fürsten waren, dem Kaiser während des ganzen Krieges die Treue hielten, während der Landgraf Moritz von Hessen- Kassel sich der Union anschloß und sein Nachfolger Wilhelm V. sich nach dem Erscheinen Gustav Adolfs diesem in die Arme warf. So geschah es, datz die Hessen-Kasseler mit den Schweden ver*) Der furchtbare Weltkrieg, der seine Schatten wohl noch Jahrzehnte auf unser Land und Volk werfen wird, lätzt uns einen Rückblick tun auf die schwere Kriegszeit, die vor 300 Jahren unser Vaterland, das vorher einem Garten Eden glich, durch. Schwert, Hunger und Pestilenz in eine Wüste verwandelte. Auf Grund alter Chroniken, alter Geschichtswerke und Berichte von Zeitgenossen wird in folgendem versucht, ein getreues Bild von der großen Not zu geben, die im besonderen unser Oberhessen während des Krieges zu erleiden hatte. bunden die Darmstädter Lande, also auch unsere Gegend, asg wiederum die Hessen-Darmstädter mit den kaiserlichen Kriegs» Völkern im Bund« die Kasseler Lande bedrängten. Die Folg« davon war, datz gerade unsere Gegend unter den Schrecken beS Krieges besonders zu leiden hatte. So rückte 80—90 mal räiw barisches Kriegsvolk innerhalb eines Zeitraums von 25 JahrrK in die Grafschaft Laubach ein oder schreckte die Bewohner de«? selben durch Einmarsch in benachbartes Gebiet. 2. Geldentwertung, Wucherer und Schieber. In denselben Jahren, in denen Böhmen und das südwestlich» Deutschland durch den böhmisch-pfälzischen Krieg (1618—1623) verheert wurden, trat in unserer Gegend wie im übrigen Baterlantz ein anderes Äckel auf. Es war das Unwesen der Kipper und Wipper, d. h. der Münzverschlechterer und Münzwucherer. Di« damalige politische Gestalt Deutschlands leistete dem Uebel außerordentlich Vorschub. Zur Zeit des 30jährigen Krieges bestand nämlich unser Vaterland aus ca. 300 größern Gebieten, welch« feit 1512 in 10 größere Kreise geteilt waren, welche ein sehr buntes Aussehen hatten. So umfaßte z. D. der schwäbische Kreis eine große Anzahl Graftchasten und Herrschaften, etwa 20 Abteien, 33 Reichsstädte und 2 reichsfreie Dorfschasten. Ein ähnliches, wen» auch nicht ganz so buntes Aussehen hatte dex oberrheinische Kreis zu dem unsere Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gehörte. ®ie meisten dieser unzählig vielen geistlichen und weltlichen Herren prägten damals eigenes Geld: Taler, Gulden, Groschen, Batzen, Kreuzer, Schillinge, Albus, Rappen, Dreier, Heller, Pfennige usw. Sie sollten freilich ihre Landesmünzen in einer der approbierten Münzstätten ihres Kreises schlagen lassen und zwar nach dem Gold- und Silbergehalt, wie ihn die Münzordnungen verschiedener Reichstage festgesetzt hatten. Aber nicht alle Stände kamen diesem Gebote nach. Viele der lletnen Herren prägten in ihrem eigenen) Land oder verpachteten oder verkauften gar ihr Münzrecht art Spekulanten. In solchen münzordnungswidrigen Münzstätten, welche man „Heckenmünzen" nannte, wurde schon seit langer Zeit schlechtes und geringwertiges Geld geprägt. Besonders wurde in dieser Beziehung über den oberrheinischen Kreis Klage geführt. So wurden schon 1612 in den Kreisen Bayern, Schtvaben und Franken die Goldgulden des Herzogs von Lothringen und die Sechs-Bähner des Grafen von Hanau verboten. Was nun in den Heckenmünzen im kleinen und zum Teil im verborgenen getrieben wurde, begannen fast gleichzeitig mit dem Beginn des 30jährigen Krieges, als alle Welt Geld brauchte, Fürsten und Herren im großen und weit schamloser zu treiben, indem sie ihre Landesmünzen statt aus Silber aus einer schlechten Mischung von Kupfer und Silber anfertigen ließen. Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig war einer der ersten von denen, welche solch schlechtes Geld schlugen. Bald machten es die anderen nach, und damit beginnt das eigentliche Unwesen der Kipper und Wipper. Ueberall wurden neue Münzstätten errichtet, und Fürsten, Grasen, Bischöfe. Aebte und Städte wetteiferten miteinander, aus die neue und billige Art Geld herzustellen. Bald bestanden di« Taler und diejenigen Münzen, welche Silbermünzen sein sollten, aus nichts als versilbertem Kupfer. Der Schwindel ergriff zuletzt fast das ganze Volk. Gustav Frehtag sagt in seinen Bildern au8 deutscher Vergangenheit (III. S. 161 ff): „Die Nation, ohnedies aufgeregt, geriet zuletzt in einen wilden Taumel. Ueberall schien Gelegenheit, ohne Arbeit reich zu werden. Alle Welt legte sich auf Geldhandel. Der Kaufmann machte Geldgeschäfte mit dem Handwerker, der Handwerker mit dem Bauer. Wer Schulden hatte, eilte, sie zu bezahlen. Wenn der gefällige Münzer einen al teil Braukessel in Geld Umschlag, der konnte dafür Haus und Acker kaufen ..." Das gesuchte alte Geld stieg natürlich fortwährend im Wert. Anfangs 1621 gab man für einen Reichstaler schon 2 neue Taler. Ein Zeitgenosse schreibt: „Eigennützige Leute schätzten di« alten Münzen noch viel höher. Dazu halfen Jaden und Juden- genossen, die gute Sorten teuer auswechselten, in dieMünze schleppten und statt des guten Silbers Kupferlinge unter die Leute brachten." Das Volk wurde zwar gewarnt vor denen, welche „auf den Dörfern herumliefen, den Pfarrern, Müllern, Bauersleuten, Hirten, Schäfern heimlich oder öffentlich ihre Sachen abkauften und mit loser Münze bezahlten" — aber es half nicht viel. Anfangs freute sich das Volk über die glückliche Zeit, in der man ohne Arbeit reich werden konnte. Zwar stiegen mit dem Wert des alten Geldes auch die Preise aller Waren. Aber das störte die Leute vorläufig nicht. Man hatte ja Geld genug. Nur die Gehaltsempfänger waren schlimm daran, weil sie für ihr Geld nicht mehr viel bekommen konnten. Deshalb erhoben auch die Pfarrer zuerst ihre Stimme gega» das schlechte, neue Geld, führten den Ursprung der Kipperei auf den Teufel zurück und donnerten von den Kanzeln dagegen. Pfarrer Hirsch-Wetterfeld, ein Zeitgenosse des Krieges, schreibt, er habe seinen ganzen Jahresgehalt von 100 Talern für cinan neuen Mantel hingeben müssen. Die Folge dieser Geldentwertung war eine große Teuerung. Jeder behielt lieber sein Getreide, als es für Scheingeld hinzugeben. Deshalb könnt« weder Brot gebacken, noch Bier gebraut werden. Es entstanden Tumulte und Ausschreitungen. Die Wut des Volkes richtete sich gegen die Kipper und Wipper. Ihre Häuser wurden gestürmt und ausgeplündert. (Fortsetzung folgt) Schristleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Äniv.-Buch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gieben.