Gietzener jamilienblütter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (92< Samstag, Sen 13. Dezember Nummer 61 Wmtsrcrbsnd. Von Anastasius Grün. Eisblumen, starr, kristallen an den Scheiben, wie ein Gehege gen der Sturmnacht Tosen, sie flüstern mir, indes sie Flimmer stäuben: Wir find die Deister dust'ger Frühlingsblüten! Schneeflocken, wirbelnd hin mit weißem Glanze! Es pochen leis' ans Fenster die versprühten! mir lispelnd flüchtig im Vorübertanze: wir sind die Geister duft'ger Frühlingsblüten! Gefühle steigen auf in meiner Seele wie beim Berklingen ferner Sterbeglocken, die banger Wehmut Seufzer meiner Kehle und reiche Tränen meinem Äug' entlocken: sie aber singen sanft mir ins Gemüte: Wir sind die sel'gen Geister deiner Lieben, mit denen du durchwallt des Frühlings Blüte, Auf deren Grab nun diese Flocken stieben! Advent und Freude. Von Reinhold Braun. Adventszeit ist die beste Lehrmeisterin der Freude. Wir müssen nur den guten Willen zeigen, uns belehren zu lassen. 3ede Adventszeit unseres Lebens muß ein Stück Entwicklung unseres inneren Menschen in sich bergen. 3e älter wir werden, je mehr müssen wir dahin kommen, daß Weihnachten nicht nur ein Fest der schönen Stimmungen ist, sondern das Fest, das ein lichtervolles, tannenumgrüntes Tor ist zur Freude und Schönheit des wesentlichen Menschen. Denn zur Weihnachtszeit ist der Begründ des wesentlichen Menschen, das Kind, uns wundersam und göttlich umgnadet aufgetan. Von diesem Standpunkte erfaßt, gewinnt Weihnachten erst für uns die rechte Höhe. Freilich ist solch ein Weihnachtserlebnis ein Werk tief innen in der Seele, ein gar ernstes Werk, aber ein wunderbar beglückendes. And es geschieht so ohne Lehrhaftigkeit, unter dem Lichte und der feinen, stillen Art der echten Freude. Es ist ein Blühen des Geheimsten und Schönsten in uns. Wir müssen nur die wahrhaft Aufgeschlossenen sein, die Einkehrsfrohen und -frommen, die zur Wesentlichkeit Inbrünstigen! And die Adventszeit ist zu alledem eine liebe, wunderfeine Helferin. Sie zeigt uns das rechte Schritt-für-Schritt. Der Weg ins Wunder ist ein Weg empor mit vielen Stufen. Aber dem willigen und ergriffenen Herzen schenkt jede Stufe ein neues Erlebnis, das eine Gnade sein kann. 3a, Adventszeit ist stille Wanderzeit an der Hand der Freude. Dur die Augen des Kindes haben, nur sich nicht dessen schämen, daß das Herz nach Goethe „der mannigfaltigste, beweglichste, erschütterlichste Teil der Schöpfung" ist! Dein, man muß richtig darauf stolz sein, solch ein Herz in der Brust zu tragen! Man muh recht fähig zu diesem seinem Herzen werden! Man muß sich zu ihm sammeln mit aller Klarheit und Wesensinnigkeit! Dann lernt man auch das rechte Herzensfreuen, das so gairz von innen kommt, daß sich die Augen von der Seele her ganz mit Licht füllen, daß der ganze Mensch wie eine Blüte ist, voll Geheimnis und Schönheit, voll Anmut und Ergriffenheit. 3a, das Herzensfreuen ist die Sichtbarkeit unserer Wesentlichkeit, denn es ist das Freuen der Höhe, des Gott- Erfülltseins, der selig tiefen Stille, der tausend Wunder in uns, die wir nun erst entdecken! 3a, Adventszeit kann Ent- deckerzeit sein bei dir selbst und deinen Lieben! Das Herzensfreuen ist voll ewigen Zaubers! Man lernt es nicht gleich, nicht auf einmal! Mancher braucht recht lauge dazu. und oft muß ein Amweg gegangen werden! Aber wenn man es kann, weih man erst, was man gewonnen hat und weiß um die Schönheit und die Gnade der königlichen Dinge. Erst das Herzensfreuen schenkt uns den Reichtum des Menschseins. Es ist eine Quelle unversieglicher Kraft, des Mutes, des Bezwingertums, der Treue und, was das Höchste bleibt, der großen, tiefen Liebe. Zu der Kunst des Herzensfteuens, als der Rotwendig- keit zum wesentlichen Menschen, will rms die Adventszeit bereiten und leiten! O, daß auch diese Adventszeit uns wieder ein Stück vorwärts brächte in der Kunst des Herzensfreuens k Wir haben es so bitter notwendig! Wir alle, alle! Der Weihnachtsabend. Don Adalbert Stifter. (Fortsetzung.) Das Mädchen schaute mit den willigen Aeuglein in das ringsum herrschende Grau und folgte ihm gerne, nur daß es mit der! kleinen eilenden Fühlein nicht so Nachkommen fcitnte, wie er vorwärts strebte, gleich einem, der eS zur Entscheidung Bringen wollte. Sie gingen nun mit der Anablässigkeit und Kraft, die Kinder und Tiere haben, weil sie nicht wissen, wieviel ihnen beschiedsn ist, und wann ihr Vorrat erschöpft ist. Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie über den Berg hinabkämen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwärts gebogen, allein sie kamen wieder in Richtungen, die bergan führten. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie aus- weichen muhten, und ein Graben, in dem sie fortgingen, führte sie in einer Krümmung herum. Sie erklommen Höhen, die sich unter ihren Füßen steiler gestalteten, als sie dachten, und was sie für abwärts hielten, war wieder eben, oder es war eine Höhlung, oder eS ging wieder gedehnt fort. „Wo sind' wir denn, Konrad?" fragte das Mädchen, „Ich weih es nicht," antwortete er. „Wenn ich nur mit diesen meinen Augen etwas zu erblicken imstande wäre," fuhr er fort, „daß ich mich daimch richten könnte " Aber es war ringsum sie nichts als das blendende Weih, überall das Weih, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann in einen lichten, streifenweise nieder- fallenden Rebel überging, der jedes Weitere verzehrte und verhüllte und zuletzt nichts anderes war als der unersättlich fallende Schnee. „Warte, Sanna," sagte der Knabe, „wir wollen ein wenig stehenoleiben und horchen, ob wir nicht etwas hören können, was sich ini, Tale meldet, sei es nun ein Hund oder eine Glocke oder bie Mühle, oder sei es ein Ruf, der sich hören läßt, hören müssen wir etwas, und dann werden wir wissen, wohin wir zu gehen haben." Sie blieben nun stehen, aber sie hörten nichts. Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut, auch nicht 6er leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja, in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel. Die Voraussage der Großmutter hatte sich noch immer nicht erfüllt, der Wind war nicht gekommen,' ja. was in diesen Gegenden selten ist, nicht das leiseste Lüftchen rührte sich an dem ganzen Himmel. Rachdem sie lange gewartet hatten, gingen sie wieder fort. „Es tut auch nichts, Sanna." sagte der Knabe, „sei nur nicht verzagt, folge mir, ich werde dich doch noch hinüberführen. Wenn nur das Schneien aufhörte!" Sie war nicht verzagt, sondern hob die Füßchen, so gut eS gehen wollte, und folgte ihm. Er führte sie in dem weißen, lichten, regsamen, undurchsichtigen Raume fort. Rach einer Weile sahen sie Felsen. Sie hoben sich dunkel und undeutlich aus dem weißen und undurchsichtigen Ächte empor. Da die Kinder sich näherten, fließen sie fast daran. Sie stiegen wie eine Mauer hinauf und waren ganz gerade, so daß kaum ein Schnee an ihrer Seite haften konnte. „Sanna, Sanna," sagte er, „6a sind die Felsen, gehen wir nur weiter, gehen wir weiter." Sie gingen weiter, sie mußten zwischen die Felsen hinein und unter ihnen fort 242 — 5>te Felsen liehen nicht rechts und nicht links ausweichen und rohrten sie in einem engen Wege dahin. Nach einer Zeit verloren sie dieselben wieder und konnten sie nicht mehr erblicken. So wie sie unversehens unter sie gekommen waren, kamen sw wieder unversehens von ihnen. Es war wieder nichts um sie als das Weih, und ringsum war kein unterbrechendes Dunkel zu schauen. Es schien eine große Lichtfülle zu sein, und doch konnte man nicht drei Schritte vor sich sehen; alles war, wenn man so sagen darf, in eine einzige, weihe Finsternis gehüllt, und weil kein Schatten war so war kein Urteil über die Gröhe der Dinge, und die Kinder konnten nicht wissen, ob sie aufwärts oder abwärts gehen wurden bis eine Steilheit ihren Fuh faßte und ihn aufwärts zu gehen zwang. Mir tun die Augen weh," sagte Sanna. "Schau nicht auf den Schnee," antwortete der Knabe „sondem in die Wolken. Mir tun sie schon lange weh; aber es tut nichts ich muh dock aus den Schnee schauen, weil rch auf den Weg zu achten habe. Fürchte dich nur nicht, ich führe dich doch hinunter ins Gschaid." S^e abigen' wieder fort; aber wie sie auch gehen mochten, wie sie sich auch wenden mochten, es wollte kein Anfang zum chrnab- wärtsgehen kommen. Aii beiden Seiten waren steile Dachlehnen nach ailfwärts. mitten gingen sie fort, aber auch immer aufwärts. Wenn sie den Dachlehnen entrannen und sie nach abwärts beua en, wurde es gleich so steil, daß sie wieder umkehren muhten die Futz- lein stießen oft auf Unebenheiten, und sie muhten häufig Büheln austmnchen.^kten ihr Fuh, wo er tiefer durch den jungen Schnee einsank, nicht erdigen Boden unter sich empfand, sondern etwas anderes, das Wie alter gefrorener Schnee war; aber sie gingen immer fort, und sie liefen mit Hast und Ausdauer. Wenn sie 'stehenblieben, war alles still, unermeßlich still; wenn sie gingen. hörten sie das Rascheln ihrer Fuße, sonst nichts, denn die Hüllen des Himmels sanken ohne Laut hernieder und so reich, daß man den Schnee hätte wachsen sehen können. Siefelber waren so bedeckt, dah sie sich von dem allgemeinen Weih Nicht hervorhoben Eine Wohltat war es, dah der Schnee so trocken war wie Sand, so dah er von ihren Fühen und den Dundschuhlein und Strümpsen daran leicht abglitt und abrieselte, ohne Ballen und Nässe zu machen. Endlich gelangten sie wieder zu Gegenständen. „ Es waren riesenhaft große, sehr durcheinanderliegende Drummer die mit Schnee bedeckt waren, der überall in die Älu.te hmein- Eselte und an die sie sich ebenfalls fast anstiehen, ehe sie sie sahen. Sie gingen ganz hinzu, die Dinge anzublicken. Es war Eis — lauter Eis. Es Innen Vlatten da, die mit Schnee bedeckt warem an deren beiden Seitenwänden aber das glatte, grünliche Eis sichtbar war, es lagen Dügel da, die wie zusammengefchobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber matt nach einwärts flimmerte und glanzte, als wären Balken und Stangen von Edelsteinen durcheinander geworfen worden, es lagen ferner gerundete Kugeln da, die gang mit Schnee umhüllt waren, es standen Platten und widre Körper auch schief und gerade aufwärts, so hoch wie der Kirchturm in Gschaid oder wie Häuser. Sn einigen waren Hohlen emgefreffen, durch die man mit einem Arme durchfahren konnte, nut einem Körper, mit einem ganzen großen Wagen voll Heu. Alle diese Stücke waren zusammen oder emporgedrangt und starrten, so oan sie oft Dächer bildeten oder äleberhänge, über deren Ränder JKt> 6er Schnee herüberlegte und herabgriff wie lange weihe Tatzen. Selbst ein großer, schreckhaft schwarzer Siem, tote etn Haus, lag unter dem Eise und war emvorgestellt, dah er auf der Spitze stand, dah kein Schnee an seinen Seiten liegen bleiben konnte. And nicht dieser Stein allein, noch mehrere und größere staken in dem Eise, die man erst später sah, und die wie eine Trümmermauer an ihm ^"^.Da"'muh recht viel Wasser gewesen fein, weil so viel Eis ist," sagte Sanna. , , . „ . Nein, das ist von keinem Wasser," antwortete der Bruder, „das" ist das Eis des Berges, das immer oben ist, weil es so eingerichtet ist." „Sa. Konrad." sagte Sanna. 2 Wir sind jetzt bis zum Eise gekommen," sagte der Knabe, „rott sind auf dem Berge, Sanna, weiht du, den man von unferm Garten aus im Sonnenscheine so weih sieht. Merke gut auf, was ich dtr sagen werde. Erinnerst du dich noch, wie wir oft nachmittags in dem Garten faßen, wie es recht schon war, wie die Bienen um uns summten, die Linden dufteten und die Sonne von dem Htrnmel schien?" „Sa, Konrad, ich erinnere mich." . „Da sahen wir auch den Berg. Wir sahen, tote er so blau war, so blau, wie das sanfte Firmament, wir sahen den Schnee, der oben ist, wenn auch bei uns Sommer war, eine Hitze herrschte und die Getreide reif wurden." „Sa, Konrad." , „ , . „Unö unten, wo der Schnee aushört, da sieht man allerlei Farben, wenn man genau schaut: grün, blau, weißlich — das ist das Gis, das unten nur so klein ausschaut, weil man seht weit entfernt ist und das, wie der Baker sagte, nicht weggeht bis an das Ende der Welk. Und da habe ich oft gesehen, dah unterhalb des Eises die blaue Farbe noch fortgeht; das werden Steine sein, dachte ich, oder es wird Erde und Weidegrund sein, und dann sangen die Wälder an, die gehen herab und immer weiter herab, man sieht auch allerlei Felsen in ihnen, dann folgen die Wiesen, die schon grün sind, und bann die grünen Laubwälder, und dann kommen unsere Wiesen und Felder, die in dem Tale von Gschaid sind. Siehst du nun, Sanna, weil wir jetzt bei dem Eise sind, so werden wir über die blaue Farbe hinabgehen, bann burch die Wälder, in denen die Felsen sind, bann über die Wiesen, und bann purch die grünen Laubwälder, und dann werden wir in dem Tale von Gschaid sein und recht leicht unser Dorf finden." „Sa, Konrad," sagte das Mädchen. Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugänglich war. Sie waren winzigkleine wandelnde Punkte in diesen ungeheuren Stücken. Wie sie so unter die Aeberhange hineinsahen, gleichsam als gäbe ihnen ein Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie in einen Graben, in einen breiten, tiefgefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervorging. Er sah aus wie das Bett eines Stromes, der aber jetzt ausgetrocknet und überall mit frischem Schnee bedeckt war. Wo er aus dem Eise hervorkam..ging er gerade unter einem Kellergewölbe heraus, das recht schön aus Eis über ihn gespannt war. Die Kinder gingen in dem Graben fort, und gingen in das Gewölbe hinein, und immer tiefer Hinern. Es war ganz trocken, und unter ihren Füßen hatten sie glattes Eis. Sn der ganzen Höhlung aber war es blau, so blau, wie gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel schöner blau als das Firmament, gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas, durch welches lichter Schein hineinsinkt. Es waren dickere und dünnere Bogen, es hingen Zacken, Spitzen und Troddeln herab, der Gang wäre noch tiefer zurückaegangen, sie wußten nicht tote tief, aber sie gingen nicht mehr weiter. Es wäre auch sehr gut in der Höhle gewesen, es war warm, es fiel fein Schnee, aber es war so schreckhaft blau; die Kinder fürchteten sich und gingen wieder hinaus. Sie gingen eine Weile in dem Graben fort und kletterten bann über seinen Rand hinaus. „ t _ Sie gingen an dem Eise hin, sofern es möglich war, durch das Getrümmer und zwischen den Platten durchzubringen. „Wir werden jetzt da noch hinübergehen und bann von dem Eise abwärts laufen," sagte Konrad. • „Sa,“ sagte Sanna und klammerte sich an ihn an. Sie schlugen von dem Eise eine Richtung durch den Schnee abwärts ein,' die sie in das Tal führen sollte. Aber sie kamen meßt weit hinab. Ein neuer Strom von Eis, gleichsam ein Riesenhaft aufgetürmter und aufgewölbter Wall lag quer durch den weichen Schnee und griff gleichsam mit Armen rechts und links um sie herum. Unter der weißen Decke, die ihn verhüllte, glimmerte es seitwärts grünlich und bläulich und dunkel und schwarz und selbst gelblich und rötlich heraus. Sie konnten es nun auf weitere Strecken sehen, weil das ungeheure und unermüdliche Schneien sich gemildert hatte und nur mehr tote an gewöhnlichen Schneetagen vom Himmel fiel. Mit dem Starkmute der Unwissenheit feierten sie in das Eis hinein, um den vorgeschobenen Strom desselben zu überschreiten und dann jenseits weiter hinabzukommen. Sie schoben sich in die Zwischenräume hinein, sie setzten den Fuß auf jedes Körperstück, das mit einer weißen Schneehaube versehen war, war es Fels oder Eis, sie nahmen die Hände zu Hilfe, krochen, wo sie nicht gehen konnten, und arbeiteten sich mit ihren leichte« Körpern hinauf, bis sie die Stelle des Waldes überwunden hatten und oben waren. (Fortsetzung folgt.) Hans Thoma. Don Dr. Neundörfer. Hans Thoma ist tot. Wenige Wochen, nachdem er fein 85. Lebensjahr vollendet hatte, ist er gestorben. Er war der anerkannte Altmeister deutscher Kunst, an seinem Lebensabend mit Ehrungen überhäuft: Ehrendoktor Meter Fakultäten. Exzellenz, Ritter hoher Orden, sogar des Pour le m-'-rite, Mitglied der Ersten Badischen Ständekammer tm alten Reich. Man kann auch ruhig sagen, er war der bekannteste Maler des heutigen Deutschland. Seine Bilder, wie der „Kinderreigen", der „Geiger im Mondschein, der „Religionsunterricht" sind in Abertausenden von Reproduktionen verbreitet, drangen bis ins Nrbeiterhaus und Krankenanstalten, Kalender und Dolksbücher sind mit Werken seiner Hand geschmückt und als die Universität Heidelberg 1916 ihren im Feld stehenden Dozenten und Studenten einen Weihnachtsgruh übermitteln wollte, wählte sie dazu Bilder von Hans Thoma. Es erscheint uns heute kaum glaublich, dah Thoma sich zu dieser Beachtung in der weitesten Oeffent- lichkeit durchringen muhte, dah seine Frühwerke von der Kritik mit Lärmen und Zischen abgetan wurden, dah das sonntägliche Publikum der Kunstvereine sich entrüstete, ja, dah lange Sabre seine Bilder von Ausstellungen einfach zuruck- gewiesen wurden. Dabei hat nicht Thoma sich geändert. 243 eßern das Publikum. Thomas Lebensweg und künstlerische twicklung ist geradlinig verlaufen gemäß einem alten Bauernspruch, den er selber im „Winter des Lebens" (1919 aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen) anführt: 5 Jahr ein Kind, 10 Jahr ein Knabe, 20 Jahr ein Jüngling, 30 Jahr ein Mann, 40 Jahr Wohlgetan, 50 Jahr Stillstand, 60 Jahr gehts Alter an, 70 Jahr ein Greis. 80 Jahr nicht mehr weis, 90 Jahr Kinderspott, 100 Jahr Gnad von Gott. Die 90 sind ihm erspart geblieben, er war rüstig und geachtet bis zum Ende, und durfte es erleben, daß seine früher unverstandene Kunst weitesten Kreisen zum frohen Erlebnis wurde. Da sind es Bilder wie der „Kinderreigen": Eine weite Wiese voll lachendem Grün und fröhlich bunten Blumen ganz in der Ferne zieht sanft ein Gebirgszug und ein strahlend blauer Himmel über den Kindern, die einen Reigen gehen. Sie haben sich bei der Hand gefaßt und schreiten im Kreise herum. Eben ist das älteste Dirnlein vorne und wendet den Kopf um, zu schauen, was der da will, der ihnen zu- fteht. Ein Bauernmägdlein mit nackten Füßen, die langen Haare einfach gescheitelt und in zwei Zövfen herunterhangend, ganz klare Augen, und ein frisches/ kluges Gesicht, wie es nur in der herben Luft des Gebirges werden kann. Das Putzige Kleine mit dem langen Rock tritt vorsichtig den L.akt, das Mäulchen ein wenig offen, pausbäckig, und hebt ganz graziös den Arm. Selbst der Bub, — der einzige Bub unter den sieben Mägdlein — tut eifrig mit Er und sein Rebenmann, der Sausewind, mit dem fliegenden, kurzen Blondhaar führen die Stimme beim Lied. Dann sind noch zwei Stadtkinder dabei, ein wenig bleich und in ihren mo- dlschen Kleidern, aber doch so ganz dazu gehörig, zum Kreis und zur Wiese und zum Sonnenschein. „ Dter da sitzt die Großmutter im Garten. Die große Hausbibel auf dem Schoß und unterrichtet ihr Büblein, das vor ihr auf dem Schemel hockt. Die Hände hat es brav in den Schoß gelegt und das muntere Bubenköpflein ist ganz ernst und gesammelt, die Großmutter schaut aber auch drein, als ob nicht mit ihr bei dieser Sache zu spaßen, wäre. Der energische Kopf mit den vielen Runzeln, dem schmalen, wenig offenen Mund, die feste Hand, die auf die Stelle im Buch weist. And doch wieder der leise Humor wie die verbogene Brille ein wenig schief auf der Rase i fifet- Hinter dem Gartenzaun aber sieht man ins weite Tal, I auf langsam ansteigende Höhen und weit in den Himmel hinein. , Als es dämmerte und dann dunkel wurde, holte der Jüngling seine Geige, rückte sich einen Stuhl in den Garten an den -Zaun und begann zu spielen. Anterdeß kam der Mon') über dem Wald hervor und sein flutendes Licht um- | spielt den Geiger, den Baum, die Pfähle des Zaunes. Alles atmet unendliche Ruhe, der Hof im Hintergrund, die Blumen ! des Gartens. Im Jüngling erwacht weiche Sehnsucht. Sein Blick schweift unbestimmt ins Weite, um den Mund spielt leise ein schmerzlicher Zug und alles, was er fühlt, verttaut er seiner Geige. Sie klagt in die Nacht hinaus in süßen Tönen. Man kann vor Thomas Bildern so schön fabulieren kann erzählen. And eben das ist es, was Thoma die Herzen so vieler Menschen gewonnen hat. Er erzählt. Man hat ja gerade uns Deutsche verschrien, daß wir allezeit etwas lesen wollten und nicht sehen könnten. Da ist auch schon etwas Richtiges daran. Thomas Bilder sind lesbar, verständlich und Thoma trifft mit solchen Bildern eine weiche Stelle der deutschen Seele. Es ist das leise klingende Träumen, das den krausen Alltag vergessen macht. Wir fühlen eine Weile nicht, daß wir unter Zehntausenden in einem Häusermeer wohnen, daß das Gehaste der Zeit, die Last der Arbeit fast uns erdrückt. Die ländliche Stille des Schwarzwaldtales, das Sehnsuchtsvolle eines Mondaufgangs umfängt uns, ganz greifbar steht es da in natürlichen Farben, in klaren deutlichen Linien Da kommt uns etwas von der Einfalt des Kindes, Staunen und Zufriedenheit mit der Welt, fern von allem ungestümen Fragen. Weil diese Bilder so einfack» sind, so ohne alle Hintergründe, deshalb konnten sie ins Volk eingehen. ES ist dasselbe, was auch heute so volkstümlich macht. Roch durch ein anderes fesselt Thoma immer wieder den Beschauer: seine Landschaften. Sie sind es vor allem, die chm den Ehrennamen eines „deutschen Malers" brachten. Er hat die Seele des deutschen Mittelgebirges erlauscht und m immer neuen Wendungen geben seine Bilder davon Kunde. Da ist es ter Blick ins weite Tal hinein über Wiesen hinweg an Bäumen und Höfen vorbei, bis ruhige Linien ter umgebenden Dergzüge den Blick begrenzen. Oder ein Sttick Rheinufer, die weite Fläche des Wassers, ein paar Baume und Sträucher, der Schwarzwald, Thomas Heimat, der Oberrhein und der Taunus geben die Motive her, aber man vergißt, daß deutsche Landschaft auch weite Heide- flachen sandige Küsten mit ruhelosem Wellenspiel, stolze Gebirgsketten und tiefkluftende Täler hat. Es istst „Die deutsche Landschaft", die uns Thoma zeigt, voll fröhlich- vuhiger Farben des Hellen Grün, des tiefen Blau, voll sanf.er Linien, klar und schlicht. So, wie es der Wanderer auf einsamen Gängen erlebt, wenn er sommers seine Sttaße zieht, des abends im Dorfwirtshaus einkehrt, behaglich schmauset und von des Tages Müh' sich erholt, um frvh- I Semut wieder in den nächsten Morgen hineinzuziehen. Solch beschauliche Ruhe spricht aus Thomas Landschaften und nimmt selbst den gefangen, der dem Meister sonst nicht geme folgt. „Die schöne deutsche Heimat" in diesen Worten liegt es beschlossen, was Thoma vielen gab, die heute trauernd an seinem Grabe stehen. I „ Was bedeutete Thoma? Darüber kann uns nicht der Betrachter, der in Begeisterung ihm folgt, Antwort stehen, sondern der Wissenschaftler. Der kühle, sachliche Beobachter. Er wird versuchen, da das Werk nun abgeschlossen vor ihm uegst seme Wahrnehmungen zu ordnen. Für ihn ist ja der Künstler kern Erlebnis, zu dem er sich bekennt oder das er ablehnt, sondern ein Phänomen, das er zu durchdringen sticht. Was lebendige Einheit ist, das wird er in seine Wesenheiten und Kräfte zerlegen, wird einzeln heraus son- I viertes gegeneinander wägen und aus den erkannten Teilen i neuent das Bild der Ganzheit des Künstlers, des Werkes gewinnen, aber nun nicht als gefühlsmäßig erlebte Einheit eines Menschen, sondern als erkannte Totalität etngeordnet in das größere Gefüge der Geschichte, d. h der Entwicklung der Menschheit. Hans Thoma war Maler, und er war eigentlich nur Maler. Dem Handwerk mit Palette, Farben und Pinsel zu arbeiten, das er schon beim Ahrenschildmaler in Furtwangen zu lernen anfing, ist er treu geblieben. Sein graphisches Werk ist dagegen begrenzt. Er malte in Oel, meist Bilder mittleren Formats. Ganz wenig hat er sich an Wandmalereien gewagt und dann auch nur gezwungen, weil er den | Auftrag dazu erhielt. Das Feld seiner Darstellungen ist viel weiter, als man temeinhin weih. Er hat zuvörderst eine ganze Reihe von Bildnissen gemalt, meist Menschen feiner näheren Amgebunq, seine Familie und Freunde, dazu eine Folge von Selbst- I bildmssen, die über die ganze Zeit seines Schaffens sich hlnzlehen. Bildnischarakter tragen auch viele seiner Erzäh- I Angen. Mutter und Schwester gaben oft Anregung und die Gefichtszuge für diese Schilderungen. Demi im Kreise der bäuerlichen Familie bewegte sich dies alles. Thoma hat nie -oilder aus der Großstadt, aus dem Leben der Industrie, hat aber auch nie Historienbilder mit Schlachten, Kaiserproklamationen und ähilichem gemalt. Sein Thema war Mutter und Kmd, die Großmutter, die Ruhe nach der Arbeit, ter Morgen und der Abend im Bauernhof. Einfachst natürlichen Vorgängen, wie die Mutter ihr Kind hält, wir der Bauer auf der Bank vorm Hause Feierabend hält, die Großmutter Märchen erzählt, hat er immer wieder neues abgewvnnen Die Märchen sind dem Meister lebendig geworden und er hat sich in ihrer Gestaltung versucht. Waldgeister, Wasser- jungfrauen bevölkern die Landschaften, Genoveva erscheint der Ritter St. Georg hütet das Tal. Ein besonders ihn packendes Mottv sind tanzende Meerweiber. Selbst antike Mythologien gibt es, doch ist die Zahl solcher Werke beschränkt. Wichttger sind schon die Bilder, da seine Phantasie frei Gestalten webt. Sie tragen Anterschriften wie „Die Nacht". (In Wolken ruhend ein schlafendes Weib, dem zur Seite zwei Kindlein schlummern), „Traum" (ein beflügelter nackter Jüngling, Blumen haltend, schwebt über einer Fluß- landschafi), „Atendf k de" (am Te'chrand ein sitzend r Jüng-- lmg mit Stab), „Einsamkeit" (auf einsamer Felsplatte ein kauernd:r, nackter Knabe). Die meist nackte menschliche Gestalt steht hier im Zeichen allegorischen Geschehens. Aus der Bibel ist es vor allem Adam und Eva, das Paradies, was den Künstler zur Gestaltung zwang. In immer neuen Wendungen zeigt er das goldene Zeitalter, da die Menschen unbeschwert von Sorge über die Erde schritten Dann die Flucht nach Aegypten. Marie und das Kind auf dem E>el reitend, den Joseph führt, oder auch unter Bäumen chherw. Christus und Magdalena auch eine Pieta, die jedoch m ihrer künstlerischen Haltung ganz aus dem Rahmen des fonstigen fällt. Schließlich hat er für Karlsruhe jene große — 244 — Folge von Bildern gemalt, die heute im Museum dort hangen: .Weihnacht", „Ruhe auf der Wucht". .-Christus und der Versucher", „Christus lehrend", „Oeiberg , ,,5ueu- -iaunq und Auferstehung". Diese Folge ist indes das ein» rige Mal, wo sich Thoma auch an Szenen wie Kreuzigung! und Auferstehung, d. h. an dramatisch Bewegtes, wagt. Dies ist überhaupt von seiner Kunst festzustellen, daß sie fast nur ruhige, bewegungslose Motive wählt, nie ein heftiges Bewegen und Drängen von Massen. Der an Zahl weitaus überwiegende Teil von Thomas Werken sind Landschaften. Die Motive deuten auf den jeweiligen ' Aufenthalt des Meisters. Der Scywarzwald um Bernau, den Heimatort, dann der Rhein bet Saamgen und Rheinfelden, der Taunus in der Rahe von Frankfurt, Mam- und Riddatal. Es verdient der Erwähnung, daß Thoma niemals im engen Rheintal mit seinen starken Höhen seinen trotzigen Burgen gemalt hat. Ohm lagen die ruhevoll sanften Linien sich weitender Täler, in leisen Kurven verlaufender Beralinien, eine Wiese voll Blumen und ein langsam dahm- strömendes Wasser oder lustig Bächlein näher. Thoma wnnte Italien und kannte die Alpen, und in beiden hat er Bilder geformt. Aber nicht die ragenden Gipfel, die erdrückenden Veranlassen der Alpen sind es, die ihn anziehen, sondern der Blick oben auf einer Paßhöhe auf ringsum liegende Givfel, die wie Inseln im Wolkenmeer schwimmen. And m Italien ist es die Campagna, ist es Tivoli, das die Blatter des Skizzenbuchs füllt, nur wenige von diesen Skizzen sind indes zu vollendeten Gemälden geworden. Dies die Fülle der Motive bei Thoma. Sie sind gestaltet aus dem heraus, was den Meister an Natur und Menschen umgab. Wie sehr dies Umgebende, dies mit den Augen Wahr- nehinbare für Thoma notwendige Voraussetzung seiner Kunst war, zeigen seine Bildnisse. Sie sind klar und gewissenhaft der Natur bis ins einzelne nachgebildet, keine Falte vergessen, ohne aber dabei ins Kleinliche zu geraten. Seine Bilder sind sehr „ähnlich", geben den Augenschein getreu wieder. Noch deutlicher tritt dieses Gestaltprntztp an den Phantasiegestalten hervor. Auch sie sind nach der Natur gezeichnet. Man spürt das Modell, Figuren, wie der Jüngling im „Abendfrieden" oder der aus dem „Traum zeigen des Meisters geringe Vertrautheit mit inneren Strukturgesetzen des Leibes. Er kennt den nackten Körper allem aus dem Aktsaal und so, wie er ihn gesehen hat, geht er in setne Kompositionen über. „Sehen" dabei ganz landläufig genommen, so wie ein Ding aussieht. 3n derselben Weise packt er seine Landschaften an, seine Hand vermag den Eindruck des Gesichtes festzuhalten, man ist manchmal versucht, sich auf» zumachen und diese Landschaft zu suchen, so „natürlich , d. h., so den Augenschein wiedergebend, sind sie getroffen. Selbst bei Kompositionen zeigt sich das Moment des äußeren Eindrucks noch stark. Sie sind zusammengeschwecht aus einer Idee und Eindrücken, Studien an der den Meister umgebenden Welt. Erst im Vergleich mit anderen Kunstwerken können wir erkennen, wie dies gemeint ist. Wenn Caspar David Friedrich eine Landschaft malt, so spüren wir darin etwas, was viel mehr ist als Landschaft, etwas „lieber» landschaftliches", diese großen Bergzüge und diese, Sturzäcker kommen aus einer anderen Welt, sie sind nur Symbole (aber dies im tiefsten Sinne des Wortes: Sinnzeichen). Bei Thoma ist einfach Landschaft natürlich in ganz bestimmter Form erfaßt. Charakteristisch für Thoma ist die eine Linie, die hoch am Bildrand ansetzt in sanfter Kurve sich in der Mitte stark nach unten senkt, um wieder zur selben Höhe am anderen Bildrand emporzusteigen. Man mühte dies mit einer Gebärde verdeutlichen können, meist sind es die Bergkonturen, die diese Kurve bilden. Ein zweites Kennzeichen ist das mach vorne ansteigende Gelände, wir stehen meist auf einem hohen Punkt und schauen hinunter. Könnten wir wieder Friedrich zum Vergleich heranziehen, so würde die diesem — dem Aeberlandschaftler — eigene Linie der große, durch das ganze Bild laufende, wenig nach oben» gekrümmte Bogen, und die von ganz weiten Punkten zur Mitte diagonal strebenden Geraden sein. Ort seinen Figuren- kompositionen sind meist die Gestalten groß und fast den Rahmen füllend in den Vordergrund gesetzt; dahinter, nur gleichsam als Grund, von dem sich die Gestalten besser abheben sollen, dehnt sich die Landschaft. Solchermaßen ist erreicht, daß die Figuren nicht untergehen im ganzen eines Raumes. Man halte ein Rembrandtbild daneben, um zu verstehen, wie raumlos ganz auf Fläche, auf Deutlichkeit diese Kompositionen gesttmmt sind; Thomas Farbe ist hell und warm. Gr bevorzugt ein Helles Grün, tote es junges Laub an sich trägt, tiefes Blau im Himmel, schimmernd« Wolken. Seine Töne sind bestimmt, ausgesprochene Lokalfarben, die in sich oft wunderbar ausgeglichen sind. Kein Rot leuchtet da so stark, daß darob alle anderen Farben ver- verschwinden, kein kühles Blau läßt die übrigen Teile ersterben, sondern alle halten sich das Gleichgewicht, so daß der Eindruck ruhig und warm ist. Wenn oben gesagt wurde, Thoma fei ganz stark ein vom Eindruck bestimmter Künstler, so wird hier klar, daß dies nichts mit irgendwelchem Ompref- sionismus zu tun hat. Alle Auflösung der Einzelfarben in einen Gesamtton des Lichtes, alles Flimmern und Gleißen sonnenüberstrahlter Flächen liegt Thoma ganz fern. Wer aufmerksam folgte, muß schon das Bild von des Meisters Schaffen sich runden fühlen. Die auseinanderliegenden Wesenheiten der Darstellung (das, was Thoma gemalt), der Gestalt (tote er es malte), und der Form (die Handschrift, das eigentlich charakteristische), lassen schon die eine Linie ahnen, die „Thoma" heißt. Indes ist es noch nötig, um dies Ahnen zur Gewißheit werden zu lassen, die Kräfte zu kennen, die Thoma bestimmten. Denn aus der Kreuzung dieser Kräfte, die außerhalb des eigentlich Künstlerischen liegen, und den Wesenheiten des Kunstwerks erkennen wir schließlich den Künstler. Thoma ist ein Schwarzwälder, armer Leute Kind. Das Blut uralten Bauerngeschlechts steckt in ihm. Bernau, seine Heimat, ist arm, die Leute nähren sich von Holzwaren, machen, aber die Zähigkeit solchen Schlags hat Thoma mit auf den Weg bekommen. Sie gehen ihren Weg, kümmern sich wenig um die große Welt, da sie im eigenen Innern reich sind. Die Schulung der Karlsruher Akademie unter Schirmer ging über den jungen Maler dahin. Was er zu Hause schon trieb, ist auch hier sein Liebstes, nach der Natur in der Landschaft zeichnen. Der Akademismus schadet ihm nicht, noch bäumt er sich gegen ihn. Er malt, so wie er es für recht hält, auch als man ihn verspottet, über seine Bilder schimpft und er in Not kommt, da niemand etwas kaufen will. Er sieht Paris, ohne daß ihm tiefe Eindrücke bleiben, er sieht Italien, ohne im tiefsten von ihm geschüttelt zu werden. Düsseldorf ist für ihn eine unmögliche Lust. Schließlich in München findet er Gleichgesinnte, ßeibl und seinen Kreis, Viktor Müller. Mit ihnen geht der schon reife Mann eine Strecke Wegs. Hier zeigen sich dann auch künstlerische Einflüsse, die Art, aus dem Bauernleben einfach schlichte Dinge zu erzählen, hat er mit ßeibl gemein. Doch trennt beide wieder eine Kluft in der Erfassung der Farbwerte, sein eigenstes Gebiet bleibt die Landschaft, hier hat er eine nur ihm eigentümliche Note. Sie war ja auch sein Ausgang, sie sein letzter Schluhpunkt. Wir spüren im Lebenswerk Thomas keine großen Entwicklungen. Natürlich, daß seine Technik immer vollkommener wird, daß seine Hand immer mehr dem künstlerischen Formwillen gehorcht, aber große Einschnitte, umwälzende Aenderungen weist er nicht auf, dieselben Themen, dieselbe Art zu sehen, es gibt keinen „frühen" und einen „späten" Thoma, wie es einen frühen und späten Rembrandt gibt. Sein Weg ist geradlinig. Eigenwillig, ungeachtet aller Hemmungen hat er ihn verfolgt. Ganz sicher in sich selber,^, unbekümmert um alles Treiben um ihn her. Thoma war kein Neuerer, kein Amstürzer, er hatte kein Programm, noch war er ein zutiefst aufgewühlter Mensch, dessen Kräfte die Welt aus den Angeln heben möchte. Er lebte und schuf gerne, er ließ gerne und freundlich andere leben. Thoma war eine milde, gütige Natur. Er wußte sein Dasein mit Genuß zu leben im kleinen engen Kreis seiner Kunst und Familie. Leise steht die Frage auf, ob Thoma einer der Menschen war, die die Geschichte unserer Tage schrieben'? Ob man ihn in hundert Jahren zu den bestimmenden Kräften unserer Zeit rechnen wird? Thoma war den Menschen seiner Tage viel. Er hat ihre Sehnsucht nach Friede und Beschaulichkeit verstanden, er war selber ein friedvoller, beschaulicher Mann. Sein Werk spricht von Schätzen des Gemütes, die unsere dröhnende Zeit fast entschwunden glaubte, sein Werk atmet Ruhe. SckriMeituna: !R. Friede Wich. Lange. — Druck und Verla« der BrNMUchen UnW.VnA- und Steindruckerci. R. Lanae. Diesten,