Eichener MilienblStter UnlerhattungsbeUage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 192$Samstag, den Nummer 29 Fritz Reuter an BismarM. As hei up sin twei Beinen Ap nrinen Hof spaziert, Dünn füll ein jeder meinen: En Franzmann wir dat Dirt. Grad as Le Franzmann bullert Am unfen dütschÄi Rhin, Sv hett hei ’rihnmer kullert, As wir de Welt all sin: Krus plus't hei sick tau Höchte» An trampelt mit de Dein, Mit jeden toull hei fechten, De em mal scheiw anseihn: An Dickdauhn was sin Lewen, Stolz flog fin Rad hei rund, Doch Murrjahn müht fick gewen, An ’t was en ollen Hund. Mu is vvrbi sin Prahlen: Doch 'Franzmann prahlt noch fett: Den'n ward sick einer Halen, Dei Dähn taum Biten hett. Du hast s', un wardst nich liden Den Franzmann sine Rück Gat fünd jitzt ann're Liden An ’t hett en annere Schick. And lat di dat nich beiden, Brock em wat in de Suppt An bliwwt hei unbescheiden, Dann — frett em up! Fritz Reuter. Zu feinem 50. Todestage, 12. Juli. Bon Dr. Friedrich SP r een. Wenn ein Dichter, der die Lesewelt seiner Zeit in das höchste Entzücken versehte, noch ein halbes Jahrhundert nach feinem Tode geliebt und gelesen wird, so darf man ihm wohl ein flängeres, ein dauerndes Fortleben Voraussagen. Dei Reuter kommt hinzu, daß ein «roher Teil feines Publikums die Schwierigkeiten der Sprache zu überwinden hat, die heute wie früher seiner Verbrei- tung in Mittel- und SüdLeutschland entgegenstehen. Aber der Humorist findet leichter den Weg zu den Herzen als der Tragiker, denn lachen möchte jeder, zumal in unseren schweren Zeiten. So wird der Schöpfer des „Onkel Drüsig" weiter der Svrgenvrecher bleiben zu dem Deutsche aus Mord und Süd freudig greifen, um das Geheimnis eines Weitblicks zu ergründen, der den trübsten Tag vergoldet und die Bitterkeit des Lebens nut befreiendem Lachen überwindet. And wer feiner empfindet wird stets die „Hochdeutsche Aebersetzung" beiseite schieben und sich m diese behäbige, gemütvolle, treuherzige Mundart hineinlesen, nut 6er &ie Reutersche Komik verwachsen ist, wie eme Pflanze nut chrem Mutterboden. „ „ . . Zudem ist die niederdeutsche Literatur uns heute vertrauter und in ihrer ganzen Stimmung näher gebracht als den Grohektem, die am „Quickborn" und der „Stromtid" „Platt" lernten. Es tft Line jüngere Dichtung heraufgekommen, die uns in Frih Staven- Hagen einen bedeutenden Dramatiker, in Gvrch Fock einen starken Epiker und daneben eine ganze Wenge vielgelesener plattdeutscher Schriftsteller schenkt. Das Wirken der ersten Generation des großen Dreiaestirn, Klaus Groth, Fritz Reuter und John Drinckmann, hat reiche Frucht getragen. So erscheint uns Reuter historisch als Klassiker" innerhalb der niederdeutsche» Literatur. * Doch ist es überhaupt eine falsche Einstellung, ihn tn die engen Grenzen eines Dialekts einzuspannen Die Sprache ist bei ihm wie bei jedem echten Poeten bodenständiges Gewächs, ganz so wie Zwa die Schätzer Mrbung bei Gotthelf. Richt als plattdeutschen sondern als deutschen Dichter schlechthin müssen wir ihn hMte würdigen, und da steht er ebenbürtig neben den grohen *) Die Verse stellen eine Gelegenheitsdichtung dar, die Reuter 186? für einen ihm befreundeten Gutsbesitzer als Begleitschreiben zu dem Geschenk eines Truthahns an Bismarck verfahte. Epikern, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts auftraten, neben Keller und C. F. Meher, Frehtag und Heyse, Raabe und Storm. Gewiß reicht er an die höchste Vollendung dieser Kunst des „poetischen Realismus" in Keller nicht heran, ebenso wie an ihre tiefste Beseelung in Raabe, aber seine ursprüngliche Begabung war doch so stark, daß ihm einige reife Kunstwerke glückten, die die -epische Sinfonie dieses deutschen „silbernen Zeitalters" um eine wichtige Mote bereichern. Der Ton seiner derben, menschlich warmen, resignierten Komik liegt etwa zwischen dem innerlich zarten, aus dunsten Gründen aufsteigenden Humor Raabes und der weichverschwommenen, leise lächelnden Melancholie Storms, ein echt norddeutscher unvergleichlicher Aaturlaut. Man hat Reuter bei seinen Lebzeiten zu sehr als den gemütlichen Spaßmacher genommen, 6er iu den Tag hinein jubiliert und sich nicht viel um Regeln bekümmert. Dem gegenüber hat schon Gustav Frehtag in seinem schönen Rachruf die Sicherheit der Technik und die Feinheit des Aufbaus in seinen Romanen gerühmt. Gewiß hat sich Reuter, wie jeder wahre Dichter, feine eigentümliche Form geschaffen: man kann ihre allmähliche Entwicklung und Ausbildung verfolgen und beobachten, wie er z. D. das historische Gemälde der „ Franzvsentid" in einen einheitlich geschlossenen Rahmen fügt, während er die ©enre» sze-nen in der „Stromtid" in einem lockeren Rebeneinander und Durcheinander anordnet. Aber die fortreißen6e Kraft seiner Kunst liegt doch viel weniger in seiner Form, als in der Charakteristik und Beobachtung, im Ausdruck seiner Persönlichkeit. Wie so manche Epiker, wie Goethe, Keller, Raabe, Hatte er eine zeichnerische Begabung mitbekommen, die er zuerst ausbilden wollte. Aus den Einzelheiten des Aeußeren schließt er auf die verborgenen Falten der Seele und weiß seine Menschen mit höchster Anschaulichkeit in ihre Amgebung hineinzustellen, in dieses mecklenburgische Land, Lessen breite Felder und saftige Wiesen, sanfte Hügel und braune Heiden, grüne Wälder und blaue Seen er zur Welt weitete And wie er nur in seinem Landsmann den Menschen mit all seinen Menschlichkeiten spürt, so kann er auch nur in seiner Sprache den Herzenstvn wiedergeben. Deshalb ist auch fern .Missingsch", seine Misch- und Mengsprache aus Hoch- und Rieder- deutsch, keine künstliche Erfindung, sondern es ist die Mundart, wie er sie um sich hörte, wie sie noch heute gesprochen wird, und die Sprache, die ihm mit den Figuren eng verbunden war und ihm zugleich mit ihnen in all ihren Schwebungen beim Schaffen vor die Seele trat, wurde das meisterhaft gehandhabte Instrument seines Stils Durch die Stärke seiner Persönlichkeit un6 den Am- fcmg seiner Erlebnisse aber hob er diese spießbürgerlich-idyllische Klemwelt bisweilen in die Sphären 6er hohen, allgemein gültigen Kunst empor. _ .. Wie jeöer echter Humor führt auch der Reuters die Trane im Wappen: wie jeder große Humorist war auch dieser scheinbar so behäbige und idyllische Mann eine tief tragische Ratur. Rach den heitern Freuden und den idealistischen Aufschwüngen eurer glücklichen Jugend stürzte er in die Abgründe jäher Todesnot imd grenzenloser Verzweiflung. Aehnlich wie bei Dosto;ewsll drohte ihm die Hinrichtung, die in eine „Begnadigung zu langer Kermr- hast umgewandelt wurde. Dieses Schicksal hat sein ganzes Leben und Schaffen bestimmt. Von der Festung brachte er dm krankhaften Anfälle der Trunksucht mit, die seine beste Schaffenszeit vergifteten. Stets saß ihm der Dämon dieser dunklen Maure im Macken, und- nur nach qualvollem Erliegen und Ringen wurde er seiner Herr Es war seine starke Ratur, die sich selM gegM den Alkohol half, und dieser sieghaft gesunde 2^ ließ auch den Geist über die Macht des Grauens und der Verbitterung triumphieren. Sein Humor ist aus der Acberwindung der Widrigkeiten geboren, durch die seine Zeit ihn fast zu erdrücken drohte^ Wartburgfest 1863 die alte Burschenherrlichkell^ bellen Tönen gepriesen wurde, da stand Reuter aus und schilderte den furchtbaren Druck der Reaktion, der der Dölkerbefrerung gefolgt sei Sie freuen sich, aber wir können es nicht," murmelte er immer wieder vor sich hin. In seinem Herzen und in fernai Schriften war er stets der alte 48er, der für Freiheit und Gleich^ heit schwärmte. Deshalb gehört all seine Liebe den Armen unÄ Anterdrückten und er hat den „kleinen Mann" mit sehr viel Warme und Anteilnahme geschildert als die Edelleute und Reichen, bisher fast immer etwas von der Karikatur haben. Der erste starke Durchbruch seiner Dichterkraft nach dem so Überaus erfolgreichen Versuch der „Lauschen und Rimels" ist die soziale Dichtung „Kain Hüsung", die an Eindringlichkeit der Darstellung und CharakteristN seine zweite Versdichtung, die Vogel- und Menfchenges chicht« - P4 - besten Humor und wußte trotz seiner gutmütigen Asrt allzu Jx>r* lauten Kumpanen gehörig Bescheid zu tun. So sah er häufig mit einem Gymnasialprvfessor zusammen, einem Mann in den besten Jahren, der einen schneeweißen Kopf und einen schwarzen Dvllbart hatte. Ein Rentier, der auch gern mitreden wollte, sagte einmal zu Reuter: „Ra, Doktor, ick heww Sei ’ne Frag (Frage). De Professor het 'en grisen Kopp und 'en swarten Bort, und ick heww 'en grisen Bort und- swartes Haar, woher kümmt Lat?" Reuter sah den Fragenden über die Drille weg mit einem übermütigen Blick an und meinte: „Ja min Jong," sagte er, „dat kann ick di ganz genau seggen, de Professor het sin ganz Lewen lang) mit Gehirn arbeet't und du mit de Kinnlad". Wie jeder Prophet, galt auch er in seinem Vaterland nicht viel. So soll eine Dame, die ihn noch aus seiner „Sturm- und Prangzeit" in wenig guten Erinnerung hatte, gesagt haben: „Dor schriewen se nu so vel von em in de Blader und Bäuker — wie weiten't bet er: Wat hewwen wi mit den nich allens dörchmacht!" Andererseits wurde er von der begeisterten Lesewelt ganz Deutschlands in den Himmel gehoben, und die Anschwärmerei war dem bescheidenen Dichter meist unbehaglich. Als ihm einmal einige exaltierte Damen erklärten, sie stellten ihn über Goethe und Schiller, da < kehrte er ihnen den Rücken mit einem kurzen „Adjüs, Madams!' „Hanne Rüte", weit übertrifft. Aber die anklagende Tendenz ist gu grell, die Effekte werden zu gewaltsam gegeneinandergesetzt; alles ist noch unausgeglichen. Erst dadurch, Lab Reuter die breite Milieuschilderunng seiner so hübsch pointierten Anekdoten mit der starken Menschengestaltung dieser Dorfgeschichte Verbands kam er, in der ganzen Anlage von dem groben Vorbild Dickens beein- flutzt, zu jenem meisterhaften Erzählerstil, dem wir seine unvergänglichen Schöpfungen verdanken. Spät war sein Wesen und seine Kunst gereift. Die vortrefflich aufgebaute, aber sich ins possenhafte verlierende „Rei' nach Delligen" war der Versuch des 44jährigen, in der plattdeutschen Prosaerzählung. Wir sehen ihn dann mit hochdeutschen Vorstudien ringen, unter denen die prächtige Selbstbiographie „Meine Vaterstadt Stavenhagen" am glücklichsten den persönlichen Ton trifft, aber die eigentliche Seelen- wärme, die künstlerische Leuchtkraft gewinnt sein Stil erst irrt Dialekt Der „Entfpekter Bräsig" tauchte schattenhaf tauf, ohne daß ihm noch das Blut des Lebens eingeflöbt ist. ,,-Ut de Franz oft n- tid" erst schafft ihm seine Stellung in der Literatur, ein Meisterwerk, in dem ihm eine harmonische Form gelungen, wie sonst nirgends, und die geschichtliche älntermalung der Figuren des Vordergrundes zur Einheit zusammenschlieht. Als Meister der historischen Erzählung hat sich Reuter auch in seinem Spatwerk „Dvrchläuchiing" erwiesen, diesem entzückenden Rokoko-Idyll aus der Duvdez-Staatlerei, das den Künstler in ihm vielleicht am feinsten offenbart. , , „, . r . Aber es ist der Mensch, der das unsterbliche Teil in seinem Werk trägt, und dieser herrscht in seinen beiden größten Dichtungen, der „Festungstid" und der „Stromtid". Die Erzählung seiner Gefangenschaft unterscheidet sich von den aus gleichem Erleben geborenen Büchern Pellicos und Dostojewskis durch, die Sonne des Humors, die die Kerkernacht durchflutet. Und dieser Glanz einer über alles Grauen, und Elend sich erhebenden Menschennatur erfüllt auch die Szenen der „Stromtid" mit ihren unvergeblichen Charakterthpen, deren bester der Onkel Bräsig, auf den Höhen der Weltliteratur steht, nicht weit von Sanche Panfa oder Till Eulenspiegel. Als der Dichter des „Onkel Bräsig", in dem er feine eigene Persönlichkeit verklärt hat, wird Reuter fortleben I Unter Mördern und Buriaten. Von E. von Angern-Sternberg. Das Frühjahr und der Sommer kommen spät und plötzlich, fast zur gleichen Zeit, aber sie kommen mit einer Macht, wie sie das alte Europa gar nicht kennt. In einer Mainacht jagt der ötiirm über Wälder und Steppen dahin, er fegt über die Angara, und es gelingt ihm, die dicke Eisschicht zu brechen. Tosend und brandend häufen sich nun die Schollen auf Schollen, Eisberge krachen in der reibenden Strömung aneinander, und in schäumenden Wirbeln lärmend als ob Kanonensalven abgefeuert würden, schiebt sich die gischtige Masse stromabwärts zum Jenissei und zum Eismeer dahin. Auf manchen Schollen werden Pferde und Rinder dahingeschwemmt, sie sind unrettbar verloren, der nächste Strudel reiht sie in die Tiefe hinab. Die Angara gehört zu den schnellsten Strömen Sibiriens, sie sprudelt an Irkutsk vorüber, vereinigt sich dort mit dem behäbigen Jrkutsluh, eilt, grobe Inseln bildend, nach älssolje dem hübschen Badeort Sibiriens, der durch seine Heilquellen berühmt ist, strömt durch Durjatenjurten und Ansiedlerdörfer, durch weites Flachland und Taiga nach der Kreisstadt Balangsk und weiter über Rishi-Üldinsk zum eisigen und öden Jenessei und flieht weiter durch Meer und Tundren, die vielleicht auf Tausende von Kilometer fein Menschenfuh betreten hat. — Sibirien war das Land der Verbannung, der Strafbergwerke, der Verbrecher. -lieber Sibirien lag durch Jahrhunderte der Fluch und der Jammer von Hunderttausenden von gequälten Menschen. Räuber, Mörder und politische Verschwörer wurden am Rande der Taiga nach monatelangen Etappen in Ketten geschmiedet gelandet, sie waren Fremdlinge unter den spärlichen Ureinwohnern, den Tungusen, Burjaten und Jakuten, und bildeten allmählich die große Familie der Verbannten. Später kamen die von der Regierung angesiedelten freien Bauern dazu. Die Städte an der Eisenbahn wuchsen und füllten sich mit Beamten und Kaufleuten, Ingenieure und Abenteurer zogen in die Goldfelder, aber im Grunde blieb Sibirien doch immer das Land der Verschickten. Auch Bürgerkrieg und die blutige Revolution haben daran wenig zu andern vermocht Aber Sibirien bleibt immer das Land der älnermeßlichkeit, in dem sich das kleine Europa mit all seinen Staaten und Riesenstädten viele Male verlieren kann. Es gibt dort keine anderen. Grenzen, als solche, die die Aatur gezogen hat. Im Rorden verliert sich die Taiga allmählich in den vereisten Tundren. Im Süden, tagen die Berge des Altai und der Mongolei. Die gangbaren, Straßen sind, außer der großen Eisenbahn, die Ströme, die kilo- ! meterbreit in wilder Einsamkeit dahinfließen. Das, was Europa unter Sibirien versteht, sind nur Oasen, die oft lose, oft gar nicht miteinander verbunden sind, und die sich durch Klima und Lebens- bedingungen stark voneinander unterscheiden. Der Regierungsbezirk Irkutsk ist größer als das ganze Deutsche Reich Die drei Kreisstädte Kirensk, Wercholensk und Dalagansk liegen über tausend Kilometer voneinander getrennt, und durch keine richtige Straße verbunden. Dalagansk an der Angara liegt von den drei Städten dem Verkehr und der Zivilisation am nächsten. Rur 80 Kilometer trennt es von der Bahnstation Tyretj, und in den eisfreien Zeit verkehren aus dem Strome Dampfer, die allerdings, I dank dem strvmschnellenartigen Gesälle 4—5 Tage brauchen, um I flußauf den etwa 200 Kilometer weiten Weg nach Irkutsk zu- I rückzulegen. Zurück brauchen sie nur 12 bis 16 Stunden. Dalagansk zusammen mit dem gegenüberliegenden Dorf Maltz- I schowka hat etwa. 2500 Einwohner, davon sind neun Zehntel Der- | schickte oder die nächsten Rachkommen von Verbannten. Einige j eingewanderte Dauern in Malhschowka, Beamte aus dem Reichs i und ansässig gewordene Burjaten, die es aber verziehen, in der I älmgegend ihre Jurten aufzustellen, ihren Windgöttern und Scha- | manen zu huldigen und ihr Vieh weiden zu lassen, kommen hinzu. ! In Sibirien fragt man ungern nach der Vergangenheit der Be- I kannten, obschon dort über Verbrecher keine europäischen An- I schaumigen herrschen. Einige Jahre Zuchthaus mehr oder weniger Reuter-Anekdoten. Fritz Reuters goldener Humor strahlt trotz aller tragischen Schicksale seines Lebens in alle seine Begegnungen mit Menschen hinein, und so ist denn die Zahl der lustigen Geschichten, die von ihm erzählt wurden, Legion. Schöpfte er doch selbst aus der Hm» well, aus den Menschen, die ihn umgaben, den Stoff zu seinen Dichtungen, und wenn auch die "Wirklichkeit von ihm künstlerisch I um geformt wurde, so konnten sich doch die .Urbilder in den Figuren ! der Dichtung oft wiedererkennen. Sie waren von diesem poetischen Porträt nicht immer erbaut. Reuter hatte sie vielfach zu begütigen, und als ihn der in der „ Franzosentid" auftretende Freund Fritz Dahlmann einmal deswegen ausschimpfte, da begütigte ihn der Dichter mit den Worten: „Lat man, Fritz, ick heww Mi n por Groschen dorrnit verdeint." Das entwaffnete den gutmütigen „l^nd- reiter“ in Stavenhagen, und wenn später die Rede aus seine Rolle in Reuters Dichtungen kam, dann pflegte er nur noch zu sagen: „Allens Laegen." Ebenso war der Zimmermeister Deduhn aus Malchin, der in einem seiner Läuschen auftritt, wenig entzückt von dieser Verewigung, und als ihn der Dichter begütigte sagte er: ilt de Banker lettst Du mi nu aewer rut, dat deihste nich wedder; verstehste mi?“ Die Staven Hagener Jugendbekannten hatten geradezu Angst davor, daß sie durch seine Werke lächerlich gemacht werden Lunten, und wenn er wieder in die Heimat kam, so begegnete es ihm, daß irgendeine alte Jugendfreundin sich rasch von ihm mit den Worten abwandte: „Re, ne, Fritz, lat man, ick kam süß in de Bäuker." 3n dem Staven Hagener Reformverein von! 1848, der fn der „Stromtid" unsterblich gemacht ist, hatte man Reuter zum Präsidenten gewählt. Er nahm sich der Leitung mit großer Wärme an, aber alle seine Mühen scheiterten an jener Eigenschaft, gegen die nach einem Wort Schillers selbst die Götter vergebens kämpfen. Er legte daher fein Amt nieder und erklärte, seinen Austritt aus dem Verein. Aber das wollten die wackeren Mitbürger nicht zulassen und drängten ihn, doch damit herauszurücken, womit man ihn etwa verletzt haben könne. Reuter weicht aus; es kommt ihm darauf an, die Tür zu erreichen. Aber als er endlich die Klinke in der Hand hat, da ruft er mit seiner lauten Stimme: „Ich will Euch sagen, warum ich aus dem Verein trete! Allgemeine Stille und Erwartung: „Ji sid mi all tau dumm, ji Schafsköpp!“ — und raus ist er. Gar viele tragikomische Anekdoten beschäftigen sich mit des Dichters allzu großer Freude an einem reichlichen^ Trunk. Rur eine von ihnen sei hier wiedergegeben. Reuter mußte öfters Wasserheilanstalten aufsuchen, in denen ihm der Alkohol streng untersagt war. Eines Tages kommt nun sein Verleger Hinstorff ihn besuchen, und Reuter bittet um eine Flasche Wein, die ihm auch für den Gast bewilligt wird. Aber aus der Flasche werden mehrere, werden viele, und schließlich kommt der Arzt, um nachzusehen, ob der Wein auch nut von dem Gast getrunken wird. Da sieht er den dürren und ganz nüchtern ausschauenden Hinstorff neben dem stark geröteten Reuter und macht diesem Vorwürfe. „Je, Herr Doktor," sagt dieser ganz ernsthaft, „Se glüwen gor nich, wat so'n Verleger fupen kann." Am Stammtisch entfaltete Reuter seinen — 115 — Reuten fernen Makel. Es kommt aus den Menschen und nicht auf die Etikette, die er im Zivilregister trägt, an. Ein „ehrlicher" Aäuber oder Mörder ist überall gern gesehen, er findet Arbeit und man begegnet ihm mit Achtung. Aur den Gewohnheitsdieben und Fälschern geht man aus dem Wege, sie gelten in Sibirien als „kleine Charaktere", die kein Vertrauen verdienen. Mein Hauswirt ist ein siebenfacher Raubmörder. In einem anderen Lande wäre er gewiß gehenkt worden, aber im früheren Rußland durften die gewöhnlichen Kriminalgerichte keine Todes- Se verhängen, ein Straßenränder und Mörder kam dem- , wenn sein Verbrechen keinen politischen Beigeschmack hatte, mit 10 bis 20 Jahren Zuchthaus davon. Durch irgendwelche Gnadenakte wurde die Frist dann meistens auf die Hälfte verkürzt. Bei der Entlassung folgte die Zwangsansiedlung in Sibirien. Wer nicht mehr zum freien Räuberhandwerk zurückzukehren versuchte, der wurde im Laufe einiger Jahre Ansiedler und erhielt seine bürgerlichen Rechte zurück. Es ist schwer, in das Seelenleben eines „behäbig" gewordenen Verbrechers, der seinen Frieden mit der Gesellschaft geschlossen hat, einzudringen. Man darf sich keineswegs einen reuigen Sünder vorstellen, gewiß nicht, chec paßt der Vmgleich mit einem Geschäftsmann, &er bankrott gemacht, und der nun seine Schuld voll bezahlt hat. Was die politische und religiöse Einstellung anbetrifft, so sind die Räuber meistens konservativ und halten die Fasttage ein. Andere nutzen den Umschwung aus und machen unter den Bolschewiken eine glänzende Karriere, werden Kommissare, verwalten riesige Bezirke und üben ihr Räuberhandwerk in anderer Art aus. Treiben sie es. zu arg, so kommt es vor, daß sie von den neuen Herren kurzerhand erschossen werden. Die Angara schäumt vorüber. Ich stehe neben meinem Haus- tvirt und warte, bis die ersten Bote ausgesetzt werden können, es wird wohl eine Weile dauern, und so gesellt sich denn verschiedenes Volk zu uns. In Schafsfelle' gehüllte Burjaten mit ihren Mongolengesichtern und schmalen Schlitzaugen bilden eine aparte Gruppe und unterhalten sich in ihrem Kauderwelsch, das kaum jemand von den Russen versteht. Burjaten und Russen vermischen sich auch nicht im Alltagsleben, sie bleiben seit den Zeiten von Jermal, der Sibirien im 16. Jahrhundert für den Großfürsten von Moskau erobert, ein Volk für sich, das seitdem weder in der Geschichte noch in der Zivilisation Sibiriens eine Rolle gespielt hat. Rur einige lamaistische Burjaten glänzen als. Gelehrte und Propheten am Hofe des lebenden Buddhas in plrga. Es wird erzählt, daß etwa 50 Kilometer entfernt in der Taiga, auf dem Weg zu den Goldfeldern in Bodaibs, eine Räuberbande aufgetreten ist, die von allen Reisenden ein Lösegeld einfordert, aber die bisher noch niemand erschlagen hat. Die Anwesenden spucken verächtlich aus. Das müssen blutige Anfänger sein, Dilettanten! Wenn sie die Zeugen nicht auslöschen, wird man sie bald gefaßt haben! Run werden Erinnerungen und Erfahrungen ausgetauscht, die gruselig genug klingen, die aber nicht böse gemeint sind, und die nur von Sachkenntnis zerrgen sollen. Langsam bricht die Frühsommerdämmerung herein. Der Himmel spielt in wunderbaren Farben, aber mit der Sonne schwindet auch die Wärme, und der Cishauch des Stromes breitet sich in weißen Rebeln über das Dorf und über die Stadt. ^Fröstelnd ziehen sich die Leute in ihre Hütten zurück, um das Nationalgericht, Pelmeny, das ist in Mehl eingekochtes, gehacktes Fleisch, zu essen, dazu Ziegelsteintee zu trinken und wenn möglich einige Gläser Fuselschnaps zu genießen. An den Gewohnheiten ändert kern politisches Regime, mag nun ein allmächtiger Pvlizeichef oder ein noch mächtigerer Kommissar in Balagansk herrschen. Mein Wirt, der brav gewordene vielfach« Raubmörder, begleitet mich in meinen Derschlag und philosophiert noch ein wenig über die Richtigkeit aller Dinge und über die Rutzlofigkeit der Politik. 1 Beim Fortgehen stellt er ein scharfes Beil hinter mein Bett und bittet mich, ihn kein Geld sehen zu lassen. Wir beten ja alle: „Führe uns nicht in Versuchung!", ich drücke ihm dankbar die Hand und schlafe ruhig bis zum anderen Morgen. Die Angara ist über Rächt eisfrei geworden, und die Reise kann auf Booten fortgesetzt werden. Roch wenige Stunden und ich befinde mich, wenn auch von Wildnis umgeben, auf der großen Weltstraße zwischen London und' Pefing. Stein. Don Emil Ludwig. Emil Ludwig, der bekannte Dichter und feinsinnige Essayist, läßt im Verlage von Ernst Revohlt zu Berlin soeben eine Sammlung von „Zwanzig männlichen Bildnissen" unter dem Titel „Genie und Charakter" er- scheinen. Aus dem Werk, das Porträts von großen Staats- männern und Forschungsreisenden, Künstlern und Dichtern umfaßt, teilen wir einen Abschnitt mit, der die Silhouette des großen Freiheitsmannes Freiherrn vom Stein umreißt. „Ich habe nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland." Aus dem Gerüst eines wuchtigen Körpers sitzt ein quadratischer Schädel mit rein gewölbter Stirn und schmalen, verschwiegenen Lippen: doch herrschend streben aus dem Kopf hervor zwei klare, blaue Blicke und eine riesige Rase! Zeugen des Glaubens und der Energie. Das find di« Grundzüge in der Seele dieses gewalttg einfachen Mannes. Kein deutscher Staatsmann ist von der Verschmelzung dieser beiden Eigenschaften irt so reiner Stärke bestimmt worden. Während aber in dieser kristallenen Tatennatur nichts problematisch bleibt, während sich Reinheit der Intuition und Wucht des Willens nie stören, wird seinen Resultaten dieser lebenslange Wettkampf von Glauben und Handeln Verhängnis: er nimmt ihm die Möglichkeit der letzten Lösungen. Weil keine Enttäuschung unter den Menschen, die er im einzelnen aufs strengste beurteilte, ihn zur Menschenverachtung, zu jenem Zynismus verleiden konnte, ohne den Bismarck nichts erreicht hätte, erreichte er im entschei denden Punkte nichts Positives: zu gläubig war er für so.gesunden Weltsinn, zu tatkräftig für so tiefen Menschenglauben. Dafür war sein Ideal eines Deutschen Reiches auch reiner als das jenes Rachsvlgers, der doch nur eine gewisse Form zustande gebracht hat. So brannte das Herz des Freiherrn vom Stein ein Leben lang als einsame Fackel durch den Dunst deutscher Fürsten- und Diplomaten-Politik, brannte und losch einsam, jedoch entschwindend das künftige Licht mit seinem Licht verbindend: Dieser ständige Kampf gegen die Trägheit der Herzen entwickelte ihn, wie jeden tätigen Idealisten, zum Choleriker. Da er aber die Gefahr der Leidenschaft für die Auswirkung seiner Ideen erkannte, zwang er sich Quietive auf, ersann fich Rezepte der Stefigkeit.. Unermüdlich von Ratur, dazu durch echten inneren! Standesstvlz getrieben, ein Muster des Adels zu werden, gedrängt vom rapiden Tempo der Zeit, gestärkt vom Hasse gegen «dm feindlichen Eroberer, beschwingt von den Möglichfeiten formloser Augenblicke des Staates, die sich von einem Jahrfünft zum andern steigerten: so kämpfte er immer heißer für seine Idee, für dies Vaterland, an dessen Einigung er mit Inbrunst gkrubte. Er kämpfte gegen das Vaterland: Was erreicht wurde, die Befreiung, war nur zum Teil sein Werk und schließlich eine Frage der Bündnisse und' Waffen, die zu schließen oder zu schaffen nicht seine direkte Aufgabe war. Was mißglückte, die Einigung, war feine eigene Grundidee, die große Leidenschaft, der Motor seiner Tatkraft. Zwar war der erste Rapoleon in viel fieser erlebtem Sinne sein Feind, als es der Dritte jemals Bismarck werdens konnte; beiden aber war der Kampf mit den Franzosen nur das Mittel, durch Krieg und Sieg nach außen den inneren Zusammenschluß zu ertrotzen. Weil aber Stein, wahrhaft ein Bolksmann, die deufichen Stämme zusammenfassen wollte, weil er die Dhnastten verachtete und von 36 Fürsten höchstens 6 duldete, zerrieb er sich in feiner höfefremden Gradheil zwischen den Intrigen und Launen der übrigen 30 und sah am Ende seiner Bahn vor sich eine Zerrissen- heit, schlimmer als bei Beginn. Bismarck, Volks fremd und d ynastisch, erreichte das in Deutschland Mögliche so ganz, daß es noch über den Sturz der Fürstenhäuser standhielt, erstaunlicher, als er es in Form der Gegenprobe auch nur gewünscht hätte. Es scheint, als siege vor konstruktiven Aufgaben bei gleicher Tatkraft ein moralischer Wille eher als ein offenes Herz. Denn Stein war gläubig. Immer der Vorsehung hingegeben, immer sich selbst als Werkzeug fühlend in höheren Händen, Gott verantwortlich, doch immer zugleich den Menschen: durchaus ein Protestant. Volle Ergebenheit in den Willen des Himmels machte ihn keinen Augenblick zum passiven Fatalisten, und nie hat er diesen unlösbaren Zwiespalt zwischen Ergebung und Aktivität kräf- ttger gefaßt als in den Tagen, da fich das Fatum seines Todfeindes wandte. Er saß in Petersburg und lud die i Freunde zum Weine, um Rapoleons Flucht und Moskau zu feiern: da, in einer Art seelischer Trunkenheit, die dieses klare Leben selten! duldete, erhob er sein Glas und rief den Gästen die herrlichen Worte zu: „Schon oft im Leben habe ich mein ^Gepäck hinter! mich geworfen. Stoßt an! Weil wir sterben nmssen, sollen wir tapfer sein!" Er war's. 70 Jahre lang war er's, und mehr als mancher Feldherr. Zivil-Courage war die Form, in der sich Steins Tatkraft moralisch darstellte. Er fürchtete niemand, und weil er zugleich niemand zu gehorchen brauchte, war er der Freiesten einer. Der einzige, dem er sich freiwillig unterworfen, dieser König von Preußen, war sein Herr nur als Friedrichs Erbe geworden. Denn Stein berührt noch den Stärksten und schon den Schwächsten in unserer Königsreihe. Er ist es, der zuerst von „Friedrich dem Einzigen" spricht, um seinetwillen tritt er in preußische Dienste und von dem Dogelauge des älralten Wird er in seinem Talentz noch erkannt und erfolgreich benutzt. Lind er ist es wiederum, der nachher die Charakterlosigkeit des Großneffen ertragen mußte: ihn lernte er rasch verachten. > Mit der naiven Frische, die ein edles Herz und ein starkes Hirn ihm unermüdlich speisten, mit der plnerschrvckenheit seines! ritterlichen .Messens hat er auch über andere, später zu Größen! erhobene Staunen Wahrheiten nicht bloß vertraufich gesagt, auch vor der Welt in feinen Schriften ausgebreitet: gefallsüchtig uny schwach pennt er die Königin Luise, falsch und oberflächlich Hardenberg, unerträglich deutfchtümelnd den Turnvater Jahn, den zu chnpfangen er stets abgelehnt hat; nur über den König hat öffentlich geschwiegen. • . ... . Rnd Doch: anstatt, tote Bismarck, emen Preutzenkomg zu finden, der sich leiten und der ihn niemals fallen ließ, fand Stein einen Hohenzvllern, beschränkt und trotzig, .feig und herrisch, der Nach zwei knappen Jahren ihn aus dem Antfe jagt«, und als er — 116 — Mx-, Aus ernstsr Zeit. HeimaMlder aus den Kriegsjahren 1618—1648. Von Lehrer A. Bach- Flensungen (Fortsetzung,) mein, worauf die Darmstädter Besatzung unter Oberst Willich nach Giehen abzog. Der 73jährige Kommandant von Marburg verlor am 29. Januar in Giehen seinen Kopf, da der Landgraf Georg wegen der Liedergabe aufs Höchste erbittert war. Dieser entschlich sich jetzt auch, ein Heer auszustellen, um das verlorene Gebiet — ganz Oberhessen war bald in Geises Hand — wieder zurückzuerobern. Seine Truppen stellte er unter dem Oberbefehl des Generals v. Eberstem, dem auch der Kaiser noch 4 Regimenter ehr Nähr darauf den Llnersetzlichen zurückhvlen lieh, nicht mnmäl j ben Mrstand hatte, ihm ein versöhnendes Wort vorweg zu schrer- I £Cn ©eit 7UJahrchunderten sahen die Reichsfreiherren vom Stmn auf ihrer Burg in Aassau an der Lahn, doch erst in drese>^ Letzten des Geschlechtes wurde der Raine zum Symbol. Denn örtlich war er wie ein Felsblock mächtig, frei und Herr. Amnnt | man dazu dah dies Geschlecht reichsunmittelbar getoe|en, b^ g^ Tn Httot man stärker das Gleichnis ferner Abkunft. Denn oieiei | tiSc stand buchstäblich unmittelbar 2,™ %ürft er war es selbst!, sein eigenes Erbe tollte nacy ein Ar- Plänen samt all den anbern §er Ge- fiohontetc* fernem durch« (Keschiechr UNO OV<-NN1NUS We glÄ stark Stimmt^ konservatorischen Wesen dre uber- Se°r5S Streit er von seinem begünstigten Stmche soviel fvr- bert toirb ct zum stärfften Kritiker dieses Standes seiner Ge- nossen. Wer hat aus diesen Kreisen v°ovLernachhCTzu deut fchen Fürsten zu sprechen sicherkuhnt we bI!M> * bet Herzog von Aassau zwei Dörfer stiehlt, weck ia die reicyL urmicktelbare Aitterschaft nun durch Napoleon auf^hv^n sm, widert Stein, wenn diese Strecken einer der Aden deutsche- Groh- mäckte zufielen das nützte dem Aerch und das hoffte er no^ zu «lZ«i Wo aber wären die kleinen Fürsten, ine HM alles taS in den letzten Kriegen geblieben? »Sie Entzogen stch aller Teilnahme und suchten die ErhAtung ihrer ^^en Fortdauer durch Auswanderungen, Unterhandeln und Bestechung> oer irai zwischen H«nsührer." Lind plötzlich bricht er einen noch Gedmrken ab, mitten in einem Satzeundendet. ^ doch es gibt ein richtendes Gewissen und eine rächende Sottet. voll verbleibe ich Euer--Siem. So wörtlich, mrt oen ^Au^en Denkschriften, geschrieben wid übergeben an Kö- LL ÄViSfiSÄ»s svilten nicht vergessen, dah auch die Volker von Gottes Gnaden, frei sind!" __ übergab. Mitte Mai 1646 rückte die schwedische Armee unter WrangÄ in einer Stärke von 24 000 Mann, zu der die Kasseler unter Geise stieben, über Marburg bis Giehen vor. Eberstein heckte seine darmstädtischen und kaiserlichen Truppen ebenfalls nach Giehen ziehen lassen. Als er dieselben, die auf der Wiese an der Wieseck kampierten, auf die andere Seite der Festung „mit guter Ordre und Sicherheit logierte", zog Wrangel, das Fruchtlose eines, Angriffs . auf Giehen einsehend, trotz seiner Liebermacht am selbigen Tag (23. Mai) weiter nach Wetzlar, wo er die Ankunft der Franzosen erwartete. In dieser Zeit brannte Las Dorf Heuchelheim bei Giehen vollständig ab. Aur 2 Hofreiten blieben stehen. 86 Hauser, 83 Scheunen und 98 Ställe wurden ein Aaub der Flammen. Lim diese Zeit machte Geise zweimal den Versuch, das von Darmstädtern besetzte SHloh Gleiberg zu erobern. Beide Versuche mihlangen. Geise hatte ziemlich Tote und Verwundete. Unterdessen war die kaiserlich-bayerische Armee bis Gelnhausen und Hanau vorgedrungen. Da ging Wrangel, welcher in Wetzlar vergeblich auf die Franzosen gewartet hatte, in em festes Lager bei Kirchhain zurück, wo er. sich mit General Königsmark vereinigte. Auf diesem Rückzug wurde am 15. Juni die Festung Amöneburg genommen und die Festungswerke demoliert. Auch war unterdessen Gleiberg nach einer heftigen Beschrehung in die Hand der Kasseler gefallen. Mangel an Wasser und Brot hatte den darmstädtischen Hauptmann Hoffmann zur Uebergabe gezwungen. So ging das alte nafsauische Schloh, dessen Grundstein । in der letzten Zeit der Karolinger gelegt worden war, in flammen auf und wurde eine Ruine. Die kaiserliche Armee brach vom Rhein nach der Wettau aus. In Giehen wurde sie noch durch die Darmstädter Truppen vec- ! stärkt. Das ganze Heer zog nun über die Burggememde nach Homberg a. Ohm, von wo aus man das schwedische vager 'Bet Kirchhain sehen konnte. Man erwartete hier eine Schlacht. Wrangel hütete sich sorgfältig, sich vor der Vereinigung nut den Franzosen in ein Treffen einzulassen. Infolge von Mangel an Bohrung und durch den Ausbruch einer Pserdeseuche muhte das kaiserliche Heer wieder den Rückzug antreten Am 6. Juck steckten I sie ihr Lager bei Homberg in Brand und zogen- in südlicher I über die Stärke der Armee dürften wohl stimmen, da die kaiserlich- I bayerisch-darmstädtische Armada vom 7. bis 14. Juli still lag. I Das Lager wurde auf einer Anhöhe zwischen den Dörfern Munster, Queckbvrn, Lauter und- Wetterfeld aufgeschlagen, über deren | Rücken die „Hohe Strahe" von Grünberg nach Hungen zieht. Die Offiziere lagen in Zelten, die Gemeinen in Hutten, die aus Stroh, I Brettern und Reisern errichtet waren. Alles., was, die Armee I brauchte, muhten die umliegenden Städte und Dörfer "efern. HM, | ©troh Futter, Getreide, Schlachtvieh. Pfarrer Hirsch-Wetttrfeld schreibt in seiner Chronik: „Sie haben alles Sutter uno- Fracht I der Ernte weggenommen, die Baue zerrissen,, auf den Feldern Schanzen, Backöfen, Brunnen und Keller errichtet, zu Laubach über 600'Stück Rindvieh genommen, dazu die WetteifeldCT allem 41 Stück geben muhten. Sie sind am 14. Juli aufgebrochM mÄ waren, wie ein Leutnant zu mir sagte,, 100 000 Pferde und auch so viel Menschen, haben sich gen Trais-Horloff gelegt und da I selbst gleichfalls alles verderbet. Die Angaben oW Leuckiants i über die Stärke der Armee dürfte whol stimmen, da die kaiserlich | bayerische Armee bei ihrem Einmarsch in vie Wetteraü .etwa 30 000 Mann zählte. Ein Trotz von etwa 70 000 Menschen ist M die damalige Zeit des Krieges durchaus wahrscheinlich. B« | pnbenstadt in der Wetterau blieb die Armee etwa 4 Wochen | liegen Vier Tage nach Aufbruch der kaiserlichen Arniee bn Wetterfeld verliehen auch die Schweden ihr Lager bei Kirchham und rückten nach Giehen zu. Am 31 Juli vereinigten sie W ä» scheu Heuchelheim und Lollar mit den Franzosen unter Wirenne I Diese verbündete Armee, welche etwa 40000 Mann sahlte^nah nun bÄ Lang-Göns Aufstellung. Ihr Ziel war Bayern Wo lle man den Kaiser überwältigen, so muhte erst sein letzter und stärkst Bundesgenosse, der Dahernfürst, niedergetovrfen wrrden Es g I lang den Schweden und Franzosen auch, dort einzufallen, noch ehe es die kaiserlich-bayerische Armee verhindern konnte I Der SSetfentriea wurde letzt mit erneuter Wut wieder auf I genommen, nachdem im August 1646 die g^en Ann«n CTst , französisch-schwedische, dann die kaiserlich-bayerische die Wettern ; vMasteü und auf diese Weise Oberhessen, etwas Luft g-krM ' hatte Diesmal waren zunächst die Darmst^ter rm VoM , I Amaleis Truppen unter Geise Mit der franzosisch-schwe 1 : Armee bis Aschaffenburg gezogen waren und so auf dem h-st ! schen Kriegsschauplatz fehlten. Ebersteingelang es rnkurzCT