Giehener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92^ Samstag, den <2. April ~ NmmnerH Meiner Tochter Christine zu ihrer Konfirmation. Von Friedrich Hebbel. Das Mägdlein tritt im weitzen FeierkleiÄ Zum erstenmal vor Gott an den Altar, And auch der Greisin hält man eS bereit. Die niedersinkt in ihrer Totenbahr'. Doch ich, du teures Kind, ich wünsche dir, Dast tote am ersten und am letzten Tag, Dir dies Gewand, der Anschuld ew'ge Zier, An jedem andern auch geziemen mag. Dir schmückt die juitge Brust ein Myrten zweigt And eine Rosenknospe glänzt dabei: O, werde du der frommen Myrte gleich, Damit dein Schicksal daS der Rose sei! Sie trägt nicht immerdar das freud'ge Rot. Wenn sie sich löst aus ihrer Knospe Grün, Doch ob sie auch so bleich ist wie der Tod, Lhr Kelch bewahrt ein letztes stilles Glühn! Der Säer. Von Max Bi11rich - Freiburg. Fast alle Frühlingswasser hatten sich aus Gebüsch und Wiese des Spreewalds zurückgezogen in die geraden Fliehe. Richt mehr erkann'e das Auge die dauernden Wasserstraben lediglich am Erlen- und Pappelbestand der Äser. Flut und Land ttxtren geschieden. 3n lebhaftem ©ergeht und Murrpeln drqngte der letzte überschüssige Schwall des feuchten Reichtums zur Ferne. Das Gras der Riederung war mit fettem Schlamm gedüngt. So verhieb das Jahr gute Ernte, wenn auch selbst ein paar der höher gelegenen Aecker angefressen, der Wintersaat beraubt waren. Bauer Arbenz säst krank im Bett und blickte durch die niedrigen Fenster. Zwar war der Abendhimmel nicht in leuchtende Farben getaucht, Grau und Blau machten sich den Vorrang streitig, aber die Welt der Höhe und der Tiefe und was sich zwischen ihnen lind um kahles Geäst schmiegte, war vom Atem der neuen Schöpfung erfüllt, die Hahr für Hahr als Vorboten das Hochwasser in den Spreewald schickte. Arbenz spürte den Wandel im heih und doch sonderbar matt fliehenden Blut und bis in die angegriffenen Knochen. Himmel und Erde lagen vor ihm. Ein paar Sterne hingen über der gähnenden, in geheimnisvolles Erwarten getauchten Heimat. An das Ohr schlugen aus sumpfigem Gebiet die Stimme des Froschs, die Rohrdommel rief ihr „Hebump, hebump, rumbum" dazwischen, und die Rohrdrossel muhte ein lustig Ziel ihrer Reagier und Spottlust gesunden haben. „Karle, Karle, kiek!" sagte sie. Richt viel Leuchtendes umfahlen des Kranken Sinne, doch der Frühling wirkte deutlich darin, die Verheistung, und weckte seine Sehnsucht wie Sonnenstrahl die Aprikosenblüte. Die Welt blieb schön, auch wenn das Wasser sintflutartig angestürmt und aus allen Poren- des Bodens herangedrungen war, wochenlang eine einzige Wafferwüste gebildet hatte und mit geschmeidigen, nimmermüden Fingern aus heimlichen Raub, neben dem offenkundigen, ausgegangen war. Anter Schnee und Eis war Brot gewachsen: Im trüben Meer hatten sich notleidende Wurzeln, trockener Halm gesättigt. Rur ausgedientes Gewächs, Pflanze, Tier und Mensch, hatten ihr Daseinsrecht verloren, um dem Reuen Daum zu geben. Der ewige Wechsel: Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und QSinter, Tag und Rächt! Glücklich, wer den Furchen eignen Ackers folgen, Samen streuen durfte! Gehilfe Gottes, wer in diesen Tagen teilnehmen Durfte an diesem jungen Schassen! And ein Klümpchen Elend, wen bas Geschick ans Bett fesselte, wem die letzte Hoffnung auf längeres Leben geraubt war. , Was um Arbenz atmete, glaubte nicht mehr an ihn: er war aufgegeben. Auch das Rettangsmittel des »klugen Mannes aus Burg war erfolglos geblieben, obwohl dieser letzte Versuch manchen Todkranken der Sense entführt hatte. Zudem hatte Arbenz, nach gern erprobtem Brauch, eine volle Rächt, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, nicht Im Bett, sondern! auf nacktem Boden gelegen, damit ihn der Erde unerschöpfliche "raste verjüngt auferüehen lieben. Sie versagten sich ibm nicht minder: ein Schwächerer, Hinfälligerer war dem Bett zurückgegeben worden. And nun bereitete sich drauhen der Frühling vor. floffen Wasser ab, wartete hie weiche Krume des Ackers auf Rahrung. Welch ein froher Augenblick, den Saatgutsack um die Schultsx ;u binden, die Hand hineinzutauchen, die Körner in schönen Brei- len zu werfen: „Scheuchet die Rot! Brot gebt, Brot!" Aeber Arbenz kam Frömmigkeit, tief wie beim Klang der Glocke. Selbstverständlich wie die Sonne aufging, der Sternenhimmek im Wechsel der Gezeiten die glitzernde Pracht seines Bilderbuchs durchblätterte, Hahr für Hahr in gleicher Gröhe, so von gleichem Drang beseelt, wie von ewiger Hand in die Bahn der Pflicht geworfen, hatte Arbenz fein Leben lang von Saat zu Ernte utt8 wieder von vorn, stumm wie die Gestirne, zuverlässig wie sie, seinen Gang vollendet. Mit einer Ausnahme, vor zwanzig Hahren. Damals hatte er, in Fünfzigjähriger, monatelang gelitten und geklagt. Schäfer und Wundermänner hatten den Sitz des Aebels nicht entdeckt. Dom Weib beredet, war er endlich zum wirklichen, berühmten Dr. Winkler in die Stadt gefahren. Aus dem zufällig leeren Wartezimmer 'war Arbenz sogleich zu dem gelehrten Mann vorgedrungen, vhnt zu wissen, dah eine Patientin bei ihm weilte. „Was wollen Sie? Was haben Sie?" hatte ihm der bebrillte Graubart angeranzt. — „Richts. Rur Luft kriege ich keine." — „Wahrscheinlich Brust und Lunge. Hinausgehen, bis die Dame Rat erhalten hat. Ausziehen! Später eintreten.“ And Arbenz war folgsam gewesen tote ein Kind, hatte sich drauhen entkleidet, gründlich, von oben bis unten, bis aufs Hemd. Als er die Dame der Tür entgegenschreiten hörte,- hatte er auch rasch ängstlich geöffnet „Aber Sie Esel, was sällh Ihnen ein! Rock und Weste zieht man aus!" — Die Dame war dabei verschwunden, spurlos, wie Luft, und der Doktor hatte dich Krankheit bald hinterher gejagt mit bitterer Medizin, für Hahrzehnte. Erst zum Siebzigjährigen war das Leiden wiederum gekommen und wankte und wich nun nicht mehr. Dr. Winkler schrie keinen Anerfahrenen mehr an, hatte längst die eigene bittere Medizin geschluckt. Seinen Rachsvlger hatte Arbenz erst nach monatelanger Herrschaft der Krankheit rufen lassen können, denn vorher hatte die dünne Eisdecke auf Kanälen und Wiesen den Schlittschuh nicht getragen, den Kahn aber aufgehalten. Der Heiltrank war bisher mit den Gebresten so wenig fertig geworden, wie die alten Hausmittel. Arbenz klagte nicht. Er hatte zwischen harter Arbeit fein« Stunden heimlicher und offener Glückseligkeit genossen in vollen Zügen, war mehr als des Herrgotts Stiefkind gewesen, durfte ihm jetzt folgen, wenn er winkte: komm! „Hupp, hupp, hupp!" rief der Wiedehopf in die Rachdenklich- feit des Kranken. Arbenz lächelte: „Ha, das sagst du! Der Arbenz und huppen! Dazu sind die Knochen zu matt Und steif, meirt Lieber. Das Springen hat aufgehört: doch nochmals über dir Felder gehen, das wäre mein letzter Wunsch. Aeber den Acker schreiten, die Hand im Korn, der Wärme entgegenwandern, immer weiter wie in lindem Traum, und in den Gefilden der Seligen aufwachen — das müßte ein Scheiden fein auf Schwingen der Luft. — 3n tiefen Zügen schlürfte Arbenz den Atem der weichen Aachi, als ihn der Schlaf in die Arme nahm. Das Traumland führte ihn zum grauen Acker, beschwingte Deine und Arme, befeuerte die Stimme und liest ihn fingen wie die Finken. Am Morgen mustte er sich die Stirn reiben, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Die verwirrenden Bilder schwanden, doch das Glück blieb in den Augen, funkelte Frau und Tochter an. Gr wollte säen, sagte er. Die Frauen winkten sich zu: das Fieber sprach aus dem Kranken. „Spannt gleich nach dem Essen an — CBaterl“ "Ich will zum letztenmal säen, bevor ich die Augen schließe!" Schweigend gingen die Frauen hinaus. „Was ist in unfern Vater gefahren? Widersprechen wir, so kann er tot umfallen. Am besten, wir gehen auf sein Verlangen ein; er wird rasch genug seine Ohnmacht fühlen." ~ e . Aber der Braune mustte aus dem Stall und an Sie Deichs« geführt, die Saat auf das Fuhrwerk geschafft, Arbenz dazugelegi! werden auf Heu und Stroh. Sie fuhren langsam, vorsichtig W« Mm Friedhof — dachte die Frau, 88 An der weiten ergreifenden Einsamkeit feines AckerpkanS, an» gegriffen von lenzlicher Luft, doch mit gerötetem Antlitz umfaßte Arbenz sein Besitztum. Wie an labendem Trank zehrte er. Allein nach Minuten so unerhörten Glücks begann ihn das Gefühl der Schwäche mit mehr Wehmut zu erfüllen als in seinem Stübchen. Ms er sich erheben, sein Vorhaben ausführen wollte, unterlag er. Anfähig, sich zum Eingeständnis seiner Schwäche aufzuraffen, stachelte er seine Frau an, zu zeigen, was sie in jahrelangem Beistand von ihm gelernt habe. So Begann sie ihr Werk, und der Wunsch, ihm eine letzte Freude zu bereiten, begnadete sie. -Und Arbenz wurde unternehmungslustiger dabei. Seine Schwäche zog Schleier aus Blick uird Blut zurück. Er begann in Gedanken den Schwung des Armes seiner Frau zu lenken, ging förmlich auf in ihrem ©aatgang. So raffte er sich erneut auf. Einen Kranz rings um den Acker, so rief er., müsse sie frei la sie». Wenigstens die Grenzen wolle er am Schluß abschreiten. And wieder nickten feine Begleiterinnen. Auf welche Einfälle dieser Todkranke kam! Doch er wurde bestimmter in seinen Befehlen, und der Augenblick der Entscheidung zwang die Frauen, ihm vom Fuhrwerk zu Helsen, ihn unter den Armen zu hacken mrd so um sein Feld zu geleiten. Schritt für Schritt, halb getragen, schleppte er sich die Furche entlang, warf er mit schwacher dürrer Hand die Körner rund um den Acker. Wahrend er sein Feld beschenkte, fühlte et Bas Gegengeschenk der Ackerkrume: Ihm war. als vermittle ihm die Berührung mit der Scholle hohen Mut, als dränge durch seine Adern die überschüssige, frühlingsfrohe Gesundheit befreiter Bäche. @r stand, als der letzte Schritt getan war, an seinem Saatfeld in Glück versunken wie ehemals an der Wiege feines Kindes — Daterstolz in leuchtenden Augen, die Hände gefaltet; , in des Dreieinigen Namen werde reif, bringe Frucht." 3n wo hl tuendem Halbschlaf langte Arbenz unter feinem Dach an; er mummelte sich in die Betten und atmete regelmäßig bis in den Morgen hinein. Auf noch leiseren Sohlen als sonst bewegten sich die Angehörigen um sein Lager. Noch besorgter blickten sie sich an. Mit Aar er en Augen erwachte er, mit klangvollerer Stimme tat er seine Wünsche kund. And obwohl der Acker eine halbe Stunde Weges entfernt lag, sah der Besitzer vom Lager aus in den folgenden Wochen die Saat aufgehen, schön und dicht, und fühlte wohltuend den weichen Boden und atmete den Dust der Halme in einer Zuversicht, die ihm zugleich Besonnenheit genug schenkte, den Körper zu schonen. And er bewunderte die Lerche wie sie, unaufhaltsam, zum Licht stieg als schmetterndes Flöckchen Daseinsfreude. Leicht wie sie fühlte sich Arbenz; fern Kopf baute und plante, ackerte und heimste ein. Sein Herz ging nicht mehr schwer wie Mühlräder in Hochflut, sondern folgte frohen Sinnen. So beschwingt, erhob er sich in den Tagen, als die Nachtigall in den Fliederbuschen zu schlagen begann, und atmete im Freien volle Genesung ein. Ihm waren Flügel gewachsen, nicht, um über Wolken zu thronen bei den Abgeschiedenen, sondern um weiter zu ackern und zu rackern, im Schweiße des Angesichts, noch über die Siebzig hinaus, aber zugleich im köstlichen Dienst der Heimaterde, die ihn genährt hatte zu solchem Gang, der Fron und Feier zugleich war. Die Mockadebrechev» Marine-Kriegsnovelle von Joachim Ringelnah. drittes Mehlfaß rollte der Steward zurück, wodurch in dem Stapel von Proviantkisten ein Hohlraum geöffnet wurde. Dann »räng e er flüsternd den langen, bartlosen Mann, der in der Hal« taug eines hilfsbereiten Ratlosen ihm zugeschaut hatte: »Schnell? Ss ist schon einer drin." » ?ec ^ange warf sich ungeachtet seiner gediegenen Kleidung stracks zu Boden und kroch kopsan in das Loch. Das mußte eben nicht viel Platz bieten, denn als er sich zur Hälfte darin befand, blieb er stecken. Der Steward hörte, wie im Innern der Höhle eine zweistimmige 'Begrüßung in deutscher Sprache stattfand; und da er kein Verständnis für dies Idiom, außerdem Eile hatte, deutete er solches mit der Stiefelspitze auf dem noch sichtbaren Hinterteil des Liegenden an. Ruckweis zogen sich nun auch des Langen Beine in die Oeffnung hinein, welche der Schiffskellner unter- letzten Ermahnungen wieder mit den schweren Fässern verrammelte. Die Ankerlaterne vom Boden aufhebend, leuchtete er noch einmal baö Proviantlager und dessen fensterlose Sisenwände und Schotten ab. fand nichts Verräterisches und begab sich schmunzelnd eine iteuer empor, durch eine Luke an Deck des norwegischen Dampfers, P6,1, am nächsten Tage Barcelona verlassen sollte, und über dem W dis feuchte Abendluft des 24. Januars 1915 taute. 3n der Dunkelheit unter einer doppelten Kistenschicht hockte mm der lange Seemann, die Knie bis ans Kinn eingezogen und Schultei: an Schulter mit einem Fremden, der ebenfalls seine Deine nicht auszustrecken vermochte, der sich ebenfalls schlechtweg al« deutscher Matrose vorgestellt und auch die Absicht hatte, sich nach Genua zu schmuggeln. Dieser Mann redete anfangs nur auf Be- fragen bann knapp sachlich und ziemlich ungemütlich, was sich aber mäghcbertoeife dem Amstand zuschrieb, daß die Anterhaltung im Flüstertöne bleiben mußte. »Wurden auch Sie vom ZoMe-amten bemerkt^ .Ja, aber den wird der Steward bestochen haben .Morgen Mittag soll es in See gehen. Wieviel wir» er tat- fen < .Sechs, sieben Meilen. Mehr schaffen diese lütten Fischklepper „Bueno, Kamerad, dann können wir schon nüchste Woche deutsche Soldaten sein." Der fremde Matrose erwiderte nichts. „Wo, meinen Sie, daß man uns hinsteckt? Ich wünsche mich auf ein Ist-Boot, irgendwohin, wo es aufs Ganze geht. O, Deutsch, land wird siegen! Wissen Sie, wofür ich verdammt zehn Jahre meines Lebens hingeben wollte? Einmal als Sieger über den Trafalgar Square zu bummeln. Glauben Sie nicht auch, daß wir flegen werden?" «Ich weiß nicht." , Fin nüchterner Mensch! dachte der lange Matrose, und er stellte taH danach ein. „Teufel, das stinkt hier wie tausend Rattenkadaverl Kommt das aus der Bilsch?" „Klippfisch," brummte der andere wegwerfend. „Der Kasten scheint voll zu fein; die Luken waren dicht. Am Ende nimmt er noch Deckslast. Wenn sie nur nicht morgen das ochiss noch einmal Überholen. Ich bin schon zweimal von diesen vermaledeiien französischen Geheimspionen verscheucht" Der Stumme gähnte langatmig und dehnte sich. in die Breite wobei er dem Langen versehentlich mit den Ellbogen in die Zähne schlug. Aber er sagte nichts. „Haften Sie sich schon lange in Barcelona aus?" „Sechs Wochen. „Sie musterten hier ab?" „Nein, in Lissabon." „Llohd?" „Hapagst „Bon der Westküste. . .?" „Südamerika. Ja." „And reisten per Dahn?" „Erst nach Madrid, dann nach Bilbao und nach hier." „Warum nicht gleich direkt?" „Es waren zu viel Deutsche dort; man ließ uns nicht hinein. Erst mit der Zeit In kleinen«Trupps schob man uns nach, wenn wieder andere fort toaren. „3a, ja, sie strömen alle herbei, für die Heimat zu kämp- tau. — Wann weilten Sie zuletzt in Deutschland?" „Dor drei Jahren. Drei Jahren? Denken Sie: ich bin seit sieben Jahren fort. — Ob uns die Franzosen unterwegs anhalten werden?" weiß nicht." „Indolent!" stieß der Lange geärgert hervor; doch war er überzeugt, daß der andere das Wort nicht verstünde. Er beschloß, fortan gleichfalls stumm zu sein. . So erflarben die Worte in dem geheimen Gelaß, und dafür lebten mancherlei traumwebende Geräusche der Ruhe auf; der vhn- zornige Wellenschlag an der Bordwand, das Nagen einer Maus, zuweilen ein Seufzer, auch ein Kleiderrauschen und Füße- scharren, wenn der eine oder andere von den Matrosen seine ßaae zu verändern trachtete. “ Da füllte sich das auf die Knie gepreßte Ohr des Langen mit einem feinen Klingen, dem Summen eines Moskitos oder jenem Tone ähnlich, der entsteht, wenn man mit feuchtem Finger auf dem geschlissenen Rande eines wenig gefüllten Weinglases kreist. Mein Ohr klingt, konstatierte der Lange in Gedanken, es denkt jemand an mich.. Wahrscheinlich sogar mehrere . . . alle . . . selbst D«fter. And da das Klingen weiter währte, lauschte der Lange ihm aufmeicksamst, zu ergründen, wo es wohl herrührte, und was es für eine Bedeutung hätte. Klingt es nicht wie ein vielfach gedämpfter Schrei? Ernst und gleichsam warnend? Zei . . . eit! — Olein, doch irgendein Ruf mit l muß es sein, der ausdrückt: Besinne dich! Die -Seit eilt und kehrt nie — nie ... ie — wieder. < Die sieben Jahre kehren nie wieder. Arm und einsam verrannen sie, überreich an Glück und Liebe formten sie sein. Er ist! doch etwas ungemein Vornehmes an uns, dieser Trotz, auf das Ausgesprochene. — Vielleicht klingt in dieser Minute auch Vaters Ohr.--Anser Trotz wird nicht gebrochen sein, wenn wir uns wieder in die Arme fallen; er wird von beiden Seiten zurück- gezogen, um einer höheren Aufgabe willen.--Eilen sie doch alle, für ihr Blut, für ihr Vaterland einzustehen, auch die, welche die Heimat vergessen wollten oder sie hassen lernten.--Auch ich werde für alle kämpfen, auch für die Brüder und ebenso für meinen Vater, sogar um die Erde, die Muttern deckt.--Mein (Sott, sich vvrzustellen, daß Vater von reuiger Rückkehr sprechen ober an Vorwand — Krieg denken könnte--nein! Ein deutscher Edelmami und Kaiser und Reich in Gefahr--. Ich will meinen Schuldteil tilgen, ihn mit Blut abwaschen, und es spreche keiner von romantischer Wahnidee, von falscher Sentimentalität, Phrase oder Pofe. — O großes Jahr, da in der Welt das Theatralische zur alltäglichen Wirklichkeit geworden ist! — Zwischen Feuer und Wasser will ich kämpfen, immer dort, wo die Gefahr gipfelt, allen voran, und nur mit dem Kreuz das geliebte Haus wieder betreten. Gott gebe, daß sie mich nicht für dienstuntauglich erklären.--* Die blinden Passagiere stöhnten und gähnten immer häufiger, und da sie doch zu sehr aufeinander angewiesen waren, um sich gegenseitig zu ignorieren, so lehnte schließlich der Lange seine recht« Wange gegen die Brust des andern und ruhte ein wenig in dieser Abwechslung aus, bis ihn die linke Hüfte schmerzte. Dann wech- selten sie die Rollen. Nicht Licht noch Dämmerung kündeten nach einer Ewigkeit den Morgen, sondern ein Konzert aus Poltern, Rufen und schweren Tritten, das durch öifei- und Holzwänüe SS - „Also hast du „Allright," gab Klein zu „Maschine Heid gelaufer Damit entfernte sich bei „Klein, du bist nun bald achtunvvierztg 6tunben in dieser Dox," sagte Tilgw; dann dachte er über das große, knochige Gesicht nach. Es hätte durch eine platte Aase, eine senkrechte Stirn, sowie durch struppiges Kinn- und Barthaar etwas Pinscherhastes. Aber unter den ausgewucherten Brauen blinkten aus weit ent» blößter Augenweide blaue Siegel der Ehrlichkeit. Klein knitterte mit Papier. „Speck uni) Schokolade!" sagte er trocken. Sie teilten und asten, während sie immer einen Arm gebrauchten, sich festzuklemmen. Ihre Hände, ihre Haut, ihre Kleider klebten von Schmutz und Schwelst. Ihre Nasenlöcher waren von Staub verstopft. Sie empfanden Schmerzen im Leib, im Genick, im Gesäst, und Klein lamentierte über Wadenkrämpfe. Die Luft in dem Loche verschlechterte sich unerträglich. Einmal täglich brachte der Steward etwas Aahrung. Am zwei- ten Tage lieh er eine Tüte voll Wasser durch, den Spalt, ihr Inhalt ging jedoch zum größten Teil verloren. 2koch immer schüttelte das Untoetter die Flüchtlinge wie Käfer in einer Schachtel herum: sie leisteten nur mehr schwachen Widerstand. Auch stoppte die Maschine abermals eines Schadens wegen. Es kletterten zwei Heizer in den Proviantraum und machten sich dort — Klein beobachtete es durch den seitlichen Spalt — mit Schlosserhandwerkzeug in einem Winkel zu schaffen. „Wenn das Schiff absäuft," sagte der Lange nachdenklich, nachdem die ahnungslosen Heizer den Raum wieder verlassen hatten, „würde kein Mensch je erfahren, wo wir geblieben sind." Der Dampfer nahm seine Fahrt von neuem aus. Ermattet schwiegen die Deutschen. Die Gedanken verschwammen ihnen. Immer gleichgültiger überließen sie sich dem Schiff und dem Schicksal. Mehrmals überfiel sie eine schlafähnliche Schwäche, in der sie für kurze ©miet ihre Schmerzen und ihre Sorgen vergasten. Allmählich mäßigten sich die Schwankungen des Schiffes. Es geschah am dritten Tage, daß wiederum die Maschine verstummte und Klein und Tilger aus ihrer Lethargie jäh aufschraken. Ein quietschendes Rollen, dann hohles Ausschlagen an der Bordwand bewies ihnen, daß ein Boot zu Wasser gelassen wurde. Sie rafften alle Energie zusammen, rückten sich so bec.aem als möglich zurecht; denn nun sollte es gelten, sich nicht um Haaresbreite zu rühren. Ihre Spannung entdeckte und verfolgte rege Schritte, welche kamen und gingen und wieder kamen. Das Kettenschloß an der Luke rasselte, und lebhaftes Sprechen in französischer Sprache drang wie ein Sturmwind gleichzeitig mit blendenden Lampenhelle in den Doroatsraum. Klein sah erbebend ein Stück von einem französischen Soldaten auf der Leiter, der ein blitzendes Eisen schwang. Klein drückte seine Lippen an Tilgers Ohr und raunte dem zu: „Lange Dolche! Wens trifft, bleibt still!" 3m Oht hatte er seinen Filzhut wurstsörrnig zusammengedreht und stieß ihn nun mit gewaltigem Kraftaufwand in die obere Spalte. Es mußten zwei Soldaten in Begleitung des norwegischen Kapitäns und des Stewards fein, welche das Lager rundum cib- suchten. Aeberall stocherten sie mit den Eiseustäbrn zwischen den Waren herum, und sie näherten sich, mehr und mehr dem Versteck. Jetzt scharrten ihre Tritte auf der Kistenschicht über den Köpfen der Deutschen. Die hielten den Atem zurück. Anwillkürlich hatten sie sich gegenseitig gepackt, und jeder fühlte die Knie des anbern zittern. Lärmvoll fuhr ein Dolch den oberen Spalt herab, stieß auf den Hut auf, wurde zurückgestoßen, wieder herabgestosten. Diesmal gab der Hut um Zentimeterlänge nach. Aber er fiel nicht heraus. And die feindliche Patrouille schritt weiter, verließ den Pro- viantraum, später das Schiff. Endlich fuhr das Schiff. — Reu Hard drückte Heinrichen die Hand. Der Steward erschien, rollte die Mehlfässer ab und ließ seine Schützlinge heraus, damit sie sich an einer duftenden Suppe starken, sich einmal für eine Viertelstunde strecken möchten. Sie sahen aschfahl aus. Ihr Anzug war verknüllt. Sie blin- gelten mit den Augen, schnitten beim Strecken der Beine schmerzliche Gesichter und konnten zunächst nicht ungestützt stehen. Klein war von untersetzter Gestalt. Er klovfte sich den Mehlstaub von der Kleidung mit seinem entrollten Hute, welcher fünf Löcher von Dolchstichen aufwies. „Schade um die nagelneue cloth," sagte er, 1 „sie hat mich neunzig Peseten gekostet." Es bedurfte strenger Aeberwindung, sich nochmals in die bisherige Marterlage einzuzwängen. Roch einen halben Tag durch- litten sie dort, bis das Schiff im italienischen Hasen festlag und der Steward sie zu erlösen kam. Der Lange stemmte sich in ju- belnder Angeduld von Innen gegen die Mehlsässer. „Au! Au! fcbitlc er „Satt doch das Maul!" zischte Klein. „Willst du zuletzt noch alles verderben?“ Aber Tilger lachte übermütig laut. „Dies verfluchte Faß hat I mir einen meterlangen Nagel ins Genick gepiekt." Ganz wie Klein angenommen, waren sie morgens in Genua I eingetrvffen. Run blieben sie noch volle zwölf Stunden verborgen; es war eine böse, böse Zeit. Immerhin durften sie jetzt wenigstens innerhalb des Provianwaumes frei einherspazieren, und Tilger bestand darauf, daß der Steward Sekt hwbeischafste. Tilger redete unaufhörlich in höchster Begeisterung. Er gestand seinem Kameraden, daß er gar nicht Tilger hieß,:, und gelobte und bat Heinrichen, daß die Freundschaft zwischen ihnen, die in der Glut der Vaterlandsliebe geschmiedet, in Gefahr gehärtet und schließlich mit Champagner besegelt wäre, ihr Leben lang bestehen sollte. Dann Reu Hard Tilger." . Plötzlich brachen sie ein Gespräch ab. „Nanu?' fragte der Lange. „Die Maschine stoppt?" fragte Klein Im ersten Moment hat es für den Dampfermatrosen stets etwas Beängstigendes, wenn der permanente Rhythmus der Maschine unversehens auSsetzt, wenn ihr Atem stockt. Für de Deutschen war besonderer Grund vorhanden, besorgt zu sein. ReudirS Tilger sprach es aus: „Die Franzosen!" „Kriegszone? meinte Klein unsicher. „Nein, unmöglich." Sie horchten verhaltenen Atems, ohne Bestimmteres zu er- Sünden „Vielleicht Maschinenschaden." „Mann über Bord? So eten sie hin und her, bis die Maschine wieder ansprang. „Lotse!" triumphierte Tilger. „Olein,“ sagte Klein bestimmt. Dieder stieg und stürzte der Boden unter ihnen. Schwere BrAer Staaten gegen die Bordwand. Irgendwo rollte donnernd ein Ballen vorwärts und rückwärts über Eisen. Da verursachte ein Okas- sein neue Spannung. In die Finsternis der Hohle schossen zwei Strahlen gebrochenen Taglichtes, ein feiner und ein ftarferer._ Der feine brach seitlich zwischen den Mehlfässern .herem der starkere fiel aus einem Spalt von oben und traf Heinrich Klein mitten ins ßchwächt wmKe, den Wsahvoien, angestrengt rauschenden Seelen jedoch wichtige, vertraute Vorgänge verriet. Der Lange klagte: „Ich habe Hunger wie ein Seeteufel. Wissen Et, was ich jetzt tue? Ich ziehe mein Messer und untersuche der ihe nach alle diese Kisten nach Freßbarem.“ „Olein, mußt nicht!" wehrte der andere. „Wir wollen dem Steward keine Schweinereien machen; das scheint ein anständiger Kerl. — Gib mal deine Flosse her — so! Da liegt ein Paket, mit Diot und Wurst. And hier, in dieser Fuge — vorsichtig! Fühlst bu's? — Darauf mußt acht geben; es ist eine Rose darin, die darf nicht geknickt werden." Dem Langen gefiel es herzlich und versöhnte ihn, daß jener bezüglich der Kisten so gewissenhaft dachte. „Abas für eine Rose?" „©ine Rose aus Papageienfedern; ich kaufte sie in Brasilien vom Dumbootsmann für meine Braut." „Haben Sie feine@(tern mehr?" „Olein.“ „Geschwister?" „Keine. Mein einziger Bruder ist kürzlich mit einem Minensucher in die Lust gegangen." „Hm! Traurig und doch schön. Ich habe zwei Brüder im Felde, Dragoner---—“ Jßft! Still!" zischte Klein. „Hörst du? Draußen ist schlimmes Wetter." „Immerzu! Sagen Sie mal: Warum wollen — warum willst du eigentlich nach Deutschland?" „Abas soll ich denn hier? Ich habe meine ganze Heuer, über tnerhundertfünfzig OHarf, aufgebraucht; die letzten sechzig Peseten gb ich dem Steward. Ohm will ich erst mal zu meinem Mädchen ch Ostpreußen, na und bann werden sie mich einkleiden. See- wehr zwo." , „Freust du dich gar nicht darauf, Soldat zu werden? Der andere lachte wie über eine törichte Frage. „Wan muß bvch. Es dienen jetzt doch alle." „Gewiß, gewiß!" And der Lange tastete die Kisten ab nach hem Paket, das er entfaltete. Er tastete den Umfang des Brotes ttnb der Wurst ab und begann in derben Bissen zu schlingen. Dabei foar es ihm nicht einmal möglich, seinen Oberkörper vollständig aufzurichten. Der norwegische Dampfer tutete. Ein Sirenenheulen wand pch, empor. Das Quirlen der Schraube setzte ein und erschütterte Den schwimmenden Eisenbau. „Hurra!" jauchzte der Lange, indem tt den Nachbar knuffte. „Jetzt sind wir frei.“ „Was hast du dem Steward für die Aeberfahrt gezahlt? fragte dieser. „Hundert Peseten." „Ja so, du bist von feinen El- fern " Das war ohne Spott gesagt. „Ich, besitze nur selbstverdientes Geld aber ziemlich reichlich, und kann dir daher die weitere Heimreise mit Vergnügen bezahlen." „Dazu gibt mir der Konsul in Genua Geld. Auch hier bekam ich täglich Anterstützung. Warst hu denn nicht beim deutschen Konsul?" „Olein.“ „Also hast du wohl auch keinen Paß?" „Nee." „Das ist windig. Ich komme mit Seinem Paß durch, aber du darfst dich beim Landen nicht kitschen ssen, sonst schicken sie dich gleich wieder zurück. Wenn wir also morgens einlaufen, dann laß uns ruhig noch bis abends in diesem Loch bleiben, bis die Schauerleute ausscheiden; und dann sehen wir zu, wie wir uns am Wachtmann vorbeikreuzen.“ „Wir," wiederholte der Lange gerührt; „Landsmann, nichts für ungut- ich habe dich anfangs für unliebenswürdig und gefühllos gehalten, weil du so schweigsam —“ „Ja, ich kann nicht so reden tote du “ fiel ihm der andere ins Wort. „Du bist em braver Kerl; |aß uns gute Freundschaft halten." „Schön!" sagte der Fremde und drückte mit ehernen Fingern die Hand, die nach der feinigen ta- ftete. Aus seiner Antwort war zu entnehmen, daß er amüsiert Wchelte. „Wie heißt du eigentlich? — Wie? — Heinrich Klein? ---Ich? Ach, ich! — Ich heiße — mein Name ist Tilger, Olein— Aus dieses Gesicht toaif Deuhard unverzüglich einen raschen, Unbescheidenen Blick, dann einen zweiten auf feine Taschenuhr, während er mit kalter Angst vernahm wie lemand die Le ter her- Übklomm Tin Gegenstand wurde durch dem oberen Spalt herab- Geschoben; eine Stimme rief leise auf Englisch: „Ein Dissen Speck! He, da unten! Alles klar? „Allright,“ gab Klein zurück, „warum floppen tmr?1 „Maschine heiß gelaufen. Bleibt und schweigt! Damit entfernte sich der Steward wieder, und indem TM gucke zuschlug, tötete er die zwei Strahlen himmlischen Lichtes. 60 spann er schillernde Träume auS von ruhmreichen Kampfes taten. Heinrich Klein war sein wortkarger, ungeduldiger und doch gilt* niiuig ausmerkender Zuhörer. Q£id>t ohne mancherlei Schwierig* ketten stahlen sie sich abends an dem Wachtmarrn vorbei von Bord Sie speisten, becherten und übernachteten an Land in einem geringen Gasthaus; da gab es einen Schlaf in Betten. Bei nächster Frühe trennten sich die beiden Dlockadebrecher in feierlicher Schlichtheit. Der Lange lag noch im Bett. Er wollte sich neue Kleidung beschaffen, bevor er weiterreiste; überdies war sein Hals infolge des Ragelstiches geschwollen. Klein aber war durchaus nicht zu längerem Aufrntchilt zu bewegen. Er eilte aufs deutsche Konsulat, wo man ihn mit einer Fahrkarte bis Ala nebst entsprechender Wegzehrung versorgte. Die Schilderung seiner Flucht machte auf den Bezirksfeld- web-rl, bei dem er sich in der nächsten deutschen Stadt meldete,' wenig Eindruck. Dort trafen täglich viele Dlockadebrecher ein. Man befahl Klein, sich unverzüglich nach Kiel zu begeben. Ilm seine Braut wiederzusehen, möge er später ein ^Urlaubsgesuch einreichen. Er war sehr aufgebracht darob. .Und er fuhr nicht gleich nach Kiel, sondern zunächst nach Ostpreußen. Unterwegs, irgendwo aus einem Bahnhof, begegnete er zufällig einem Musketier, der aus feinem Heimatsdorfe stammte. Sie tauschten wiedersehensfrvh ihre Kriegserlebnisse aus, in knappem Umfang. Dann erkundigte sich Klein nach seiner Braut. „Was," rief der Musketier, „weiht du's noch gar nicht?" „Was soll ich denn wissen?" „Mischka ist tot." „Tot? Du bist ja verrückt," sagte Klein ungläubig; aber er wurde bläst. „Gott verdamme mich! Weiht du gar nicht, wie die Bussen bei uns gehaust haben?" „Die Russen? Die Russen hätten Mischka tot--“ Klein räusperte sich heiser. „Was ich dir sage," erwiderte der Musketier, „sie ist tot." Lind etwas leiser sagte er hinzu: „Sie hat sich selbst erhängt — aus Scham--“ Wenige Tage, nachdem Klein ihn verlassen hatte, war Tilger in Genua an Blutvergiftung gestorben. • Mit anderen Marinern durch ein feindliches Dorf marschierend, warf Heinrich Klein eines Tages die brasilianische Rose einem slandrischen Mädchen zu. (Erinnerungen an Amalfi. Don Franz Friedrich Oberhäuser. Es war auf der Straste von Salerno nach Amalfi. Carlo, der kleine schwarze Dengel aus dem Felsenstäötchen Amalfi, Sohn eines Gemüseweibes, kraushaarig, barfüßig, lebenstoll, trug mein Leines Köfferchen, indes das große Gepäck in Sorrent lag und mit dem Wagen nachgeschickt werden sollte. So war es: ich hatte meinen Aufenthalt in Amalfi auf eine Rächt und einen Tag berechnet und wollte die Übrige Zeit hinter Sorrent. Capri und Reapel verbringen; aber aus der einen Rächt pnd dem einen Tag wurden mehrere, eine ganze Woche, und eine zweite, und noch immer hielt es mich hier. Don dem Zauber des Paradieses rings um Amalfi wusste ich ja noch wenig; ich hatte wohl auf der Schiffsreise nach Palermo und zurück dieses wunderbare Landfchaftsspiel gesehen, ich war befangen, berauscht, als hätte ich einen Decher der Schönheit getrunken; kein Wunder, wenn auch der Schiffskoch hinter dem Parcho des Verdecks zum Dorschein kam, und mit dem Kochlöffel,, den er in der Eile wegzulegen vergessen hatte auf die Feksenküste hinüberzeigte, nach Amalfi in der Salemer Meerbucht und ein über das andere Mal nichts mehr als „o mio Diol" murmelte . . . Damals hatte ein zarter, aber flirrender Goldnebel des Sommertages Seifenriffe, Capri, .Amalfi und alles was festes Land war, verhüllt, halb freigelassen; wie durch einen unerträglichen Schleier schimmerte da drüben das Paradies auf, indes das Schiff die blauen Wellen durchschnitt, die silberschäumend am Kiele hochstiegen. Es ist mir heute, da ich darüber nachdenke, als wären alle Paradiese durch einen solchen goldenen, flirrenden Schleier verborgen gehalten, da st der Mensch in seinem ewigen Drange nach der Schönheit nur zu ahnen vermag. Ha, es war auf der Strafte von Salerno nach Amalfi alsop und Carlo, der Seine schwarze Dengel, hatte die Hände übers Hvchgezogene Knie gefaltet und fang. Wir rasten auf der dem harten Fels abgerungenen Strafte, die das Meer unter sich, in Gestein geschnitten, wie ein helles Band am Felsen flattert. Schwaches Gebüsch hing über uns, dort und da ein Seiner Wein- flarten Carlo, ganz gegen seine Sitte, hielt den Mund still und sagte kein leidenschaftliches Wort über das Trinkgeld, es brauste kein Sturzbächlein eines Wortschwalles über die frechen Lippen. Rein, er saft da, nachdenklich ein Weilchen, dann begann er zu fingen. Es war sehr eigentümlich dieses Seine Raststündlein zwi- fajen Salermo und Amalfi, weltverloren und irgendwo versteckt, mitten auf einer Felswand. Das Meer ward schon dunkel, das schimmernde Blau verlöscht und nur Myriaden Seiner Goldfunken flatterten über die blaue Seide. Die neigende Sonne streute sie AL b«5Lvrizont brannte lichterloh, indessen schwere, satte, dunkle Abendfchatten auf daS Meer fielen. TchriMeitnng: Dr. Fxiedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag de ' Das AllerschönAe aber war, als wir plötzlich Amalfi sahen. Hoch oben, wie ein flügge gewordener großer Vogel, hing am Felsen. Es plusterte die Flügel, als wollte es nichts anderes, als einmal so nebenbei, weil es gerade. Lust hatte, in den Sternen« Himmel fliegen. Es schwebte, hing da oben, wie ein Rest unjiw gänglich und fern aller Erdenschwere. Wie ein steinerner Äalkon, luftig,.und fein wie ein süster Sommerduft. Da brauste und brandete das Abendlicht über Häuser und die alte, ruhige Kathedrale warf Flammenlohen Über das Rest, entzündete hundert Fackeln, und da hing dieses Seine Bergstädlchen, ein seliges, Prunkhaftes Geschenk Gottes. Ein wunderbares, seltenes Schauspiel, gleich* fam ein Wunder, das der Hand eines lieben Gottes in irgenffa einer gnadenvollen Stunde auf diese gottverdammte Erde entgilt* ten war. Da standen wir, armselige Seine Menschlein, unterhalb Amalfis. And sahen hinaus, wie das Seine FelsenstädtHen sich da oben wie ein Erzengel aufführte, der von einem himmlischen Licht beschienen, die Himmel erftürmt. Da standen wir, und es war uns, als sei dies ein Stück klassischen Lebens, das da brauste. Ans Carlo riß die Augen aus und warf die Arme auseinander: „-Ei Signore!" rief er, „Signore! das ist der schönste Fleck der Erdei Weil uns der gute Gott so lieb hat!" 3d> hörte es kaum, da» war eine schöne Stunde vor Amalfi. Carlo mußte ich erst einen Klaps auf sein loses Mundwerk geben, als er diese Schönheit für zehn Doldi unbedingt für geschenkt sand. ile&er Stiegengästchen gingen wir, unter Weinspalieren. Und der Mond schwang sich lebenssroh und gemütlich über das Laub, Über den Self en lamm herbei, und holte eine Schar funkelnder übermütiger Sterne und schmückte den Rachthimmel. Und vor der Kathedrale, die Vorhalle phantastisch erleuchtet, faßen braune lachende Mädchen. Da kennt man im Ru all» Leute: den Barbier, den Rotar, „den Hausmeister des bischöflichen Palazzos, und Ermina, die Tochter des Oelhändlers, deren Augen man nicht leicht vergißt. Und in einer Chiantischenke sitzt man in diese laue, füfte itco- lienische Rächt hinein, ohne, daß der Schlaf auf die Lider klopft. Da läßt es sich prächlig faulenzen, und so, daß man es gar nicht für schlecht hielte; dieses Faulenzen ist hier ein Gottesgnaden iura. Der Geist kann seine Schwingen entfalten und er hat Raum und schöne Wege. Dann noch Musik, ein kleines italienisches Volkslied, indes di« braunen Mädchen sich um die Schultern gefaßt leicht im Takte mitwiegen, indes der Barbier, der immer und überall feine Abenteuer hat, und dem sehr viele seine Leute unter die Hände korn» men, irgend ein Erlebnis erzählt, aus Roms müden Sommertagen oder aus den neapolitanischen Rachtgassen. Roch ein Seiner nächtlicher Ausflug, über Sliegengäßchen bergauf, zu dem allen Kavuzinerstist. Weißes Mauerwerk, an den Fels gehängt. Zahllose Stiegen an den Mauern entlang, Wein- laub über den Wänden. And dazwischen der Blick auf das dunkle Meer, das am Süße des Selsens rauscht. Mondbespielte Säulen wandern oben im Kloster über den SebS. Dieses Kloster, heute eine Gaststätte, ein Hotel, ist das Schönste, weil es dem Auge immer wieder wunderbare Dinge gewährt. Da saß ich auf der Terrasse, spät nachts, und lauschte auf die Melodie des Meeres. Das ist die Schwelle für einen Ausflug in ein Wunderland, in ein Paradies . . . Der Morgen, der in das Zimmer jubelte, war ebenso schön, al) die verträumte Rächt. Es gibt Landstriche, die den Traum in uns Alktagsmenschen lösen, bis er wie ein seliger Bogel in die silbern« Weite fliegt. ES gibt Morgenstunden, die unserem Auge eine Schönheit enthüllen, daß wir das Leben auf dieser Erde vollauf einschähen, die uns das Lehen beschenken und wertvoll machen. Was ist doch dieser Morgen in Amalii für ein zartes Wunderwerk! Da erwacht das Meer, wird blau und dehnt sich in di« Feme und es fügt sich alles in eine Harmonie: Meer, Bäum«, Himmel, Wolken, Fels und Seines Bergnest. And diese Harmoni« ist ein Paradies, das merkt man erst, wenn man am Morgenfenster steht und das Meer fingen hört, indes rings umher das Sein« Dergnest munter wird, laut und geschäftig. Es muß kein mon&ainer Badeort fein, es müssen feine rafft* nierten schönen Frauen sein . . . ach, so ein Dergnest, mit allem, was in dieser Welt der Gefühle lebt, ist manchmal schöner. Ain« ich Siehe bei Gott ein Plauderstündchen in einer Morgengass« Amalfis mit dem schönen dunklen Mädchen vor den Orangen* för&en dem geistreichen Gespräch mit einer mon&alnen Frau vor. Diesig Seine Mädchen lacht, daß die Zähne blitzen, es schüttel» das Köpfchen, daß die Locken fliegen, und es singt der Mund, daß die roten Lippen beben . . . Paradies! Run ist auch für dieses Paradies die schwere Stund« gekommen, die Zeit der Schmerzen und der Rot, und das Grau« peinigt es. Die Sturmflut peitscht es, und legt um die süße Erinnerung einen spitzen Dornenkranz. Ich weiß es, es war fchoA einmal dieses ©rauen, vor zwanzig Jahren . . aber nun ist es noch einmal da. Muß man jetzt mit Bitternis daran denken, daß alles nach Äner groften Macht geht? And daß jedes Paradies, das wir auf X verschont bleibt vor Rot und Gefahr? Amalfi, Paradies der Erinnerung! — tBrftBl trhea Aniv.-Duch« und Ste>ndruckerei R. Lange, Greben.