Gietzener Zamilienblatter __Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (92^ Samstag. Sen U- Oktober NmnmeH Hoffnung. Don Dogislaw von Selcholv. Was will der Stunde Not bedeuten I Was tut's, wenn dir ein Traum zerrann I Schon oft kam nach Kollin ein Leuthen! Nur eins ist not dazu: ein Wann! Karrel und sein Freund. Don CharlotteNiese. Karrel hatte Herzklopfen, als der Personenzug langsam in di« kleine Station auf der Heide einfuhr und er in die dritte Klaffe «imfieigen muhte. Denn Tante Marenka aus Hamburg hatte geschrieben, dah er vierter Klaffe fahren sollt«, und obgleich sie die Reise nicht bezahlte, so wollte er doch tun, was sie sagte. Hatte sie ihm doch einen Platz in Hamburg besorgt, einen feinen, wie sie sagte. Dort sollte er als Lehrling eintreten, und Pater mtd Mutter Hatten sich nicht wenig gefreut. Alle Kaufleute werden bekanntlich reich: Hein Roth, der im Dorfe einen Laden hatte, einen, in dem man alles kaufen konnte, war gleichfalls ein wohlhabender Mann. Aber vierter Klasse mutzte man zuerst fahren, wenn man Glück haben wollte: es war schlimm, daß dieser Zug keine führte. Nun, vielleicht schadet es nichts, wenn man sonst rechnen konnte und ehrlich war. Der Lehrer hatte gleichfalls gesagt: „Last ihn nur zwischen die Heringe kommen!" DÄm er dachte, in Hamburg handeln die Kaufleute alle mit Heringen, und war ein wenig von oben herab, weil er doch mehr gelernt hatte als die Heringsprinzen. Was sollte Karrel auch andres werden als Kaufmann? Sein ältester Bruder erhielt den fleinen Bauernhof, der zweite wurde Knecht bei ihm, und der dritte studierte auf den Schulmeister, was nicht wenig Geld kostete. Karrel war der letzte von den Jungen, und er wollte versuchen, viel Geld zu verdienen. Dann brauchte seine Schwester Mal« nicht immer bei der hochmütigen Hvfbäuerin zu bleiben, die sie so schlecht behandelte, urib die kleine Trine, die Jüngste von allen Kindern, die noch in di« Schule ging und nur ein Paar schwere Holzpantoffel hatte, sollt« dann von ihm ein Paar braune Stiefel haben, wie die Stadtleute sie trugen, und vielleicht auch noch ein himmelblaues Kleid. Ja, es war schön, an dies« Dinge zu denken, und obgleich Karrel der Abschied schwer geworden war, so freute er sich doch, in einem feinen Eisenbahnzuge zu sitzen und nach Hamburg zu fahren. Das war eine herrlich« Stadt, Tante Marenka hatte ihm oft davon berichtet. Tante Marenka war die Witwe vom Bruder seines Vaters, und sie hatte ein Geschäft in Hamburg. Onkel Fritz hatte sich seine Frau aus der Polackei oder noch weiter her mitgebracht: daher hatte sie den komischen Namen und war auch anders als die Leute auf der Heide. Sie kam jeden Sommer auf den Bauernhof von Kar. ,-ls Vater, trank sehr viel Milch ah noch mehr Brot und Speck und schenkt« dafür einig« Sachen, di« nicht zu gebrauchen waren. Ein Dlumenbukett aus Papier, einen alten Wandleuchter Und ähnliche Dinge. Sie war geizig, und vielleicht ging auch ihr Geschäft nicht gut: heutzutage waren die Zeiten natürllch schlecht. Aber sie hatte doch Karrel eine Stelle bei Wolf & Schmidt besorgt, und sie erlaubte, dah Karrel sie manchmal, natürlich nach dem Abendbrot, besuchte. Darüber Hatte sich Karrels Mutter am meisten gefreut, denn sie hatte in der Zeitung gelesen, wieviel lln= taten gerade am Abend passierten, und Dante Marenka wustte noch mehr Geschichten. Hamburg ivar schlecht, eine böse Stadt, und wer sich nicht in acht nahm, der konnte wohl zu Schaden kommen. Ihr« dunkeln Augen funkelten, und ihr scharfgeschnittenes Gesicht wurde noch düsterer, wenn sie davon sprach. Karrel wurde beinahe ängstlich, wenn er an die Gefahren dachte, denen er entgegenging, und dann sah' er aus dem Zuge in di« flache Landschaft, an der er vorübersuHr. Die Heide war ein wenig rot, denn drz September regierte noch mit seinem warmen Sonnenschein und den vielen weihen Fäden in der Luft. Nun gab's auf dem väterlichen Hof bald frischen Honig und große Gravensteiner Aepfel — ach, war es nicht dumm, vom Hause Wegzugehen, wenn es dort so schön war? 2lber Woff & Schmidt verlangten gerade jetzt einen Lehr- ting, Und Tante Marenka wäre böse geworden, toeim Karrel nicht nun en wäre. Er schluckte ein wenig, und dann fiel ihm ein, Mutter ihm ein großes Paket in das rotwollene Taschentuch geknüpft hatte, das er bei sich führte. „Tag, Karrel!" sagt« da eine Stimme neben ihm, und der Angeredte wandte sich dem Sprecher zu, der bis dahin hochmütig aus dem Fenster geblickt Hatte, so dah man fein Gesicht nicht sehen konnte. Nun griff er gleich nach einem Butterbrot. „Ich darf doch zulangen, Karrel? Wir haben ja immer alles geteilt!" „Duscht, bist du es eigentlich?" fragte Karrel Betroffen, und dieser lachte etwas von oben herab. „Kennst du mich denn nicht mehr? Wir sind doch zusammen in di« Schule gegangen!" Er wollte noch nach einem Butterbrot langen, aber Karrel packte den Nest wieder ein. Er tat es weniger aus Geiz als aus Ueberraschung. Guschi Sebers war nicht immer nett gegen ihn gewesen, und er hatte ihn doch sehr bewundert. Er wohnte damals eine Zeitlang mit seiner Mutter im Dorf und war viel feiner als die andern Bauernjungen. Er trug nie Holzpantoffel, immer weihe Hemdkragen und Sonntags einen bunten Schlips. II nb dann lernte er auch beffer als die andern« Daher kam er nachher nach Hannover, well er da in der Schule weiterkommen konnte, und es hieß, daß er Pastor oder Doktor werden sollte. Aber nun sah er neben Karrel in dem Zuge, trug «inen feinen Sommeranzug mit bunter Wäsche und lächelte er« Haben. „Was willst du denn auf Reisen gehen, Karrel? Ist es nicht besser bei dm Heidschnucken?" Karrel lachte. Ja, es war beffer bei -den Heidschnucken, obgleich fein Vater keine hatte, aber er wollte nun doch Kaufmann werden, sind fo berichtete er, dah er als Lehrling bei Woff & Schmidt in Hamburg eintreten sollte. Guschi hörte ihm gelangweilt zu. Seitdem das Butterbrotpaket verschwunden war, schien er es zu bereuen, Karre! airgeredet zu haben. Auf der letzten Stattvn war ein junges Mädchen ein-- gefitegen, das er auf den Fuh zu treten versuchte und das M kichern begann. Da lächelte auch Guschi holdselig und war erst wieder für Karrel da, als die Schöne bald ausstieg. Gustav Sebers war auch ein ganz andrer Kerl als Karrel. Dieser war ein wenig krumm gewachsen, hatte große rote Hände und trug einen Anzug, mit dem sein berftorßener Großvater sich Sonntags geputzt hatte. Der Dorfschneider hatte ihn allerdings etwas verändert, aber der junge Mensch machte doch den Eindruck eines alten Mannes, während Gustav geradezu etwas Vornehmes hatte. Karrel sah selbst ein, dah er nicht fein genug für Guschi war, und als nun ein Geschäftsreisender einstieg und sich zwischen die beiden setzte, da wunderte sich Karrel keinen Augenblick, dah Guschi mit diesem vornehmen Herrn gleich eine Unterhaltung begann und weise über- Hamburg redete. Er hatte schon fett einem Jahr eine Stelle als Kaufmann da und war nur auf .Urlaub gewesen. Und er gebrauchte einige Ausdrücke in fremder Sprache, di« Karrel nicht verstand und die ihn mit Ehrfurcht erfüllten. In Harburg stieg der Reisende wieder aus, und als die große Drücke über die Elbe kam und der Rücken des Breiten Stromes mtt großen und kleinen Schiffen bleckt war, da begann Karrel doch! ein wenig zu zittern. Lieber Gott, wie sollte er sich in dem großen Hamburg zurechtsinden, dessen Türme und graue Muser im Hintergrund auftauchten? Trvstfuchend griff er wieder zu seinem Taschentuch und freute sich, dah Guschi ihn wiederkannte, in das angenehme Dutterbrotpaket griff, tüchtig davon ah und einige ermutigende wenn wir uns begegnen, kannst du mich immer um Rat fragen. Worte sagte. „Sei man nicht zu bange! Ich bin ja auch da, und Allerdings bin ich in einem sehr feinen Geschäft und habe feiner? Umgang. Aber vielleicht treffen wir uns gelegentlich. Du kannst mir mal ’ne Karte schreiben, wenn Beine Mutter einen Schinken geschickt hat." Ach, das würde Mutter nie tun; sie war sparsam und muhte ihre paar Schinken verkaufen; aber Karrel wagte dies nicht M sagen. Er fühlte sich geehrt, daß Guschi so fange mit ihm sprach und ihm jetzt oite) Hie große Insel Wilhelmsburg zeigte, über dis der Zug gemütlich schlenderte. Da kam noch eine Drücke, ragend« Masten, ein Gewirr von Häusern, und endlich fuhr der Zug in di« dunkle Halle des Hauptbahnhofs. Karrel wußte später niemals, tote er an gekommen und sich zu Woff & Schmidt hingefragt hatte. Guschi hatte ihm nicht geholfen. Der Hatte einen ebenso seinen jungen Wann getroffen, tote er selbst war, und war ohne Gruh verschwunden. Karre! war zu verwirrt, dies zu bemerken. Gr hatte mit feinen eigenen Angelegenheiten ja tun: und mit dem alten Spankorb, den er auf den Rücken neuntes muhte und in dem feine Habseligkeiten waren. Gepäckträger u«6 andre Menschen wollten ihm helfen und lachten über ihn; aber jedermann im Dorf« wußte, wieviel Spitzbuben eS in Hamburg aäb. und Karrel gelangte schwer beladen in die kleine düste« ehen, was aus 6er Sache würde. WiEch, sie kaufte Las hellblaue Seidenzeug, und Guschi redete mit der nächsten Kundin e&ertfo süß. Er verstand sein Geschäft: Karrel seufzte, wie er es bemerkte. Er konnte die alten Röcke und Hosen niemals so glühend anpreisen, wie er sollte. Scheu drückte er sich in dem großen Warenhaus herum und erschrak fast, als Guschi ihn mit einem Male auf die Schulter klopfte. „Run, Karret, wo ist der Schinken von zu Hause?" „Ich habe keinen gekriegt!" stotterte der andre, und sein Be- kannter lächelte geringschätzig. „Ihr seid Kaffern! 3a, das seid ihr! Aber sage mir, wo deine Tante Marenka wohnt. Ich möchte sie einmal besuchen. Handelt sie noch immer mit Ähren und Wertsachen? Änd gibt sie Geld daraus?" „Ich weiß es nicht," erwiderte Karrel bestürzt, aber er gab die gewünschte Adresse. Guschi lachte wieder über ihn. „Du weißt auch rein gar nichts! Deine Tante hat ein großes Pfandgeschäft, und sie soll viel Geld verdienen. Du muht mich einmal bei ihr einführen." Ein Ladenmädchen rief nach ihm; er warf den Kopf in den Racken, schalt über die ewige Sklaverei und ging langsam an seinen Platz zurück, wo er wieder Seidenstoffe verkaufte. Immer mit dem süßen Ton in der Stimme und mit einem verführerischen Lächeln, so daß Karrel ihn von neuem bewunderte. Ach, der war so fein, so geschickt, was wollte er bei Tante Marenka und ihrem Hunde? Freilich, wenn sie reich war-- Karrel dachte einen Augenblick darüber nach, und auch darüber, weshalb sie ihn schon zweimal nach dem Abendbrot eingeladen und ihm nicht einmal ein Glas Mer gegeben hatte, wo sie doch solchen guten Appetit bei feinen Eltern zeigte. Aber dann vergaß er sie und dachte erst wieder an sie, als er zum Neujahrsabend bei ihr eingeladen wurde zu Berliner Pfannkuchen mit Punsch. Karrel freute sich. Das Weihnachtsfest war langweilig gewesen, mit viel Arbeit und keiner freien Zeit. Aber er hatte dreißig Mark geschenkt und einen fast neuen Anzug zum Einkaufspreis erhalten, der ihm besser stand als der Rock von seinem Großvater. Als er zu seiner Tante kam, machte er große Augen. Guschi saß neben ihr im Sofa und begrüßte ihn sehr liebevoll. „Run. alter Junge, wie geht's? Wir sehen uns ja niemals! Du hast es wohl höllisch sauer! Aber, durch Nacht zum Licht! Richt wahr, gnädige Frau?" Tante Marenka war gar nicht böse, daß Guschi sie gnädige Frau -nannte. Sie lachte und schenkte Punsch ein. Dann berichtete sie von ihren Erfahrungen im Geschäft, und Guschi erzählte von den feinen. Bon dem billigen Seidenzeug, das er den Damen verkauft hatte, von den kleinen Mädchen, vor denen er sich nicht bergen konnte, von allerlei Skandal aus der Gesellschaft. Tante Marenka hörte aufmerksam zu, berichtete, was sie wußte, und unterhielt sich ausgezeichnet. Karrel aber langweilte sich Er mochte nicht gern vom Betrügen reden hören, und daß es so viel Schlecht tigfeit in Hamburg gab, konnte er sich auch nicht denken. (Fortsetzung folgt.) Die Geschichte der Barbara Bach. Skizze von P aulrichard Hensel. Es war eine der seltsamsten Rächte, die ich auf der Äeberfahrt nach Bombay erlebte. Der Ozean schlief, und die Luft war drückend, tote angefüllt mit vielen Rätseln, daß man sich nicht von ihr lösen konnte und die Schlafkabine mied, obwohl der Tag müde gemacht hatte Wir saßen in einer Ecke des Promenadendecks — ein kleiner Kreis der sich aus gleichgesinnten Menschen zusammengefunden hatte, seitdem die Heimat hinter dem Horizont verschwunden war. Änd daß gerade wir sechs Menschen uns immer wieder absonderten von der bunten Menge, die das Schiff bevölkerte, um mit uns allein zu sein, lag wohl daran, daß jeder mit dem Instinkt erlebten Leides in dem anderen einen Ritz spürte, etwas, das ihn verwandt machte mit der eigenen Seele. Wan sprach nicht darüber und fragte nicht, aber aus unserem Zusammensein in den hellen Rächten wuchsen Gespräche auf, die den Glanz der Innerlichkeit und des Dertrauens trugen. Und in der Nacht, von der ich spreche, in der kein Schlas kommen wollte, weil etwas Änerklärliches unser Blut schneller schlagen lieh-, kam es wie von selbst, daß der eine] anfing, von sich zu sprechen. Ein Mief, eine Erinnerung trieb ihn vielleicht. Änd nach ihm erzählte ein anderer — und viele Gedanken wurden aufgewühlt von Dingen, die wir unbewußt im Leben streifen, kaum ihrer achtend-, und die uns dann doch plötzlich in einen anderen Weg drängen. Vertrauen hieß die Melodie in den Worten des anderen. Ä-nd jeder von uns dachte wohl an den einen oder anderen Dag in der Vergangenheit, da er selbst mit banger Seele vor der Wahl ftanb und ... das Falsche wählte. Lange hingen wir, als die Worte verstummt waren, unseren Gedanken nach, in die das einförmige Murmeln der Bugwellen drang. Da sagte Barbara Dach, die Frau mit den silbernen Locken an den Schläfen, von der niemand mehr wußte, als daß sie von kaum gekannter Güte war: „Ich will Ihnen auch eine Geschichte erzählen. Ihnen allem. Denn nicht immer ist das zum Erzählen, was wir als reichstes Erleben in uns tragen. Und es ist zu viel Scheu in uns, andere an dem teiknehmen zu lassen, was uns selbst fassungslos machte. Aber Straße, fa Ser Wolf & Schmidt ihr Quartier aufgeschlagen hatten. war Än Heiner Laden, vor dem alte Röcke und Hosen hingen Hn& in dem eine entsetz llche Lust war. Karrel erschrak zuerst, denn er hatte geglaubt, ein Hamburger Laden wäre etwas Hübscher als der Laden in feinem Dorfe. Doch das Erschrecken half ihm nichts: elin sehr alter Herr Schmidt nahm ihn in Empfang, sagte kaum guten Tag und ließ ihn gleich den Laden kehren. Karrel wohnte im Hause. Bei Frau Wolf, -die in der dritten Etage Zimmer mit Kaffee vermietete und die ihm eine kleine Spelunke überlieh, in der er sich kaum umdrehen konnte. Änd geradeüber war eine Speisewirtschast, in der es fettige Suppen und zähes Rindfleisch gab. _ Wenn Karrel abends ganz allein aus seiner Kammer war. dann kämpfte er manchmal mit fernen Tränen und hatte schreckliches Heimweh. . Aber meistens war er so müde, daß er sehr bald emschttes. Herr Schmidt ließ ihn den ganzen Tag an den alten Kleidungsstücken arbeiten; dann mußte er von ihm die doppelte Buchführung lernen, und westn noch Zeit übrig war, mußte er den Keinen Wölfen bei den Schularbeiten helfen. Hnb die ersten Sonntage kam er nicht aus. Herr Schmidt sagte, er solle sich erst ins Geschäft einleb-en, und gab ihm vormittags Briefe zu kopieren, und nachmittags gingen Herr und Frau Wolf mit den größeren Kindern aus, urü> Karrel mußte auf den Kleinsten Pasten: denn das Mädchen mußte meistens notwendig auf einen Ball. Sv kam es, daß Karrel kaum Zeit sand, an Guschi zu denken, wenn er's tat, nur mit scheuer Bewunderung. Der hatte es viel besser als er, weil er viel feiner war. Gr hatte wohl gehört^ wie Guschi von seinem Geschäft gesprochen hatte, und tote, vornehm es dort war: wieviel Herrschaften dort kauften, und wie gut die jungen Leute behandelt wurden. Zu Wolf & Schmidt kamen keine vornehmen Herrschaften: nur Männer, die sich schnell etwas Lberzuziehen kaufen wollten, die bei jedem Groschen handelten und manchmal laut scheltend wieder weggingen, weil ihnen alles zu tixnr Gr tat fein möglichstes, um die Prinzipale zufriedenzustellen, und diese stießen nicht mit ihm herum, sondern liehen ihn nur scharf arbeiten. Natürlich Hatte Karrel gleich Dante Marenka besuchen wollen, aber sie hatte ihm eine Karte geschrieben, daß sie viel zu (tun; hätte und ihm Bescheid sagen wollte, wenn sie ihn brauchte. Änd dann kud sie ihn an einem Sonntagabend nach dem Abendbrot ein, tote sie ausdrücklich dabei bemerkte. Karrel durfte ausgehen: Frau Most -hatte nichts dagegen, obgleich sie hinzusetzte, daß die Lehr- tfcnge nicht so verwöhnt werden müßten, wie es in der Welt überhaupt Mode wäre, daß junge Menschen verwöhnt würden. Karrel achtete nicht darauf. Er freute sich so, einmal auf die Straße zu kommen und einmal etwas andres zu sehen als alte Männerkleidung. Gr fand auch gleich die Sttaße, in der seine Tante wohnte. Sie lag nicht weit von seiner eigenen entfernt und hatte an diesem Sonntagabend etwas Düstres, Einsames. Aber das Haus, in dem Tante Marenka im Erdgeschoß wohnte, war recht stattlich, und- Karrel zog mit einigem Herzklopfen die Klingel. Die Tante öffnete ihm, hieß ihn kurz willkommen; und führte ihn in eine behagliche Wohnstube. Hier braute eine Lampe auf dem Tische, an den Wänden standen mehrere Schränke; auch ein Keiner Geldschrank, vor dem ein Hund lag, der Karrel mit leisem Knurren empfing. Tante Marenka war noch nicht alt. Eigentlich hatte sie ein hübsches Gesicht und sehr große glänzende Augen, die sie fest auf den jungen Menschen heftete, während sie ihm einen Stuhl anbot und- ihn berichten ließ: von Wolf & Schmidt, und was er dort zu tun habe. Sie schien sehr zufrieden, daß, er noch keine freie Zeit gehabt hatte. „So muß es sein! Die Lehrlingszeit ist zum Lernen da; schreib mir nicht nach Haus, daß du es schlecht hast; die Heidebauern können nicht verstehen, daß man in Hamburg arbeiten muß.“ Wenn die Tante sprach, dann zeigte sie ihre weißen Zähne und 'hatte etwas Fremdarttges, das Karrel sonst niemals ausgefallen war. Sie war auch nicht so freundlich, wie wenn sie bei seinen Eltern auf Besuch war. Nachdem er ausgefragt war und alles be- cmtwortet hatte, durfte er wieder gehen, und er war nicht ungut frieden damit. Nun kam die Weihnachtszeit, und der alte Kleiöerladen machte großartige Geschäfte. Karrel begriff nicht, woher die vielen alten Docke kamen, die Herr Wost immer wieder herbeibrachte, aber er verstand schon, sie zu verkaufen und alle Schelte über die hohen Preise geduldig einzustecken. Kurz vor Weihnachten nahm Frau Wolf ihn einmal mit in ein großes Geschäft, wo es brennende Tannenbäume gab und freie Schokolade und Gott weiß, was sonst noch. Die Wolf scheu Kinder waren natürlich auch dabei, und Karrel mußte darauf achten, daß sie im Gewühl nicht verloren gingen und nicht mehr Kuchen aßen, als sie durften. And wie er den einen Jungen hinter ebnem Tische suchte, aus dem lauter Seidenstoffe lagen, sah er plötzlich Guschi, der hinter ihm stand, einen blauen Stoff zierlich auseinanderfaltete und mit füßer Stimme dazu sprach: „Dies wird Ihnen reizend- stehen, meine Gnädigste! Gerade für Ihre Figur und Ihre zarten Farben eignet sich die Schattierung am besten!" Die Käuferin, mit der Guschi sprach, war eine Frau, die manchmal bei Schmidt & Wost handelte. Sie war dick, häßlich und hatte ein blaurotes Gesicht. Änwillkürlich blieb Karrel stehen, um zu - 171 ich will Ihnen die Geschichte erzählen, um zu zeigen, wie wenig unsere Gedanken vermögen gegen den Schritt 6e8 Schicksals — wie selbst unser bestes Wollen keine Gewißheit gibt, den rechten Weg zu gehen. Damals, als die Zeitungen noch viel von meinen mystischen Spielen und Vorführungen in meiner Tanztruppe schrieben, packte mich plötzlich der Wunsch, der lauten Oeffentlichkeit zu entfliehen und mich irgendwo zu sammeln, auszuruhen. Kurz entschlossen, wie ich immer war, hatte ich mich bald in einem kleinen Seebade versteckt und trank dankbar die Sonne in mich ein, wenn ich den Tag in den Dünen verträumte. Umgang hatte ich mit niemandem. Einmal bemerkte ich, während ich in einem Buche las, daß mich ein, junger Mensch skizzierte. Aber als ich mich überrascht aufrichtete,, hatte er so bittende Augen, daß ich ihn gewähren lieh. Hernach, als ich gar nicht mehr daran dachte, kam er leise näher, und neben ihm ging ein junges, blondes Mädchen, und sie baten um Verzeihung unöi nannten ihre Namen. Es war der Waler Klaus Wölfe und seine Schwester Ursel, Menschen, in deren Augen noch ein Schimmer von Kindheit lag und denen man gern die Hand gab. Und wir sahen zusammen bis gegen Abend. Seitdem fanden wir uns oft in den Dünen. Und manchmal kam Klaus allein mit seinem Skizzenbuch. Und dann war immer eine versteckte Erregtheit in seiner Stimme, wenn er von seinen Plänen sprach un& seinen Ideen. Und einmal, als er lange still neben mir gesessen hatte, sagte er, ohne mich anzusehen: „Ich glaube, ich könnte Las Größte schaffen, — wenn Sie immer um mich wären." Ich erschrak etwas, und behutsam fragte ich: „Kann man nicht auch aus der Erinnerung Schönes schaffen?" „2a," sagte er, „wenn das, woran wir uns erinnern, die höchste Steigerung unseres Empfindens war." Und lebhafter fuhr er fort: Ich weih wer Sie sind. Ich habe mich erkundigt, obwohl ich schon fühlte, dah Absonderliches in Ihnen ist. Ich bin bisher meinen Weg allein gegangen; was ich schuf, geht nicht über Len Alltag hinaus. Nun sind Sie gekommen, die aridere Welt, nach der immer unsere versteckte Sehnsucht geht, &te uns die Offenbarung gibt, mit der wir verschlossene Türen sprengen. Don Ihnen kommt die Kraft, die mich zum Künstler formen kann. Meine Gedanken gestalten ein Werk, vor dem die Welt die Hande falten soll Ich erzählte das am Abend seiner Schwester, und sie hörte mit gesenktem Kopfe zu. Endlich sagte sie: „Sie dürften ihm nicht böse sein. Denn ich will Ihnen etwas sagen, was er selbst noch nicht weih und auch nie —- ich bitte Sie darum —nie erfahren darf. Sein Herz ist krank. Darum sind wir hier. Der Arzt ga& keine Hoffnung, aber wir anderen Menschen hören doch nie auf zu hoffen. Wenn er noch etwas schaffen kann — es wäre schön. Mr ihn und für uns. Ob er noch Zeit dazu. Hat, weih niemand. Bleiben Sie freundlich zu ihm —“ Können Sie verstehen, wie weh es mir da tat, als Klaus am nächsten Tage wieder mit hellen Schwarmeraugen zu mir sprach, und dah ich, ganz ratlos, wie ich ihm etwas Gutes tun können schließlich seinen Kopf in die Hände nahm und ihn kühte? In der Nacht darauf habe ich nicht geschlafen. Ich durfte damals nicht mehr felbstgewählte Wege gehen, denn ich war verlobt und ein kleines Haus in den Bergen wartete auf mich. Hier war nun für mich die Möglichkeit — vielleicht kann ich sogar sagen, die Aufgabe — durch nichts, als dah ich einem Menschen gut war, Segen zu stiften, den letzten und einzigen vielleicht für einen Todwunden und einen bleibenden für die Kunst. Ich selbst, durch den lauten Erfolg meiner ersten Schöpfungen entspannt und etwas gelähmt, sand neuen Samen für eigenes Wirken dadurch, dah ich Funken' in anderen zur Flamme entfachte. Und Liefer selbst- gewonnene neue Reichtum war nicht nur für mich,- sondern auch für mein künftiges Heim, für den, der mich liebte. Aber dann stockte ich vor der Mage: Wird ein Mann, dem die Frau seinq Welt bedeutet, verstehen, daß man anderen Gutes tun möchte, die danach verlangen? Wird er vertrauen können, dah das eine nichts mit dem anderen zu schaffen hat? Soll ich ihm alles sagen odev soll ich verschweigen, was Loch bald zu Ende sein wird? Und weil ich keinen Ausweg aus meinen Gedanken fand, fuhr ich heim. Helle Freude empfing mich. Jeden Lag suchte Viktor, mein Verlobter, neue Wege in die Berge, um mir die Schönheit seiner Heimat zu zeigen. Und niemals fand ich ein Wort, das mein frühzeitiges Kommen erklären konnte. Da kam ein Brief von Ursel, und bald darauf wieder einer. „Er verlangt so sehr nach Ihnen. Sein Wille ruft nach künstlerischer Tat. Kommen Sie bald' ..." Da erzählte ich Viktor, dah in dem lleinen Seebade ein Mensch ist, der mich braucht und auf mich wartet. Und ich habe nie erfahren, was bei meinen Worten in seiner Seele vorging. Er grlestete mich zur Bahn Der Ursel hatte ich ein Telegramm geschickt, dah ich komme. Sie erwartete mich! am Bahnhof un& führte mich zu einem Sterbenden. _ , Dicht dah es sein letzter Tag war. Wer es war nrcht mehr der übermütige Klaus, der durch den Dünensand lief. Die Schwingen waren ihm gelähmt. Er durfte nicht mehr aufstehen. Aber noch immer war er ohne Wiffen und voller Entwürfe und Pläne, und seine Augen hatten einen heißen Glanz. Da wußte ich, dah es meine Pflicht war, hier zu bleiben, als sttlles Lrcht, so lange, bis das Oel versiegt war. Und auf einen Brief Viktors — daß das Haus bestellt fei, er aber warten werde, bis ich von selbst komme — wußte ich keine Antwort als die: „Laß mich die Erste fein, die dem Klaus Vlumen auf das Grab trägt." Dann dauerte es noch sechs Wochen. Traurige Wochen, aber voller starker StunLen. Die Blätter, die in dieser Zeit von der Hand des Kranken entstanden, habe ich selbst veröffenllicht. Dein Sarg war fast bedeckt mit weißen Chrysanthemen, die ich gekauft hatte. „Als ich zu Viktor fuhr, erzählte man mir, dah er seit Tagen verschollen sei. Später fand man ihn in einer Gletscherspalte, halb vom Schnee zugedeckt. Ich fand keinen Brief an mich. Ura> ich habe nie gefragt, warum er ohne Mhrer gegangen ist. Ich brauchte nicht zu fragen." ♦ Barbara Bach schwieg. Und unsere Gedanken gingen scheu und bang über das Meer, als könnten sie Menschen begegnen, denen wir wehe taten, als wir gut sein wollten — Und es mochte dazu keiner mehr etwas sagen ... Eintönig strichen ein paar Rufe der Matrosen über uns Hinweg. Dom Bauernburschen zum Univ ersitätsprosessor. Von L. F r i e g e r. * Michael Pupin — Lieser Name ist jedem Fernsprechtechniken wohl bekannt. Saft jedes Ferngespräch zwischen zwei entfernten Städten in Deutschland verläuft über Leitungen, in die zur Verbesserung der Verständigung Pupinspulen eingeschaltet sind. Die Geschichte der Erfindung der Pupinspulen ist sehr interessant und soll am Schluß dieses Aufsatzes wiedergegeben. werden; noch interessanter ist aber der Werdegang Michael Pupins selbst. Er erzählt seine Lebensgeschichte in einem in Amerika erschienenen Tuche „Vom Einwanderer zum Erfinder", das eine der schönsten Lebensbeschreibungen ist. Pupin ist Serbe, geboren in Idvor, einem so kleinen Dorfe, daß es auf keiner Karte zu finden ist. Vater und Mutter konnten weder lesen noch schreiben. Vom Vater hatte er die Statur und die sehr kräftigen Ellbogen, mit denen er sich im eigenllichen Sinn des Wortes häufig seinen Weg bahnte. Die Mutter war eine tiefreligivse.Frau, die mit einem wunderbaren Verständnis seine späteren geistigen Arbeiten verfolgte. Von ihr hatte er ein reiches EmpfinLungsleben und einen unermüdlichen Lerneifer. Sein Volk gab ihm die Hochachtung vor der Ueberlieferung. Niemals begnügte er sich mit der Kenntnisnahme dessen, was jetzt besteht, sondern er suchte stets bis zu den ersten Anfängen Lurchzudringen. Bis zu seinem 15. Lebensjahre war er Bauernburfche, hütete Ochsen und gab sich ähnlichen Beschäfttgungen hin. Seine Lehrer erkannten jedoch seine überragende Begabung und rieten, ihn in bessere Schulen zu schicken; so kam er nach Prag. Dort gefiel es ihm aber gar nicht. Er verkaufte deshalb seine ganze Habe, um nach Amerika fahren zu können. Schon damals waren jedoch' die Einwanderungsbehörden g'fürchtet, und Pupin hatte nur ganze 5 Cents in der Täsche, konnte auch die Kenntnis keines -Handwerks nachweisen. Er hatte aber von Franklin und seinem blitzefangen- den Drachen sowie von Lincoln gehört, hatte auch Onkel Toms Hütte gelesen. Diese Kenntnisse erweichten die strengen Herren, so dah sie ihn ins Land ließen. Bei seinem ersten Gang in der neuen Welt trug er noch einen roten Fez, der die Aeuhorker Jugend gleich zu einem Angriff begeisterte, in dem er jedoch die Ober- hand behielt. Um seinen Lebensunterhalt zu verLrenen, verdingte er srch zunächst als Landarbeiter, wobei er das Glück hatte, mit Frauen, zusammenzukvmmen, die ihm die ersten Kenntnisse des Englischen beibrachten Es zog ihn aber zur Stadt der „unbegrenzten Wög-- lichkeiten", nach Neuyvrk zurück. Dort schlug er sich mit Kohlen- schleppen 'und Kellerweihen durch, bis er eine Stelle in einer Keksfabrik fand; wo er damit beschäftigt wurde, Namen auf die Keks zu stempeln. _ . Bor Beginn der Arbeitszeit trieb er sich tm Kesselraum herum und erhielt vom Heizer die ersten Lehren aus dem Gebiete der Wärmephhsik Bald wurden die Fabrilleiter auf den aufgeweaten Burschen aufmerksam und beförderten ihn zum Packmeister. Seine Wohnung hatte er im Dachgeschoß der Fabrik; dort traf er einen Wann, der feinem Leben eine neue Richtung gab, einen ehemaligen deutschen Theologen und- reinen Idealisten, einen vorzüglichen Sprachkenner, der in der griechischen und lateinischen Literatur, zu Hause war. Bei ihm vervollkommnete Pupin sein Englisch und fraß kam der Unterricht im Griechischen und Lateinischen dazu. Andere Kenntnisse, die zum Eintritt in die Universität nötig waren, übermittelte ihm eine Abendschule. Es muß auf dem Dach der Keksfabrik sehr unterhaltsam gewesen sein. Der Theologe deklamierte Homer und Horaz mit Zitherbegleitung und fang geistliche Lieder in allerlei Sprachen. Heftige Streite wurden ausgefochten, über Darwin, amerikanifchen Materialismus, Dampfmaschinen und' Demokratie. Pupin besuchte oft eine Kirche, deren Prediger ihn stark an» zog. Er lernte auch einen Arzt fernen, der ihn tn die Verwaltung — 172 — em Abend vorher Alice und Maudfii fliegerGer Hast herühgÄm«» men waren. Es war eine mich erquickende halbe Stande, denn ich kenne nichts Schöneres, als den Einblick in eine ruhige, von keiner Leidenschaft getrübte Foauenseele. Als wir von nnserm Spaziergangs heimkehrten, empfingen uns die Kinder tmb alles war Glück and Friede. Die Freundin übernahm es, mit Otto zu sprechen. „And um elf Uhr der Wagen," schloß sie. „Richt früher." Und nun schlug es elf und mit dem Glockenfchlag erschien Friedrich auf meinem Zimmer, um meinen Koffer in den Wagen zu tragen. Ich folgte rasch, nahm Abschied von den Kindern, grob und klein, die mich auf dem Hausflur unten umstanden, mti> trat, einigermaßen erregt und bewegt, auf die Freitreppe hinaus, auf der ich Karolinen und Otto bereits erkannt hatte. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich neben ihnen Onkel Dodo stehen sah, 6er eben ein Paar dänisch-lederne Handschuh anzog und dadurch andeutete, daß er mich begleiten wolle. Mein nicht geringer Schrecken wurde nur durch das Komische seiner Erscheinung einigermaßen wieder ausgeglichen. Er hatte nämlich, tags vorher, seinen breitkrempigen Strvhhut verloren und sich infolge davon unter Ottos Vorrat eine höchst merkwürdige Kopfbedeckung ausgesucht, die, gerade modern, zwischen Bienenkorb und Feuerwehrhelm die Äiitte hielt und mit der alten Krempentraditivn ein für allemal gebrochen zu haben schien. Ich wollt' ihn darauf hin ansprechen, er aber, mit jener Hast und Quickheit, der meine Langsamkeit nicht annäherrü> gewachsen war, überholte mich und teilte mir in abwechselnd kurzen und dann wieder weit ausgeführten Sätzen mit, daß er vor dreizehn Minuten ein Telegramm erhalten habe, wonach gegen Erwarten, morgen schon der Delegiertentag der „Turner imb Hhgienisten von Ober- und Rieder-Barnim" abgehalten werden sollte. Ratürlich in Eberswalde. Da dürfe er nicht fehlen, und zwar um so weniger, als, unter Anlehnung an den Doktor Tannerschen Fall, die Frage nach der Aahrungsfähigkeit des Wassers in einer Kvmiteefttzung zur Erörterung kommen solle. Für ihn persönlich stehe die Sache fest, und bedürfe nur noch gewisser Einschränkungen. Lieber sogenanntes „Himmelswasser", eine von ihm herrührende Bezeichnung, unter der er, namentlich m Gebirgsgegenden, Degen und Tau verstehe, möge sich hinsichtlich seiner Mhrkraft, streiten lassen, aber was Fluh- und Quell-, oder gar Teich- und Seewasser angehe, so sei dasselbe seiner Ratur nach ein Infusum, ein Aufguß,, sozusagen Erdtee, drin sich verdünnt oder auch konzentriert, der Rährstvff aus hunderttausend Wurzeln befinde. Gott sei Dank werde man Ende September in Wiesbaden in der Lage sein, der Frage näher zu rücken und endgültige Beschlüsse zu fassen. Die letzten Worte, von lebhafter Gestikulation Begleitet, wurden schon auf dem Wagentritt gesprochen, und kaum daß wir sahen und unsere Hüte noch einmal zum Abschied gelüstet hatten, als auch die Pferde bereits amzogen und uns vom Hof hinunter in die fruchtbare, mit Fabriken und Rübenfeldern überdeckte Landschaft hinaustrugen. _ , , „Eine prächtige Brise," sagte Onkel Dodo, während ich gerade den Rockkragen in die Höhe klappte. Beinah gleichzeitig mit uns fuhr, von der andern Seite her. der Zug in den Bahnhof ein und in dem Menschenknäuel und eined echten Bahnhofsverwirrung auseinander gekommen, erfüllte mich eine Minute lang die Hoffnung, in ein Richtraucherkupee retirieren und so vielleicht entwischen zu können . . . Aber Onkel Dodo war auch Richtraucher und da sahen wir denn, unserer Versicherung nach, wieder glücklich beisammen und „freuten“ uns, nicht getrennt worden $u fein. „Bis Betlin hin," begann er, „läßt sich schon was reden. Wir hoben übrigens durchgehende Wagen. Es ist ihnen doch recht, meine Damen, wenn ich Luft mache?" Diese letzten Worte waren an vier Damen gerichtet, die klugerweise bereits die Rücksitze des Wagens eingenommen hatten. Und so kam ich denn an das offene Fenstier und hatte die fiische Lust eines Schnellzuges aus erster Hand. Ich hätte protestteren und auf Schließung wenigstens eines Fensters dringen tonnen, aber ich kannte meinen Partner zu gut, um mich auf Erfolglosigketten einzulassen. .Um sechs trafen wir auf dem Friedrichstrahen-Bahnhvs ein. Sine geplante „gemeinschaftliche Droschke", — die übrigens, Bei dem mir längst angeslogenen Kopf- und Zahnreihen, ziemlich irrelevant gewesen wäre — ging an mir vorüber, und Gott sei Dank einsamen Betrachtungen über „les defauts des vertus" der besten Menschen hingegeben, fuhr ich, zwischen den Pferdebahngeleisen der Dorvtheenstrahe, dem Tiergarten und meiner Wohnung zu. Wie sich denken läßt, harrte meiner eine fieberige Macht. Am anderen Morge naher, als ich mich, matt und angegriffen, an meinen Frühstücks tisch setzte, fand ich Bereits, unter Kreuzband, eine kleine Sendung vor. 3n der linken Anterecke stand Onkel Dodos 'Hamdi, mit der Zubemerkung: „In Eil." Es waren zwei von ihm selbst verfaßte Broschüren, eine kleinere: „In balnais salus“, und eine größere, die den Titel führte: „Beiträge zur Wiederherstellung des Menschengeschlechts". Aber auch hier war ein Stück Latinität nicht vergessen, und sowohl das Motto wie die Schluh- zeile der Broschüre lautete: mens sana in corpore sano. sMres Sanatoriums aufnahm. So kam Pupin in Familien, wo er den gesellschaftlichen Schliff erhielt, den er selbst an sich so sehr vermißt hatte. Der Anterricht in der Keksfabrik ging daneben Petter u:to förderte Pupin so, dah er im Herbst 1879 die Aufnahmeprüfung zur Universität Aeuyork glänzend bestand; er wurde sogleich von allen Studienkosten befreit. Mehrere ©ejange aus der Mas und einige Reden Ciceros hatte er auswendig gelernt. Das reiche Sportsleben der Aniversttät konnte Pupin sehr zu seinem LÄdwesen nur nebenbei mitmachen ; er hielt sich streng an sein Studium, so dah er fortlaufend Stipendien gewann, die ihm die Fortsetzung seiner Studien möglich machten. 3m dritten 3atyre erfreuten ihn seine Kommilitonen durch die höchste studentische Ehre, das Präsidium der „Klasse". Am Ende des vierten Jahres legte er die Schluß-Prüfung mit grohen Ehren ab. Damals vermittelte die amerikanische Universität mehr eine allgemeine Bildung. Das eigentliche Berufsstudium folgte auf das vierte 3ahr. Pupin entschloß sich für ein naturwissenschaftliches Studium und wählte auf den Rat seiner Lehrer die dafür beste Schule: Er ging nach Cambridge in England, wo er zwar eine vorzügliche mathematisch-theoretische Ausbildung erhielt, aber den Phh sikun ter richt, den er gesucht hatte, nicht fand. Zwei Jahre später siedelte er nach Berlin über; dort erfüllte das Laboratorium von Helmholtz seine Wünsche. Seine Berliner Studienzeit fiel in das Jahr 1887 mit den grohen Entdeckungen von Heinrich Hertz, die nicht nur Pupin, sondern der ganzen Phhsikerwelt die Augen über das zu öffnen begannen, was Elektrizität ist. Das reiche wissenschaftliche Leben, das von Helmholtz, Kirchhoff und anderen ausströmte, dämpften das starke germanenfeindliche Vorurteil Pupins. Einen eigentlichen Abschluß fanden seine Studien in Berlin nicht; er nahm die Berufung der Columbia- Aniversität in Reuhvrk auf den Lehrstuhl für mathematische Physik an und verheiratete sich mit einer Amerikanerin. Bald nach Beginn seiner Tätigkeit an der Columbia-Aniversität wurden die Röntgenstrahlen beginnt, und Pupin machte die ersten Röntgen- bilder in Amerika. Heute ist er noch Professor in Reuhvrk. And nun zum SHluh einige Worte über die Erfindung, die Pupins Hamen in 6er ganzen technischen Welt bekannt gemacht hat, und zu ihrer merkwürdigen Geschichte: In Jdvor grasten dieQchsen auf einer Wiese mit tjartan Boden; daneben lag ein Maisfeld, das ttef gepflügt war, dahinter ein rumänisches Dorf, in das so mancher Ochse verschwand. Die jungen Burschen von Jdvor bildeten deshalb eine Postenkette an der Grenze. Am sich verständigen zu können, richteten sie sich eine Signalisierung ein, indem sie ihre langen Messer in den Boden steckten und die Signale durch Klopfen an die Messergriffe hervorbrachten. Die Töne konnten sie dann abhören, doch gelang dies nur auf dem harten Boden, dagegen! nicht -auf dem weichen Boden des Mais selbes. Run fand Pupin später einmal in Paris eine Ausgabe der „Analytischen Mechanik", von La Grange, mit einer Therme einer „harten" Saite, längs deren sich die Wellen besser fortpflanzen, als längs einer gewöhnlichen Saite. Aus einer Schweizerreise mit seiner jungen Frau fiel ihm auf Grund der vielen Aehnlichkeiten zwischen mechanischen und elektromagnetischen Grscheidungen ein, dah schnell aufeinanderfolgende elektrische Wellen, wie in .elektrische Strome umgesetzte Schallwellen, wohl über einen „harten" Draht besser laufen mühten, als über einen „weichen". Diese elektrische „Härtung" des Drahtes erzielte er dadurch, dah er in gewissen Abständen auf Eisenkerne, gewöhnlich eiserne Ringe, gewickelte Spulen in die Leitungen einschaltete und so die Sprech- verstandigung ganz außerordentlich verbefferte, ja sie auf Kabeln von nur einigermaßen beträchtlicher Länge überhaupt erst möglich machte. Die LÄensgeschichte Michael Pupins ist ein Beweis dafür, dah ein tüchtiger Kerl alle Hemmungen überwindet und sich die Stellung im Leben verschafft, die seinen Fähigketten entspricht. Onltel Dodo. Von Theodor Fontane. (Schluß.) Frau Karoline nahm meine Hand. „Ich sehe schon. Es sind ja nur vierzig Minuten von hier bis an den Bahnhof, aber Sie zittern schon bei der bloßen Möglichkeit einer Zugversäumnis. And so will ich Sie nicht weiter bitten. Im «September ist Kaltwasser- kongreh in Wiesbaden, wohin der Onkel unweigerlich geht. And so glaub' ich mich denn (immer vorausgesetzt, daß «Sie wollen), dafür verbürgen zu können, dah Sie den Faden, den Sie heute selbst durchschneiden, um jene Zeit ungestört wieder anknüpfen tonnen. Der Herbst ist unsere beste Zett und sie sind, wie «Sie tröffen, immer le bienvenu. And mm gäben «Sie mir den Arm, daß wir noch einen Spaziergang machen. Ich habe noch allerhand Fragen auf dem Herzen: die Kinder müssen cnis dem'Haus, Albert gewiß und auch Alfred und Artur. Aber ich schwanke noch, wohin und bin außerdem, aus Prinzip, gegen denselben Ort und dieselbe Schule für alle drei. . Da hängen sie dann zusammen und leben in sich hinein, anstatt aus sich heraus zu leben." And bannt fuhren wir auf die Parkwiese hinüber und gfov gen in Geplauder den schräglaufenden Kiesweg hinauf, auf dem Schriftleitung: Dr. Friedr, Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brüblfchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.