Jahrgang (92$ Samstag, üenjO. Mai Nummer 20 er» nm e, o, aN TT« )e» >en »er che zu »er ein 3n la» ein ipe iet iß. en nß »er licht eit iß» ch» a WC m« »er rnt :a» hn >w tä HU,1 au Sieben dem Kandelaber einer elektrist am Fahrdamm, wo der Verkehr am laute! en in n- chi kl» en r» en er in it» au er »ie »l» •n. «4 te, en Der Mann im blauen Kittel kam aber nicht. Angstklopfenden Herzens, Verzweiflung im Mick, starrte der msch noch immer in das unoetminßert lebhafte Gewühl a!) •$= ge en it» ä ne ne :a» »is hr in. ir. g- Ns Frische Fahrt. Bon Joseph von Eichendorff. Laue Luft kommt blau geflossen, Frühling, Frühling soll es sein! Waldwärts Hörnerklang geschossen, Mut'ger Augen lichter Schein: And das Wirren bunt und bunter Wird ein magisch wilder Fluß. Sn die schöne Welt hinunter Lockt dich dieses Stromes Trust. And ich mag mich nicht bewahren! Weit von euch treibt mich der Wind, Auf dem Strome will ich fahren, Von dem Glanze selig blindI Tausend Stimmen lockend schlagen, Hoch Aurora flammend weht. Fahre zul Ich mag nicht fragen. Wo die Fahrt zu Ende geht! Mutter. Skizze von Kuno Bernhard. Die breite Grobstadtstrabe war. wie täglich um die Abendstunde, von einem sinnverwirrenden Verkehr erfüllt. Dichtbeseyte Züge der elektrischen Straßenbahn polterten unter unaufhörlichem Geläut auf doppelten Geleisen dahin. Tutend knatterten Automobildroschken, in eiliger Fahrt schwerfällig rasselnde Lastwagen überholend. An den Fahrdämmen entlang bewegten sich allerlei Karren und Gefährte von Händlern, deren Rufen samt dem Geklingel zahlreicher Fahrräder von dem Getrappel der Pferde und dem Lärm der Wagen rasselnd verschlungen ward. Da es um die Stunde war. wo sich die Danken, die groben Warenhäuser und kaufmännischen Kontore schließen, so wanderten unter den Massen der Fußgänger, auf dem Asphalt an den Häusern, Scharen von jungen Leuten und ganze Reihen geputzter Geschäftsmädchen einher. Rur noch, sobald ein fremdes Augenpaar das seine traf, erhob er den müden, schmerzenden Arm. Dann ruhte gewöhnlich der fremde Blick sekundenlang in dem seinen, bis er. gleichgültig oder ein wenig verlegen, vorbeiglitt. Längst brannte den hilflos in dem Kasten Liegenden ein wühlender Hunger. Denn schon vor Stunden hätte ein Mann in einfachem Arbeitskittel, dessen elende Kammer er mitbewohnte, kommen und ihn holen müssen. Mit Lust begann er sich vorzustellen, wie jener grobe Mensch ihn täglich von der Qual des stundenlangen Hockens auf beti Straße befreite. Hetzt — aber jetzt — muhte aus den Schwärmen vorüberströmender Leute, aus diesem endlosen Schreiten von Beinen und Kleidern, sein schwerer Tritt sich endlich nahen! Sn fiebernder Sehnsucht sah er den Mann bereits sich nieder» ducken, und wie immer, schweigend und mürrisch, den kurzen Strick am Kasten ergreifen. Auf den holpernden Röllchen ging es dann im dichten Gedränge einher, das sich rings erhob wie die Wände eines Schachts, bis ihn eine abgelegene Gasse in ihr stilles Düster aufnahm. Oester und öfter sank es schon vor seine Augen wie schwarze Schleier. Er stützte die schwachen Arme auf den Boden, schob mit grober Mühe sich und den Kasten dicht an den Kandelaber heran und lehnte, von der Anstrengung zum Erlöschen erschöpft. Kopf und Schulter an die eiserne Rundung. War es das Denken an die baldige Heimfahrt, war es der stundenlange Eindruck des lärmenden Verkehrs — er fühlte sich plötzlich auf brausendem Meer, von Wogen und Wellen gedreht und gewirbelt, allein in furchtbarer Einsamkeit. Er sah in einem fleinen Kahn, schwankte unb wankte auf unb ab, unb um ibn, über ihm war ein Brausen, nichts als Brausen. , , Snt SSaßn halber Bewußtlosigkeit umklammerte er den Rand seines Kastens. Es bestand kein Zweifel: das Holz war kalt und naß. Run spürte er auch auf den Händen, aus Gesicht und Racken, kalte tippende Reize. Er hörte wieder das Rasseln der Wagen, den polternden Gang der Elektrischen: das Schlürfen und Tappen unzähliger Füße. — — Unb plötzlich merkte er, daß alle Lichter brannten und auf der glänzenden Fläche des Asphalts sich spiegelten! Mit zitternden Händen suchte er seine Decke zu fassen, die. den Kasten polsternd, zugleich seine Verstümmelung verhüllte. Die Decke war schwer und naß, und darunter brannte es wie Feuer. Run hörte er noch, wie eine Frauenstimme sagte: „Daß so etwas auf der Straße geduldet wird!"--Da kam die schwarzg Macht von neuem. Der Halt neben ihm wich. Er wollte schreien, doch die Zunge band eine lähmende Starrheit. So glitt er, bereits bewußtlos, nach rückwärts aus, der Kasten kippte, und der elende Rumpf schlug ohne Laut auf das Pflaster hin. Sogleich bildete sich trotz des Regens ein Menschenauflaus. Man hörte erregte Stimmen. Mehrere Schutzleute erschienen. And etliche Minuten später eilte ein Krankenwagen der Stätte des Anfalls zu. Es dauerte im Krankenhaus lange Zeit, bevor die Bewußtlosigkeit des Anglücklichen in einen schweren Schlaf überging. Der Arzt gab sich diesmal keine sonderliche Mühe mit einer Wiederbelebung. Bei der Antersuchung sagte er: „Keine zwölf Stunde« mehr," und fügte mit einem warmen Klang des Mitleids beb „Sft ja auch das beste so." Als der Tag graute und die Stunde kam, wo in der Groß-, stadt die Tausende von Arbeitern zum täglichen Broterwerb auf® brechen, bemächtigte sich des Schlafenden eine seltsame Anruhe. Sn fein dämmerndes Bewußtsein drang nämlich unerbittlich der Gedanke ein, er müsse aufstehen, und sich wie jeden Morgen aus die Straße fahren lassen. Halb träumend und noch in den Fesseln tiefen Schlafes, wartete er darauf, daß die Dielen feiner Kammer, auf denen er sich gebettet glaubte, unter den schweren Tritten seines Kameraden zu dröhnen begännen. Heden Augenblick müßten ihn nun dessen derbe Hände fassen, jeden Augenblick müßten ihn nun feiner rohen Stimme anheben: „Wach auf, wach auf! Ob man nun Beine hat oder nicht, gearbeitet werden muß!“ Er wunderte sich, daß ihn sein Gefährte noch immer nicht wachschüttelte. Er lauschte angstvoll durch seinen leiser und leiser werdenden Schlummer. Doch in der Kammer blieb alles still. Da ging infolge der schrecklichen Stille langsam die grausame Gewißheit in ihm auf, daß sein Genosse sich wieder einmal an seine Arbeit begeben hatte, ohne ihn zu wecken. Ein qualvoller Tag stand nun bevor! Anfähig, sich Essen zu verdienen, mußte er, am Boden kriechend wie ein Tier, bis an den fernen Abend warten! Er lauschte, im Halbschlaf schwer atmend, noch einmal Doch als wiederum kein Schritt, kein Dielenknarren die tiefe Stille unterbrach, fließ er, von Verzweiflung überwältigt, einen jammernden Schrei aus: — und wachte von dem Schall der eignen Stimme auf. Eine nie geschaute heitere Helligkeit umgeb ihn. Er erblickte über sich die weiße Decke eines hohen Zimmers, die in sanfter Rundung in hellgrüne Wände überging. Von ßee Decke herab hing, glitzernd und mit buntem Glas verziert, eine elektrische Lampe. — And als sein Blick, verwundert und entzückt, weiterschweifte, bemerkte er plötzlich, daß am Fußende de- Bettes, in grauem Kleid und mit weißer Haube, eine Schwester faß. Zwei dunkle Frauenaugen blickten ihn groß und mitleidsvoll an. Gießener Hamilienblcitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger rd>en Bogenlampe, nahe _ . ____ ______esten brandete, bemerkte man am Boden eine seltsame Gestalt. Sn einem schmalen Kasten, der mit plumpen Rollen versehen war, hockte dort ein ärmlich gekleideter Mensch. Der vorbeiströmenden Menge zugewandt, hielt er denen, die nahe an seinem Kasten vorübergingen, immer wieder mit flehender Gebärde ein armseliges Bündel Schnürbänder entgegen. Das eingefallene Leidensgesicht und die erschreckende Kürze des Kastens ließen erkennen, daß dem Menschen beide Beine fehlten. Richt einmal kam es vor, daß aus der Masse sich jemand löste und dem Anglücklichen eine Münze gab. Die trüben Augen in dem bleichen Gesicht, dessen Hua end vor knöcherner Magerkeit kaum zu erkennen war, starrten voll wilder Angst in die erbarmungslos vvrübereilende Menge. — — 78 - Der arme Mensch blieb vor ©tannen lange stumm. Erst als er den Hellen Sonnenslecken, die das Kleid der Schwester und die Tür beleuchteten, erkannte, daß der Tag längst angebrochen war, griff es wieder wie mit schweren Händen schreckhaft an sein Herz: er müsse auf die Straße und verkaufen. Darum sagte er, mit vor Schwäche leiser Stimme: „Wo bin ich denn? Ich muh ja fort!“ Sogleich erhob sich die Schwester, trat an ihn heran und faßte nach seinem Handgelenk. „Sie müssen nicht fort, HerrKeu- tnann," antwortete sie. „Sie haben nur schlecht geträumt“ Sie sprach diese Worte langsam, gütig und mit einer ruhigen Gewißheit. Sn ihren Zügen war eine stille Fassung, welcher ein tiefer, mehr ernster als heiterer Friede in ihrem Wesen zu entsprechen schien. m , „„„ ,„,, Wie sie nun still und aufmerksam seinen Puls zahlte, blickte der arme Mensch zu ihr empor. Der warme Druck ihrer lebens-. kräftigen Hand tat ihm wohl und wirkte beruhigend. Xlnb daß sie ihn, wie einen lieben Bekannten, bei seinem Kamen nannte, schuf eine vertrauensvolle Kähe von ihm zu ihr. Kun lieh sie seine Hand sinken, schob ihre Uhr wieder hinter die Schürze, und schaute ihn mit ihren dunklen Augen an. Der Glanz eines langen, kampsesreichen Lebens und das Leuchten einer Seele war darin. „Hetzt will ich dem Herrn Doktor sagen, dah Sie ausge- schlafen haben," sagte sie. „Wenn Sie irgend etwas wünschen, fo klingeln Sie. Ich komme so bald wie möglich wieder." — Sie neigte zum Gruh das Haupt und ging leise und rasch aus dem $ Kun lag der verlöschende Mensch still und allein. Er hatte der Schwester nachgeschaut, und ihre volle und tüd>t:ge Gestalt, der eine frauenhafte Anmut eigen war, stand noch vor seinem innern Blick. Von den schneeweißen Ä ffen und der Decke seines Bettes her kam der frische Dust reiner Wäsche. Gr hob den Arm ein wenig und betrachtete das Linnen seines Hemds. Da fiel ihm auf, daß auch feine Hand hell und sauber aussah: und als er damit über die Lippen strich, empfand er, dah die Hand weich und geschmeidig war, und einen fremden Wohlgeruch an sich trU9®ine schluchzende, innige Dankbarkeit stieg in ihm aus. Wer natte wohl fein Bett zurecht gemacht? Wer hatte ihn gewaschen, ihn in das kühle, reine Hemd gekleidet? Ejr sehnte sich nach der Schwester und wendete den Mick nicht von der Tür. Die Schwester kam! , , , , Gr lächtelte ihr entgegen, und sie streifte ihn mit freundlich dankendem Blick. Sie trug in der Hand eine Tasse, stellte sie aus den Tisch, dem Bett gegenüber, und sagte: „Sie sollen versuchen, etwas zu genießen.“ Gehorsam wollte er sich aufrichten, allein er sank mit leisem Stöhnen sogleich in die Kissen zurück. „Einen Augenblick,“ sprach sie, „ich helfe Ihnen," Und schon beugte sie sich über ihn, legte den rechten Arm u#n seine beiden Schultern, und richtete die traurig leichte Last langsam auf. Er sah die feinen, herben Falten in ihren Wangen: er sah die vielen silbern:n Fäden in ihrem sch iht g.scheitelten Haar: er fühlte die Wärme ihres Armes wohlig durch fein dünnes Hemd: und kam sich wunderbar geborgen vor. Inzwischen führte die Schwester mit der linken Hand die Tasse an seinen Mund. Sie wollte den armen Menschen füttern, wie sie schon so viele Kranke gefüttert hatte. Es schien, als wollte er nicht trinken. Flüsternd bewegten sich seine Lippen, und — hörte sie recht? — „Mutter" klang «s schüchtern, leise und verschämt, und noch einmal, mit einem glückseligen Lächeln auf den eingefallenen Wagen: „Mutter." Eine dunkle Kote stieg in das stille, verschlossene Gesicht der Schwester. Sie sprach kein Wort, aber sie schaute mit einem bewegten, unbeschreiblichen Blick den Kranken an. Aus dessen Gesicht ging eine Veränderung vor. Das glückliche Lächeln erstarb, die tränenschimmernden Augen schlossen sich jäh, und von neuerlichrr tiefer Ohnmacht befallen, lag er wie leblos in der Schwester Arm.--— Kach Stunden erfüllte sich die wesenlose Kacht seiner Bewußtlosigkeit mit einem rauschenden Brausen. Menschliche Stimmen klangen hindurch wobei er deutlich den Schall schwerer Schritte, eine Männerstimme, das Geräusch aneinanderklirrender Instrumente, und hin und wieder sanfte Worte aus Frauenmund unterschied. Diese Klänge der Außenwelt wurden aber immer wieder von dem Kauschen jener brausenden Finsternis verschlangen. Gr konnte sich nicht bewegen and fühlte erschauernd, wie, an den Fingerspitzen beginnend, eine dumpfe Erstarrung sich langsam feiner bemächtigte. Einmal gelang es ihm, irnrch die brausende Flut hindurch In ber er immer tiefer versank, die Augen aufzuschlagen. Er begriff, baß er ausgestreckt auf dem Kuchen lag. Gr begriff, daß sich jemand über ihn beugte: zwei dunste Frauenaugen ,,. eine ganze Fcauenfsele ... der Schwester, der Mutter schmer- zenreiches, nun unverhülltes Angesicht.-- Koch einmal, und noch ein letztes Mal, tauchte er aus den Schrecknissen der Kacht empor. Änd jedesmal stand treu und lindernd das Frauenantlitz über ihm. Der geheimnisvolle Lama-Rächer. Don Dr. Ferdinand Ossendowsk i*). Kach der zweitägigen Keife, die uns bei Schnee und scharfer Kälte über 1Z0 Meilen weit gebracht hatte, genossen wir die Kühe in der Hurte. Bel dem aus saftigem Hammelfleisch bestehenden Abendmahl unterhielten wir uns frei und sorglos, als wir plötzlich eine tiefe rauhe Stimme hörten: „Sayn — guten Abend!" Wir wandten uns von dem Feuerbecken zur Tür und sahen einen mittelgroßen, stark untersetzten Mongolen, der einen Mantel aus Hirschfell und eine Kappe mit Seiienstappen trug. In seinem Gürtel stak dasselbe große Messer in grüner Scheide, das wir auf dem wegeilenden Keiler gesehen hatten. „Amoursayn" erwiderten wir. Er knüpfte geschwind feinen Gürtel auf und legte seinen Heber» zleher zur Seite. Kun stand er vor un3 In einem wunderbaren Gewand aus gelber Seide, das wie Gold glänzte. Sein glattrasiertes Gesicht, fein geschorenes Haar, sein Kosenkranz aus roten Korallen an der linken Hand und fein gelbes Kleid bewiesen klar, daß ein hoher Lamapriester vor uns stand, — ein Lamapriester mit einem großen Totschläger, der unter einer blauen Schärpe versteckt war! Ich wandte mich nach unserem Gastf .eund und meinem mongolischen Führer Tzeren um und sah auf ihren Gesichtern Furcht und Verehrung. Der Fremde kam an das Feuerbecken heran und setzte sich nieder. Als er von unserem mißglückten Versuch, durch Tibet vorzudringen, hörte, lauschte er mit großer Aufmerksamkeit und Sympathie: „Kur ich allein hätte Ihnen dabei helfen können, aber niemals der Karabantschi Hutuktu. Mil einem laissezpasfer von mir hätten Sie sich in Tibet überallhin begeben können. Ich bin Tushegoun Lama." Tushegoun Lama! Wie viele außerordentliche Erzählungen hatte ich schon über diesen Mami gehört. Ec ist ein russischer Kal- mück, der infolge der Propaganda, die er für die Unabhängigkeit! des Volks der Kalmücken trieb, zur Kegierungszelt des Zaren die Bekanntschaft vieler rufsischer Gefängn ffe machen mußte, und der aus demselben Grunde von den Bolschewist verfolgt wurde. Gr entkam nach der Mongolei und erlangte hier sofort großen Einfluß unter den Mongolen. Das war kein Wunder: denn er ist ein enger Freund und Jünger des Dalai Lama in Potala (Lassa) und der gebildetste aller Lamaisten, ein berühmter Heilkundiger und Doktor. In seinem Verhältnis zu dem Lebenden Buddha nahm et eine fast unabhängige Stellung ein. Er wurde zum Führer aller Kcmabenftämme der Wesimongol i und Zungarel. ja fein Emstuß reichte sogar bis nach Turkestan hinein. Seine Macht beruhte auf seinem großen Wissen in den Dingen des Mysteriums, wie er sich ausdrückte. Aber sie hatte auch, wie man mir sagte, zum großen Teil ihren Grund in der panikartigen Furcht, die er den Mongolen einzuflößen verstand. Wer seinen Befehlen nicht gehorchte, kam um. Der älngeßorfame konnte niemals Tag und Stunde wissen, wann der strafende Lama, der merkwürdige und mächtige Freund des Dalai Lama, auftauchen würde. Ein Messerstich, eine Kugel oder ein Griff an die Kehle waren der kurze Prozeß, mit dem der Wundertäter strafte. Außerhalb der Hurte heulte der Wind und trieb den gefrorenen Schnee gegen die scharf gespannte Filzumwandung. Durch das Geheul des Windes drang der Lärm mehrerer Stimmen, Schreien und Gelächter herein. Ich fühlte, daß es in dieser um» gcbung nicht schwer fein würde, einen herum stehenden Komaden an Binder glauben zu machen: denn die Katur selbst gab sich dazu her. Dieser Gedanke war kaum in mir aufgestiegen, als der Tushegoun Lama plötzlich fein Haupt erhob, mich scharf anfah und zu mir sagte: ,. . . Es gibt in der Katur so manches, was trstr nicht kennen, und die Fähigkeit, das Unbekannt anzuwenden, läßt das Wunder entstehen. Aber diese Fähigkeit ist nur wenigen gegeben. Das *) Wir entnehmen diese Szene dem fabelhaft spannenden Buch „S i e r e, Menschen, Götte r", das Wolf vvn Dewall für die Frankfurter Societäts-Druckerei G. m. b.H. aus dem Amerikanischen übersetzt hat. Das Buch, eine der größten Sensationen unter den Keuerscheinungen d eses Jahres, sch Ideri dle abenteuerlichen Erlebnisse des polnischen Gelehrten Dr. Offen" dvwski in Sibirien und der Mongolei während der russischen Kevolutlon. Offendowski, der in Sibirien hoher rufsischer Beamter war, floh vor den Bolschewiken in die unendlichen Wälder des Ural, er schildert nun das Leben eines modernen Kobinson, der monatelang als Höhlenmensch nur die Tiere des Waldes als Gesährten hat. Hm ihn sammeln sich dann eine Keihe russischer Flüchtlinge. Mit ihnen beginnt er eine romantische Fahrt durch die Mongolei, an Abenteuern mit seltsamen Menschen außergewöhnlich reich und mit feinem, psychologischem Verständnis für Land und Menschen des fernen Ostens geschildert. Das Buch wird verschlungen werden wie einst Kobinson oder Coopers Trapperromane, zumal es auch politisch interessante Ausschlüsse gibt über die Verhältnisse im innersten Asten, über die wir dank den vorbeugenden Maßnahmen der Sowjetregierung bisher nur höchst unvollkommen unterrichtet waren. — 7» -* WM ich Ihnen beweisen und Sie sollen mir nachher sagen, vV Vie schon gesehen haben, was ich Ihnen zeigen werde." Er stand auf, streifte die Aermel seines gelben GewcmdeS in di« Höhe, ergriff sein Messer und schritt zu dem Schafhirten hinüber. „Mischik, steh auf" befahl er. Als der Hirte aufgestanden war, knöpfte der Lama schnell den tKOd des Mannes auf und entblößte dessen Brust. Ich konnte noch nicht verstehen, was er vorhatte, als der Tushegoun plötzlich mit aller Kraft sein Messer in die Brust des Hirten hineinstieß. Der Mongole stürzte zu Boden, den ganzen Körper mit Blut bedeckt. Auf dem gelben Seideugewande des Lauras nahm ich einen Blutspritzer wahr. „Was?" fragte dieser schläfrig. „Pst, ruhig," flüsterte er, indem er mir ein völlig weih gewordenes Gesicht zuwandte. Mit wenigen Messerschnitten öffnete er die Brust des Mon- flöfen. Ich sah die langsam atmende Lunge des Hirten und die Bewegungen seines Herzens. Der Lama rührte diese Organe mit seinem Finger an, doch schien kein Blut mehr zu fliehen, auch war das Gesicht des Hirten vollkommen ruhig. Er lag mit geschlossenen Augen da und schien sich in tiefem Schlaf zu befinden. Als der Lama sich anschickte, den Leib des Hirten zu öffnet, schlotz ich meine Augen aus Furcht und Entsetzen. Als ich sie kurz danach wieder ein wenig öffnete, war ich noch mehr verwundert, denn ich sah, dah der Hirt mit noch, immer offenem Rock, aber heiler Brust dalag und sich in einem ruhigen Schlafe befand, während der Tushegoun Lama am Feuer sah, seine Pfeife rauchte und in tiefen Gedanken in die Flammen starrte. «Das ist wunderbar," bekannte ich. „Ich habe niemals dergleichen gesehen." «Wovon reden Sie?" fragte der Kalmück. „Bon Ihrem Wunder — wie Sie es nennen," erwiderte ich „Ich habe es niemals so genannt," verwies mich der Kalmück mit kaltem Ausdruck in seiner Stimme. „Haben Sie es gesehen?" fragte ich meinen Begleiter. „Was," fragte dieser schläfrig. Ich verstand, dah ich zum Opfer der hypnotischen Kraft des Tushegoun Lama geworden war. Doch war mir das lieber, als «inen unschuldigen Mongolen sterben zu sehen. Denn ich hatte nicht geglaubt, dah der Tushegoun Lama die Körper seiner Opfer ebenso schnell zusammenzuflicken vermochte, wie er sie sicherlich auf- fchneiden konnte. Am nächsten Tage verabschiedeten wir uns von unseren Gastfreunden. Wir beschlossen zurückzukehren, da ja unsere Mission erfüllt war. Tushegoun Lama erklärte uns, dah er überall sei. Gr wandere durch die ganze Mongolei, lebe bald in der alleinstehenden einfachen Hurte des Hirten und Hagers, bald in den prächtigen Zelten der Fürsten und Stammeshäuptlinge. Als sich dieser kalmückische Zaubermeister von uns trennte, sagte er mit schlauem Lächeln: «Sagen Sie den chinesischen Behörden nichts über mich." Dann fügte er hinzu: „Was Sie gestern Abend erlebt haben, war nur eine flüchtige Deinvnstrativn. Ihr Europäer wollt nicht erkennen, dah wir unaufgeklärten Nomaden die Kräfte des geheimen Wissens besitzen. Wenn Sie nur die Wunder und die Macht des Heiligsten Tashi Lama erblicken könnten, auf dessen Befehl sich z. B. die Lampen und Lichter vor der alten Statue Buddhas entzünden, dann würden Sie anders denken. Aber es gibt noch einen mächtigeren und heiligeren Wann . . ." „Das ist der König der Welt in Agharti?" unterbrach ich ihn. Er starrte mich in grober Verwunderung an. „Haben Sie von ihm gehört?" fragte er, indem er seine Stirn gedankenvoll runzelte. lllach wenigen Sekunden sagte er: „Dur ein Mann kennt seinen heiligen Damen nur ein jetzt lebender Mann ist jemals in Agharti gewesen. Das bin ich Das ist der Grund, warum der Heiligste Dalai Lama mich ausgezeichnet hat und warum mich der Lebende Buddha in Urga fürchtet. Doch ich werde niemals auf dem Heiligen Thron des höchsten Priesters in Lassa sitzen, noch werde ich die Würde erreichen, die von Dschingis Khan, dem Haupt der gelben Lehre, hinterlassen wurde. Ich bin kein Mönch, ich bin ein Krieger und Rächer." Geschickt sprang er in den Sattel, peitschte sein Pferd und flog davon, nachdem er den gewöhnlichen mongolischen Abschieds- grüß: „Sahn! Sayn — bayna!" gesagt hatte. Aus dem Rückwege erzählte uns Tzeren die Hunderte von Legenden, die die Person des Tushegoun Lama umgeben. Eine Geschichte ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war im Hahre 1911 oder 1912, als die Mongolen mit bewaffneter Hand versuchten, ihre Freiheit von den Chinesen zu erkämpfen. Das chinesische Hauptquartier der Westmongolei befand sich in Kobdv, wo ungefähr zehntausend chinesische Soldaten unter Führung der besten chinesischen Offiziere lagen. Der Befehl, Kobdo einzunehmen, wurde an Hun Daldon erteilt, einen einfachen Hirten, der sich in Kämpfen mit den Chinesen ausgezeichnet und vom Lebenden! Buddha den Titel eines Fürsten von Hun erhalten hatte. Mit wilder, furchtloser Entschlossenheit hatte Baldon, der eine riesige Kraft besah, mehrere Male feine schlecht bewaffneten Mongolen Vorn. Sturm vorgeführt. Doch war er jedesmal gezwungen worbe«, zurückzuziehen, nachdem er durch Maschinengewehrfeuer große ~tolufle, erlitten hatte. Unerwartet erschien Tushegoun Lama. Dieser lieh die mongolischen Soldaten um sich herumtreten und hielt ihnen folgende Ansprache: „Ihr müht den Tod nicht fürchten und dürft nicht zurückweichen. Ihr kämpft und sterbt für die Mongolei, der die Götter eine grobe Zukunft bestimmt haben. Seht, was das Geschick der Mongolei sein wird." Er wies mit seiner Hand in die Ferne. Die Soldaten sahen, dah alles Land um sie herum mit reichen Hurten und Weidegründen bedeckt war, auf denen zahllose Herden von Pferden und Rindvieh grasten. Auf den Ebenen erschienen viele Reiter auf Rossen mit kostbaren Sätteln. Die Frauen trugen Gewänder aus prächtigster Seide und hatten massive Silberringe in ihren Ohren und wertvollen Schmuck im Haar. Chinesische Kaufleute brachten eine endlose Karawane zu einem vornehm aussehenden mongolischen Sait heran, der von fröhlich gelleideten Soldaten umgeben war und mit den Kaufleuten mit stolzer Gebärde wegen des Ankaufs der Waren verhandelte. Kurz danach verschwand die Vision. Tushegoun sprach: „Fürchtet den Tod nicht. Gr ist die Erlösung aus unseren Mühen auf Erden und der Pfad zu den ewigen Segnungen. Seht nach Osten. Erblickt Ihr eure in früheren Schlachten gefallenen Brüder und Freunde?" „Ha, wir fehen sie, wir sehen sie," riefen die mongolischen Krieger in höchster Verzückung aus: denn sie erblickten eine grobe Gruppe von Wohnungen, die Hurten oder die Bogengänge von in ein warmes und freundliches Licht getauchten Tempeln sein mochten. Diese Wohnungen waren bedeckt mit roter und gelber Seide, überall glänzten die Pfeiler und Wände in goldenqm Scheine. Auf dem groben roten Altar brannten Opferkerzen in goldenen Kandelabern. Auf weichen Kissen am Boden ruhten die Mongolen, die bei den früheren Angriffen auf Kobdo gefallen waren. Dor ihnen standen niedrige aus Lack gefertigte Tische, die mit vielen dampfenden Fleischgerichten, mit hohen, Wein und Tee enthaltenden Gefäßen, mit Kuchentellern, getrocknetem Käse, Datteln, Rosinen und Rüssen bedeckt waren. Die gefallenen Soldaten rauchten goldene Pfeifen und plauderten fröhlich miteinander. Auch diese Vision verschwand. Vor den in die Luft starrenden Mongolen blieb lediglich der mysteriöse Kalmück mit erhobener Hand übrig. „Hinein in die Schlacht und keine Rückkehr ohne Sieg! Ich bin im Kampfe bei euch." Der Sturm begann. Die Mongolen kämpften mit wütendem Mut, fielen zu Hunderten, aber eroberten Kobdo. Dann wiederholte sich der seit langer Zeit nicht mehr dagewesene Vorgang: die Zerstörung einer richtigen Stadt durch Tatarenhorden. Hun Baldon gab das traditionelle Zeichen zur Plünderung, indem er drei mit roten Bändern versehene Speere pyramidenförmig zusammengesetzt über seinem Haupte tragen ließ. Dadurch lieferte er die Stadt den Soldaten für die Dauer von drei Tagen aus. Mord und Plünderung begannen. Alle Chinesen fanden den Tod. Die Stakü wurde verbrannt und die Mauern der Festung geschleift. Danach kam Hun Daldon auch nach älliassutai, um auch dort die chinesische Festung zu zerstören. Als Zeugen dieses Ereignisses finö heute die Ruinen zu fehen, die zertrümmerten Mauern und Türme, die nackt in die Lust ragenden Tore und die Reste der verbrannten chinesischen Amtsgebäude und Kasernen von äUiassutai. Wie Kant beinahe geheiratet hätte. Novelle von August SchrIcker. (Fortsetzung.) Die Gesellschaft vom Philosophischen Weg fand sich In der Gemäldesammlung wieder. In einigen Sälen und kleineren Zimmern, welche aus dem an der Rückseite des Palastes gelegenen Garten ein mildes Licht empfingen, war vereinigt, was die Gräfin, selbst ausübende Künstlerin und „der Königlichen Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften zu Berlin Ehrenmitglied", im Laufe der Hahre gesammelt hatte, und was an Pastellen, Gmaitlen und Miniaturen ihrer Hand entstammte. Da waren viele der besten Holländer und Pastellproträts von Darbe; das Eigentümliche der Sammlung aber war eine Anzahl trefflicher Gemälde aus der Hand des jüngeren Dietrichs von Dresden, dessen Stärke es war, die Manieren verschiedener Meister bis zur Täuschung nachzuahmen, und der In einer besonderen Beziehung zum Hause stand, da er hier, nach seiner Zurückkunft aus Italien, warme Gönnerschaft gefunden hatte. Kant, lebendig und angeregt, wußte die Bilder in verschiedene geistige Beleuchtungen zu bringen, bald an den Stoff, bald an die Dehandlungsweise anzuknüpfen und auch die Vorzüge der Bilder der Gräfin hervorzuheben, ohne einen Augenblick in den To« der Swmeichelei zu verfallen. Sophie folgte seinen Worten in gespannter Aufmerksamkeit, suchte einzelnes dem Gedächtnis einzuprägen, um es des ÄbendS dem treuen Tagebuch anvertrauen zu können, und dankte ihm mit Frau von Gimborn in schelmischen Worten, daß er ihrer» Begriff von einem Philosophe«, als einem die Art des gewöhnlichen Verkehrs verabscheuenden, unzugänglichen und unverständlichen Manne so gründlich zerstört und den wahren Begriff ihnen gegeben habe, indem er gezeigt, wie der Philosoph jede, auch die kleinste Sache, ihrem vielseitigen Nutzen und den entferntesten Wirkungen nach aufsasse. Dom Turme schlug es dreiviertel; Kant wurde einsilbiger und blickte öfter nach dem Korridor, ob die erwarteten Gäste nicht bald eintreten wollten. Er hatte Hunger, was uns nicht wundern darf, da er seit nahezu vierundzwanzig Stunden nur den Tee von heute morgen genommen hatte. Zum Glück für ihn waren die beiden, außer ihm Eingeladenen, Militärs, von denen größere Punknich» leit zu erhoffen war; der eine, General Meyer, Chef eines Dragonerregiments und Gouverneur, der andere ein jüngerer Oih* zier, Verwandter des Hauses. General Meyer war ein Jugendfreund des Herrn von Gimborn gewesen, mit dem er in einigen Feldzügen gekämpft hatte; dabei wußte die Gräfin, daß er auch ihrem Professor angenehm sein werde, denn in seinem Hause hatte Kant vor einer Anzahl von Jahren ein Kolleg über Mathematik und physische Geographie gelesen, und Meyer war es, der, als einst Kant bei ihm sein Glas über das kostbare Gedeck gegossen hatte, rasch auch seinen Rotwein umstieß, und da es sich eben um die Dardanellen handelte, mit dem Finger im Wein ihre Richtung abzeichnet«. „ Man faß zu Tisch; der Kabeljau, eine Lieblingsspeise Kants, fehlte nicht unter den ersten Gerichten. /Bei einer vollen Tafel," bemerkte Kant gelegentlich, „wo die Wenge der Gerichte nur aus das lange Zusammenhalten der Gäste abgezweckt ist, geht die Unterredung gewöhnlich durch drei Stufen: Erzählen, Räsonieren und Scherzen. Man erzählt die Neuigkeiten des Tages, zuerst einheimische, dann auch auswärtige, durch Privatbriefe und Zeitungen eingelaufene. Wenn dieser erste Appetit befriedigt ist, dann kommt es an bas Räsonieren, und nun wird die Gesellschaft schon lebhafter. Denn weil beim Vernünfteln über einen und denselben auf die Dahn gebrachten Gegenstand die Verschiedenheit der ‘Beurteilung schwerlich zu vermeiden ist und jeder doch von der seinigen eben nicht die geringste Meinung hak, so erhebt sich ein Streit, der den Appetit für Schüssel und Douteille regt und nach dem Maße der Lebhaftigkeit des Streits und der Teilnahme an derselben auch gedeihlich macht. Weil aber das Vernünfteln immer eine Art von Arbeit und Kraftanstrengung ist, diese aber durch einen reichlichen Genuß der Speisen endlich beschwerlich wird, so fällt nun die Unterredung natürlicherweise auf das bloße Spiel des Witzes, zum Teil auch, den anwesenden Frauen zu gefallen. Bei diesen tun die kleinen mutwilligen, aber nicht beschämenden Angriffe auf ihr Geschlecht die Wirkung, sich in ihrem Witze selbst vorteilhaft zu zeigen. Lind so endigt die Mahlzeit mit Lachen, welches, wenn es laut und gutmütig ist, die Natur durch Dewegung des Zwerchfells und der Eingeweide ganz eigentlich für den Wagen zur Verdauung und zum körperlichen Wohlbefinden bestimmt hat." Genau nach dieser Auseinandersetzung verlief das Mahl. Ein Gespräch über das Wetter war auf dem Gang zu T.sch unvermeidlich. Darauf hielt Kant, der sich viel mit den Einflüssen der Luft und der Luftelektrizität auf fein Befinden beschäftigte und die Beobachtungen anderer einzog, um daran Bemerkungen und Schlüsse zu knüpfen. Dann gaben die Kämpfe der Engländer mit den Nordamerikanern, Pombals Reformen und einige Neuigkeiten aus der administrativen und militärischen Welt unerschöpflichen Stoff, und unvermerkt war man ins „Ääsonieren" geraten, indem die Neuangekommenen etwas von den Königsberger Größen, dem Pack- hosverwalter Hamann und dem Stadt- and Kriminalrat Hippel zu hören wünschten. . —' Gin« kunstvoll Bereitete süße Schüssel bildete den Anlaß und MeBergang zu den Scherzen des Nachtisches. Indem Kant die Bereitung der Speise mit wirklicher Kennerschaft besprach, sandte er einige kleine Pfeile auf die Jüngste der Anwesenden und „das Frauenzimmer" überhaupt. Er hatte erfahren, daß Sophie eine begeisterte Anhängerin der Musik sei und selbst eine große Fertigkeit in der Behandlung des Klaviers besitze. So warf er denn eines seiner beliebtesten Tischthemas aus, das „junge Frauenzimmer" sollte sich ebenso von einem Koch in der Kochkunst unterrichten lassen, als von dem Musikmeister in der Tonkunst, weil sie sich bei ihrem künstigen Manne, er sei wer er wolle, Gelehrter oder Geschäftsmann, weit mehr Achtung und Liebe erwerben würde, wenn sie ihm nach vollbrachter Arbeit mit einer wohlschmeckenden Schüssel ohne Musik, als mit einer schlechtschmecken- den mit Musik ausnehmen möchte. Einmal war ihm bei einer solchen Gelegenheit von einer Dame erwidert worden: „Es ist doch, lieber Herr Professor, wirklich, als ob Sie uns alle bloß für Köchinnen ansähen." Sophie dagegen trat mit Humor in den Kampf ein und meinte, Musikbetrieb und gutes Essen seien, um philosophisch zu reden, keine sich ausschließenden Begriffe, und gute Musik schmecke nach einem guten Essen um so besser. Da der General die Bemerkung beibrachte, in Schottland sei es in/pt besten Häusern der Brauch, den Töchtern in der Kochkunst von einem Koch Lektionen geben zu lassen, erklärte Sophie es unter dem Beifall aller für noch besser, wenn diese Lektionen durch dis Mutter erteilt würden, und Frau von Gimborn begann die Mutter Sophies als ein Muster aller häuslichen Tugenden zu rühmen, die sie nicht ohne Erfolg auf die Tochter zu übertragen bemüht gewesen sei. Die ganze Unterhaltung, wie sie Sophie führte, war dem Gelehrten äußerst gemäß. Er sah es gern, wenn jemand In seiner Rühe, während er selbst sich durch den Andrang seiner Ideen oft von dem Hauptgegenstande ableiten ließ, den Faden des Gesprächs festhielt, und Sophie hatte dies in ausgezeichneter Weise verstanden. Er sagte sich im stillen, daß sie das besitze, was er als das Eigentümliche der Frauen im Gegensätze zu dem sogenannten „tiefen Verstand" der Männer bezeichnet hatte, nämlich den „s ch ö- nen Verstand". Auch häusliche Eigenschaften annehmen zu dür- sen, war ihm eine angenehme Ergänzung des Bildes. Nach Tisch, als er sich mit der Gräfin über das Mädcheln. unterhielt und ihr Alter auf dreiundzwanzig bestimmte, während die Gräfin mindestens sechsundzwanzig glaubte annehmen zu müssen, sprach er — immer im Tone der psychologischen Untersuchung — die Vermutung aus, sie werde wohl längst schon ihr Herz vergeben haben, und es dürfe dem Künftigen Gutes prophezeit werden. Der zweiten Hälfte der Vermutung beistimmend, widersprach die Gräfin doch der erfteren auf Grund bestimmter Anzeichen, welche allerdings nur dem Auge der Frauen erkennbar seien. Ueber das lebhafte Interesse des Profefsors für die junge Fremde machte sich die Gräfin keine besonderen Gedanken, denn, wie sie ihn als für den Junggesellenstand vorherbestimmt ansah. so schien ihr jede Hoffnung auf Aenderung dieses Zustandes entschwunden, seit Kant — es war vor wenigen Jahren — einer jungen, schönen, sanften Witwe feine Neigung zugewendet, aber mit seinem Anträge so lange gezögert hatte, bis ein anderer mit rascher Hand sie in sein Heim führte.-- Nach einigen Tagen, welche die beiden Damen auf Besuche und Einladungen verwendeten, fuhren sie nach dem Gute, das Frau von Gimborn zugefallen war und das in der Nähe.von Moditten lag. Schon auf dem Hinwege kehrten sie mit den Empfehlungen der Gräfin und Kants im stattlichen Forsthaufe ein. Als sich ihnen auf dem Gute manches Unerfreuliche zeigte, die Zimmer verwahrlost, die Rechnungen schlecht geführt waren und aus manchen Anzeichen der Verdacht der Untreue gegen den Inspektor rege wurde, schien es angemessener, von diesem sich nicht die bei einem Aufenthalt im Schloß unvermeidlichen kleineren Gefälligkeiten erweisen zu lassen. Schnell war der Entschluß gefaßt, nach dem Forsthause zurückzukehren und dort für die nächsten Tage um Quartier zu bitten, um so das lästige Fahren zu und von der Stadt zu vermeiden. Frau Wobser hatte mit einer wortarmen, aber sonnenartigen Freundlichkeit die Herzen der beiden Damen bei ihrem ersten Eintreten gewonnen; als echte Westfalin taute sie erst allmählich zur Gesprächigkeit auf. Den Oberförster hatten sie noch nicht getroffen, er sollte von einer entfernteren Schonung erst abends nach Hause kommen. Eben, als die Fäden der verwickelten Verwandtschaft zwischen Sophie und der Frau Oberförsterin entwirrt waren, trat er ein. Das war eine hohe, breitschulterige Gestalt mit frischen Farben, blondem, wallendem Bart und kleinen, blitzenden Augen unter den dichten, rötlichen Brauen. Er wäre das Bild eines alten Deutschen gewesen, hätte ihn nicht der Zopf verunstaltet, dessen sich wenigstens für seine Waldgänge trotz der Mode zu entschla- gen, er nicht Mut genug besaß. Eine liebenswürdige, kavaliermäßige Art, wie wir sie bei den wirklichen Forstleuten oft finden, ging durch sein ganzes Wesen. Dieses Bild also hatte Kant vorgeschwebt, als er an dem Abschnitte von den Nationalcharakteren schrieb, in welchem er den deutschen Charakter als eine glückliche Verbindung englischen und französischen Wesens schildert, nur daß der Deutsche weit mehr frage, was die Leute von ihm urteilen mögen und so die Schwachheit habe, sich nicht zu erkühnen, Original zu sein, obgleich alle Talente dazu vorhanden seien. Als Frau Wobser die Merkwürdigkeit ihres Hauses, die Stube Kants, den Damen zeigte, jammerte sie darüber, daß dieser überaus tressliche Mann, der so sehr verdiene, durch eine Frau glücklich zu werden, noch immer als Junggeselle mit dem abscheulichen Lampe hause. Sie verbreitete sich über die oberflächliche Art des gegenwärtigen Geschlechts der Königsbergerinnen, welche nut darauf sähen, daß ihr Liebster jung sei und stattlich aussehe und Zeit habe, den ganzen Tag ihnen Komplimente zu machen; diese seien allerdings des Kant nicht wert. Frau von Gimborn, welche, da Sophie schwieg, sich allein an diesem Gespräch beteiligte, warf ein, daß auch Herr Kant selbst dem Stande der Ehe nicht sonderlich geneigt scheine,, indem ihr einige Bemerkungen hierüber berichtet worden seien, wie zum Exempel „das conjugium beweise schon hinlänglich, daß beide Ehegatten an einem Joche tragen, und in ein Joch gespannt sein, könne doch keine Glückseligkeit genannt werden", worauf Frau Wobser eifrig wurde und meinte, es müsse nur einmal „die Rechte" kommen. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friede Will). Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Gteindruckerei. A. Lange, ©leben.