Gietzener Zamllienblätter Unterhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92^ Samstag, öeny.Zebruar' Nummer 6 Sterne. Don Ferdinand Avenarius*). Zu den Verschwiegenen droben, den Sternen, sandten die Menschen Schweigendes Heimliches stets, das sich dem Tage verschloß: Ihnen gestand, was sich selbst sie kaum noch gestanden, die Hangsrau, And von ihnen erbat zagend der Jüngling die Braut. Eie befragte das Weib, vom Aeberglücke beklommen. Am das Werden, das hold unter dem Herzen sie fühlt'. Sein ErkeimendeS auch besprach der Dichter mit ihnen. Sein verlorenes Glück suchte bei ihnen der Greis. »2 st das, was ich erahne?" — der Denker fragt' es die Sterne. Ihnen bekannte zuerst, was er beschlossen, der Held. Tausend Opferrauchsäulen aus schlank aufbrennenden Seelen, Sv Lurch Jahrtausende hin hoben allnächtlich zu Euch Traumsam Irdisches auf, einst fremd nur lächelnde Stemel And Ihr Schweigenden, Ihr nahmt es geduldig in Hut. Drängt aber heute zu Euch den Sehnenden fragende Fülle, Taut mit dem Himmlischen sanft Heimisches tröstend herab. Dostojewski als nationaler Erzähler. Die Oeffnung des Nachlasses der vor kurzem verstorbenen Witwe Dostojewskis durch die Sowjetregierung hat neben einer Reihe wertvoller Bruchstücke aus früheren Fassungen oder Am- arbeitungm Dostvjewskischer Romane auch die für die literarische Forschung überaus wichtigen, von der Witwe aber immer ängstlich zurückgehaltenen Briefe Dostojewskis an den russischen Dichter Apolon M a i k v w zu Tage gefördert. Der um die Gesamtausgabe der Werke Dostojewskis sich vor vor allen verdient machende Verlag A. P i t> c r & E o. in München legt die bisher veröffentlichten Bruchstücke und Briefe in einer ausgezeichneten Aebersetzung und kritischen Bearbeitung von Alexander Eliasberg unter dem Titel »Petersburger Träume" gesammelt dem deutschen Publikum vor. Sie geben außerordentlich interessante Einblicke in das Schaffen Les grossen Russen und werden dazu beitragen, sein Wesen und sein dichterisches Wollen uns verständlich zu machen. Wir teilen hier Stellen aus einem aus Florenz im Mai 1869 an seinen Freund Maikow gerichteten Bries mit, der zeigt, wie Dostojewski die Dichtkunst dem allslawischen nationalen Erziehungsprogramm di en st la r zu machen sucht. Er schreibt dort:......meine Idee bestand damals darin (jetzt will ich einige Worte über sie sagens, daß es gut wäre, eine Reihe von Heldengesänqen, Balladen, Liedern, kleinen Poemen und Romanzen, nennen Sie es, wie Sie wollen in schonen, berückenden Versen erscheinen zu lassen, in solchen Versen, die sich ganz von selbst,-ohne jede Anstrengung dem Gedächtnis einprägen, wie es immer bei tiefsinnigen und schönen Versen der Fall ist: in diesem Falle hängen der Inhalt und sogar das Vers- mast der Gedichte von der Seele des Dichters ab und entstehen plötzlich, vollkommen fertig sogar unabhängig von ihm selbst in feiner Seele... Hier will ich eine bedeutende Abschweifung machen: ein Poem erscheint meiner Ansicht nach in der Seele des Dichters wie ein Edelstein, wie ein Diamant vollkommen fertig, in seinem ganzen Wesen, und darin besteht die erste Handlung des Dichters als eines Schöpfers, der erste Teil seiner Arbeit. Wenn Sie wollen, so ist sogar nicht er der Schöpfer, sondern das Leben, das mächtige Wesen des Lebens, der lebendige Gott, der seine Macht in der Vielgestaltigkeit der Schöpfung an verschiedenen Orten vereinigt, am häufigsten in einem großen Herzen und in einem mächtigen Dichter; wenn also nicht der Dichter selbst *) Der zehnte Band der Kunstwart-Bücherei (bei G. D. Callweh in München) ist dem Heimgegangenen Führer Ferdinand Avenarius gewidmet. Der jetzige Herausgeber des Kunstwort, Wolfgang Schumann, gibt in einer sorgfältigen Auswahl von Gedichten einen guten Aeberblick über das dichterische Schassen von Avenarius. Auch dieses Bändchen kann aber nicht darüber hinwegiäufchen, datz Avenarius' eigentliche Bedeutung nicht in seiner eigenen dichterischen Betätigung lag, sondern vornehmlich in seiner Rolle als Wegweiser und Anreger für unsere literarische vnd allgemein kulturelle Welt. der Schöpfer ist (das werden ganz besonders Sie zugeben müssen der Sie selbst Kenner und Dichter find, denn das Werk erscheint doch in der Seele des Dichters allzu endgültig, ganz und fertig), — wenn er nicht selbst der Schöpfer ist, so ist jedenfalls seine Seel« das Bergwerk, in dem die Diamanten entstehen, die sonst nirgends zu finden sind. Dann kommt erst die zweite Tätigkeit des Dichters. die nicht mehr so tief und geheimnisvoll ist und ihn nur als einen Künstler begrifft: den Diamanten, den er erhalten hat z« schleifen und zu st.,,en. Hier ist der Dichter fast nur ein Juwelier, 2n dieser Reihe von Heldengesängen und Gedichten (als ich an diese Heldengesänge dachte, stellte ich mir manchmal Ihr „Kon- stianzer Konzil"') vor) soll also mit Liebe und in unserem Sinne, von Anfang an im russischen Geiste die ganze russisch« Geschichte dargestellt werden, mit Betonung aller Punkte, in denen sie sich zeitweise und stellenweise gleichsam konzentriert und plötzlich als Ganzes zum Ausdruck kommt. Solche alles erdrückend« Punkte kann man im Laufe des ganzen Jahrtausends an die zehn finden, vielleicht sogar mehr. Es gilt also, diese Punkte zu fassen und jedem und allen in einem Heldengesang zu erzählen, aber nicht als eine gewöhnliche Chronik, sondern als ein herzliches Poem, sogar ohne strenge Wiedergabe der Tatsachen (jedoch mit außerordentlicher Klarheit); den wichtigsten Punkt zu fassen und ihn so wiederzugeben, daß es sichtbar sei, mit welcher Tendenz er wiedergegeben wird, welche Liebe und Qual diese Idee kostete, Aber ohne Egoismus, oßne eigene Worte, sondern naiv, so naiv wie möglich, daß nur die Liebe zu Rußland allein als eine heiße Quelle sprudelte, und tonst nichts. Denken Sie sich nur, daß ich mir im dritten ober vierten Heldengesang (ich habe sie damals in Gedanken gedichtet und auch später noch lange an sie gedacht) die Eroberung Konstantinopels durch Mohammed II. vorstellte (dies kam bei mir direkt und unwillkürlich als ein Heldengesang aus der russischen Geschichte ganz von selbst und ohne jede Absicht; dann wunderte ich mich selbst darüber, daß ich die Eroberung Konstantinopels unbewußt und ohne Bedenken zu derrussischenGeschichte rechnete). Diese ganze Katastrophe in einem naiven und gedrängten Bericht: die Türken haben die Stadt in einem engen Kreise umzingelt; die letzte Rächt vor dem Sturmangriff, der beim Sonnenaufgang unternommen werden soll; der letzte Kaiser geht in seinem Palast« auf und ab („Der König geht mit großen Schritten"); er geht zum Muttergotiesbilde von Dlackerna beten; sein Gebet; der Sturmangriff; die Schlacht; der Sultan zieht mit blutigem Säbel in Konstantinopel ein. Der Leichnam des letzten Kaisers wird aus Befehl des Sultans in einem Haufen Gefallener ausgefunden: man erkennt ihn an den mit Adlern bestickten Schuhen; die Heilige Sophia, der zitternde Patriarch, die letzte Messe, der Sultan reitet die Stufen in den Tempel hinauf (historisch), hält sein Pferd verlegen in der Mitte des Gotteshauses an, sieht sich nachdenklich und bestürzt um und spricht die Wort«: „Das ist ein Haus, um darin Allah anzubetenI" Dana wirft man die Ikonen hinaus, zerbricht den Altar, errichtet eine Moschee und beerdigt die Leiche des Kaisers, während im russischen Zarenreiche die letzte Vertreterin des Geschlechtes der Paläologen mit dem Doppeladler statt einer Mitgift einzieht; eine russische Hochzeit; Fürst Iwan III.2) tn seinem hölzernen Bauernhause statt eines Palastes, und in dieses hölzerne Bauernhaus kommt nun die große Idee von der allorthvdoxen Bedeutung Rußlands; hier wird der erste Stein zur künftigen Hegemonie im Osten gelegt, der Kreis der russischen Zukunft erweitert und die Idee nicht nur eines großen Staates, sondern einer ganzen neuen Welt geboren, der es beschieden ist, das Christentum durch die allslawische orthodox« Idee zu erneuern und der Menschheit einen neuen Gedanken zu bringen, wenn der Westen einmal ganz verfault ist; er wird aber dann verfaulen, wenn der Papst das Bild Christi endgültig verzerrt und damit in der verunreinigten westlichen Menschheit den Atheismus zeugt. Es war nicht nur dieser eine Gedanke von dieser Periode: ich hatte noch den Gedanken, neben der Darstellung des im hölzernen Bauernhause wohnenden, klugen, von einer großen, tiefen Idee beseelten Fürsten, des in ärmlicher Kleidung neben ihm sitzenden Metropoliten und der »Fominischna"2), die sich in Rußland schon ') Ein bekanntes Gedicht von Maikow. z) Iwan 111. (1440—1505), Begründer der Machtstellung Moskaus. war mit Sophia Paläolvgos, einer Richte des letzten byzantinischen Kaisers, verheiratet. ’) Ssosja Fominischna — der russische Rame der Sophia PaläolvaoS. Radio. Don Gr. Georg Hentzel, Gletzen. Ans meiner Schulzeit werden mir zwei wissenschaftliche Ereignisse stets in Erinnerung bleiben, die Entdeckung der Röntgenstrahlen und die Erfindung der drahtlosen Telegraphie. Wir hatten an unserer Schule einen sehr tüchtigen Physiker; nicht lange nachdem die Kunde von Röntgens aufsehenerregender Entdeckung durch die wissenschaftlichen und die Tageszeitungen gegangen war, hat er mit den einfachen Mitteln des Schillaboratoriums Röntgenaufnahmen gemacht, und ich sehe mich noch heute, den Schulranzen auf dem Rücken, vor der Buchhandlung stehen, in deren Schaufenster die ersten Abzüge der von unsernn Lehrer gemachten Ausnahmen ausgestellt waren, besonders ist mir im Gedächtnis das Bild der Hand eines Mi-schülers haften geblieben mit dem dunklen Fleck in der Mitte, der die Kugel bedeutete, die sich der Besitzer «inst in die Hand geschossen hatte. Und dann erinnere ich mich einer Pause. Wir hatten eine Stunde Homer hinter uns, kamen herunter in den Schulhof und scharten uns staunend um den Wunderayparat, den unser Physiklehrer auf einem kleinen Tischchen stehen hatte: es war der Funken- induktor den er bei den Röntgenversuchen benutzt hatte, und jedesmal wenn zwischen 2 Metallkugeln die Funkenentladungen prasselnd übergingen, fing drüben am andern Ende des Schulhofes eine elektrische Klingel zu läuten an und hörte nicht eher auf, bis der dabei stehende Primaner energisch mit dem Bleistift an ein geheimnisvolles Glasröhrchen klopfte, in dessem Innern Metall- feilspäne silberig glänzten. Der Funkeninduktor, entstanden durch Verbesserung und Vergröberung jenes ft einen summenden Apparates, der auch heute noch in der Medizin zum Elektrisieren benutzt wird, hat einst den Weg geöffnet zu zwei gewaltigen Gebieten der Wissenschaft und der Technik; mit ihm gelang es, den gleichmähig fließenden Strom der Batterien in einen Wechselstrom umzuformen, dessen hohe Spannung sich in meterlangen Funkenentladu igen dartat. Die mit stark verdünnter Luft gefüllten Röhren, an deren Ende Metallelektroden zur Zuführung und Ableitung eingeschmolzen sind und durch die man jene Entladungen hindurchgehrn lieh, sie bildeten einst die Glanzstücke der Erperimentalvorkräge der neunziger Jahre, wenn sie je nach der Glassorte und Form, ihr magisches buntes Licht ausstrahlten. Sie muten uns heute wie Spielzeug an gegenüber den Leistungen der Röntgegenröhre. die der modernen Heilkunde zum unentbehrlichen Werkzeug geworden ist Es hat verhältnismäßig lange gedauert, von 1858, als Plucker die ersten Entladungen im luftverdünnten Raum beobachtete, bis zum Jahr 1895 in dem Rön gm die seltsamen Eigenschaften der von diesen Röhren ausgehenden Strahlen entdeckte. Schneller ging die Ent- Wicklung auf dem andern Gebie", dem der drahtlosen Telegraphie. Die Hauptvorarbeite-n hatte Heinrich Hertz geleistet durch den Rach» weis daß von der Funkenstrecke des Induktors elektrische Wellen in den Raum ansstrahlen, Wellen ähnlich den Schallwellen die von einer tönenden Stimmgabel ausgehen. Rur fehlte das empfindliche Ohr das solche Wellen der Wahrnehmung zugäng'ich machte. Dieses fand Branly 1890 in dem Kohärer oder Friitro. Der Bran- lysche Detektor, wie wir ihn heute nennen, besteht aus jener oben geschilderten mit Metallfcilicht gefüllten Röhre mit der merkwürdigen Eigenschaft, den elektrischen Strom erst dann durchtu- lassen, wenn sie von elektrischen Wellen getroffen wird. Diese Eigenschaft verliert sie erst wieder, wenn man sie durch Klopfen erschüttert. Den naheliegenden Gedanken, die elektriichen Wellen zur Zeichengebung in die Ferne zu benutzen, hielt Hertz noch für aussichtslos: ihn in die Wircklichkeit umgesetzt und die Fruchte der mühevollen Hertzschen Versuche geerntet hat der Italiener Marconi. Sein Verdienst besteht in der Einführung der Antenne, jenem Draht oder jenem System von Drähten, das, hoch in die Lüfte ausgespannt, die erzeigten elektrischen Schwingungen weithin in den Raum ausstrahlt. Schon 1903 gelang es Marconi, den atlantischen Ozean von England nach Kanada drahtlos zu überbrücken. And nun begann eine Entwicklung, wie sie in der Geschichie der Technik kaum jemals da war. Zwei Ziele winkten. Das eine war die Erzielung möglichst großer Reichweiten. das andere war die drahlose Aebertraging der menschlichen Sprache statt der Morsezeichen, die drahtlose Telephonie Beide Ziele können wir heute als erreicht betrachten, wenn auch hier und da immsr noch Verbesserungen und Vereinfachungen möglich si id. Für die Wellen- tcleg a.vhie ist der Erdball zu klein geworden, auch das Problem der Welttelephvnie ist in der Radiotelephonie gelöst. Die Aeberwindung auch der groß en irdischen Entfernungen gelang durch Verbesseruna und Verstärkung der Sendestationen und durch Steigerung der Empfindlichkeit der Emvfangsemrich'un- gen, hier vor allem durch Konstruktion hochempfindlicher Detektoren. Die letzte Aufgabe ist auf verschiedene Weise gelost worden im Detektor, der auch jetzt noch viel verwendet wird. Der sog. Kristalldetektor besteht aus einer Metallspihe. die gegen einenl leitenden Kristall durch eine Feder gedrückt wird. Mit diesem Kristalldetektor waren die Funkenapparate ausgerüstet, mit denen wir in den Krieg zogen, ihn benutz en z. B. auch die Flieger, um die ihnen von der Erde aus gesandten Rach richten aufzunehmen. Die Kernfrage der zweiten Ausgabe war es. ob es gelang, statt der gedämpften Wellen des Senders ungedämpfte elektrstcye Wellen auszusenden. Am den Antersch'.ed klar zu machen, em Beispiel aus der Musik: Wenn wir an einer Violinsaite zupfen, dann hören wir zunächst einen lauten Ton, der aber schnell ab« klingt, oder, wie man sagt, gedämpft wird, wenn wir dagegen vle- selbe Saite mit dem Bogen streichen, dann erhalten wir einen Ton von gleichbleibender Stärke, der solange anhält, als ihm durch ot Bewegung des Bogens Energie zugebährt wird, „die Saite tuyrr dann ungedämpfte Schwingungen aus". Der elektrische Fu ite il fett nur gedämpfte Schwingungen. Diese waren zwar für Leie graphie brauchbar, die Wellentelephonie verlangte ungedämpfte Schwingungen. Diese lassen sich erzeugen durch sog Ä^chfregu i Maschinen oder durch den Lichckwgengenerator des däm'chen pyy fikers Poulsen, dem 1902 die Aebertragung der menschlichen Sprawe durch elektrische ungedämpfte Wellen zum erstenmal gelang diesen Sendern für ungedämpfte Wellen fehlt naturgemau einaelebt hak, plötzlich, in einer anderen Ballade zur Darstellung des^Endes des 15. und des Anfangs des 16. Jahrhunderts m Europa überzugehen, zur Darstellung Italiens, des Papsttums, der Kirchenkunst, Raffaels, der Anbetung des Apollo von Belvedere. der ersten Gerüchte über die Reformation über Lut^r, über Amerika, über das Gold. Spanien und England, - das wäre ein ganzes farbenglüheiides Bild als Parallele zu allen vorher» sehenden russischen Bildern, — aber mit Andeutungen über die Suhmft dieses Bildes, über die fünf ige Wstienschaft den Aihels- muä die auf westliche, und nicht auf unsere Weise erfaßten R e ch t e d^r Menschheit, welche Auffassung auch die Quelle st von allem was ist und sein wird. 3n meiner glühenden Vorstellung Ä F* foJxÄ man Öen Heldengesang nicht d-i Peter ab- brecheii sollte, dem man unbedingt besonders gute Worteund ein schönes Poem mit kühnen und aufrichtigen A.rsich.en. u n feren Ansichten widmen mühte. Ich würde bis zu Byron, ... ©atfiarina und noch weiter gehen, — bis zur Befreiung L LeiLIen bL zur Zerstreuung unserer Bojaren mit den Wen Pap^errnbeln in Europa, bis zu den vornehmen Damen küe mit einem Borghese huren, bis zu den Seminaristen. dm den Atheismus predigen, bis zu den q^lmenschlichm un) allweltlichen Bürgern den russischen Grafen, die Kritiken und Dovellen schreiben usw9 usw. Die Polen müßten einen großen Baum einnehmen. Enden würde ich mit phantastischen Bildern der Zukunft Rußlands: Rußland nach zwei Jahrhunderten neben dmi eiloschenen zerfetzten und vertierten Europa mit seiner Zivilisation. Hier würde ich vor keiner Phantasie haltmachen... Sie halten mich in diesem Augenblick natürlich für verrückt, hauptsächlich aus dem Grunde, weil ich so viel schreibe weil man über alle diese Dinge persönlich sprechen, und Nicht scyrelben muhte, denn in einem Brief kann man doch nichts verständlich wieder- «eben Aber ich bin ins Feuer gekommen. Sehen Sie. als ich nun bi Ihrem Briese las, daß Sie ähnliche Balladen schreiben, wunderte ich mich sehr darüber, daß uns beiden, die wir so lange getrennt sind der gleiche Gedanke über d.rs gleiche M>em gekommen ist. Ich freute mich darüber und wurde dann wachd^mlich. ob wir es beide gleich auffassen? Sehen Sie: meine Idee besaht darin dah diese Balladen ein großes nastvnales Buch werden und viel zur Wiedergeburt des Selbstbewuß seins bei den Russen beitragmi könnten. Horen Sie doch. Apollon Nikolajewitsch. alle Schuljungen werden ja diese Gedicht kennen und auswendig lernem Wenn sie aber das Poem auswendig lernen. Jo lernen sie auch seine Idee und die Tendenz, und da diese Tendenz rich ig ist so wird sie in ihren Seelen fürs ganze Leben bleiben Da diese Gedichte und Poeme verhältnismähig stürz sind, l» wird sie die ganze russische Leserwelt lesen wie das ..Konstanzer Konzil das viele auch heute noch auswendig kennen. Defbalb handelt es sich hier nicht einfach um ein Poem und seine literarische Bedeutung sondern um eine Wissenschaft, eine Predigt, eine Tat Als ich Ihnen im vorigen Jahr schreiben unb Sie überreden wollte, riesen Gedanken zu ergreiefn, dachte ich bei mir: wie soll ich es ihm o sagen, dah er mich vollkommen versteh.? Run begeistern Sie sich plötzlich nach einem Jahr felöft für t e g l e t d) e und halten es für nötig, sie auszufuhren! Also ist die Söee Ach in! Aber eines ist unbedingt notwendig: die Poeme müssen von einer ungewöhnlichen pveischen Schönheit fein., dannt^ fiel&en Leser so hinreihen, daß er sie unwillkürlich auswendig lernt. Mein Fi-eund. bedenken Sie. vielleicht war Ihre ganze poetische Laufbahn bisher nur ein Vorwort, eine Einleitung vielleicht werden Sie erst jetzt ein Ihrer Kraft entsprechendes n e u e s Wort Ihr neues Wort sagen können! Bet-.mch.en Sie daher die Sache ernster, tiefer und mit mehr Begeisterung. Vor allem aber ist möglichst viel Einfachheit und Raivität vonnoten. Dann nod> dieses: schreiben Sie es in Reimen, und nicht im allrussischen Versmaß. Lachen Sie nicht darüber! Das ist wichtig: letzt ist der Reim volkstümlich, das allrussische Versrn atz aber akademisch. Keine einzige Dich'ung ohne Reime bletvi tm Gedächtnis haften Das Volk dichtet nicht mehr im alten Vers- maß sondern nur in Reimen. Wenn Sie es ohne Reime (und ohne häufige Trochäen) schreiben, verderben Sie die Sache. Sie dürfen über mich lachen, aber ich spreche die Wahrheit! Die rohe Wahrheit!"... — W Funkenstvecke, wir sprechen daher heute nicht von einer Funken-, sondern von einer Wellen-- oder Radiotelephonie. Den gewaltigsten Fortschritt brachte jedoch ein ziemlich unscheinbarer Apparat, der während des Weltkrieges bis in die vordersten Stellungen vvrdrang. Lautverstärker nannte man ihn, er wurde in der vordersten Linie meist dazu benutzt, die Gespräche des Feindes zu belauschen. Benutzte der Gegner für seine auf einem Draht geführten Telephongespräche als Rückleitung die Erde, dann brauchte man nur 2 Erdleitungen möglichst nahe an die seiitdliche Stellung heranzubringen, und man konnte zwischen ihnen die schwachen Erdströme aufsangen, die von den feindlichen Apparaten erzeugt waren. Diese Ströme schickte man durch den obere !genannten Lautverstärker, und konnte dann im diesseitigen Unterland die Telephongrspräche des Feindes abhören. Schade nur, bah drüben der Feind schon dieselbe Ginrich ung hatte, dah er auf diese Art mitunter wutze, wann etwa die Feldküche oder die Ablösung herankam und dann die Zufahrtstrabe mit Feuer belegte. Auch die Funker benutzten die Lautverstärker, wenn die ankommenden Zeichen so schwach waren, datz man sie nur mit Mühe auf- Nehmen konnte, ebenso wurden sie benutzt, wenn in der Draht- telephonie die Lautstärke zu gering war. Wer sich diesen Lautverstärker genauer ansah. der beobachtete durch kleine Fenster zwei oder drei Röhren in der Form von Glühbirnen, in deren Mitte befand sich ein glühender Faden, umgeben zunächst von einer Draht- spirale und dann noch einmal von einem Metallzylinder. Dazu gehörte noch eine Akkumulatorenbatterie von etwa 6 Bolt und eine Batterie, die aus lauter kleinen Taschenlampenelementen bestand. Wußte die Bedienungsmannschaft auch sehr wohl diese Apparatur zu handhaben, so durfte man doch nicht fragen, wie die Derstärkerwirkung zustande komme denn dann bekam man die widersinnigsten Antworten. Roch gefährlicher war es, sich bei einem Vorgesetzten nach der Wirkungsweise des Lautverstärkers zu erkundigen; ich habe immer aus der Lautstärke des Anpfiffs, den ich dann bekam, auf den Grad der Ankenntnis in Sachen der Gleichkathodengitterröhre schließen können. Dabei war es gar keine Sckmnde, wenn man darüber nichts wnhte, da irgendwelche Ber- öffentlichungen während des Krieges mit Fug und Recht verboten teuren. Diese Kathodenröhre stammte ursprünglich gar nicht aus der Wellentelegtaphie, sondern ihr Stammbaum geht zurück auf die oben erwähn en, nahezu luftleeren Röhren, zu denen ja noch die Rön gmröhre gehörte. Diese Röhren bedurften zum Betrieb recht hoher Spannung, es zeigte sich aber, dab man mit wesentlich geringerer Spannung schon auskam; wenn man die nega.ioe Elektrode, die Kathode, glühend machte, dann ging schon bei gewöhnlichen Retzspannungen ein Strom durch die Röhre, selbst bann noch wenn man die Luftverdünnung in der Röhre auf das äuberst Mögliche steigerte. Man errtärt das damit, datz von der glühenden Kathode kleinste elektrische Teilchen, sog. Elektronen, ausgehen und hinüber nach dm andern tat en Elektrode, der Anode, wandern. Das ist aber immer nur in der einen Richung möglich, damit wird eine solche Röhre zum Gleichrich er und ist darum auch als Detektor verwendbar. Do laufen also hier die beiden Zweige, die sich lange ganz unabhängig voneinander entwickelten, die Bakuumröhrentechnik und bie Wellentechnik in ber Gleichkathobenröhre wieder zusammen. Ihre volle Bedeutung aber bekam diese Röhre erst, als dm Amerikaner Lee de Forest zwischen der Anode jenem von ber Akkumulatorenbatterie geheizten Faden und der Kathode, dem Zylinder, noch die erwähnte Spirale, das sog. Gitter, ein- fügto und diesem eine Zuleitung durch die Glaswand hindurch gab. Führte man diesem Gitter die schwachen ankommenden Ströme zu, dann beeinfluß e ber Wechsel in der Gitterfpannung den Elektronenstrom, der ja durch das Gitter hindurch muhte, ganz bedeutend, er „drosselte" ihn. Schaltete man in bi'sen Strom, der eben von jener aus lauter kleinen Elementchen bestehenden „Hochspannungs- Batterie" geliefert wurde, noch ein Telephon ein. so waren dre Stromschwankungen in diesem schon viel besser hörbar. Genügte das nicht, dann fügte man noch eine zweite und eine dritte Ver- stärkungsröhre hinm, indem man den Stromkreis der einen immer wieder mit dem Gitter der nächsten Röhre verband, bis die Lautstärke befriedigte. So konnte also die Röhre nicht wir als Detektor, fonbeim auch als Derstärier dienen, ja b i der sogenannten schaltung ist dieselbe Röhre beides zugleich. Damit ist es aber mit der Verwend mg der Elektronenröhre in der Radiotechnik noch nicht zu Ende, man kann dieses Aniversal- inftrument auch noch als Sender benutzen und mit ihm sehr reine ungedämpfte Wellen erzeugen, die sich für die Sprachübertragung Vorzüglich eignen. * Eine Winternacht. Bon Heinrich Bechtolsheimer, Dietzen. (Schluh.l „Konrad, du hast mich nicht ausreden lassen," lieh sich Diefen- shäler vernehmen, „ich wollte sagen: es gibt doch merkwürdige Dinge auf der Welt, die auch dem passieren, der nicht abergläubisch ist, Dinge, die man sich nicht erklären kann. Als ich 1807 *.n Heidelberg von dem pfälzischen Kirchen- und Schulrat geprüft worden bin, wohnte ich bet einem alten Schneider. Der Wann las viel In der Dibel und legte sich auf das Prophezeien. Sch weih noch sehe " genau, wie er gesagt hat, vom Osten her würden bald wilde Heiden mit Kamelen über den Rhein kommen. Ein Kamerad, der da- mocks mit mir geprüft worden ist, hat über diese Prophezeiung gc- « < - , 6 aber die Russen 1814 hier durchmarschierten und die Kalmücken und Baschkiren Dromedare an der Leine führten, da habe ich an den alten Schneider denken müssen." „31jr habt recht," antwortete Konrad Jung, „alles erklären können wir nicht. Wer von uns weih, was das mit dem Stern ist, der einen so langen Streifen hat und in der letzten Zeit am Himmel gestanden hat. Seit September ist er da, zum erstenmale habe ich hn gesehen, als ich vom Dellermarkte heimgegangen bin. Aber eit der vorigen Woche ist er verschwunden." „Wie wir am letzten Tage Trauben gelesen haben, habe ich ihn noch gesehen," erklärte Johann Enders, „aber am nächsten Abend war er schon ziemlich bläh. Es toar ein schöner Stern, der Schweif so krumm wie der Schwanz eines Eichhörnchens." „Johann, du hast recht," sagte Diefenthäler, „der Schweifstern von diesem Jahre war viel schöner als der von 1811, auf den ich mich noch gut besinnen kann. Gelt, Detter Valentin, den habt Ihr auch in der Erinnerung?“ „Ob ich den noch in ber Erinnerung habe," sagte ber alte Enders, „vom Mai bis Oktober stand er im elfer Jahr am Himmel. Damals war ich gerade in Mainz, weil ich in Spanien krank geworden toar, und habe lange Zeit im Lazarett gelegen. Dann bin ich zum Depot meines Regimentes gekommen. Solche Sterne haben etwas zu bedeuten, man sieht sie immer in fruchtbaren Jahren. Was haben wir im elfer Jahr für einen guten Wein gehabt! And alles toar so früh da, im Juli toar ber Kaiser Rapoleon in Mainz und hak schon Brot von ber neuen Ernte und elfer Traubenmost getrunken. Der Wein, der jetzt In den Fässern gärt, ist auch nicht schlechter als der siebenundfünfziger." „Denkt euch, was meinem Vater selig im elfer Jahr passiert ist," sag'e Schmitt, „ber toar damals Soldat und stand In Metz In Garnison. Einmal muh e er nachts, als ber Komet so schön leuchtete, einen Posten ablösen. Als er, von einem Korporal geführt, durch bie engen Gassen ging, sahen die zwei einen Mann im bloßen Hemde zum Dachfenster heraussteigen. Der Mann stieg das flache Dach hinauf und blieb dann oben zwischen zwei Schornsteinen stehen. Still! Das ist ein Nachtwandler, sagte der Korporal. Die zwei Soldaten hatten sonst keine Angst, diesmal zitterten sie aber, mein Vater konnte kaum sein Gewehr noch auf der Schulter halten. Endlich kam der Mann wieder das Dach herab und kroch wieder zum Dachfenster hinein." „Ihr lieben Lent'," meinte die Frau des Johann Enders, „ihr erzählt aber Geschichten, dah es einen gruselt. Ich geh' heute abend nicht mehr allein in den Stall ober auf bie Gasse." „Marie, du hättest erleben müssen, was ich in Spanien erlebt habe," sprach der Großvater: „Es kann 1808, auch 1809 gewesen fein, da lagen wir — es war Sommer — neben einem ganz auggebrannten Kloster im Biwak. Ich hatte geschlafen und gerade geträumt, ich wäre wieder zu Hause und fäete am Kirchenpfad Korn; da fließ mir ein Kamerad in die Seite und sagte: Hörst du nicht das Gejammer? Ich richte mich auf reibe mir die Augen, da höre ich aus dem ausgebrannten Kloster ein schreckliches Schreien. Cs klang, als ob dort viele Menschen umgebracht werden sollten. Sv was Schreckliches habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört. Unser Kapitän zog seinen Degen und beorderte eine Halbkompagnie, bei ber auch ich toar, zum Durchsuchen des Gebäudes. Ich kann euch sagen, mir klarste bas Herz. Fackeln wurden angesteckt, wir durchsuchten alle Raume, es standen noch die Wände, sonst toar alles ausgebrannt. Wir gingen sogar In den Keller, es gab keinen Winkel, in den wir nicht hineingeleuchtet hätten. Nichts war zu finden als Steingeröll unb Schutthaufen. Kopfschüttelnd ging der Kapitän mit uns zum Biwakplatz zurück. Wir legten uns wieder hin, da ging bas Gejammer abermals los, es dauerte mindestens fünf Minuten lang bann wurde es wieder totenstill^ Keiner von uns sprach ein Wort, alle waren leichenblaß, wir waren froh, als es hell wurde und wir abrücken konnten." Da stand die junge Frau von ihrem SMhle auf und sagtet „Jetzt gehe ich aber fort. Was ihr da erzählt, dah kann ich nicht mehr hören. Sind bas Gespräche für eine Mehelsuppe?" „Bleib nur da, Mariechen," beschwichttgte Diefenthäler, „wir wollen von etwas anderem reden. Habt ihr eure Magd schon gefragt, ob sie Weihnachten wieder bei euch bleibt?" „Ja, sie wist wieder bleiben, sie hat aber einen großen Lohn gefordert, sie will jetzt 52 Gulden, 14 Ellen hänfenes Tuch 7 Ellen werkenes' Tuch, ein Paar Werktagsschnhe, ein Paar Sonntagsschuhe und einen Gulden 12 Kreuzer Mietgeld." „Das ist jetzt ein Umstand mit dem Gesinde " sagte ber Großvater „im zwelundzwanzlger Jahr, wie wir die große Mäuseplage hatten, habe ich die Katharina Münch von Oberhausen gedingt für 21 Gulden unb bas Zubehör." Von der Strahe her vernahm man einen dumpfen Ton, der Nachtwächter blies elf Ahr. „Es ist Zeit, dah ich mich auf den Weg mache," sagte Konrad Jung. »Wa, was eilst 5a Jo?“ erwidert« der Schwager und schenkte Hm auf dos neu« ein. Das beste wäre, toerni du bei uns bliebst. Bei dem Glatteis, das wir heute 'Lacht hatten, kannst du leicht fallen.“ »Ich falle nicht, ich habe einen Stock mit einer eisernen Spitze bei mir, auf den kann ich mich stützen, wenn ich rutsche." »Habt ihr schon mit dem Dreschen angefangen?" fragte Johann Enders feinen Schwager. »Die ganze Zeit seither hatten wir mit dem Ausmachen der Dickrüben zu :un, übermorgen wollen wir mit dem Korn anfangen.“ „Was ich sagen wollte," lieh sich Peter Schmitt vernehmen, »dem Erbes von alffhofen sein Prozeß mit seinem Schwager wegen der Hinterlassenschaft seines Schwiegervaters ist jetzt auch vor dem Bezirksgericht in Mainz zu Ende gegangen. Der Erbes hat ihn verloren und muß die Kosten bezahlen. Da heißt es, wie die Alien schon gesagt haben: Was der Prozeß gekostet hat hüben und drüben, dafür hätte man eine goldene Schüssel machen lassen Wunen.“ „Der Erbes hätte ein Testament machen sollen.“ sagte der Metzger, »wer da will in Frieden sterben, der lasse fein Gut kommen an die rechten Erben." Diefenlhäler mahnte zum Ausbruch: »Morgen früh um acht muß ich in meiner Schule stehen, wir haben zuerst Rechenstunde, da darf ich nicht verschlafen sein.“ Alle standen auf, Pelzkappen und Mützen wurden hervor» geholt, große Fausthandschuhe angezogen, Diesenthäler nahm seine lange Pfeife unter den linken Arm, mit der Rechten ergriff er seinen Stock. Die Gäste dankten für die 'Bewirtung, der Metzger sprach nach alter Sitte den Wunsch aus: »Jetzt wünsch ich euch, daß ihr das. was ihr heut« geschlachtet habt, gesund miteinander verzehrt.“ Als alle draußen auf der Straße waren, schloß Johann Enders das Hoftvr zu. Es war ganz still im Dorfe, als Konrad Jung den Heimweg antrat. Der Vollmond war aufgegangen, es war eine grimmig kalte Macht, die Straßen waren spiegelglatt. Bald lagen die Häuser von Flonheim hinter dem heimwärts gehenden Manne, und das naßegdegene älffhosen tauch:« auf. Rasch war auch dieser Ort durchwandert, nun ging die Straße eine kleine Strecke durch ebenes Gelände, um dann in das Wiesbach al abzubiegen. Der Wiesbach kommt von Donnersberg her, rinnt durch Wald und Wiesen über Oberwiesen, wo er die bayerisch-hessische Grenze überquert, dann über Aiederwiesen nach Wendelsheim, weiter hin nach Armsheim, fließt am Wies berge, dessen Kapelle weit in das Land hinaus- g.üßt, vorüber und mündet Laubenheim gegenüber in die Rahe. Sonst hörte man in der stillen Macht sein Glucksen and Rauschen, in dieser Win.ernacht war er zugefroren. Kein Lüftchen regte sich, es war so hell wie am Tage. Konrad Jung ließ seine Augen über das Feld glei en, die Schneedecke, die sich darüber brei eie, war wie Glas. Daß sie spiegelglatt war, sah er daran, daß die Hasen, die hungrig nach Nahrung suchten, alle paar Schritte ausrutschten und nicht recht vorwärts konnten. Auch die Bäume waren wie von Glas. Zuerst hatte sie der Schnee überdeckt, dann war dieser durch den Regen etwas erweicht worden, schließlich hatte sich durch die plötzlich eintreienbe Kälte die Masse in Eis verwandelt. Die Eisschicht, die auf den Zweigen lag, war dicker als ein Zoll. Konrad Jung beeilte sich gar nicht: denn er konnte sich an dem wundervollen Naturschauspiel nicht satt sehen. Seine kurze Pfeife brannte, und der Stachelstock gab auf der glatten Landstraße genügenden Halt. Der Taleinschniit, durch den man den Bach entlang nach Wen- delshrim gelangt, ist ziemlich tief. Steil steigt die Anhöhe auf der rechten Bachseite auf. oben breitet sich Wald aus, auf dem linken Ufer liegen Aecker und Weinberge. Am Eingang des Tales liegt die Altgeistermühle. Vichts regte sich in den Gehöfte zu so später Stunde, nur ein Hofhund kam, als er die Schritte des Vorübergehenden hörte, mit wütendem Gekläff an das Tor und ließ mit seinem Bellen erst nach, als sich die Schritte entfernt hatten. UBieber war tiefe Stille über das Tal gebreitet, da ertönte aus dem Walde, der auf der Höhe liegt, ein Knall, ein Krach. Konrad Jung führ zusammen und faßte seinen Stock fester. Was war das? Jäger waren um diese Zeit doch nicht mehr draußen. Sollte das ein Wilddieb fein, der den armen, hungrigen, auf dem Glatteise üahinschleichenden Häschen nachstellte? lind nun Knall auf Knall, als ob da draußen ein Bataillon im Feuer stünde, dazwischen ein Rauschen, als ob die Aeste zur Seite gebogen tour» 5en, ein Knistern, als ob Feuer den Wald ergriffen hätte, aber es war kein Flammenschein zu sehen, es war ein richtiges Klein» gewehrseuer, wie es Konrad Jung vor neun Jahren gehört hatte, als er in Oberwiesen Heu geholt hatte und gerade das Gefecht zwischen ^Preußen und Freischülern am Schloßgarten zu Kirchheim- bolanden im Gange war. Da packte den Mann, der sich sonst nicht fürchtete, das Entsetzen, er griff sich an die Stirn. Träumte er einen schreckhaften Traum o&er ging er wirklich auf der Landstraße zwischen ülffhofen und Wendelsheim? Der Wein hatte ihm doch nicht zugesetzt? Nein, seine Schritte waren fest, sein Geist war tlar. Eben erst hatte er an die Arbeit des nächsten Tages gedacht. Das Merkwürdige, daß er keine Menschenstiinme, auch nicht bett Laut eines Tieres Hörle, auch kein Lüstchen ging. Wilderer konnten auch kaum im Walde sein; denn bei Vollmond gehen diese nicht gern an ihr Werk, ülnd immer noch Knall auf Knall, bald schwächer, nun auch, wenn auch seltener, vorn Unten Dachufer her. Sn dem Warme erwach en alle die Geschichten, die er an diesem Abend gehört hatte, von dem Jammergeschrei im spanischen Kloster, von dem Nach.wandler in Metz, von dem Gepolter aus der Stiege des Adam Glöckner zu älffhofen. Sollte es doch Mächte und" Wesen übernatürlicher Art, geheimnisvoller Art geben, die dem Menschen namentlich zur Nachtzeit Verderben bringen? Der Mann, dem dieses äinerllärliche begegnete, glaubte, in dieser Rächt grau zu werden, die Füße wurden ihm schwer, aber mit Aufbietung aller Kräfte ging er weiter: denn er wußte, was es zu bedeuten hatte, wenn er in kalter Winternacht auf der Straße liegen bliebe. Endlich hatte er die nach Alzey führende Straße erreicht, un& auf der Höhe wurde der Wendelsheimer Kirchturm sichtbar, di« Turmuhr schlug zwölf. Ab und zu kam vom Walde oder vom Felde noch ein Knall, dann wurde es still. Wieder lag die ruhige winterlich kalte Mvndscheinnacht über der Landschaft, als Kommtz Jung feinen Wohnort erreicht hatte. Sn der Backstube des Philipp Stelzel war Licht, der Bäcker war schon bei der Arbeit. Roch nie war dem erschreckten Manne, der jetzt wieder in der Rühr menschlicher Behausungen war, ei» Lichtschein so tröstlich und so willkommen gewesen wie dieser Lichtschein aus der Backstube. Er llopfte an den Fensterladen, da tat ihm der Bäcker auf. Da standen die großen Mulden, es roch nach Mehl und Brotteig Wenn man einige Stufen hinunterging, so kam man an den Backofen. Philipp Stelzel war gerade daran gewesen, die feurige Glut aus dem Ofen zu scharren: denn der Ofen war glühend, die Laibe konnten eingeschossen werden. »Guten Abend. Philippi" „Ei, Konrad, das ist ja ein später, oder soll ich sagen früh« Besuch." »Sch war bei meinem Schwager zu Flonheim auf der Metzel» suppe." „Da mußt du auch gehört haben, wie die Bäume auseinander» gekracht sind. Das war ja ein merkwürdiges Geknall, der Schnee und der Regen find zu Eis gefroren, und das Gewicht war so groß, daß überall die Aeste abgebrochen sind. Gerade wie ich über den Hof hinüber in meine Backstube gehen wollte, ging die Knallerei los. Die dicksten Aeste sind abgebrochen, nebenan in meinem Garten steht ein alter ZwetscheNbaum, der ist ganz vernichtet, der ganz« Stamm ist durch die Kälte auseinandergesprengt. Das ist ein Schaden, der in Jahren nicht wieder gut zu machen ist. Es war dem Konrad Jung zu Mut, als habe ihm jemand eine schwere Last, unter der er gekeucht hatte, von der Schulter genommen. Daß er das nicht selbst gemerkt hatte, woher das Knallen kam, nahm ihn, nun Wunder. Ader er konnte ja die Bäume, die aus der Höhe standen, nich sehen, sodann war auch der Gegensatz zwischen der anfänglichen S ille der Rächt und dem Prasseln und Knattern, das dann einfetzte, so groß, daß es zu einer rechten Ue&erlegung nicht kommen könn e Mancher Bericht über scheinbar unerklärliches Geschehen, wie er ihn an diesem Abend vernommen hatte, ging wohl aus ähnliche äirsache zurück. Konrad blieb noch eine Weile bei dem Bäcker sitzen, die Wärm« der Backstube tat ihm wohl. Er sah zu, wie die Brote eingeschossen wurden, dann sprach er noch eine Viertelstunde lang mit dem Bäcker und ging nach Hause. — Sn den nächsten Tagen kamen von allen Seiten Aachrichten über den Schaden, der die Gemeinden im südwestlichen Rheinhessen und tveit über diesen Bezirk hinaus betroffen hatte. Sn der Wendelsheimer und in den benachbarten Gemarkungen war kein Daum verschont geblieben, viele waren bis zur Wurzel aus- einandergeborsten, die S.ämme waren gespalten, vielfach die Wurzeln ausgerissen, mitunter waren die Stämme, wie vom Sturm- wiird geknickt, unten abgebrochen Am meisten hatten die Wälder gelitten, ganze Schläge lagen übereinander, in den beiden darauffolgenden Jahren fällte man keinen einzigen Duchenstamm, die Holzmacher hatten damit zu tun, das durch den Eisbruch nieder- gebrochene Holz zu Haufen zu schich en. Am wenigsten waren di« Rußbäume beschädigt, diese starken Bäume hatten der Macht des Elementes getrotzt. Glücklicherweise waren Getreide und Rebstöcke durch das Eis. das darüber lag, geschützt gewesen, so daß die Korn- und Weinernte auch im Jahre 1859 ergiebig war. Richt die ^testen Leute erinnerten sich damals einer Naturkatastrophe dieser 2lrt, und noch weit hinaus in das zwanzigste Jahrhundert gedachten die, di« das erlebt hatten, des Eisbruches vom 18. November Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drübl'schen Äniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.