Gießener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Samstag, den 8. März Nummer lv WslLgeheimnis. Don Hermann Stehr, Sich«! es erfüllt sich jeden Augenblick des Weltalls unbegreifliches Geschick, daß Gott aus seinem Himmel niederschwebt und als Gestalt sich aus der Erde hebt, — Woher denn hat das Gras den leisen Laut, tixtS zuckt wie Augenfeuer, ruht es übertaut? Wie kommts, wenn Wasser mit Gemurmel geht» durch Wiesen, daß du glaubst, sie zu verstehn? And rührt der Wind dem Baume Ast um Ast, erschrickst du ost, als winkte er dir fast, 2ii Dächten braust der Wald, als zog vorbei ein Kriegsheer mit verworrenem Geschrei, Der Sang der Vögel rührt dich seelentief, als ob es dich mit eigner Stimme rief, und aus dem Blick der Tiere mit Gewalt faßt dich verwunschen eigene Gestalt. Was niemals sprechbar, nie durchs Wort gebannt, als ew'grr Traum sich überm Geiste spannt, schaust du in tausend Bildern ausgedrückt. Du nennst es stammelnd Gott und bist entzückt. Die Geschichte vom Rauschen. Von Hermann Stehr*). Das Licht war von dec Wimper des Ewigen geglitten, und nach der langen, langen Finsternis wandelte die Erde in der Schönheit der Sonne durch den Baurn. Die frohe Erde genoß ihr junges Glück, und der Amfang ihrer Seligkeit wuchs und baute sich als leuchtender, blauer Kreis in die Unendlichkeit des Weltalls. Als Gott der Herr das sah, sagte er zu sich: „Siehe, nun hat die Erde Ihren Himmel." Die freundlichen Gedanken des Ewigen sanken zur Erde nieder, und ihre willige Scholle schuf daraus die zarten Leiber der kleinen Pflanzen, die ihre Blätter um sich ausbreiteten und dann ihr buntes Gesicht zum Himmel wendeten, Gott entgegen, ohne zu ermüden, solange über die Sonne nicht die Dacht des Schlafes kam. Wenn aber das Dämmern immer dichter das Licht verhüllte, so legten sie ihre Köpfchen auf die Blätter und warteten geduldig, bis das Auge der Sonne wieder aufging. Darauf begannen, sie von neuem ihren stummen Dienst. Sie erhoben ihre Blätter, die süß und weich waren, wie die Händchen winziger Kinder, und wenn sie ihr Gesicht wendeten, so erbebte ihr Leib in großer Freude. Aber nichts hatte eine Stimme auf der ganzen, weiten Gottes- erde. Wie der glühende Traum einer stillen Seele rann Tag um Tag von den Bergen. Die Wasser reihten lautlos Welle an Welle. Regungslos hing das schimmernde Tuch der Lust über der Erde und selbst das Gewölk des Himmels wandelte geräuschlos seine Farben und schlüpfte stumm aus Gestalt in Gestalt. Das dauerte Tag um Tag und Dacht um Dacht und wurde nicht anders. Der Atem der Erde geriet in Stocken und lag sengend in ihrem geheimen Munde. Die Hitze der Luft stieg, das Auge der Sonne rötete sich an seiner eigenen Glut. Das Gewölk des Himmels zitterte wie im Fieber, uird wenn die Pflanzen ihre Blätter in die Wasser senkten, um sie zu kühlen, wurden sie schwarz und verwelkten; denn auch die Wellen waren warm geworden und gingen ihren Weg mit glasig-irren Augen. „Die Erde leidet an ihrer Inbrunst," sagte nachdenklich die ewige Vorsicht zu sich. „Ich will ihr eine Stimme geben, daß sie sich nenne. Sie soll entzweit sein in sich. Ihre Seele gehe einher zwischen dem Ruf des Mundes und ihrem Wesen immerdar. ‘ Also sprach der Herrgott, der sah, daß sein Frieden auf Erden eine Krankheit geworden war, erhob sich von seinem Sitze, sank auf die Kraft seiner Flügel und eilte durch das Weltall. Der Donner seiner Schwingen erfüllte den Raum, und die Säulen des Seins bebten Die Welten zitterten bei seinem Dorüberflug wie Küchlein unter dem Gefieder des Adlers. Als die Fittiche des Ewigen über die Erde hinstrichen, rüttelte er sie, daß eine Deckseder sich daraus lvslöste. Sie sank hernieder und bohrte sich drunten mit ihrer Spitze in den Boden, der den Abhang eines Berges bedeckte. •) Aus der hier kürzlich besprochenen Sammlung „Die deutsche Novelle" des Verlages Friedrich Lintz in Trier. Wurzeln liefen alsbald von ihr aus, und das Land tränkte sie mit feinen Säften, die darin auf- und niedersteigen und ihre Form wandelten nach den Gesetzen der Erde. Ihr schimmernder Schaft wurde ein Stamm, hart wie Stein und rissig anzusehen gleich den Felsen. Ihre Fahne aber verwandelte sich in ein grünes Gefieder. Das hob und senkte sich an tausend Aesten und Zweigen. Ehe sich dreimal der Morgen erneut hatte, war das Rausch«» heimisch geworden auf der Erde, die dahinein ihre Seele goß, die sonst stumm in den Tiefen gelegen hatte, ihr Glück und ihrer» Kummer, ihr Lachen und ihre schwere Weisheit, und allemal, wenn das Rauschen seine grünen Schwingen rührte, f£ang es, als strichen die Fittiche des Annennbaren vorüber. Dun war der erste Daum erschaffen, und die Luft stand um ihn und lauschte erstaunt, was seine grünen Zungen redeten. Sie war in jener ersten Zeit schon wie heute, sehr schwatzhaft und konnte nichts bei sich behalten. Dachdem sie eine Weile schweigend zn- gehört hatte, belud sie sich mit so viel Rauschen, als sie zu tragen imstande war, und eilte davon, um ihren leiblichen Schwestern, Len Wolken, zu melden, was sich Deues ereignet hatte. Die standen fernab am Himmel in lautloser Blässe. Die Luft stieg immer höher. Als das Rauschen die Welten des Weltalls fühlte, dehnte es sich, zu einem großen Brausen und war kaum mehr zu bändigen. Die Wolken konnten ein Bangen nicht bemeistern, ihr Herz pochte so gewaltig, daß sie am ganzen Leibe zitterten. Endlich, wurden sie ganz grau vor Schrecken und flohen am Himmel dahin. Die Luft schrie ihnen aus Leibeskräften zu, sich doch nicht zu fürchten. Die Wolken aber wollten nicht hören, sondern eilten ohne Umsehen immer weiter. Der Schweiß troff nur so von ihneir und fiel in großen Tropfen zur Erde. Zuletzt konnten sie nicht mehr, lagen wie erschlagen und fielen darauf erschöpft hinter die Berge. Die Luft halte das Rauschen unterdes auch verloren. Sie lieh sich mißmutig in die Ebene nieder. Dach einigem Brüten aber raffte sie sich auf und war heiterer als sonst; denn sie hatte eine gar leichte Seele. Während sie hin und her ging, probierte sie, ob das Rauschen nachzumachen sei. Allein, so sehr sie sich auch zusammennahm, sie brachte nichts heraus als einen langen verschwommenen Ton. Der flog nur weniger über die blauen Blumen des Ginsters. Außer den kleinen Blüten vernahm sie nur noch die Sonne mit ihren allgegenwärtigen Strahlen. Sie wurde von dem eintönigen Suinmen der Luft so müde, daß sie vergaß, die Dämmerung von ihren Augen zu verscheuchen und vorzeitig einschlief. Der Gesang der Luft ging auch gemach in ein traumhaftes Lallen über. Die kleinen Pflanzen falteten ihre Blättchen, die weich und süß waren wie die Händchen winziger Kinder, neigten das bunte Köpfchen zur Seite und schlummerten auch ein. Da war es wieder Dacht, und der blaue Himmel wachte allein, hoch und still. Die Erde aber redete ununterbrochen mit dem grünen Rauschen, das ihr Gott geschenkt hatte. Sie redete schon allenthalben mit ihm, denn es waren kleine Flügelein pon dem ersten Baum ausgegangen, die in sich lebendiges Rauschen trugen. Die flogen überall umher, und fanden sie eilten Ott, trp gut zu wohnen schien, sanken sie nieder und wuchsen und rauschten, wie es sein mußte Bald hatten alle Erhebungen der Erde ihr Rauschen. Die hohen Berge ein mächtiges, tiefes, das wie Brausen klang; die Hügel ein mildes, singendes, und es vchrr, als trügen sie d«s Flügel der Wildtaube, die über dem Reste kreist. Die Luft redoch lag noch immer über die Ebene hin und schlief, und niemand war da, der das viele Rauschen nahm und es forttrug. Da flog es auf die Erde nieder und gab seinen Geist auf. Es wurde ein schwarzer schwerer Schatten, der über den Berg hinunter rieselte. Er kam bis an das Wasser und siel hinein. Als er aber die lebendigen Wellen berührte, bekam er seinen verlorenen Gmst wieder verwandelte sich und wurde, was er gewesen: etn fröhliches Rauschen Die Wellen freuten sich, auch eine Stimme zu haben und ließen ihre Seele hineinfließen. Die Wasser Haven ein tieferes, vielfältigeres Innere als die Erde, und ihr Rauschen war balo em Schluchzen, bald ein Singen, und manchmal redete es mit den dnn- feln tmb-greiflichen Lauten eines uranfänglichen Tiefsinnes. 'So trugen die Wasser das Rauschen aus dem Gebirge, immer weiter in das Land hinein und noch viel, viel weiter. Sfte glänzten und zitterten vor Glück, so ost sie die tiefen Augen des Himmels auf sich ruhen fühlten. .. Aus den Bächen wurden Flüsse, aus den Flüssen Strome. Es kam zuletzt so viel Rauschen zusammen, daß es die wandernd«» Wasser kaum zu ertragen vermochten. Sie blieben stehen und ba- beten das unübersehbare Meer. Das Rauschen der ganzen Erde — 38 - fcg darüber 54ir. Darunter atmete dir Brust des endlosen Wassers tn ruhigen tiefen Stoßen nach dein Takt der Gestirne, die in den Höhen vorüberzogen. So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag der unrastvollen Menschenzeit. Noch immer wiegt das Bauschen sein Gefieder über den Meeren. Wer es hört, den ergreift es in tiefer Brust; denn die Seele kennt gar wohl die Fittiche ihres einigen Herrn. Jugend, Religion und Gemeinschaft. Gedanken aus einer akademischen Predigt. Bon Professor v. Ha n s S chm idt. Der Prophet Jeremia hat einmal, als er noch ein junger Mensch war — wohl etwa im Alter derer, die in unseren Hörsälen aus» und eingehen — eine bittere Klage an Gott gerichtet: „Nie habe ich gesessen im Kreise der Lachenden, Nie war ich fröhlich nach Herzenslust! Ob deiner Hand habe ich- einsam gesessen!" Sein Gotteserleben machte ihn ungesellig. Wenn die jungen Män- ner seines Alters iich jauchzend ihrer Jugend freuten, wenn ihr Lachen und ihre Lieder über die Felder sollten, saß er grübelnd daheim, erfüllt von ernsten Gedanken und schweren Gesichten. Das ist Prophetengeschick. Der in besonderem Sinne von Gott Ergriffene und Berufene wird zu einem einsamen Mann. Aber gilt das nicht von der Religion überhaupt? Führt sie, wenn sie nicht nur Gewohnheit und Herkommen, sondern wirklich Erlebnis ist, nicht immer aus der Gemeinschaft und in die Einsamkeit? Wir sind hier in einem Baum der Universität. Hier ist tvahr- lich die Art gemeinsamen Lebens. Hier werden die frühen Freundschaften geschlossen, die oft lebenslang die einzigen bleiben. Wie fest liegen die Hände ineinander, wenn man sich vor dem Kolleg auf der Treppe begegnet. Wie herzlich klingt das „Du", mit dem einander zu nennen man sich später so selten entschließt. Ach den Friedhöfen im Felde flatterte manchmal an dem rohen Holzkreuz ein buntes Band. Der darunter begraben war. hatte es um die bloße Brust gelegt, als er hinauszog, ein Symbol besten, was ihm das Schönste gewesen war, des engen und innigen Mi einander. Dieser Sinn für Gemeinschaft ist nich. nur hier zu Haus; er ist jugendlich überhaupt. Wie klingt er aus dem schönen Wanderlied, das erst jüngst in der Arbeiterjugend entstanden ist: „Wenn wir schreiten Seit' an Seit', Einer Woche Hammerschlag, Einer Woche Hänserquabern Zittern noch in unfern Adern, Aber keiner wagt zu hadern. Herrlich grüßt der Sonnentag!" Auch hier der verbindende Rhythmus des gleichartig schwin» genden Lebens, auch hier das tiefe Glück der Gemeinschaft empfundener Jugend. And doch — auch in dieser hohen Zeit der Freundschaft — das Tiefste, das Erleben einer Berührung mit Gott ist nichts Gemeinsames. Da steht jeder für sich allein. Ich habe gestern in zwei sehr von einander verschiedenen Büchern geblättert, in Martin Bubers schöner „Legende des Baal Scham" und in Johannes Müllers neuesten „Blättern zur Pflege persönlichen Lebens". Zufällig stieß ich auf ein paar Abschnitte, die dem gleichen Gegenstand galten, sie sprachen vom Erlebnis des Morgens. „Gin Frommer," so heißt es frei Martin Buber, „stand im ersten Morgendämmer am Fenster und rief zitternd: Bor einer kleinen Stunde war noch Nacht und jetzt ist Tag. Gott bringt den Tag herauf! And er war voll der Angst und des Zitterns. Auch sprach er: Jeder Geschaffene soll sich vor dem Schöpfer schämen; wäre er vollkommen, wie ihm bestimmt war, dann müßte er erstaunen und erwachen imb entbrennen über die Erneuerung der Kreatur zu jeder Zeit und in jedem Augenblick." And nun Johannes Müller: „Niemals am Tage sind die Bedingungen für das Wachsein der Seele so günstig wie in allen Herrgottsfrühe, wenn der Mensch aus den Armen seines himmlischen Baiers, in denen er die Nacht ruhte, wieder heraustritt ins Leben. Noch bleibt die Welt versunken, noch sind wir aller Beziehungen mit ihren. Einflüssen ledig, noch sind wir Auge in Auge mit der Ewigkeit, jenseits von Raum und Zeit, ganz im göttlichen Augenblick beschlossen. Da ist denn die Stunde, wo wir am ersten und deutlichsten die dunkeln Negungen der Seele spüren und ihre tiefe Stimme in uns wahrnehmen wie aus einer andern Welt. And darum ist sie so sonderlich die Stunde der Gnade, wo Gott aus dem verborgenen, uns unbewußten Wesen zu uns spricht." Was hier von der ersten Stunde des Tages gesagt wird, das KU auch vom Morgen des Lebens, von der Jugend. Tief Atem 'imtfr, sieht der sich auf fein Dasein besinnende junge Mensch im Morgenduft der auf ihn zuschreitenden Zukunft. Sin tiefes erwartungsvolles Erstaunen durchbebt ihn vor dem Licht des Tages, das Gott ihm, gerade ihm und gerade f o nur ihm aufgehen läßt. Was wird der Dag bringen, wenn der Nebel fällt? Wcks wird er for&ern? Was wird er gelingen lassen? Eine zitternde Anruhe erfüllt die Seele. Gin Wort Jesu, das nicht im Neuen Testament, aber auf einem ägyptischen Paphrusblatt und frei einem sehr alten Kirchenvater auf uns gekommen ist, tautet so: „Nicht soll der Suchens« ruhen, bis er findet. Wenn er aber findet, so wird er staunen. „Wenn er aber staunt . . . so wird er Ruhe finden I" Das ist ein Wort wie vom Gotteserleben des jungen Menschen. „Staunend" kommt er zur „Ruhe". Berstohr es sich nicht von selbst, daß ein solches Erlebnis nun in tiefer innerer Einsamkeit geschenkt werden kann? Ein Amerikaner hat das einmal durch ein Gleichnis veranschaulicht : Die Menschen, so sagte er, gleichen einem Wirbel von Sonnenstäubchen. Ihr rhythmischer Tanz, ihre leuchtende Bewegung ein enges Miteinander, eine unlösliche Gemeinschaft, aber keines vermag das andere in 'Wahrheit zu berühren oder gar mit ihm zu verschmelzen. So gibt es im Wesen jedes Menschen, auch jedes noch so ge» meinsarnkeitsfreudigen jungen Menschen, ein Tiefstes, was er für sich allein hat. Dieser Einsamkeit kann niemand entfliehen, oder-er entflieht zugleich der Stimme Gottes, die in seinem Herzen redet. Wir sind alle — mit dem Apostel Paulus zu reden — „Haushälter über Gottes Geschehnisse" — ein jeder aber über ein ihm besonders, ihm allein befohlenes. Neulich haben wir hier in der Aula bei einem Vortrag üfrerf die Wunder der drahtlosen Telegraphie ein einleuchtendes Experiment mit angesehen. Eine Stimmgabel wurde zum Schwingen gebracht. And siehe da, als sie zur Ruhe kam, da hörte man, wie, weit von ihr aufgestellt, ein anderes, gleich gestimmtes Instrument von selbst in gleichen Tönen schvang. So empfinden einander die von Gott berührten Seelen. Ohne Worte, die unmöglich wären, spüren sie am Schwingen und Anklingen im eigensten Innern die ähnliche Bewegtheit der Adern. And so geschieht das Seltsame, daß denen, die einsam zu sein vermögen, atls der Tiefe erfüllter Einfamkeit, die Fähigkeit zur „Gemeinschaft" erwächst, wie das Neue Testament sagt, zur „Gemeinschaft im heiligen Geiste". Jeremia, der Prophet, der so bitter über die 'Vereinsamung klagt, ist der einzige unter den alttestamentlichen Propheten, von dem wir ausdrücklich hören, daß er nachher und bis zum Ausgang seines- Lebens einen Freund gehabt hat, mit dem er im Innersten verbunden war. Der Zohn. Von August Friedwald. (Schluß.) Mit Theodor verabredete er nun für einen Abend in der Woche ein Plauderstündchen. Dazu fand sich dieser regelmäßig und sichtlich gern ein. lieber die Verhältnisse im „Pädagogium" sprach er sich anfangs sehr begeistert aus. Er lobte den Anter r icht, besonders den des Literatur-- und Geschichtslehrers, dem er sich auch persönlich näher angeschlossen habe. Gr lobte die Verpflegung und den Ton, der unter den Zöglingen herrschte; es seien alles Leute aus guter Gesellschaft. Nur daß er mit zwei anderen das Zimmer teile, war ihm nicht angenehm; es störe ihn im Arbeiten. Der Professor besuchte daraufhin den Leiter des Pädagogiums; er gewann dessen Interesse für Theodors literarische Begabung und erreichte auch, daß er ihm — ausnahmsweise — ein besonderes Zimmer zuwies. Darüber war dieser geradezu selig: jetzt könne er nach Herzenslust schaffen. Zn der Tat, schon nach vierzehn Tagen brachte er dem Professor eine größere Arbeit über den moderne» Naturalismus; sie sollte ihm zugleich als Unterlage für einen Vortrag in der Literaturstunde dienen. Der Aufsatz war nicht besonders übersichtlich angelegt, zeichnete sich auch nicht durch klare Begriffsbestimmung aus, war aber sehr grlvandt und unterhaltend geschrieben und bekundete außerordentliche Belesenheit. Aeber- haupt war neuere und neueste Literatur und dazu noch das Theater ausschließlicher Gegenstand von Theodors Interesse. Der Professor suchte das Gespräch oft auf andere Gebiete zu lenken; er suchte vor allem Theodors Teilnahme für politische und sozial« Fragen zu gewinnen. Der hörte zu, zeigte sich als höflicher Mensch auch ausmerksam, aber Köhler hatte den Eindruck, daß ihn das alles innerlich gar nicht berührte. „Aber Junge," rief er ihm M, „fühlst du denn gar nicht mit den Armen und Anglücklichen. Du lebst in Wohlstand, brauchst dir keinen Wunsch zu versagen, und dabei kannst du es ruhig mit ansehen, daß Hunderttausend^ in deinem Vaterland in elenden Wohnungen hausen, daß sie nicht wissen, wovon sie am nächsten Tage leben sollen und daß sie keinen Anteil haben an allem, was geistige Kultur heißt." „Mein Gott," entgegnete Theodor, „was kann ich daran ändern ? And haben denn diese Geilte wirklich Bedürfnis und Verständnis für echte Geisteskultur? Aebrigens bin ich gar nicht ohne Teilnahme für ihr Geschick. Anter den neueren Dramen hat keines auf mich so starken Eindruck gemacht wie Gerhart Hauptmanns .Weber'." And- nun erging er sich über Hauptmann und sein« Stücke und Aufführungen, die er davon gesehen. Wenig erbaut war der Professor davon, daß sein junger Freund recht kostspielige Lebensgewvhnheiten hatte. Gr kleidet« sich sehr elegant, besuchte viel Theater, stets auf dem teuersten Platz; er hatte bald zu einigen reichen Familien in der Stadt Zutritt gefunden; für die Gastfreundschaft, die er da genoß, suchte er sich durch kostspielige Aufmerksamkeiten und Geschenke erkenntlich zu zeigen. Gr trank zwar nicht übermäßig, aber er rauchte sehr stark, und mit Vorliebe die teuersten Zigaretten. Der Professor, der ein Freund einfacher, naturgemäßer Lebens» sveise war, suchte ihn zu gröberer Sparsamkeit zu bringen. „Du bist doch verlobt," sagte er ihm gelegentlich, „und willst möglichst bald heiraten. Das ist durchaus richtig. Dab unsere gebildete Jugend im allgemeinen so spät zum Heiraten kommt, ist wider die Natur und ein schwerer Uedelstand. Aber dem entgehst du nur, wenn du dich gewöhnst, einfach und sparsam zu leben. „Deine Eltern verdienen viel, aber sie besitzen kein gröberes Vermögen. Deine Braut ist auch nicht reich. Also müßt Ihr verstehen, mit wenig auszukommen. Dein Bater gibt dir einen reichlichen Monatswechsel —- nach meiner Auffassung: einen viel zu reichlichen. Davon solltest du dir auf die Sparkasse tragen: tatsächlich kommst du nicht einmal damit aus. Ich erkläre dir aber, dab ich dir niemals auch nur eine Mark leihen werde. Ich will nicht mitschuldig werden an deinem Hang zum Luxus. Wieviel könntest du allein dadurch sparen, daß du dir das Rauchen ab» gewöhntest, und wie förderlich wäre das für deine Gesundheit; du siehst ja schon fast gelbgrün aus." Theodor sah das alles ein; er versprach, das Rauchen zu unterlassen. Aber seine Ausgaben wurden nicht kleiner. Seine Begeisterung für das „Pädagogium" war im Laufe weniger Monate in Unzufriedenheit umgeschlagen; der Unterricht genügte ihn nicht mehr, langweilte ihn gröhtenteils; die Kost schien ihm unzulänglich; durch die Hausordnung fühlte er sich zu sehr beengt. Eines Tages kamen dazu persönliche Reibungen mit jüngeren Mitschülern, die ihn hänselten und in seiner Arbeit störten. So erklärte er Professor Köhler, ein längerer Aufenthalt in dem. „Pädagogium" sei ihm unerträglich. „Wozu brauche ich mich überhaupt um das Reifezeugnis abzuquälen? Ich will ein paar Semester an großen Universitäten Hörer sein und mich dann als freier Schriftsteller oder Dramaturg betätigen." Köhler erwiderte ihm: „Du wirst ganz anders geachtet, wenn du hen Doktortitel hast. Dafür ist aber das Reifezeugnis Borbedingung. Wie unsicher und reich an Enttäuschungen ist zudem die Existenz als freier Schriftsteller! Man schickt mit großer Hoffnung eine Arbeit ein: wochenlang, monatelang oft keine Antwort. Wie vieles wird endlich abgelehnt wegen „Raummangels", ohne daß es überhaupt gelesen und geprüft wurde. Wenn du den Doktortitel hast, so sicherst du dir doch etwas bessere Behandlung. Du findest aber eher einmal Anstellung in der Leitung eines angesehenen Blattes oder als Dramaturg an einem bessrren Theater." Teodor widersprach dem allen nicht; in dem „Pädagogium" aber könne er nicht länger bleiben. Was mm tun? Wieder entschloß sich der Professor, Theodor zu helfen, dah er ganz frei nach eigenem Bedürfen und Ermessen fein Leben und sein Arbeiten gestalte. Er schrieb an seine Eltern, sie mochten sich mit seinem Austritt aus dem „Pädagogium" einverstanden erklären; er ging mit ihm auf die Wohnungssuche — unter zwei elegant möblierten Zimmern tat es Theodor freilich nicht —; er sorgte ihm für tüchtige Privatlehrer; er erklärte sich endlich bereit, mit ihm selbst noch griechische Lektüre zu treiben: neben ihrer gewöhnlichen Zusammenkunft am Donnerstag abend verabredeten sie noch für einen zweiten Abend in der Woche gemeinsame Lektüre von Platos „Phaedon". Theodor wünschte sehnlich, schon jetzt an der Universität ein paar Borlesungen zu belegen. Professor Köhler riet ihm ab: das werde ihn zu sehr zersplittern; er müsse alle Energie auf die Vorbereitung zur Reifeprüfung verwenden. Wenn er Jidy dazu auch zwingen müsse, so sei das eine ihm besonders nützliche Willensübung. Und die Beschäftigung mit der Mathematik und der lateinischen Grammatik und Stilistik, so wenig angehend sie ihm fei, sie gebe ihm doch eine wertvolle Schulung des Denkens, die auch seinem Schriftstellerberuf zugute komme. Theodor entgegnete ihm: gerade wenn er sich zu so manchen Arbeiten zwingen müsse, so brauche er dringend als Gegengewicht und zu seiner geistigen Anregung Beschäftigung, die ihn von selbst fessele; darum möchte er eine Vorlesung über das neuere Drama belegen. Köhler gab schliehlich nach, ja er gab ihm noch einen Empfehlungsbrief an den Rektor mit, um seine Immatrikulation ihm zu erleichtern. Schon zwei Tage darauf begegnete ihm Theodor auf der Straße mit der Mütze einer als besonders „vornehm" geltenden Studentenverbindung. Köhler war geradezu entsetzt. Er sah in dem herkömmlichen Verbindungswesen ein Hemmnis ernsten Stadiums, eine Verführung zu unsozialem Standesdünkel und zu luxuriöser ünd ünge- funder Lebensführung. Er bereute es jetzt, Theodor den Austritt aus dem Pädagogium und die Immatrikulation erleichtert zu haben; trotz aller beschwichtigenden Worte seines Schützlings kam er sich gleichsam überlistet vor; er begann ihn für leichtsinnig und oberflächlich zu halten. Auch die Platv-Abende bereiteten ihm eine schmerzliche Ent- täuschung. Anfangs war Theodor mit Feuereifer dabei. Aber bald war er aus diesem oder jenem Grunde nicht vorbereitet oder ermüdet, und er bat dann feinen „Meister", lieber mit ihm zu plaudern und den „ollen Griechen" beiseite zu lassen. Schließlich stellte Köhler die Plato-Lektüre überharrpt ein. Es schien Theodor auch gar nicht unwillkommen zu sein, diesen Abend wieder für sich zu haben. Seitdem er nicht mehr an die Hausordnung des Pädagogiums gebunden war, hatte er fernen geselligen Verkehr sehr erweitert; besonders bewegte er sich gern in Schauspielerkreisen. Gr galt da als ein „nobler" junger Herr, der gern zu einer Flasche Wein einlud oder bei Geldverlegenheit aus der Rot half. Professor Köhler hatte das Gefühl, daß mehr und mehr eine innere Entfremdung zwischen ihm und seinem jungen Freunde Platz griff. Ein kleiner Vorfall brachte ihm das schmerzlich zum Bewußtsein. Eines Tages ging er zufällig an dem Hause vorbei, in dem Theodor wohnte. Dieser kam gerade durch den Borgarten heraus, ohne den Professor zu sehen, da ec beschäftigt war, sich eine Zigarette anzünden. Als er ihn bemerkte — er konnte Nichtwissen, dah, er ihn schon vorher beobachtet —-, ließ er heimlich die Zigarette fällen und kam ihm lächelnd entgegen, um ihn zu begrüßen. So hielt also Theodor sein Versprechen, nicht zu rauchen, und so stand es mit seiner Offenheit ihm gegenüber, auf die er sich bisher unbedingt verlassen! So sehr auch Theodors Bater nach dem Grundsatz verfuhr: „Leben und leben lassen," so waren ihm doch allmählich die Ausgaben seines Sohnes zu hoch geworden. Denn dieser kam mit seinem reichlich bemessenen und später noch erhöhten Monatswechsel nicht aus; wiederholt hatte er noch dem Vater gestehen müssen, daß er Schulden habe, die dieser in seiner Gutmütigkeit immer wieder gedeckt hatte, freilich nicht ohne manchen ernsten Vorwurf. Run wollte der Baier wenigstens wissen, wie es denn mtt Theodors Prüfungsaussichien stehe, da er mittlerweile schon fast anderthalb Jahre von zu Hause fort war. Er schrieb also an seine Lehrer, aber der Bescheid, den diese — fast übereinstimmend — gaben, war wenig erfreulich: ec sei nicht unbegabt, aber er arbeite nicht ausreichend genug; er sei vor allem innerlich nicht bei der Sache; er habe wohl zu viel Ablenkung. So entschloß sich denn Theodors Bater, ihn wieder nach Hause kommen zu lassen, zumal auch Professor Köhler dies für das Beste erklärt hatte. Sehr schwer war diesem der Rat geworden. Zweimal hatte er den angefangenen Brief zerrissen: mit Schrecken hatte er gemerkt, wie ein Gefühl von Verachtung und Haß gegen Theodor ihm dis Feder geführt hatte: soviel Begabung, soviel Begeisterungsfähigkeit für Ideale und doch- alles entwertet durch klägliche Willensschwäche! Professor Köhler war nicht der Mann, sich von leidenschaftlicher Bewegung fortreihen zu lassen und die Schuld für das, was ihnr mißriet, bei anderen zu suchen. Strenge ging er mit sich selbst ins Gericht: „Habe ich ihm nicht doch vielleicht zu tvenig Liebe und Fürsorge erwiesen? Bin ich feiner Eigenart wirklich gerecht geworden? Wirkte nicht vielleicht insgeheim der egoistische Trieb in mir, daß ich einen geistigen Sohn haben wollte nach meinem Bilde? Und dann kann ich von einem so jugendlichen, temperamentvollen Menschen soviel Voraussicht, Besonnenheit, Selbstbeherrschung verlangen? Oder sollte überhaupt mein Grundsatz vertrauensvoller, freiheitlicher Erziehung nicht tn allen Fällen anwendbar fein?" Er wurde sich über die Antwort nicht klar, ja er geriet in eine gewisse innere Unsicherheit und begann an seinem pädagogischen Geschick zu zweifeln. Dabei nahm er sich aber vor, alle Gefühle der Entfremdung und Wneigung gegen Theodor zu überwinden und bis zu seiner Abreise ihm in erhöhtem Grade väterliche Fürsorge zu erweisen. Theodor schien von dem, was in seinem bejahrten Freunde vorging, nichts zu merken. Auf die Nachricht, dah er nach Hause kommen solle, hatte er sofort alle seine Stunden abgesagt, auch die Vorlesungen besuchte er nicht mehr. Er begann zu packen, aber Tag um Tag und Woche um Woche verstrich, ohne daß er abreifte. Bei Köhler ließ er sich nur noch sehr selten blicken; er war völlig durch seine geselligen Derpflichtungen in AnsvruH genommen. Endlich setzte er auf wiederholtes Drängen seines Vaters bestimmt seine Abreise fest. Am Tage vorher nahm er von Professor Köhler Abschied: liebenswürdig und unbefangen wie immer plauderte er mit ihm. in herzlichen Worten dankte er ihm für alle seine Siebe und Fürsorge. Ein paar Stunden später, am Rachmittage, brachte ein Bot« Professor Köhler folgenden Brief: „Mein verehrter väterlicher Freund! Ich habe noch eine Bitte an Sie, so groß, daß Sie vielleicht erschrecken. Ich brauche Geld, sofort, und zwar tausend Mark, (to weih, dah Sie es sich zum Grundsatz gemacht, mir nichts zu leihen, aber ich bitte Sie: diesmal tun Sie es! Es gehörte viel dazu, daß ich mich soweit vor Ihnen demütige, aber seien Sie dessen versichert, ich konnte nicht anders. Fragen Sie mich nichts Räheres, kommen Sie nicht zu mir. Geben Sie dem Boten einen Scheck mit. — Glauben Sie mir: es hängt für mich alles davon ab, ob Die meine Bitte erfüllen. Bruno Theodor." Köhler antwortete: „Ich bleibe meinem Grundsatz treu." In der Rächt konnte er wenig schlafen. Eine gewisse Unruhe und Sorge trieb ihn schon in der Frühe des nächsten Tages zu Theodor. Dieser wollte um acht Uhr fahren; schon um ein halb acht war Köhler in seiner Wohnung. Er trat ein: Der Geruch von Zigarettendampf drang ihm entgegen; auf dem Tische standen einige Gläser, z. T. noch mit Weinresten, auf dem Boden ein paar teere Flaschen. Die Tür zu Theodors Schlafzimmer stand offen. Der Professor — 40 — trat leise näher. Die Sonne schien herein, und von draußen hört» man Vogelgezwitscher. Im Bett lag Theodor auf dem Rücken — mit offenem Munde, schnarchend. Eine Welle betrachtete ihn Köhler, dann schüttelte er den Kopf und ging still hinaus. Freiheit, die ich meine. Bon Max Dürr. Freiheit ist gewiß etwas Schönes: in welchem Menschen regt sich nicht das Verlangen, ein freier Mann zu heißen und sein Leben so zu gestalten, wie es jedem selbst beliebt? Aber wohlverstanden, zwischen Freisein und Freisein ist ein gewaltiger Unterschied. Frei fein von Zwang und Fessel ist etwas anderes, als frei sein von Zuch! und Sitte, und wer frei ist von dem Wachtgebot eines über ihm stehenden Herrn oder Aussehers, der ist noch lange nicht frei von seinen unsichtbaren Gebietern, die manchen schlimmer beherrschen als Sklavenvögte, und ich meine damit die Leidenschaften, ob sie nun Zorn, Rachgier und Eifersucht oder Reid und Habsucht heißen. And wenn man es bei Licht besieht, so ist recht eigentlich jeder Mensch bei Lebzeiten dazu da, um zu dienen, sei es, daß er demjenigen dient, der ihn deshalb anstellt, oder dem Staat und« der Gemeinde, so ihm das Anfi geben, oder der Allgemeinheit überhaupt, und der. der niemand oder zu nichts dient, wird mit Recht als ein unnützer Fresser angesehen. Lebte einmal in einem hübschen kleinen Städtchen des Oberlands ein Wirt, der nicht recht und nicht schlecht war, sein Geschäft ordentlich imstande hielt, so es fein Ruhen war, den Wein nicht allzu stark mischte, auch sonst kein Deutelschneider war, kurzum noch lange nicht zu den Schlechtesten im Städtchen zählte. Rur daß er zuweilen, was man so heißt, das Maul voll zu nehmen pflegte und am allermeisten tat er sich drauf zu gute, ein freier Mann zu sein und niemand untertan zu heißen. Also führte er auch gerne das Wort, wenn die Gäste am Tische saßen, und sprach viel von Freiheit und Menschenwürde, und dem einen sprach er zu lieb und dem andern zu leid und der dritte dachte, man läßt ihn schwätzen und es singt jeder Vogel auf dem Daum 'fo gut als er eben kann. Anterdrs kam auch einmal einer in die Wirtschaft, war Verwalter bei einer größeren gräflichen Herrschaft und hatte klein angefangen, sich aber durch lange und treue Dienste zu seiner jetzigen Stellung aufgeschwungen, war auch dem Herrn Grafen, wie er sagte, fast gar unentbehrlich geworden, stand aber trotjbem in der Achtung unseres Wirtes Kilian nicht eben hoch, weil er ein seltener Gast in der Wirtschaft war, auch der Ansicht zuneigte, zu Hause und in der Familie sei es auch nicht gerade unbehaglich, Da er nun sein Schöpplein Braunbier forderte, brachte es ihm der Wirt, stellte es auf den Tisch und bot ihm ein Wvhlbekomms oder auch nicht, setzte sich wieder zu den anderen und begann von Freiheit loszulegen und von Sklaverei, von Anabhängigkeit und von Knechtschaft, und da einer mit einem Seitenblick auf den Herrn Verwalter am Rebentisch in gedämpftem Tone darauf anspielte, wie es dieser fo schön habe auf der Wellt, lebte von feinen Gehalt und ohne Sorg», ob die Frucht ansetzt oder ein Hagelwetter kommt und die Ernte vernichtet, und möchte er es auch so gut haben wie dieser Herr, so sagte der Wirt mit lauter Stimme: „Ob gut oder schlecht, aber ich möchte kein Fürstenknecht sein und ob man ihn nun Herr Verwalter heißt ober nicht, so ist mir das einerlei, denn wenn der Herr Graf pfeift, so ny i,6 er tanzen, und ist mir lieber, daß ich mich einen freien Wann kann nennen.“ Also war nicht schwer zu merken, auf wen die Rede gemünzt war. und dachte der Verwalter vielleicht sein Teil, ließ sich aber gleichwohl nichts anmerken, trank sein Schöppleig und bestellte ein neues, forderte auch nach einiger Zeit ein Stück Brot zu essen, und da es der Wirt brachte und das Salz auf Lkmi Tisch fehlte, fo bat er mit höflichen Worten, ihm solches herbeizuschaffen, weil er sich dachte, daß Brot und Salz allzumal gut ist und soll man nicht in den teeren Magen hineintrinken. Nachdem es ihm aber leidlich geschmeckt hatte und auch das Bier nicht übel mundete, fo rief er den diensteifrigen Wirt zum vierten Wale und bat um eine Zigarre, verlangte auch nach einer Weile zu zahlen und machte die Zeche — wohlverstanden, es war noch in der guten alten Zeit — genau fünfunddreißig Pfennig. Da nun das Geld auf dem Tjsch lag und der Wirk die Rickelund Kupfermünzen einstrich, auch nach hergebrachter Sitte ein Wörtlein des Dankes hören ließ, fo schmunzelte der Gast und sagte: „Eia, Herr Wirt, ist nichts zu danken, denn es ist alles gut und recht gewesen, so das Bier und das Brot, ist auch die Zeche nicht gar zu hoch, wenn schon Ihr wohl ein gut Stück Geld daran verdient." Meinte der Wirt, der andere beliebe zu scherzen, lächelte ein wenig säuerlich und erwiderte: „Sicherlich werde ich, wenn 3br öfter kommt, noch ein reicher Mann werden, denn an jedem Schoppen Bier habe ich zwei Pfennig, an der Zigarre einen und an dem Brot auch einen Pfennig, so es gut geht. Macht mein Gewinn nach Adam Riefe sieben Pfennige, ohne das Salz und das Zündholz, das 2hr frei dazu bekommen habt." Entgegnete der andere gang- ernsthaft: „Zuvor habt Ihr mich einen Fürstenknecht gescholten, Ihr aber seid um sieben Pfennig» willen des Fürstenknechts Knecht gewesen und sechsmal auf feinen Ruf gelaufen und habt Euch dessen auch nicht geschämt. Also lasset mir meinen Dienst und ich will Euch den eurigen lassen." Das war eine scharfe Lehre für den Wirt Kilian zum braunen Bären und mußte er wohl oder übel alles einstecken, fprach auch zeitlebens nicht mehr von Fürstenknechten, wenn der Verwalter oder ein aoberer Bediensteter der Herrschaft in feine Wirtschaft kam. Merke: Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Dienen ist keine Schande, sondern es kommt darauf an, wem und wie man dient, und wenn einer feine Dienste treulich erfüllt, ob sie hoch oder nieder sind, mag er ein rechter Mann heißen. And zum andern: Freiheit ist eine seltene Gabe und nicht jeder, der den freien Wann im Munde führt, besitzt deswegen Freiheit, sondern zumeist ist er, und wäre er der ungebundenste Wann, wenigstens in seinem Sinne, dennoch mit einem guten, starken Faden oder einer Schnur oder gar einer Kette gefesselt, sonst wäre er kein Mensch. Die Urform des deutschen Hauses. Dem Menschen der vorgeschichtlichen Zeit, dem Regen und Schnse, Sturm und Blitz vom Himmel dräute^ war es vor allem darum zu tun, Schutz gegen die verheerenden Gewalten von oben zu suchen. Da hält er die Hände über das Haupt, duckt sich unter Baumkronen, kriecht in Hohlen, wühlt sich in Wohngruben, ein Dach, will er haben, das ihn schirmt. Aus diesen Ursachen heraus kann Man die Grundformen des Hausbaus herleiten. Roch begegnet man im masurischen Sumpfgebiet solchen Argebilden: in die Erde gesteckte Stangen, durch dünne Aeste zu zwei Rahmen verbunden, von SHilfrohrbündeln bedeckt, lehnen gegeneinander wie ein Kartenhaus. Das ist die reine Dachhütte, die uns auch noch in manchem Schafstall und Torfschuppen im Oldenburgifchen, mancher Moorbauernwohnung im Bremer Geestgebiet entgegen tritt. Eine vielleicht noch ältere Hüttenform verbirgt sich in den Wäldern des Harzes und Sauerlandes; von Kohlenbrennern und Holzfällern sind Stangen In Kegelgestalt zusammengelehnt, über einem vieleckigen Grundriß zur Spitze vereinigt, mit Zweigen und MooS bekleidet. Don diesen Urformen der Hütte hat die Kunst des Dachbaues ihren Ausgang genommen, aber es ist ein langer, mühseliger Weg, der von der Dachhütte zur Wandhütte und von dieser zum Hause führt. An den primitiven Schafställen, die noch In Oldenburg und in der Lüneburger Heide, im Hümmling oder im Moor bei Worpswede auf tauchen, sieht man, wie ein rauher Erd- und Steinwall die Grundlage für den Dachbau bildet. Aber von folchem Erdwall zur Lehm- oder Mörtelwand ging es nicht fo schnell, denn manche Art gewachsenen Steins schützt nur unvollkommen gegen Rässe und Kälte, und nicht jede Lehmart taugt zum Wandbau. Die Uranfänge unseres deutschen Hauses haben wir daher im Holzbau zu suchen. Die Landstriche im östlichen und mittlerem Deutschland waren ja reich an Bäumen, und mit wenigen Beilhieben ließ sich, dem Baumstamm das Material zur Aufeinander» schichtung von Wänden abgewinnen. Solche Primitiven Holzhäuser gibt es noch heute in Ostpreußen, wohin sie vielleicht die Philip» bauen aus dem Innern Rußlands mitgebracht haben. Auch die Dleicherhütten der Ammerländischen Bauernhöfe scheinen auf den ersten Blick noch eine Urform darzustellen. Aber nähere Betrachtung zeigt, daß eine Fülle mühsam gesammelter Erfahrungen zwischen dem hölzernen „Kartenhaus“ und der Bleicherhütte liegt Hier ist bereits eine einfachste Bildung einer späteren Zeit vorhanden, in der nicht mehr die rohen Raturhölzer zufammengefügt sondern bearbeitete Hölzer von geschickter Hand verbunden wurden. Der Zimmermann tritt auf als der erste Baumeister des deutschen Hauses. Es war ein heute in seiner Bedeutung kaum noch ermeßbarer Schritt, den die Entwicklung des Hausbaus tat, als sich aus zwei Ständern und einem auflagernben Querholz ein Bock oder „Stuhl" fügte. Solch ein Dachstuhl ist kein einfacher Raumabschluß mehr. Die Wände sind nun nicht mehr Dachträger und Raumbegrenzung zugleich, fondern der Hauserbauer kann Dachstühe und Aaumgrenze von einander trennen. Der Raum muß nicht mehr am Dachträger endigen, sondern er kann sich, wenn der Stuhl ungefüllt bleibt darüber Hinausdehnen. Stellen sich im Stuhlrahmen die Ständer in dichtere Reihe und schieben sich wagerechte Riegel vor, bang wächst ein Holznetz, das von leichten Stoffen zur Wand ausgefüllt werden kann. Die Wand gliedert sich in Rahmen und Füllung. Der Fachwerkbau entsteht, die uralte echtdeutsche Bauweise, die Wohl unabhängig von anderen Gegenden im deutschen Rorden erfunden worden ist. Der Fachwerkbau greift über den schweren Blockbau der Frühzeit hinaus; er ist nicht mehr dunkel, schwer und ungegliedert, sondern spricht sich warm und gemütvoll aus im bunten Wechsel von Pfosten und Fläche, von Hell und Dunkel. Fast jeder deutsche Stamm und Landstrich hat ihn anders belebt und geformt, bald im Gefüge, bald in der Flächengliederung, bald in Zuschnitt und Schmuck. Die Zimmermannskunst bildet die Grundlage dieser Bauart und erfüllt sie mit der reichen Phantasie und Gemütstiefe des deutschen Hanbwerksgeistes. Aus diesem ursprünglichen Fachwerkbau find dann beim Erblühen der Städte die stolzen und reichen Bürgerhäuser' erflanben, die noch heute die Zierde so manchen alten Ortes bilden, kraus und vielgestaltig, aber auch tiefsinnig und erfindungsreich wie ein Griffelwerk von Dürer. Schriitleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.