Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1924 Dienstag, den 7. Oktober Nummer §2 Herbst wlrd's. Don RudolfHerzvg. Schon weht ein Wind, ein faltet, Die Rosen liegen im Sand-. Ein müder Sommerfalter Flattert auf meine Hand. Der Wald an den Weblingsstellen Bald nicht mehr das Ange labt, Und ich hab' das Blühen und Schwell«» Immer so fie6 gehabt. Die Rächte zum Träumen laden, Wo ich noch jauchzen will — Kameraden, ach Äamerafren, Was schweigt denn ihr schon still? Dahin seid ihr gezogen Die Straßen links und rechts. Das Brausen der Lieder verflogen Und das Klingen des Burschengefechts! Die farbigen Bänder bleichen, Und Becher um Decher bleibt leer; Aeber die Laute streichen Will kein Verliebter mehr. Es hat euch von dannen getrieben Mit heimatbefangenem Sinn. Allein bin ich übrig geblieben — Gehör' ich denn nirgends hin? Mein Herz, mein trotziges, wildes, Und wirst du nun plötzlich alt — ? Statt des lachenden Frühlingsbildes Seh' ich den dürren Wald. Hoch über ihm steuert nach Süden Ein drängender Kranichschwarm; Die Menschen, die wandermüden, Suchen den liebenden Arm. — Ich halt' einen Ring in den Händen Don einer, die einst mir hold, Und kann nun das Auge nicht wenden Von dem Stückchen Heimatgold-- 3m Zauber der Gletscher. Don Josef Un old. Ein herrlicher Tag stieg Wer das Stubai herauf, als wir die Rürnberger Hütte verliehen. Das tiefe Tal, in dem dicker Rebel wogte, lag in Halbdunkel. Rur über uns stirbt das Dämmerlicht, die Sterne verblassen, ein sonniger Julitag will werden. Ein kalter Wind steigt über die Kämme der Feuersteine und treibt die schneeweihen Wanderwvlken an den Abhängen der Felsgrate entlang, hinauf in unendliche Höhe. Frierend stehe ich auf der Zinne der Steilwand, auf der die Hütte thront und blicke hinab auf die Gletscherzunge, sie ist nicht groh, auch der Gletscher nicht; er scheint am Aussterben zu sein. Mehr als der Gletscher fesseln hier die unter der Zunge liegenden abgeschliffenen Felspartien, die sogenannten Gletscherschliffe, die uns an die viele tausend Jahre zurückliegende Eiszeit erinnern. Der polierte glatte Felsabsturz fällt hier jedem Wanderer auf. Die Grenze dieses Schliffes reicht bis tief unter die heutige Vegetationsgrenze. In den Kalkalpen find diese Schliffe, die Spuren der Eiszeit, nirgends mehr zu finden. Rur das kristallinische Gestein, Gneis und Granit, das die Stubaier Alpen beherrscht, ist der Verwitterung entgangen. Geologen berechnen den Zeitraum von der letzten Eiszeit — die Wissenschaft unterscheidet 4 Eiszeiten — bis zur Jetztzeit auf 10 000 bis 20 000 Jahre. Für die älteren Abschnitte des Eiszeitalters rechnet man mit weseintlich längeren Zeiträumen und der Forscher A. Penck hat die gesamte Dauer des Eiszeitalters zu etwa 240 Jahrtausenden veranschlagt. .Unfaßbare Zahlen, die in dunkle unergründliche Fernen führen. Und viele Forscher sprechen von einer kommenden Eiszeit, die die blühenden Gefilde des Mittellandes verheeren würden. Rette Aussichten für unsere Rachkommen! Gin kalter Morgenwind verscheucht die Eiszeitgedanken und wir freuen uns des jungen Tages. „Die Sonne dort, — sieh, sie vergoldet die Feuersteinfpitze" — schreit der kleine Doktor und stößt mich in di« Seite. Ja, in rosiges Licht ist die eisumkleidete Zacke getaucht. Auch die niedeve Spitze wird beleuchtet und bald smrne^r 9 Hüttenwart aus, obwohl pechschwarze Wolken über die Schneegipfel und Gletscher AZVLMM8 ^ÄDa^rKst Mngst überschrittem Dur verkruppelt^und | 8MLMMW VWMMGWZZ s™, Lod dem unvergänglichen Schnee. wn iyrer schäft'findet sich auch der Gletscherhahnenfuh, der irgeudwv rnwi - dem Felsgeröll von spärlichem Humus sich nährtund d«- W derer niit leicht erröteten Wangen anschaut. Scheu blickt er: m dre Welt des Schreckens und der Vernichtung. Erdfarbene Schnee Hühner huschen Über die Gesteinshalden und sehen uns vertraut und neugierig an. Wenn im Spätherbst dw ersten rauhen Stürme über das Gebirge dahinbrausen, nimmt das Kleid dieser Vogel das schwarze Wolken jagen über den Gletscherkamm und malmen zur Eile. Wenige Schritte vom Firngrat entfernt durch- zittert Donnerkrachen die Luft. Ein Gewitter naht, Witz folgt ans Blitz. Run aber rasch den Eispickel, Steigeisen und Rucksack weg, und eine unendliche Kette Weister Vergspihen liegen unter uns, wcmn für Augenblicke das Wolkenmeer, das über die Gipfel Hili SÄ' fMtÄÄ ,l«-l>.w-U«° unten, n>« t»8 sch««, selb sich übersehen lästt, wird abgefahren. . 3m Schlenderschritt gehts toetier, einige Gktscherspalten über springmd übers Riitterkarjoch zur Breslauer Hütte, mfi dem Gefühl in der Brust, Glück und Schönheit getrunken zu haben. 3m Auanst schifahren? Sie sind verrückt." " So sagte der । Zweifler der Mann aus dem Flachend, der sich mit mir nn Zug, I LgenRorden fuhr. Über meine Alpenfahrt unterhielt und 3w । teresse dasür-zeigte Schifahren im Hochsommer, — ueimdas wollte ihmnichtin den Kopf. Er bekehrte sich aber, als er meine Fotos sah. Änd ich erzählte ihm. , . ®red» Ein wonniger Sonntagmorgen brach an aBtofcW I Tauer Hütte standen. Die Sonne wollte alles wiÄ>« gut mach»m, wasihram Lag zuvor bei unserer Besteigungde>WiLs^tze E gelang, wo düstere Wolken die Fernsicht verdeckten. &ie Liefe Iturjen uw in Buch. Gestern abend, als die X“ A $X"w« -»» di- li-ite» »>»?« Essfesi In Fiegls Sennhütte wird S^^fte . ,, . •’gtu6al durchwan- WanLergenossen aus ^rlm "lit r«nmwl °^s v. Morgen- S« -«?«-»,»,lichte W-«sch°». dte wi-Nl« »!«-- in drastischer Malerei verunglückt der ehrsame Holzknecht darunter stand. „Hier wuroe u Das Bergvolk ist Peter . . .. . - Go geb ^ die ew^g Rich eg ESWWSund die grausamen Verheerungen la90®aS HÜttenmaLl stellt mir das vierte .Mas, Tiroler" a>fi !^n Tisch, die Ähr zeigt auf 9 Ähr - wir sind lehst mr ^r hun^ v st-m ^Debatte Über Las Wetter angelangt! Ich kroch ms rnt f ^ Erwartungsvolle Tag brach an. Keine Sonne-aber Rebel und dicke Wolkenschwaden. Man legt sich erne weitere Stunde aufs vNm Äm 6 Ähr steigen wir aus Len Federn und die Wetterlage wfid ergehend inspiziert. Sie Wolken zerteilen sich, ^ and^r inWer ^Hv'ffmlng^a^^den^V^llen^^rausziikvmmeii. Wenige Schritte nur mch'wir stehen auf dem Karlesfermer eine>n Seiien- am Les Mittelberggletschers Kvmpasi und Karie wi Autzentasche gesteckt und. Las angeleg^^Mittelm In die sSfs?i53?588EStS Hitze des Tages^ während der MährigenVeob- achttmaspl^ von INch-1912 festgestellt Last das Gle-s-bereiche VN» Ä.. k.b Ä L Ä des an die Alpen anflrenjenten ©c&ietee(nut ®uS m I Wäbrend unserer vierstündigen Schneestampfertt w wi ateÄÄn™ a«« W«N«„,°i°l w di- Ich»«»mMlte L°8L». d-m « Sommerfrischler«, dte sich u1«'1’ '-. - - r,lv Wssges Geld ii«» »Ä AL L L u«,«« ^SS« &“®te ,p-techb;-. -««'««> «t» Schl'iestlich sollten wir das Zimmer doch bekom^en. $$ Müde legten wir uns abends - Doktor Mit I schlief schon tief, als nnch gegen 12 Ähr d^ n■ Wc den Rufen weckte: „Licht, Licht ?rmer»-m > und - enr Schrecken ubeE ans. Wan^n ä* ä ■ ä auf die Tattgrunen friedlichen Rl^nmatten, Blumen, SSÄSä-äs „Grüast Gott, i däi a Gläsle Milch trenka kriag ***• -«KLrrrvK es» ««-«->« ®r klingt so frsundli, klingt so wotzt, Aelplerherz. Wie einen alten Betannten reue - 167 Hütte lag Sonntagsriede. Dom Venter Tal herauf drang aus dunstig-blauer Liefe harmonisches. Kuhglockengeläut. Man sah vor der sonnbeschienenen Hütte aus moosigem Feldgrund, und schaute auf die Schnee- und Eishäupter der südlichen Oetztaler Alpen. Die Eisfelder des Similaunkopfes strahlten im Glanz der August- sorme, Der Similaun ist die Grenzscheide zwischen Oesterreich und dem von Italien „eroberten" Südtirol. Sein südliches Bergmassiv fällt ins Etschtal äb uni)1 zu seinen Fähen liegt Meran, die gewesene Perle Deutsch,-Südtirols. Wohl rascheln dort im südlichen Klima die Palmenblätter im Winde und reifen die Trauben, Mandarinen und Apfelsinen, doch der sonnige Glanz, der zu Vorkriegszeiten über den Dillen und den Weinlauben, dem Glaspalast und dem bunten Leben der Stadt des Südens lag, ist verblaht. Italien hat sich darin breit gemacht und zwar, wie mir erzählt wurde, nicht dre Elite. Emporkömmlinge, Neureiche und dunkle Gestalten.. Ja, der Krieg und der „Frieden" von St. Germain! Die Führer, die gestern abend unsere Hütte verliehen und zu Tal wanderten, um die sonntägliche Frühmesse nicht zu versäumen, kommen erst gegen 11 Uhr zur Hütte. Sechs Tage lang gehen ste ihrem gefahrvollen „Vergbrot" nach, der SoÄntagmvrgen gehört der Kirche. Wir drei „ Führerlose" brechen auf zum Vernagthaus am Fuße des Vernagtgletschers über dtzn herrlichen und bequemen Höhen- weg. Die Älpenvereinssektion Würzburg, die Eigentümerin dieser Hütte, hat sich als Bewirtschafterin die „umfangreiche Kreszenz" ausgesucht, die dieses Amt schon seit Jahren mit Schwung aus- fÜllt. Wie sie geht und steht schätzt man sie auf mindestens zwei Zentner. „Do ist's kreuzfidöl, do is a Gsangerl z'Haus und Tanz ..." — erzählte mir ein Wiener Alpinist. Die führt ein strenges Kommando, backt aber einen vorzügllchen Schmarren. Die dicke „Kreszenz" hats verschuldet, daß wir in die Mjttags- fvnnenglut hineinliefen: halb zwöf älhr zeigte die älhr, als wir den Kamm der Moräne des Guslarferners hoch stiegen. Wir betraten den Gletscher. Mit langsam klatschenden Schritten gings über den von der Sonne aufgeweichten Oberschnee. So stampfen wir, zahlreiche wassergefüllte Gletscherspalten überquerend, der Höhe zu. Der Fels der Kesselwandspitze bringt Rettung: in flottem Tempo klettern wir zum Brandenburger Jöchl (3300 Meter) empor. Ein herrlicher Ausblick in unendliche klare Ferne. Unter uns zahllose Gletscherfelder im blendenden Sonnenlicht, umkränzt von steilen Felskämmen. lieber eine abschüssige Felswand gehts hinab zum Kefselwand- serner, von dessen jenseitigem älfer das Brandenburger Haus her- uberschimmert, und nach einer Stunde erreicht wird. Die Hütte liegt in eisiger Höhe (3290 Meter) mitten in einem Kranz von riesigen Gletscherbecken auf freier Felszinne. Man wird nicht sagen können, daß die Berliner Alpenvereinssektion „Mark Brandenburg", die dieses herrliche Touristenhaus erbaute, kein Empfinden für alpine Schönheit hatte. Die Schneeschuhe, die im Flur der Hütte standen, "erregten mein Interesse. Sie waren Eigentum des Hüttenverwalters, der mir aber die schlanken Hölzer bereitwillig überliest. Freuderfüllt nahm ich sie unter den Arm und stieg hinab zum Gletscher, der mit Neuschnee bedeckt war. Ein sonniger Augusttag und Bretter unter den Fühen! Rasch gleiten die Schi über die salzige Schneedecke. Der Gletscher zeigt nur wenig Spalten. Fester Firnschnee überbrückt diese lebenver- fchlingenden Tiefen. Vom Kesselwandjoch fällt der Gispanzer steil ab: ich steige hoch bis zum Felsrand, der vom Gletscher durch tiefe Schrunde getrennt liegt und fahre zu Tal. Erst langsam, Schleifend ziehend, zögernd und tastend nach Gletscherspalten. Die Fläche zeigt keine offenen Risse, drum lustig weiter. Ich steige wieder den Gletscherhang hoch und beschleunige das Tempo. Scharfe ?erissene Schwünge und etliche Stürze auf die Nase beleben die xahrt. Langsam schlendere ich wieder der Höhe zu und fliege über die weist glitzernde Wand. Bergeslust, Winterfreude! — jauchzt das Herz. „Tiuhu" hallts hinaus in die Sttlle der Eiswelt. Am Brandenburger Haus drüben sieht man das Schwenken der Taschentücher. älnd wieder jage ich über die Eisfläche, begleitet vom eigenen Schatten, den die Abendsonne über das glänzende Weih wirft. „Ratsch, ratsch ..." — die Schneedecke einer Gletscherspalte hat dem Druck der Schier nachgegeben. Einen Augenblick das Gefühl der älnsicherheit, weiter gehts! Telemarkkurven schwächen das Tempo ab. Gefahr? Daran denk ich nicht. Mein Blick fällt auf tausend Spitzen, die im Abendgvld erglänzen. Losgelöst von aller Erdenschwere, allein im stillen Berg- Weltfrieden, stehe ich ergriffen und staune über die Erhabenheit Und Gröhe des Schöpfers, der diese Riesen mit wuchtiger Faust formte. Und wie ein köstlicher Rausch überkommt es mich. Mein Blut hämmert in den Schläfen, singt durch meine Adern. Frei in unendliche Höhe trägt mich ein leiser Jubelton des Sieges, überwunden zu haben die Gefahren und Hemmnisse der Dergwelt mit meiner menschlich-lleinen Kraft. Schon erblassen die Berghäupter in fahler Dämmerung. Wie tausend Gedanken und Fragen stürmen die letzten um sie spielenden Lichter in rätselhafte Ferne. Und ich fühle aus großem Schweigen, als zöge ein Kindertraum über mein Sinnen. Süßer Trost und Friede quillt wie aus trunkenem Born mir zu, un& darauf als köstliche Perle schimmert ein neuer Strahl sonnigen Lebens. . . Und ich will ihn mitnehmen und hegen, wenn grauer Alltag wieder mich umspinnt. Onkel Dodo. Don Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Ach wollte mich dagegen verwahren, er schnitt mir aber die Gelegenheit dazu nicht nur durch eine Handbewegung, sondern auch durch ein lauteres Sprechen seinerseits ab und fuhr fort: „Also das Programm. Unser Sechsuhrbad haben wir versäumt und ■ mn Bad unmittelbar nach dem Frühstück geht nicht. So geb' ich Sie denn bis neun Uhr frei. Sie sehn, ich bin nicht so schlimm, wie Sie vielleicht meinen. Auch weiß ich recht gut, ein Mann wie Sie will sich mal sammeln oder einen Brief schreiben. Nicht wahr? Ich seh's Ihnen an, daß Sie viel Briefe schreiben, eine schreckliche Angewohnheit, und wer sie mal hat, wird sie nicht wieder los. Also bis neun. Un& um neun gehen wir eine Stunde spazieren, halten uns nach dem Jnslebener See hin und nehmen das versäumte Frühbad nach.... Sie schwimmen doch?" Ich schüttelte den Kopf. „Ei, ei. Aber es tut nichts, un5' wenn etwas passiert, ich kann tauchen hole Sie wieder herauf. Unser zweites Frühstück nehmen wir dann unmittelbar nach dem Bade. Für den Platz lassen Sie mich sorgen. Keine tausend Schritt hinter dem See liegt der Burgberg, hundertachtzig Stufen, etwas steil; da klettern wir hinauf, setzen uns auf eine Steinbank un& haben das schattige Buchengezweig über und die sonnige Landschaft vor uns: erst den See mit dem breiten Rohrgürtel und den wilden Enten, die beständig auffliegen und niederfallen, mal schwimmen und mal tauchen un& bei dieser Gelegenheit ihres Daseins besseren Teil in den blauen Himmel strecken. Und dann kommt ein Wind über den See und fächelt uns an und schüttelt die Bucheckern vom Daum, wenn es schon welche gibt, ich bin meiner Sache nicht sicher, unSi dabei sitzen wir und verzehren ein Solei und überfliegen den blauen Strich der Berge bis zu dem alten Brocken hinauf, der mit seinem Backofenprofil die ganze Vorgrundsherrlichkeit überragt." Ich sah ihn verwundert an, ihn mit soviel poetischer Emphase sprechen zu hören, aber er wiederholte nur „. . der die ganze Dorgrundsherrlichkeit überragt, und was am meisten in Betracht kommt, uns mit aller Dringlichkeit einlädt, ihn zu besuchen. Und er soll nicht lange mehr aus uns warten. Heut ist es zu spät; wir haben (mir immer wieder ein Vorwurf) die besten Stunden verschlafen, aber morgen, morgen. Wir machen's in einem Tag gnÄ bei Sonnenuntergang sind wir wieder zurück." „Aber der Sonnenuntergang ist ja gerade das beste." „Torheit. Erstens ist der Mittag Ebensogut wie der Abend, und wenn es blendet, was verkommt, so setzen wir eine blaue Brille auf. Und dann zweitens, und das ist die Hauptsache: ,das Ziel ist nichts und der Weg ist alles', ohne welche Wahrheit und Reiseweisheit die ganze Drockenieputation sich keinen Sommer lang halten könnte. Denn haben Sie schon je wen gesprochen, der vom Brocken aus was gesehen hätte? Ich nicht. Und ist auch nicht nötig. Worauf es ankommt, das sind die Stationen: in Hohenstein einem Wacholder, auf der steinernen Rinne üxü Belegtes, in Schierke zwei Seidel und auf dem Brocken zu Mittag. Aber im Freien. Und wenn es dann so fegt und bläst und man erst seinen Reisestock und dann einen Stein aufs Tischtuch legt, damit es nicht weggeblasen wird, sehen Sie, Doktor, das ist die Freude, darin steckt die Genesung. Ob Sie die Türme von Magdeburg sehn, ist gleichgültig und hat noch keinen gesund gemacht. Aber der Wind. Im Wind steckt alles; kennen Sie die Geschichte von Christus und Petrus? Ohne Wind wär' alles Pest und Tod. Es wär' eine mephitische Welt, wenn der Wind nicht wäre. Hab' ich recht? Der Wind ist die Gesundheit und das Leben, und es wundert mich, daß die Griechen keinen großen Windgott gehabt haben. Einen kleinen hatten sie." Ich bestätigte. „Run sehn Sie. Ja, der Wind, auf den kommt es an, und haben Sie den erst liebgeiwonnen, so wollen Die jeden dritten Tag hinauf. Und soweit bring' ich Sie noch. Und wenn mal ein Wetter kommt und einen in die Hütte treibt, zu Köhlervolk oder andern blutarmen Leuten, und wenn man dann das Wasser aus dem Schuh gießt und sich einen Friesrock anzieht, bis alles wieder an einer langen Ofenstrippe getrocknet ist, — sehen Sie, Doktor, das heißt leben und Leben genießen. Und so was müssen wir fils Ziel im Auge behalten. Aber das alles ist Zukunftsprogramm, und vorläufig und für heute (Sie werden doch nicht ausspannen?) sind wir noch auf dem Burgberg und begnügen uns mit ihm! und marschieren, statt auf den Brocken, in weitem Bogen auf die Pfarre zu, wo wir Hochwürden, ich wette zehn gegen eins, bei seiner Zeitung treffen werden. Ein scharmanter Mann, nur ein bißchen zu seßhaft und nicht loszukriegen von seinem knarrigen; Reitstuhl ■. . . Ich glaube, er bildet sich wirklich ein, er sähe zu Pferde. . . Nun, da haben wir denn unser Gtzspräch. Er hält zu Falk und will nicht nach Canossa. Sie doch auch nicht? Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen. Apropos, Haben Sie denn schon die Jnslebener Kirche gesehen und die Gruft?" „Nein." „Nun, dann müh der Küster ausschliehen, und Sie müssen wohl oder übel vom Pastor aus — der uns, wenn er nicht zu bequem ist, dabei begleiten kann — in die Gruft hinabsteigen Und die Mumien sehn. Das ist eine Besonderheit dieser Gegen- — 168 — Vorplatz. Aber präzise, präzise. den und eigentlich unaufgeklärt. And sie liegen da (denn es sind ihrer mehrere) wie noch lebendig und die HaMt gibt npch und macht eine Kute, wenn Sie mit dem Finger draufdrücken . . . >And dann zurück und zu Tisch . ." „Könnten wir nicht vielleicht," unterbrach rch, „erst in die Gruft steigen und dann in die Pfarre ..." „Meinetwegen. Versteh, versteh. Bst Ihnen fatal, von der Mumie direkt hier wieder einzutreffen und gleich danach zu Tische zu gehn. Aber ich bitte Sie, Lektor, wie kann man so feinfühlig sein? Da hort zuletzt alles ach und Sie können kein belegtes Butterbrot essen, wenn zufällig einer begraben wird." „Kann ich auch wirklich nicht." „Prachtvoll. Was im Zeitalter der angegriffenen Verven alles vvrkommt . . . Aber wie Sie wollen... Erst in die Gruft also und d a n n zum Pastor. And dann nach Haus und zu Tisch. „And dann?" , „Ich denke, wir überlassen das der historischen Entwicklung. „Offen gestanden, mich persönlich würd' es beruhigen, genau zu wissen, was vorliegt, und was in Sicht steht." „Grt. Meinetwegen auch das. And so schlag' ich denn vor, wir bestimmen Otto, gleich nach Tisch den Pirschwagen anspannett zu lassen. Gr stützt etwas, aber das gehsört Mit dazu. Dann besuchen wir den alten Oberförster. Er ist froh!, wenn er mal ein anderes Gesicht sieht. And dann in den Wald hinein oder noch besser draußen am Wald entlang. Es ist jetzt freilich nicht viel los und die Hirsch' und Rehe schreiten einher wie im Paradies« (beiläufig, ich habe solche Bilder gesehen, ich glaube in Florenz) aber in drei Stunden wird doch wpM was zum Schutz kommen. Vesper fällt aus und für einen Äordhäuser sorgt der ObeMrster. Das ist wichtig, denn bei Sonnenuntergang wird's kühl. And dann nach Haus, wo uns die Jungen erwarten. And ich glaube, mit Sehnsucht. Denn wir wollen am Abend noch ein Feuerwerk abbrennen, auf der Liebesinfel, immer vorausgesetzt, daß der gute Otto, wegen seiner Eremitage, nichts dagegen hat. And nun Gott befohlen. Ich sehe, datz Friedrich uns schon auf die Finger guckt und abräumen will. And hat auch recht. Alle Wetter, schon vcht . . . Au revoir, Doktor. In einer Stunde drautzen auf dem Der Tag verlief programmähig und die Dämmerung war längst angebrochen, als wir nach mehrstündiger Fahrt im Walde durch die hier und da schon ein paar Lichter zeigende Dorfstratze heimkehrten und vor dem etwas zurückliegenden Herrenhause hielten. Ich war zu Schuh gekommen, selbstverständlich ohne zu treffen, Otto dagegen hatte zwei Birkhühner in seiner Jagdtasche. Schon auf der Dortreppe sahen wir uns von den Kindern umringt, die, voll Eifer und unter beständigem Ausschauen nach ihm, auf die Rückkehr des Onkels gewartet halten. Dieser kannte nichts Schöneres als solche Reugier und Angeduld und war gleich wieder unten, um dem Kasten mit Feuerwerk in eine kleine Gondel zu verladen, in der man, unter Benutzung eines vom Teich aus durch alle Partien des Parkes sich hinschlängelnden Grabens, bis an die ziemlich weitab gelegene Liebesinfel fahren wollte. Was nicht Platz hatte, ging zu Fuß und benutzte die kleine Dogenbrücke. Die Aufregung, in der sich alles befand, gestattete mir, unbemerkt im Hintergründe zu bleiben und mich auf mein Zimmer zurückzuziehen. Ich war todmüde von dem Bad und dem Pastor und dem Pirschwagen und warf mich aufs Sofa und schlief ein. * Eine Stunde mochte ich so geschlafen haben, als ich von einem seltsamen Summen und Dröhnen erwachte. Mein erster Gedanke war, datz es Kopfweh sei, vielleicht von Erkältung, und so ging ich denn auf das noch offen stehende 'Fenster zu, um es zu schließen. Aber wie war ich überrascht und erschrocken, als ich im selben Augenblick einen Feuerschein über den Parkbäumen wahrnahm und nun auch in aller Deutlichkeit hörte, datz es die Feuerglocke war, die mir das Summen und Dröhnen im Kopfe verursacht hatte. Da hinaus lag die Liebesinsel und keine fünfzig Schritte weiter rechts standen die Dorfscheunen am Rande des Parkes hin. Ich lief treppab, um zu fragen; aber niemand war da, den alten Hühnerhund abgerechnet, der mir, von seiner Binsenmatte her, wedelnd entgegenkam und mich ansah, als ob er fragen wolle, ,was denn eigentlich los sei?' „Ja, Karo, wer es wüßte! Ich weiß es auch nicht." So trat ich denn, um doch etwas zu tun, auf die Veranda hinaus, zählte die dumpfen, langsamen Schläge, die sich fort- pflanzten, und mitunter war es mir, als ob auch von Dins- und Minsleben her die Sturmglocke dazwischen klänge. Sv horchend und zählend, sah ich endllch, datz Maud und Alice den schräg Wer die Parkwiese laufenden Kiesweg herunter» kamen. Gott sei Dank. And nun springen sie, während sie schon von drüben her grüßten, in die Strickfähre und zogen sich bis zu mir herüber. „Ich bitt' euch, Kinder, was gißt es?" „Alles schon vorbei." And nun erzählten sie, datz eine der Onkel Dodoschen Raketen aus das alte Dach der Eremitage gefallen und infolge davon der ganze Rohr- und Rindenbau rasch niedergebrannt sei. „Wir kriegen nun eine besseve" sagte Alice. „Papa war auch in Sorge der Scheunen halber und Alfred lief, um die Spritze zu holen. And deshall» haben sie gestürmt. Es war aber eigentlich nicht nötig." „And die Mama?" „Run di« kriegte natürlich ihren Weinkrampf. Als aber Onkel eine Ressel ausriß und sie damit schlagen wollte, weil er sagte, „das helfe," da schlug es um und sie kriegte nun den Lachkrampf und gleich daraus erholte sie sich wieder." „And kommen sie bald?" „Ich wundere mich, datz sie noch nicht da sind." Ich meinerseits hatte nicht Lust, der Entwicklung dieser Tragikomödie beizuwohnen und bat deshalb die Kinder, mich bei den Eltern entschuldigen zu wollen. Ich hätte Kopsweh. Aich unt^ diesen Worten zog ich mich auch wirlich zurück und schlief mild ein. Aber es war kein rechter Schlaf. Immer sah ich eine Rakete steigen und dann gab es einen Puff und dann fielen drei Leuchtkugeln nieder und dazwischen stürmte die Feuerglocke. Menschen sah ich nicht, mit Ausnahme Frau Karolinens, die, weitzgelleidet und weinend, auf einer Rasenboschung saß und vor ihr Onchl Dodo mit einer Ressel. Ich konnte den Traum nicht abschütteln und war froh, als ich um fünf Ahr aufwachte. „Früh, sehr früh," Aber es patzte mir gerade, datz es so früh war, und rasch aufspringend, zog ich mich an und ging «uf die Veranda hinunter, wo die beiden Ehegatten um Punkt sechs Ahr ihr erstes Frühstück zu nehmen pflegten. Ich wollte mit ihnen allein sein und ihnen mein Herz aus- schütten. r,, Es war gut geplant und' auch wieder nicht. Denn ergentlrch hält' ich den Mißerfolg, der meiner harrte, voraussehen müssen. Ich fand nämlich Onkel Dodo bereits vor und wurde, von ihm mit scherzhaften Vorwürfen darüber überschüttet, erst beim Feuerwerk, dann beim Feuer und zuletzt bei der Kondolenz gefehlt zu haben. Ich entschuldigte mich, so gut es ging, und da Freund Otto mir von der Stirn herunterlesen mochte, datz ich allerlei zu sagen hätte, was Onkel Dodo nicht hören sollte, so nahm er diesen beim Arm und sagte: „Komm, ich mutz dir noch unsre, neue Torfmaschme zeigen. Für den Doktor, wie du ihn nennst, ist es nichts." And so gingen sie. Karoline wies aus einen Schaukelstuhl und klingelte, datz man mir den Kaffee bringe. Dann sah sie mich freundlich an und sagte: „Run, was gibt es, lieber Freund? Ich sehe, Sie haben was auf dem Herzen und ich will es Ihnen leicht machen. Ich fürchte, Sie wollen fort." „Ja, meine teuerste Freundin." „And keine Möglichkeit?" „Keine . . . Denken Sie doch, er will mich in die Berge schleppen. Aus den Brocken und in einem Tage hin und zurück. And überall ein Goldwasser oder ein Kirschwasser. And ich mache mir aus beiden nichts. And was soll ich auf dem Brocken? Er sagt ja selber, datz man nichts sehen könne. And im Freien will er mit mir zu Mittag essen und wir sollen einen Stein auf das Tischtuch legen, damit es nicht fortfliegt. Ich bitte Sie . . ." Die lachte herzlich und sagte dann: „Sie müssen fester sein und eigensinniger und nicht gehorchen." „Ach, meine teuerste Freundin," nahm ich wieder das Wort, „Sie wissen ja selbst, daß das nicht geht. Einem unleidlichett Menschen gegenüber hat man ein leichtes Spiel, man kann ihm aus dem Wege gehen oder ihm in seiner Sprache antworten und er wird sich weder groß darüber wundern, noch es einem sonderlich Übelnehmen. Qtoer gegen die Bvhemie gibt es kein Mittel. Es ist damit — Pardon, Ihr eigenes Haus ist liberal und ich bin es auch — es ist damit wie mit dem Liberalismus: er ist immer gut, schön um seiner selbst willen, ob er nun passen mag oder nicht. And wer da widerspricht oder auch nur leise zweifelt, ist ein schlechter Mensch. Es gibt nichts Schrecklicheres als die Menschheitsbeglücker pur force, die gewaltsam heilen, helfen oder gar selig machen wollen. Ich habe nichts gegen das Seligwerden aber, um den ewig alten Satz zu zitieren, wenn's sein kann arsf meine Fasson, und so möchte ich auch geheilt werden auf meine Fasson. Deshalb kam ich hierher, deshalb zu Ihnen, teure Freundin, die Sie gelernt haben, die Freiheit des Individuums zu respektieren. Oder auch nicht gelernt haben, denn.dergleichen lernt man nicht; das Beste hat man immer von Ratur. Es ist mir hier immer, als fiele ein leiser sommerlicher Sprühregen vom Himmel'und nehme mich unter seinen weichen und wohligen Mantel. Ja, teure Freundin, so war es auch diesmal wieder. Da, mit -einem Male bricht Onkel Dodo herein und alles ist hin. Gy hat nicht den Weichen und wohligen Mantel, der Ruh und Frieden oder doch äußere Stille bedeutet, er hat nur Dr. Fausts Sturmmantel, der überall chinfegt und segelt, und je schneller es geht und je mehr Zug und Wind es gibt, desto schöner dünkt es ihm. Ich habe nichts dagegen; es mag für ihn passen, abe< nicht für m i ch. And so will ich denn .fort, heute noch. Am zwölf geht der Zug von Halberstadt. Ich denke, wenn ich um elf Aho fahre, komme ich gerade zu rechter Zeit. Oder sagen wir lieber um halb elf." (Schluß folgt.) Schriftleituna: Dr. Friede. Wilb. Lange. — Druck und Verlag der Drübllcben Aniv.-Bu-b- und Dteindr-ckerei. 5t. Lanae, Gießen.