Gießener MMenbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (92^ _________ Samstag, den 6. Dezember ________ Kummer 59 Stimmen in der Nacht. Von Hedwig Forst reutet Die Schritte der ©infomMt gehen ums Hau-, Man kann sie zur Nachtzeit hören. Durch Tannenrauschen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus And Stimmen von fernen Chören. Wer rastlos war und sehr leise schlief, Darf wieder den Schlummer lernen. And fühlt es wie Freude, dah jemand rief Mit sanfter Stimme dringend und tief .... O Stimme üher den Sternen I O Stunde des Wachens, so fern aller Qual, Erfüllt von dem ewigen Lauschen. Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weiht es im Herzen: Dies war schon einmal, And es kam wie etn Flügelrauschrn. Der Tag war wie Macht imb die Macht wie der Tag, So strömend von urtiefem Leben, Geheimnisvoll pochender Pulse Schlag, Der Lichtwende zu und dem schimmernden Tag, Don Mythen und Wunder umweben. Sie kommt unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen. And ruft um die dunkelste Zeit im Jahr — Weil dunkel immer das Heilige war — Die Stimme über den Sternen. Nikolaus im Schnee. Von F. Ern st. Mein Vater besah in den Wäldern, die der Eifel nach Morden Srgelagert sind, eine ausgedehnte eigene Jagd; unabsehbar Wechten Laubbestünde, Kieferndickungen auf kiesigen Höhenzügen mit Sumpfigen Bruchstrecken ab. In einem schmalen Wiefental hatte er ich, weit ab von Dorf und Mühle, ein Jagdhaus erbaut, im Oktober war es eingeweiht worden und, um das köstliche Frost- Wetter und den Vollmond zu nuhen, wurde beschlossen, dort auch Mit uns Kindern das Mikolausfest zu feiern. Meine älteren Brüder Wurden zwar von der Schule in der Stadt zurückgehalten, meins schon erwachsene Schwester aber, Vater und Mutter fuhren mit. Ich war damals ein Anband, was es an Stropperei und Wildheit gab, wuchs in meiner siebenjährigen Seele bunt wie Ankraut auf. Lesen, Schreiben und Rechnen waren mir böse Feinde, wo aber ein Anfug auszuhecken war, wo ein Ball in den Glasschrank prallte, oder jemand vom Baum fiel, oder Machbars Hühner durch einen nächtlichen Angriff über zwanzig Gärten hin verteilt wurden, ober ein ganzes Säckchen Berliner Blau in einen kleinen Topf feinste Wäsche getan wurde, da war ich es. Als daher meins sanfte Mutter mit dem Finger drohte und meinte, drauhen im Eifelwald käme der Miklas vielleicht selbst nachsehen, ob die Kinder auch brav seien, käme mit Müssen oder mit der Rute, da wurde es mir doch etwas schummerig. And als meine Schwester mit dem widerspenstigen Blondhaar um die Stirn ihre kühle Altstimme hineinmischte und bemerkte: „Ma, du kriegst nicht eine Muh, aber zwei Muten!", da steigerte sich mein Anbehagen. Aber alles war vergessen, als die herrliche Reise mit der Bimmelbahn anfing und nachher der uralte gewaltige Landwagen vorfuhr. Die Eltern hatten noch ein paar Familien eingeladen, so dah zwölf Mann in den Hauptteil einstiegen, wir drei aber, meine Schwester, der Forstassefsor Hermeskeil und ich, im Rückensitz verstaut wurden, der wie ein Schwalbennest zwischen den mächtigen Hinterrädern des Kremsers thronte. So ging die Fahrt mit Hallo, Kinder- jubeln, dem Gebell der Hunde und lauter Anterhaltung der Alten in den tiefen Spuren, die von den Holzfällerkarren in den firnen Schnee eingeschnitten waren. Der Herr Hermeskeil sah links, ich in der Mitte in Wintermantel und warmem Wolltuch, und rechts Schwester Aenne. — Ich kam mir recht geborgen vor zwischen den beiden, konnte träumen, sah die schneebeschwerten Tannenäste nicken und fühlte mit angenehmem Gruseln hinter jedem Dusch Scharen von Zwergen und Riesen lauern. Dazu hörte ich Bruchstücke einer leisen Anterhaltung zwischen Aenne un& dem Forstmann, die sich von Gesellschaften her gut kannten. Er sagte: „Drei will ich haben!" und Aenne antwortete: „Richt einen!" And nach einer Weile murmelte er: „Also zwei!" und Aenne, als wenn sie böse wäre, antwortete Ebenso: „Wie ich sagte, nicht einen!" And dabei lachten sich die beiden an. der Forstmann bettelte und die Aenne blitzte mit den Augen. Bis wir schon im Schummerdunkel am Jagdhaus ankamen, wo der Waldhüter und seine Frau geheizt und alles hergerichtet hatten; dafür durften ihre vier Jungen die Bescherung mitmachen. Die eingeladenen Kölner Familien brachten auch noch zwei Kinder mit, so dah im ganzen sieben kleine Herzen dem Miklas entgegenpochten. Die Aenne war geschäftig, bot Kaffee und Kuchen rund und half der Mutter, während der Vater sich in einer Ecke mit dem Aufseher über die Jagd besprach. Als Aenne bei mir vorbeikam, fragte ich: „Was wollte der Hermeskeil dreimal haben?" „Drei Stücke Kuchen, du Frehllütsch nun weiht du es!" und schob mir ein zweites hin, war aber auch schon weiter. Anterdessen hatten uns die Großen, ohne dah wir es merkten, zusammen in eine Ecke geschoben, die vier Waldbuben, die zwei Kölner Kinder, die schon etwas älter waren, und mich. Da ging die Tür auf und herein trat Mikolaus mit dem Sack. O je, da wurde mein Herzchen schwer, er sah auch unheimlich aus. Eine hohe Bischofsmütze hatte er auf, so hoch, dah er sich bei der Tür bücken. muhte, und lange weihe Gewänder und eine Art Kasel lag um seine Schultern, ein moosgrauer Bart flimmerte im Lampenlicht, die grohe Rute aus Besenreis war unter dem linken Arm sichtbar. Die Waldbuben knieten nieder, da tat ich es auch, während die Kölner Pflanzen erst durch allerhand Zeichen der Eltern dazu gebracht werden muhten und kluge Gesichter schnitten. Nun fing der Niklas an zu reden, da stand einem das Herz fast still; das dröhnte in dem Wohnzimmer, als wenn eine schwere Glock« ginge. Was er sagte, weih ich nicht mehr, ich war so befangen' und in Schrecken, dah jeder Gedanke fortblieb. Die JagdaufseAr- buben bekamen schöne Geschenke und ein Lob für ihr Beten, für die Stadtjungen gab es auch etwas und nun stand er, der groh- mächtige Niklas, vor mir. And auf einmal bedrückte mich seine hallende Stimme, er wuhte alles, die Sache mit dem Berliner Blau und die mit den Hühnern, die meinen Vater 36 Mark gekostet hatte, und mit dem Glasschrank und mit der Aeberschwemmung auf dem Speicher, und den Fröschen im Schlafzimmer, alles wuhte er, mehr wie alles. And donnerte es mit seiner furchtbaren Stimme, zeigte mir die Rute und würde mich, das glaube ich noch heute, übergelegt haben, wenn in dem Augenblick nicht meine gute Mutter, der es wohl mehr als genug erschien, sich erhoben und eine Bewegung mit der Hand gemacht hätte. Da lieh der Bischof Niklas von mir ab, ging zu den Großen und begann dort feierlich zu reden und Geschenke cruszuteilen. Ich aber war so erschreckt und verstört, da ich doch zu Hause nie so etwas erlebt hatte, dah ich, ohne dah es in dem Tumult jemand merkte, leise aus dem Zimmer huschte. Ein Schritt zum Haustor, ein Schritt hinaus; die Kachelwärme drinnen lieh mich die Kälte der Dollmondnacht vergessen, ich hatte nur einen Gedanken: fort von der dröhnenden, furchtbaren Stimme, Flucht vor dein Niklas mit der Besenrute. And da ging es blindlings den Wald hinauf, zuerst auf einem schimmernden Fußweg, dann im tiefen Schnee, in Wacholderdickungen herein, ohne Gedanken, tapp-tapp mit den kleinen Fähen, immer weiter. Nun eine Wolke vor dem Mond, grausiges Düster im Anterhvlz, überschattet von ganzen Lasten Schnee, fröstelnd nun, als die Zimmerwärme verflogen war. Plötzlich Angst nach Hause, zur Mutter, zum Vater; Amkehr einen Hügel hinauf, einen Hügel hinab, rutschend, zitternd vor Kälte, bald in Schnee vergraben. Jetzt wurde es auf einmal ganz dunkel, kein Licht, nach allen Seiten recht finster, und Bäume, Bäume, Bäume. Da schrie ich. And rannte und fiel, und stolperte wieder auf und hörte verstört den Widerhall meiner Schreie, von Fichtentvänden und aus verschneiten Schluchten. And da weih ich noch, dah ich weinte, leise vor mich hin weinte und unter einem quer gebogenen Wacholderbusch sah. Das weitere erzählte meine Schwester. Als der grohe Bischof mit seiner Bescherung zu Ende war und gerade hinausgehen wollte, um wieder Herr Hermeskeil gu werden, rief einer der Kölner Jungen, dah ich hinaus sei und noch nicht zurück. In ein Paa» Augenblicken wuhte man, dah ich nicht im Hause sei. Mit der Hellsichtigkeit der Waldleute begriff Hermeskeil den Zusammenhang, rih meine Kleider vom Reck, lieh seinen Waldmann Witterung nehmen, Kasel und Bischofsmütze lagen am Boden, und Niklas sagte nur mit aufgerissenen Augen und erschreckter Stimme zu Aenne: „Er ist drauhen, bommen Sie, wir suchen!" And dann kreiste er wie ein Pfadfinder um das Haus, bis endlich, endlich der Hund eine Spur aufnahm, die den Berg hinan fü&rte. Dec — 234 — r»» x u.mja nell flerine81eU nxtt zwanzig Stritte WZMMDW ßtamöfen int Schnee unb vor mir stand oct i SÄ? S?Ä5» K-'L * ™” «SS mSiredW «u mto«, iim fortiulouf«: l* >«^6* » fnr 0(6er Aiklas sprach nun mit einer zarten, teilen ütimm , t i I SrtHASunae Junge, da bist du ja!" und nahm mich vorsichtig zog er aus und legte ihn noch um miet), , ®nift zivischen I mehr bei Wfc3Ä ich, und eins sich selber. Das Märchen vom TannenZapssn. Bon Wilhelm llRatthiehen*). ES war einmal ein Tannenzapfen, em groster SSLKW-MM pelfen" Sv hat der Winv gesagt. Und sMWM-MWZ t»Ä>e SanxewM« -»> ti?Ur»Ü'i«bii£Sl'S: «r ?Ä”'ÄS”Ä’* Da haben sich die Tannenzapfen gefreut. Da,h«be" Ne sich wieder in ihre Mvosbettchen gelegt. Und die Mause haben ihn«» nichts getan. Hn& viele Tage haben sie M gelegen, da hat es M schneien angesangen im Wald. Aur unter der grohen Tanne Weg nicht geschneit. Hier konnte der Schnee nicht durch. Und nun tft ter ganze Wald- verschneit gewesen. Und die Tannenzapfen haben sich Den schönen Schnee besehen und haben des-.Abends in den. WäL aeborcht ob sie nicht dem Christkind seinen Schlitzen hören konnten. Denn wenn es schneit, dann fährt das Christkind Mit seinem Schltt- ten diirch den tiefen Wald und sucht sich Chrnstbaime Und nch- tig, an einem Abend, da ging es auf mnmal Klinglinglmg im Walde. Und dann ist es ganz hell geworden Und wieder tUlng- lingling! Da ist der goldene Schlitten vom Christkind mit seinen fitßemen Schellchen durch tenWald gefahren ten an der alten Tanne vorbeikam, hat das ChristkiNv aus oem Schlitten geschaut und hat den Engeln im Schlitten gesagt. „Ei, was liegen denn da für schöne Tannenzapfen? Da hat der Schliß ten gehalten, da sind die Engel ausgestlegenirnd habendiesilbet* neu Tannenzapfen aufgehoben und dem ®brMind ^bracht. Und das Christkind hat die Tannenzapfen angeschaut und ha^ getagt. „Das sind mal feine Tannenzapfen! Die wtr mitneWen. Und ich will sie an den Christbaum tun im alten ^^!^>a N freuen sich die Kinder vom alten Haus. Und dann ist es mett« I gefahren zmn alten Haus unS- hat die Tannenzapfen an den Christ bäum gehängt Da waren die Tannenzapfen froh da hat sich dte Orofimutter gefreut, da haben sich die Kinder gefreut vom al en Haus, und nun ist das Märchen aus. Der Weihnachtsabend. Von Adalbert Stifter. ^Ähi du dummer Tannenzapfen!" hat es da gesagt ^Serrnft Tannenzapfen gesagt. Aber das wussten die ^wdern^u und I w-il «s Wend war, haben sie sich in M M0oosv«r gmem s«" B ^esch I • I W da ist der Mond aufgegangen und Hat mitten m Wald geschienen. „Ei," hat der Tannenzapfen gedacht ich w u Dnck Än bistchen in den Mondschein spazieren gehen. Lud er ist fhmiort Und te hat er ausgesehen, als wenn er stanz von oti&er toto! Und die Mäuse sind an ihm vorbeigegangen und hadm ihn Acht'gekannt haben die Mützchen abgenommen und gesagt- ftäwnS Mä'mchen!" Da hat der Tannenzafen gelacht U^ wie « so dastand und lachte, ist ein kleiner Äw«g vorbei^ ' Engen, and der Tannenzapfen hat äu dem SA f«m Sieb doch mal, lieber Zwerg, ich sehe aus, als wenn icy 'Silber wäre'" — 3a das tust du, schöner Tannenzapfen, feaxÄÄFS'S fcgrei“ __ Warte nur.“ sagte der kleine Zwerg, „ich will dich mal bibiben" versilbern " — Ja, tu das, lieber Zwerg, sagte der Tannenzapfen. Da hat der'Zwe^ mit seiner Schere, schnipp! ein Stückchen vom silbernen Mondschein abgeschnitten und ha . den Tannenzapfen Dareingewickelt. Aun war ter Tannenzapfen r° Lieber guter Zwerg, hat der Tannenzapfen jetzt g^agt, „willst du nicht' auch die andern Tannenzapfen verfilberii? SOnst VerLM sie ja von den Mäusen gefressen, urmne armm D-ucherchen. Da Hot der Zwerg seine Schere noch einmal aus der Tasche amont MM hat ein großes Stück vom Mondschein aLgeschnitten und hat <üls Tannenzcchsen unter der großen Tanne versilbert. «) ©ntntmtmcn dem Märchenbuch „Dgsalke Hans , Verlag Herder & Co.. ?sveibura t. Br. (Fortsetzung.) Tßenn die schöne Färberstochter von Millsdv^ auch meßt sLWWMMZ diges und ausdauerndes FlehsnsurihreLo-y.eio u , Last der- halsstarrige Färber nachgab, und daß der Schuster^ E £Ä” -ÄS' #»«» 0SsS!ä | rää'S sisäk ä MZEMstHZW Verwandte über. Der Schuster verlang^ auch nichts e ^igte im Stolze, dast es ihm nur unS TOirt« 5u tun.gewesen, bah^er^sch worden | K^ffiTffeäete ste als sein 'Eheweib nicht nur schöner als alle GschULeUnnen und alle Dewohnerimtmt des Dales, WZMMMZ I tüchtigen Besitz beisammen hatte. I mjr fu™ Vewobner von Gschaid so selten aus ihrem Lale mÄSS a iä\ää ää™-Ä: I tTwrnfrert außer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie oerx-i oe L S = S ikrauchnichts Usbels antat, ja wenn man sie ihres schönsten We- I sMs und ihrer Bitten wegen sogar liebte, doch immer etv^as vo I Ernten war. Las tote Scheu oder wenn man will, tote Rücksicht — 931 ***“& 'E E zu Dem Innigen um, Gleichartigen kommen lieh, 8™, Dschcnderinnen gegen Gfchaiderinnen, Gschaider gegen VfchaiLer hatten. Es toar so, lieh sich nicht abstellen unb wurde «nch di« bessere Tracht und durch das erleichterte häusliche Leben der Schusterin noch vermehrt. Sie hatte ihrem Manne nach dem ersten Jahre einen Sohn m ^trugen Jahren darauf ein Töchterlein geboren. Sie glaubte Wer, bah er die Kinder nicht so liebe, tone sie sich vorstellte, bah sem solle, und tone sie sich bewußt tocrr, bah sie dieselben! Re?«; denn sein Angesicht tvar meistens ernsthaft und mit seinen Arbeiten beschäftigt. Er spielte und tändelte selten mit den Kin- bern und sprach stets ruhig mit ihnen, gleichsam so, wie man Mit «Erwachsenen spricht. Was Nahrung unö- Kleidung und andere anher« Dinge anbelangte, hielt er die Kinder untadelig. In der ersten Zeit der Ehe kam die Färberin öfter nach Vfchaid, und die jungen Eheleute besuchten auch Millsdvrf zu- ttjeilcit ,bei Kirchtoeihen oder anderen festlichen Gelegenheiten. Als ern nicht allein während ihrer Anwesenheit allerlei, worunter Nicht selten ein Münzstück und zuweilen gar von ansehnlichem □Berte war, sondern sie band ihnen auch immer zwei Bündelchen gufammen, in denen sich Dinge befanden, von denen sie glaubte, daft sie notwendig wären, oder daft sie den Kindern Freude kmlnten Unb tocrr,. oll die nämlichen Dinge im Dchuster- haus« in GschaD ohnedem in aller Trefflichkeit vorhanden waren, so gab st« die Groftmutter in der Freude des Gebens doch und Li« Kinder trugen sie als etwas Desonderes nach. Hause So LklchhstF nun, daft die Kinder am heiligen Abend schon unwissend re Geschenke m Schachteln gut versiegelt und verwahrt nach $ ™ ihnen in der Nacht einbeschert werden sollten. Werl die Groftmutter die Kinder immer schon vor der Zeit zum Fortgehen drängte damit sie nicht zu spät nach Hause kämen, so erzielte sie hrerdura), daft- die Kinder gerade auf dem Wege bald an dieser bald an jener Stelle sich aufhielten. Sie saften gerne an dem Aifelnuftgehege, das auf dem Halse ist, und schlugen mit ©teuren Aaste auf, oder spielten, wenn keine Nüsse waren, mit -Blattern oder mit Hölzlein oder mit den weichen, braunen Zäpf- chen die im ersten Frühjahr von den Zweigen der Nadelbäume herabfrelen. Manchmal erzählte Konrad dem Schwesterchen Geschichten, oder toenn sie zu der roten .Unglückssäule kamen, führte er sie ein Stück auf dem Seitenwege links gegen die Höhen hinan und sagte ihr, daft man da auf ben Schneeberg gelange, daft dort Felsen und Steine seien, daft- die Gemsen herumspringen und grofte Vögel fliegen. Er führte sie oft über den Wald hinaus, ste betrachteten dann die dürren Rasen und die kleinen Sträucher der Heidekräuter: aiber er führte sie wieder zurück und brachte sie immer vor der Abenddämmerung nach Hause, was ihm stets Lob eintrug. Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendämmerung in dem Tale von Gschaid in Helle übergegangen war, ein dünner, trockener Schleier über den ganzen Himmel gebreitet, so daß- man dis ohnehin schiefe und ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen roten Fleck sah, überdies war an diesem Tage eine milde, beinahe lauliche Luft unbeweglich im ganzen Tale und auch am Himmel, wie die unveränderte und ruhige Gestalt der Wolken zeigte. Da sagte die Schustersfrau zu ihren Kindern: „Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht geregnet hat und die Wege fest sind, und- weil es auch Bei* Vater gestern unter der Bedingung erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeignet ist. so dürft ihr zur Groftmutter nach Mills- dors gehen: aber ihr müftt den Vater noch vorher fragen." Die Kinder, welche noch in ihren Nachtkleidchen dastanden, liefen in die Nebenstube, in ioelcher der Vater mit einem Kunden sprach, und baten um die Wiederholung der gestrigen Erlaubnis, weil ein so schöner Tag sei. Sie wurde ihnen erteilt, und sie liefen wieder zur Mutter zurück. Die Schustersfrau zog nun ihre Kinder vorsorglich an oder eigentlich, sie zog das Mädchen mit dichten, gut verwahrenden Kleidern an; denn der Knabe begann sich selber anzulleiden und stand viel früher fertig da, als die Mutter mit Sem Mädchen hatte ins reine kommen können. Als sie dieses Geschäft vollendet hatte, sagte sie: „Konvad, giß' mir wohl acht: weil ich dir Idas Mädchen mitg-ehen lasse, so müsset ihr beizeiten fortgehen, ihr müsset an keinem Platze stehenbleiben, und toenn ihr bei der Groft- mutter gegessen habt, so müsset ihr gleich wieder umkehren und nach Hause trachten: denn die Tage sind jetzt sehr kurz, und di« Sonne geht gar bald unter." „Ich weift es schon, Mutter," sagte Konrad. „älnd siehe gut auf Sanna, daft sie nicht fällt oder sich erhitzt." „Ja, Mutter." „So, Gott behüte euch und geht noch zum Vater und sagt, daft- ihr jetzt sortgehet." Der Knabe nahm eine von seinem Vater kunstvoll aus Kalbfellen genähte Tasche an einem Riemen um die Schulter, und die Kinder gingen in die Nebenstube, um dem Vater Lebewohl zu sagen. Aus -dieser kamen sie bald wieder heraus und hüpften, von der Mutter mit einem Kreuze gesegnet, fröhlich auf die Gasse. Sie gingen schleunigst längst des Dorfplatzes hinab' und dann durch die fünfer gaffe und endlich zwischen den Planken der Obstgärten in das Freie hinaus. Die Sonne stand schon über den mit milchigen Wolkenstreifen durchwobenen Wald der morgendlichen Anhöhen, und ihr trübes, rötliches Bild schritt durch die laublosen Zweige der Holzapfelbäume mit den Kindern fort. In dem ganzen Tale war kein Schnee, die größeren Berge, von denen er schon viele Wochen herabgeglänzt hatte, wurden damit bedeckt, die kleineren standen in dem Mantel ihrer Tannenwälder und im Fahlrot ihrer entblößten Zweig« unbeschneit und ruhig da. Der Boden war noch nicht gefroren, und er wäre vermöge der vorhergegangenen langen regenlosen Zeit ganz trocken gewesen, wenn ihn nicht die Jahreszeit mit einer zarten Feuchtigkeit überzogen hätte, die ihn aber nicht schlüpfrig, sondern eher fest und widerprallend machte, daft sie leicht darauf fortgingeu. Das wenige Gras, welches noch auf den Wiesen und vorzüglich an den Wassergräben derselben toar, stand in herbstlichem Ansehen. Es lag fein Reis, und bei näherem Anblicke nicht einmal ein Tau, was nach der Meinung der Landleute baldigen Regen Bedeutet. Gegen di« Grenzen der Wiesen zu war ein Gebirgsbach, über welchen ein hoher Steg führt. Die Kinder gingen auf den Steg und schauten hinab. In dem Dache war schier kein Wasser, ein dünner Faden von sehr stark blauer Farbe ging durch die trockenen Kiesel des Gerölles, die wegen Regenlosigkeit ganz weift- geworden waren, und sowohl die Wenigkeit als auch die Farbe des Wassers zeigten an, daft- in den größeren Höhen schon Kälte Herr« 266 Giacomo Pueeini. Von Rud-off Kastner. „Puccini folgt der modernen Tendenz, hält jedoch an der Melodie fest, die weder alt noch modern ist.. Der greise Verdi über Puccini. Diesen weisen Ausspruch des größten Opernmeisters, den das fruchtbare 19. Jahrhundert neben Wagner gezeitigt, kann man in der Tat als Motto einer Wertung Puccinis gelten lassen. Selm eigentlich unerwartet schneller Tod seht zwar unter dieses an Erfolgen ganz ungewöhnlich reiche Leben Len Schlußpunkt. Aber wir haben insofern noch keine Handhabe für eine umfassend abschließende Beurteilung von Puccinis Schaffen, als ein offenbar sehr wichtiges neues Werk noch des ersten Erklingens harrt. Die schsn müsse, vis den Boden verschließe, dass er mit seiner Erde dos Wasser nicht trübe, und die das Eis erhärte, daß es ’irt seinem Innern nur wenige klare Tropfen abgeben könne. Von dem Stege liefen die Kinder durch die Gründe fort und näherten sich immer mehr den Waldungen. Sie trafen endlich die Grenze des Holzes und gingen in demselben weiter. Als sie in die höheren Walder des Halses hinaufgekommen waren, zeigten sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich wie es unten im Tale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht aus Trockenheit, sondern, wie die Kinder sich bald überzeugten, weil sie gefroren waren. An manchen Stellen waren sie so überfroren, daß sie die Körper der Kinder trugen. Aach der Aatur der Kinder gingen sie nun nicht mehr auf dem glatten Pfade neben dem Fahrwege, sondern in den Geleisen und versuchten, ob dieser oder jener Furchenaufwurf sie schon trage. Als sie nach Verlauf einer Stunde auf der Höhe des Halses angekommen waren, war der Boden bereits so hart, daß er klang und Schollen wie Steine hatte. An der roten UnglückssLule des Bäckers bemerkte Sanna zuerst, daß sie heute gar nicht dastehe. Sie gingen zu dem Platze hinzu und sahen, daß der runde, rot angestrichene Balken, der das Bild trug in dem dürren Grase liege, das wie dünnes Stroh auf der Stelle stand und den Anblick der liegenden Säule verdeckte. Sie sahen zwar nicht ein, warum die Säule liege, ob sie umgewvr- fem worden oder ob sie von selber unrgefallen sei; daß sahen sie, daß- sie an der Stelle, wo sie in die Erde ragte, sehr morsch war, und daß sie daher leicht habe Umfallen formen; aber da sie einmal lag, so machte es ihnen Freude, daß sie das Bild und die Schrift so nahe betrachten konnten, wie es sonst nie der Fall gewesen war. Als sie alles — den Korb mit den Semmeln, die bleichen Hände des Bäckers, seine geschlossenen Augen, seinen grauen Rockund die umstehenden Tannen — betrachtet hatten, als sie die Schrift gelesen und laut gesagt hatten, gingen sie wieder weiter. Abermals nach einer Stunde wichen die dunklen Walder zu beiden Seiten zurück, dünnstehende Bäume, teils einzelne Eichen, teils Birken und Gebüschgruppen empfingen sie, gefetteten fte weiter, und nach kurzem liefen sie auf den Wiesen in das Muls- dvrfer Tal hinab. „ t , .. Obwohl dieses Tal bedeutend tiefer liegt als das von Gschard, und auch um so viel wärmer war, daß man die Ernte immer um vierzehn Tage früher beginnen konnte als in Gschaid, so war doch auch hier der Boden gefroren, und als die Kinder bis zu den Loh- und Walkwerken des Großvaters gekommen waren, lagen auf denr Wege, auf dem die Räder oft Tropfen herausspritztmi, schöne Eistäselchen. Den Kindern ist das gewöhnlich ein sehr großes Vergnügen, , ' Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegen» gegangen, nahm Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie tn die Stube. t . Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ste ließ tn dem Ofen nachlegen und sragte sie, wie es ihnen in dem Hinübergehen gegangen sei. „ _ „ ... Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte ste: „Das tst schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, daß ihr wieder- gekommen seid; aber heute müßt ihr bald fort, der Tag ist turfo und es wird auch kälter, am Morgen toctr es in Millsdorf ntcht gefroren." „In Gschaid auch nicht," sagte der Knabe. „Siehst du, darum müßt ihr euch sputen, daß euch gegen» Abend nicht zu kalt wird," antwortete die Großmutter. Hierauf fragte sie, was die Mutter mache, was der Vater mache und ob nichts Besonderes in Gschaid geschehen sei, Aach diesen Fragen bekümmerte sie sich um das Essen, sorgte, baß es früher bereitet wurde als gewöhnlich und richtete selber den Kindern kleine Leckerbissen zusammen, von denen sie wußte, daß sie eine Freude damit erregen würde. Dann wurde der Färber gerufen, die Kinder bekamen an dem Tische aufgedeckt wie große Personen und aßen nun mit Großvater und Großmutter, und Äs letztere fegte ihnen hierbei besonders Gutes vor. Aach dem Essen streichelte sie Sannas unterdessen sehr rot gewordene Wangen. (Fortsetzung folgt.) Wenigen, die einen Einblick tn es hatten, deuten Vielsagendes über seinen Stil, seine ganz besondere Eigenart an. Es handelt; sich trat eine abendfüllende, dreiaktige tragische Oper „Turan» d o t“. Sie ist nach Gozzis Märchen komponiert in einer völligen modernen Text-Umarbeitung durch zwei italienische Poeten. Puc» cinis Vorliebe für die exotische Musik, bereits in der „Dutterflh" so ungemein zart bewährt — er hat dazu phonographische Platten japanischer Originalmelodien eines iZokohamaer Freundes verwendet — dürfte sich auch in der „Turandot" nicht ohne chinesisch« Weisen haben genügen lassen. „ . In Kürze wollten die Wiener Staatsoper und dte Mailänder Scala das neue Werk des hohen Sechzigers aus der Taufe heben, Puccini selbst freute sich unendlich auf die Proben. Run werden ernst die Totenglockett aller Kirchen Italiens über seine Bahre hinklingen, Und- später „Turandot" vielleicht einen neuen Nachruhm verkünden. Puccinis Musik hat sich wie ein glühender Tonstrom seit Mer Jahrzehnten durch die ganze Welt ergossen, Millionen Menschen erfaßt. „Boheme" und „Tosca" haben eine unerhörte, auch heute noch lange nicht zu Ende gewirkte Popularität — und nid>t nur in Italien und Deutschland erlangt. Caruso, die Tetrazzme, -oat* tistini und die Jeriha schwelgten jahrelang durch alle Opern Europas und Amerikas in den sinnlich aufglühenden, entflammenden Arien und Ensembles des Meisters. Dieser Siegeszug puccinischer Musik, der jenen der sogenannten veristischen Opern von Mascagni und Leoncavallo weit fy.den Schatten stellt, findet seine Erklärung in einer künstlerisch befriedigenden und einer bedenklichen Ursache. Die erste ist eben in der dominier enden melodischen Veranlagung Puccinis zu erblicken und sie hat in „Butterfly", in „Boheme" ihre schönsten Auswirkungen gefunden. Das Bedenken setzt bei „Tosca" und bet öem „21100» chen aus dem goldeiten Westen" ein. Auf die große DeliebthÄr Tvscas in seinen Opernhäusern braucht das gesamte europäisch« Kunstpublikum nicht gerade stolz zu sein; daß jahrelang dieser Stoff und diese Musik spannend nacherlebt werden (em wchig« Kritikerkollege nennt sie treffend- einmal „ Folterkammermusik j, ist kein Ruhmeszeichen für die Geschmacksrichtung dieser Epoche und gewiß reines für Puccini selbst Wobei noch immer der packende dramatische Fluß, das enorme Raffinement der onch^ strafen Farbenpalette zu bewundern bliebe. Der Ruhm der„^vsca hat auch manche deutsche Opernkomponisten nicht ruhen lass«», einige d'Albert-Opern, Schillings „Mona Lisa", Erich KorngoldS „Tote Stadt" im schlechten, seine „Biolanta" im allerbesten Sinn«, sind von Puccini wesentlich beeinflußt. . Puccinis Tat aber wird es bleiben, daß- er in einer Zeit unentwegter, unfruchtbarer Wagner-Aachtresterei, die durchwegs cm dem überragenden Genie des Vorbildes zersplittern mußte, daß Puccini in dieser Epoche symbolischer Heuchelei und mancher fossiler Papiermusik --womit ganz sicher nicht die wenigen bedeutenden originalen Erscheinungen des Musikdramas der letzten zwei Jahrzehnte gemeint find! — dem Theater gegeben was des Theaters ist. Frei ausströmende Opernmelodte, die Gefühle, Vetoen« schaffen Seelisches unkompliziert singt, die bet aller Beherztheit auch psychologische Zartheit (siehe den zweiten Butterfly-, den ersten Boheme-Akt) hat. Die in wenigen Konturen einen Charakter, eine Situation, einen Konflikt unzweideutig zu umreißen versteht. Zu dieser von Verdi — im entsprechenden Abstand hinsichtlich Größe des Einfalls und der fortzeugenden Konzeption — ererbten Begabung kommt Puccinis stets zutreffender, vielsagender Jn- strumentalsah, — ein Orchester, das von flimmernden, satten Far- ben glüht. Hier seht ja auch die Massenverführung der „Tosca ein ... Im Harmonischen und- Rhythmischen ist Puccini, weit mehr als feine Landsleute Mascagni-Leoncavallo, Weltbürger und ganz besonders von der französischen Jmpressionistik der Debussy, Du- kas Ravel fruchtbar beeinflußt. Ganz ähnlich wie ferne längeren italienischen Zeitgenossen, die sich indes gänzlich von der geschlossenen langperiodigen Melodie und ebenso merkwürdig von ihrem Jtalienertum zugunsten eines verwässerten, deutsch-franzoslschsn Musik-Intellektualismus völlig gelöst haben! Puccini entstammt einer alten italienischen Musikerdynastle in ßucca. Er hat, von Königin Margherita gefördert, am Mailänder Konservatorium studiert. Die Scala seiner Erfolge beginnt erst relativ spät. Die 1893 erschienene „Manon", die bedeutend tragischer und aggressiver gefaßt ist, wie die französische Massenets, schlägt noch nicht recht durch. Erst 1897, als Vierzigjähriger, fällt Puccini der große Erfolg zu: „Boheme" beginnt ihren Siegeslauf, 1900 kommt „Tosca", 1904 „Butterfly" an die Reihe — ein Triumph größer als der andere. Dann folgt, erst nach dem Kriege, das nicht durchweg von Glück begünstigte Einakter-Trio, aus dem der entzückend leichte, geistreiche „Gianni Schicchi", diese alt-floren- tinische Musikkomödie, durchhält — erfreulichster artistischer Gegensatz zur „Tosca". Und stilistisch zugleich Verfeinerung des schon in „Boheme" vor fast dreißig Jahren begonnenen, damals so sensationell wirkenden musikalischen Konversationstones. Puccini war persönlich ein nobler Weltmann von höchster Bildungsstufe, stets begierig, seiner Zeit auch in anderen Kunst- erscheinungen gerecht zu werden, seinen Horizont zu vertiefen. Mit seinem Tod verliert jedenfalls Europa einen seiner größten Künstler dieser Zeit. Hchriftleituna: Dr. Friedr. Wilb. Lanae. — Druck und Verlag der Brübl'icken Univ.-Buck- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.