Sonder-Ausgabe. Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Dienstag, den 5. August 192$ i Eine neuentdeckte Niederlassung des Eiszeitmenschen in Oberhessen. Don Dr. Harrasfowitz, o. Professor der Geologie und Paläontologie an der Universität Gießen. wrw« taZett veich MteMt. Die SPnfnge Derkehrslage, die sich immer wieder bewährt hat, und der Kuchtbare Boden der Wetterau bedingten, daß immer neue Volkerwellen erschienen und Kulturreste hinterließen. Sv finden wir die Spuren des Menschen Don der Jüngeren Steinzeit kräften fein, die uns aus allen Kreisen (Dom Regierungs- und Daunat bis zu Schülern) viel freundliche Hilfe geleistet habe». Wer wir hätten nicht zu sv großen Erfolgen kommen Dänen, wen« uns nicht von den verschiedensten Seiten stets Mittel zur Verfügung gestanden hätten, um die Ausgrabungen schon sv lange durchzuführem. Herr Geheimrat h c. Gail, Herr Generaldirektor Dergrat Dr. Grvebler, Firma Meguin, Herr Ministertaldireh tor Professor Dr. Itrfiadt und die Hochschulgesellfchast waren t9 freigebigster Weise bereit, uns zu helfen. Mehrfach WMÄvl «ch Wagen zur Verfügung gestellt, um dke große Menge d«s ge- MMooenen und bearbeiteten Materials nach Niesten zu schaffen. 6tae Durchsicht und wissenschaftliche Bearbeitung des reichen Kundmaterials hätte freilich bei den trostlosen RaumverhältnissNi Les Geologischen Instituts nicht erfolgen können, wenn mir nicht' von befreundeter Seite zeitweise leerstehende Geschiftsrcmme zur Verfügung gestellt worden wären, wofür wir herzlich dankbar finv. Dankenswerte amtliche Llnterstühung durch Ministerium, Kreisamt und Denkmalpfleger ermöglichten die fast rewungslofe Durchführung der Grabungen, nur eine untergeordnete Stelle versuchte Schwierigkeiten zu bereiten. Die Lage des Fundes ist eine außerordentlich mteressante Die Niederlassung liegt cm einem einspringMden.. Wirckel des Lumdatales, so daß ein ausgezeichneter Überblick über dm Nie- deimng möglich war, der für ein Jagervolk notig ist. Die Kulturschicht liegt in und vor einer Keinen Quarzithohle 3n eener lehmigen Schicht von 40—140 Zentimeter Machttgkev liegen die Geräte das Abfallmaterial und Knochen wild durcheinander. Eine ältere Kulturschicht ist zu unterscheiden, der auf dem Vorplatz eine Menge Knochenreste und -Werkzeuge beigemengt sind, während sich weiter hinten nur Quarzitwerkzeuge behn&en. Heber dem Ganzen liegt eine Lage von Löstlehm, der im frischen noch nicht verlehmten Zustande durch Winde angeweht wurde. Diese Lehmlage wird im Ausgang der Höhle schräg abgeschnitten durch eine zweite, bisher nur unvollkommen untersuchte Kulturschicht, der sehr viel Dasaltgeschiebe, Quarzitabschlage und vor allen Dingen Feuerstein beigemengt sind. So sind also zwei altersverschiedene Kulturschichten zu unterscheiden.' bei der ersten handelt es sich offenbar um eine Werkstatt, die der Knochenbearbeitung und -benuhung aus dem Höhlenvorplatz gewidmet war und um eine Steinwerkstätte, die weiter innen liegt. Auf dem Höhlenvorplatz befanden sich eine ganze Menge von großen Steinplatten, die durch Keine Steine künstlich gestützt waren und offenbar primitive Tische dargestellt haben. Bei der Beschreibung der Funde wollen wir uns zunächst der Tierwelt zuwenden, weil ans ihr llar hervvrgeht, dcch es sich um weit zurückliegende Zeiten handelt. Die zahlreichen Knochen sind offenbar erst durch den Menschen an ihre jetzige Stelle gekommen. Nur Teile von Tierskeletten smd nämlich vorhanden. So finden sich Neste von Gliedmatzen aber kaum Stücke der Wirbelsäule oder Rippen; auch ganze Schädel sind nicht bekannt. Der größte Teil der Knochen ist zerschlagen. Die Tiere find an anderer Stelle erlegt worden und, wie das auch von Mainz bekannt ist, hat man wohl nur das Fellmit den schwerer abzn hä utendenGlied maß en zur Höhle geschleppt, während der Körper schon draußen zerlegt wurde und nur Fleisch ohne Knochen an die Mahlzeitstelle kam. , Bor allen Dingen handelt es sich um die Reste eines wilden Pferdes, von dem Zähne, SchädelbruchflÄcke, tfuß= knochen mit Huf in sehr großen Mengen gefunden wurden. An Zahl stehen Pferdereste weit voraus. Auch Knochen und- einige Zähne von dem wollhaarigen Nashorn sind ausgegraben worden Schon dadurch kommt ein für den Laien fremdartiger Zug in das Bild der Tierwelt herein, der noch verstärkt wird dadurch, daß auch ein Rest vom Mammut, dem großen primitiven Elefanten der Eiszeit, aus der Kulturschicht herauskam. Interessanterweise handelt es sich hierbei um den cm langen Backenzahn eines Keinen und jungen Tieres. Große Waffen haben die Steinzeitjäger nicht, besessen, und so werden sie mit anderen Hilfsmitteln, wie Fallgruben! oder Schlingen, Heine und junge Tiere eher gefangen haben als große. Noch andere Tiere, die jetzt in unserer Gegend nicht mehr auftreten, sind gefunden worden; so Reste von dem braunen Bär, von dem Auerochsen (?) und vor allen Dingen ein Unterkiefer und ein großer einzelner Eckzahn des Löwen. Reste vom Hirsch, von kleineren Raubtieren und von Nagetieren kamen vereinzelt ebenfalls zur Beobachtung. Sv entrollt sich uns ein ganz fremdartiges Bild. Die Landschaft sah damals anders aus als jetzt. Nicht Wald war vorhanden, sondern «ne kalte, stellenweise mit Bäumen besetzte Steppe, wie wir aus den Resten der Tiere gut schließen können. Die Werkzeuge des Menschen finden sich bet Treis aus mannigfaltigem Material hergestellt. Am seltensten ist der weiche D a- falt benutzt, wie er im Vogelsberg häufig verkommt. Auch die harten Lahnkiesel sind nur in wenigen Fällen, freilich ohne be- fbnberen Erfolg, zur Werkzeugherstellung heranzuziehen versucht worden. Einheimisch ist auch der Quarzit, der ja in der Gegend jetzt noch gewonnen wird und das Hauptmaterialfür unsere Steinzeitmenschen dargestellt hat. Dadurch weicht unser Fundort von sehr vielen anderen ab. Hauptsächlich ist in anderen Niederlassungen Feuerstein benutzt worden. 3m Vogelsberg kommt er aber wenig vor; wir finden bei einigem Stücken ober hessischen Feuerstein und ähnliches Material tatsächlich verwendet. Daneben aber finden wir fremde Feuersteine, die von weit entleg-enen Gegenden eingeführt find und schon auf einen Handel während der Eiszeit Hinweisen. Der Keine, sorgfältig behandelte Kratzer (Abb. 6) ist aus einer dünnen Feuer- steinlamelle gearbeitet worden. Vom Feuerstein sind eine ganze Reihe von unbearbeiteten Splittern in der Kulturschicht II entdeckt worden, so daß wir hoffen rrnmen, daß wir bet Fvrffetzwqs der Ausgrabungen noch weiteres Material finden werden. Der Hauptteil der Werkzeuge ist aus Quarzit hergestellt. Eine Werkstätte müssen wir besonders im hinteren Teil der Höhle annehmen, wo eine riesige Menge von Abfallmaterial entstanden ist. Nach Dausenden zagten die Stucks, die wir durchsetzen mußten, um aus ihnen die guten Instrumente herauszuhvlen. Manches Stück ist offenbar auch bei der Bearbeitung oder Benutzung abgestumpft, zerbrochen und dann weg- geworfen worden, so daß in dem Schutt nur Bruchteile zu finden! fm%>ie Formen der Werkzeuge erinnern zum Seit an bekannte Typen. Auffällig ist aber, und damit unterscheidet sich unser Fundpmikt vollständig von anderen, die besondere Größe zahlreicher Stücke. Zum Teil mag das daraus zurückzuführen fein, daß Material in ganz anderer Ausdehnung zur Verfügung gestanden hat, als dies bei Feuerstein der Fall ist. Eine Fülle von einzelnen Werkzeugthpen kann unterschieden werden, von denen nur die wichtigsten beschrieben werden mögen. Eine Reihe Stücke sind aus flachen, kleinen, von großen Blöcken abgeschlagenen Steinplatten hergestellt wor- den. Deutlich erkennen wir an ihnen die charakteristische Bearbeitung, die zunächst dazu gedient hat, das Werkzeug zu scharfen oder handlich zu machen. Alle abgebildeten Stücke zeigen am Rande die Spuren der Bearbeitung oder Benutzung, indem der Stein schartig ausgesprungen ist, wie besonders schön die Abbildung Nr 1, 2 ober 9 zeigt. Ein Teil der Abschläge, mehr oder weniger rechteckig geformt, zeigen auf allen Seiten eine Schartung zum Zwecke der Benutzung oder auch zur Beseitigung von scharfen Kanten, die beim Anfallen gestört haben. Mancher Schaber (wie das große Stück Abb. 10) sind nur um eine Ecke herum bearbeitet und zeigen auch Einkerbungen, die vielleicht bei der Verarbeitung von Holz oder Knochen wichtig gewesen find. Bei anderen wieder ist eine scharfe Ecke herausgearbeitet worden, wie bei Abb. 9, bei der besonders bemerkenswert ist, wie die Scharten auch über Flächen stufenförmig hinweggehen. Manche Formen zeigen eine rundliche Bearbeitung der Ecke (wie Abb. 11) und erinnern an die sogenannten Moustier- fchaber, die aus einer bestimmten Kulturepoche der Aelteren Steinzeit bekannt sind. Sn Abb. 8 liegt eine sehr schön gearbeitete Spitze vor, und Qlbb. 1 zeigt ein Instrument, das nur in diesem einen Eremplar gefunden worden ist, wo die Schartung über die ganze Fläche hinweggreift. Einen aus einem Abschlag hergestellten Bohrer gibt Abb. 2 wieder. Man sieht an den zahlreichen Aus- fprüngen, wie sehr das Instrument an der Spitze benutzt worden ist Besonders auffällig sind eine Reihe von großen, zum Teil rundlichen Abschlägen, die bis 30 cm lang sind und in ihrer Benutzung nicht recht klar erscheinen. Eine Reitze von Heineren und größeren Stücken zeigen, daß sie ebenfalls zum Schaben gedient haben. Gerade oder gerundete Kanten sind bei ihnen durch die Benutzung stark abgefplittert. Bei den bisher genannten Formen handelt es sich um mehr oder weniger plattenformige Stücke, deren Gesamtumriß wohl keiner beabsichtigten Formengebung entsprungen ist. Ganz anders ist dies bei langen spanförmigen Stücken, die als K li ngen bezeichnet werden. Durch einen Schlag hat man ein langes Stück von dem Quarzit Heruntergeschlagen und bieg nun in der verschiedensten Art und Weise benutzt. Manche mögen Messer- ober fügeartig gebraucht worden sein, da sie nur auf einer Längsseite Scharten zeigen; andere sind auf beiden Löngskanten benutzt und wieder anbere' zeigen eine besondere Ausbildung der Spitze, wie z. B. Abb. 16. Manchmal ist das Ende der Klinge auch mit einer seitlich gelegenen Spitze als Stichel benutzt worden, oder es ist rundlich mehr zum Kratzen oder seitlichen Schneiden verwendet worden. Auch die Heinere Klinae. (Abb. 7) und der Kratzer (Abb. 6) aus Feuerstein her- gestellt, gehören zu diesem Typus. Ausfällig sind wiederum eine RÄHe von großen Klingen, die bis 25 Zentimeter lang und 10 Zentimeter breit sind und zum Teil reiche Benutzungs- fpuren zeigen. Wieder von anderer Form find primitive sogenannte Kielschaber: Kleinere und größere pferdehufähnliche Stücke mit steilabfallender gerundeter Vorderseite (vgl. Äbb. 3) sind vielleicht wie ein Hobel benutzt worden. Sehr eigenartig wirken Stücke, die in der Gestalt diesen ähneln, aber vorn ein beiderseits eingekerbtes Ende tragen (wie die Abb. 4 und 5). Sie haben wohl zum Ausarbeiten von Röhrenknochen gebient. Ganz isoliert steht bas schöne Stück (Abb. 12), das als Keil mit stark bearbeitetem unteren Ende und den Spuren langer klingenförmiger Absplisse ausgezeichnet ist. Es stammt aus der Kiilturschicht II und zeigst, wie alle Quarzite in dieser, eine rötlich- braune Farbe. Wie sind die Steinwerkzeuge wo hl her gestellt worden? Allem Anschein nach ist dies ebenfalls durch Stein geschahen. Von größeren Blöcken schlug man Heinere Stücke herunter und erzielte eine RandsHärsung durch Schlagen, falls nicht tote bei den Klingen und manchen Schabern ein scharfer Druck vorhanden war. Man mag die Schartung in scharfen Schlägen direkt durch zugespihte Schlagsteine bewirkt haben, die (tote Fig. 11) am Ende stark beschädigt erscheinen. Manchmal hat man sich auch wohl Hetnerer Steinmeißel bedient, die 066.6 «66. T 066.5 066.4 066.3 066.9 066.8 066.12 066.11 066.10 056.« 066.® 066.14 066.13 W W MW W MU MM? issByj V j MKM E ä- ' M »I M 118 I dl unregelmäßig prismatischen Stücken nicht zu selten sind. Ms Unterlage hat man wohl hauptsächlich wieder Quarzitstücke benutzt. Manchmal sind es Platten, die deutlich die vertieften Spuren von starten Schlagen zeigen. Sn anderen Fällen hat man anscheinend die Kante eines oben mehr oder weniger halbkreisförmigen und keilförmigen „Ambosses" benutzt, wie er in zahlreichen Fällen noch aufrechtstehend in der Kulturschicht des Hinteren Teiles der Höhle angetroffen wurde. Wir schließen auch daraus, Latz sich im Hinteren Teil der Höhle eine Werkstätte zur Steinbearbeitung befunden hat (s. o.). Der überwiegende Teil der Instrumente ist so grob, daß die Stücke wahrscheinlich aus freier Hand benutzt worden sind. Die Feuersteine sind aber zu klein, als daß man dies von ihnen cur- nehmen könnte. Sie sind wohl in Holz gefaßt worden, wie wir es jetzt noch von primitiven Völkerschaften kennen. Sn der Hauptkulturschicht befinden sich auf dem Vorplatz der Höhle zahlreiche Knochenreste, die zusammen mit den Quarzit- Werkzeugen lagern und in den mittleren Teil der Höhle im Grunde noch hineinziehen. Bei den Knochen fällt auf, daß sie in zahllose, meist fingerlange Bruch st ücke zerschlagen sind. Daß dies absichtlich geschehen ist, wird dadurch klar, daß manche Spitzenenden als Bohrer verwandt worden sind, wie uns dies Abb. 14 zeigt. Andere Stücke zeigen auffällig gerundete Enden; vielleicht haben sie beim Glätten von Fellen Verwendung gefunden. Als Meitzel sind wieder andere Stücke verwendet worden; manchmal sind nur die Enden abgeschrägt, aber es kam auch ein sehr schöner, sorgfältig vierkantig bearbeiteter Meißel von 6,5 Zentimeter Länge heraus. Auf dem einen Ende war er zugeschärft, das andere Ende war rundlich zugespitzt und zeigte eine Verjüngung, die wohl zu dem Zweck hergestellt worden ist, das kleine Stück in Holz zu fassen. Aus Llnterarmknvchen sind drei ziemlich große Pfriemen (Abb. 13) Hergestellt, die uns zeigen, daß immerhin schon eine gewisse Kunstfertigkeit entwickelt war. Sehr merkwürdig sind eine Reihe von kleinen unregelmäßig gerundeten Knochenstücken, deren Verwendung noch nicht klar ist. Spuren von irgendwelcher Verzierung der Knochen sind nicht gefunden worden und bei dem einfachen Zustands der Knochenwerkzeuge nicht zu erwarten. Die Knochen liegen zum Teil auf den schon erwähnten Tischen. Quarzit- und Knochen-Werkzeuge und ein einzelner Schaber aus Basalt befinden sich in der unteren Kulturschicht. Sn der Kulturschicht II sehen wir mannigfaltiges Werkzeugmaterial erscheinen. Außer den Quarziten beobachten wir Feuersteine, die zum Teil von weither eingeführt sind, und die Benutzung von Lahngeröllen. Knochenstücke sind bisher nicht bekannt. Unter den wenigen bisher gehobenen Quarzitstücken steht sehr auffällig der schon be- schriebene große Keil (siehe Abb. 12) da, der, wie auch die Technik der Bearbeitung der Feuersteine, auf eine höhere Kultur hinweist. Das Alter der Funde läßt sich geologisch recht gut ermitteln. Die Tierwelt zeigt uns zunächst einwandfrei an, daß wir von der Gegenwart weit entfernt sind. Wir befinden uns mitten in der Eiszeit und gerade das Vorkommen von Pferd, Aashorn und Mammut zeigen uns an, daß wir uns zeitlich in einer Vereisung befinden. Mammut und Aashorn waren durch einen dichten Pelz gegen die Kälte geschützt und lebten in einer kalten Grassteppe. Das Vorkommen von Hirsch und Rind weist aber aus Durchwaldung hin. Offenbar ist das Eis erst im Anrücken begriffen. Run zerfällt die gesamte Eiszeit des Diluviums wieder in mehrere einzelne Eiszeiten. Aach der Lage der Höhle kann es sich aber nur um die letzte Vereisung handeln, da sich unser Fundpunkt schon unter d-r Höhe der diluvialen Hauptterrasse befindet, die uns den früheren hohen Stand der Flüsse anzeigt. , i ’ f Arm liegt die Kulturschicht unter dem Löß, jenem kalkhaltigen Staub, der während der Eiszeiten durch Winde an» gehäuft wurde. Da sich auf dem Boden der Höhle kein Löß befindet, glaube ich annehmen zu dürfen, daß es sich um den älteren Teil des jüngeren Löh handelt. Danach würde sich dann ergeben, daß unsere Fundschicht in den Höhepunkt der letzten Vereisung gehört, als weite Teile Aorddeutschlands noch unter einer mächtigen Eisdecke lagen und sich im Vogelsberg auf dem damals vorhandenen Eisboden große Schuttflröme bildeten, die uns jetzt noch als Felsenmeere entgegentreten. Daß Sie Lößschicht zwei verschieden alte Kulturen trennt und damit einen großen zeitlichen Zwischenraum bedeutet, ergibt sich klar aus dem Werkzeugmaterial dgr Kulturschicht II, die den Lößlehm der Höhle schräg abschneidet. Haben wir i n der tieferen Knlturs chicht nur einheimisches und »«icht erreichbares Material, so sehen wir in der oberen Kulturs chicht, wie man schon einen weiteren Fortschritt gemacht -alte. Don der Lahn her holte man feste Kieselfchiefer, Feuer» ieine suchte man in der weiteren Umgebung zusammen und erwarb ie auf Raubzügen oder vielleicht durch Tausch Für die Bestimmung des Alters sind die Reste der Tierwelt und die Lagerungsverhältnisse der Schichten in erster Linie wichtig. Man hat früher ost versucht, von Gerätesormen auszugehen, nachdem in Frankreich, das zur Aelteren Steinzeit reich besiedelt war, eine bestimmteReihen- solge typischer Geräte aufgestellt werden konnte. Man hat diese Gliederung lange Zeit unmittelbar auf Deutschland zu übertragen versucht. Mehr und mehr erkannte man aber, daß die Entwicklung der deutschen Kultur doch wohl nicht in solcher Abhängigkeit bestand, und so haben in neuerer Zeit Wiegens und H. R. Lehmann besonders betont, daß wir selbständig vorgehen müssen. Unser« Funde scheinen mir ein ausgezeichneter Beweis dafür zu fein, daß die französische Gliederung nicht mehr im einzelnen anwendbar ist. (Man unterscheidet dort folgende Stufen: Chelleen, Acheulsen, Wousterien als früheren Teil der Aelteren Stettizeit und Aarig- nacien, Solutreen, Magdalsnien als späteren Teil der Aelteren Steinzeit.) Die Kulturschicht II dürfte, was auch mit der Lagerung zu- sammenpaßt, wohl ungefähr mit dem Aurignacien übereinstimmen. Smmerhin zeigt der Keil (Abb. 12) schon einen sehr merkwürd^en Typus. tiefere Kulturschicht läßt sich aber nicht so einfach mit dem französischen Schema vergleichen. Die vorwiegende Randbearbeitung, das Austreten von Schabern (wie Abb. 11) oder Spitzen (wie Abb. 8) zeigt, daß wir uns auf einer Kulturhöhe befinden, die ungefähr dem Mou st orten entspricht. Aur selten geht die Schartung noch über die Fläche hinweg, wie das Gerät Abb. 1, das als Einzelstück einen Anklang an ältere Kulturen giht. Freilich ist man sonst gewöhnt, den Beginn der Knochenkultur etwas später anzusetzen. Ganz abweichend von anderen Fundorten ist die Größe einzelner Stucke, die bis fast auf 30 Zentimeter Länge geht. Die primitiven Kielkratzer^ und große Kraherstücke mit kielrratzerährrlicher Bearbeitung würden scheinbar auch auf jüngere Zetten hindeuten. Mammut, woll» haariges Aashorn oder Pferd zeigen aber, daß dies nicht der Fall sein kann. So sehen wir die Werkzeuge unserer Oberhessen eine Reihe von eigentümlichen Zügen tragen, die eine Sonderstellung bedingen und deutlich darauf Hinweisen, daß das französische Schema nicht mehr gilt und sich selbständige Einflüsse gri* tend machen. Fragen wir, wie lange diese Ereignisse zv- rückliegen, so dürfen wir aus Gründen, die wir a» dieser Stelle nicht näher auseinandersetzen können, sagen, daß es sich um Zeiten handelt, die 20 000 bis 25 000 Jahre z u r ü ck l i e g e n. Es ist eigenartig, daß die Ansiedler der CiSzett schon den Wert des Quarzits kannten und gutes Material bevorzugten. Lange Jahre hat es gedauert, bis die Menschheit in ganz anderer Kulturentwicklung den Quarzit aufs neue zu schätzen begann. Fassen wir zusammen, was sich cms den Einzeldav- legungen ergibt: Vor dem Höhepunkte der letzten Eiszert, als Wildpferde in großen Scharen die kalte, spärlich durchwaldek» Grassteppe durchstreiften, lebte in Höhlen des Lumdatales eine Hägerhoröe, die ihre Hagdtiere draußen in der Steppe an Oct und Stelle zerlegte und nur das Fell Mit anhängenden Gliedmaßen zur eigentlichen Wohnung brachte. Hier war eine Werkstätte, in der Steinwerkzeuge her gestellt wurden und die Knochen zur Verarbeitung gelangten. Die gewonnenen Werkzeuge wurden wohl wesentlich gur Fellbearbeitung verwendet. .Unbekannte Gründe, vielleicht die Zunahme von Staubstürmen, Haben die Horde zum Auswandern veranlaßt, und die Höhle wurde durch Lötzstaub zugeweht. Sn späterer Zeit siedelten sich in unmittelbarer Aähe Menschen einer höheren Kultur an, die sich nicht nur auf Quarzit beschränkten, sondern durch Wanderung und Raubzüge schon besseres Material schätzen gelernt hatten und den Feuerstem vorzuziehen begannen. Ein Ueberblick über die bisherigen Funde fist damit gegeben. Freilich ist noch sehr viel Material auszugraben und verschieden« Stellen der Aachbarschast sind in Angriff zu nehmen. So werden! sich die Ausgrabungen noch über Monate hinzieh en und das Bild in mancher Beziehung noch mehr erweitern können. Wi« schwer es in jetzigen Zeiten ist, die Mittel dafür aufzubringen, braucht nicht betont zu werden. Vielleicht gibt dieser Aufsatz interessierten Kreisen Veranlassung, sich hilfreich zu zeigen, um die weitere Durchführung der Grabungen zu ermöglichen, Bfa uns die älteste menschliche Kultur unserer Heimat aufdecken. Schriftleituna: 3. V.: Heinz Gorreuz. — Druck und Verlag der Brübl'icIHen Univ.-Buch» und Steindruckersi. R. Lange, Wietzen.