Samstag, Sen 5. Mi Hummer 28 Jahrgang (924 An die deutsche Seele. Seele, du schleppst dich durch Wüsten und Sani) . . , Streckt sich nach dir noch des Ewigen Hand? Sage, wo ließest du Stecken und Stab? Wankst du bergunter ins gähnende Grab? Einst auf den Hohen — wo suchst du sie nicht! — Küßte die Stirn dir das himmlische Licht . . . Hast du kein Krönlein von ihm dir bewahrt? Lacht dir kein Stern mehr bergabwärts die Fahrt? Seele, du Fremdling im Väterrevier, Suchst du ein Trostwort? ... Dort flammt es herfür: S t irb u n d wer de! Aus Blut und Brand Steige, geläutertes Vaterland! Paul Grvtvwsky. schiedene Güter und verschiedenen Vang haben? Haben sie nicht alle zwei Arme, zwei Deine, einen Kopf, ein Herz und die Aase mitten im Gesicht? Sind nicht alle Menschen gleich? Freilich unterscheiden sie sich wohl in Rebendingen, und wenn ich sie alle viereckig hobelte, so würde mir der Alte das übelnehmen; aber ich will ihnen viereckige Gesetze geben, dann werden sie mit der Zeit von selbst viereckig und glücklich werden. So tat er und gab ihnen quadratische Verfassungen und Gesetze, nach denen sie alle dasselbe galten, alle dieselben Rechte hallen und alle dasselbe tun durften, wodurch sie folglich noch glücklicher wurden. Dabei hatte er zunächst nur an die Männer gedacht; aber bald genug fiel ihm ein, daß es ein Ülnfug sei, die Frauen anders zu behandeln als die Männer. Hallen die Weiber nicht genau so gut zwei «Arme, zwei Beine, einen Kopf, ein Herz und die Aase mitten im Gesicht? Gewiß gab es auch hier einige kleine -Unterschiede, und die Weiber eckig machen wie die Männer, das Dschien ihm wieder §u viel gewagt, gelang ihm auch möglicherweise 'nicht. So bestimmte er denn, daß wenigstens alle Frauen dieselben Rechte haben sollten und dasselbe tun dürften wie die Männer, was das Glück der Menschheit abermals um ein. Beträchtliches erhöhte. Und ferner und ferner übte sein linealijcher Zepter und Zauberstab die segensreichsten Dinge: da sich sogar in Amerika mehrere Leute betranken, so verbot er allen ohne Unterschied den Wein; da unreife Buben schon rauchten, so zog er ihnen nicht das Lineal über die gestrammte Hose, sondern untersagte allen Erdbewohnern den Tabak, danach auch den Kaffee, den Tee, das Fleisch; Köpfe, die nicht in die allgemeine Menschenreihe paßten, schlug er mit einem trapezförmigen Belle ab; Könige machte er zu Eckenstehern und Eckensteher zu Königen, kurz: die Menschheit wußte schließlich vor Glück nicht mehr ein noch aus. Glücklicherweise vergaß der Genius der Viereckigkell nicht die Kunst. Er kam zu mir und begnadete mich mit der Idee eines Bildes, das ich alsbald auf die Leinewand warf. Es war ein Wald mit viereckigen Bäumen, viereckigen Blumen, viereckigen Nachtigallen und einer viereckigen Sonne, und in der Mitte saß die Göttin der Selbstverständlichkeit mit viereckigen Augen und viereckigen Brüsten auf einem Wagen mit viereckigen Rädern. Da noch viele andere Künstler so malten, die viereckigen Zeitungen nur solche Bilder gelten ließen und der Geschmack des Publikums schon aus Angst viereckig war, so bekam ich so viele viereckige Dukaten dafür, daß sie mir die Taschen zerrissen. Das brachte mich auf eine — nach Miner Meinung glänzende — Idee. Ich wurde Wckgenbauer und baute lauter Wagen mit viereckigen Rädern, ließ sie bei der BehöM schützen unter der Marke ,,Fortschritt" und versprach mir ein Niesengeschäft. Aber die reaktwnäre Menschheit war für meinen Gedanken nicht reif; sie behauptete, meine WageNNämen nicht vom Fleck. Bald darauf erwachte auch der liebe Herrgott. Seltsamerweise ' nahm er dem Genius das Lineal aus der Hand, schlug es ihm ein paarmal um die Ohren und sagte lachendp, „Du Tölpel! Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Das Gerade ist gerade das Krumme, und das Krumme ist gerade das Gerade. Das wirst du nicht verstehen, aber denk' darüber nach!" 3. Sie suchen den großen Mann. Ein zahlreiches Volt befand sich in tiefster Schmach und Rod .Und alle riefen: „Wo ist der große Mann, der uns hilft? Rur ein großer Wann mit überlegenem Geist und eisernem Willen kann uns retten! Wir brauchen einen großen Mann, einen großen Wann!" 1 „ . m „3a,“ rief ein Leimsieder, „wir brauchen einen großen Wann um des Gemeinwohls willen; aber es muß ein Leimsieder fein; denn wer soll sonst die Interessen der Leimsieder vertreten?! „Rein," rief ein Dierwirt, „einen großen Mann braucht das Gemeinwohl; aber ein Bierwirt muh es sein; wer soll sonst für unsere gerechteii Forderungen einstehen?!" „Richt doch," ries ein Torsbauer, „daß das Gemeinwohl einen großen Mann fordert, ist gewiß; aber es muß ein Dorfbauer sein; denn -ver sollte wohl sonst für uns Torfbauern, sprechen?! So schrien 48? Gewerbe durcheinander; denn jeder wollte ein möglichst großes Stück von dem Kuchen, den er „das Gemeinwohl" nannte. Sie wählten denn auch eine Rationalversammlung, in »ei jedes Gewerbe und jeder Stand vertreten war; nur eine Gruppe von Menschen war gänzlich ausgefallen: die der große» Männer. Weil ihrer natürlich so wenige waren, daß ihre Stimme» ! nicht ins Gewicht fielen. Drei unbequeme Fabeln. Von Otto Ernst. 1. Die heilige Kunst. Auf meinen Forschungsreisen gelangte ich in ein Land, das von einem zurückgebliebenen Volke bewohnt war. ihn mir ein Bild von seiner Kultur zu verschaffen, besuchte ich ein Theater. Wan gab ein „Lustspiel". Drei Akte hindurch, zweieinhalb Stunden lang drehte sich alles und jedes um das bekannte Eine. Die Kunst der Verfasser — es waren diesmal nur zw^i — bestand darin, daß sie alles sagten, ohne es auszusprechen. Jeder Gedanke, jedes Gefühl war Zote; aber, sie umkreisten mit seiltänzerischer Sicherheit den letzten, ehrlichen Ausdruck, ilnd das Publikum, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, wälzte sich vor Vergnügen über die erstaunliche Kunst, daß dis da droben immerfort unflätig waren, ohne unflätige Worte zu brauchen, daß sie unaufhörlich um den SchnHitz herumtanzten und immer im letzten Augenblick vermieden, hiMnzutvetsn. In einem anderen Theater tanzten sie wirklich und machten eine Riggermusik dazu; da hieß es eine Operette und Halle sieben Verfasser. ' . Wo in den großen Städten dieses Landes dreißig Theater waren, da übten zwanzig diese Kunst; wo eines war, da mußte es diese Kunst pflegen, um bestehen zu können. „Diese Wesen," dachte ich bei mir, „stellen eine merkwürdige ilebergangsstufe zum Menschen dar. In ihrer erotischen Verblödung ist ihnen geistiges Schamgefühl offenbar noch vollkommen fremd. Aber'nicht einmal so etwas wie Herz^nsschande schsi^en^ sie zu empfinden." - ” Ich mochte wohl etwas laut gedacht haben; denn alsvalü imirde ich von mehreren Theaterbesuchern angeschrien, ich sei ein Mucker und wolle die heilige Freiheit der Kunst antasten. „Je nun," sagte ich, „die innigste Vereiniguing von Mann und Weib ist nichts -Unreines; sie kann etwas Hohes und Heiliges sein. Aber sie auf den Markt bringen, ist Hundebrauch. Rur, daß di« Hunde fein Eintrittsgeld nehmen." 2. Der Genius der Viereckigkeit. Als der liebe Goll einmal feinen Mittagsschlaf hielt — ein Mittqg im Himmel bedeutet mehrere Jahrhunderte auf Erden — naimt 'ein ehrgeiziger Engel die Zügel der Weltregierung in die Hand. Die merkwürdige Vorliebe des Herrn für gebogene Linien, für runde Formen, überhaupt für eine mannigfaltige und krause Wsttordnung, hatte ihm schon lange mißfallen; er war überzeugt, daß sich das alles viel einfacher und übersichtlicher machen ließe. Er bewaffnete sich also mit einem riesigen Lineal und einem Bleistift und ließ sich auf das gesegnete ,Land Amerika hernieder. Die krummen, schiefwinkligen und malerischen Gassen und Märkte der menschlichen Wohnorte waren ihm schon immer ein Greuel gewesen und so entwarf er nun am Lineal die Bebauungspläne von Renhork, Boston, Philadelphia, Chicago usw., lauter senkrechte und wagerechte Linien, die sich rechtwinklig schnitten, wie es sich gehört, so daß man - die Straßen nur noch durch Rummern unterscheidsn konnte. So machte er die Bewohner aller dieser Städte glücklich. Als er sich aber diese Bewohner Mbit betrachtete, sagte er sich: „Ist es nicht ein barer -Unsinn, daß diese Menschen verschiedene Rechte, verschiedene-- Pflichten, ver- Gießener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Ein Böser meinte: „Das ist alles Schwindel: sie wollen gar leinen großen Mann: der wäre ihnen ja nur unbequem!" Aber das ist Verleumdung; sie konnten schon um deswillen die großen Männer nicht wählen, weil sie sie gar nicht bemerkt hatten. ! Von alten Gießener SchanKstätten. Von * * * (Nachdruck verboten.) Wer hätte nicht schon einmal etwas von der „Rose" in Jena gehört, von der es int Deutschen Kommersbuch heißt: „Auf der Rose, welch' ein Vier, Fuchspanier! Ach, wie rosig kneipt sich's hier!" — oder vom Heidelberger „Seppel", vielleicht auch von der „Alten Fink" in Göttingen, in der einst studentischer Äeberliefe- rung nach eine Postkarte aus Amerika richtig eintraf, die nur die Anschrift trug: „Alte Fink — Europa." Auerbachs Keller in Leipzig im Gedächtnis der Nachwelt sestzu- halten, hat selbst ein Goethe nicht verschmäht. Solche Kneipen cm den hohen deutschen Schulen waren Hochburgen des Gain- brinus oder des göttlichen Bacchus, seit alter Zeit besucht von fröhlichen Burschen und ehrbaren Philistern, von den jungen Füchsen erstmals nur mit einer Art frommer Scheu betreten. Die Zeiten haben sich geändert. Die alten DurgGc des königlichen Brauherrn Gambrinus sind mehr oder weniger berg ödet int Vergleich von einst und jetzt. Mit dem Falle jener Burgen, die wir im Auge haben, schwinden die Stätten einstigen gcM selligen Lebens. Es bleibt nur die Erinnerung an ein urwüchsiges Burschentum, an seine Freuden und Leiden ura> au seine Freunde aus dem Philisterstande, die Genossen mancher frohen Stuitden. Unser liebes Gießett besitzt zur Zeit noch solche eilte alte Studentenkneipe — bekannt, ja berühmt in alten und jungen Akademikerkreis en im ganzen Hessenlande, unb gewiß noch darüber hinaus. Es ist „Der Lotz", wie er in älteren Zeiten nach seinem einstigen Eigentümer, dem Bierbrauereibesitzer Theodor Lotz genannt wurde. Der heutige Name der Wirtschaft „Ins Lotze" ist falsch — der alte Gießener Student ging ebenso wie der „Philister" „in den Lotz" — zum Früh-, zum Spät- und zum Abend- schoppen. Jeder Gießener weiß, daß das alte hochgiebelige Haus im Seltersweg, der Hauptverkehrsader Gießens, „der Lotz" ist. Wie lange die Veste dort wohl stehen mag? Einst besaß sie noch einen Bruder, den alten „Andres" in der Sonnenstraße. Schon lange wich dieser einem Neubau, einer aus Quadern und Klinkern erbauten Bierhalls — ohne altüberlieferte Gemütlichkeit. Wie gerne hörten doch noch einmal die Nachbarn des alten „Andres" das Toben bet' „Schlacht von Hanau", die alljährlich beim Aleanstich geschlagen wurde — mit Kommandorufen und Paukenschlägen, mit Schnellfeuer und Kanonendonner. In diesem alten „Andres" verkehrten die Burschenschafter, die „Germanen" und „Alemannen", die mit den später gegründeten „Adelphen" dort manchen Strauß um die Hegemonie ausfochten. Die Familie Weidig verzspfte den selbst gebrauten köstlichen Trank und an kräftiger Studentenspeise, Hähnen (Handkuss), Schweinerippchen unb -Höschen fehlte es niemals: „Die schönsten Höschen hat unstreitig tu Gießen der Herr Andres Weidig" lautete ein bekannter Beim! Variatio delectat! Es herrschte ein inniges Einvernehmen zwischen „Weidigs'ch und „ihren" Studenten, an deren „st e t s bereite Zahlungswilligkeit" nach altem, auf den Hochschulen gepflegten Herkommen niemals allzu hohe Anforderungen gestellt zu werden pflegte. Gor manchs Gaststätte besaß eine niemals versiegende . Pumpe! So wie die Wirtsleute, gingen in Gießen gewisse Schneider, Krawattenmacher und besonders der alte „Kappenschuster" Rübsamen auf der Mausburg, freundlichst sei seiner hier gedacht, jähre-, ja bei höchst seltenen Ausnahmen sogar jahrzehntelang ihrer einstigen „Kundschaft" nach, die alles „auf die Kreide nahm und immer auf dem Hund war". Nur dann, wenn der Kredit gar zu lange in Anspruch genommen wurde, kamen bei den Angehörigen aller Fakultäten, bei Herren, die sich längst in Amt und Würden um> doch immer noch in Geldnöten befanden, die üblichen „Tretbriefe" an, kam wohl gar der Postbote, um einen Zahlungsbefehl zuzustellen — Geldknappheit von einst und jetzt sind zwei grundverschiedene und doch. so eng verwandte Begriffe. Noch eine andere Gießener Wirtssiätte, der Felsenkeller, ist erhalten geblieben, freilich in vollkommen veränderter, neuzeitlicher Gestalt, Heber feine Gründung ist der Teutonen- chronik zu entnehmen, daß am 6. Juli 1840 der Bierbrauer und Wirt Balthasar Loos den hochlinks am Wieseckufer liegenden „ Felfenkeller" einweihte, in dem er sein nach bewährtem bayerischen Muster aus Hopfen, Malz und Wasser — ohne Surrogat- Nepcmsch — hergestelltes gutes, „gesundes" Bier ablagerte. „Er errichtete am Felsenkeller einen Mast, die Studenten stifteten dazu rin« Fahne in den hessischen Farben Not und Weiß, die aufgezogen wurde, sobald sich wenigstens ihrer zwei dort befanden. Die Einweihung verlief unter lebhafter Beteiligung mit einem humoristischen, öffentlichen Aufzuge. Der Student W. Schuchard (später Oberamtsrichter in Gernsheim) kommandierte zur Feier des Tages und zum Gedächtnis der Einweihung durch das große Sprachrohr des „Turmmannes" Bauer einen Riesen-Salamander. Der Teutone „ShiQ“ Knapp hielt in Kniehosen und chapeaubas die Festrede voll Witz und Humor. 41. a. rief er mit erhobener feierlicher Stimme: „Groß ist die Not, denn sie bricht Eisen, größer ist der Durst, denn er hat Felsen gesprengt" usw., „von allen irdischen Losen Preisen wir dich, Balthasar Loos", an den er dann — mit welchem Erfolg, läßt der Chronist dahingestellt — die Worte richtete: „Dein Schuldbuch sei vernichtet", um schließlich den kostbaren Dierstoff aus einer von seinem „Leibknappen Konstantin Reitz überreichten großen Spritze über feine Umgebung auszugießen". Später übernahm den Felsenkeller Balthasar Lenz. Er war geschätzt und beliebt,in weiten Gießener Kreisen — sogar Justus Liebig verkehrt« bei ihm. Sein trockener Humor und sein „oder aber", das er beim Gebrauch der Muttersprache recht häufig anzuwenden Pflegte, sozusagen in jedem Satze, ergötzten seine Freunde. Als unser berühmter Justus Liebig einst einen ehrenvollen Ruf erhielt, nahte ihm Balthasar Lenz mit den Worten: Großer Mann, wohin? Doch nicht gar nach Wien? Oder aber sag' ich — Bleibe lieber dasig! Eines Tages unterhielten sich einige Mediziner in seiner Gegenwart über die Funktionen des Herzens. Balthasar Lenz äußerte den Wunsch, einmal einen „Herzbändel" zu sehen. Solches wurde ihm zugesagt. Schon anderen Tages brachten ihm die Studenten einen blutgetränkten „Herzbändel". Der alte „Vater Lenz" betrachtete, sich den seltenen Gegenstand recht, recht lange und sagte alsdann: „Meine Herren, ich danke Ihnen,sehr, oder aber hätte ich nie gedacht, daß der „Herzbennel" ein ganz gemeines Stück Kordel sei." De? obengenannte Balthasar Loos besaß als Stammwirtshaus einen langen schmalen Bau in der Marktstraße, der einstmaligen Marktgasse, dort, wo jetzt das SiesÄsche Geschäftshaus fleht. Das Wirtszimmer wurde hiernach „Loose Rieme(n)" genannt. Im Hofraum lag ein großer Misthaufen, der den Wohlstand seines Besitzers bezeugte, im Sommer duftend und fliegenumschwärmt. Wenn es int „Rinne" zu muffig wurde, nahmen die Studenteni ihre Stühle und setzten sich dem Misthaufen längelangs in den Hof — was genierte das in der guten alten Zeit den Misthaufen! Wie der Gießer Student an diesem Erdenfleck hing, beweist! folgende Geschichte. Nach langer Poflkutschenfahrt kam ein feudaler Gießener Studio auf Besuch nach Heidleberg. Dort wurde er, fest- fröhlich empfangen, in ein feines Hotel geleitet, man erfrischte ihn int „Seppel" und führte ihn dann hinauf aufs Schloß. In stiller Bewunderung stand der Jüngling hoch oben auf, der Terrasse, wohl dort, wo jetzt Viktor Scheffels, des feuchtfröhlichen Sängers, ehernes Wandererstandbild über die einzig schöne Schloßruine hinüberblickt nach den Hügeln der weinfrohen Pfalz. „Nun. was sagst du jetzt," fragte schönheitstrunken ein Heidelberger den ebenso schönheitsdurflenden Gießener Kommilitonen. Der aber entsann sich der Schönheiten der Heimat und gab dem Frager die klassische Antwortz: „Lind e# geht doch nix übers LooseRieme." Hinter dem Wirtshaus betrieb Loos die altrenommierte Brauerei, die zur Zeit noch der Firma Piflor Nachf. als Lager- rcmm dient. Heber der Eingangspforte des alten Brauereigebäudes ist eine mit Emblemen und Wappen ausgeschmückte Erinnerungstafel angebracht, auf der in noch vorzüglich lesbarer Schrift — drei Worte find davon auszunehmen — eingemeitzelt zu lesen ist: Anno 1671 Johannes Oßwaldt, jetzt im Raht der Jüngst Herr — hak dieße(n) platz erwehlt zum Bräuhaus (bis zum Tod?). — Nachdem H. Daltzer Schmidt zum Erste Mahl versehe das Bürgermeister Ambt, ist dießes so geschehe(n) mit Will des gantzen Rahts, daß eben in dem Jahr da Peter Reutter auch mit Bürgermeister war. Gedenke, wer Du bist Und gehest hier vorbeh, Daß es zum großen Nutz der Festung Gießen seh. Bor diesem alten Bau war einst der Schauplatz eines köstlichen Duells. Zwei junge Gießener, ihres Zeichens Schreinergesellen, nominal sunt odiosa, hatten zuviel vom Loosschen Starkbier und von des Wirtes süßlichem Schnaps, von den Gästen „Hercht" genannt, getrunken. Es war schon um die Mittagszeit. Sie gerieten in Streit, ihre Köpfe röteten sich. Ein Wort gab das andere. Den Verbalinjurien folgten Taten. Was die „Sturrente" konnten — das konnten auch die Schreiner. Studentei» und Philister schürten noch das Feuer und prompt forderte der Besitzer der Backpfeife den Gegner auf Pistolen. Studenten und Philister traten zu einem „gemischten" Ehrengericht zusammen, das selbstverständlich die schwersten Bedingungen genehmigte und den sofortigen Austrag der Forderung verlangte. Man setzte die ' „Dujellcmte" zunächst in verschiedene Räume, holte zwei Schießeisen herbei und „stopfte" ihre Läuse unter Zuhilfenahme von Kvrkstopsen mit — der Brühe von roten Rüben! Hieraus wurden die Gegner herbeigehvlt, die Distanz von zehn Schritten wurdq abgeschritten, der „.Unparteiische" zählte: Eins, zwei, drei und einer der Helden fchoß auch, wirllich los, nicht ohne daß er zuvor vorsichtigerweise die Augen zugemacht hatte. Als er sie nach einiger Zeit wieder öffnete, sah er seinen Gegner „blutüberströmt vor sich liegen. Die Pistole fortwerfen und — fliehen war eins. Der siegreiche Schütze versteckte sich unter seinem Bette, wo man ihn gegen Abend vorfand. Man brachte ihn nach langem Sträuben» — 111 - tn den „Riemen" zurück, worauf dann ein Verföhnungsfefl gefeiert wurde. Doch nun zurück zum alten „Lotz". Auf wenigen Stufen einer Freitreppe gelangt der Besucher über einen schmalen Gang in den groben Wirtsraum. Zur Linken, deren Fenster nach dem Seltersweg zu liegen, standen einst zwei mit eingeschnittsmm Damen übersäte Kneiptische der „Teutonen" und „Hessen", während die „Starkenburger" ein kleineres, nach dem alten Spital zu gelegenes Zimmer innehatten. Wieviel „Dierjungen" sind dort „ausgemacht", wie viele Salamander gerieben, wie viele Schoppen cm^eknobelt und wie viele „Bruderschaften" (Schmollis) sind dort getrunken worden. Einstens wurde dort nicht so genau gerechnet, als noch der alte Theodor Lotz, der ein richtiger. Studentenväter war, in Würden! seines Housherrn-Amtes waltete. Er kreidete nicht lange an, sondern behielt alles im Kopfe. Hatte aber weder der bierehrliche Studio noch er selbst richtig cmfgepaßt, und die Zahl der genossenen Schoppen in der Hitze des Gefechtes vergessen, so wurde der Schuldner einfach taxiert. „Geh einmal auf dem Strich," — sprach Theodor Lotz —er duzte ganz selbstverständlich jeden Studenten — der Studio mußte auf den Zwischenraum zweier weiß gescheuerten, mit Wiesecker Sand bestreuten Dielen gehen und von seinem mehr oder minder starken Schwanken hing die Anzahl der zu zahlenden „Dippchen" ab. Es hätte in Gießen keinen Studio gegeben, der sich nicht Theodor Lotzens salomonischem .Urteil willig unterworfen hätte. Der lange Tisch an der Wand, der der Diertheke am nächsten Pond, heißt noch heute der Lügentisch, während ein weiterer ovaler jh-isch vor der Theke des Abends den „zwölf Aposteln", älteren rmgesehenen Gießener Handwerksmeistern und Kaufleuten als Wersanrmlungsstätte diente. Sie ehrwürdigen alten Herren der guten alten Zeit sprachen und tranken wenig. Sie waren stille Beobachter des Treibens um sie her, mit dein die des öfteren durchaus nicht einverstanden zu sein schienen. Bon Zeit zu Zeit tranken sie einen Schluck und lächelten dabei. Dazu wurde zwischendurch aus alten Zeiten erzählt. Unter den „zwölf Aposteln" Herrschte vollkommene Harmonie. Anders ging es am Lügentische her. Am Kopfende des Tisches Hängt heute noch das große Oelbild des Schusters Kaspar Huhn, des' einstigen häufigsten Besuchers des „Loh". Er versäumte niemals einen Früh- oder Abendschoppen und bildete als „Früh-» stücksmeister" und „Profitmacher" den Mittelpunkt der Slamm- tischgesellschaft, die sich später „Lügentisch" benamste. Der Lägen- tisch war auch die Stätte, an der Gießens „ewiger Student", Christian Dusch, dem „Pfeifenklub" präsidierte. Zweimal in der Woche versammelten sich unter seinem gestrengen Kommando seine Mitglieder. Geraucht wurde nur aus kurzen Pfeisen mit Zi/s Millimeter Bohrung. Wehe dem, der eine andere „Peif" mitbrachte, sie wurde voii Christian unweigerlich verworfen und wanderte, wenn Christian besonders böse war, durchs Fenster auf den Spitalhof- gcmg hinaus, zur Freude des alten Spitalverwalters. Besonders beliebt waren die Pfeifen aus grünem Porzellan, „Grüne- schokolad" genannt, und besah einer gar eine „Hörnchespeif", d. h eine Pfeife mit Rehkrone, so stieg er ganz besonders in Christians Achtung. Der Pfeifenfabrikant Sch in der Marktstrahe, dessen bester Kunde Christian war, trug seinen Spezialwünschen weitgehend Rechnung. Ein anderer Tabak als das Gießener Fabrikat „Georg Heinrich Schirmer Qlr. 0" war verpönt und mit wahrer Begeisterung stimmte stets die in Tabalsqualmschwaden eingehüllte Korona in die den Eingeweihten bekannt^ von Christian intonierte Melodie der Dc-bakpaketaufschrift ein: „Einige Fabrikanten haben sich erlaubt, mein Siegel nachzuahmen. Lim nun das Publikum vor Schaden zu bewahren, füge «$■ meine Unterschrift hier bei — Georg Heinrich Schirmer." — Geeignete Stellen des Textes wurden wiederholt gesungen, da und dort wurde ein „Hä, juchhä" und ein „ncrtti, natti bumsvallera" eingeflochten, intb so brauchten die Säuger dieser Gießener Lokaltabakshymue Wohl eine Diertelstunde, bis deren letzter Ton, der mit mächtigen Faust Mägen auf den armen Tisch begleitet wurde, verklungen war. Daraus kommandierte dann Christian noch dreißig Züge „Dampüff". Wurde Christian melancholisch, deklamierte er voll Inbrunst: „Wenn mein Pfeifchen dampft und glüht und der Rauch von Blättern sanft mir durch die Rase zieht, tausch' ich nicht mit Göttern." Glücklich der, dessen Gesundheit ein solches „Dävenleben" aushielt. Doch nun zum Lügentisch. An Derbheit und Aufschneidereien kam ihm in deutschen Landen so leicht keine Tafelrunde gleich. Studenten fanden an ihm keinen Platz. Seine Opfer waren zahlreich. Biedere Bauern, durchreisende Kaufleute u. a. m. wurden mit Vorliebe gefoppt. Kam solch ein „Fremmer" in den „Lotz" und wußte nicht, wo er Platz nehmen sollte, oder brachte ihn gar ein Lügentischgenosse vorsätzlich mit, der Gastwirt H. aus dem „Prinz Carl" tat das mit Vorliebe, so brachten es bald die Lügentischler mit List und Tücke fertig, ihn auf eine ganz bestimmte Stelle der langen Wandbanr zu placieren. Dort harrte schmerzhaftes Llnheil des Fremdlings. Er sah dann nämlich auf einer durchlochten Baukstelle, durch die eine lange, tückische Radel führte, die mit einem unter der Dank angebrachten Schellenzuge und einem langen Bindfaden in Verbindung stand. Der Fremdling wurde außergewöhnlich höflich behandelt. Die harmlosen Llmsitzenden legten Arme und Hände auf den Tisch und einer von ihnen machte von ungefähr den Vorschlag, auf das Wohl des neuen „ Freundes" zu trinken. WaS denn auch durch allgemeines Anstoßen geschah! Sn diesem Augenblick erfolgte das -Unheil. Der also Geehrte fuhr plötzlich schmerzerfüllt mit einem Satze in die Höhe, als habe ihn eine Tarantel in seine Sitzgelegenheit gebissen! And so ähnlich war es ja wohl cmch_— nur mit dem Llnterschiede, daß ihn kein Biß, sondern ein tiefer Vadelflich schmerzte. And feine „Freunde" vom Lügentisch saßen in der Rahe um ihn 'herum mit gefalteten Händen, als ob 'sie des Rätsels Lösung nicht kannten! Mancher von denen, die nicht alle werden, hat sich dort am Lügentisich eine „Lolal- abfuhr", ja oft deren mehrere geholt. Von Zeit zu Zeit ward» auch einem Fremdling tüchtig eingeheizt. Heimlich- schoben ihm die Listigen unter seinen Sitzplatz ein zusammengeknülltes Zeitungsblatt nach dem anderen, bis schließlich der Papierhaufen mit Hilfe eines langen Fidibusses in Brand gesetzt und das darüber sitzende Opfer durch die emporschlagenden Flammen in einen heillosen Schrecken versetzt wurde. Der Zweck der Hebung war dann erreicht. Richt immer wollten sich die Fremden so zum besten haben lassen, doch riefen diese derben Späße mittelalterlicher Art angesichts des Charakters des Lügentisches niemals dauernde Verstimmungen hervor. Wie lange die Lügentischgesellschaft bestand, als sie ganz Gießen auf den Kopf stellte? Eines Tages beschloß sie auf Vorschlag eines Oberlügners, ihr Ivvjähriges Bestehen zu feiern, und es fanden nunmehr ernsthafte Beratungen statt, in welcher Weise solches geschehen solle. Ohne ein Volksfest ®uf dem „Trieb" ging es nicht. Die Zahl „100“ war eine Riesenlüge. Dementsprechend ging es bald darauf auf dem „Trieb" hoch her; eine Festhalle, Schieß- und sonstige Buden fehlten nicht, vom Morgen bis in die tiefe Rächt hinein spielte die Musik fröhliche Weifen — kurz: der gewünschte Erfolg trat ein: Ganz Gießen feierte mit Der Kapellmeister des Lügentisches, Kürschnermeister Sch, der des Abends im „Lotz" trotz seiner mehr als 70 Jahre „mit Vorliebe auf Verlangen" Lieder und Arien in theatralischer Pose fang — meisterhaft verstand er es, sich mit Hilfe eiiws um» geschlagenen Bettuches in Szene zu setzen — marschierte vom Stammlokal des 100jährigen Geburtstagskindes aus durch den Reuenweg über die im vollen Dlätterschmuck stehende Kaiseralle« nach dem Festplatz und schwang dabei voll tiefen Ernstes und 'feiner hohen Würde ganz bewußt, den Taktstock ans Ebenholz. Allerdings marschierte er hinter seiner Kapelle her, die ihren Dirigenten nur im Geiste sah und deshalb doch ihr' Bestes hergab. Hoch vom Giebelsenster des ;,Lotz" herab aber wehte, fast herab bis auf die Straße, eine riesenlange, breite, blaue Fahne (als Sinnbild des den lieben Mitmenschen vorgemachten blauen Dunstes), auf der ein bildschöner, stolzer, weißer Gockel zu sehen war, der — ein Riesenei gelegt hatte. Das erfundene und erlogene 100jährige Stiftungsfest, dem ein schönes Wetter zugute gekommen war, brachte goldene Eier in die sonst stets. leere Kasse des Lügentisches. Dem alten „Lotz", dessen Front Heute noch in die belebteste Straße Ali-Gießens vorspringt, droht der Abbruch. Auch er soll einem modernen Geschäftspalast weichen. Dann heißt es: Dole eure amice. 1 Wer alte Riederländer Gemälde tfennt, die in starker Realistik Szenen aus dem Volksleben barst eilen, wird auch Verständnis für die hier geschilderten Zustände und Bilder auf- Bringen. Sie sollen lokalgeschichtliche Erinnerungen aus unserer lieben kleinen Aniversitäststadt dauernd fest halten, die zum Teil noch aus einer Zeit stammen, als sie noch wenige tausend E«v- wohner zählte. Die alte Zeit sollte weder gelobt, noch getadelt., werden. Rur teer die alte Zeit und ihre Menschen begreift, wird der neueren Besseres zu geben verstehen. AAS ernstsT Zett. Heimatbilder aus den Kriegsjahren 1618—1648. Von Lehrer A. Dach- Flensungen (Fortsetzung.) Hier allein war Sicherheit zu finden gegen das wilde, zügellose Svldatenvvlk. welches die Zeit vom September 1634 bis Juni 1635 zu einer wahren Schreckenszeit für nufere Gegend machte. Sn dieser furchtbaren Zeit suchten Schutz in der kleinen Festung Lich die Bewohner von EberstaLt, Dorf-Gill, Muschenheim, Birklar, Langsdorf, Burkhardsfelden, Gröningen, Hattenrod und Grotzen- Linden. Rach Hungen waren geflüchtet die Bewohner von Dil- lingen, Langd, Trais-Horloff, Lltphe, Obbornhofen, Bellersheim und Dettenhausen. Hinter Laubachs Manern suchten Sicherheit die Leute von Ruppertsburg und Gonterskirchen. Grünberg nahm schützend auf die Bewohner der Dörfer Lauter, Queckborn, Stangenrod, Beltershain, Harbach, Weickartshain,Röthges und Wetterfeld. Aus der Hanauer und Frankfurter Gegend, in welcher alle Dörfer und Flecken in Asche gelegt waren, hatten sich die Bauern, die nicht durch Mißhandlung ober Kummer aus dem Leben gekommen waren, nach Frankfurt geflüchtet. Hier wurde ihr Elend durch die dortigen Bürger noch vermehrt. Hier mußten sie feueren — 112 — Hauszins zahlen. Die nicht zahlen konnten, mutzten in kürzester Frist die Stadt räumen, „worüber ein großes Winseln, Schreien und Seufzen unter den von Haus und Hof Verjagten gehört wurde"'. Bei Wirten, Krämern, Handwerkern usw. war inzwischen das Schinden und Schaben so groß, daß es nicht auszusprechen ist. Wie ganz anders benahm sich der mildherzige Pfarrer Hirsch von Wetterfeld, der manchmal in feinem kleinen Häuschen in Griin- fcetfi bis zu 50 Menschenseelen beherbergte. Wie Inseln ragten Gießen, Grünberg, Laubach, Lich, Hungen, Aidda, Büdingen, Butzbach und Friedberg aus der verwüsteten und verödeten Wetterau heraus, „denn was eine Armee noch vermeintlich hinterlassen, das wurde der folgenden zuteil, und es folgte eine auf die andere. Pfarrer Hirsch-Wetterfeld schreibt in seiner Chronik: „Am 18.