Gießener jamilienbiStter Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger Jahrgang (92^ Dienstag, -en 4. November Nummer 50 Stufen. Don Maarten MaartenS*). Sollen wir trauern um sntflohne Träume? -Um Seifenblasen, die das Kind entzückt? Um Heldentaten, die den Knaben reizten? Um Frührot, das dein Mann sich längst verdüstert? So viel des lautsten Lebens liegt nun tot! Wie klein ist nun, was einst uns groß, erschien; Wie wenig noch beglückt vergangne Schönheit! Und dennoch lieben wir, was uns genarrt. Sind- Gott für die geringre Schönheit dankbar, Bis bessre Einsicht sie verwerfen heißt. Wir kennen Höh'res, weil wir Biedres kanntes. Und Höchstes kennen, wir, wenn wir das Jrd'fchs Als bunten Trug begreifen, und den Himmel Aus Erden als das einzig ewig Wahre. Ishn Milton. (Zum 250, Todestage des englischen Dichters, am 8. Rovbr. 1924.) Don Peter H aa c. John Milton ist heute nicht mehr in Mode. Man weich von ihm zwar, dach er „das Verlorene Paradies" gedichtet hat — gelesen haben es aber wohl ebenso wenige wie etwa Klopstocks Messias. Die übrigen Werke des großen Dichters sind fast vergessen — und dach er im politischen Leben seines Vaterlandes im Zeitalter Cromwells eine hervorragende Rogge gespielt hat, ist fast unbekannt. Milton war ein Londoner Kind und stammte aus einer streng puritanischen Familie. Schon früh fühlte er sich zur Dichtkunst berufen. Gin großer Künstler zu werden, der englischen Muttersprache neue Schönheit und Klangfarbe zu geben, war sein Streben, als er 1632 vierundzwanzigjährig Ehrist's College in Cambridge verliech. Einige aus seiner Jugendzeit stammende Elegien und Hymnen — darunter die berühmte Hymne auf den Morgen der Geburt Christi — zeigen schon den grohen Dichter. Gesicherte Derrn ögensverhältnifse seines Vaters gestatteten dem Jüngling, ganz seinen Reizungen zu leben. In den fünf sorglos glücklichen Jahren, die er im elterlichen Hause in dem reizenden Dorfe Horton der Grafschaft Buckingham verbrachte, entsta-rden seine ersten bedeutenden Dichtungen, die Schäferspiele „Cosmos" und „Arcades", sowie „Lällegro" und „il pensero", Zwillingsgedichte, die Ratur und Leben von heiterer und melancholischer Seite spiegeln. Milton hatte bereits Weltruhm erlangt, als er int Jahre 1638, nach dem Tode der Mutter, Horton verlieh unx> eine Reise ins Ausland antrat. Sein Weg führte ihn über Paris und Südfrank- reich nach Italien, wo ihm als gröhtem englischen Dichter nacht Shakespeare allerorten, große Ehren erwiesen wurden. Der religiöse und politische Eifer des Puritaners jedoch, und die allzu große Offenheit, mit der er die Mißstände des Papsttums geißelte, gefährdeten fast seine persönliche Freiheit. Hier im Lande Tassos und Dantes reifte in dem Dichter der Gedanke, auch seinem Volke ein Heldengedicht zu schenken, das gleicherweise Vaterland und Christentum verherrlichen sollte. In König Arthur und den Rittern seiner Tafelrunde sah er die würdigen Vertreter seiner Ideen. Erst nach Jahrzehnten schwerer Kämpfe, bitterer Erfahrungen entstand das Gedicht: „Das verlorene Paradies". Rachrichten von innerpolitischen Unruhen seines Vaterlandes, vom drohenden Ausbruch des Bürgerkrieges, brachten die Reise zum plötzlichen Abbruch. Es ist bezeichnend für Miltons strenge Auffassung von Pflicht, daß er keinen Augenblick zögerte, auf persönliche Vorteil und Bereicherung feines Wissens zu verzichten, um der Allgemeinheit zu dienen. Ein kurzer Aufenthalt in Florenz führte noch zu einem Zusammentreffen mit dem erblindeten Forscher Galilei. Das Schicksal dieses traurigen Opfers der Jnqul- *) In seinen Romanen tritt uns der große Holländer als kühler, geistreicher Skeptiker entgegen. Rur langsam und scheu enthüllt sich grand'ivse Leidenschaft, tiefste Menschlichkeit. Seine Sonette, wie die meisten feiner Werke in englischer Sprache geschrieben, geben unmittelbarer den Weg zu diesem gepeinigten, aber ringenden und sich aufrichtenöen Menschenherzen frei. Eva Schumann hat sie für die bekannte Kunstwart-Bücherei des Verlags G. D. W. Eallwed in München übersetzt. sition bestätigte Milton die verhängnisvolle Wirkung starren Kirchendogmas aufs neue. Ein wildes Ehaos herrschte in dem England, in das Milton im Jahre 1640 zurückkehrte. Karl I„ wie alle Stuartkönige, vorn übergroßen Wahn seines Gottesgnadentum Z erfüllt, suchte, da das Parlament seinen zahlreichen Wünschen nachzukommen nicht willens war, auf eigene Faust das Szepter zu schwingen. Offene Fehde zwischen König und Parlament war die Folge. Rach anfänglichen Siegen der besser geschulten „Kavaliere" wandte sich das Parlamentsheer um Hilfe nach Schottlands die gewährt wurde unter der Bedingung der Annahme der presbyterianischen Kirche. Die Rot zwang darauf einzugehen, führte aber gleichzeitig zu neuer Spaltung. Es bildeten sich die „Independenten", deren Führer Oliver Cromwell wurde. Dieser Partei schloß sich der Puritaner Milton im Jahre 1644 an. Fast alles, was aus Miltons Feder in den Jahren nach seiner Reise kam, behandelte kirchliche, soziale, politische Fragen. Zuerst wandte er sich gegen Kirche und Bischöfe in der Schrift „Reformation in England", deren reinigender, läuternder Geist ihm in keiner Weise erfüllt schien. Zu den folgenden Schriften über Ehe und Erziehung gaben persönliche Erfahrungen — man kann bei Milton eine ungewöhnlich starke Wechselwirkung zwischen Erlebnis und 'Werk feststellen ■— den Anlaß. Kurz nach seiner Rückkehr hatte der Dichter sich, verheiratet. Seine junge Frau, Mary Po- well, war die Tochter eines verarmten Landedelmannes, von der Partei der Royalisten. Ohne das geringste Verständnis, von lächerlichen Standesvorurteilen beherrscht und maßlos in ihren Lebensansprüchen, verließ sie schon nach wenigen Monaten bas Haus ihres puritanischen Gatten. — In vier Abhandlungen setzt sich Milton mit dem Problem der Ehe auseinander und verteidigte leidenschaftlich — entgegen den Anschauungen seiner Zeit — die Trennung unharmonischer Ehen. Rach alttestamentarischer Sitte will er jedoch die Entscheidung darüber allein dem Gatten zugestehen. Anschließend' daran schrieb er über Erziehungsfragen, die ihn schon in seinen Universitätsjahren beschäftigt hatten. Die Erziehung von Knaben befreundeter Familien hatten seine Erfahrungen auf diesent Gebiete bereichert. Die ungeheueren Schwierigkeiten, die seitens Kirche und Staat Milton bei Herausgabe seiner Schriften gemacht wurden, zeitigten sein vielleicht bedeutendstes und bestes Profawerk „Areopagitica" oder „Ueber die Freiheit der Presse". Zum ersten Male erhob sich hier eine Stimme für das Recht der freien Meinungsäußerung in Wort und Schrift, die sich schon allein deswegen als notwendig ergeben mußte, weil es ja gar keine allgemein gültige Wahrheit gab. Inzwischen hatte sich die politische Umwälzung vollzogen; dis Stuarts waren gestürzt. Die neue Regierung, der er schon ein eifriger Vorkämpfer gewesen war, bot Milton Jen Posten eines Sekretärs der fremden Sprachen an. Richt allein durch Ausübung dieses wichtigen Amtes leistete Milton der jungen Republik wertvolle Dienste — seine Schriften, die er zup Verteidigung der Hinrichtung Karl I. verfaßte, trugen unendlich viel dazu bei, das Vorgehen Cromwells zu rechtfertigen und' feine Stellung zu stärken. „Eikon basilike", „bas Bild seiner geheiligten Majestät in seiner Einsamkeit und Qual", hatte sich elfte anonym erschienene Sammlung von frommen Betrachtungen, Gebeten, Gelübden genannt, die den König als verklärten Märtyrer erscheinen ließ. Milton verfaßte in wenigen Monaten eine Entgegnung darauf unter dem kühnen Titel „Eikonoklastes" (der Bilderzertrümmerer), und fchlug mit meisterhafter Wucht das falsche Bild des Königs in Stücke. Genau so erging es allen weiteren Versuchen der Royalisten, dem Hanse Stuart Sympathien zu erwecken. Die in ihrem Auftrags von dem Leydener Professor Claudio Salmasins herausgegebenS Schrift „Defenslo Caroli I." fand eine leidenschaftliche Erwiderung in Miltons „Defenslo pvpuli angllcani" in der er auf die Geschichte der englischen Verfassung bis zu den Sachsen zurückgeht. Diese Schrift, in -der Milton die Grundsätze aufstellt, daß Gesetze und Einrichtungen das allgemeine Wohl zum Ziele haben und aus dem allgemeinen Willen hervvrgehen müssen, erregte in ganz Europa ungeheueres Aufsehen. Aus seiner ruhmreichen politischen Laufbahn riß Milton ein schwerer Schicksalsschlag: seine Erblindung. Doppelt schwer mußte er seine Hilflosigkeit durch den Tod seiner Frau empfinden. Martz Powell, nach dem Sturz der Royalisten in fein Haus zurückgekehrt, war ihm zwar nie Gefährtin geworden, hatte aber schließlich füü ihn gesorgt. Um nicht auf die Gnade oder Ungnade seiner drei Töchter angewiesen zu sein, schloß er eine neue Ehe, derem glück» — 198 — mit einem Fehltritt zusammen, den er ]td> kurz nach Sem Lode seiner ersten Frau (1796) hatte zu schulden kommen lassen; er hatte sich nämlich in ein Verhältnis mit seiner Magd» eingelassen, das nicht ohne Folgen blieb, und dessen Konsequenzen er dadurch zog, daß er (im April 1797) das Mädchen, namens Ane Lund, heiratete. Dieser Ehe ist als letzter Sproß am 5. Mai 1813 Sören QI a b g e Kierkegaard entsprungen. Etwas schwächlich von Körper, aber mit glänzenden Geistesgaben ausgestattet, wuchs der Junge unter der fast ausschließlichen Leitung des Vaters zu einem gar eigentümlichen Menschenkind heran. Die Mutter, die übrigens eine gute und brave Frau war, scheint ihm wenig bedeutet zu haben, und auch von der Schule hat er nur vereinzelte bleibende Eindrücke mitgenommen. Im Mittelpunkt seiner Kinderwelt stand hingegen der bald schweigsame, bald lebhaft erregte Vater, dessen Dlia oft einen schwermütigen, wenn nicht gar still verzweifelten Ausdruck haben konnte. Der alte Kierkegaard war es, der die Erziehung des begabten Sohnes leitete, der frühzeitig seine Phantasie entwickelte, seinen Willen stählte und die Schärfe seines Denkens übte Zu alledem gab der Vater ihm einen unauslöschlichen Eindruck von dem Christentum, von dem er selbst in seiner pietistischen, streng orthodoxen Form ergriffen war, und in dem er allem eine Zuflucht gegen die Aengste des Lebens und die Anklagen des eigenen Herzens gefunden hatte. Vor allem wurde dadurch in dem jungen Kierkegaard» tiefes Sündenbewußtsein und strenges Pflichtgefühl wachgerufen; in Jesus sah er weit mehr den heibgen Eott und den strengen Aichter als den Verkünder der göttlichen Liebe und» den Erlöser dec Menschheit. Doch nicht nur solche schwere Luft hat das Kind und der Jüngling geatmet; er hat auch in der Matur und unter Kameraden heitere und fröhliche Stunden verlebt. Dies mag besonders m den ersten Studentenjahren, da er als theologischer Student die Universität seiner Vaterstadt bezogen halte, der Fall gewesen fern. Aber selbst dann hat er sich doch nie gänzlich vom den ernsten, fast düsteren Eindrücken des väterlichen Hauses und von der, teils geerbten, teils anerzogenen Schwermut seiner Matur loszunngen vermocht Mur hatte er die Gabe, die letztere unter einem Schleier von Humor und Ironie vor den Menschen verbergen zu können. So lebte er denn daheim, wie die meisten jungen Studenten, teils das Dasein genießend, teils mit den Studien besckmfirgt, acs plötzlich jenes „große Erdbeben" eintrat, welches das .Funi-ament seines Lebens erschütterte und ihm eine ganz neue Deutung von der Vergangenheit und dem Wesen seines Vaters aufnotlgte. Da ahnte ich," sagt er in einer Tagebuchnotiz, „daß das hohe Alter meines Vaters nicht ein göttlicher Segen, sondern vielmehr ein Fluch war ... Da fühlte ich des Todes Stille um mich wachsen, wenn ich in meinem Vater einen Unglücklichen erblickte, der uns alle überleben würde." Sören Kierkegaard mag 23 Jahre alt gewesen fein, als er diesen erschütternden Einblick in das Lebensgeheimnis seines Vaters — wir wissen nicht auf welche Weise — bekam. Der Eindruck auf ihn war fürchterlich. Es schien ihm, als stürze die Welt ein, wenn selbst der Vkater, zu dem er sein Leben lang m Ehrfurcht und Bewunderung aufgeschaut hatte, so hatte straucheln können. In diesem Erlebnis und seiner Einwirkung auf den jungen Kierkegaard ist nun wahrscheinlich auch der Grund zu suchen zu dem etwas leichten Leben, das er von jetzt ab als einer von der jeunesse doree Kopenhagens eine Zeit lang führte, und wahrend dessen er offenbar einmal, von den Kameraden verleitet, einen sexuellen Fehltritt beging, den er seither nie vergessen konnte. Schwere Zeiten folgten nun, und starke innere Kampfe muhten durchgefochten werden, bis er endlich nach langen Monaten wieder bas rechte Verhältnis zum Vater gewann und sich selbst und den fast verlorenen Gottesglauben gleichsam zurückeroberte. Denn bald wäre auch sein Christentum von jener Sturmflut hinweggespült worden. „ „ . _ ,, , Im Sommer 1840 bestand Sören Kierkegaard das theologische Staatsexamen und» im Herbst desselben Jahres verlobte er sich mit einem 17jährigen Mädchen namens Aegine Olsen. Indessen, in etwas mehr als Jahresfrist, hob er die Verlobung wieder auf und reiste nach Berlin, teils um Kopenhagen einstweilen den Mücken zu kehren, teils um in d»er preußischen Hauptstadt feine Studien fortzusehen. Der Grund» dieses Bruches ist wohl nicht in Mangel an Liebe zu suchen — im Gegenteil, er liebte sein Leben.lang „seine Aegine" und hat nur sie geliebt — sondern lag in schwer zu enträtselnden Verhältnissen, die wir nur zum Teil zu überschauen vermögen. Unter ihnen spielten jedenfalls eine entscheidende Volle einerseits seine Schwermut, andererseits alles, was mit dem erwähnten Fehltritt zusammenhing. Wie tief diese Verlobungsgeschichte auf das fernere Leben Kierkegaards gewirkt hat, davon legen die Schriften sowie auch die hinterlassenen Papiere genugsam Zeugnis ab. Hier soll bloß daraus hingewiesen werden, dah sie sein schon vorher stark entwickeltes Schuldgefühl w-eiter nährte — so daß er sein zukünftiges Leb-en nur noch unter dem Gesichtspunkt eines Dühenden oder (wie er sagt) eines „Pönilierenden" betrachtete — und daß von da ah die reiche literarische Tätigkeit begann, die nur ein gutes Jahrzehnt anhalten, aber in dieser kurzen Zeitspanne der Welt eine Aeihe unschätzbarer Werke schenken sollte. lichem Anfang durch den Tod der rangen Frau lm Kindbett ein Olhufi-ühes Ende bereitet wurde. Aührend ist ein Sonett, das ihre Güte preist und» den Beweis erbringt, daß Milton würdige Frauen wohl zu schätzen verstand. Trotzdem durch sein Gebrechen seine Tätigkeit eine nur eingeschränkte sein konnte, tönte Miltons Stimme immer weiter für feine alten Ideale. Sie tönte fort nach Cromwells Tode und nach der Abdankung seines Sohnes, und sie schwieg auch noch nicht, <Üs der Sieg der Stuarts schon gewiß war und» Karl II. als König etnzog Wie durch ein Wunder ist Milton der Strafe entgangen, die ihm als Verteidiger der Hinrichtung Karls I. und wegen seiner Schmähungen auf Karl II. zu erwarten stand. Aus zweierlei Gründen: seiner Erblindung und» der Wiedereinsetzung der Herrschaft der Starts war Milton in politischer Beziehung zur Untätigteit verurteilt. Jetzt aber, wo er nach den Stürmen der letzten Jahrzehnte wieder zu Frieden nab Auhe gelangt war — feine häuslichen Verhältnisse wurden recht erträglich durch seine dritte Frau — steigen vor seinem Geiste die Gestalten seiner dichterischen Welt auf. Während nach dem Beispiel des Herrschers und seines Hofes das vom Puritanertum Befreite englische Volk sich wüstem Taumel hingibt, während Dichtung und Dichter sich bemühen, diese Stimmung widerzuspiegeln, entsteht der tief innerliche, heilige Gesang des blinden Dichters vom „Ver- lorenen Paradiese". „Dieser Mann sticht uns alle aus und die Alten noch dazu," urteilte Dryden nach der Lektüre des _ Gedichtes. Diesem Urteil können wir uns heute nicht mehr anschließen. Ist auch die Gestaltungskraft des Dichters von fast antiker Großartigkeit verrät die Schilderung seiner Geisterwelt und des Weltalls sein tiefes Eindringen in Matur und Kunst, so fällt doch die Übermäßige Schwulst »der Dichtung störend» auf. Moch mehr treten diese Schwächen, vielleicht infolge seines hohen Alters, im „Wiedergewonnenen Paradiese" zutage, während der „Samson Agonistes" ums deswegen fesselt, weil er im Aufbäumen Samsons gegen feine Unterdrücker, sein eigenes Ain-gen um Freiheit und Wahrheit schildert. Die letzten Jahre des Dichters blieben jedenfalls frei von häuslichen Konflikten. Seine Töchter hatten das Haus verlassen. Sein Leben floß in ruhigen Bahnen, und seine außerordentliche Bedürfnislosigkeit lieh» ihm das Fehlen materieller Genüsse nicht entbehren. Die Mufik, ihm schon aus dem Elternhause vertraut, spendete ihm immer Trost und» Hilfe. Freunde versammelten sich sehr zahlreich um ihn. Zeitgenossen schildern ihn anregend im Gespräch. Kejn Fünkchen Humor aber vermochte die bitteren Anschauungen, zu denen ihn das Leben geführt hatte, zu mildern. Es war ein schmerzloses Hinüberdämmern, kein Todeskampf, das das schwere Erdenwallen eines der größten englischen Dichter am 8. Mo- pember 1674 beschloß. Aus dem Leben Sören Kierkegaards. Von Anders Gemmer. Der dänische Dichterphilosoph, dessen Mame über diesen Zeilen steht, gehörte zweifelsohne zu der Klasse der Denker, welche man — um einen Ausdruck von ihm selbst zu gebrauchen — die „existentiellen" nennen könnte. Oder wie es sich auch ausdrücken ließe: er war einer von denen, die „mit dem Herzen" gedacht und „mit dem Herzblut" geschrieben haben, d. h. was ihn anzog und innerlich bewegte, waren vor allem die Fragen der gewöhnlichen Lebensführung, die ethisch-religiösen Probleme des Daseins. Er setzte seine ganze reiche Begabung und» all seine Kraft ein, um seine Mitmenschen zu bewegen, aus innerster Ueberzeugung heraus zu denselben selbständig Stellung zu nehmen. Einem solchen Denker gegenüber ist es nun von besonderem Interesse, seine Lebens- Mtwicklung kennenzulernen. Das Geschlecht Kierkegaards — der Marne bedeutet eigentlich „ Fried-Hos" — stammt aus dem westlichen Teile Jütlands, wo die Heide sich breit macht und ihren Bewohnern ein dürftiges und hartes Leben Bereitete. Kierkegaards Vater, Michael Kierkegaard»,, mußte denn auch als Junge auf der Heide Schafe hüten und» zwar bei jedem Wetter, im Winter wie im Sommer. Eines Tages nun, da er unter völliger Einsamkeit und her harten Kälte zu leiden hatte, erwachte eine solche Empörung in des Knaben Seele, daß er einen Hügel bestieg und,von seinem Gipfel aus den Gott verwünschte, der ein Keines elfjähriges Menschenkind so Entsetzliches durchmachen ließ. Diese Tat konnte Michael Kierkegaard» nie vergessen. Mit unaustilgbarer Schrift stand» sie sein ganzes Leben in seiner Seele eingeschrieben, und selbst der 80jährige Greis zitterte noch bei dem Gedanken, daß er als Junge den lebendigen Gott verflucht hatte. Welche tief eingreifende Bedeutung diese Begebenheit auch für das Leben des Sohnes bekommen sollte, werden wir später sehen. Bald» danach wurde Michael Kierkegaard zu seinem Oheim nach Kopenhagen geschickt, um bei ihm in die Lehre zu gehen, und von da ab fing fein Leben an, sich in äußerer Hinsicht immer erfolgreicher zu gestalten, so daß er sich schon als 40jähriger Kaufmann Pom G^Häft zurückziehen und von feinem Gelbe leben konnte. Der Grund» zu diesem, für einen sonst rührigen Mann immerhin etwas auffallenden Schritt dürfte nicht so sehr darin zu suchen fein, daß M schon in diesem Alter die Lust zum Ausruhen von des Lebens Mühseligkeiten verspürte, sondern hing aller Wahrscheinlichkeit nach 199 Bärengeschichten. Unter dem Titel „Tiere im Zoo" erscheint soeben bei Dr. Werner Kltnkhardt, Verlag, Leipzig — Halbleinen Mk.12.—) ein interessantes Buch, das den Begründer und Direktor des Zoologischen Gartens in Rom Dr. Th. Knvttnerus-Meher, einen Deutschen, zum Ver- sasser hat. Die Erinnerungen dieses fast einzigartigen Tierfreundes und Zoologen bergen einen Schatz lesenswerter und vielfach von schönstem Humor erfüllter Einzelheiten und Studien aus den Tiergärten halb Europas. Wir entnehmen dem Werk des Erfassers, der sich zu Hage-nbecks Schülern zählen darf, folgenden netten Abschnitt: Zu den beliebtesten Tieren unserer Gärten gehören nach den Affen die Bären. Ihre Zwinger sind stets von vielen Schaulustigen umlagert. Als früherer Bewohner unseres Heben deutschen Vaterlandes, als Meister Braun in der Tierfabel, im „Reineke Fuchs", steht besonders der Braunbär unserem Volke nahe. Ihn bekam einst ja auch der Bewohner des entlegensten Dorfes zusammen mit Kamel und Affe wohl einmal zu sehen, wenn er sich mit Grazie als Tänzer vor dem erstaunten Volke produziert. Komisch-scherzhaft erscheinen Bären auch den Besuchern der Tiergärten. Schon die uns allen innewohnende Vorstellung des Mit dem Maulkorbe versehenen, und am Rasenring vom rohen Bosniaken herumgezerrten unglücklichen Tanzbären erhöht ihr Ansehen in den Augen der großen Menge nicht gerade. Löwe oder Tiger in solcher Rolle! das könnte man sich, ganz abgesehen vom dazu ungeeigneten Körperbau, nicht vorstellen. Erfreulicherweise ist diesen Vagabunden jetzt das Handwerk gelegt. Das Herumziehen mit Bären ist verboten worden. Das pt im Interesse der öffentlichen Sicherheit, wie des Tierschutzes nur zu begrüßen. Denn das Leben dieser Bären war ein Hunger- und Märtyrerleben. In ihrer Sagend sind die Bären allerliebste, drollige und täppische kleine Burschen und in der Regel zahm wie Hunde. Auch erlernen sie leicht kleine Kunststückchen. Sv lernen die kleinen braunen Petze mühelos mit den Vorderpfoten selbst die milch- spsndende Flasche zu halten. Doch zeigt sich schon bei solch kleinem Kerl oft der Trotzkopf des alten Düren, der Ehvleriker in seinen Anfängen. Solch eine kleine Kröte befand sich 1910 in Hagenbecks Tierpark. Das Kerlchen war ein richtiger Dreikäsehoch im wahren Sinne des Wortes, dabei ein echter Choleriker. Wenn man ihn gn der Kette führte und er über den einzuschlagenden Weg anderer Ansicht war, als der ihn führte, so fuhr er diesem ohne weiteres in die Beine, oft unter wütendem Geheul. Dann half nichts weiter als ihn an der Kette auf die Hinterfüße hochzuziehen, um ihn sich vom Leibe zu halten. Besonders gern ging er auf den Restaurationsplatz. Er schien die Musik zu lieben. Dann aber gab es hier oft ein Stück Zucker oder Kuchen. Der kleine Kerl, der höchstens fünf Monate alt sein konnte, Bären wachsen bekanntlich sehr langsam un& werden im Winter geboren, wanderte dann nach Buenos Aires aus in die dortige Hagen- becksche Tierausstellung. Die Wutairfälle wirkten immer unglaublich komisch, da es sich um ein so Heines Tier handelte, «waren aber keineswegs so ungefährlich, denn sie kamen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, oft ohne jeglichen sichtbaren Anlaß, und wenn er zufaßte, biß er sich, nach Bärenart hin- und herreißend, fest. Eine reizende Gruppe war im Kopenhagener Zoologischen Garten im Abe vg Bsoerne-Bur (Affen und Därenkäfig) vereinigt. Eine ganze Anzahl kleiner Braunbären mit Javrnerafsen, Rh^us, Rasenbären u. a. Einer der kleinen Petze schien tiefes Herzeleid zu haben: klagend streckte er die Vorderpranken aus dem Gitter. Ich streichelte ihm, um ihn zu trösten, seine Pfoten, erhielt aber dafür einen festen Klaps auf die Finger. Der kleine Querkopf wollte scheinbar seinen gesunden Aerger mit sich selbst ausmachen. Sn Hannover hielt man einen jungen Braunbären lange Zeit K" mmen mit einer jungen Löwin. Beide schlossen enge Freund- t, und der Löwin war das Zusammenleben mit dem tollen und immer spiellustigen kleinen Bären in gesundheitlichem Sntereffe nur vorteilhaft. Da Petzchen aber schließlich die kleine Löwin etwas zu derb anzufasien schien, trennte man beide. Doch das nun beginnende Wehegeheul beider Beteiligten veranlaßte, daß man die kleinen Kerle wieder zusammenbrachte. Sungen Tieren geht es eben wie Kindern! Trennt man sie wegen fortdauernder Unverträglichkeit, dann ist der Schmerz plötzlich groß. Was sich liebt, das neckt sich. Ein anderer kleiner Typus dieser Art war Martino im römischen Zoologischen Garten. Ihn hatten die ersten Lebensschicksale, die ersten Eindrücke, die er vom Menschen erhielt, scheu und zum Menschenhasser, überhaupt bösartig gemacht. Martino kam im Alter von wenigen Monaten in den Garten. Ein Abruzzen- bauer hatte ihn im Walde gefunden und aufgezogen un& brachte ihn dann dem Zoologischen Garten. An einer langen, überschweren Kette, die für einen Elefanten gut war, führte »der vielmehr zog er das kleine Vieh hinter sich her. Wollte es nicht, wie feini Herr, so bekam es Faustschläge an den Kopf oder Fußtritte! Daß eine derartige Behandlung ein Tier mcyl bester macht, ist klar. Sm Garten wurde Martino dem bewährten und sehr tierliebenden Affenwärter Tomassino übergeben, einem Manne, der, wie so viele Staliener, unter rechter Anleitung ein warmes Herz und Verständnis für seine Tiere hat. Die Methode wurde nun natürlich eine andere. Martino wurde in einen Käfig voll Meerkatzen, Savaneraffen, Rasenbären und Dachsen gesetzt und lebte sich hier auch mit der Zeit ganz gut ein. Anfangs zog er sich vor allen unter den eigentümlich schmückenden Tönen, wie sie die Daren in Wut gemischt mit Angst von sich geben, zurück, und zwar immer auf den Baurn. Rachher befreundete er sich besonders mit den Dachsen, mit denen er häufig zusammen schlief. Auf besondere Anweisung führte ihn der Wärter auch oft an einer leichten Kette spazieren. Dann hielt er in der Rechten einen Dambusstvck, den Martino in der Wut zerbiß. So fuhr er wenigstens dem Wärter nicht in die Beine. Allmählich nahm er auch dem Wärter, aber nur diesem, im Käfig Dissen aus der Hand. Mit anderen Personen befreundete er sich nicht. Streicheln ließ er sich allerdings auch nicht von seinem Wärter. Rahe ans Gitter kam er nie, und da das Badebecken nahe an diesem war, badete er nur, wenn keine Menschen in der Rähe waren. ilnfere Hoffnungen, daß Martino mit -der Zeit zahm werden würde, erfüllten sich nicht. Die Erinnerung an die in früher Sagend erlittenen Mißhandlungen saßen zu fest. Mchrtino blieb ein Menschenhasser. Das wehrhafte Fräulein. Don Friedrich Freksa. (Fortsetzung.) An der Türe zu ihrer Mutter Gemach habe sie angepocht, aber kein Herein sei erklungen, obwohl sie Schritte und Geräusche gehört. Habe sie sich verwundert und die Türe aufgestoßen. Da nun habe sie die Mutter mit heißem, rotem Gesicht, von Tränen überströmt, in den Armen des Sir Stuart Hamilton gesehen. Herr Stuart habe verzweifelt un& finster aufgeschmut als einer, der einen mörderischen Vorsatz faßt. Die Mutter fjabe ihn umschlungen und das Gesicht an seiner breiten Brust geborgen. Sie aber sei, unmächtig ein Wort zu sagen, hinausgegangen, um ihren Bruder aufzusuchen. Shn habe sie aufgefvrdert, Sir Stuart ob so ungeheuerlichen Schimpfes ritterlich zu fordern. Der Bruder aber habe sie abgewiesen mit den Worten, sie sei ein törichtes Kind, wisse auch nichts vom Wesen der großen Welt. Sei die Mutter Herrn Stuart zugetan, so habe die Tochter sich nicht darum zu kümmern. Wenn die Mutter es zugestehe, daß die Tochier Herrn Stuart heirate, so möge die Tochter dadurch ermeßen, wie groß die Liebe der Mutter zu ihr sei. Zum Beschluß habe der Bruder alle Tugenden des Sir Swart laut gepriesen. Da sei sie fortgegangen, habe zusammengerafft, was ihr eigen sei an Schmuck und habe in den Mantelsack gerollt, was ihr zur Deckung von des Leibes Blöße von nöten sei. Dann habe sie sich ihres Baiers Degen und Pistolen genommen. Mer als sie sich aufs Roß schwingen wollte, sei Herr Stuart dazugekommen und dem Pferde in die Zügel gefallen. Da habe sie blind eine Pistole beim Lauf gepackt und dem Engelschmann den Knauf zweimal ins Gesicht gehämmert, daß er hätte loslassen müssen und sich den Kopf halten vor Schmerz. So sei sie frei gekommen und durch das Tor hinausgeprescht in den aufbrausenden Sturm. . . Herr Sosias ergriff die kleine mutige Hand, die solches vvll- sührt hatte, und druckte sie fest. Es war ihm warm geworden ums Herz, dieweil nach dreißig Kriegsjahren sich noch solche Mädchen- zucht in deutschen Landen fände, trotz fremder Verderbnis. Die Kussin ftanb am Fußende des Bettes. Die knorrigen, braunen Arme hatte sie unter der Brust gekreuzt und und sagte, während sie den Kops schüttelte, als das Fräulein seine Erzählung beendet hatte: „Arm Kind, Arm Kind!" Gottliebe von Herrenbruch aber war es leichter ums Herz ge- wvrden, da die Trauben ihres Schmerzes ausgepreßt waren. Wohl und heimlich war ihr zumute, trotz des Sturmes, der an das Haus rüttelte, trotz des kahlen Gemaches. Dankbar hielt sie die alten Hände des Herrn Sofias fest, während sich ihre Augen fchvn schlossen und sie nach den Leiden des Tages in den traumlosen Schlaf sank, den Gott so gern frischer und starker Sagend schenkt. * / Ein neuer Mensch bringt neues Geben mit sich. Diese alte Wahrheit erfuhr das Pfarrhaus in Emmspringe nach der Ankunft des Fräuleins Gottliebe von Herrenbruch. Wenn der Herr Sosias in seinem Studierzimmer saß, über die Predigt meditierte oder in alten Papieren Abrechnungen mit zitternden Händen nachjagte, so ertappte er sich allzuoft bei dem Gedanken: Sieh einmal nach, tote es dem Fräulein ergeht. Zumeist fand er sie dann in einer Ecke im Dunkel sitzen, gegen das Licht des Fensters starrend wie ein gefangener Sperber. Ward sie ihres Wirtes gewahr, so zwang sie sich zu einem dankbaren Lächeln, das dem Herrn Sofias nicht allzusehr gefiel. Heiter ward sie nur, wenn die Kussin kam, die mit wenigen derben Worten auf sie einsprach. Sie sah das Fräulein an mit den Blicken der alten erfahrenen Frau die Sugendkraft und Schönheit bei einem Mädchen neidlos zu schätzen Weitz, weil sie beides selbst einmal besessen hat, aber auch die schlimmen Gesche nie kennt, die die bösen Feen solchen begnadeten Kindern in die Wiege legen. Fräulein Gvttliebe sprach wenig. Im Ankunftsfieber hatte sie alles gesagt, was ihr das Herz bedrückte. Run schwieg sie und sann über sich und ihr Geschick »rach. Am dritten Abend ward sie von der Kuffin im Stall gefunden. Sie hatte die Arme um den Hals ihres Pferdes gelegt, weinte und seufzte. Doch raffte sie sich schnell zusammen, als sie die Kuffin bemerkte und sagte: „Ich bin ein närrisch Ding, das sich noch nicht in das fügen kann, was ihm verhängt ist." Die Kuffin antwortete: „Arm Käuzlein, willst wohl fliegen? Wollen einmal sehen, ob es gelingt." Am andern Tage brachte sie dem Fräulein lederne Reithosen, Wams und- grauen Ftlzhut und sagte: „Zieh es des Abends an und rÄt hinaus, arm Käuzlein. Der Torwart vom Lipper Lor läßt dich passieren, wenn du ihm als Losung zurufst: Kauz!" Als der Herr Josias dem Fräulein eine Gutenacht bieten wollte, fand- er sie nicht im Hause, und die Kuffin sagte ihm' „Es tut nicht gut, daß so jung, hitzig Mut in der Kammer verdampft. In die Stadt kann das Fräulein nicht gehen, da sie ihr aus allen Fenstern nachzüngeln würden. Habe dem Kinde darum Männergewand gegeb-en, daß- es herumstreifen mag, so lange es ihm behagt." „Wenn sie nun aber in das Land hinausreitet und nicht wiederkommt?" fragte Herr Josias, und seine Miene war des Jammers voll. — „Wen es hinaustreibt, den vermag niemand zu halten," sagte die Kuffin, „aber mich dünkt, daß daS Fräulein hier noch etwas zu tun hat. Ein so wehrhaft Kind läßt sich /nicht leichthin von der Scholle seiner Voreltern treiben, und ich meine, das arme Käuzlein wird zurückkommen in das Restlein, das ihm hier bereitsteht. „Oh, Kuffin!" seufzte Herr Josias. „Ich finde nicht viel Christentum in Euch lebendig." „Hab es auf meinen langen Wanderwegen nicht eher gefunden, als bis ich zu Euch gekommen bin. Da ist es mir eingegangen wie ein kühler Trunk in eine heiße, vertrocknete Kehle. Aber sprecht dem Jüngferlein jetzt nicht davon, sofern Ihr nicht wollt, daß sie uns gänzlich verlasie; denn Ihr wecket sonst Scham und Trotz, und beides sind schlimmere Feinde für ein junges Menschenkind, als eine schnelle, böse Tat." „Kuffin! Kuffin!" sagte Herr Josias und schüttelte den Kopf. „Woher kommt Euch solche Kenntnis des menschlichen Herzens? Habe sie bisher an Euch noch nicht verspürt." „Habt mich auch nicht gekannt, Herr Josias Rottner, da ich als zwanzigjährig Kind die silbernen Lössel und Taufbecher der Mutter nahm und mich des Morgens in der Früh hinten mit aufs Pferd des Kürassiersähnrichs setzte, der bei uns im Quartier lag. War ein silberblauer Morgen damals. Lag noch in Streifen der Märzschnee zwischen den gefrorenen, braunen Ackerschollen, und Trompeten riefen auf den Landstraßen. Wie ich mich schämte, als wir des Abends über der Trommel zusammengegeben wurden und die knebelbärtigen Herren bei meinem Anblick mit den Zungen schnalzten! War aber nur ein kurz Glück, denn mein blutjunges Ehegespons ward vier Wochen später eingeschaufelt nach einem Scharmützel. Hält' nach Hause gehen können zur Mutter! Aber die beiden bösen Feinde in mir, Scham und Trotz, jagten mich zwanzig Jahre über die Landstraßen. Wär' ich nicht ein Benuskind gewesen, geschützt durch den mächtigen Planeten, ich stünde heute nicht vor Euch, Herr Josias." „Habt mir in Jahren nicht erzählt, Kuffin, wie es um Euer Leben bestellt war!" „War auch nit Rot! Hat Jammer, der Hund, erzählt, und Leide, die Katz, wie es um sie stand, bevor sie zu Euch kamen? Wollte Euch zu Dank sein und in Treue dienen, Herr Josias, und nicht noch die Bürde Eures Mitleids tragen. Sprach Euch nur von meinem Lebensweg, weil's dem armen Käuzlein frommen | mag." Herr Josias schüttelte den Weißen Kopf, als er mit dem Lichte in der Hand die Treppe hinaufstieg. Vor ihm ging langsam und bedächtig Leide, die Katze, aber sie schritt trotzdem schneller als der Pfarrherr und schaute sich auf jeder fünften Stufe vorwurfsvoll um, warum er verzöge. Jammer, der Hund, machte gähnend den Beschluß, Beide Tiere gingen in die Kanimer, in der das Fräulein zu I schlafen pflegte. Jammer winselte leise, die Katze setzte sich auf f das Fußende des Detkes und schaute nachdenklich aus das leere * Lager. Herrn Josias war es zumute, als hätte er etwas von seinem Leben verloren, da er sich zur Ruhe niederlegte. Allein am nächsten Morgen fand er das Fräulein in seinem Studierzimmer. Sie hatte frische, leuchtende Wangen, aber dunkel- umränderte, übermüde Augen und sagte: „Der Ritt hat mir gut getan, Herr Josias. Run will ich versuchen, ein nützliches Glied im Hause zu sein, und heute will ich den Anfang machen mit den Büchern, die in den Fächern und auf dem Speicher durcheinander liegen in Staub und LNäusedreck!" Seit so langer Zeit hatte sich Herr Josias gescheut, an die Arbeit der Bücherordnung heranzugehen, bis das Unterfangen seine Kräfte überstieg. Er hätte es nicht mehr vermocht, die zwei- tausend Quartanten hin und her zu tragen. Auch hatte er den äleberblick darüber verloren, wo die einzelnen Bücher lagen und standen. Sv nahm er diesen Dienst des Fräuleins dankbar an. Allein damit ließ es sich Fräulein Gvttliebe nicht genügen. Sie begann mit Hilfe der Kuffin in den Truhen und Kisten zu kramen und- brachte Tücher, Decken und Geräte zum Vorschein. Sie waren vvrd-em von der jungen Frau des Herrn Josias benützt, die nach halbjähriger Ehe gestorben war. So gewann das Haus ein heimliches, wohnendes Aussehen, und selbst Leide, die Katze, und Jammer, der Hund, zeugten davon, daß eine getreue Hand für sie sorge. Der Hund ward von dem Fräulein mit einer selbstverfertigten Kräutersalbe behandelt und gewann alsbald ein glänzendes Fell. Die Katze aber erhielt zum Lager ein Körbchen mit Kissen, in das sie sich, wann es ihr behagte, voller Stolz und Befriedigung zurückzog. Selbst die Kuffin begann sich besser zu kleiden, so daß- sie nicht mehr wie ein Landstraßenbettelweib im Hause umherstrich, sondern eher im Aussehen einer wackeren Dürgerfrau glich Jede dritte Rächt aber legte das Fräulein Männerkleidung an und ritt auf dem Hengste Roland in die Rächt. Wohin sie ritt, verriet sie selbst der Kuffin nicht, vor der sie sonst kein Geheimnis hegte. * Zu dieser Zeit begab es sich, daß in Emmspringe ein Fähnlein entlassener Dragoner einritt. Diese Männer trachteten, unter Führung eines Rittmeisters ihre Heimatländer zu erreichen, dre im Rorden Deutschlands gelegen waren. Die alten Krieger hielten gute. Ordnung. Der Rittmeister ging aufs Rathaus und bat den Bürgermeister um Erlaubnis, mit seinen Leuten sieben Tage in der Stadt zu rasten. Da er sein Wort verpfändet hatte, daß den Bürgern kein llrißiit geschehen solle, ward das Erbetene von Bürgermeister und Ratmannen zugestanden. Allein am zweiten Tage wurden von den Reitern einige krank, die bereits in der Rächt daraus verstarben. Da drangen die geängstigten Bürger darauf, daß das Fähnlein die Stadt alsbald wieder verlasse, um nicht ohne Rot Seuche und Gefahr herauf- zubeschwören. Der Rittmeister gestand Erfüllung der Forderung zu und bat nur darum, daß den dahinger-affien Reitern ein christlich Begräbnis zuteil werde. Erbot sich auch, den Armen der Stadt ein ansehnlich Geschenk zuzuwenöen. Da mußte Herr Josias Rottner, weil Eile nottat, noch zur Rachtzeit sich aufmachen und den Rittmeister Acha- tius in seinem Quartier aufsuchen. In der gebräunten Wirtsstube zur Goldenen Kanne trat der Reiterführer dem Pfarrherrn entgegen. Herr- Josias sah einen langen, hageren Mann von stolzer, schöner Haltung vor sich. Aus dem Gesicht schwang sich, eine große, seingeüogene Rase, wie sie dem niedersächsischen Stamme eigen ist. Scharfe, klare, graue Augen umfaßten die dürftige Gestalt des Geistlichen. Eine große, adelige Hand lud zum Sitzen ein. An dem Tische nahm neben dem Rittmeister und dem Pfarrherrn noch ein grauhaariger Krieger mit langem Barte Platz, den der Herr Achatius dem Pfarrherrn als seinen Wachtmeister auswies. Der Wirt trug eine Kanne heißen Würzweines und drei Zinnbecher herbei. Rach dem Begrüßungsschluck dankte der Rittmeister Herrn Josias, daß er seinem Rufe so schnell Folge geleistet habe, und erklärte, wie das Begräbnis statlfinden solle. Er sagte zum Schlüsse: „Die drei, deren Fleisch wir morgen der Erde geben müssen, waren wackere Burschen, keiner unter zehn Kriegsjahren. Vielleicht aber ist es so für sie besser, als daß sie später einmal auf Rad oder Galgen verrecken müssen." Herr Josias schaute erschrocken auf und fragte: „Sind wackere Burschen nicht vor Rad und Galgen bewahrt?" Der Rittmeister zuckte die Achseln. Er sagte: „Was denkt Ihr, Pfarrherr, was aus so altem Kriegsvolk werden soll? Auf. eigene Faust habe ich die Leute zusammengehalten, dieweil ich der Hoffnung bin, es müßten doch zwei Potentaten wieder Lust an kriegerischen Taten finden. Ein älterer Mann kann nicht aus seinen, Handwerk, und diese Männer wissen nur die Waffen zu führen. Wenn aber einer sein Handwerk nicht mehr üben darf, so bleibt ihm nur der eine üble Weg, der endlich zu Rad und Galgen führt. Ihr Bürger habt gut Beten zu Gott und ihm zu danken für den Fried-en. Aber an die ehrlichen Kerls, die durch den Krieg gelebt haben und ohne ihn umkvmmen, denkt ihr in eurem Eigennutz nicht." „Ersehet Ihr nicht daraus," fragte Herr Josias Rottner ernst, „ein wie teuflisch Handwerk der Krieg sein muh, daß ihm selbst hernach noch seine Kinder zum Opfer fallen?" (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilb. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'ichen Univ.-Buch- und Steinbruckeret. R. Lange. Gieben.