Gießener ZamilienbMer UnterhaltungsbeUage zum Eichener Anzeiger Jahrgang ^92^ Samstag, -en 4. Oktober Nummer Der Geliebten. Von Carl Ludwig Schleich. Ein Schattenspiel der Ewigkeit ist Leben, Wir sind Gestalten, die die Sterne träumen, Und unser Schicksal ist ein Perlenschweben Von Meerestropfen, die auf Wellen schäumen. Unö dieser Welle letzte reiche Quelle Ist Sonnenodem, der das All durchschüttert So innig, Latz im Tropfen scharf und Helle Des Ganzen Bild im kleinsten Spiegel zittert. Schau her! In deiner Träne strahlt mein Bild, Sie spiegelt den, der achtlos sie entzündet — So ist den Schattenwogen still und mild Geläutert Aufglühn gnadenreich verbündet. Das Geldfeuer. Eine Heimatsage. . Don W. Frischholz. Novemberstürrne brausten durch die Dorfgasfen, brachen sich an den Hausecken, fuhren um den Scheunengiebel und zum Eulen- lvch hinein, raschelten in den Erbsenschaben, die im Ratzenläufer des Dreschflegels warteten. Aus der Küche flutete durchdringend süß und würzig der Duft des brodelnden Obstsaftes durch Haus und Hof; um das Licht in der Mitte der großen Wohnstube schloß sich der Kreis der Mädchen, die eifrig saftige Dirne zum Honig schälten. Als sähe sie etwas Besonderes, streifte das noch immer so scharfe Auge der Großmütter das hintere Stubenfenster, durch dessen Scheiben die dunkle Herbstnacht hereinschaute. Als sähe sie es noch glimmen, erzählte sie dem jungen Volk die Geschichte von dem Geldfeuer..... Vor vielen Jahren, als der große Krieg war und die Russen Menschen und Vieh quälten, raubten und die Häuser ausplünderten, ..da wurden viele Leute in unserer Gegend für ihr Lebtag bettelarm, ja ganze Dörfer — wie Hochelheim und Dornholzhausen — traf dieses harte Schicksal. In dieser Zeit gehörte der große Garten dort drüben dem Prinze Hannwellem; der war der reichste Mann in unserer Gegend. Er hatte 2 Söhne, von denen der älteste unter den Nassauern mit Napoleon nach Rußland gezogen und nicht zurückgekommen war; der andere, ein guter Junge, ganz-' anders als der Vater, half in Haus und Hof und Feld, hatte aber ebensowenig wie die Mutter eine gute Stunde bei dem Alten. Der Hannwellem war ein Geizhals. Als die große Teuerung war, nahm er dem armen Schmiedhannes für 10 Laibe Brot den großen Acker oben vor dem Walde ab und schämte sich nicht einmal. Weder Knechte noch Mägde hielten es länger als ein Jahr bei ihm aus. Eines Morgens im Spätherbst hieß es: „Die Aussen ziehen in großen Schwärmen von Oberkleen her, und schon in wenigen Minuten werden sie im Dorfe sein." Da ging es ans Verstecken. Speckseiten vergrub man in Sandgruben, Ähren steckte man ins Aschenfaß, silberne Schuhschnallen unter die Dickwurzhaufen im Keller. Aber die Ankunft der Raubvölker verzögerte sich, und schon war.es düsperig geworden. Da brach ein Sturm los und im Regen und Schnee brach die Rächt plötzlich herein. Es war gerade wie heute abend-. In dieser Stunde trabten die ersten Reiter zum Dorfe herein und hinter ihnen die ganze Masse des Kriegsvolkes. Es schlug gegen die Fensterläden, stieß Tore und Türen auf, strömte in die Häuser, Scheunen und Ställe und füllte sie in wenigen Minuten bis auf das letzte Plätzchen unter dem Dache. Meine Mutter saß gerade mit dem Gesangbuche in der Aähe des Fensters, und ich — ich war noch ein Kind — dicht bei ihr. Mein Blick fiel durch die Scheiben und da sah ich den Rachbar in seinem Garten dicht an der Mauer hinschleichen mit einer Vorsicht und Gewandtheit, die man sonst an dem schweren Mann nicht gekannt hatte. Am Stamme des mächtigen Ruhbaumes, dessen Aeste bis über die Straße hingen, blieb er einen Augenblick wie ruhend stehen; dann nahm er die Hacke, zog mit wenigen Schlägen eine Grube aus, entahm der Rocktasche ein Päckchen, legte es hinein, sah sich scheu nach allen Seiten um, zog die Erde in die Grube, deckte sie mit einigen Händen voll dürrer Blätter zu und entfernte sich. Dasselbe war das Werk weniger Sekunden. Wir ahnten, daß- er dort sein Geld vergraben hatte, aber bald war der Vorgang vergessen, hatten es doch viele Leute so gemacht. Den ganzen Winter hindurch bis in den Februar'hinein hatten wir die Russen im Dorf. Wenn ein Schwarm äbzog, folgte ein anderer. Kein Mensch im Dorf kümmerte sich um den andern, jeder hatte mit feiner Rot zu tun, an seiner Armut zu tragen. Speicher und Keller waren leer und aus den Scheunen der letzte Halm verschwunden. Der Frühling meldete sich an. Der Spitzdiefchar pfiff Pom Baum und die Hoffnung zog wieder ins Dorf ein. Don Weilburg hatten wir Nachricht, daß die Russenplage endgiltig beseitigt sei. Es wurde geschrubbt, repariert und die Andenken an den dunklen Winter beseitigt. Rur der alte Hannwellem machte eine Ausnahme. Trüb und gebückt ging er einher, mürrischer als je behandelte er seine Hausgenossen. Dabei magerte er zusehens ab, sein Rücken wurde krumm. Was war ihm? Mit dem Abzug des Kriegsvolkes hatte er seir Geld heben wollen; er hatte gegraben und gegraben, aber nichts gefunden. Nacht für Nacht war er mit Hacke und Schaufel unter dem Nußbaum. Die lockere Erdkrume ließ er durch die Hand gleiten — er fand nicht, was er suchte. Er aß nur das Notwendigste, hastig, ruhelos; er schlief wenig und fuhr empor, wenn ihn die Traumgeister quälten. So ging es den ganzen Sommer und Herbst hindurch. Sines Tages im Spätherbst, an einem stürmischen Tage wie heute, nahm er Axt und Rodhacke. Der stolze Daum schlug krachend über die Straße und zerschmetterte den Zaun. — Als der Winter auf dem weißen Pferd ins Land ritt, trug man den Hannwellem hinaus, dahin, wo niemand mehr sucht. Seitdem der Hannwellem tot ist, brennt abends, besonders aber in stürmischen Nächten, an der Stelle, auf welcher der Nußbaum stand, ein kleines Feuerchen. Das wissen fast alle Leute im Dorf, nur erzählen sie nicht gern davon. Wer es weiß, wendet den Kopf nach der andern Seite, wenn er Vorbeigehen muß. Einige Leute sagten immer, es sei gar kein Feuerchen, sondern die glühenden Augen eines großen, zottigen Hundes, der das Geld- bewache. Das Geld sei nämlich gar nicht verschwunden; der Hannwellem habe es bloß nicht gesehen und es auch nicht sehen können, weil er seine ganze Seele so daran gehängt habe. Andere sagen, es fei der Hannwellem selber, der im Grab keine Ruhe gefunden habe und nun-nachts dort auf der Lauer liege. Einige beherzte Männer haben auch versucht, das Geld zu nehmen, aber sie sind mit ganz verstörten Augen zurückgekvm men und haben nichts mehr unternommen. Die alte Desenbindergritt erzählt jedem, der es hören will, wie es ihr einmal ergangen ist. Sie ging nachts vorbei, blickte zufällig hinüber und sah das Licht. Ohne sich lange zu besinnen, kroch sie durch eine Lücke in den Garten und raffte die Glut in ihrer Schürze. „Aich hunns," rief sie aus, als sie in ihre Stube trat. Aber sie mußte sehen, daß es lauter Scherben von glasierten Milchtöpsen waren, die sie aufgehoben hatte. Sie behauptete aber bis -zu ihrem Tode, es sei wirklich Geld gewesen und nur durch ihren erfreuten Ausruf habe sie sich ihr Glück verscherzt. Sie ist seitdem noch oft hingegangen, aber sie sah nichts mehr — kein Feuerchen und- kein Geld. Sie hatte alle Arsache, trotzdem zufrieden zu sein. Da war es dem Trompeter, der mit in Rußland war, schlimmer ergangen. Der hatte auf dem Russenfriedhof vor dem Dorfe auch Geldfeuer gesehen. Da lag ein russischer Wachtmeister begraben, der in den Dörfern umher im Rauben und- Plündern und Menschenschinden so gefürchtet war, wie kein anderer seiner Genossen und der dann an einer bösen Krankheit plötzlich gestorben war. Sein Grab liegt an der Hecke, wo von der Straße der Feldweg in die Kirschenstücke einbiegt. Auf dem Grabe sah der Trompeter, der auch den Teufel nicht fürchtete, um Mitternacht ein Geldfeuer. Mit einigen Sprüngen war er dabei, griff danach und raffte alles in seine Schürze. Da spürte er plötzlich einen furchtbaren Schmerz im linken Dein, daß er laut aufsch-rie, alles fallen lieh und fortlief. Als er nach Hause kam, stand das Blut im Schuh, und die Wunde ist nie mehr ganz zugeheilt. Nur einmal gelang es jemand, ein Geldfeuer nach Hause zu bringen, das war der Merkelfritz, ein armer Laglöhner. In seiner Freude baute er sich ein neues Haus an der Stelle des falten Gefälles und lebte ein Jahr herrlich und in Freuden. Dann war die Herrlichkeit vorbei. Sein Haus brannte ab und er war ärmer als je zuvor. Als er starb, konnte seine Frau nicht einmal den Sarg bezahlen. Ja, das Geldfeuer bringt kein Glück. Sv schloß die Großmutter, und im Kreise der Mädchen gtn$ ein stilles Gruseln um. - 162 - Bischof Ketteler und die katholischtheologische Fakultät in Gießen. MM Dr. F. Dig en er, ord. Professor der Universität, Gießen. Wir Haden auf die vor kurzem erschienene umfassende Lebensgeschichte Les Mainzer Dischofs Wilhelm Emanuel v Ketteler vom hiesigen Professor der Geschichte Fritz Vigener bereits hingewiesen („Ketteler. Ein deutsches Dischofsleben des IS. Jahrhunderts." München, R. Oldenburg 751 ©., geb. 20 Mk.). Ein Werk, auf Las sein Verfasser und die deutsche Geschichtsschreibung mit ihm stolz sein dürfen' ist diese monumentale Biographie von berufenster ©eite genannt worden. In der Tat handelt es sich um ein bedeutendes Werk, das wissenschaftliche Gründlichkeit und» Sachlichkeit mit vollendeter Kunst der Sprache und Gestaltung verbindet. Auf dem festen Unterbau eines gewaltigen Materials ist die überragende Persönlichkeit des KirchenfurstAi in ihrem Wesen und Wirken klar herausgestellt, meisterhaft die Fülle der einzelnen Vorgänge in den Zusammenhang der Zeitereignisse gefügt. Darin liegt die Bedeutung Les 'Buches gegenüber Len früheren Lebensbescyre-ibungen, Lay sein Verfasser die Lis in alle Einzelheiten herangezogene gedruckte Literatur und bisher unzugängliches archivalisches Material wie die hessischen Ministerialakten, mit sicherem kritischen Verständnis und eindringlicher Würdigung wie mit strengster Wahrheitsliebe zu einem erschöpfenden unv überzeugenden Charakterbilöe des Mainzer Bischofs, in steter Beziehung zur Zeitgeschichte, verarbeitet hat. And ftlche allseitige und unbefangene Darstellung war ein wissenschaftliches Bedürfnis. — Als Probe bringen wir Len Schluß des Gießen besonders angehenden Abschnittes über die von Ketteler mattgesetzte katholisch-theologische Fakultät der hessischen Landesuniversität. Daß dieser zur Propaganda neigende Kleriker Riffel in Mainz und von Mainz aus gegen Gießen arbeiten, konnte bekam die Fakultät fortan zu spüren. Ihr Wirken war überhaupt stets begleitet von den Bedenken, die streng kirchlich empfindende Elterii und Seelsorger gegen die wesentlich protestantische Stadt und Universität hegten, von der Abneigung der geistlichen Seminarfreunde gegen den akademischen Geist und cuademischen Betrieb auch von Mainzer Eifersucht auf Gießen. Der Studienzwang, der für die ersten beiden Jahre jeden fünftige» „Staats- oder Kirchendiener" grundsätzlich zum Studium in Gießen verpflichtete, und Ne landesherrliche» Vorschriften über die Umversitatsbildung der katholischen Theologen konnten von Anfang an Wohl de» Bestand der Fakultät sichern, nicht aber ihre Blute. Sie war sehr schwacb besucht. Erst nach dem Vertrage mit Aassau vom Marz 1838 der, freilich ohne den Universitätszwang auszuspre^n, Gießen zur LanLesuniverfität auch für die nassauischen katholischen Theologen machte, stieg die Besucherzahl zum erstenmal aus drei Dutzend und im Jahre 1840 auf v4. Die Entlassung Rissels, die man unter Ausbeutung des Scheingrundes als Verletzung der Lehrfreiheit hinstellte, führte zu einem geistlichen Sturm. Unter- einheitlicher Leitung suchte die größere Hälfte des Diozesanklerus in Eingaben an den Bischof die Wiederherstellung der Mainzer Lehranstalt zu betreiben. Aber durch die PersonlichLit des Bischofs Kaiser, mehr noch durch den Willen des Ministeriums du Thil wurde die Fakultät gedeckt, die sich smt Rissels Entfernung auch wieder in die Universitätsgemeinschaft glatter einfugte. Ein kleiner Rückgang war rasch ausgeglichen. Im Sommersemester 1848 erreichte die Fakultät ihre höchste Studentenzahl: 80 bei insgesamt 508 Immatrikulierten. Die vom Ministerium v>aup Ende Oktober 1848 verfügte Aufhebung des ©tudienzwanges traf nicht weniger die Universität überhaupt als die katholisch-theologische Fakultät. Gießens Studentenzahl ging fast auf dre Hälfte zurück; die Fakultät nahm nicht stärker ab, obwohl sie insbesondere durch die Kündigung des nassauischen Studienvertrages (September 1848) benachteiligt worden war. Auch jetzt noch war sw gesichert, wenn nur die Negierung fest blieb. Die katholischen Theologen hatten nun allerdings nicht mehr die Verpflichtung zum Stuomm in Gießen wohl aber noch zum Universitätsstudium überhaupt, und die Durchführung dieser landesherrlichen Vorschrift hätte bei den bescheidenen Mitteln der meisten künftigen hessischen Geistlichen ohne weiteres den Besuche der Landesuniversität bedeutet. Der Mainzer Mißerfolg des Gießener Professors Leopold Schmid war allerdings zugleich ein moralischer Mißerfolg der Fakultät: ipr angesehenstes Mitglied wurde aus einein kirchlich rechtmäßig gekorenen zu einem päpstlich rechtskräftig verworfenen Mainzer Erwählten, und die Fakiiltät, die seine Wahl offen und feierlich begrüßt, seine Bestätigung laut begehrt hatte, mußte seiner Verwerfung ohnmächtig zusehen; diese kirchliche Bloßstellung der theologischen Fakultät wurde durch Schmids Uebersieöelung in die philosophische Fakultät gewiß nicht gutgemacht. Aber nicht die Verwerfung Schmids als solche wurde verhängnisvoll für die Fakultät, sondern das, was folgte: die Erhebung Kettelers. Ketteler war durch den allgemeinen Verlauf der Mainzer Die Mainzer Geistlichen Gegner Gießens, die Lennig und Mou- fang, die Heinrich und Riffel, konnten den Bischof über die früheren Versuche, die theologische Erziehung wieder nach Mainz zu bringen, un& über die alten und neuen geisllichen Gründe dieser Versuche genau unterrichten; Bischof Blum zu Limburg, der von der Fessel des nassauisch-hessischen Studienvertrags befreit war, aber keine eigene Lehranstalt eröffnen durfte, hatte den Gedanken der Beseitigung der Gießener Fakultät und des Ausbaues des Mainzer Seminars bei Ketteler schon vorsichtig angeregt, noch ehe - Lieser in Mainz eingezogen war, und die Dischofsweihe gab Gelegenheit, die Fakultätsfrage genau Lurchzusprechen. Aber so gut die anderen sachlich vorbereitet waren und ihn sachlich vorbereiten konnten, entscheidend bleibt doch, daß Ketteler seine eigene Ueber- zeugung und den Willen zur Tat mitbrachte. Er selbst zwar hatte auf einer Universität, nicht an einem Seminar studiert. Aber schon damals hätte er lieber eine bischöfliche Lehranstalt besucht als eine staatliche Fakultät, und jetzt war sein geistlich gesättigtes Empfinden dem Universitätsstudium vollends abgekehrt. Ueber- dies war München immerhin die alte Mönchs- und Marienstadt, die Stadt der Kirchen, des geistlichen Lebens, der katholischen Gesinnung. Wo aber kamen Die Kandidaten her, denen er nach einem kurzen praktischen Seminarjahre die Priesterweihe spenden sollte? Sie wurden theologisch ausgebildet durch Professoren von zweifelhafter kirchlicher Art, , in dem wesentlich protestantischen Gießen, an der kleinen Universität, deren derbgenußfroher Stu- dentengeist auch bei den katholischen Theologen die sanften Sitten nicht so recht aufkommen lassen wollte, ©eit den unruhigen Tagen des Jahres 1848 wurden immer mehr solcher Priesterschüler hinein- gerissen in das leichte Lüben der weltlichen Kommilitonen, die ihnen aus der Heimat, aus der Schule bekannt waren oder durch die enge Landsmannschaftlichkeit dieser Landesuniversität rasch vertraut wurden; eine vornehmlich aus katholischen Theolvgiestudenten bestehende Verbindung stellte sich nicht unter das Zeichen priesterlicher Vollkommenheit, sondern schlecht und-recht mitten in das studentische Treiben hinein. Dem neuen Bischöfe waren die alten Mißstände und die neuen Ausschreitungen nur willkommen. Kaiser hatte mit Rüge:: und Strafen, selbst mit Ausschließung vom Seminar eingegriffen, um in Gießen zu bessern un& zu Helsen; Ketteler aber sah,hier einen Anlaß, zu Reformen nicht in Gießen, sondern gegen Gießen. Die Schilderung des „ganz gemeinen wüsten Studentenlebens der Gießener Theologen sollte für seine Mainzer Absichten nicht zwar dre letzte Begründung, wohl aber eine lebendige Rechtfertigung liefern, die er im Herbst 1850 in seiner Eingabe an das Ministerium wirkmr lie „Eingabe" im eigentlichen Sinne war freilich weder die bischöfliche Denkschrift noch Ler Begleitbr-ief vom 14. Oktober. Ketteler bittet nicht um die Einwilligung der Regierung, er fragt nicht b^t ihr an; er teilt ihr einfach, seine Entfistüsse mit und- weiß diese kirchllch zugleich und politisch zu rechtfertigen, ohne sich darüber Sorgen zu machen, ob denn das Ministerium die lirchliche Rechtfertigung gelten lassen und' die politischen Erwägungen nicht vielmehr als seine eigene Sache betrachten wolle. Den „Staat und Kirche gleichmäßig mit einem allgemeinen Ruin bevrohenden Unglauben mit aller Wacht zu bekämpfen", ist, nach der brscho-sichen Belehrung, ein „wahrhaft apostolischer Priesterstand am ehesten berufen, ein solcher Priesterstand aber wird nicht im Gießener Studentenleben herangezogen, sondern nur unter strenger mschof- licher Aufsicht: deshalb gedenkt er, zu Ostern 1851 die bischöfliche Lehranstalt am Mainzer Seminar wieder zu eröffnen; lur die gewiß ebenso im Interesse Les Staates wie im Interesse der Kirche" liegende Durchführung Lieser Absicht mutet er der RtMe- rung Lie Bewilligung von Geldmitteln zu.. Die Rechtsfrage berührte er nur, um zu zeigen, daß. sie im bischöflichen Sinne er- lebiat fei: die landesherrlichen Vorschriften Über das Universitätsstudium der katholischen Theologen gelten ihm als beseitigt Lurch die landesherrliche Gewährung allgemeiner unbeschrankter ©tuLienfreiheit; die Vorschriften der Verordnung von r830 sind ihm überdies, soweit sie den Dullen von 1821 und 1827 ..... auch ihren staatlich nicht anerkannten Bestimmungen — widersprechen schon an sich von zweifelhafter Rechtsgültigkeit. Entscheide»ü ist ihm freilich durchaus die kirchliche Begründung: es handelt sich um das „unveräußerliche" Erziehungsrecht des Bischofs, das zu üben feine Pflicht ist, das anzuwenden die Rot Ler Zeit fordert, die staatliche Gesetzgebung nach Len Wandlungen des Jahres 1848 nicht mehr zu hindern vermag. , , Das Ministerium Dalwigk, das soeben den offenen Kamps gegen Lie Demokratie ausgenommen hatte, wünschte jeden Zusammenstoß mit dem Mainzer- Bischöfe, mit der Katholischen Kirche zu vermeiden. Halb in ängstlicher Unentschlossenheit halb in sorglosem Vertrauen auf finanzielle Schwierigkeiten des bischo pichen Planes lieh die Regierung die Sache ruhen. Weder die Erörterungen in der Presse gegen Ende des Jahres 18o0 noch die Vor- siellungen Ler Landesuniversität und die Anfragen im Landtags m. Beginn Les Jahres 1851 zogen die Regierung aus ihrem zweigenden Geschehenlassen. Erst durch eine erneute Kammerinter-pel- lativn fand sich Las Ministerium, am 8. April 18U, zu eurer förmlichen Anfrage beim bischöflichen Ordinariate veranlaßt.