Gichener ZamilieMStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <92^ Samstag, -en Z. Mai Nummer Frau fein. Don Emma Müllenhvff, Frau fein das heißt, in andre sich versenken. Das beste seines Wesens froh verschenken, Durch dunkle Tage ruhig schaffend gehn, ilnb hinter Wolken doch die Sonne sehn. 8rau fein heißt lieben, hoffen und vertrauen, ns Morgenrot die goldnen Brücken bauen, Die Drücken, die kein Wettersturm zerbrich^ Drauf andre Herzen leise gehn ins Lichtl Frauengrötze. Don Paula Messer-Platz, Gießen. Ich trage ein Geheimnis. Ich trage es immer mit mir, auch Les Nachts. Gerade des Nachts, well sonst die Nächte so dunkel und müde machen. Und des Tags muh ich es bei mir tragen, weil die Tage sonst so ruhelos sind und so hoffnungslos. Nle-- mand weiß es, nur manche ahnen es. Ich darf meine Augen wohl nicht so blau und hell aufschlagen, sonst fragt man: Was erlebst du, deine Augen strahlen ja? Aber mein Geheimnis strahlt. Ob mein geschlossener Mund In seiner wissend-heiteren Linie es verrät, weil man mich fragt: Du lächelst, und es sind so ernste Zeiten?! Ja, aber der Ernst sitzt nicht mir im Munde, sondern tief im Herzen, und er sitzt du so dunkel und schwer und heim- berechtigt. baß ich ihn lang schon nicht mehr bitte: Geh! Mit wem könnte ich sonst alle meine Sorgen besprechen! Wie ohne ihn die Dächte durchwachen, schlafmüde und Auswege suchend! Aber ich habe ein Geheimnis. Anderen käme es vielleicht armselig vor, darum trage ich's ungezeigt bei mir. In stiller Nacht kommt es Smtr, und wir schauen uns stumm ins Angesicht. And je länger i das Geheimnis betrachte, desto größer wird es, desto leuchtender und bedeutungsreich-er. Mein Alltag, der mir alltäglich schien, wird da feierlich, und mein Tagewerk, das klein und ärmlich neben mir liegt, erhält Schimmer und Größe. Nur in einem letzten, heimlichen Winkel klagt und nagt es in mir: Hausfrau, nur Hausfrau!? Alte Probleme winken, alte neue Ideen, Entwürfe, Linien, Zusammenhänge, Farben, Lösungen weinen ungelöst vorüber ... Sünde, Sünde sein Pfund vergraben? Sünde, Sünde! Wo ist mein Werk?! Einmal ein Werk schaffen wollt ich doch, irgendeines. Nur sagen sollte es vom Unsagbaren. Ob in Farben, in Systemen, in Tönen, nur fassen sollte es das Ansatz- bare. Es fassen, es sagen und dann fertig sterben. Hast du nicht so, gleich jedem schöpferischen Menschen, dein Werk und dein Ende vvrausgewollt und geplant? And nun? And nun? In stiller Nacht sehe ich meinem Geheimnis stumm ins Angesicht und wälze meine Einsicht und mein Wollen und mein Inneres um. Ich Weitz jetzt: es fassen, schweigen und leben! Fertig sein ist schön, aber es ist der Tod. Fertig werden ist schöner: denn es ist das Leben. Ist Kraft, ist Tätigkeit, Sieg. Dur bewußt mußt du deines schaffenden Glückes sein, Frau und Sch,Westerseele. Du klagst: Ich werde nie fertig! Versuche, dich einmal zu freuen: Ich werde nie fertig! Aber du klagst: Mein Werk, mein Lebenswerk, das ich vollbringen wollte, wo blieb das? Gin Werk, das allen not tut, das alle erheben sollte, alle stärken sollte. Es blieb ungetan, und ich leide. Was fragst du? Du stehst deinem Werk so nahe, daß du es nicht siehst: Du selber hist im Werden als dein stilles, dein großes Lebenswerk. Es gibt Größeres als Schöpfungen in Farben, in Systemen, in Tönen: aus sich selber einen dienenden, herrschenden Menschen machen, ein Faßbares vom Anfaßbaren. Frau Hausfrau, Mutlose, Entsagende, allen Dienende, alles Leistende:' hast du Fülle in dir und Schöpferisches und Mittel- vimktsehnsucht, so vergiß den Schwur deiner Jugend nicht, vergiß dein Werk nicht in all deinem Tagewerk und Klemwerk: Arbeite an dir selber als an deinem großen Werk und Beispiel! Du aber du Frau, du Hausfrau, du Schwesterseele, zu der ich rede, du, die durch Kleines groß werden soll: du brauchst mein Geheimnis. Dir gebe ich mein Geheimnis: Tue alles scheinbar Gewöhnliche ungewöhnlich güt! Die Haustochter von heute. Bon Agnes Harder. Früher, in der Zeit unserer Mütter und Großmütter — denn das richtet sich nach dem Alter der Frauen, die diese Zeile« lesen — schenkte man den jungen Mädchen „Unfete Pilgerfahrt von Elise Polko zur Einsegnung. Darin sah die Erwachsene, die zum erstenmal ein langes Kleid trug, ihr Bild wie im Spiegel. Gin sehr reizendes Bild. Ein jmiges Mädchen, das sich überall neben der Mutter im Hause betätigte, wie Werthers Lotte für bl« Kleinen das Butterbrot schnitt, im kleidsamen Mvrgenhäubchen Staub wischte, kochte, Kuchen buk, ein Lesekränzchen hatte und auf Bälle ging. Ja, sogar die unglückliche Liebe zu einem Offizier, die an der Kautionsfrage scheiterte, fam „in diesen Lebensbildern vor. Sie stimmten im ganzen mit den Mvrgenjahren glücklicher Jugend überein. Der Vater, der am Abend in das Familien» zimmer kam, sah lächelnd, wie sich der blonde Kopf der Tochter über eine feine Handarbeit neigte. Das Buch, das wie ein Flammenschwert dieses mit der Zeit erheuchelte Paradies zerschnitt, war Gabriele Reuters „Aus guter Familie". Aus ihm sprach anklagend die neue Zeit. Denn das geschilderte Paradies hatte eine häßliche Nachtseite: die gealterte Haustochter. Sie, die noch mit auf Gesellschaften eingeladen wurde, weil es nicht zu umgehen war, wenn der Vater eine Stellung hatte: deren Tischplah aber schon die größten Schwierigkeiten machte. „Wem soll man sie denn geben? Sie ist doch fünfundzwanzig!" Die ein jammervolles gequältes Dasein zwischen naserümpsender, triumphierender Jugend und mitleidig herablassendem Frauentum führte. Martyrien sind hier ganz still gekämpft, die nur zu oft ein Ende in der Nervenanstalt fanden. Denn es kam der Egoismus der Eltern dazu, der solch eine alternde und später alte Haustochter für sich verbrauchte, ohne die kleinste Selbständigkeit als Entgelt, ohne die Erlaubnis, einen männlichen noch so harmlosen ilmgang zu haben, ohne eigene Geselligkeit, ohne jeden Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Sei Haustochter, sei bestenfalls Tante, und klage nicht. Großes Talent setzte sich durch und brach mit der Familie, kleines verzichtet^ zerbrach sich an den Tränen der Mutter. Auswege in die Freiheit bildeten nur der Lehrerinnenberuf und das Diakonissenhaus. Da setzte die Frauenbewegung ein. Heute können unsere jungen Mädchen sich gar nicht mehr verstellen, was für einen seelischen Sturm sie im Gefolge hatte. All diese Studentinnen, Redaktricen, Oberlehrerinnen, Dureauarbeiterinnen, sie sollten den wenigen überlebenden Kämpferinnen aus jenen Tagen, deren Namen sie oft nicht einmal mehr kennen, ewig dankbar sein. Heute haben wir in Dr. Gertrud Bäumer einen weiblichen Ministerialdirektor. Die Frau hat das aktive und passive Wahlrecht tote haben weibliche Aerzte und Professoren. Das Ziel der äußeren Gleichberechtigung ist erreicht. — Ob es wirklich das einzig zu erstrebende war? Schon beginnen die Zweifel. Bei jungen Bewegungen wird immer über das Ziel geschossen, auf beiden Seiten. Hausarbeit und häusliche Wertung schienen in jenem ersten Rausch der Freiheit garnichts mehr zu gelten. Auch die nur mittelmäßig begabte Tochter besuchte das Gymnasium, wie es der mäßig begabte Sohn von jeher getan. Da lenkten die Führerinnen ein, lange ehe der Krieg kam. der mit seiner häuslichen Not die Dinge von selbst zurechtrücke. Ja. lange vorher, und auch das ist der Frauenbewegung zum Dank zu rechnen. Auf der der großen Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf" wurd« der Kochtopf öffentlich in all seine alten Rechte wieder eingesetzt, und was seitdem geleistet ist in Frauenfchulen in der Stadt und auf dem Lande, in der Fürsorge und auf allen Gebieten deq Hauswirtschaft zeigt, daß die häusliche Frau ihren Wert neben der gelehrten voll behauptet. Das Lettehaus war ja schon viel früher vorbildlich, das Pestalozzi-Fröbelhaus kam dazu, die Namen Dr. Hedwig Heyl, Ida von Korzfleisch leuchten hier tote Sterne. Die ganze soziale Fürsorge gliederte sich an, so recht ein Gebiet der Frau, die im Organischen arbeiten will, wachsen sehen muß Entwicklung spüren, soll sie befriedigt sein, weshalb denn alle Vureauarbeit nur ein Aeberaang für sie ist, eine neue Form des Wartens auf den Mann. Als nun der Krieg kam, das Ungeheure Wirklichkeit wurde, fand er ein erzogenes Frauengeschlecht, das sofort vom ersten Tage an Im nationalen Frauen- dienst seine Pflicht erfüllen konnte. Wie entließ nun aber der Krieg die Haustochter, al8 seins eiserne Sckule vorüber war? Wir wissen alle, daß sich die Der- — 74 - häktnisse von Grund auf geändert haben, und nicht überall zuj ihrem Vorteil. Den« die große deutsche Äot hat ein Neues auch für den Mittelstand gebracht: die notwendige Mitarbeit der Frau, um die Lebenskosten zu decken. And da Freiheit süh ist, selbst in ihren Zerrbildern, so hat auch die Haustochter sich an den eigenen Verdienst, an die Ansprüche, die er befriedigt, viel zu rasch gewöhnt. Es kommt vor, daß die Tochter das Elternhaus verläßt, weil ihre Forderungen sich nicht in den Familienrahmen fügen, in eine Pension zieht oder mit einer Freundin zusammen- wvhnt. Die Fragen ratloser Mütter, die durch die Zeitungen gehen, was sie tun sollen, um ihre Töchter an das Haus zu fesseln, gewähren Einblick in diese Zustände. Daneben steht die Tochter, die trotz der Aussichtslosigkeit des Augenblicks auf der, Ausbildung ihrer Begabungen besteht und mit kleinerer oder größerer Hilfe des Vaters versucht sich durchzusehen, steht jene andere, die mit ihrem Verdienst den Eltern hilft, überall ein- springt, verzichtet. Rührende Tragödien und Komödien spielen sich heutzutage in Familien ab, in denen die Liebe herrscht. Die Haustochter aber mit ihren einstigen Aufgaben ist ein Beruf, für sich geworden. Immer öfter werden in den Familien junge Dame» als „meine Haustochter" vorgestellt, man sucht sie durch Anzeigen, man bildet sie aus, sie finden ihre „ Lebensmöglichkeiten nicht mehr im elterlichen Heim sondern bei Fremden. Ihre Befugnisse umfaßt ihr Name: sie gehen der Hausfrau, die meistens noch kleine oder schon verheiratete Töchter hat, zur Hand wie eine erwachsene Tochter. Sie schmücken den Tische bereiten den Kaffee oder Tee, bringen die Kinder zu Bett, sorgen für Behagen. Es scheint, daß das Leden immer den Tisch für seine Kinder deckt, in verworrenen Zeiten die Dinge zurechtrückt. Hier ist ein altes Ideal zum Beruf geworden. Dagegen ist nichts einzuwenden. 3m Gegenteil, auch hier rückt die Zeit mit freundlicher Hand viel Jugend auf ihren richtigen Platz, Jugend, die ihren eigensten Anlagen nach'sich betätigen kann und im Grunde viel gMcklicher ist als die unzähligen Sekretärinnen. Denn diese Haus- Ächter gehören wirklich zur Familie, teilen die spärlichen Freuden der Zeit und werden gut gehalten, wenn sie tüchtig sind. Ja, vielleicht gewährt man so einer fremden Haustochter viel, was der zugeborenen so oft verweigert wurde. Es ist nicht schön, aber sehr menschlich, daß die meisten Menschen ihrem Temperament in der Familie am wenigsten Zügel anlegen. Es macht das den Höherstehenden nicht viel Ehre — denn wo sollten wir in den Stürmen der Zeit eine ganz sichere Ruhstatt finden, wenn nicht im eigenen Heim? . Hier ist Windschutz, Asyl im alten, schönen Sinne. Als der Haustochter im Elternhaufe so oft ihr Menschenrecht nicht gegeben wurde, waren wir ein gesundes, blühendes Volk. Heute sind wir zermürbt, nervös, oft ohne Zukunft. Der Begriff „Heim" ist für viele fast eine Sage geworden. ■ Wo solch eine Stätte noch besteht, im alten Sinne, da mußte der Ersah der ganzen sittlichen Kraft gebraucht werden, um ihren Aamen zu verdienen. Gerade heute kann die Haustochter 3deal und Wirklichkeit verbinden. Das Gespenst des Alterns schreckt ja die Frau nicht mehr, die es lange gelernt hat, daß der Borst! der Arbeit quillt, aus dem das Gefühl der Aützlichkeit strömt, das ein junges Herz macht. Haustochter sein ist heute wieder ein Ehrentitel. Der Sport und die Frau. Von Emma S t r v p p. Sollen Frauen Sport treiben? Diese Frage findet, so unwahrscheinlich es manche!» klingen mag, noch immer keine einstimmige Bmntwortung. Vor allem ist es die bürgerliche Mittelschicht unseres Volkes, die sich von überalterten Vorurteilen nicht zu lösen vermag. Adel, Offizierskreise und Finanzaristvkraten waren, alter Aeberliefernng getreu, oder den Gepslogenheiten der führenden Schichten folgend, von jeher Anhänger und Ausübende des Sports, allerdings in erster Linie jener Zweige, des Reit-, Fahr-, Segel- und Tennissportes, die auch heute noch, ebenso wie der Automobilsport, breiteren Volksschichten aus naheliegenden Gründen unzugänglich sind. Aus früherer Zeit stammt daher auch die Auffassung, daß die Beteiligung der Frau am Sportleben eine Luxusbeschäftigung, ein Zeitvertreib müßiger Stunden, und der angenehme Vorwand sei, die winterliche Geselligkeit — einschließlich 'Flirt — auf dem Pserderücken, unter dem Segel oder vor dem Retz fortzusehen. Sie hatte, vom Standpunkt des Bürgertums und der selbstverdienenden Frauenschast betrachtet, ihre Berechtigung. Inzwischen aber tvandelte sich die Zeit. Jahre schwerster Entbehrungen, angespanntester Arbeit, auch der Mädchen und Frauen, aufreibendster Berufs- und Haushaltssorgen liegen hinter uns. Sie find nicht spurlos an der heutigen Frauengeneration! und an der Heranwachsenden weiblichen Jugend vorübergegangen. Weder körperlich noch seelisch. Auch heute noch trägt, besonders der Mittelstand, eine schwere Last. Eine Erneuerung des inneren! und äußeren Menschen, eine Entspannung nach den täglichen Ar- beitsmühen, ein, wenn auch nur vorübergehendes Abwerfen zermürbender Sorgen beim Turnen, in Sport und Spiel sollte da- !>er Wunsch! und Begehr aller, nicht zum wenigsten der Frauen, ein. Aber gerade das gute, liebe Bürgertum sträubt sich dagegen. Besonders gegen den Frauenspvrt. „Ex ist ungesund," erklärt Kau Schulze, „ich habe es selbst erfahren. Durch zu langes Radfahren zog ich mir einen gründlichen Knax zu." Meine Tochter lernt „künstlerisch tanzen . Auch gut. es ist wenigstens etwas. — „ Frauensport ist unweiblich, ich lasse meine Tochter nicht in Buchsen Herumlaufen," äußerte sich! Herr Müller, ahnungslos, daß Schön-Ella auf Maskenbällen „Hosenrollen" bevorzugt und die Röcke des neuen Kostüms nicht eng genug bekommen kann. „Frauenspvrt," sprechen die geistig und körperlich Trägen, „mag gut und schön sein für die — anderen. Mfit irgendeinem Schlagzeug hinter einem Balle herrennen, im Schweiße meines Angesichts rudern — ich danke! Das verdirbt den .Teint' und die teure .Ondulation^." „Frauensport," sagen aber auch mit sehnsüchtigem Verlangen viele Tausende von Mädchen und Frauen, „wie gern möchten wir ihn treiben, aber es fehlt die Zeit." äleber diesen wichtigsten; Einwand wird noch! ein Wort zu sagen sein. Diese Aeußerungenj sind nicht übertrieben, man kann sie oft genug hören, denn in seinem überwiegenden Teile steht das Bürgertum der Anteilnahme der Frauen am Sportwesen noch mit allerlei Bedenken, im günstigsten Falle gleichgültig-wohlwollend gegenüber. In den breiteren Volksschichten setzte sie sich dagegen bereits voll durch. Das Mädchen auS dem Volke, nicht so verzärtelt wie die „höhere" Tochter, fand von jeher mehr Freude an Leibesübungen. Sie „drückte" sich nicht vom Turnen, wurde nicht von einem gefälligen Hausarzt davon „dispensiert", „weil bas Kind doch; so zart ist." Das Mädchen aus dem Volke war daher früher auf dem grünen Rasen und auf dem Wasser als die gleichaltrigen Mädchen des Mittelstandes, in welchem die Pflege von Leibesübungen, dank der Bemühungen von Schulen und Berufsorganisationen, erst in den letzten Jahren vermehrte Teilnahme findet. Was jedoch auch von ihnen in dieser kurzen Zeitspanne an sportlicher Ausbildung und körperlicher Ertüchtigung geleistet wurde, ist in höchstem Grade bewunderungswert. Die Weister- leistungen zahlreicher Frauen im Turnen, Schwimmen, Leichtathletik u. a. beweisen es. Schon heute dürfen wir stolz fein auf den Aufschwung, den das Frauenturnen und das Frauenturnwefen genommen. Roch; aber sind wir weit davon entfernt, daß jede Frau es als selbstverständlich empfindet, zu tarnen und einen, ihrer körperlichen Veranlagung und ihren Lebensumständen entsprechenden Sport zu treiben. Dahin aber müssen wir kommen, wenn der volkswirtschaftlich unentbehrlichen Frauenberufsarbeit und den jetzt unendlich vervielfältigten Mühen im Haushalt mit ihren schädigenden Einwirkungen auf Gesundheit, seelischer Widerstandsfähigkeit und Körpergestaltung (Ächtung, meine Damen!) ein Gegengewicht gegeben werden soll. Erhöhung der Lebensfreude und des Lebensmutes des einzelnen, wie der Volksgesamtheit würde als Ergebnis zu buchen und einem kräftigen, leistungsfähigen Nachwuchs hie biologischen und ethischen Voraussetzungen gegeben fein. Die Frage: Sollen Frauen Sport treiben? muß daher voll und ganz bejaht werden. Welchen Sport sollen sie treiben? Jeden, vorausgesetzt, daß er mit Maßen geübt wird, Heber an« strengung vermieden und auf etwaige körperliche Schwächen bei der Wahl der Sportart Rücksicht genommen wird. Ausgenommen sind selbstverständlich Fußballspiel und Boxen, nicht weil sie an sich gesundheitsschädlich sind, ästhetische Rücksichten schalten sie als Frauenspvrt aus. 3n diesem Sinne sprach sich auch die bekannte Frauen- und Kinderärztin Dr. Laura Turnau der Verfasserin gegenüber aus, ihre Ausführungen dahin ergänzend, daß Sportarten, die eine erhöhte Blutzufuhr In die älnterleibsvrgäne, wie das Radfahren z. B.,, Hervorrufen, mit einer gewissen Vorsicht zu üben sind. Durch sie können bei äleberanstrengung, allerdings nur in diesem Falle. Gesundheitsstörungen austreten. Diese zu vermeiden, ist eine Frage der Selbstzucht und der Kenntnis der eigenen Leistungsfähigkeit. In den älebungskursen der Sportvereine wird übrigens auf das Strengste darauf geachtet, daß eine Aeüerspairnung des Willens und damit der körperlichen Anstrengung vermieden wird, e&enfo ist in den Vorschriften für Wettkämpfe die erforderliche Rücksicht auf die Leistungsmoglichkeit des weiblichen Körpers ge- nvmmeu. Selbstverständlich bedarf jede Sportausübung einer Lehr- und Vorbereitungszeit. Sie wird am besten durch den Eintritt in einen Sportverein gewonnen, nachdem von ärztlicher Seite festgestellt ist, daß gegen die Aufnahme des gewählten Sportes keine körperlichen Bedenken bestehen, vor allem Herz und Lunge den zu erwartenden Anstrengungen gewachsen find. Die älebungsstunden sind meist auf den Spätnachmittag oder in die Abendstunden gelegt, so daß auch Berufstätige sich daran beteiligen können, vorausgesetzt, daß sie eine normale Arbeitszeit besitzen. And damit komme ich zu dem eingangs erwähnten triftigsten Einwand gegen den Frauensport: Wir haben keine Zeit. Sie muß sich sinden, muß geschaffen werden. Der „Wiederaufbau in Ehren — es heißt aber, ihm zuwiderhandeln, wenn in zahlreichen Geschäftsbetrieben neuerdings die Bureauzeit an fünf Wochentagen (ausgenommen ist der Sonnabend) aus zehn Stunden, elnschl. einer Stunde Mittagspause, ausgedehnt wird. Den -Angestellten wird auf diese Weise kostbarste Zelt entzogen. Für Sport ist es nach Bureauschluß zu spät —, es bleibt das Kino, die Tanzdiele, um den natürlichen Erholungstrieb zu befriedigen. Z§ZZ^Z^"-Ltz.?ZZ-Lssss TLsZ MfLZ - 75 - DK Arbeitgeber würben sich etn Verdienst um die Volks- SSstmdheit erwerben, wenn sie, wo eS irgend angängig — in zahlreichen Bureaus ist dies der Fall — ihren Angestellten, auch den werblichen die Möglichkeit gewährten, am Sportleben teil- pmehmen. Erhöhte Arbeitsfrische und weniger Krandneldüngen würden das Ergebnis sin. - Auch die im Haushalt tätigen Mädchen und Frauen müssen ein« oder zweimal in der Wochen sich die Zeit nehmen, Leibes» utmngen zu treiben. Es geht — wenn man nur ernstlich will und die Mitgliedschaft in einem Verein, die Teilnahme an einem Kur- ms einen leichten Zwang zu richtiger Zeiteinteilung ausübt sowie Bequemlichkeit und sonstige Hemmungen überwinden hilft. Man » c?t I® wtch, die Zeit, in Warenhäusern herumzutrödeln, ins orasfeehaus zu gehen und zu anderen weniger zuträglichen Vergnügungen. ..., wären die gestellten Fragen in großen Umrissen beanb- einzelnen ließe sich noch manches sagen. Aufgabe der Leserin ist es nun, sich eine Frage vvrzulegen, »Welchen Sport treibe ich ins diesem Sommer?? Welcher Sport es auch sein möge, er wird der Mittler sein SU reiner, herzerfrischender Freude, er wird Körper und Seele »eue Sparsamkeit verleihen, er wird Sinne und Willen stärken, schlank, geschmeidig, widerstandsfähig machen. Frauenwahlrecht. Humoreske von Max Dürr. Am 12. Januar 1919 fand, wie überall durch Anschlag bekannt gemacht wurde, die Landesversammlungswahl statt und es traten an diesem Tage zum ersten Male unsere Frauen und Mädchen zur Wahlurne. Also wurde auch in Friedlingen am 12. Januar 1919 gewählt. Friedlingen ist ein kleines Dorf im Schwabenland und die meisten Leute wissen nicht, wo es liegt, aber manche kennen es doch. ist ein nettes und freundliches Stückchen Erde, nur ein bißchen sehr weltabgelegen. Wer durch Zufall vielleicht einmal hinkommt, wird sich darüber freuen, aber Menschen, denen im Chaos des Weltgetümmels der Sinn für süße Heimat und eigenen Äsid abhanden kam, äußern sich wohl naserümpfend über die Rückständigkeit des lieben, traulichen Dorfes, dessen Bewohner doch liebe, einfache und ehrenwerte Leute sind, selbst wenn sie zuweilen den klugen und weltgewandten Stadtbewohnern wie große Kinder erscheinen mögen. Aber so tief versteckt Friedlingen im Sommer zwischen feinen sanften, stillen und waldbedeckten Hügeln liegt und so sehr es verborgen bleiben w.ll hinter seinen Kornfeldern und Baumgütern — nur das alte K.rchturmdach ragt dann roch über den grünen Wipfel vor — so fand doch in diesem Winter achtzehn auf neunzehn, alte, uralte Schicksalstragödie und neueste, allerneueste Errungenschaft der Zeit den einsamen, verschwiegenen Pfad, der nach Friedlingen führt, nämlich Liebeskummer und das besagte Frauenwahlrecht. Hans Georg liebte Anna Maria, denn Anna Maria war ein gutes, braves Mädchen, fleißig und wohlanständig, dabei hatte sie runde, gesunde Wangen und ein Paar tiefe, dunkle Augen, die Hans Georg völlig aus dem Gleichgewicht brachten, obgleich er sonst ein ruhiger, besonnener, nüchterner und tätiger junger Mann war. Hans Georg hatte nur den alleinigen Fehler, daß er der einzige Sohn des Schultheißen Bertele war, und Anna Maria sah, obgleich sie von schlichtem einfältigen Verstand war, doch von selbst ein, ohne daß sie von ihren Freundinnen darauf aufmerksam gemacht wurde, daß es für sie beide und ihr Wünschen besser gewesen wäre, wäre Hans Georg nicht des Schultheißen Bertele, sondern eines armen und rechtschaffenen Kleinbauers Sohn, in Anbetracht dessen, daß sie selbst die Tochter der armen Witwe Bitter- wols war. Auch Hans Georgs Tröstungen vermochten sie nicht über diesen Kummer hinwegzuhelfen, woraus man ersehen kann, daß Anna Maria, wenn sie auch schlicht und einfältig war, doch genügend Verstand hatte, um das Leben und seine Verhältnisse zu I kennen. Hans Georg ging den Fußweg über die winterliche Wiese, den \ nur Einheimische kannten, zwischen den Apfelbäumen, die ihre kahlen Aeste zu dem grauen, regnerischen Himmel streckten. Der Boden war von Mäusen durchwühlt und eine kleine braune Maus sprang nicht allzurasch vor seinen Füßen vorüber. Aber Hans achtete nicht auf das Tierchen, sondern seine Gedanken weilten bei Anna Maria und er sah scharf über die Echleh- dvrnhecke nach dem Waldrand hinüber, ob Anna Maria schon dort wäre, und er entdeckte sie auch sogleich, weil sie heute, am Sonntag, eine weihe, weithin schimmernde Schürze trug. Anna Maria wartete ungeduldig, aber sie war betrübt, denn sie fand es unziemlich und auf die Dauer unerträglich, daß sieZtets Rur verstohlenerweise und heimlich zusammenkommen sollten, und sie wußte auch genau, daß Hans Georg nicht gewagt hätte, am Hellen Tag hierherzukommen, wenn nicht heute die Wahl zur Landesversammlung stattgefunden und den alten Herrn Bertele, Bauer und Schultheiß in Friedlingen, den ganzen Tag über an der Wahlurne festgehalten hätte. Hans Georg begrühie Anna Maria und sie erwiderte seine Drühe ohne über quellen t>e Zärtlichkeit und laute Fröhlichkeit, denn sie wußten, daß sie sich liebten und es sich nicht erst zu Zagem il- keinen Grund hatten zur Fröhlichkeit, weil die Aussichten für sie schlecht standen. __,5)acltmJa^n sie sich nur an der Hand und gingen schweigend Waldes unter den Tannen über das dunkle, winter- feuchte Moos und hingen ihre Gedanken nach. Jie aber zu der großen Tanne kamen, in deren Rinde Hans Georg, als er vor zwei Jahren auf Urlaub nach Hause kam, 1 & %*8en eingeschnitten hatte mitsamt den Buch- staben H. G. und A. M., eine Liebeserklärung, wie sie nach nnnnr«r schöner und ausdrucksvoller zu machen war blieb Anna Maria stehen und wandte sich, nachdem sie zuerst das o -ZV11/. ?e.r ö?ei Jahre beträchtlich aufgequollene Herz längere Zeit besichtigt hatte, sah ihn mit ihren tiefen, dunklen Augen, die ihn seinerzeit so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht hatten, an und sagte: „Hans Georg, hast du mit deinem Vater gesprochen?" Hans Georg seufzte schwer und sagte erst nichts, aber Anna Maria verstand diese Antwort ganz gut und seufzte gleichfalls, und sie dachte, daß Hans Georg, wie tapfer er sich auch draußen im Feindesland gehalten hatte, zu Hause doch ein schwacher, furchtsamer Mensch wäre. »Wenn ich mit dem Vater rede, so wird er alles verbieten, wir werden nicht mehr zufammenkommen können und vollends unglücklich sein, erwiderte dann Hans Georg. Darauf faßte Anna Maria plötzlich einen Entschluß. „Hans Georg, so werde ich tapfer sein!" sagte sie. , Auch in Friedlingen war die Beteiligung an der Wahl lebhaft und besonders die Frauen zeigten viel Würde, die Unverheirateten aber, die Mädchen, lächelten schüchtern und verlegen und waren bange. Wenn sie jedoch gewählt harten, brüsteten sie sich und machten Worte, gerade als ob die Politik ihr altgewohntes Fahrwasser wäre. Das kleine saubere, weißgetünchte Rathaus mit den gras- nrün gestrichenen Fensterläden und dem kleinen eichenen Aus- hangkastchen neben der Haustüre, dem Zeichen seiner Würde, sah feit seines Bestehens nicht so viel Besucher, als gerade an diesem Tage dem 12. Januar 1919, und der alte Schultheiß Bertele unö seine Wahlbeisitzer zeigten den Eintretenden freundliche und herablassende Mienen. Aber gegen Abend wurde es still auf der Dorfgasse und vor dem Rathaus war kein Mensch zu sehen, dagegen war der Gasthof zum Hirschen mit seinem etwas vorgeneigten und schiefen Giebel hell erleuchtet, weil alle Männer im Wirtshause saßen und ihren Wahlschoppen tranken und ein brummendes Geräusch der vielen durcheinandersprechenden erregten Stimmen drang trotz der geschlossenen Fenster bis auf die Gasse. x. Auch in der Wohnung des Schultheißen Bertele war Licht, aoer es war sehr still, weil die ganze Familie nur aus zwei Personen bestand, dem Schultheißen und seinem Sohne Hans Georg. Nachdem die Stimmen jetzt gezählt waren, saß der Schultheiß zu Hause mit feinem Sohne zum Abendbrot nieder. Gesprochen wurde von beiden nicht viel, weil es auf dem Lande, nicht Sitte ist, unter dem Essen zu sprechen. Entweder ißt man oder spricht man. Als das einfache Abendbrot verzehrt war, sagte der alte Schultheiß Bertele mit gleichgültiger Stimme, während er jedoch feinen Sohn bedeutsam ansah: „Du hast auch eine Stimme erhalten, Hans Georg!" Darüber wurde Hans Georg verwirrt, weil er sich nicht denken konnte, was das heißen sollte, aber der Vater wies ihm den Wahlzettel vor. Er lautete: » „Ich für meinen Teil wähle Hans Georg Bertele. Anna Maria Bitterwolf." „Ich nehme die Wahl an,“ sagte plötzlich Hans Georg ernsthaft. „Und ich erkläre die Wahl, für ungültig." sagte Schultheiß Bertele. Darüber gab es eine starke und nachdrückliche Auseinandersetzung, denn Hans Georg erinnerte sich mit einem Male, daß er im Kriege auch seinen Mann gestellt hatte, und er wollte doch nicht nachlassen. , Da aber der sonderbare Wahlzettel der ganzen Wahlkommission Vorgelegen hatte, dachte Schultheiß Bertele, es wäre vielleicht besser, gute Miene zum bösen Spiel gu machen und die Lacher auf seine Seite zu ziehen. Somit trug Hans Georg Bertele jun. den Wahlsieg davon. Aachher ging Schultheiß Bertele auch in den Hirschen. „Es ist nichts mit dem Frauenwahlrecht. Ich habe es mir gleich gedacht," sagte er kopfschüttelnd, während er sich auf den Weg machte. Wie Kant beinahe geheiratet hatte. Novelle von August Schricker. (Fortsetzung.) „Was hat Herr Kant nicht alles von feinen Reisen nach Hause gebracht! Wie genau wußte er nicht die Westminsterbrücke zu schildern; es war, wie wenn er dieselbe erst gestern mit deck Augen des Architekten betrachtet hätte," warf Sophie hier ein. „Er ist nie über Pillau hinausgekommen." erwiderte die Gräfin Keyserlingk. „Wie merkwürdig!" rief Sopbie und fuhr fort: „Einige Male mußte ich an Voltaire denken und Vergleiche zwischen den beide» 76 chckriftlettrmg: Dr Friedr. OSrlt). Lange. — Druck und Verlag der Drühpschen Aniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Metzen. großen Männern anstellen. Jener hat bei jeder Stellung, redem Donmot den Effekt im Auge: man ist mit ihm immer wie aus dem Theater: hier dagegen erscheint alles in edler, ungefuchter Natürlichkeit “ „Diese Einfachheit war es auch, die mich, als ich ihn kennenlernte, sogleich für ihn einnahm."' äußerte die Gräfin. „And sein Benehmen ist wie das eines vollendeten Weltmannes, nicht das eines Stubengelehrten," meinte Frau von Gimborn enthusiastisch. „Da er in adeligen Häusern als Hofmeister konditionierte, sah er die Vorteile einer guten unv sicheren Haltung em und eignete sich in reiferen Jahren das innerlich an,, loc^ anderen mit der Erziehung oft nur wie ein Firnis gegeben wird,' berichtete die Freundin Kants. Sie unterließ, hinzazusügen, daß das, was hier gerühmt wurde. Kant sich vor allem in ihrem Haus und im Umgänge mit ihr erworben hatte, wie er selbst oft und freudig anerkannte. , , , ,, „ , Sinnend hatte Sophie vor sich hingeschaut, als halte sie ein wundersames Ereignis fest, dann sagte sie: „Das Merkwürdigste ist doch sein Auge, es ist, als ob ein ruhiges Licht aus ihm strö- mend sich über seine Worte verbreite und alles um sich erhelle und zur Aufmerksamkeit zwinge." So waren die Wagen an das Haus gekommen, in dem die beiden Damen als Gäste der Gräfin auf kurze Zeit wohnen sollten, da Frau von Gimborn ein Gut in der Aachbarschaft, das ihr jüngst durch Erbschaft zugefal.len war, zu besuchen gedachte. Frau von Gimborn,, in Westfalen reich begütert, hatte nach dem Tode ihres Mannes noch in guten Jahren weite Reisen unternommen. Ihre Begleiterin wurde Sophie, die Tochter eines ihr befreundeten Arztes, der während einer Epidemie ein Opfer seines Edelmutes und feiner Unermüdlichkeit geworden war und Sophie als Waise zurücklieh. Diese hatte sich Frau von Gimborn bald unentbehrlich gemacht, und da sie dieselbe in einer schweren Krankheit in der Fremde mit Hintansetzung ihres eigenen Lebens pflegte, hatte eine innige Freundschaft die Frau dem Mädchen verbunden. Aun riefen Geschäfte Frau von Gimborn nach Königsberg, wo ihr die Gräfin Kehserlingk wohnte, mit der sie in den Jugendjahren einen jener schwärmerischen Freundschastsbünde aufgerichtet hatte, von denen uns die Briefschaften jener Zeit sonderbare Kunde gaben. War auch die Schwärmerei gewichen, so hatte sich doch trotz der langen Trennung eine gegenseitige Zuneigung erhalten, welche heute Frau von Gimborn in das Haus der Gräfin Kehserlingk führte, wie sie einst das Fräulein von Ahlen mit der jungen Gräfin Truchseh-Waldburg verbunden hatte. Kant hatte unterdessen, nachdem er die Gedankenreihe, bei welcher er unterbrochen worden war, zu Ende gedacht, langsam „en Weg nach Hause angetreten. Ec ging den Fluß entlang über die grüne Drücke. Nichts entging ihm hier, von dem lebhaften Handelsverkehr an, der längs der Ufer lärmte, bis zu dem Treiben aus den dichtgereihten Wittinen im Flusse, den Ausrufern, welche in sonderbaren Idiotismen ihre Waren anpriesen, und den Spielen der Knaben an der Ecke. Jenseits der Drücke kam er durch dem Kneiphof, jene Jnselstadt, die in Bauart und Strahenleben an die Zeit der Hansa erinnert, dann wieder über einen Arm das Ktn die Altstadt. Dort in der Nähe des Schlosses bog er in ne Straße ein, in der sein Haus stand. Vielfach auf seinem Wege war er ehrerbietig begrüßt worden: selbst die Stromknechte, welche das Oeffnen und Schließen der Drückendurchläfse besorgten, hatten ihren Matrosenhut vor dem kleinen Mann gezogen, und manche Mutter zeigte ihrem Knaben den „groben Kant". An der Tür des Hauses öffnete ihm Lampe, sein Diener, in militärischer Haltung, um ihn. in einer Mischung von Respekt und Aeberlegenheit die schmale Treppe hinauf in die Stube zu geleiten. Dort setzte sich Kant an den Arbeitstisch, und als es dämmerig wurde, an den Ofen, von dem aus er durch das Fenster den Löbenichtschen Turm erblicken konnte. Er hatte fich angewöhnt, beim Denken und beim öffentlichen Reden solche Augpunkte zu fassen und ständig zu ihnen den Blick zurückzuleiten: daraus mochte auch die unter seinen Zuhörern umlaufende Anekdote entstanden fein, daß er einmal in seinem Kolleg aus der Fassung gekommen sei, als ein dicht vor ihm sitzender Zuhörer, dem seit dem Anfänge des Semesters ein Knopf fehlte, plötzlich mit angenähtem Knopf erschienen war. Wie er jeder Erscheinung geistig Herr zu werden und sie in die ihr gebührende Reihe einzuordnen suchte, so tat er dies auch mit den beiden Fremden, die sein ganz besonderes Interesse erregt hatten. Mit der charakterologischen Bestimmung der Frau von Gimborn war er bald zu Ende: gutmütige Heiterkeit — nötige Dosis von Vernunft — scheinbar viel Interessen bei innerlichem Jn- differentismus — gesundes Phlegma: anders erging es ihm mit dem jungen Mädchen, dessen Blick heute mit einer Art kindischer Ehrfurcht auf ihm geruht hatte. Die frische rosige Farbe kündete eine fröhliche Gemütsart: in den Grübchen ihrer Wangen saß der Schalk, und aus ihrem Lachen sprach die Heiterkeit einer einfachen Seele. War sie nun, trotz ihrer Munterkeit und ihres Witzes — um der Unterscheidung, die er selbst vor kurzem ausgestellt hatte, hu folgen — war sie „schön im eigentlichen Verstände", nämlich so, daß „die Annehmlichkeiten, die ihrem Geschlechte geziemen, vornehmlich den moralischen Eindruck des Erhabenen hervorstechen ließen," oder kündete ihre „moralische Zeichnung, sosern sie in den Mienen und Gesichtszügen sich kennbar machte die Eigenschaften des Schönen an,“ so daß sie nur „annehmlich oder auch „reizend" genannt werden durfte? — Er fand sich über das eigenartige Mädchen, das seine Theorie durchkreuzte, da es die beiden Eigenschaften des „Erhabenen" und des „Schönen" in sich zu ver- binden schien, noch nicht im klaren, als er Stock, Hut und den leichten Mantel ergriff, um in seine Abendgesellschaft zum-Lomber rechtzeitig zu kommen. Denn Herr Green war von der Partie, ein Mann, der noch pünktlicher war als Kant selbst. Das war tatsächlich erwiesen seit jenem Tage, als Kant zwei Minuten zu spät zu einer Ausfahrt gekommen war. Zu einer Zeit, da der Professor auch noch in anderen Wagen fuhr als in solchen, die er selbst gemietet, hatte er nämlich Green versprochen, ihn am folgenden Morgen um acht Ahr auf eine Spazierfahrt zu Begleiten. Green, der um dreiviertel schon mit der Ahr in der Hand in deis Stube herumging, mit der fünfzigsten Minute seinen Hut aussetzte, in der fünfundfünfzigsten seinen Stock nahm und mit dem ersten Glockenschlag den Wagen öffnete, fuhr fort und sah in geringe® Entfernung vom Hause Kant entgegenkommen, hielt aber nicht an, weil dies gegen feine Abrede und gegen seine Gewohnheit war. Am andern Morgen trat Lampe — was sich seit Jahren täglich mit der Genauigkeit eines Mechanismus wiederholte — fünf Minuten vor fünf Ahr in die trotz des hellen SommermorgenS ganz finstere Schlafstube. Der drolligen Annahme zuliebe, daß die ungebetenen Gäste einer Schlafstube durch nichts sicherer vertilgt würden als durch vollkommene Dunkelheit, war das einzige Fenster fortwährend gegen jeden Lichtstrahl durch eine von innen vorgesetzte hölzerne Verfestigung geschlossen. Es erscholl der militärische Zuruf Lampes: „Es ist Zeit." Mit dem Schlag fünf Ahr hatte sich Kant an dem Teetische niedergelassen, um im Schlafrock und auf dem Haupte die Schlafmühe und darüber das kleine dreieckige Hütchen, die einzige Pfeife Tobak zu rauchen, tue seine Maxime ihm für den Tag gönnte. Dabei begannen die Medita- tionen über den Stoff der nächsten Vorlesungen. Von sieben bis acht Ahr sollte Logik und Metaphysik, von acht bis neun Ahl physische Geographie und Anthropologie gelesen werden. Was war es doch, daß ihm heute — ein sonst unerhörter Fall — zwischen die scharfsinnigen Erklärungen über die falschen Schlüsse oder die Art der Flußläufe. welche er an der Hand kleiner Gedächtniszettel überdachte, immer wieder die Gestalten der beiden Fremden von gestern traten. Oder sollte es nur die Jüngere dev beiden sein, die ihn nötigte, sich an die Maxime zu erinnern, welche Newton nach dessen Geständnis zur Bedeutung verhalfen hatte, zu einer gegebenen Zeit immer nur an eines zu denken. Der Vormittag ging in gewohnter Weise vorüber. Mit der siebenten Stunde begab er sich hinunter in das Erdgeschoß, wo ein Mrsaal eingerichtet war. Die Studenten füllten alle Banke. Jn &er zweiten Stunde kamen noch eine Anzahl von älteren Mannern, Beamten und Offizieren hinzu, denen mit Mühe von dem Ama- nuensis Platz geschafft wurde. Am neun Ahr kehrte Kant in sein Zimmer zurück zur Arbeit: gegen die Mittagsstunde trat Lamp« ein, der unterrichtet war, daß sein „hvchedler Herr Professors wie er ihn anzureden pflegte, außer dem Hause speisen werde. Ob Kant nicht noch etwas mehr als sonst auf fein Aeußere« ^^LaiM»e^ schien es so, und knurrend strich er sich über d«i Schnurrbart, da der Herr manche Kleinigkeiten auszusehen sand. Der Wagen fuhr am Hause vor, auch Lampe warf sich in seinen weißen Rock mit rotem Kragen, der ihm vorgeschrieben war, uns nahm auf dem Kutschbock Platz. Am den Schloßteich herum be- toegte sich das Gefährt gegen das Haus der Reichsgrafln v. Keyser- lingk, in den Rohgärten. , ■ Dies Haus war durch seine Besitzerin der Mittelpunkt der Königsberger Gesellschaft geworden. Fand fich der Reichtum, al« die Grundlage einer vornehmen Gastlichkeit, in der Stadt nicht eben selten, um so seltener war das, was ihm und der Gastlichkeit hier Wert verlieh: eigenartiger Geist, Kunstgesühl und --Verständnis, wohlwollende Liebenswürdigkeit, die das Gefühl der Gleichheit in allen bewirkte, und eine vollständige Beherrschung d« Lebensformen, die, vom Mittelpunkte ausstrahlend, wie von sewfl das Platte und Niedrige ausschloh. , , , <_ Die Sorge für die Erziehung ihres Siiefsohnes lagbei on durch politische Geschäfte bewirkten öfteren und langen Abwesen heit des Grasen von Kehserlingk fast ganz auf den Schultern o« Gräfin. Kant, den sie bei den Grafen von Hüllesen kennengelernt hatte, schien ihr der richtige Mann, sie bei diesem Werke moralischer und geistiger Ausbildung zu unterstützen. Sie zog M in ihr Haus, und er erfüllte, was sie mit der feinfühligen Do« aussicht der Frau sich versprochen hatte. Die ganze Familie btt« ihm seit jener Zeit eng verbunden, er selbst aber gestand gem^ daß außer seiner Mutter die Gräfin Kehserlingk die einzige Frau sei, von der er gelernt habe. (Fortsetzung folgt.)