Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang 192$Dienstag, den 2. Dezember Nummer 58 Ewiges Sein. Von Gustav E. Eber lein. Im Staufen der Brandung, im Wesen der Welle steh ich vor dir, jenseits der Zeit, tret ich vor dich, jenseits der Schwelle, uferlose Ewigkeit. Dein Atem schlügt mir gewaltig entgegen, kreist sich im Fluten rind Fliehen mir ein. Der Rhythmus des Lebens ist dein Bewegen, ich bin in dir, wie du im Sein. Ein sterbendes Volk. Bon Ferdinand Ossendowski*). Hier in diesem endlosen Llrwald, wo man nur selten einem Meisten begegnet, finden viele Chinesen und Koreaner Llnterkunft und Existenzmöglichkeit. Sie sind die eigentlichen Besitzer dieser unerforschten Waldgebiete, sie kennen sie durch und durch, bahnen sich jedes Lahr neue Wege und dringen immer tiefer in die Wälder ein, die, nur von Flüssen unterbrochen, bis zu den nördlichen Tundren sich erstrecken. Aber allster diesen Eindringlingen aus dem Süden findet sich hier auch eine alteingeborene Bevölkerung, eine Bevölkerung, die im Aussterben begriffen ist, die sich selber aber als rechtmäßigen Eigentümer dieser Waldgebiete betrachtet: der mongolische Romadenstamm der Golden. Sie leben heute noch genau so wie vor Jahrhunderten; sie fangen Groß-- und Kleinwild in Fallen, Elch und Reh sogar fast mit der blohen Hand, manchmal gebrauchen sie auch lange Bogen und Pfeile mit Stein- oder Deinspitzen in unserem Zeitalter der Elektrizität und der Dampfkraft. Die einzigen Errungenschaften der Zivilisation, die bis zu den Golden vordrangen, sind Alkohol und Schiebpulver. Einst zur Zeit der niächtigen chinesischen Kaiser aus der mongolischen Büandhnastie waren die Golden ein in sich abgeschlossener Bestandteil des Reichs des Himmels. Sie bildeten dessen nördliches Bollwerk gegen die Tungusen. Später, zur Zeit der gewaltigen Umwälzungen im Staate Dschingis-Khans und Tamer- la-ns gerieten die Golden nacheinander unter die Herrschaft der Koreaner, Tungusen und Japaner; und schließlich, als Ruhland den fernen Osten bis zu den Küsten des Stillen Ozeans und die mandschurische und koreanische Grenze entlang besetzte, wurden sie Untertanen des Zaren. Sie entrichteten gewissenhaft alle Abgaben, indem sie mit Fellen zahlten. Sie waren allerdings nicht ganz sicher, zu welchem Staate sie gehörten, denn sie zahlten Abgaben an die russische Steuerverwaltung, wurden von Zeit zu Zeit aber auch von chinesischen Beamten besucht, die verstohlenerweise vom Küstenland her zu ihnen kamen; auch ihnen lieferten sie Zobel-, Marder- und Eichhörnchenbälge für das chinesische Schatzamt ab. Sie wurden von den russischen Händlern entsetzlich ausgebeutet, und durch Alkohol, dieses von den russischen Kulturpionieren eingeführte Zahlungsmittel, vergiftet, starben sie allmählich aus. 1905 ereignete sich eine traurig-komische Geschichte. Ein unternehmender Abenteurer kam zu den Golden und sammelte Zvbel- bälge als Abgabe für die englische Steuerverwaltung ein. Zum Glück für die Golden begegnete dem gerissenen „Engländer" ein russischer Beamter, der ihn festnahm und die Zobelbälge rettete. Diese wanderten in die Tasche des russischen Beamten, und man behauptete sogar, er habe die Beute mit dem „Engländer" geteilt und diesen sofort laufen lassen. Die Golden sind vorzügliche Jäger und ausgezeichnete Schützen, sie sind sehr ausdauernd und bewundernswert mutig; einzeln, *) Eben erscheint im Berlage der Frankfurter Sozietätsdruckerei das zweite Reisewerk Osfendowskis, dessen „Menschen, Tiere und Götter" bereits großes Aufsehen gemacht hat. „I n de n D s ch u n- geln der Wälder und Menschen" heiht das neue Buch, eine packende Schilderung der Forschungsreisen des Verfassers durch die weiten Ebenen des Fernen Ostens bis zur „Insel der Verdammten", dem furchtbaren Sachalin. Das Sibirien der Vorkriegszeit, die sittliche Verkommenheit der russischen „Kolonisatoren", das furchtbare Elend der Verbannten, der fanatische Fetischismus der hart bedrängten Eingeborenen, denen der Russe mit dem Alkohol als Kulturgut den Keim der Vernichtung gebracht hat, das alles schildert Ossendowski mit grober Anschaulichkeit und innerer Anteilnahme. Hier treten bereits die seelischen Voraussetzungen des Bolschewismus klar zu Tage. 1316 ohne jede Begleitung, gehen sie auf die Tiger- und Bärenjagd. Sie durchqueren zur Sommer- wie zur Winterzeit die ganze Taiga vom Amur bis zum Bikin uird sogar bis zum Jman. Doch gehen sie, einer alten Pleberlieserung getreu, nicht weiter nach Süden; denn im 14. Jahrhundert erliest einmal ein chinesischer Kaiser einen Befehl, der den nördlichen Barbaren verbot, sich der koreanischen Grenze und dem Gebiet der Mandschus zu nähern. Er fürchtete nämlich, die Barbaren könnten sich mit den kriegerischen Mandschus vereinigen und gemeinsam mit ihnen China angreifen und so die Dynastie gefährden, die diejenige des Dschingis-Khan in der Herrschaft abgelöst hatte. Ich traf mit den Golden auf meiner Reise nach der Jm- peratorbucht zusammen. Die Regierung des Zaren erwog nämlich den Dau eines Kanals, der von dort aus den Amur mit dem Meere verbinden und so einen kürzeren und bequemeren Zugang zu diesem ungeheuren Strom schaffen sollte, als ihn dessen natürliche Mündung mit ihren Sandbänken und sonstigen Zufahrts- Hindernissen bot. Ich reiste mit zwei Assistenten und drei Führern durch diese Wälder, wobei wir oft in den sumpfigen Bergschluchten einsanken. Eines Abends, als wir für die Rachtrast Halt machen wollten, bemerkten wir auf einem Hügel in unserer Rähe den Schein eines Feuers, das die Kronen der benachbarten Eichen und Almen rotz aus leuchten lieb. „Das müssen Golden fein," rief einer der Führer aus. Wir ritten dem Feuerschein nach und erreichten bald ein« grobe Waldwiese, auf der im Kreise um die glühenden Scheiter mindestens zwanzig Männer sahen. Sie hatten weite Fellhosen und -jacken an und eine Art Mütze aus dem gleichen Material auf dem Kopfe. Schweigend sahen sie da, rauchten ihre Pfeifen und starrten unbeweglich ins Feuer. Einige Schritte weiter unter den Bäumen stand ein grober Eingeborener in einem Gewand aus Lappen, das mit bunten Fetzen und Bändern noch besonders verziert war. Als Kopfschmuck trug er eine Bedeckung aus Birkenrinde. Fortgesetzt bückte er sich und richtete sich wieder auf, indem er an einem langen Lederriemen zog, dessen oberes Ende im dunkelen Geäst einer alten knorrigen Eiche verschwand'. Ich durchforschte die Baumkrone sorgfältig mit meinen Blicken und entdeckte auf einmal, dah der große Mann mit dem Kopfputz einen anderen aufhing, dessen dunkler Körper, in der Luft hin- und herschwingend und sich drehend, langsam in das weitausgebreitete Astwerk empvrstieg. Ich wollte sofort dazwischenspringen und das Opfer retten, doch einer meiner Führer, der schon seit langer Zeit im Ämurdistrikt lebte, hielt mich lächelnd zurück: „Beunruhigen Sie sich nicht. Die Golden hängen einen Toten auf. Das ist ihre Bestattungsart." Es war wirklich so. Wir waren mitten in die Destattungs- feierlichkeiten für einen Golden geraten, der am Trunk gestorben war. Es stellte sich heraus, dah bei solchen Gelegenheiten der Leichnam in zwei Stücke Birkenrinde, die sorgfältig von einem groben Stamm losgelöst werden, eingehüllt wird. Dieser primitive Sarg wird dann mit Lederriemen umwunden und in den höchsten Aesten einer Eiche aufgehängt. Später sah ich oft solche hängenden Särge, in denen Fels- schwalben oder weihe arktische Eulen (Rictea nivea) nisteten. Als der Birkensarg fest angebunden, vom Scheine des Feuers von untenher beleuchtet, im Baume hing, trat der Schaman in den Kreis, setzte sich und nahm von einem alten Eingeborenen ein Stück Fleisch und einen Decher Schnaps entgegen. Erst nachdem er mit Essen fertig war, erhoben sich die Golden und kamen zu uns herüber. Sie begrühten uns, fragten uns nach Ziel und Zweck unsrer Reise und' luden uns ein, mit ihnen am Feuer Platz zu nehmen. Ich beobachtete mit Reugier ihre ernsten, niemals lächelnden, klugblickenden Gesichter. Ob deren Ausdruck als atavistisches Merkmal überkommen war oder von Alkoholismus Herrührte, konnte ich nicht entscheiden; jedenfalls habe ich oft bemerkt, dah Gewohn- heitssäufer zum größten Teil sehr ernst und nicht zu Scherz und Lachen aufgelegt sind. Als der Mond hoch am Hinunel stand, nahm der Schaman seine Tätigkeit wieder auf, denn die Destattungsfeierlichkeit setzte sich aus vier Teilen zusammen. Den ersten Teil füllten die Herstellung des Sarges und die Aufhängung der Leiche in einem Baume des „Friedhofes" aus. Die anderen Abteilungen waren komplizierter und schwieriger. Die zweite bestand in Gebeten zu den Geistern der anderen Toten, die hier lagen oder vielmehr hin- — 230 - «en und die man anflehte, den neuen Gefährten huldvoll zu ftea grüßen; im dritten Teil wurde -er Geist -es Verstorbenen ermahnt, mit der Familie und den Freunden in Verkehr zu bleiben; zum Schluß folgte der angenehmste Teil der Feier, ein Izana genanntes Gelage. c . Der Schaman erhob fich von seinem Platz und- begann ferne Amtstracht zu wechseln. Er legte all die bunten Lappen und gelben und roten Streifen ab> und brachte an ihrer Stelle Schnurstücke, Lederriemen und Ketten an, an denen Amulette befestigt waren, sonderbar geformte Wurzeln verschiedener Pflanzen, bunte Steine, Stücke von Menschenknochen, Därenzähne und' andere gehermnis- volle, wunderkräftige Dinge. Auf seinen Kopf stülpte er einen breiten Hut aus Hirschhaut. Dann ergriff er eine Kommet unfil eine aus einem Knochen hergestellte Flöte. Auf den Rucken nahm er einen Sack, der allerlei Gaben enthielt, wie Flaschen voll Schnaps, Tabakpäckchen, Pfeifen, Salz und getrocknete Erbsen. Dann begann eine merkwürdige Pantomime. Auf der von hohen Bäumen umgebenen Lichtung flackerte Las Feuer un& lieh Licht und Schatten im Laubwerk spielen. Die schweigende Runde der unheimlich aussehenden, in sich gekehrten Männer hob» sich scharf und schwarz vom Lichtkreis des brennenden Feuers ab und ließ glutgerötete Gesichter erblicken. Weiter rückwärts huschte die Gestalt des Schamanen, nur von einer Seite beleuchtet, in sonderbaren Bewegungen hin uni)1 her. Er wanderte auf und- ab, den Kopf hoch emporgereckt. Von Zeit zu Zeit lieh er mit durchdringender Stimme den Ruf: „Bin, Bin!" erschallen, den er mit rinzelnen Schlägen auf seine Trommel begleitete. Meine Führer erklärten mir, daß. der Schaman auf diese Weise jeden einzelnen der Toten anrief, ihm zuzuhören. Ich fchaute mir die Bäume unsrer älmgebung nochmals genauer an und entdeckte, daß noch mehr Särge da und dort herumhingen, zum Teil von jungen Zweigen und Blattwerk verdeckt. Der Schaman schlug vierzigmal die Trommel und wiederholte jedesmal die Anrufung. Darauf schwieg er einen Augenblick. Dann haute er sich an einer Stelle auf, wo alle Toten ihn hören konnten, und begann mit seiner heiseren kehligen Stimme eine lange Rede, die er stellenweise durch Trommeln und Pfeifen unterbrach. „Bin sumgu tamaz!" rief er feierlich; es bedeutet, die Seelen der Abgeschiedenen seien gekommen, die Gaben in Empfang zu nehmen. Der Schaman entkorkte eine Branntweinflasche und einen Halbkreis mit ihr beschreibend, gvh er etwas von dem kostbaren Getränk in das Gras. Dann nahm er selber einen tüchtigen Schluck, sprengte noch ein wenig auf den Boden und trank wieder. Das wurde sechsmal wiederholt. Ich beobachtete, daß unser Schaman ein sehr schlauer und geschickter Gaukler war, denn seine Spenden für die Toten waren ziemlich dürftig, während die- für ihn selber recht kräftig ausfielen. Ich hatte das Gefühl, daß die Seelen der Toten sicherlich nicht die einzigen Betrunkenen in dieser Rächt fein würden. Rach dem Branntwein kam der Tabak an die Reihe, den der Schaman ehrlich mit den Toten teilte. Sogar eine große Portion von dem Salz steckte er sich in den Mund, während er die Pfeifen und Erbsen unverteilt lieh. Auf diese Opferzeremonie folgten rituelle Tänze des Schamanen. Er besah wirklich tänzerische Gewandtheit. Er sprang geschickt hoch in die Luft und vollsührte dabei mit Händen und Füßen sehr rasche Bewegungen, die nicht ohne eine gewisse Anmut waren; er stampfte den Takt zu den schnellen Rhythmen feiner Trommel und wirbelte mit solcher Geschwindigkeit auf einem Fuh im Kreise herum, daß man fein Gesicht kaum noch erkennen konnte. Er tanzte lange Zeit, und da ihm dabei sehr warm wurde, entledigte er sich allmählich, ohne seinen Tanz zu unterbrechen, der Amulette, des Hutes und seiner Oberkleider, so daß er schliehlich bis zu den Hüften nackt war. Aber immer noch setzte er seinen Tanz fort, ließ er feine mageren Hände und nackten Arme in Schlangen- und Wellenbewegungen spielen. Endlich hielt er inne, so behutsam wie eine wohlgeölte Maschine; nachdem er seine Kleidungsstücke und seinen übrigen Krimskrams aufgelesen hatte, kam er herüber zu den Golden und verkündete, baß die Toten ihre Gaben gnädig angenommen hätten und deshalb der neuen Seele freundliches Entgegenkommen erweisen wollten. Rachdem der Zauberer ein wenig Tee geschlürft uni) sich etwas äbgekühlt hatte, zog er sich an, nahm einen kräftigen Schluck aus der Schale mit Branntwein, die zum allgemeinen Gebrauch öastand, ah ein wenig gebratenes Fleisch uni) ging dann wieder an die Arbeit. Diesmal legte er keinen Schmuck an. Er ergriff nur zwei Brettchen. zwischen denen eine seidenpapierdünne Schicht von Birkenrinde lag, und schritt langsam auf die Stelle des neuen Sarges zu. Dort stände er schweigend wie in tiefem Rachdenken, wenn es nicht betrunkene Benommenheit war, dann hörte man einen Ton so zart wie das Summen einer Mücke. Er schien von weit her zu kommen, ging aber in Wirklichkeit von Öen dünnen Brettern aus, die der Schaman zum Mund emporgehoben hatte. Allmählich schwoll der Ton an, bis er schliehlich zu einem unaufhörlichen tiefen Datzgebrüll wurde, das den ganzen Wald vom dichten Gras bis zu den Wipfeln der Eichen ausweckte und Ohren, Gefühl unä Verstand betäubte; manchmal hatte man die Empfindung. als wollten die Töne einem die Hirnschale sprengen. Ohne Zweifel konnte der Zauberer nur mit diesen zwei dünnen Brettchen und etwas Baumrinde einen Menschen verrückt machen. Endlich wurde das Gebrüll schwächer und ging wieder in kaum hörbare Töne über. Zugleich schritt der Schaman vorwärts in den Schatten der Bäume. Run tauchten dort in der Dunkelheit kleine phosphoreszierende Flämmchen auf. In ehrfurchtsvoller Scheu flüsterten die Golden untereinander, und voll Schrecken starrten sie in das dichte Dunkel. Was war das? War es eine durch den gaukelnden Schamanen hervorgerufene Suggestion oder warf er irgendwelche phosphoreszierende Gegenstände in die Luft, wie z. B. Stückchen faulenden Eichenholzes oder Pulver aus verrottenden Pilzen, oder hatte er leuchtende Insekten in der Art von Johanniswürmchen umherfliegen lassen, die so massenhaft im Ässurilande Vorkommen? Als die kleinen Flämmchen erschienen, rief der Schaman irgendetwas aus, das die Angehörigen des Toten, die schon ganz betrunken waren, besänftigte und tröstete und die Leiter der Feier veranlaßte, von neuem die Räpfe und Schalen mit Branntwein zu füllen, zur großen Freude meiner Führer. „Eine reiche, eine noble Leichenfeier!" flüsterten sie und rieben sich die Hände. Rachdem der Zauberer zu seinem Platz am Feuer zurückgekehrt war- begann ein feierliches Mahl oder vielmehr ein Trinkgelage, an dem meine Führer teilnahmen. Die Leute überschwemmten sich sozusagen mit Schnaps, sie hatten den Schluckser, fielen hin und rafften sich wieder auf, nur um wieder von neuem zu saufen. Sie aßen wenig, einige verschlangen hie und da einmal einen Dissen gebratenen oder gekochten Frisches oder etwas Fisch. Als nach einigen Stunden das Feuer niederbrannte, lagen die Golden in trunkenem Schlaf überall umher, lallend' und unruhig sich hin- und herwälzend. Meine Führer waren immer noch bei den Drannt- weinfässern tätig, obwohl sie schon völlig betrunken waren. Ich hatte Bedenken wegen des Morgenrittes, aber sie erwiesen sich als unberechtigt. Die Führer brachen bei Sonnenaufgang auf; sie sahen zwar etwas bleich aus, taten aber ihre Pflicht wie sonst, rasch und behende. Die Golden waren wie vom Erdboden verschwunden; schon lange vor Tagesanbruch hatten sie ihren Friedhof mit seinen Birkensärgen, die im Winde hin- und herschaukel- ten, verlassen. Einige Monate später traf ich in der Taiga wiederum einige von den gleichen Golden, die in mir eine recht unangenehme Erinnerung an ihr widerliches Saufgelage bei der Bestattungsfeier zurückgelassen hatten; ich mutzte aber mein Urteil über sie ändern, als ich sie in ihrem harten Kampf ums Dasein beobachtete. Es waren drei Männer, allesamt Jäger, mit alten Flinten und mit Messern und Aorten in den Gürteln. Ihr Anzug erregte meins Aufmerksamkeit. Ihre Hosen uri& Stiefel waren aus je einem etwaigen Stück Hirfchhaut gemacht mit der Fellseite nach außen; sie waren mit kurzhaarigem Pelz eingefaßt. Sie trugen ein ganz eigenartiges Hemd, wie es nirgends sonst vorkommt, das deshalb der Beschreibung wert ist. Es war ein Gewand aus doppelten Hirschhäuten, die innere Haut hatte die Haarseite nach innen, die äußere nach außen. Zwischen beiden Häuten waren zu Spiralen zusammengervllte Hirschfeh neu wie ein Retzwerk eingeflochten, so daß. ein isolierendes Luftkissen entstand, der beste Schuh gegen die Kälte. Eine Mütze, die nicht nur als Kopfbedeckung, sondern auch als Gesichtsmaske diente, war mit dem Kragen und die Handschuhe mit den Aenneln fest verbunden. Ich trug solch ein Hemd auf meinen Winterjagden und kann unbedenklich behaupten, daß es für strenge Kälte keine bessere Kleidung gibt. Bon einem solchen Gewand- geschützt, kann der Reisende in arktischem Frost und Wind ganz behaglich auf dem bloßen Schnee liegen. Ich stieß auf diese Golden eines Abends; sie saßen nach der Jagd, auf der sie einige Hirsche erlegt hatten, an ihrem Feuer. Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, brach einer der Golden wieder zur Jagd auf. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr mir, als ich seine Ausrüstung sah; berat er zog auf den bloßen Körper nur dünne Hosen und ein Hemd- aus der gegerbten Haut eines jungen Hirsches, dazu niedrige Pelzschuhe in der Art der Mokassins der amerikanischen Indianer. Dann legte er ein Paar kurzer, breiter Skier an, die so gestaltet waren, daß sie feine Beweglichkeit im Walde und im Gebüsch nicht beeinträchtigten. Erpicht daraus, ihn in Tätigkeit zu sehen, folgte ich ihm. Richt sehr weit von unserem Lagerplatz wurde ich dann auch Augenzeuge einer interessanten Jagdszene. Der junge Golde hatte eine frische Spur gesunden und verfolgte einen Hirsch. Mit unglaublicher Geschwindigkeit sauste er über das niedrige Buschwerk dahin, dem Hirsch zurufend' und' zupfeifend, als wolle er ihn zu noch eiligerem Lauf anfeuern. Gr lief so schnell, daß' er seine Benke nie aus den Augen verlor und- triefe diese nach und nach der tiefen, vorn Schnee erfüllten Schlucht zu, an deren Rand ich stand. Als das gehetzte Tier die Schlucht erreichte, sank es in den tiefen Schnee ein und kam trotz all seiner Anstrengungen, die Schlucht rasch zu durchqueren unfe den gegenüberliegenden Hang zu gewinnen, nur langsam vorwärts. Der Golde langte nur wenig später als der Hirsch in der Schlucht au. Mit einem prachtvollen Ski- schwung war er alsbald' vorne bei dem Tiere und rasch hatte er es gefesselt, so daß er gemächlich aus der Schlucht heraussteigen und seine Gefährten zur Hilfeleistung herbeirufen konnte. Der Lauf des jungen Jägers war so geschwind und sicher und jede seiner Bewegungen so voll Kraft und Anmut, daß ich wirkliches Bedauern empfand, wenn ich an die nächtliche Orgie — 231 frOmern Walde zurückdachte, wo die Särge an den VichenSstsn Ego. Gin Selbstpvrträt von Herbert Eulenberg. Eulenberg, durch seine „Schattenbilder" als nachschaf- könder Beschwörer großer Persönlichkeiten der Dergcmgen- Keit bekannt, gestaltet auch in seinem neuen, soeben bei Carl Reißner in Dresden erschienenen Essay-Band „Gestalten unS' Begebenheiten" einen langen Zug interessanter Persönlichkeiten, von den Humoristen und Mystikern Les Mittelalters bis in die Gegenwart, aus der er die Silhouetten Maeterlincks, Shaws, Gerhard Hauptmanns her- oushebt. Zum Schluß hat er sich selbst porträtiert, nn& ein Abschnitt dieser eigenartigen, hellseherisch-humorvollen Abrechnung mit dem eigenen Ich sei hier wiedergegeben. Er wird in unserer Leserschaft nach der kürzlichen Aufführung des „Münchhausen" und dem Vortragsabend des Dichters gewiß auf Interesse stoßen. Ich trat im Geist in das von Schriftstellern meistbesuchte Cafe, tn dem ich, wenn ich durch Berlin irre, zuweilen verkehre. Es' war ganz besetzt. Alle Tische saßen voll von Literaten, die mich mit ernsten, fast drohenden Blicken maßen. Es war eine Stimmung tote im fünften Akt von Hebbels „Herodes und Marianne", in dem hte arme Königin ihrem Tribunal vorgeführt wird. „Man erblickt Thron und Richtertafel," heißt es da. lind eine düstere Stimme spricht, wie die des alten Raben Clemenceau ehedem in Ver- sailles: „llnä ward ein schweres Amt. Du steht vor deinen Rich- Scheu wollt ich mich heimlich schon diesem Druck entziehen. Da ward ich von hinten gepackt urrd auf den einzigen noch leeren Stuhl gezogen. „Ist es wirklich wahr," fragte mich jemand unheilkündend, „daß Sie einen — Schwank geschrieben haben?" /Wirklich wahr?" donnerte der ganze Chor der Literaten nach. Ich konnte es nicht leugnen und verstummte. „Verleg' dich auf die Schweigetaktik," dachte ich nur noch ganz schwach. Gin kurzes, bellendes Lachen erhob sich jetzt rings im Chorus. Des Orestes Schaudergefühl vor den Furien wurde mir ganz begreiflich bei diesem Klang. „Wie kommen Sie dazu?" wurde ich weiter befragt. „Schämen Sie sich nicht? Sie wollen doch ein Dichter sein." Das Lachen des Thores wiederholte sich, noch ärger und kälter. „3a!" warf ich zaghaft dazwischen. „3a!" „Schweigen Sie! Wer einen Schwank schreibt, ist kein Dichter mehr." „Goethe! Der Triumph der Empfindsamkeit!" wollte ich stammeln. „Kommen Sie uns nicht mit Goethe!" brüllte mich der literarische Versprecher an. „Der hat genug an seinen eigenen dichterischen Sünden zu tragen. 3hr braucht ihm nicht noch Eure neuen auf den Geheimratsbuckel zu laden!" „Quod licet 3ovi, non licet bovi!" kommt jetzt, wußte ich. llrrd richtig! Es kam auch. Reibst längeren Ausführungen über die Rvtwendigteit künstlerischer Selbstzucht und strenger Aussonderung des Wertvollen aus der Spreu: weise Demerckungen, die ich wie alles Moralische im Leben zu überhören pflegte. Wach wurde ich erst wieder, als der literarische Häuptling dröhnend wie mit einem Hammer auf mich einschlug. „Sie schreiben überhaupt zu viel! Wenn Sie das noch nicht wissen, so lassen Sie es sich von uns sagen. Biel zu viel! Man stolpert überall über Sie un& Ihre Produkte!" 3ch überlegte: „Wenn du dich jetzt auf die zweitausend Komödien Lope de Vegas berufst, der durchschnittlich alle vier Tage feines Lebens ein Stück fertig hatte, so wird man doch wieder anfahren: „Lassen Sie uns mit diesem Spanier in Ruhe!" Darum entschloß ich mich zu einer ernsteren Rede pro domo. „3ch bitte ums Wort." Der Chorus der Literaten lachte noch greulicher zum dritten Male auf. „Er will sich noch verteidigen!" höhnte es mich an. Aber da sprach ich schon: „Die Zahl seiner Werke muß man billigerweise einem Poeten selbst überlassen. Die Fruchtbarkeit läßt sich nicht vorschreiben noch mindern. Wem Leben und Dichten der nämliche Vorgang ist, der schafft, wie er atmet. Das heißt fortwährende Selbst bei Macht, wenn er träumt, ist seine Werkstatt nicht geschlossen, wie das wundersame Beispiel Miltons beweist, der die klangvollsten Verse seines „Verlorenen Paradieses" schlummernd vor sich hingesprochen haben will. „Wieviel er schafft!" Dies soll man dem Künstler als einziges Vorrecht frei geben. Den andern steht die Ausübung der Kritik an seinen Werken ja beständig zu. Das Schaffen des Künstlers hängt nicht von seiner Willkür ab. 3nvita Minerva, wenn die Musen ihm nicht lächeln, vermag er es nicht. Man vergißt heute häufig, daß der Künstler manches nur darum schafft, um sein Handwerk zu üben un6' „darin freie Hand zu erlangen". (Dürer.) Auch bedenkt man nicht, daß es neben den Meistern, die nur auf dem hohen Kothurn stolzieren, etwelche gibt, die sich in allen Arten, auch den leichteren, gern versuchen mögen. 3n früheren, milderen Zeiten ließ man die Künstler sich frei auswirken. Rahm man es für selbstverständlich, daß ein Maler tote Rubens von früh bis spät nichts anderes tat als malen und ein Musiker wie Bach nichts anderes als komponieren. Und zwar in jeglichen Formen, wenn auch nicht immer lauter höchste Werke von „Ewigkeitswert" dabei herauskamen, wie die ekelerregende moderne Forderung lautet. Wollen wir Heutigen mit dem Zollstock herumlaufen un6- abmessen, daß jeder rächt über ein bestimmtes Maß hinaus produziert. Roch törichter, tauber ist es, wenn man uns ständig zu einem Spezialistentum in der Kunst zwingen will! Besonders die bildenden Künstler haben hierunter zu leiden. Fachkritik wie Publikum legt sie allzugern auf ein bestimmtes „Genre" fest. Aber auch bei den Dichtern ist dies Verfahren für die nur in Schlagworten und Gegensätzen denkenden Köpfe beliebt. Lyriker merken dies bitter, wenn sie sich mit der,Dramatik zu befassen erdreisten, lind umgekehrt die Dramatiker ebenso! Ja, selbst in seinem Fach soll man sich nicht unbegrenzt tummeln dürfen, also, daß, lver einen Schwank verfaßt, sich nicht mehr erfrechen darf, eine Tragödie wie ein finsteres Kreuz aufzurichten. Wie kleinlich ist das gedacht! Unfr wie verkehrt ist es, aus der Vielseitigkeit einen Vorwurf zu machen! Wären uns die Sathrspiele eines der anerkannt stärksten Tragikers, des Aeschylus, erhalten geblieben, so würde man mit Erstaunen wahrnehmen, welche tollen Farcen und Possen der Schöpfer des Prometheus und der Klytämnestra reißen konnte. 3eder Künstler darf jede Kunstgattung betreiben, vorausgesetzt, daß er sie nicht schlecht behandelt. Der Himmel, der uns die Feuchtigkeit spendet, schütze uns vor einer steifen, humorlosen Betrachtung der Erde und ihrer Bewohner, auf Last wir nicht gänzlich verkümmern oder vertrocknen und lebend tot sind!" 3ch merkte plötzlich, daß ich ganz allein im Cafe war. Alle Literaten hatten langst vor diesen „Banalitäten" die Flucht ergriffen. Rur ein einziger Wohlmeinender schien noch öageblieben zu sein. Denn plötzlich llang es wie ein guter Rat seufzend aus den Wänden: „Warum haben Sie nicht wenigstens 3hren sogenannten Schwank unter einem andern Rainen herausgegeben?" „Weil ich den Mut zu meinen Werken habe!" wollte ich mich noch trotzig entschuldigen. Aber da ging: der Vorhang schon In die Höhe. And mein Schwank begann mit den Worten: „Muß denn alles ftir die Ewigkeit fein?“ Der Weihnachtsabend. Von Adalbert Stifter. (Fortsetzung.) Aach einer Zeit erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden aufsteigen und zwischen deren Marlern man hinan- gehen kann. Dann erscheinen wieder kahle, fast pflanzenlose Rücken, die bereits in die Lufträume der höheren Gegenden ragen und gerade zu dem Eise führen. Zu beiden Seiten dieses Weges sind steile Wände, und durch diesen Damm hängt der Schneeberg mit dem Halse zusammen. Um das Eis zu überwinden, geht man eine geraume Zeit an der Grenze desselben, wo es von den Felsen rimstanden ist, dahin, bis man zu dem älteren Firn gelangt; der die Eisspalten überbaut und in den meisten Zeiten des 3ahres den Wanderer trägt. An der höchsten Stelle des Firns erhebe:» sich die zwei Hörner aus dem Schnee, wovon eines das höhere, mithin die Spitze des Berges ist. Diese Kuppen sind sehr schwer zu erklimmen; da sie mit einem oft breiteren, oft engeren Schneegraben — dem Firnschrunde — umgeben sind, der übersprungen werden muß, und- da ihre steilrechten Wände nur kleine Absätze haben, in welche der Fuß eingesetzt werden mutz, so begnügen sich die meisten Besteiger des Berges damit, bis zu dem Firn- schrunde gelangt zu sein und dort die Rundsicht, soweit sie nicht durch das Horn verdeckt ist, zu genießen. Die den Gipfel besteigen wollen, müssen dies mit Hilfe von Steigeisen, Stricken und Klammern tun. Außer diesem Berge stehen an derselben Mittagseite noch andere, aber keiner ist so hoch, wenn sie sich auch früh im Herbste mit Schnee bedecken und ihn bis tief in den Frühling hinein behalten. Der Sommer aber nimmt denselben immer weg, und die Felsen glänzen freundlich im Sonnenscheine, und die tiefer gelegenen Wälder zeigen ihr sanftes Grün von breiten blauen Schatten durchschnitten, die so schön sind, daß man sich in seinem Leben nicht satt daran sehen kann. An den anderen Seiten des Tales, nämlich von Mitternacht, Morgen und Abend her, siird die Berge langgestreckt und niederer; manche Felder und Wiesen steigen ziemlich hoch hinauf, und oberhalb« ihrer sieht man verschiedene Waldblößen, Alpenhütten und dergleichen, bis sie an ihrem Rande mit fein gezacktem Walde am Himmel hingehen, welche Auszackung eben ihre geringe Höhe anzeigt, während« die mittäglichen Berge, obwohl sie noch großartige Wälder hegen, doch mit einem ganz glatten Rande an dem glänzenden Himmel hinstreichen. Wenn man so ziemlich mitten in dem Tale steht, so hat man die Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Becken herein und keiner daraus hinaus; allein diejenigen, welche öfters im Gebirge gewesen sind, kennen diese Täuschung gar wohl: in der Tat führen nicht nur verschiedene Wege und darunter sogav manche durch die Verschiebung der Berge fast auf ebenem Boden in die nördlichen Flächen hinaus, sondern gegen Mittag, wo das Tal durch steilrechte Mauern fast geschlossen scheint, geht sogar ein Weg über den vbenbenannten Hals. — 232 — Das Dörflein Heißt Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser herabschaut, Heißt Gars, Jenseits des Halses liegt ein viel schöneres und blühenderes Tal, als das von Gschaid ist, und es führt von der älnglückssäule der gebahnte Weg hinab. Es hat an seinem Eingänge einen stattlichen Marktflecken: Millsdvrf, der sehr groß ist, verschiedene Werke Hat und in inanchen Häusern städtische Gewerbe und Währung treibt. Die Bewohner sind viel wohlhabender als die in Gsckxiid, und obwohl nur drei Wegstunden zwischen den beiden Tälern liegen, was für die an große Entfernungen gewöhnten und Mühseligkeiten liebenden Gebirgsbewohner eine unbedeutende Kleinigkeit ist, so sind doch Sitten und Gewohnheiten in den beiden Tälern so verschieden, selbst der äußere Anblick derselben ist so ungleich, als ob eine große Anzahl Meilen zwischen ihnen läge. Das ist in Gebirgen sehr oft der Fall und hängt nicht nur von/ der verschiedenen Lage der Täler gegen die Sonne ab, die sie ost mehr oder weniger begünstigt, sondern auch von dem Geiste der Bewohner, der durch gewisse Beschäftigungen nach dieser oder jener Lichtung gezogen wird. Darin stimmen aber alle überein, daß sie an Herkömmlichkeiten und Däterweise hängen, großen Verkehr leicht entbehren, ihr Tal außerordentlich lieben und ohne dasselbe kaum leben können. Es vergehen ost Monate, oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid- in das jenseitige Tal hinüberkommt und den großen Marktflecken Millsdvrf besucht. Die Millsdorfer halten es ebenso, obwohl sie ihrerseits doch Verkehr mit dem Lande draußen Pflegen, und daher nicht so abgeschieden sind wie die Gschaider. Es geht sogar ein Weg, der eine Straße heißen könnte, längs ihres Tales, und mancher Reisende und mancher Wanderer geht hindurch, ohne nur im geringsten zu ahnen, daß mitternachtwärts seines Weges, jenseits des hohen herabblickenden Schneebergs noch ein Tal sei. in dem viele Häuser zerstreut sind, und in dem das' Dörflein mit dem spitzigen Kirchturme steht. Unter den Gewerben des Dorfes, welche bestimmt sind, den Bedarf des Dales zu decken, ist auch das eines Schusters, der nirgends entbehrt werden kann, wo die Menschen nicht in ihrem Urzustände sind. Die Gschaider aber sind so weit über diesem Stande, daß sie recht gute und tüchtige Gebirgsfußbekleidung brauchen. Der Schuster ist, mit einer kleinen Ausnahme, der einzige im Tal. Sein Haus steht auf dem Platze in Gschaid, wo überhaupt die besseren stehen, und schaut mit seinen grauen Mauern, weißen Fenstersimsen und grün angestrichenen Fensterläden auf die vier Linden hinaus. hat im Erdgeschosse die Arbeits- stube, die Gesellenstube, eine größere und kleinere Wohnstube, ein Verkaufsstübchen nebst Küche und Speisekammer und allen zugehörigen Gelassen: im ersten Stockwerke, oder eigentlich im Raume des Giebels hat es die Oberstube oder eigentliche Prunkstube. Zwei Prachtbetten, schöne geglättete Kästen mit Kleidern stehen da, dann ein Gläserkästchen mit Geschirren, ein Tisch mit eingelegter Arbeit, gepolsterter Sessel, ein Mauerkästchen mit den Ersparnissen, B-ann hängen an den Wänden Heiligenbilder, zwei schöne Sack- uhren, gewonnene Preise im Schießen, und- endlich sind auch Scheibengewehre und Jagdbüchsen nebst ihrem Zubehör in einem eigenen, mit Gtastafeln versehenen Kasten aufgehängt. An das Schusterhaus ist ein kleineres Häuschen, nur durch den Einfahrtsschwibbogen getrennt, angebaut, welches genau dieselbe Bauart hat und zum Schusterhause wie ein Teil zum Ganzen gehört. Es hat nur eine Stube mit den dazu gehörigen Wohnteilen. Es hat die Bestimmung, dem Hausbesitzer, s obald er das Anwesen seinem Sohne oder Rachfolger übergeben hat, als sogenanntes Ausnahmestübchen zu dienen, in welchem er mit seinem Weibe so lange haust, bis beide gestorben sind, die Stube wieder leer fleht, und auf einen neuen Bewohner wartet. Das Schusterhaus Hat nach rückwärts Stall und Scheune; denn jeder Talbewohner ist, selbst wenn er ein Gewerbe treibt, auch Landbebauer und zieht Hieraus seine gute und- nachhaltige Rahrnng. Hinter diesen Gebäuden ist endlich der Garten, der fast bei keinem besseren Haufe in Gschaid fehlt, und von dem sie ihr Gemüse, ihr Obst und für festliche Gelegenheiten ihre Blumen ziehen. Wie oft im Gebirge, so ist auch in Gschaid die Bienenzucht in, diesen Gärten sehr verbreitet. Die kleine Ausnahme, deren oben Erwähnung geschah, und die Rebenbuhlerschaft der Alleinherlichkeit des Schusters ist ein anderer Schuster, de' alte Tobias, der aber eigentlich kein Rebenbuhler ist, weil er nur mehr flickt, hierin viel zu tun hat und es sich nicht im entferntesten b-eikommen läßt, mit dem vornehmen Platzschuster in einen Wettstreit einzugehen, insbesondere da der Platzfchuster ihn häufig mit Lederflecken, Sohlenabschnitten und dergleichen Dingen unentgeltlich versieht. Der alte Tobias sitzt im Sommer am Ende des Dörfchens unter Holunderbüschen und arbeitet. Er ist umringt von Schuhen und Bundschuhen, die aber sämtlich alt, grau, kotig und zerrissen sind. Stiefel mit langen Röhren sind nicht da, weil sie im Dorfe und in der Gegend nicht getragen werden; nur zwei Personen Haben solche, der Pfarrer und der Schullehrer, welche aber beides, flicken und neue Ware machen, nur bei dem Platzschuster lassen. Im Winter sitzt der alte Tobias in seinem Stübchen Hinter den Holunderflauden tthü hat warm geheizt, weil das Holz in Gschafd nicht teuer ist. Der Platzschuster ist. ehe er das Haus angetreten hat, ein Gemsenwildschütze gewesen und Hat überhaupt in seiner Jugend, wie die Gschaider sagen, nicht gut getan. Gr war in der Schule immer einer der besten Schüler gewesen, hatte dann von seinem Vater das Handwerk gelernt, ist auf Wanderung gegangen und ist endlich wieder zurückgekehrt. Statt, wie es sich für einen Gewerbsmann ziemt und wie sein Vater es zeitlebens getan, einen) schwarzen Hut zu tragen, tat er einen grünen auf, steckte noch alle bestehenden Federn darauf und stolzierte mit ihm und mit dem kürzesten Lodenrock, den es im Tale gab-, herum, während sein Vater immer einen Rock von dunkler, womöglich von schwarzer Farbe hatte, der auch weil er einem Gewerbsmann gehörte, immer sehr weit herabgeschnitten sein mußte. Der junge Schuster war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab-, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehr zu allen Schießen der Rachbarschaft und brachte manchmal einen Preis nach Haufe, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefaßt waren, und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend äbgehalten wurden, und hatte sich den Ramen eines guten Schützen erworben. Er ging aber auch manchmal allein mit seiner Doppelbüchse und mit Steigeisen fort, und einmal sagte man, daß er eine schwere Wunde am Kopfe erhalten habe. In Millsdvrf war ein Färber, welcher gleich am Anfänge des Marktfleckens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinüber kam, ein sehr ansehnliches Gewerbe hatte, mit vielen Leuten und sogar, was im Tale etwas Unerhörtes war, mit Maschinen arbeitete. Außerdem besaß er noch eine ausgebreitete Feldwirtschaft. Zu der Tochter dieses reichen Färbers ging der Schuster über das Gebirge, um sie zu gewinnen. Sie war wegen ihrer Schönheit weit und breit berühmt, aber auch wegen ihrer Eingezogenheit, Sittsamkeit und- Häuslichkeit belobt. Dennoch hieß es, soll der Schuster ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Der Färber ließ ihn nicht in sein Haus kommen; und hatte die schöne Tochter schon früher keine öffentlichen Plätze und Lustbarkeiten besucht und war selten außer dem Hause ihrer Eltern zu sehen gewesen, so ging sie jetzt schon gar nirgends mehr hin als in die Kirche oder in ihrem Garten oder in den Räumen des Hauses herum. Einige Zeit nach dem Tode seiner Eltern, durch welchen ihm das Haus derselben zugefallen war, das er nun allein bewohnte, änderte sich der Schuster gänzlich. So wie er früher getollt hatte, so saß er jetzt in seiner Stube und hämmerte Tag und Rächt art feinen Sohlen. Er setzte prahlend einen Preis darauf, wenn es jemand gäbe, der bessere Schuhe und Fußbekleidung machen könne. Er nahm keine andern Arbeiter als die besten, und drillte sie noch sehr herum, wenn sie in seiner Werkstätte arbeiteten, daß sie ihm folgten und die Sache so einrichteten, wie er befahl. Wirklich brachte er es jetzt auch dahin, daß nicht nur das ganze Dorf Gschaid, das zum größten Teile die Schusterarbeit aus benachbarten Tälern bezogen hatte, bei ihm arbeiten ließ, sondern daß das ganze Tal bei ihm arbeiten ließ, und daß endlich sogar einzelne von Millsdvrf und anderen Tälern hereinkamen und sich ihre Fußbekleidungen von dem Schuster in Gschaid machen ließen. Sogar in die Ebene hinaus verbreitete sich sein Ruhm, daß manche, die in die Gebirge gehen wollten, sich die Schuhe dazu von ihm machen liehen. Er richtete das Haus sehr schön zusammen, und in dem Warengewölbe glänzten auf den Brettern die Schuhe, Bundstiefel und Stiefel; und wenn am Sonntage die ganze Bevölkerung des Tales hereinkam und man bei den vier Linden des Platzes stand, ging man gerne zu dem Schusterhause hin und sah durch die Gläser in die Warenstube, wo die Käufer und Besteller waren. Rach seiner Vorliebe zu den Bergen machte er auch jetzt die Gebirgsbundschuhe am besten. Er pflegte in der Wirtsstube zu sagen: „Es gäbe keinen, der ihm einen fremden Gebirgsbund- schuh zeigen könne, der sich mit einem der feinigen vergleichen lasse. Sie wissen es nicht," pflegte er beizufügen, „Sie haben es in Ihrem Leben nicht erfahren, wie ein solcher Schuh sein muß, daß der gestirnte Himmel der Rägel recht auf der Sohle sitze und das gebührende Eisen enthalte, daß der Schuh außen hart sei, damit fein Geröllstein, wie scharf er auch sei, empfunden werde, und 'daß er sich von innen doch weich und zärtlich wie ein Handschuh an die Füße lege." Der Schuster hatte sich ein sehr großes Buch machen lassen, in welches er alle verfertigte Ware eintrug, die Ramen derer Beifügte, die den Stoff geliefert und die Ware gekauft hatten, und eine kurze Bemerkung über die Güte des Erzeugnisses beischrieb. Die gleichartigen Fußbekleidungen hatten ihre fortlaufenden Zahlen, und das Buch lag in der großen Lade seines Gewölbes. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag bet Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße».