Gietzener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 192^ ___________Samstag, den 2. August ______________. Nummer 32 Nach dem Sieg. Heut trägt meine Schwester tat Heimatland Gewiß ein Weißes Kleid. Heut rauschen di« Fahnen im Heimatland. And wenn Las nicht wäre, meta Kamerad, Wie trügen wir all das Leid? Grab zu, grab zu, meta Kamerad. Wir haben noch viel zu tun , Wir haben noch viele zu betten heut, Die sollen ta Frieden ruhn. Die sollen ruhn, und tat Heimatland Sollen sie singend gehn; Aus allen Fenstern, straßauf, straßab Sollen die Fahnen wehn. Wir aber. — grab zu. meta Kamerad, And schmiede die Brust in ErzI — * Wohl manche rote Wunde heilt, Doch niemals unser Herz. 3ha Seidel ISIS. (Aus dem Gedicht band „stieben der Trommel her", Verlag von Egon Fleische! & Co., Berlin.) Vor zehn Jahren. Von HanS Bsthgs. 3etzt sind es zehn Jahre her, daß wir ta Aufruhr kamen. Sommernächte am Chiemsee — heiße, feuchte, beinahe tropische Sommernächte am Ende des Juli 1914. 3m Lande roch es süß nach Feldblumen und Korn; der Mond lag lieblich glänzend in dem dunklen See, aber man selber wälzte sich grübelnd, unglücklich, dunkler Ahnungen voll auf ruhelosem Pfühl. Denn drcmtzen ta der Welt ballte sich etwas zusammen, das einem den Atem nahm, etwas Deues, Dieerlebtes und Furchtbares: Krieg. Die Atmosphäre in der Welt war reif zur Explosion, das Angewisse war kaum noch zu ertragen, man horchte in die Rächte mit klopfendem Herzen und starren Augen, draußen rollten Züge durchs Land, unaufhörlich, sie führten junge Reservisten nach Oesterreich, das schon im Krieg mit Serbien lag, verwehter Gesang drang herüber und Rufe, man horchte erstaunt, alles war einem so fremd, man war verwirrt und völlig hilflos und unklar in den Gefühlen, — und dann kam eine schauerliche Rächt. Der Becher floß über, die Angewißheit zerstob, es war wie eine Befreiung: auch der deutsche Krieg war da. Wieder hörte man einen Zug in die Station ein- laufen, — aber diesmal war der Gesang, der herüberdrana, ein drohender, markerschütternder Schrei. Ja, drohend klang es herüber, gesungen von den erregten, nächtlichen Menschen, die sich, Aachrichten erwartend, abends auf dem Bahnhof eingefunden hatten und dann nicht mehr gewichen waren; rauschend drang es herüber, jäh, gleich dem Schrei eines gequälten Tieres, immer gewaltiger anschwellend: „Die Wacht am Rhein." Es überlief uns kalt, wir sprangen auf und rannten durch das dunkle Dorf zum Bahnhof. Der Zug war unterdessen abgefahren, ein neuer lief ein, wieder vollgestopft mit einberufener Jugend. Und wieder hob das Lied an, markerschütternd, und wir sangen' mit, Groll im Auge, die Seele bebend, wir kannten uns selbst nicht mehr, und als der Zug abfuhr, winkten wir und grüßten und schrien, es flammte in unseren Herzen und unseren Hirnen, und dennoch fühlten wir, daß ein unabfehbares Anheil über die Welt hereingebrochen sei. Roch tadfc Züge rollten heran, noch viele Jünglinge fuhren singend den großen, unbekannten Ereignissen entgegen, — wir winkten ihnen nach, dann schritten wir heim, durch die heiße, feuchte Dacht, es roch süß nach Feldblumen und Korn, und der Mond lag lieblich glänzend in 6em dunklen See. Die Wettprojekte*). AIS di« Welt geschaffen wurde, muhte selbstverständlich zuvor das Projekt sein. Ratürlich nicht bloß eins. Es gab unendlich viele mögliche Welten in unendlich vielen möglichen Räumen. And da es sich um eine wichtige Sache handelte, so hatten die Oberengel den Auftrag, sie sämtlich bis ins einzelne auszuarbeiten. Die Zeit drängte nicht, denn das Maß der Erddrehung war noch nicht erfunden^ und so gedachte der Herr, die beste aller möglichen Welten aus- zusuchen, um sie als di« einzig wirkliche Welt zu schaffen. Die beste erkannte er freilich auf den ersten Mick. Darin gab's nämlich gar keinen Widerspruch, keine Reibung, keine Störungen, keine Schmerzen, keine Dummheiten; nichts als blitzblaue Selig? keil und Zufriedenheit; und dabei wußte niemand, womit er eigentlich zufrieden war. Denn alle waren immer einig, und es war ganz unmöglich sich über etwas zu ärgern. Schon wollte er diese Welt des höchsten Glücks aller ausführen, als er sich erst ixat Kostenanschlag ansah. O weh! Die vollkommenste Welt war leider di« teuerste von allen. Sie war wirllich zu teuer. Sie brauchte nämlich einen fortwährenden barem Zuschuß, weil ja kein Mensch unbefriedigt bleiben durfte. Das konnte sich nur eine Aktiengesellschaft leisten, und die ließ sich nicht schaffen; auch wäre die Well sonst nicht mehr vollkommen gewesen. ES wurden also die zu teuren Welten von vornherein aus- geschieden, ebenso die zu billigen, denn die waren Schundwar«, Dann noch ein paarmal engere Wahl, und schließlich behielt der Herr zwei übrig. Er nannte sie Projekt A und Projekt B. M« wurden ins Lebensgröße aus geführt. Zunächst .sollten sie nun einmal Probe laufen. Es wurde also die Gesamtenergievertallung für den Anfangszustand zur Zeit Dull eingestellt, und dann wurde die Zeit angelassen. Zuerst bei der Welt A. Da gings los, die Welt schnurrte ab, daß es eine Freude war. Als das so ein paar Dezillionen Jahre gedauert hatte, was ja doch bei einem Weltversuch nicht viel sagen will, da machte der Herr eine kleine Stichprobe. Gr griff mal so gerade in eins der unendlich vielen Milchstraßensysteme hinein, holte sich eins Sonne heraus, nahm einen von ihren Planeten und betrachtete sich das Zeug näher, das darauf wuchs und herumkrabbelte. ES sah beinahe aus tot« auf unserer Erde. „Wie gefällt's euch da?" fragte der Herr. „Isis nicht 'n» schöne Welt?" „Danke der gütigen Machfrage," antwortete eine Stimme. „Will mal nachsehen." „Was? Dachsehen? 3hr werdet doch wissen, wies euch gefällt?" i „3ch will tat Gefühlskalender nachschlagen, was ich zu antworten habe. Hier steht's schon : Eine schauderhafte Welt ist es." „Was soll das heißen?" „3ch will mal im Berstandeskalender nachschlagen. Also: Wegen der absoluten Gesetzmäßigkeit der mathematischen Logik, di« dem Weltprvjekt zugrunde gelegt ist, sind alle Ereignisse und alle Gefühle von vornherein bestimmt, und man kann sie sowohl für die künftige wie für die vergangene Zeit in den aut* malischen Reduktionsregistern aufsuchen. Wenn ich also wissen will, warum ich meine Ansicht habe, so brauche ich bloß —“ „Aber was willst du damit gewinnen? Du mußt doch selbst entscheiden —" „Was ich will? 3ch werde im WillenKkaleirder nachschlagen —“ „Ich meine, warum ihr die Welt schauderhaft suchet." *) Die vorstehende geistvolle Skizze entnehmen wir einem Bändchen, in dem Dr. W. L i e tz m a n n auserlesene Dichtungen! von Mrrd Laßwitz unter dem Titel „Die Welt und der! M a t h e m a t i k u s" zusammengestellt hat. (Verlag von B. Mischer, Dachfolger, Leipzig. Preis 1.80 Mk.) Die kleinen dichterischen Meisterwerke spielen ausnahmslos im Reiche des „Exakten", ohn« deshalb nur für die Mathematiker oder Physiker von 3nteress« zu sein. 3m Gegenteil sollte man den hohen geistigem und wissenschaftlichen Genuß, den diese Dvvelletten und Dichtungen darbieten, möglichst zahlreichen Zeitgenossen wünschen. Phantasie und Humor, Geist und Wissen stad die Triebkräfte, die diese prächtigen Kunstwerke erstehen ließen — st« werden vielen Freud« bereiten, -z. - 126 stimme." Sa, Herr, das haben wir eben ausgeglichen. Wir haben aus ben Leiden Welten eine treue gemacht, unsere eigene. Wir bilden nämlich eine besondere Gesellschaft für Weltverbesserung. „Das wäre! Wie denn?" Sehr einfach. Die Welten laufen nun mal, darauf sind wtt angewiesen. Aber nun nehmen wir aus B die Phantasie, und aus A nehmen wir das Gesetz. Sv bewirken wir die Ergänzung. Was wir als wünschenswert vorstellen, machen wir auch wirklich „Ach, so ist es ganz wunderschön! Setzt bin ich für mich- La ist alles gleich vorhanden, was ich wünsche. BZill ich mal tüchtig arbeiten, so ruckt und zuckt mir's in allen ALiskeln, und das Ge- Hirn müdet sich ab. Will ich ruhen und sage, hier soll ern hübsches Häuschen stehen in einem großen, stillen Pork^ndern bequemer Schiafstuhl auf der Veranda, so lieg' ich gleich dort und rauche meine Havanna. Sv ist's ganz ausgezeickmek hier. Warum rieft ihr denn alle: Schauderhaft! Schauderhaft! Sa Herr, sobald einer von uns für sich allein etwas wünscht, da haben wir ja alles: es steigt willig hervor, und nichts kann sich stören. Wenn wir aber da im Raum auf der Wohnkugel Mfammenstecken, da stoßen die schönen Gedanken und Phantasien, all die köstlichen Träume meiner Seele zusammen nut den ebenso mächtigen meiner Mitbewohner und geraten in Wettbewerb. Wo ich meinen Garten habe, da läßt der Rachbar ferne sechs Zungen Ball schlagen und nach Herzenslust schreien, ©ernt' es gibt ja kern Mittel, zu verhindern, daß das geschieht, was jeder sich ausdenkt. Die Vorstellung genügt, um das Mögliche zum Dasein zu bringen Sv besteht allhier nichts Sicheres, nichts Gewisses! Also fit mir die einzige Gnade an und nimm all die anderen Bewohner aus der Welt, damit ich in meiner schönen Eigenwelt nicht be- war es. , , . , „Wie kommt das? In der Welt A jammerten sie doch, es sei alles so notwendig bestimmt, daß nichts geändert werden könnte, und in der Welt B Nagten sie, weil alles, man mag sich ausdenken, was man wolle, gleich da sei und, deshalb nichts Festes zusammen» dem andern!" „ , ., ... f.„ Aber das half nichts. Sie klagten alle gleichzeitig, bis er sich so ein Persönchen herausnahm. Das war nun auf einmal ganz vergnügt, und als es der Herr fragte, wie ihm die Welt gefiele, Sa“ riefen sie beide, „wir wollten bloß einmal versuchen, weiche es besser aushält, wenn sie gleichzeitig liefen. ' „Sv?" sprach der Herr gütig. „Da wollen wir doch sewmÄ nachsehen, was daraus geworden ist." • , T. z.tnd er griff wieder in das kombinierte Weltsystem und trotte sich einen Bewohner heraus. Daß er immer den richtigen traf, verstand sich ja von selbst. „Ann?" fragte er. „Wie gehts bet euch letzt? . „Ausgezeichnet," antwortete der Mensch; denn ein solcher Eben darum' well sie so absolut korrekt ist, daß man aM euS dem Wirklichkeitskalender erfahren kann. Auch was man wol- gm Eih — man weiß es ja nicht gerade vorher, aber man tonn S bvch wissen, wenn man's nachschlägt." „Dafür seid ito vor allen Torheiten geschützt." "Aber man' sM ja gar nicht, man sucht nur immer in den Kalendern; und wenn man gesehen hat, wie's kommen totro, fo möchte man's gar nicht erst erleben. Da sehe rch S- ^^ls L^n Willenskalender, daß ich morgen zum Seftessen 'in Dhien unseres Direktors eine Rede halten will, aber aus dem Gefuhlskalend^ erfahre ich, daß ich mich blamieren und dabei den Mann noch bedenklich vor den Kopf stoßen werde." Da muht du es lassen oder die Rede abändern.' "Das ist eben das Schauderhafte. Ehe ich nun im Verstandskalender finde, ob und wie das sein kann! Rrchts läht itd) an» bern in dieser Welt! Das kleinste Fleckchen oder Stäubchen wrrkt nach in alle Ewigkeit, irgendwo bleibt's hängen. „Aber, das vergißt man doch." Vergessen! So, wenn wir eine BewuhtseinsschtEe hatten! Aber selbst wenn man's vergessen könnte, es steht doch immer to den Weltplänen, und irgend jemand kann s auf finden Rem, nein! SKUTmSSiÄ’SÄia*s'{-»*«**$: wenngleich alles noch so vvrgugiun g I . mickt gbel! Sv steuert ihr ja gerade auf die vernünftige Welt ^^St^ter an fdnen Platz, die los, die ich erwarte. Ola, fo mögt ihr sie euch denn ^lber schaffen, ©onne in chr System und die Milchstraße in ihren Raum und ich will sie bestätigen, Und wer bist Lu denn eigentlich. E dto Stit ^b, daß die Welt außer Betrieb gesetzt war „Ich bm der Ingenieur." Bein." sagte er zu dem Oberengel, der das Prviekt A ge- 1 ------------- mmht hatte, ^bi^bi^n^" tfl 5 ag Ewal । qfag hessisch en Dörfern und Städtchen. Diese Welt^sah von außen ganz ähnlich aus wie A, denn sie I Erwandertes und Erschautes von K. R. war auch nach dem Prinzip der ineinandergeschalteton Ustd be- m wohnten Sternshsteme gebaut. Der Engel ließ also W, I ^äblte das letzte Mal vom bäuerlichen Aberglauben, aber fen, und als ein Dutzend Zentlllivnen » M A e<®ti ter noch etwas mehr Raum zur Ber- stch der Herr wieder einen Planeten heraus und betrachtete sich rmr Z, noch einiges davon aus der Erinnerung die Lebewesen daraus nxxoTt?» berausholen Schauriges und Lustiges. Oder ist es nicht-schaurig, schrien eine große Anzahl = ^lt^ßmut^ko^^f^ "Z-^n^ aber welche unheimlichen Tiefen der Bauernseele und der Bauernvergangenheit mögen dahinter liegen. Oder wenn eine andere solche Großmutter es nicht hören tonn, daß die Kinder auf der Straße singen, denn da müsse doch gewiß jemand sterben. Und dann grenzen da hinein Dinge, wo man manchmall wirklich nicht mehr weih wo der Aberglauben aufhört und die Wirklichkeit des Lebens anfängt. Wenn sie z. B. des Abends zusammensitzen und sich geheimnisvoll erzählen, es geht was vor, der und der (einer der lärmst aestorben ist) geht wieder um, und wenn dann eines tn der Gesellschaft ganz ernsthaft erzählt, ja, ich hab ihn auch gesehen Das ist dann keineswegs immer eine Sinnestäuschung aufgeregter Menschen, sondern es sind oft ganz nüchterne ruhige Männer oder Frauen, die fo etwas in allem Ernst behaupten, und es wirklich auch gesehen haben. Oder: Ein alter Bauer erzählt mir er fährt hinaus auf den Acker, da begegnet ihm seich Feind; kaum ist er vorbei, so steht das Vieh vor seinem Wax^» tote angenagelt, nichts hilft, kein Locken, kein Schlagen. Es bleibt nichts übrig, sie müssen das Vieh aussponnen und in den Stall! führen und anderes Vieh holen, um den Wagen heimzufahren. Eine noch tollere Geschichte wurde aus einem etwas entfernteren Dorf mir erzählt, wo jeden Abend, genau zu bestimmter Stunde, der ganze Stall, einschließlich der toten Gegenstände, in wildeste Aufregung geriet. Ein aufgeklärter Städter, mit dem ich einmal über die Sache sprach, zuckte mit überlegenem Hohn die Achseln und sagte: Magnetismus; da war ich so klug wie vorher. Die »irrtrnAtiat toerde!" I größte Mehrzahl der Geschichten, die ich eben erzählte, stammt Ha hm!" sagte der Herr bedenklich und brachte das Per- freilich aus einem Dorf aus dem Vergangenheit besonders schwer föncfien wieder in das Weltsystem an seine Stelle, wo es sofort zu lasten scheint. Eingekeilt tn etn enges Aal, hangend an fl eiten m lamentieren anfing Berghängen, charakterisiert es sich heute noch als em Priesterdorf fS„®a§ ist atfo auch nichts Rechtes mit dem Projekt B,“ sprach eines . «m stellst en dieser Berge einstmals gelegenen, Aste wohl Städter, vom Feld auf den Wald und vom Hundertsten ins Sau» fendste, Hannes wußte in allen Dingen Bescheid, immer gelöster wurde seine Zunge, und als gar der Weinspender verriet, daß er am liebsten Rehbraten effe und deshalb gerne eine Jagd pachten möchte, blinzelte Hannes pfiffig und weinselig, un& meinte, in ganz Oberhessen habe doch keiner bessere Rehstangen als er. Vorzeigen! hieß es. Hannes ließ sich das von der feinen Gesellschaft nicht zweimal sagen, ging heim und holte ein kapitales, schädelechtes Gehörn. Etliche wollten es ihm abkaufen. Aber Hannes hatte seine Ehre! Rein, das gab's denn doch nicht; solche Stangen, die es nicht zum zweiten Male gebe, behalte er und setzte hinzu, er behalte sie, wenn ihm auch, das Dett nnterm Leibe gepfändet werden sollte. Fröhlich nahm er „seine" Stangen wieder mit nach -Hause; fast Hätten sie auf dem Heimweg Schaden gelitten. Es heißt im Sprichwort: Es kommt doch endlich an die Sonne. And die Geschichte, daß Hannes ein solch kapitales Gehörn vvrgezeigt habe, fprach sich herum. Der Förster meldete sie dem Oberförster. „Dvimerwetter," fluchte dieser, „jetzt haben wir ihn, jetzt kriegen wir ihn." Doch vor dem schlauen Hannes hatte er Respekt. Eine Haussuchung war. ein gewagtes Stuck und für sie war er auch nicht zuständig. Sollte er die Gendarmerie benachrichtigen? Das ließ sein Stolz nicht zu. Der Dürgermeister kam noch weniger in Frage. Der war ja selbst ein Dauer. Vorsicht war nach seiner Redeweise die Mutter des Porzellanschranks. Es galt, zu über» fegen. So lieh er denn seinen „Lauterbacher Wagen" anspannen und fuhr zu seinem guten Freunde, dem Amtsrichter, in die Kreisstadt. Der kannte Land und Leute, auch den Hannes, und wußte, daß dieser ein schlauer Fuchs war, dem keiner so leicht beikommen konnte. Dem Amtsrichter erzählte er die Vorgänge in der Wirtschaft. Der Amtsrichter meinte: Der Hannes habe das Gehörn vor allen Leuten gezeigt und so sei an ein Leugnen vernünftigerweise nicht zu denfen; er werde die Sache schon herausbekommen, die Grünröcke sollten vorerst nur reinen Mund halten. Im Frohgefühle kommender günstiger Ereignifle kehrte der Oberförster heim. Der Amtsrichter überlegte hin Und her, wie dem Hannes beizukommen sei. Er selbst war zwar kein Jäger, aber doch ein Freund der Jägerei, der Wälder und des Wildes. Wilderer und Schlingensteller haßte er wie die Sünde. Mr Dauernjäger, und gar solche, die deshalb, wie Hannes, Hof und Feld schlecht verwalteten, hatte er nichts übrig. So leid ihm auch der Mensch tat, er mußte ihn fassen, ihm sein Wildererhandwerk legen. Bald daraus hielt Hannes eine Ladung von dem Gestrengen in der Hand. Eine Rubrik fehlte! „Gewerrer, wos is los, ich hob doch nix verbroche, wos der wisse könnt', der Himmelhund! In allem hott der Amtsrichter fei’ Ros.--Es werd mich doch kaner geseh hawwe? Gewerrer, däi Stadtgesellschaft werd doch mei’ Stange nett verrate hawwe, däi Mißgebierer? Aich glab 's bald — vn ze leugene wär' do auch nix draa. Aich Schafskopp, der Deuwel mutzt mich reite, datz aich die Stange herbeigehvlt hab" Sv ging dem Hannes der Zweck der Ladung im Kopfe herum. Seine Frau, neugierig tote eine Ziege, wollte wissen, weshalb er ans Gericht müsse. — Hannes wntzte es selbst poch nicht zu sagen. Gr hatte nur eine Ahnung. — „Siehste," so keifte seine Alte, „das kommt davo, aich Hunn dir's schon immer gesaht, Lau sollst nett in de Wahld gih — es Hnrmt nix dabei eräug. Wos leid mir drv', daß Lei Grvtzvadder Jagdlääser beim Landgraf war. Däi Huche (Hohen) wolle chr' Böck selwer schäitze. Loh du dich vunn am’ (ihnen). Mer hädde nach so ze lewe. — Was braachstde nach dene Schwächte Hörnerböckn nachzelaase, dau Olwel. Do Werst noch seh', wäi de Lech ern's A’glick gestirzt Höst." — Hannes überlegte in seinen Aengsten hin und her, was zu trat sei, wenn er vor Gericht wirklich nach seinen Misfetaten ge* fragt würde. 3rt feiner Scheuer verbarg er zunächst vorsorglich — 128 — bas Gewehr unb die Patronen, die anderen „Stangen" brachte er in der Owerlaab, der Dachkammer, unter altem Gerümpel unter, nur seine „besten" bereiteten ihm Kummer, von ihnen wollte er sich nicht trennen und wenn alle Stricke rissen. Sie waren ihm lieber als die beste Kuh im Stalle. Sv nahte der dritte Tag, der Lerminstag. Hannes ging die zwei Stunden »Wegs zum Amte zu Fuß, er wollte auf der Eis«r- bahn nicht gesehen werden. Quer ging er durch seinen "eben Wald. Unter Herzklopfen betrat er die Räume der heiligen Hermandad. Der Amtsgehilfe, der so tat, als ob \er allein hier etwas zu sagen habe, ging an ihm vorbei, lieh ihn zappeln und warten. Das ist bei Gericht halt so. Endlich wurde Hannes vorgerufen. Der Amtsrichter fast vor seinem großen Schreibtische und blies aus seiner langen Pfeife blaue Rauchwolken in die Luft. „Guten Morgen, Hannes," sagte er. „Gude Morge, Herr Oberamtsrichter.". So sahen sich die beiden einen Augenblick an und dann fielen die anscheinend begütigenden Worte des Richters: „Hannes, sagen Sie einmal, wir kennen uns schon lange. Es steht fest und zu leugnen gibt es da nichts mehr, dah Sie vor kurzem in Drauerschwend vor einer größeren hiesigen Gesellschaft ein ganz kapitales Rehgehörn vvrgezeigt haben." — Hannes streckte lauschend den Kopf vor. — „Dieses Gehörn haben Die nicht gekauft, Die haben es auch nicht geschenkt bekommen. Machen Sie keine Amstände, die Sache ist für jeden klar, daß Sie den Dock geknappt haben. Ich sag' es Ihnen auf den Kopf zu! Wenn Sie letzt leugnen, so machen Sie Ihre Sache nur schlimmer. Es tut mir leid, dah ich Ihnen das sagen muh. Wenn Sie den Besitz der Stangen, die Sie ja glatt überführen werden, etwa bestreiten sollten, so hat in einer Viertelstunde die Gendarmerie den Auftrag, bei Ihnen eine Haussuchung abzuhalten, und wie die ausgehen wird, dah können Sie sich selbst sagen. Sieselbstaberblei- b e n H i e r! Also geben Sie die Sache nur ruhig zu — glauben Sie mir. es ist das beste!" „Herr Oberamtsrichter, Herr Oberamtsrichter, wäi Die nur glauwe könne," — Hannes bemühte sich bestes Hochdeutsch zu sprechen —, „Latz ich das Geweihche uff ’e ürecht Art gekriegt hält. Ha, ja, ja — ich — Hab's, 8a dva is nix zu leugne un werd ni$ geleugnet, awwer ich will net gesund vor dem Herrn Oberamtsrichter steh', wenn ich was unrechtes geduhn hab." „Was, Sie wollen das Gehörn rechtmäßig erworben haben? Harmes, machen Sie doch solche Ausflüchte nicht, das glaubt ja doch niemand, feien Sie vernünftig." „Herr Oberamtsrichter, bei meiner Seligkeit, es is wahr, was ich Ihne erzähl'." „Schießen Sie doch los." „Es sinn vielleicht dreiviertel Hahr her, La ging ich von Drauerschwend nach Rainrvd durch de Wald — es war Mitte Mai — so um die Strich Aff amol krieg ich en Geruch in die Ras', en Gestank, dah es net zum Aushalde war. Ich denk' net anners, als — do liegt en Doter —. Ich hatt uff amol en ganz ge- waldige Schrecke in mer, unn bog langsam nebe am Fußpfad die Zweig ausenanner. „Gott sei Dank," dacht' ich, mm sagt' ich, als da nur en Rehbock lag, der schon ganz kriminalisch gestunke hott, vor Ihne Ihrer Ehr zu sage, Herr Oberamtsrichter, ginn e Paar Stange hott der Dock gehatt, wie ich se meiner Lebdag noch net g^ehe hab'. „Da hast ja en scheene Fund gedoh," dacht' ich, holt mer dcchäm e Sägelche und sägt em damit de Kopp ab. Ich hab en schee ausgekocht! Zu sage braucht' ich's ja niemand, um, so hab ich en uffgehowe bisher." „Sv, aufgehoben haben Sie ihn?" — Lange betrachtete der Amtsrichter den Schlaukopf Hannes. In dem Kerl steckte ja ein Advokat. Seine Verteidigung war die einzige Art, auf die , er sich aus der Schlinge ziehen konnte. Er als Richter wußte es Wohl, dah ein Stück Wild» dem Häger erst dann gehört, wenn er von ihm Besitz ergriffen Hat, daß aber ein verludertes Wild nicht mehr Gegenstand der Hagd ist. — Sv fuhr er denn recht nieder* geschlagen fort: „Hannes glaubten Sie denn nicht, daß Sie das Gehörn we- nigstens äbliefern mutzten?" „Ei gewiß, hab ich's geglaubt, awwer ich bin doch net dazu, gekomme." „Ach, Hannes, dazu hätten Sie doch reichlich Zeit gehabt. „O naa," meinte Hannes, „das Geweih sollt unser Gruhherzog selwer kriege! Ich hab' ihm schon emal e paar Stange persönlich in Romrod grad vor sei'm Schloß iwwerreicht. Do hott er sich bedankt unn hott gelacht unn hott sei'm Adjedant gesagt, er soll mer drei Mark gewwe unn die hab ich mer.dann znm A'dente uffgehowe, unn ich hab' se heute noch, unn ich kann se Ihne zeige!" Dem Amtsrichter schwammen die Felle fort. — „Ha — nun — Sie hätten die Stangen denn doch dem Grvtzherzog vielleicht schicken können — oder — die Stangen bei mir abliefern..," lachte der Amtsrichter, denn Hannes machte so ein verschmitztes Gesicht, als ob er selbst an die Wahrheit seiner Erzählung glaubte. Hannes verstand aber nicht die Rechtslage. Er dachte nur darüber nach, wie er den Aufenthalt vor dem Kadi so ^rasch wie möglich beenden könne. And nun kam für den Amtsrichter eine Heber* raschung! Ruhig und tote ein Biedermann richtete Hannes die Frage an seinen Quälgeist: „Sage Se, Herr Oberamtsrichter, bähte Sie vielleicht so gut sei' unn unserem Herr Grußherzog die Stangs schicke? Es wär mer viel darah' gelege, Latz se nach richtig an ihn käme!!" — „Ach, das würde ich schon tun," entgegnete der Kadi. In diesem Augenblick knöpfte Hannes die oberen Knöpfe seines grünen Lodenmantels auf, unter dessen linker Seite plötzlich ein eingewickelter Gegenstand zum Vorschein kam. Hannes faltete ein Paket auseinander und entnahm ihm ein so gutes Gehörn, daß der Amtsrichter Augen machte — so groß tote Wagenräder. Das hatte er denn doch nicht ertoartet. Hannes drückte ihm.rasch dis Stangen in die Hand und rief, schon ztoischen Tür und Angel: „Besorge se 's gut, ich hab' die allergrößt' Eil' — sonst krieg ich dq Zug nach ham net mehr. Der Grußherzog braucht ja nix dafov zu bezahle!" — , ' Am selben Rachmittage kam auf rasche Bestellung der Oberförster zu seinem Freunde. Hatte kurz vorher dieser Augen gemacht tote Wagenräder, so machte der Oberförster beim Anblick dieses Gehörns solche tote Mühlräder. „Kreuz Himmeldonnerwetter," rief er, „das ist ja ganz ohne Zweifel mein Dock vom Steinkippel, dem ich vier Hahre lang zu Gefallen gegangen bin. Ich erkenne die Stangen genau wieder — zweimal hab ich ihn gefehlt. Es sind die besten Stangen^ die ich im Leben gesehen habe. Den Hannes soll der Teufel holen. Acht Hahre müßte der Kerl nach Rockenberg, der Wilddieb." So schalt er. Erst nach langem Fluchen ging er ans Fragen und hörte dann zu seinem Leidwesen, daß sich Hannes so schlau verteidigte, daß ihm ohne weitere Beweise keiner an den Kragen könne, — So ging Hannes durch üte Lappen. Ob er das Wildern gelassen hat? Das Gehörn aber hat der Oberförster ohne Gewissensbedenken mit in die Oberförsterei genommen. Dort hängt es noch heute in der Amtsstube des Grünrocks — mutterseelenallein, abseits von allen selbsterbeuteten Trophäen. Sv kam der Oberförster zu „seinem" besten Dock. Räächde Deutsche'). Von Wilhelm Philipps - Friedberg. Rvr selben komm ich in so Kreise, Wo sich o(n)m Stammdisch dischbediern, An die nooch aanzig räächder Weise Die Welt un Menschheit reformiem. Mit rode Kepp un dicke Aage Gewehnlich so um Middern ocht, Do werd sest uff de Disch gehaage An dichdig Dolidik gemocht. Dv duhn-se nooch so ’m Dutzend Schoppe — An wieviel Schnaps gehn zwische dvrch — Die schwersde Sprich sesammekloppe, Die Allesbefserwisserbvrsch. Emvl bin ich dezu gervde An haal mit aus bis in die Frih; Hatt wte's Gewidder schepp geloade: Weiß Gott, de Haamwääk mecht-mr Mihi An tote ich so o(n)m nechsöe Mvrje Mein Brummkopp zur Erholung trog, Dv Locht ich itotoer all die Dorje 3n aller Ruh un kloarer nooch. E jeder will 's Gescheiö'sde schwäzze, An doch schtoäzzt ihr so schläächt, ihr Leutcher: Goar mancher is im Schopp epezze An ach! nor do e räächder Deutscher. •) Aus der neuesten Sammlung vberhessische Mundartgedichte des durch seine Dialektdichtungen "bekannten Friedberger Seniinar- vberlehrers Wilhelm Philipps. Die neue, im Verlag C. Dindev- nagel- Friedberg unter dem Titel „Schiddel-Aeppel" heraus- gegebene Sammlung heiterer Gedichte zeigt die Vorzüge des Verfassers im hellsten Lichte: Frischer, kerniger Humor, Vertoachsen- sein mit dein Leben und Denken des Volkes, und gesunde Weltanschauung. Was Philipps in seinen anspruchslosen, aber durch ihre treffsichere Satire wirksamen Versen fpendet, ist nicht nur die gut herausgearbeitete witzige „Pointe", sondern Lachen und Freude, Volksphilvfophie und Erziehung durch Humor. Die Pflege der Mundartdichtung, die Ausnutzung der sprachlichen und gedanklichen Möglichkeiten des heimischen und heimatlichen Dialek^ dünkt uns eine besonders unterstütz ungswerte Aufgabe. Denn di« Pflege der Mundart bedeutet ein Wegsuchen zu dem Arquell deutscher Kultur. And Wilhelm Philipps reiht sich als ein solcher Wegfucher würdig anderen Mundartdichtern, wie dem Rassauev RrSvlf D i e tz. an. ~z- Schriftleitung: 3. V.: Heinz Gorrenz. — Druck und Verlag der Drühl'fchen Aniv--Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Dietzen.