Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang <924 Samstag, den November Nummer 49 Meine Toten. Von Karl Berner. Ihr laßt mich nicht, und ich kann euch nicht lassen — Ihr bliebt euch selber treu und eurer Pflicht: Ihr kanntet die geschminkte Lüge nicht Und suchtet nicht das Heil auf Markt und Gassen. So wolle Gott, daß wir zusammenpassen! Ihr lebtet euer Leben stark und schlicht Und seid mir selber Spiegel und Gericht, Wenn alle Farben dieser Welt verblassen. Ihr spendet Stille mir, wenn and're lärmen, Und steten Sinn im wilden Rarrentreiben, Ihr schenkt das Lachen mir zu meinem wpott — Ich werde nicht für neue Götter schwärmen: Wie meine Toten waren, will ich bleiben — Er ist mir gut genug, der alte Gott. Schranke der Unsichtbarkeit getrennt sein, so wird dieser Grub der Liebe die Hinübergegangenen erreichen. Der Weltkrieg hat d>em Tag von Allerseelen eine andere ernste Bedeutung g g Len. Lieber zehn Millionen junge; Menschenbrüder ruhem über die Welt zerstreut als Opfer ihrer Treue und Dater- landsliebe in meist verschollenen Gräbern, überdeckt von Granaten- splittern und Stacheldraht. Hier und da erheben sich Wälder von einfachen Hvlzkreuzen, die mit Aufhäufungen verfallener Schühen- ga&en abwechseln. Wenn jetzt die Rovemberstürme darüber Hinwegfegen, und die kalten Regengüsse die Feldwege aufweichen und ungangbar machen, so bleiben die Kriegergräber in starrer Einsamkeit und werden, wenn die Hvlzkreuze vermodert sind, von kommenden Generationen vergessen sein. Lebendig aber bleibt das Andenken und die Opfertat. ein heiliges Memento am Tage von Allerseelen, der den Verschiedenen geweiht ist. Im Westen sind die Sparen der Schlachtfelder mehr oder weniger verwischt worden, an manchen Orten sind gepflegte Friedhöfe für die Gefallenen entstanden, im Osten aber, am Rande der Sümpfe von Pinsk, an den Hügeln bei Darrowice, in den Wäldern von Polen und Litauen liegen die Totenfelder zum groben Teile unberührt, so wie sie nach den Schlachten entstanden find und beim großen Rückzüge verlassen wurden. Reben ihnen pflügt der Bauer sein Feld und er macht schon lange keinen Unterschied mehr, ob Freund oder Feind dort in der Erde ruht, bald wird er feine Furchen gleichmäßig über die Massengräber ziehen und die neue Saat auswerfen, und wenn in den Dorfkirchen jetzt das Tvtenamt gelesen wird, so gilt es den Seelen der Deutschen und Russen und ihrem Frieden in einer besseren Welt. — Allerseelen wird zum Tage des Friedens und mahnt die Menschheit an die Vergänglichkeit trennender Feindschaften in irdischer Größe. In den Städten des Ostens ist es anders. In der einst mächtigen russischen Festung Kowno, die von den deutschen Truppen im Sturm genommen wurde, ruhen die Gebeine der Soldaten und Offiziere in geweihter Erde unter Steinkreuzen. Die Litauer, denen Stadt und Land heute gehören und die ihr junges Reich auf den Trümmern des Weltkrieges neu aufrichteten, haben für die Gefallenen kein anderes Gefühl, als das der Achtung. Sie, bei denen die Liebe zum Vaterlande Religion ist, lassen die Messe auch für die Seelen ruhe der gefallenen Deutschen gelten, wenn die Truppen vor dem Freiheitsdenkmal vor dem Arsenal aufziehen unö das Kommando zum Abnehmen der Mützen und zum Gebet gegeben wird. Vielleicht mehr noch als in Litauen liegt über den Soldatengräbern in Finland eine geheiligte Weihe der Erinnerung, ein äußeres Zeichen dafür sind die vielen Kränze und frischen Blumen, die die Brüderfriedhöfe alljährlich schmücken. De Maistre nennt die Zeit „den Minister Gottes auf Erden". Montlofier sagt, daß die Zeit die oberste Gottheit der Politik sei. Durch Jahrtausende webt die Geschichte und lehrt uns wie das Heute die Formen des Gestern zerschlägt, wie Völker, Staaten' und Menschen entstehen und vergehen, wie der tiefere Sinn des Lebens nicht in der Welt des Scheins, liegt. Wir werden im Anblick der Ewigkeit bescheiden und sehen, daß die Anbetung irdischer Güter Götzendienst ist. Fürst und Bettler streben gleichermaßen danach, dem rinnenden Augenblick zu entfliehen. Die Selbstzucht kann weise werden, sobald sie einen überindividuellen Zeitraum ins Auge faßt und sich um der Zukunft willen Opfer auferlegt. Die Zeit, am Irdischen gemessen, fordert und erzwingt die Abrüstung alter Feindschaften, birgt aber stets den Keim zu neuen in sich, denn die Fortentwicklung entsteht aus dem Auseinanderprallen der Gegensätze. Im Vergleich zur Ewigkeit wird sie Chimäre und Täuschung, ein Vorhang vor der Gottheit und vor der Erkenntnis der göttlichen Liebe. Der Totentag soll uns ein feierliches Memento mvri zurufen und soll die Gläubigen daran mahnen, daß ihr Leben auf die Einigkeit abgestimmt ist. Die Erkenntnis, die am Allerseelentage aufdämmert, müßte stets im Llrgrunde des Bewußtseins, bei all den Verrichtungen des täglichen Lebens, lebendig bleiben. DKS Kleins Ladenmädchen. Skizze von Ernst Zahn. Zwei Stufen ging es in den sauberen Bäckerladen hinab. Reben der Tür war ein Schaufenster mit ein paar Broten, ein paar Brötchen und vielem Raschwerk. An der Tür befand sich eine Glocke, die den Eintritt jedes Kunden nach der hinter dem Laden gelegenen Backstube meldete. Ein aufmerksamer Zuhörer hätte aus ihrem Bimmeln allerlei heraushören können. Denn Allerseelen. Von E. von Llngern-Stern berg. Es ist nicht sinngerecht, daß man den Gedenktag für die Toten mit dem Herbst zusammensallen läßt, wenn die kalten Stürme die letzten gelben Blätter von den Bäumen schütteln, wenn die Erde schwarz und kahl daliegt und keine Ernte mehr verspricht. Für den, der an die Unsterblichkeit glaubt, ist Allerseelen ein Fest der Weihe und Liebe, an dem keine traurigen Gedanken Platz finden sollten denn sie wären egoistische Fühlen, Linser Aller Weg mündet im Tvtenlande, es ist das Ziel der Crdenwanderung, und wenn unsere Lieben, die die dunkele Schwelle, bie uns von ihnen trennt, bereits überschritten haben, so dürfen sie unsere Tränen nicht mehr zurückrufen. .. , Wenn die Lleberlebenden mit Kränzen und Blumen auf den Friedhof pilgern, die Gräber pflegen, und Moos und Immortellen aus den Hügeln niederlegen, so vergessen viele, daß es ja nicht die Verstorbenen sind, die dort in der Erde ruhen, sondern nur ihre irdischen Lieberreste, Staub vom Staube der vergeht und verweht, und von dem nach toenigen Jahren gar nichts mehr übrig bleibt Der Friedhof skull'is in seiner naiven Linmittelbarkeit ist ein Ausdruck der Pietät für die Herübergegangenen und eine fromme Gewohnheit der Lleberlebenden, der aber nicht im tieferen religiösen Empfinden seine "^Htfertigung findet. Die fromme Witwe, die am Grabe ihres 'Ufern neS trauert und weint, die Tochter, die um das Kreuz am Grabhügel ihrer Mutter jeden Morgen einen frischen Blumenkranz windet, handeln hübsch, aber nicht christlich, sagt doch Christus: „Laßt die Toten ihre Toten begraben! Der Aberglaube und das Märchen lassen den Kirchhof als Statte des Grauens erscheinen. Skelette tanzen in fahler Mondbeleuchtung über den Gräbern, Dämonen und Hexen hocken im Hintergründe, Vampire suchen nach ihrer ekelen Aahrung, aber all dieser Racht- spuk verschwindet beim erften Sonnenstrahl, wenn der Hahn kräht, den die Gespenster fürchten. Allerseelen ist eigentlich ein Fest der katholischen Kirche, es ist eng mit der Lehre vom Fegefeuer verbunden. Zum erstenmal wurde es im Kloster von Clugny im Jahre 993 vom Abt Odilck eingeführt, der ein feierliches Totenamt für alle im Fegefeuer schmachtenden Seelen abhalten ließ.. Papst Sylvester der Zweite empfahl dann der gesamten Kirch- wenige Jahre darauf, das Fest von Allerseelen einzuhalten, Totenmessen zu lesen unb auf den Kirchhöfen die ©räßer mit Weihwasser zu besprengen. So ist es dearn auch besonders in den katholischen Ländern, wo der Glaube an das Fegefeuer, an Engel und Dämonen, an Wunder und an die geistige Macht der Priester, lebendiger geblieben ist, daß der Tag von Allerseelen seine tiefere Bedeutung bewahrt hat. Es ist der Tag des Fürbetens für die Verschiedenen. In den hochgewölbten Kathedralen der südlichen Länder, dort, wo der naive Glaube noch durch keine Aufklärung verfälscht wurde, drängen sich unter die Betenden überall Priester in einfachem schwarzen Talar ohne Ornat und flüstern gegen ein kleines Entgelt, das ihnen diskret in die Hand gedrückt wird, Gebete zum besten der im Fegefeuer sich läuternden Lieben. Lind die Priester und die Spender der Pesata glauben an die Wunderkraft der Fürbitte. Sollten aber Diesseits und Jenseits, wie es manche Religionen, Spiritisten und Okkultisten lehren, nebeneinander bestehen und nur durch eine imaginäre — 194 — manchmal lieh ein rascher, fast Eder Ruck das DlScklem in ! höchster Aufregung die LadenbeDienung zur Giftmahnen, dann wieder tönte ob- der ruhig geöffneten Tür dre Schelle be^glrch, fast würdig und zeigte, Daß ein ehrsamer und vernünftiger Burger sein täglich Brot begehren kam, und ein drittes Mal ertönte beim sachten Eintritt eines bescheidenen Frauenzimmers ein so zartes un& liebliches Läuten, dah der Bäcker Hausammann, der nicht ungern junge weibliche Kunden selbst bedftnte Gelegenheit nahm den Kopf in den Laden zu stecken und- nachzusehen, ob- die Anmut der Züge der des Wesens entspreche. ~ t An einem Montagvormittag war indessen mancher Besucher | des Bäckerladens beim Eintritt überrascht, weil er auf den WM ntananD sah auch aus der Backstube niemand zur Bedienwra ers-Um Der alte wacklige Kleinrentner Hintermann ,um Beispiel, von der Ladenglocke, mit einem leisen Zitterton an- I !romi?fbpf wartete einen Augenblick am Ladentisch, schnob sich die Aase, putzte die Drille und strich sich den gelbgrauen Bart 'Utecht ohne zu bemerken, dah jemand mit zwei großen blauen, verstaunten Augen hinter dem Tisch hervor und zwischen einem braunen schlichten Gugelhupf und einer vornehmen Scyaum- torte hindurch ihn ansah. Erst als ein piepsiges Kinderstimmlein ibn fragte Was ist aesällig?" sah er schärferen und be,rwrkte zwischen den" Augen eine kecke, kleine Aase, blond-es weickM Haar und den ganzen, kaum über die Marmorplatte des Lisches hmous- ragenden^Kopf der Klaudi Müller, Beinahe hälft er gelacht, aber Klaudi machte ein so ernstes, geschäftsmäßiges Ges ich-, daß er ste in ihrer Würde zu beleidigen fürchtete,, wenn er sich merken fteß, dah er sie nicht in den Laden hinein reimen konnte. „So so, sagte er daher gutmütig, „haben war eben E n eue n . 9 klaudi überhörte den Scherz. Es war ihr bitter ernst S". mut. Sie muhte an diesem Morgen alle ihre Sinne zusamnwnnehiiE, um das viele, das auf sie eindrang, einigermaßen überschauen. Mit wichtiger Miene nahm sie die zwei Semmeln, die der -Kent nersmann verlangte, aus dem Körbchen, reichte s^ ihnu war froh, dah sie den Preis dieser Ware schon ganz sicher wußte, uno rmpfing die Münze, die jener ihr bot.,,Wie man es ihrgez«^, so tat sie dann dem alten Wann die Tur auf, bedankte sich, fagt^. !°Ein andermal-° und hatte ihn so aus dem Lc-den wwder hinaus- kvmplimentiert, ehe er sich's versah Ec nickte ihr durchdre^u scbeibe noch einmal zu, dachte er hatte mit dem kleinen, ivnoer, baren Wesen ein Gespräch cm heben sollen, und verwunderte sich wft noch manche" andere Kunde An diesem Morgen weiter, was der Bäcker Hausammann da für ein frühreifes Menschensprohlein m ^AachOsLin«/Weggang hatte die LadenkliiigelettoasRuhL Auch Klaudi bekam Muhe, nachzudenken, wo ihr der Brondkopf sah Sie blickte sich zum dutzendstenmal tm Laden um und all die Herrlichkeiten an, die sie früher wie andere Müder von nutzen mit weiten Augen und allen Sehnsüchten im Herzen betrachtet, nach denen sie jetzt nur die Hände,auszustrecken brauchte, und die sie doch viel weniger verlockten, sei es, weil ihr der schwarz- bärtige Gewaltsmann, der Bäcker mit Eher Stimme das Aascken verboten, sei es, weil der suhe Duft des Backwerk--, der den Laden zum Ersticken füllte, ihr allein schon den Appetit nahm Da war sie nun, bisher ein Aufgaben-geplagt^ Schulkum und ein armes, von der strengen Mutter, der ^glohnsirn Mulle, kiirzgehaltenes Haustöchterchen und bedeutete Plötzlich etwas, hatte eine Verantwortung und Dichtigkeit, und Firste sich Brot nehmen, wenn sie Hunger hatte frisches, der Seit vierzehn Tagen war sie, die Zwölfjährig--., aus der Schule entlassen. Dor acht Tagen hatte die Mutter sie bet dem Bäcker als Austragekind angemeldet; dann b^te >ie eine zweitägige Lehre bei dem Meister selber durchgemacht. Er hatte ihr die Kundenhäuser, wohin sie das Brot zu tragen ^alftMyrigt, und sie geheißen, die Preisliste auswendig zu lernen, damit sie nötigenfalls auch beim Verkauf mithelfen könne. Der notige üall war sehr schnell eingetreten, denn schon heute hatte HausammMM sie ganz unvermutet hinter den Lavenasch gestellt, hinter dem sonst seine Frau zu hantieren pfl^te. Er hatte bäte, ein böses Gesicht gemacht und etwas von Lotterer geschimpft und hinzu gefügt, Klaudi möchte ihn rufen, wenn ste etwas nicht wisse^ Dann aber war er mit seinem Wagen fortgefoßren, mit dein sonst der Geselle eine Ladung Brote nach einigen großen -ronsum- geschäften bringen mußte. Der Geselle war heute nicht zur Arbeit anaetreten. Gr sei krank, hatte Klaudi den Meister M Frau zurusen gehört. Diese aber lag offenbar auch noch zu Deti, ob krank oder nicht, das wußte sie nicht. Jedenfalls aber befand sich Hausammann um all' des Zuwideren willen cm diesem Morgen in einem mächtigen Zorn. Einmal hatte es K.audi sogar ge- schienen, als habe er der Meisterin hinter.der verschlossenen Tür der nahen Schlafkammer mit großem Gepolter Silage angedroht. Sie selbst stand nun da, im abgetragenen Kleidchen, Die Schuhe gestückt, die Strümpfe geflickt,. eine neue Kattunschurze, die ihr die Mutter zum Eintritt gekauft, vorgebunden, laiigst in Aöten und im Fall, den abwesenden Weister zu brauchen. Fremd sah sie alles an. Außer dem Preis der Semmeln, die der Beniner eben fortgetragen, war wenig genug in ihrem Gedächtnis haften geblieben. Ihr Herz klopfte. Das Blut stand ihr heiß m den schmalen Wangen. Aber das half nun nichtI Bis Hausammann zu- riickkam, mußte sie sich eben durchbeitzen, denn die Tür zum Zimmer der Meisterin war verschlossen, wie ft« bet einem Versuche, sich dort Rat zu yolen, vorytn bemerk yatte. Klaubt ft-ftzte. Sie hatte schon viel geseufzt in ihrem kurzen Leben, j" der. Schule, unter den Schlägen des betrunkenen Vaters, der setzt tot war, und vor Einsamkeit, wenn sie oft bis spät in Oie Aacht Daheim im Dunkeln hatte sitzen müssen, bis die Mütter von der Arbeit kam Aber die Gegenwart schien ihr doch am dunielten. Alt das, was sie hier schon wissen sollte und nicht wußte! Kunden, di« unwirsch wurden, wenn sie sich nicht gleich auskannte! Kunden, die lachten, wenn sie das kleine Mädchen nur sahen!Aber — es lag noch etwas anderes in der Luft. Es stimmte -Uvas nicht mit lLm Zorn des Meisters, dem kranken Gesellen und der eiw gesperrten Meisterin. Etwas tote Anheil gähnte dw Klaudi an. Aicht umsonst kam sie aus einem Hause des Aifrie^ns und der Sorge. Sie witterte Derartiges auch hier. „Wem Gott, dachte sie, „wo bin id)- hingeraten?" , „ , „ Aber die Zeit verging. Klaudi verkaufte große Brote und Heine Brote, schlug Törtchen ins Papier, wog Zuckerwerk m Tuten Wenn sie ein Schrankfach nicht erreichen konnte, kletterte sie aus einen Stuhl. And- die Käufer schauten ihr weiter zu, lächelten, und zeigten sich wieder je nach Laune hilfreich, wißbegierig, toei sie sei, oder beleidigt, daß ihre Ansehnlichkeit von so wmziger Aichtssagenheit bedient werde. Ein dutzendmal hatte he wohl schon ihre kleine Lebensgeschichte erzählt und- versichert, daß-sie wirklich nicht mehr tagschulpflichtig, sondern mar noch zum Besuch des Abendunterrichtes der Ergänzungsschule gezwungen sei, dakam Hausammann zurück. Der große, schwere Mann mit dem bleichen Gesicht und dem buschigen, schwarzen Schnurrbart trat sogleich M den Laden, da er auf seinem ganzen Gang unruhig gewesen, wie es daheim gehen werde und dabei seinen Frühmorgenarger noch tüchtig gesteigert hatte. Die Klaudi war gerade beschäftigt, mit verständigen Händen einen großen Dogen PKier für lletne Pakeft zurechtzuschneiden. Der Bäcker stutzte unwillkürlich über .Anstelligkeit. Ein to-enig Zorn schmolz ihm hmweg. Wunderllches kleines Wesen, dachte er, dann wandte sich hin ganzer Groll gegen feine Frau, die nicht an ihrem Postrnr stand. Schon wollte er sich zu ihr hinüber begeben. Da trat sie selbst heraus eine hübsche, noch junge Person mit feiner Haut und- rötlichem Haar, aber in den Augen einen merkwürdigen Glanz, als ob in ihrem Kuneri ein Durst brenne. Ihr Haar war unordentlich und in ihren W ebern ein eigentümliches Fliegen, das von.mühsam unterdrückter Hast zu zeugen schien. Sie war mit sich selber zerfallen, hatte im Bett gelegen, ohne eigentlich krank zu sein, fühlte sich schuldig und doch nicht imstande, gut zu machen. Also doch," murrte Hausanimann, mit höhnischer Anzüglichkeit, "als sie sich' an ihm vorbeidrückte. Sie antwortete nicht, obschon ihr Die Zunge sonst nicht fehlte. Kopf und Herz taten ihr weh. m <. . Der Bäcker warf einen Blick auf die Klaudi. Eine Vr-bigt, die er über die Frau loslcstsen wollft, blieb ihm im Halse stecken. Er ging an seine Arbeit. . r i , . , , Frau Stine, die Bäckerin, ergriff ein Staubtuch- und hob an, im Laden Ordnung zu machen. Sie war sauber und arbeitsam, wenn der Teufel sie nicht besaß. Beiläufig fragte sie die Klaudi, ob schon viele Kunden dagewesen, dann mit scharf ängstlichem Ton, ob sie sich auch nicht verrechnet habe. Sie tat einen Blick,M Die Ladenkasse. Wit einem Aechz-en griff si-e sich an Die schmer-i Z^KlaE machte weite Augen. Aicht verrechnen sollte sie sich ! And wissen, was sie nicht wußte! And alles versteheii, alles, auch die merkwürdigen Meistersleute! Das letzte..machte ihr immer noch am meisten zu schaffen Der rauhe Dackei. tat chi eher leid. Aber die Frau! Sie war hübsch und offenbar fleißig! Aber — warum wischte sie mit dem Staubtuch nun schon zum Dritten Wale den gleichen Deller aus? Erinnerungen kamen Der Klaudi, Erkenntnisse dämmerten ihr Ganz so sonderbar war Der Baker manchmal gewesen. Dann hatte Die Mutter die Stirn gefaltet und war ins böse Keifen gekommen. 3n diesem Augen-! blick sah sie die Meisterin eine Flasche aus einem oer Gestellt nehmen und hinter den hohen Wandschirm treten der die eine - Ladenecke mit dem Ofen abschnitt Der Kf^Di stock^ d^- Herz- schlag So hatte der Vater sich oft mit der Flasche versteckt! Fast wider Willen glitt sie der Bäckerin nach. _. . ri. I ' Gerade hob Frau Stine die Flasche mit Aum an Die durstigen L'^Klaudi trat hinzu. Sie griff mit beiden Sänpen nach der Flasche Aicht", sagte sie mit zitternder Eindringlichkeit. Frau Stine wußte nicht, wie ihr geschah. Sie hatte Klaudi nicht kommen gehört. Sie senkte Die Flasch- und sah die großen, blauen Augen des Kindes mit einem Ausdruck halb d-s Zorns, halb Des Entsetzens zu ihr aufgeschlagen. Sie schwankte. ®nt_ rüstunq und Scham stritten in ihr. Sie schaute ganz verwirr» Ms das kleine Mädchen. Es fiel ihr ein, Daß «en schlecht und. recht und allein da draußen im Laden gewirtschaftet Dann stieg ihr Das Blut, langsam, aber immer hu n- > jetzt am Halse sichtbar und jetzt an Den Wangen, bis es diese und Die Stirne tote eine Flamme überschlug. Sie sagte kein Wort. Mit zitternder Hand setzte sie Die Flasche bestelle. Drüben erschien auf einmal wieder uer Backer. Die Salle yar ihn herbeigezogen. Er erriet die Zusammenhänge und hatte ein Mes Wort auf Den Lippen. Aber die Klaudi - es war sonderbar — er mochte vor ihr nicht schimpfen. 195 Oie Klingel tönte. Der Dicker ui engte eine Bewegung, um die ein tretende Kundin zu bedienen. Wer die Klaudi war schon hinter dem Ladentisch. Die fretnde Frau wollte Krankenbrot haben; ganz leicht verdaulich müßte es sein. Wieder machte der Bäcker einen Schritt. Auch Frau Stine wollte eingrerfen. Aber die Klaudi gab- Bescheid. Zwiebäcke sollte sie nehmen, die Kundin. Das set sehr gut für Kranke. „Woher weißt du denn das?" fragte die Käuferin belustigt. „Bon selber," sagte die Klaudi und lachte nicht; es war ihr auch gar nicht zum Lachen. Aber durch das Ladenfenster fiel ein bleicher Sonnenstrahl und war wie das Licht eines Scheinwerfers. Er umlenchtete die Gestalt der Klaudi, fadenscheiniges Kleid, Flickstrümpfe, plumpe Schuhe, schmale Hände und altkluges Gesicht. Ein wissender Zug war in diesem. And doch war es jung. And- man bekam, wenn man es sah, Lust, den blonden Kopf zwischen die Hände zu nehmen und — Der Bäcker Hausammann schlurfte hinaus und begann in der Backstube Blätterteig zu kneten. Er ärgerte sich nicht mehr, daß der Geselle krank war und die Frau nicht wie sie sein sollte. Es war ihm merkwürdig znmut. Leise und vergnügt begann er vor sich hin zu pfeifen. Frau Stine nahm ihren Platz am Ladentisch ein. Bun verkauften da zwei. Die Frau begann, das Kind allerlei zu lehren. Aber zuweilen war es, als sei es umgekehrt, und Frau Stines Blick streifte von der Seite scheu die Züge der Klaudi. Die blasse Sonne im Fenster wurde hell, taghell. Das wehrhafte Fräulein. Bon Friedrich Freksa*). (Fortsetzung.) Sn dieser ganzen Zeit stand Herr Josias, der bei alledem nichts zu tun vermochte, da es die Kufsin nicht litt, voll Mitgefühl und ratlos neben dem Lager. Des öfteren wanderte der Leuchter, den er hielt, von der rechten Hand in die Linke. Leide, die Katze, saß am Fußende des Bettes und schaute mit schiefein Kopfe ein wenig mißtrauisch den neuaufgenommenenHaus- genossen an. Jammer lag zur Seite des Bettes und beroch sorgsam die herabgesunkene Hand des Fräuleins, als wolle er sich Über den Charakter des Gastes klar werden. Während die Kufsin in der Küche und am Bette hantierte, war Herr Josias nur der Betrachtung dieses Bildes hingegeben. Gemach Überkam ihn das Gefühl von der Schönheit dieses trotzigen Mädchengesichts. Königlich ruhte der Kopf im reichsten Kissen, das gebildet war durch die aufgelösten Flechten des Üppigen, braungoldenen Haares. Der schlanke Körper zeichnete sich unter den wollenen Decken ab. Schwerlich hätte ein Fremder, der in die Kammer getreten wäre, vermeint, die Gestalt eines Mädchens zu sehen, hätten es nicht die beiden kleinen Füß-e verraten in den Minuten, da sie die Kuffin mit ihren braunen Händen fast zärtlich strich und- rieb. Fünf Jahre zuvor hatte der Pfarrherr der Jungfrau den notwendigsten Airterricht in des Doktor Martini Katechismus und der Bibel erteilt. Seitdem hatte er das Fräulein selten und nur von ferne gesehen, da sie den Besuch der Stadt mied. Doch war es in Emmspringe bekannt, daß sie tagelang auf ihrem Bosse durch Wald und Wiese klepverte, ohne Begleitung, ohne Schuh. Sie verließ sich auf sich selbst und- ihre Schießfertigkeit. Daß sie das tun durfte, hatte sie eines Abends vor den geschlossenen Stadttoren bewiesen, als sie sich siegreich mit den Halfterpistolen marodierende Soldaten vom Leibe hielt. Bon ihrer Kühnheit und Gewandtheit, von ihrer Sinnenfchärfe und ihrem Jagdeifer konnte der alte Förster von Herrenbruch nicht genug erzählen, wenn einmal im Goldenen Horn auf das Fräulein die Rede kam. Doch waren diese wehrhaften Tugenden nichts Sonderliches bei den Frauen von Herrenbruch. Hatte doch selbst noch vor acht Jahren das fünfzig Jahre alte Fräulein Mathilde von Herrenbruch, die ältere Schwester des bei Bördlingen gefallenen Schloßherrn, das feste Haus mit den Knechten und Mägden gegen einen Heerhaufen schwedischer Böller siegreich verteidigt. Bei einem Ausfall, dessen die Schweden sich nicht versahen, hatte das Fräulein sogar den Führer der Schar, den Kapitän Sir Stuart Hamilton, der verwundet liegen geblieben war, gefangen. Fast ein Jahr lang krankte dieser Gefangene, den das kühne Fräulein um ihrer Ehre willen ritterlich hielt, an seinen Wunden. Gr war noch nicht gesundet, als seine Besiegerin selbst von einer schnellen, fiebrigen Seuche dahingerafft wurde. Als er endlich genesen war, betrachtete die Schlvßherrin, Frau Magdalis, den Gefangenen schon längst als einen ließen Gast. Er war in guter Freundschaft mit dem sechzehnjährigen Jungherrn Gustav Friedrich verbunden, mit dem er fischte und jagte nach Engländerart, den er die feineren Künste des Fechtens lehrte und den Gebrauch der französischen Sprache. Die Kenntnis dieser Sprache besonders war es, die Frau Magdalis für den Fremden einnahm. Sie entstammte einem Geschlecht, das im Rheinlande faß und durch Gastfreundschaft und Bersippung mit den westlichen Bachbarn verbunden war. So war es natürlich bei ihr, daß sie Freude an dem altmodischen Wesen welscher Art hatte, weil Erinnerungen an ihre Jugendzeit dadurch erweckt wurden. In den Jahren des Krieges war sie einsam geworden. Ihren Gemahl hatte es hinausgetrieben ins Feld, ebensosehr aus Freude an Abenteuern und- Kampf, als aus der gebieterischen Botwendig- keit, Beutegut zur Stärkung des heimatlichen Besitzes zu erlangen. Der große Krieg war für dieses Menschengeschlecht nichts anderes als ein gutes, ehrsames Geschäft, in dem der tüchtige Mann, wie in jedem anderen Gewerbe, den verdienten Lohn empfängt, während- der Antüchtige unter die Füße getreten wird, was auch sonst im Menschenleben als Gesetz gilt. Sir Stuart aber war zum Glücksürv-alier geworden, als Cromwell die Königsherrschaft in England zermalmt hatte. Don seinem Bermögen war ihm nicht viel mehr geblieben als sein Schwert. Die unverhoffte Ruhe, die er als Gefangener in Herrenbruch fand-, tat ihm Wohl. Sich freizukausen, hätte er nie vermocht. So entfaltete er denn seine natürliche Liebenswürdigkeit, um aus feiner Lage möglichst großen Butzen zu ziehen. Er hatte Ruhe und Gelassenheit, die ein wechselvolles Leben in starken Baturen erzeugt. Als er seine Kräfte zurückgewonnen hatte, erschien er trotz seiner vierzig Jahre als schlanker, geschmeidiger Kavalier. Das lange, straffe, dunkle Haar, dicke Brauen über den großen, stahlgrauen Augen und der Schw-edenbart verliehen dem sehnigen dunklen Gesicht einen sonderlichen Reiz. Es war kein Wunder, daß der her- anwachseird-e Jungherr, dessen Träume von kriegerischen Bildern erfüllt waren, den englischen Herrn wie einen Abgott liebte. Erzählte er ihm doch von seinen Feldzügen am Rhein unter Bernhard- von Weimar, von den Kavalierschlachten in England unter dem Prinzen Rupprecht von der Pfalz, von den Biederlagen gegen die Eigenseiten Cromwells, von der Enthauptung des Königs Karl. Frau Magdalis berichtete er von den üppigen Festen am Hofe des englischen Königs. Gr beschrieb Kleider und Haartracht der Damen, die von der Freifrau auf Herrenbruch nachgeahmt wurden, erzählte von den französischen Sitten und ward so unmerllich ein unentbehrlicher Freund-. Die Dame von Herrenbruch zitterte bei dem Gedanken, daß- der lieb-gewvrdene Fremde das Haus verlassen könne. Bach drei Jahren schaltete Sir Stuart im Schlosse als unumschränkter Herr. Als er mit den Führern durchziehender Kriegs- scharen in geschickter Berhand-lungen für die umliegenden Ortschaften Erleichterungen und- Befreiung erwirkt hatte, galt er als der natürliche Führer der Landschaft. In der ganzen Amgebung gab es keinen Herrn, der ihn nicht geachtet, gefürchtet oder geliebt hätte. । Also war es um das Haris Herrenbruch bestellt, als an jenem Abend mit dem Herbststurm die Friedensbotschaft durch das deutsche Land- brauste und das Fräulein Got li be ohnmächtig neben ihrem Pferde vor der Pforte des Pfarrhauses gefunden ward. Die fürsorglichen Bemühungen der Kuffin waren nicht vergebens gewesen. Gemach hatte das Fräulein seine Kraft wiedergefunden. Als ihre Augen, die zunächst wie tote Spiegel das Bild des Raumes ausnahmen, von innerem B-ewußtseinslük) erhellt, Herrn Josias Rvttner erkannten, reckte Gottliebe in plötzlicher, freier Bewegung die Arme aus, umschlang die Schultenr des alten Mannes, zog ihn zu sich herab- und sagte: „Ihr seid milde zu mir, Pfarrherr, die Milde heischt Bertrauen. Will Euch drum erzählen, warum ich wie ein flüchtig Wanderweib zu Euch geraten bin. Aber lasset mir Zeit, da mir's noch wirr im Kopfe ist und die Gedanken mir entrinnen, wenn ich sie haschen will." Ist einem jungen Menschenkind das Herz voll und schwer und sind um dieses Menschenkind gütige, alte Hürde besorgt, forschen keine neugierigen, dringlichen Stimmen nach dem Kummer, sondern lassen Ruhe und Bachsicht die Schmerzen und Leiden fein satt und reif werden, wie Trauben in der Sonne, so fallen nachher die Worte gemach von selbst aus der Traube jugendlichen Leides, wie überreif e Beeren von den Reben. So antwortete Herr Josias auf den plötzlichen Ausbruch des Fräulein Gottliebe mit einem Schweigen der Lippen, aber die guten alten Augen sprachen um so mehr. Sie sagten: Du bist hier Gast. Wir wünschen nichts von dir und deinen Geheimnissen! zu wiston, doch wenn es dir wohl tut, so sprich! Die Kuffin, die aus ihren HvlzsHuhen geschloffen war, ging unhörbar auf nackten Sohlen ab und zu. Jammer der Hund sch-aute mit großen, glänzenden Augen starr, wie arrs Stein gehauen, zu dem Mädchen empor. Bur Leide, die Katze, die sich zur Kugel geballt hatte, schnurrte am Fußende des Bettes leise ermunternd. Während- das Fräulein wohlige Wärme durchdrang, verblich ihr die Gegenwart zum Traum, in den das Vergangene wie der Traum eines Traumes schattete, ßangfam lösten sich die Worte von' ihren Lippen, als suche sie entschwindende Bilder mit dem Bebe der Erzählung einzufangen. Schon lange habe sie eine Abneigung gegen Sir Stuart Hamilton gehegt. Sie hab-e sich seine höfische Art gegen die Mutter und- andere Herren und Damen vom Adel iricht zusammenreimen können mit der Roheit gegen Knechte und Mägde. Mit der Faust habe er die jungen Burschen, die ihm nicht gehorchen wollten, ins Gesicht geschlagen, den Mächten habe er Backenstreiche gegeben oder auch wohl die Reitpeitsche über die nackten Waden gezogen. Sei er ihr genaht, so habe sie immer ein Gänsehäutlein gefühlt, so ihr über Schultern und Arme gekrochen. Als Keines Juirgsräulein hätte sie den Herrn Stuart noch meiden können, und daß Mutter und Bruder, die von dem Engelschnrmrn ganz bezaubert getoefen — 196 waren, sich nicht viel um sie gekümmert Hütter, habe sie nicht weiter verdrossen, da Wald und Wiese ihr lieber gewesen seien als die großen, kahlen Gemächer des Schlosses. Allein vor einem halben Jahre habe Sir Stuart darauf bestanden, sie stets am Tische zu sehen. Da habe er sie ständig gehvf- meistert, sie müsse als Edelfräulein sich üben in zierem Wesen und guter Haltung. Auch sei er bei Tisch aufgestanden, um ihr die Ellenbogen zurechtzurücken und genau zu beobachten, wie sie schnitte und die Dissen zum Munde führe. Sie könne es nicht leugnen, sie hätte dazu sauer geschaut und wäre herb gewesen zu dem Fremden, trohdem die Mutter es ihr Les öfteren verwiesen. Aus dem kleineren Aergernis sei ein größeres erwachsen, als Sir Stuart eine Leidenschaft überkam, gleich ihr hinauszustreifen in Wald und Wiese. Als Dorwand, um sie dauernd zu begleiten, habe er Len lieberfall Ler Marodeure gebraucht, deren sie sich Loch glücklich erwehrt hätte. Aber sie sei zumeist des Morgens früher aufgestanden als Sir Stuart und vor ihm aus dem Schlosse entwichen. Habe ihr das zwar bei den Mahlzeiten finstere Dlicke eingetragen, die sie aber mit Lächeln abgewiesen. Allein vor einem Monat habe ihr Bruder sie in aller Frühe ausgesucht und ihr erzählt, Sir Stuart Hamilton M krank aus Liebe zu ihr, und er frage sie, ob sie nicht geneigt fei, Sir Stuart wieder zu lieben. Hätte sie eine Faust gesehen, die ihr einePistolen- mündung plötzlich wider das Auge gerichtet hätte, ihr Schrecken hätte kein größerer sein können. Doller Abscheu habe sie die Zumutung des Bruders abgewiesen. Doch das liebel sei um so schlinrmer geworden, denn Sir Stuart sei hinter ihr hergewesen wie verfolgende Panduren hinter flüchtigen Bagagen, so daß sie sich keinen Rat mehr gewußt habe. Gestern nun habe sie der EngelfHmann auf der dunklen Treppe überrascht und trotz ihres Sträubens geküßt. Zu Mittag habe er ihrer gespottet und behauptet, er wäre ein Petrucchiv und wisse widerspenstige Käthchen zu zähmen. Das würde sie schon erfahren, wenn sie beide erst zum Altar geschritten seien. Ob dieser Reden wäre die Frau Mutter totenblaß geworden und hätte ein Glas zerbrochen. Ihr sei bange zumute geworden, und so habe sie sich nach dem Mahle entschlossen, ihre Kümmernisse und Aengste der Mutter anzuvertrauen. Sie sei zum Gemache der Mutter gegangen mit dem festen Entschlüsse, ihr anzukündigen, sie könne nie und nimmer die Frau des Sir Stuart Hamilton sein. | (Fortsetzung folgt.) Warkrenfammeln erls Wisssnschaft. Don M. (Büttner. Die Briefmarken aller Länder, gestempelt oder „postfrisch", sind Sach- und Goldwerte von internationalem Kurs. Diese von jeder Valuta-Schwindsucht unberührte hohe Votierung der phila- telistischen „Wertpapiere" hat leider dazu geführt, daß bei uns auch das Markensammeln immer, mehr zu einer materiellen und spekulativen Angelegenheit geworden ist. Zum Schmerz aller aufrichtigen Sammler aus der guten alten Zeit vor dem Kriege, denen ihre Liebhaberei noch Herzenssache ist. die sich die Liebe zu ihren kleinen bunten Idealen nicht rauben lassen wollen. Ilm so höher sind alle Bestrebungen und Faktoren zu schätzen, die dazu beitragen, den sachlich-ernsthaften Gehalt des Marken- sammelns zu fördern und seine ideellen Werte zu bereichern. Dem Kenner braucht nicht gesagt zu werden, wie zahlreiche Bezirke der Wissenschaft das kleine Markenbild umfaßt, wie Geschichte, Geographie, Ethnologie, Wirtschaftskunde, Zoologie, Botanik, Heraldik, Kunst usw. hier zum Studium durch vielseitigen Anschauungsunterricht en miniature locken. Unter diesen Ilmständen ist es keine Iltzbertreibung, wenn man eine auch nur einigermaßen gescheit zusammengestellte Markensammlung als eine Art „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens" bezeichnet. Es kommt nur darauf an, den in einer solchen Fundgrube liegenden Kenntnisreichtum zu heben. Diesem Streben des „geistigen" Sammlers — im Gegensatz zu dem allzusehr an philatelistischen Aeutzerlichkeiten hängenden — versucht in den letzten Jahren in wachsendem Umfange eine einschlägige Literatur zu dienen. Aller- Lings handelt es sich bei den betreffenden Werken um Spezialgebiete, während' eine umfassende Enzyklopädie bisher fehlte. Erst jetzt steht dem wisfensdurstigen Markenfreund eine solche in dem kürzlich erschienenen „Großen Lexikon der Philatelie" von Alexander Dungerz (Verlag Albert Kürzt, München) zur Verfügung. Auch der kundige und älteste Sammler wird aus dem verdienstlichen Werk noch manche Belehrung schöpfen können; gar nicht zu reden vom Anfänger und' mittleren Sammler, der kaum ahnt, welche Fülle des Interessanten und Wissenswerten das weite Feld seiner Liebhaberei umschließt. Oder wer wüßte etwa — um eine kleine ethnologische Probe zu machen —, was es mit einem „Jonagibako" für eine Bewandtnis hat? Cs ist das Weidenkörbchen, das auf der roten 3-Äen- Marke Japans vom Jahre 1900, der Festausgabe zur Hochzeits- feier des Kronprinzen, abgebildet ist. In dem Körbchen wird der erste Brief aufbewahrt, den der Bräutigam der Braut schickt; es ist hübsch mit rotem Papier ausgeklebt und mit Bildern bort Kranichen und Fichten verziert, den Sinnbildern langen Lebens; denn Kraniche tverden nach dem japanischen Volksglauben 1000 Jahre alt, und' Fichten gehen nie ein. - Das Körbchen, in dem sich ferner soviele kleine Kuchen aus Reismehl befinden, als die Braut Lebensjahre zählt, muß drei Tage und drei Rächte im Drautgemach stehen. Auch die Entstehungsgeschichte einer der ältesten und teuersten Marken, der schwarzen 10 Centimes von Neukaledonien 1860, dürfte selbst unter den sachverständigen Spezialsammlern nicht allzuvielen bekannt fein.. Der mit -dem Postdienst betraute französische Sergeant Triquera von -der Marine-Infanterie in Port de France fertigte 1859 den Druckstein für diese Marke mit dem Kopf Aa- poleons an. Den Stein fand er 8—9 Kilometer von Ronmea und übertrug auf ihn die Zeichnung in mühevoller Handarbeit fünfzig- mal mittels einer Radelspitze, wodurch naturgemäß ebensoviele Typen mit kleinen Abweichungen entstanden. Die originelle Marke wird heute mit etwa 50 Goldmark und mehr bewertet. Auch sonst bietet der Werdegang von Briefmarken namentlich mit porträtartigen Darstellungen manches Interessante. Wer kennt oder erinnert sich etwa noch an das Modell zu den deutschen Germania-Marken, gegen die etwa 20 Jahre lang unser künstlerischer Geschmack rebellierte? Es war die früher bekannte, noch heute in Derlin-Wilmersdorf lebende Schauspielerin Anna Füh- ring, die bei vielen festlichen Gelegenheiten ihrer stattlichen Erscheinung wegen die Figur der Germania verkörperte. Aach Bildern und Statuetten, die sie in dieser Rolle Larstellen, zeichnete der Graphiker Paul Waldraff 1900 das allbekannte Markenbild. Eine Photographie der Künstlerin zeigt sie mit Krone, offenem Haar und Drustpanzer, ganz ähnlich wie sie dann auf den Marken verewigt worden ist. Ein Gegenstück hierzu bildet übrigens Oesterreich mit feinen 20—100-Kronen-Marken der Ausgabe 1922, auf denen in stilisierter Form Erika Wagner, die Heroine der Wiener Staatsoper, Lurch den Zeichner W. Dachauer abgebildet.wurde. Wie sich der Begriff des Marksnsammelns von feinen Anfängen bis heute gewandelt hat, zeigen mancherlei historische Reminiszenzen. Recht eigenartig mutet z. B. Len modernen Philatelisten Las erste, auf Marken bezügliche Inserat an, das im Jahre 1841 in Len „Times" erschienen und etwa lautete: „Briefmarken gesucht. Ein junger Mann, der sich sein Schlafzimmer mit gestempelten Briefmarken tapezieren möchte, hat bereits, dank der Liebenswürdigkeit seiner Freunde, mehr als 16 000 Stück gesammelt; da Liese Anzahl aber noch nicht ausreicht, bittet er mitfühlende (I) Personen, Lurch Heberfenbung von Briefmarken zur Verwirklichung seiner Idee beizutragen." — Äeberhaupt erfreuten sich die Markentapeten früher anscheinend einer gewissen Beliebtheit. So berichtet ein Fachblatt aus dem Jahre 1845: „Auch Kaufleute gibt es in England, die von der Sucht, solche Königinköpfe (die ersten englischen Marken mit Ler Königin Viktoria) zu sammeln, angesteckt sind. Sie b'enützen dieselben, um Cornptoire damit zu bekleben, und man hat in London bereits große Cornptoire gesehen, die mit solchen Stempeln an allen Seiten völlig tapeziert sind." Ein anderes Blatt meldete 1882 von dem Kloster der Brüder von Saint Jean de Dieu und dem Karthäuser-Kloster zu ©ent, Laß einer der Brüder 153 874 Marken aus 800 000 ausgewählt und zu landschaftlichen und figürlichen Motiven als Tapete zusammengestellt habe, mit der die Wände Les Sprechzimmers geschmückt seien. Auch Driefmarkenbilder, aus einzelnen Marken zusammengeklebt, wurden in früheren Zeiten vielfach hergestellt. Ilm nur ein Beispiel zu nennen, war 1896 in der Kanzlei der Wiener Waisenhauses eine Wiedergabe des Abendmahls von Lionardo da Vinci 51t sehen, die von dem ehemaligen Sekretär des Waisenhauses, Karl Stoß, aus 12 000 Marken zusammengefügt war. Als Kuriosa seien ein paar noch wunderlichere Ausschweifungen der Sammlerphantasie erwähnt; ein Driefmarkenkleid wurde auf einem Ball in Bermuda getragen; es bestand aus 30 000 Marken, die. verschiedene Muster zeigten. Auf der Taille einen Adler, der in seinen Fängen den Erdball hielt, an beiden Seiten das Sternenbanner, auf dem Rücken ein Porträt innerhalb eines Schildes. Der zu dem Kleide passende Hut war gleichfalls mit Marken bedeckt. Daß auch Herrenanzüge aus Briefmarken hergestellt bzw. beklebt oder benäht worden sind, zeigt eine Abbildung in einer englischen Zeitschrift des Jahres 1921 mit dem überzeugenden Kommentar: „Da Kleidung in Deutschland noch äußerst kostspielig ist, hat sich Lieser Mann mit einem Anzug bekleidet, der aus gebrauchten Briefmarken aller Wertstufen und vieler Länder besteht." Vermutlich sehen nun die leichtgläubigen englischen Leser uns in Deutschland massenhaft in Briefmarkenanzügen Herumlaufen! Sogar von einem besonders wertvollen philatelistischen Ofenschirm, der 1875 auf dem Jahrmarkt in Salzburg zum Kauf angeboten wurde, weiß die Tradition zu berichten. Der Rand des Schirms war aus gelben österreichischen und schwarzen Dahermarken, das Mittelfeld mit den verschiedenartigsten Marken in quadratischer Form beklebt, und in einem Kreise waren die Buchstaben F. J. I. (Franz Josef l.) aus roten Merkurmarken gebildet. Die Buchstaben waren etwa 16 cm hoch und bestanden aus mehr als 20 roten Merkuren. Da der Ofenschirm damals nur 2 Gulden 50 Kreuzer gekostet haben soll, der Wert einer einzigen der roten Merkur- Marken heute aber in vierstelligen Gvldmark-Ziffern ausgedrückt werden muß, so bedeutet der Erwerb für den unbekannten Käufer eine recht günstige Kapitalanlage. Schrittleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lanae. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.