Gießener Pmilienblütter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (92^ Samstag, den März — g Der Sohn. Don August Friedwalv. Der Professor der Philosophie und Pädagogik Adolf Köhler pflegte seinen Studenten einzuschärfen, die wertvollste Gabe für den Lehrer sei ein froher Glaube an die (Zagend und eine verstehende Liebe zu ihr; man müsse ihr mehr Freiheit lassen, mehr Vertrauen schenken, mehr an das Gute in ihr glauben; das Döse entstehe erst, wenn man der Jugend mißtraue und ihren freien Betätigungsdrang ungebührlich einenge. Halte man die Menschen für gut, so würden fie gut. Diese Grundsätze praktisch zu erproben hatte er freilich bisher keine Gelegenheit gehabt; doch sollte sich ihm unerwartet eine solche bieten. Eines Tages fand er unter seinen Postsachen einen Dries, der ihm schon äußerlich auffiel: er war rosarot gesiegelt, die Aufschrift zeigte schwungvolle Züge. Mit einer gewissen ahnungsvollen Reu- gierde öffnete er den Dries und las: „Hochzuverehrender Herr Professors Im Februarh.'ft Ihrer Zeitschrift für pädagogische Psychologie finde ich Ihren Aufsah über das freie literarische Schaffen der Kindheit und (Zagend, der mich für Sie einfach begeistert hat. Verzeihen Sie. Herr Professor, daß ich das so offen gestehe, aber ich bin gewohnt, das, was ich empfinde, ohne Scheu denen gegenüber zu äuß:rn, zu denen ich glaube Vertrauen fassen zu können. Ich habe nämlich auch schon manches geschrieben: Gedichte, erotischen und philosophischen Inhalts, ein „Tagebuch" und zuletzt mit einigen älteren Kameraden zusammen Streitschriften über „Die Religion des neuen Geschlechts". »Idealismus und Realismus" und „Die Schule der Zukunft". Es wurde mir von hohem Werte sein, Ihr Urteil über mein Wollen und Können zu erfah-ren. Ich trage den sehnlichsten Wunsch im Herzen, einmal Mitarbeiter an Ihrer Zeitschrift zu werden, um allen unverstandenen Kameraden zu helfen und die Jugend aus der Knechmng der heutigen Schule zu erlösen. Ob ich selbst bis zur Reifeprüfung aushalten werde, weih ich nicht. Ich habe gar keine Lust, mich noch fo lange nach dem Schema F schablonieren zu lassen. Je eher, je lieber möchte ich zur Freiheit, zur Höhe empor — nicht für mich, für die Menschheit! Werden Sie mit einer Antwort beglücken Ihren Sie verehrenden und hochschätzenden Druno Theodor Beier." Schon an demselben Tage antwortete Professor Köhler freundlich und entgegenkommend, er möge seine Schriften senden und ihm einiges aus seinem Leben erzählen. So erfuhr er, Theodor sei der ä[*efte Sohn eines Druckereibesitzers in einem vstpreußi- schen Landstädtchen. Der Vater, ein tüch iger Geschäftsmann, habe sich durch eigene Kraft und Umsicht zu Wohlstand heraufgearbeitet, trefflich unterstützt von seiner Frau, deren Energie, Klugheit und Güte Theodor begeistert rühmte. Er selbst fei in früherer Jugend lange kränklich gewesen. So besuchte er, obwohl er fast 18 Jahre alt sei, erst die Obersekunda des humanistischen Gymnasiums der benachbarten Kreisstadt. Er fei „sehr gut" im Deutschen, „ungenügend" in Mathematik. Er fühlte den Drang in sich, einmal Journalist zu werden, um erziehend und erhebend auf feine Mitmenschen einzuwirken. Auch sei er schon verlobt mit der Tochter eines Gutsbesitzers, insgeheim natürlich; nur seine Mutter wisse davon. Ein Briefwechsel entwickelte sich: Theodor brachte mancherlei Fragen und Erlebnisse zur Sprache; er schickte seine Gedichte — es traten meist Liebesgedichte an feine Irene, feurig und schwungvoll —; er schickte Aufsätze über philosophische Probleme und über Schulreform; er vertraute schließlich dem väterlichen Freunde sein Tagebuch an: es war ganz intim persönlich gehalten und reich an lyrischen Ergüssen. Dem alternden Professor, der in seinem Junggesellendasein Jahr für Jahr mehr vereinsamte, war dieser Driefwechsel bald eine liebe Daseinserfüllung geworden; erschloß sich ihm doch Theodor mit rückhaltloser Offenheit und unbedingtem Vertrauen. So tear ihm gleichsam durch göttliche Gnade ein liebevoller, hoch begabter Sohn geschenkt worden, für den er sorgen und alles das fruchtbar machen konnte, was Rachdenken und Erfahrung ihn über Menschen und Leben gelehrt hatte. Daß er ihn nicht von An- gesicht zu Angesicht kannte und — bei der weiten Entfernung — Wohl nie kennen lernen würde (Köhler lehrte an einer Universität des westlichen Deutschlands), das dünkte ihm fast ein Vorzug. Ihr Briefwechsel war so gleichsam das Zwiegespräch von zwei reinen Geistern, ungetrübt und unbehindert von aller Rücksicht auf äußere Dinge, wie Unterschiede der Stellung, des Alters. Auch Köhler wurde im Ton seiner Driefe allmählich wärmer und eines Tages redete er seinen jungen Freund mit „Du" an. Dieser antwortet« ihm: „Mein Meister! Du! Ein Helles Jauchzen in mir, ein jubelndes Sinken und Klingen: Du! Eine schönere Ostersreude hätte ich kaum haben können: ein Wunsch, den ich leise in meinem Innern gehegt und ängstlich verborgen, ist über Rächt erfüllt worden. Und nun tanzt immer vor meinen Augen ein lachendes, gütiges „Du" und mit zierlichen Strichen gemalt, das Wort „dein Freund". Gibt es ein Höheres Glück als das: Freunde zu haben?" Lind nun schilderte er feine Freunde, besonders seinen Herzensfreund Karl. „Die gemeinfam verlebte Jugendzeit hat uns zu Freunden gemacht, zu wahren Freunden trotz aller großen Unterschiede. Denn ich bin ein ganz anderer wie Karl, der lange, blonde Germane. Schon äußerlich: Er groß und schlank, fast Überschlank, ich kleiner, breiter, und doch beweglicher; er semmelblond, ich brünett. Gr oft schwerfällig, langsam trotz seiner Lebendigkeit, ich ganz Rerv. ganz Temperament, ganz Leidenschaft . . ." Theodor war an Ostern nicht nach Unter-Prima versetzt worden, weil er ungenügend in der Mathematik und schwach in Französisch war. Er hatte daraufhin aus dem Gymnasium austreten wollen; aus Rat Köhlers hatte er sich aber zum Bleiben entschlossen. Jedoch einige Wochen nach Beginn Hes neuen Schuljahrs erhielt er wegen eines — im Grunde unbedeutenden — Verstoßes gegen die Schulordnung eine recht harte Strafe. Jetzt setzte er es bei seinen Eltern durch, daß er die Anstalt verlassen konnte. Er hoffte auf einer „Presse" in kürzerer Frist zur Reifeprüfung sich vorbereiten zu können, und er fragte bei Professor Köhler an, ob auch dort eine solche Anstalt fei. Der bejahte. Run toar für Theodor die Sache entschieden und auch die Eltern stimmten trotz der weiten Entfernung zu. weil sie ihrem ältesten Sohn, ihrem Sorgenkind, nicht leicht einen dringenden Wunsch abschlugen. Mit freudig r Erwartung und doch zugleich mit einigem Dangen sah Professor Köhler Theodors Ankunft entgegen. Jetzt bot sich ihm ja die schönste Gelegenheit, die pädagogischen Grundsätze. die er seit Jahren seinen Studenten vortrug, praktisch zu erproben. In freiestem Geiste wollte er einen jungen Menschen leiten, der augenscheinlich unter dem Zwang der Schule und deren Unvermögm. zu individualisieren, litt. Was an weitherziger, verstehender Liebe, an zarter, taktvoller Fürsorge ein so früh entwickelter Jüngling nur brauchen könne, das wollte er ihm in reichster Fülle geben. So freute er sich daraus, gleichsam sein pädagogisches Meisterstück ablegen zu können. Andererseits drängte sich ihm doch die bange Frage auf: würde fein Verhältnis zu Theodor so ideal, so unberührt von allem Klein-Menschlichen und Alltäglichen bleiben? Würden fie sich weiter so gut verstehen und zueinander hingezogen fühlen, wenn der große Altersunterschied dem Auge sichtbar würde? Der Tag kam, da Theodor bei Professor Köhler eintrat und ihm gegenüber saß. Dieser konnte sich einer leisen Enttäuschung nicht erwehren. Seinen „Sohn" hatte er sich etwas anders vorgestellt: jugendlicher, frischer, hübscher, natürlicher. Ein elegant gekleideter junger Herr saß da vor ihm: eher wie ein Löjähriger aussehend als wie ein 19jähriger; blasse, gelbliche Gesichtsfarbe; eine große Hornbrille. Das einzige Schöne: reiches, dunkelbraunes Haar. Professor Köhler hatte zu oft erfahren, daß die Wirklichkeit der ibeatifierenben Phantasie nicht entspreche. So ließ er sich nicht irre machen in seinem Vorsatz. Theodor ein väterlicher Freund und liebevoller, treuer Berater zu sein. „Aber ich teil!' dich nicht bevormunden," sagte er ih n, „ich will in keiner Weise Autorität für dich fein. Du selbst sollst jetzt dein Geschick in die Hand nehmen. Du sollst dir deiner eigenen Verantwortung voll bewußt werden. Deine Zukunft wird fein, wie du sie dir schaffst, lieber alles, was du mit mir besprechen willst, tverde ich dir offen und sachlich meine Ansicht sagen. Aber du selbst muht entscheiden. Auch wenn du meinem Mite nicht folgst, sollst du mir gleich lieb sein. Und solltest du einmal schuldbeladen zu mir kommen: meine Liebe wird größer sein als Deine Schuld. Und noch eins: Du hast dir ein Idealbild von mir geschaffen. Sei nicht allzu enttäuscht, wenn dein „Meister" dein nicht entspricht. Aber vertraue mir, daß ich es gut mit dir I meine “ — 34 — Romantische Briefe. „Verliere keinen meiner Brief«, halte sie heilig. Sie sollen mich einit an mein besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster venolgen, und wenn ich tot bin, fv flechte sie mir in einen Kranz." Welcher unserer Zeitgenossen wird das von seinen Briefen sagen Kimen, was hier Clemens Brentano, der geistvolle romantische Schwärmer, seiner Schwester Bettina schreibt? Haben wir nicht seit langem den Sinn für die Poesie, des Briefes, für den bildenden, selbst erzieherischen Wert von Brief und Tagebuch in der Hast und Anrast unserer Tage verloren? Wer findet heute noch Zeit und Muhe zu einem Augenblick der Selbstbesinnung, wer vermag heute noch einen so regen und fruchtbaren Gedankenaustausch zu unterhalten, von dem uns frühere Zeiten in unzähligen, umfangreichen Briefsammlungen erzählen? Das Zeitalter der Schreibmaschine ist ihnen wenig günstig. Welch« unschätzbaren erzieherischen Werte uns damit verloren gegangen sind, sehen wir beim Durchblättern des Briefwechsels von Clemens und Bettina Brentano. Für den hier schon rühmlich genannten Wolken- wände r e r - Verlag in Leipzig hat Mary Sahin Brentanos Frühlingskranz*) neugewunden, der Verlag hat ihm ein entzückend stimmungsvolles Gewand geoeben, so das) auch hier wieder ein kleines Kunstwerk entstanden ist. das jeder Bücherfreund gern zu den Semigen zählen wird. „Es ist ein Buch der Jugend," sagt die Herausgeberin, „voll von lyrischer Kraft, atmet alles traumhafte Schon, ha. Märchenbrunnen rauschen um unsere beschwingte, lauschende Seele, und Sonnenstrahlen zittern huschend darüber hin. Es ist wahrhaft ergreifend, mit welcher Hingabe Brentano an seiner Schwester gehangen. Immer wieder versuch.« er, ihre g istige Ausbildung zu einer harmonischen auszübauen. Die besten Bücher sendet er und bestürmt sie in fast allen Briefen, die schönen Kunst« nicht zu vernachlässigen." So schreibt er ihr einmal: „Ein Herz, das so herrlich grünt und blüht wie Deines, bedarf nur der Liebe, und die meine gehört Dir gänzlich. Folge Deinem inneren Ruf, er ist stark in Dir. Wer wollte Dich ihm entziehen, es wäre ein Frevel, dies zu wollen oder zu wünschen. Daß die Welt den grasten Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche Verkehrtheit, hat Dir selbst bei Deinem ersten Blick in die Welt ein- geleuchtet. Dah sie aber zu ihrer Ursprünglichkeit zurückkehren soll in vollem Bewußtsein, das mühte jedem Einzelnen klar werden. Aicher ihr sein wollen ist Vernichtung Rein, jede individuelle Kraft kann nur durchs und in der Allgemeinheit Wurzel fassen, kann nur in sich selbst verstehen lernen. Alle kühnen Taten großer Menschen sind ein unwillkürliches aber naturgemäßes Mitwirken der Gesamtheit oder der Geschichte der Dinge, deren Erzeugnis ja auch der Geist ist Man beurteilt zwar oft die Menschen nach einem sinnlichen Wert oder Anwert. Dieser aber ist im allgemeinen Weligeschick nicht mehr zu rechnen" And dann: „Ich will nicht, dah Dein eigener Charakter, der sich so fest und entschieden ausspricht sich einem anderen unterwerfe. Will aber audfr nicht, dah über die Handlungen eines wirklich grasten Menschen ein schlechtes Arteil gesprochen wird. . . . Ich möchte Dich doch an allem lei lehmer lassen, was mich rührt und bewegt. Antworte mir und bewaffne Dich gegen jeden Miß- brauch, den man mit Deiner Zukunft machen könnte. Lasse Dir nur selber die Herrschaft in Deinem Gemüt, nur mir lasse einen *) Clemens Brentanos Frühlingskranz. Ganzl. Mk. 6.00, Halb- Pergament Mk. 8.00, Halbleder Mk. 12.00. Theodor war bei diesem ersten Besuch etwas befangen und flirt gewesen. Doch dankte er mit herzlichen Worten seinem väterlichen Freunde, dah er ihm helfen wolle, den Weg zur akademischen Freiheit abzukürzen. Nochmals drei Jahre in der Schule würde er nicht ertragen haben. Er hoffe jetzt bestimmt in etwa einem Jahr sein Ziel zu erreichen. Er wolle mit aller Kraft und Zähigkeit daran arbeiten. , , __ t Professor Köhler liebte die Ratur und das Wandern, und er freute sich daraus, mit Theodor an den Sonntagen hinauszuziehen, um ihm die schöne Umgebung zu zeigen. Schon für den ersten Eoimtag verabredete er mit ihm einen großen Ausflug: Theodor versprach ihn um 8 Ahr abzuholen Schon zehn Minuten vorher war Köhler marschberelt. um 8 Ahr trat er ans Fenster. Theodor war nicht sichtbar. Er wartete: Minute um Minute, Viertelstunde um Viertelstunde verst- tch Kohler wurde ärgerlich-: er war selbst ein Wann der Pünktlichkeit, und nichts war ihm mehr zuwider, als Anzuverlassig eit, Richteinhalten gegebener Zusagen. Verdrießlich und enttäuscht ging er schließlich allein die Treppe herunter Da endlich kam Theodor er habe im „Pädagogium" (so nannte sich die „Presse") solange auf fern Frühstück warten müssen. Köhler dachte im Stillen- Ware dann eben yhne Frühstück gegangen," aber er ließ nichts von seinem Anmut werken. Für den geplanten Ausflug war es jetzt freilich zu spät, aber einen größeren Spaziergang konnte man noch machen Inderen di« Schönheiten der Landschaft interessierten Theodor wenig und schon, nach einer Stunde Gehens klagte er über Schmerzen im guß. Verstimm! trat der Professor den Rückweg an. Er sagte sich, daß er tote bisher, so auch in Zukunft seine Ausflüge werde allein machen muffen. (Schluß folgt.) geringen Anteil daran Haben. Mr sind ja keine zwei — wir sind eine einzige Seele. Ich- werde Dir übrigens bald allerlei Bücher senden. Adieu, Du edles, geliebtes Kind. Es grüßt Dich Dein Clemens." And später schreibt er ihr: „Liebe Bettina! Du schreibst seit so langer Zeit nicht mehr an mich. Sechs volle Wochen schon ertrage ich die martervolle Pein. And gerade Dein letzter Brief machte mich so ungeduldig auf den folgenden warten. Was ist es nur, das Dich so schweigsam macht? Deine Briefe sind doch keine Kunstwerke. Oder ist es so, wie ich neulich- geschrieben, daß Du erst gewisser Stimmungm dazu bedarfst? Es ist etwas sehr Vortreffliches, Seltenes, Briefe zu schreiben, die nur die Geschichte des Herons zum Gegenstand hahen, ohne auch nur im geringsten dabei zu lügen. Die Basis alles sittlichen Gefühles ist die Wahrheit und nicht die Stimmung. And Wahrheit ist echte Religion, ist Reichtum, ist Schönheit. Sich bilden, heißt den Willen zur Wahrheit in sich haben. Gebildet sein aber heißt die Möglichkeit, Wahrheit in uns hervorgebracht zu haben. Dann erst tritt das Wissen ein, das ist nich-s anderes als die Wahrheit selbst. Man hört so oft die Worte sagen, dieser oder jener Mensch hat keinen Charakter. Er bleibt sich, nicht gleich. In dieser Rede ist doch nichts anderes gesagt, als daß dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine Anzahl von Empfindungen zusammengelogen hat. Sv mancher Charakter wird bei kritischer Betrachtung weniger schön oder abstrakt erscheinen: aber trotzdem ist die Betrachtung der Charaktere eine wundervolle Eigenschaft, nur darf sie nicht darauf ausgehm, die anderen Menschen zu verkleinern. Die Kvnseguenz aber, mit der ich allein den Wert des Menschen bestimme, ist eine musikalische. Sie wird Harmonie im _ weitesten Sinne. Sie wird, je nachdem der Mensch vom Leden berührt, mehr oder weniger Tonarten und Modulationen umfassen, aber immer nur in den harmonischen lieber gangen wechseln. Ich habe Dir ein Buch bestellt. Es ist die Dichtung „Sacuntala". Du mußt sie in wenigen Tagen erhalten. Eigentlich wollte ich das Buch selber miVri-'gm. um es mit Dir gemeinsam durchzulesen, denn „Sacuntala" soll ein Resultat in Dir erzeugen. Was bei anderen Lesern vorübergehenden Oenuß. äußere Bildung bewirkt, das soll bei Dir Wurzel fassen und zum selbststrebenden Geist werden." W-lch ti"f"s Vertrauensverhältnis die ©"schwister miteinander verbindet, welche Sehnsucht der liebende Bruder empfindet, wenn einmal der Briefwechsel «in 61ixfen erfährt, erhellt aus folgendem. rührenden Stoßseufzer: „Bettina, warum schreiben wir uns nicht? Ich gehe in jeder Stunde mit Dir um. Dein Bild steht hinter meinem Tintenfaß. Immer sehe ich Dich an, und das macht mich so froh und glücklich . . ." And Bettina? Wer kennt nicht ihren Briefwechsel mit ©oetbe. Im Verkehr mit dem Bruder zeigt sie di-lelbe geniale Amwit, aber daneben mehr Offenheit und Ratürlick/elt gegenüber der oft allzu b«mußten Naivität ih-er Goethebri-fe Hier erg’bt sie sich ohne jede li'erarilche Ambition ihrem blnr-nßenden CMubl. dnn sie in einer bilderreichen, ungemein lebendigen Sprache Worte v-wleiht. So schreibt sie: „Was mich bitbeu soll muß aus mir selbst hervorgchen. Immer mo-fre ich mit mir allein fertig werden und mich keiner Qei'ung un'erordnen. So war es auch mit der Gachet. Ich soll doch ganz mein Eigen w-wden. Das ist der Wille meines Jchs. Das ist es doch, was mich ans der Ge- famffr-tt heransbebt. Sich dem Wisten eines andern unterwerfen, das ist Verzicht auf den Adel der Selbständigkeit. Dies" soll nicht verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft. Ich brauch« das nicht. Ick» kann schon für mich selbst bestehen....." „Das Bild meiner Heimat gleicht nicht meiner Seel«: es ist mir. als käme ich ans anderen Ländern. Ich sehe hoch und nied'-iges Felswerk, das waldnmtoachsen und an dem schüchterner Ra*en emvor- tte*tert. Klippen an denen Rebel sich zerreißmi. strecken sich hinaus, gchümnisvvll« Wen« von brausenden Wastern in unverständlichen Wind',ng-n durchwühlt, in bie sich d-mn und wann Sonnenstrahlen verlieren."" Ein Wacholderstrauch duf'et mir Weihrauch ins Gesicht. Ich muß nicht, was Glück ist. verstehe nur daß die Ratur m-in h-imlich?s Vertrauen zu ihr so machtvoll beantwortet Lieber Clements. ich will Dir meine Gedanken in ein Märchen malen, lln hiasor Landschaft, non der ich eben sprach wohnt ein Knabe. Eilig rüstet er sich Wenn die Rächt hereinbricht und die Sterne wandern. schreitet er F-sfen entlang zu den höchsten Fl'-nen. Wen» dann di« Sonn« aussteigt und mit ihren glühenden Strahlen di« Welt zu versengen droht, stügt er ins Tal zur Qu-ll« nieder, sich daran erfrsschmd. 51n*er schattenden Bä'-men lanfch»ud si-ht et dem Ressen der Früchre entgegen. Dieses Lebensbild habe ich auch der Großmutter horgefefen und ibr gesagt, daß es in meiner Sael« so ähnlich anslehe. Ihr gelles die Gefchich'e w-obl und st« sprach von Vvetischm Geschichten und ©"ssteraegendm. Es ist toabr, Clemens, in mir ist ein Tummelplatz von ©"schichten. Wenn ich die Augen schließe (affig den Kopf anfstütze. dann zieht di« große Raturwelt an mir vorüber und macht mich trunken." And später schreibt fle dem Bruder: ..Es liegt vieles in meinem He'-zen, vieles, über das ich mir nicht klar werde. Wenn ich manchmal so über mich hinsinne, mich nach anderen Manschen umfcbe, fühle ich deutlich tote wenig ich zu ihnen vasse. Es ist soviel des au ihnen. Sein und Werden ist zweierlei Werden ist wirkliches Lechen. Kraft fühlen und diese anwenden, und nicht bloß — SS - sich zum Helden träumen. lznt> fieW Du, Neber Slementt, das ist es. was mich beunruhigt, dah ich mir im Reiche der Phantasie eine Rolle auserwählt habe, die ich zwar ohne Gefahr spiele, die aber die Wirklichkeit nicht berührt. Prüfungen und Gefahren zu überwinden, das ist Tugend, aus der das wirkliche Sein hervvrgeht. Tugend ist also das Werden; das Sein aber ist Allmacht. — Clemens, welche Sehnsucht habe ich zu diesem Sein. Aus sich selbst handeln, fühlen, daß man das Schicksal durch Charakter und innere Kraft überschauen und beherrschen kann. Manchmal, wenn ich in der Nacht aufwache, und der Mond tn mein Zimmer scheint, träume ich und frage ich die Wolken, was wohl mit mir werden wird. Das Mvndlicht, wie ein dichterisches Genie sieht es und denkt für mich, übt Talente in meiner Phantasie, erhebt mich so hoch über mein Sein, daß ich gleichsam das Bewußtsein davon verliere und aus dem Spiel nicht mehr heraus- sinden kann. Aber wenn der Mond hinübergegangen ist, überfällt mich, der Schlaf. Lind beim Erwachen ist von diesem Zauber nichts mehr in meinem Geiste." So weht durch diese Blätter der Hauch eines seltenen Freundschaftsbundes, der in feiner Reinheit und Inbrunst erhebt und die Lektüre des schönen Buches zu einer stillen Feier macht. Der unterirdische Wald. Sllzze von Dr. A. Klidinger, Gießen. I. Durch die feuchtwarmen Dünste über dem Wald der Stein- kohlezeit zuckten mächtige Blitze. Wochenlang schon tobten ungeheure Gewitter in der mit Elektrizität überladenen Atmosphäre. Zn die frei umhertollenden Sauerstoff- und Slickstoffteilchen der Luft waren die elektrischen Entladungen hineingefahren und hatten auf ihren Dahnen mit elementarer Gewalt die widerstrebenden Elemente zusammengeschweiht. Zu einer innigen Verbindung, die wir Menschen Salpetersäure nennen, wurden sie verbunden. Rur dem zündenden Funken gelang es, den trägen Gesellen, den Stickstoff an den Sauerstoff zu fesseln. Es war ihm lieber, ungebunden umherzuschweben. Bald da, bald dort immer Neues zu sehen, niemals ruhsam an einem Orte zu verweilen. Jetzt war es vorbei mit diesem freien Leben. In eine neue Verbindung, in die Salpetersäure war er eingetreten, und damit hatte er in der Luft nichts mehr zu suchen. Lange noch schwebten die Salpeterteilchen im brodelnden Nebel, dis sie zum Boden gelangten. Lieber dem Farnkraut und Bärlapp- Laum schwebten sie, über dem ungeheuren Sumpf, der sich in unabsehbare Fernen weitete. In unaufhörlicher Fruchtbarkeit gebar der Sunrpf Riesenbäume und Schachtelhalmdickungen. Merkwürdige Tiere krochen in dem LIrwaldschlamm herum. Panzerlurche von abenteuerlicher Gestalt, und die ersten Saurier, die Drachen der Lirwelt. Die mit Salpete säure getränkten Dünste drangen in. den feuchten Boden ein. Don den Bäumen triefte die Nässe, und der schwammige Boden sog das Wasser unaufhörlich in sich auf. Neue Nebel entquollen dem Boden, nur dann und wann leuchtete die Sonne bis auf den Grund des Morastes, schillernde Reflexe erzeugend. Die Salpetersäureteilchen sanden im Boden Stoffe, mit denen sie sich verbanden. Sie saug'en die Gesteine aus, nahmen aus ihnen den Kalk, das Natron oder Kali und wurden zum Salpeter. So wanderten sie weiter, bis sie zu den Wurzeln der Bäume gelangten. Lleberall hin griffen die Wurzeln mit ihren feinen Ausläufern. Gleich kleinen Polypen saugten sie aus ihrer Umgebung die Dährsalze, die sie zum eigenen Wachstum und zu dem ihrer Stämme und Kronen benötigten. Sv wurden auch die Salpeterteilchen ergriffen und in die Bäume hinaufgesogen. Durch Pumpwerke in einer Vollendung, wie wir Menschen sie niemals erreichen werden, wurden sie in Dahnen geleitet und in die feinsten Aestchm und Zweige der Däume gepreßt. So kamen sie in die Blätter, in welchen sich die chemischen Hexenküchen der Pflanzen befinden. Zn den grünen Zellen der Blätter war fieberhafte Tätigkeit. Don der Luft wurde durch die Spaltöffnungen Kohlensäure herbeigesaugt, durch Röhren wurde Wasser hereingeleitet, und nun vollzog sich das große Wunder. Aus den leblosen Substanzen bildete die Sonnenkraft in den grünen Kammern zunächst Zucker und Stärke und weiter — unter gleichzeitiger .Umwandlung der aus der Erde herbeigeführten Nährstoffe — das lebendige Pflanzeneiweiß. Hunderte von Stickstoffatomen mußten aus den Salpeterteilchen herausg-rissen werden, um mit Wasserstoff und Kohlenstoff Schwefel und Phosphor ein Eiweiß eilchen zu bilden. Jetzt war der Stickstoff ein Teil des lebendigen Baumes geworden Als Pflanzenblut wogte er durch seine Adern und nahm Teil an dem Schaffen und" Leben des Ganzen. Neue Zellen, neue Blätter mußte er bilden helfen, damit der Baum wachsen konnte. Dieses Wachstum währte Jahrtausende. Der Daum wurde ein Riese unter seinesgleichen Jauchzend empfing er von der gütigen Sonne seine Lebenskraft und reckte stolz sein Haupt in die Welt. Dvch> sein Schicksal war das all der andern! Ob groß oder klein, einmal mutzten sie alle sterben, wie ihre Väter und Geschwister in den langen Zeiten vorher. Doch sein Sterben sollte noch entsetzlicher sein tote der Tod all seiner Vorfahren. Eines Tages grollte es tief tn der Erde. Zrnmer näher, immer wuter kam das Getös. Der Himmel verfinsterte sich und mit furchtbarem Donner barst die Erde. Alles wankte. Fahles Licht flammte auf und verschwand. Die Aiesenbäume wurden geknickt wie Stroh-- halme, dre Tiere verbargen sich voller Furcht tief unten imSchlamm, und da kam das Entsetzliche. Mit wahnsinnigem Krachen barst die Erde. Berge türmten sich auf, ganze Wälder rersanken, undWasser- massen stürzten über all die grüne Herrlichkeit. In wenigen Sekunden war der üppige Wald verschwunden. Ein weites wild- wogendes Meer bedeckte die Stelle, wo einst frisches Leben grünte. An rauhen Felsen, die einst tief unten unter dem Erdboden lagen, brachen jetzt die Wogen des neu entstandenen Meeres. Jahrmillionen vergingen, da erhob fidji das verschwundene ßanö, und nicht lange währte es, bis frisches Grün wieder den ehemaligen Meeresboden bedeckte. Tief drunten aber, unter einer Schicht von Sand, Ton und Fels schlummerte der tote Wald. Der Druck der Erbmassen preßte ihn zusammen. Eine meterhohe Schicht von moderndem Holz lag schließlich dort, und nach und nach wurde es schwarz und steinhart. Wie in einem Kohlenmeiler ging es zu, Diel langsamer allerdings. Aber es wurde aus diesem weißen Holz doch schwarze feste Kohle. H. Lange mag der Wald wohl so gelegen haben. Nichts störte ihn in feiner Ruhe. Jahrmillioneu vergingen wieder. Da, eines Tages hörte er ein leises Surren in seiner Nähe, dann Ruhe und dann einen leisen Knall. Immer näher kam das Surren, immer näher die Explofion, und da, auf einmal stand ein Mensch vor ihm, mit geschwärztem Gesicht und einer Grubenlampe in der Hand. Ganz erstaunt war der Wald über diesen Anblick, doch dann ärgerte er sich über den Ruhestörer. Ganz leise fing er an zu zischen, eine furchtbare Flamme zerrih das Dunkel, ein ohrenbetäubendes Krachen und Poltern folgte und dann war Ruhe. Von dem vorwitzigen Menschlein lagen nur noch ein paar Fetzen herum. Die Bohrmaschine lag verborgen in einer Ecke. Nun habe ich doch wieder meine Ruhe, sagte s'H der Wald. Das Grubengas hat seine Wirkung getan. Doch er hatte sich verrechnet. Die Menschen kannten feine Hindernisse. Wenn ihr Körper auch schwach war, so gab ihnen ihr Geist doch Mittel, mit diesem ungebärdigen Wald fertig zu werden. Eines Tages kamen sie wieder. Besser ausgerüstet, damit ihnen die schlagenden Wetter nichts anhaben konnten. And nun war es endgülttg vorbei mit seiner Grabesruhe. Mit Pickeln und Schaufln gruben sie ihn heraus, schleppten ihn in kleine Wägelchen und fuhren ihn durch lange Gänge. Aus allen Ecken kamen kleine Wägelchen. Eine surrende Maschine wurde davor gespannt. Lämpchen blitzten auf und verschwanden, und schließlich kam ein großer Raum, in dem viele Lampen brannten. Plötzlich fühlte er sich gehoben, und es dauerte nicht lange, da stand er wieder in der Sonne. Sehnsüchtig blickte er emv-or ins Licht. Nun sollte wieder ein frohes Leben beginnen. Hei! Die Menschen waren doch gut. Aber er hatte sich geirrt. Die Menschen kannten keine Pflanzenseele. Nur an sich dachten sie, und daß der Wald oder gar die Kohle eine Seele haben sollte, lächerlich! In rohe Maschinen wurde der schwarze Wald geworfen. Zerrissen und gequält wurde er. Zn lange Kammern wurde er geworfen. Wieder wurde es dunkel um ihn. Eiserne Tore schlugen zu. Aber woher kam die unerträgliche Temperatur? Nun wußte er, er würde wieder gemartert, zum letzten Male. Heiß wurde es. immer heißer. Glühend machten ihn die Menschen, und da verlor er alles, was noch von 6er einstigen grünen Herrlichkeit herstammte. Heiße Gase entftrömten ihm. immer mehr, immer mehr, bis schließlich eine poröse formlose Masse aus ihm geworden war. die die Menschen aus dem Ofen glühend hinauswarfen. Koks nannten sie jetzt seine ausgedörrte Leiche. Zum Schmelzen von Eisen sollte er dienen, und den Menschen sollte er das Zimmer wärmen! ©einen Geist aber, die Gase, halten sie durch lange Röhren und Kühlanlagen fortgeleitet, bis es wieder kälter in ihm wurde. Ein Teil der Gase wurde flüssig, das war der schwarze Teer, und das Gaswasser und das Benzol und Harz und den Rest der Gase nannten sie Leuchtgas. Damit beleuchteten sie ihre Zimmer. Denn schön und hell brennen konnte das Gas und leuchten, wenn es an ein! Glühstrümpfchen kam. Das ist wahr. Aus dem Teer wollten sie schöne Farben machen und Duftstofse und Arzneimittel. Ja, was die Menschen alles können! Mit dem Rest machen sie ihre Dächer wasserdicht, mit dem Benzol trieben sie ihre Maschinen und Autos. ilnf> das Gaswasser! Ja, es roch zwar schlecht, aber es war ein Stoff darin, der es wertvoll machte. Die Stickstoffteilchen, die der Blitz damals gefangen hatte, waren darin, allerdings waren sie jetzt an Wasserstoff gehenden, und man nannte sie Ammoniak. Das war es, was die Menschen haben wollten. Das Ammoniak trieben sie aus dem Gaswasser heraus und schmiedeten es an Schwefelsäure. Jetzt war es schwefelfaures Ammoniak. Ein berühmter Mensch den sie Liebig nannten, hatte gesagt, die Dauern mühten ihre Aecker mit künstlichen Düngemitteln dün» — 36 — gen und schtvefelsaures Ammoniak wäre so eines, dann würden sie dicke Kartoffeln haben und Weizen und Korn viel mehr als früher. Als ob das die Sackstoff teilten nicht schon längst gemußt häaen! Das hatten sie doch damals schon zur Qteinkvhlezeit getan. Darum waren die Bäume auch jo stark geworden I Nun wollten sie den Bauern gerne Helsen, und sie freuten sich ‘ daraus, wieder in die Erde zu gelangen. Dann würden sie doch wieder in die grünen Pflanzen kommen und lebendig fein und die liebe Sonne spuren I Maskrn. Eine Faschings-Studie von Dr. P. Landau. Eine geheimnisvolle Mach! strömt von den leblosen Dingen in unsere Seele und unser Inneres über. Besonders dem Äinte und dem primi.iven Menschen scheinen oft die äutzerlich wahrnehmbaren Erscheinungen unendlich bedeu.samer, we.e.isootter als alle seelischen Gigmschnf.en und die starre unlebendige Form wird in feiner Phantasie zur wundersam wirtrn>en Kraft. So ward dem Wilden zuerst das Geheimnis der Maske erschlossen, ihre rat» felf'-afie Kraft die alle ekstatischen und schwärmerischen Rauschzustände der Kul.uren entbinden half und heute noch in dem be- wutz.en Sein des modernen Menschen dunkle triebhafte Gewalten befreit, die ihr in den Lastbarkeiten des Faschings und der Feste über sich selbst hinausheben. Bei allen Raturvölkern findet sich die Maske. Bei feierlichen Aufzügen, bei religiösen Versammlungen. vor allem aber bei den mimischen Tänzen wird sie getragen. Diese Tänze, die als eine Art Gottesdienst gewisse Geschehnisse des Lebens nacyahmen. erwecken nun in dem Tänzer die Sehnsucht nach einem Welterleben der dargestelltea Dinge, nach einem völligen Aufgehen in oer fremden Person, die er verkörpert. Dazu hilft ihm die Waske, die äußere Form, die eine Aehnlichkeit des andern Wesens hinübertragi in das Ich des Menschen; sie wird die Brücke, auf der das fremde Ich in ihn hineinwandert, um fein ganzes Wesen mit einem neuen Geiste zu erfüllen. Kein bloßer Schein ist dem Raturmensqen die Maske, sondern das wirkliche Bild eines Gottes, eines Dämonen, eines Tieres, jener Gewalten, die er anbeket. Darum gelten bei vielen Raturvölkern die Masken als etwas Heiliges. Da der Wilde oen Tieren übermäch ige göttliche Kraft zuschreibt, fo sind es zunächst Tiermasken, die er anlegt; Löwenkövfe setzten sich die Peruaner auf, da sie die Löwen für ihre Ahnen hielten. Fächer» Völker tragen Fischmasken, denn die Fische sind ihre guten, fegen» spendenden Götter. Dann erfintet die Phantasie der Wilden tierisch verzerrte, halb menschlich geformte Masken, in denen phantastische Dämonen, greuliche Ungeheuer, der ganze Hexensabbat Primi wer Mytholrgien dargestellt wird. Eine ungeheure Kraft grotesker Gestaltung hat die Kunst der Raturvölker in diesen Tanz» und Zauber- Kri gs- und Festmasken bewiesen, und unvergeßliche Formen g-schafsen. die wie Borstellnngen schwerer Träume in ihrer bizarren Scheußlichkeit uns bedrücken und in ihrer starren Großartigkeit ergreifen. Auch Wolken, Sonne. Mond und Sterne wurden als Maskenbilder dargestellt, z. B. bei den Hopi-Jndianem Reu-Marikos, die merkwürdige und absonderliche Symbole für diese HimmelsersHeinungen an,stellen. Eng verbunden ist die Maske mit dem Toten- und Ahnenkult, der Seelenverehrung der Wilden. Bielleicht ist alles Maskenwesen überhaupt, dieses Symbol toller Lustigkeit rrnd überströmenden Genusses, aus dem dunkelsten Rätsel der Menschheit, aus dem Tvtendienst. geboren worden. Die Maske ward dazu verwendet, um den Geist und die Seele des Verstorbenen, die im Kopfe fortleben sollte, auf den Lebenden überzuleiten. So entstanden die Schädelmasken, die sich vielfach, z. B. bei den Bewohnern von Reupommern. fnten. Der Kopf des Twen wird zerteilt und der Hinterkopf weggeworfen. Aus dem Vorderteil werten alle Weick/eile entfernt, durch eine feste Masse aus Kalk das Gesichtsbild wieder h?rg-stellt und dann bemalt. Der Papua hält diese g aasige Mas^e mit den Zähnen fest und zwingt in der rasenden Erregung seines Tanzes die Selle des langst verscharrten Ahnen in ihm einzukehren und ihm ihre Straf'e zu verleihen. Totenmasken, die die Züge des Gestorbenen wiedergeben, hat man in viel höher entwickelten Kulturen mV ins Grab gelegt. 3n Aegypten, Assyrien und Phönirien war das Sitte iind kam aus dem Orient nach Griechmland. wie die gewaltig urwllllichen goldenen Masken der Mykenischm Gräber bewiesen. Hier ist die Maske frlllich schon vom Gesicht des Trägers als eignes Kunstwerk losgelöst. Früh trat bei den Masken der Wilden als zweiter Zweck hin.zu, daß man sich zu verbergen suchte. Die Maske wurde ein Mittel zum Schuh vor Dämonen, zum Erschrecken der Feinde. Hinter dem grell bemalten Gesicht aus Holz, Baumrinde oder Flechtwerk barg sich ein mächtiger Geist, der jedem Gegner Furcht einjagen mutz e. Endlich aber sanken die Masken aus ihrer Heiligkeit und Furchtbarkeit zur Lächerlichkeit herab. Bei den Raturvölkern ist die Maske bereits zur grotesken Vermummung des Schauspielers, zur komischen Fratze des Possenreißers geworden. Aber die Maske über wildes Grauen und verzerrte Komik hinaus in die Höhen reiner Schönheit zu erheben, ist erst der griechischen Kunst gelungen. Wir bewundern in der Entwicklung der Medusen» maste eine wahrhaft göttliche Kraft des antiken Bildnergeistes, der aus einer wüsten Fratze ein wundersames Menschenangesicht zu formen w-utz.e. Aus dem Mastenwesen und seinen Wundem entstand auch noch eine andere Schönheit, die des Dramas. Richt anders als die Wilden, tanjten die alten Grjechen, in Tiermasken vermummt beim Kcl.erfeste im Januar dem Weingott ihre Kult* tünze. In Pferde-, Vögel-, Wespen-, Frösche-Masken schlangen sie ihre Chöre, und in den Aristophanes-Komödien lebt diese primitive Maslierung unsterblich fort. Aus den Masken-Festen entstand der „Docksgesang" der Tragödie, der neben höchster beseligender Lust auch die gewaltige Tiefe menschlichen Leidens offenbarte. Der Schauspieler behielt die Maske, durch die er ursprünglich mit seinem Gotte eins geworden, später bei; sie ist ihm lange das schönste Symbol seines A>. sgehrns in der dargestellten Person, wirkt in einer ursprünglicheren Kultur, wie der japanischen, sogar noch heute; aber der moderne Mensch, der gelernt hat, das eigene Gesicht in tausend Masken umjufo.mert, der in seinen Zügen Stimmungen der Seele ausdrückt, weiß mit der stark stilisierten, auf eine dekorative szenische Wirkung berechneten Schauspielermasks nichts mehr anzufangen. Die archaisierenden Versuche der Renaissance und später Goethes, die Maske auf der Bühne wieder zu beleben, muhten scheitern. Mit der antiken Kunst und Kultur versank in der Rächt des Mittelalters auch die Maske In das Richts. Als heidnischer Spuk von den Kirchenlehrern verdammt, wag e sie sich erst mit den Anfängen der europäischen Renaissance wieder hervor. In den kirchlichen ..Esels» und Rarrenfeften", die französische Lustigkeit dem Gottesdienste einfügte, drang sie in die Kirchenfeste ein. Sine allgemeine Maskenstimmung aber ergriff die christliche Welt in den Tagen der Minnesänger, da der g rle König Rene in schäserlichem Idyll seinen Provenyalischen Hof hielt und christlich-heidnische Festzüge veranstaltete, da Ritter äilrich von Lichtenstein als Frau Venus vermummt durch die Welt zog und das Leben nur noch eine Reihe von heldenhaften Abenteuern und Tvurnieren zu sein schien. Bis in die Zeit des „Letzten Ritters" Kaiser Max hat sich dieser heidnische Mummenschanz erhallen, um in der Renaissance h-rrlich auf-eckeben. In diesen Sei en starker Et -egung wurde die Maske ein Wickel, um die wild ausgäh-enden Triebe zu bändigen und in reine Formen zu (ei en. In Italien wurde das Maskentragen allgemeiner üblich, besonders auch bei 5 tauen, die sich so gut dahinter verbergen und alle hemmende Schau abwerfen konnten; und es kam dann auch bald in die anderen Länder. In Frankreich tr-gm Frauen, wenn sie inkognito auszehen wollten, Masken, die „t>on schwarzem ©am* g macht worden waren und inwendig eine Crystalle angenehet hatten, welche das Frauenzimmer in den Mund nimmt, damit sie die Masque halten kann". 3n England war die Sicke des Mas'entragens bald so allgemein, dah in Shakespeares Tagen keine Dame ohne Maske auf der S ratze oder im Theater erschien, worüber sich die Puritaner als über eine große stinsittlickckeii sehr ereiferten. Auf schnell improvisierten Maskenbällen ist dann auch eine Form des englischen Dramas entstanden, die kn den Werken Shakespeares und seiner Zellgenossen ihre deutlichen Spuren hinterlassen hat. Es ist die „Masane", deren klassische Werke das Hochzei sfpiel im „Sturm" und Miltons „Komus" sind. Bei einem Feste traten mitten unter die Schar der fröhlich Versammelten plötzlich massierte Leute, wie es Romeo und seine Gefährten beim Feste Capulets tun. und wurden in solcher Verkleidung gern aufgenommen. Am Hofe Ludwigs XIV. erreichten dann diese allegorischen Maskeraden in der Pracht der Darstellung ichen Höhepunkt. Die Feste, die Ludwig XIV. in Versailles veranstaltete, setzte eine ganze Welt von Maschinen und Dekorationen in Bewegung und umgaben die Maske mit dem größten Prunk, der diesem ursprünglich so einfachen Gegenstand je bei» gelegt worden ist. Die Maske wird dann zum Symbol des Rokoko und des 18. Jah-huntews. 3n tausend Vermummungen und neckischen Derlleid mg-n gefiel sich diese Zeit; es war das belieb» yte Spiel in Gesellschaft, dah plötzsich phantastisch gegleitete öder grotesk vermummte Gestalten auf traten. Der Maskenball wurde das ßieblingsf 'ft für die Frau des Rokoko. 3m strahlend erhellten Saal wirbelt der tolle Zug der Harlekine und Pierrvts, ter Dominos und Fledermäuse, ter Fastnach/sschwalben und all der luftig verputzten Gestalten dahin. Alle Stände mischen sich durcheinander, die grotzen Damen und die Bürgerinnen; hier reifst ein Prinz einer Herzogin die Maske vom Gesicht, dort küht ein Marktweib Marie-Antoinette die Hand, da sie die Königin unter der Maske erkannt hat. Unter ter Maske kann man dem feinsten Vergnügen des 18. Jahrhunderts, der frivolen Plauderei, unbeschränkt sich bingeben, und so fliegen unter den schvarzen Schirmen die sprühenden Witzworte. die kecken Liebes beten erungen hin und her. Die Romantik hat versucht, den alten Gast ter Waske wieder aufzudecken; sie hat ihn in den phantasievollen Scherzen Tiecks und E. T. A. Hoffmanns wundervoll gllchiltert, aber nicht zu neuem Leben erweckt, llnb auch wir grübeln heute wieder über einer „Philosophie der Maske", weil sie selbst in ihrer berauschenden und befreienden Macht nicht mehr unter uns weilt. Schriftleitung; Dr. Friede. Wllh. Lange. — Druck und Verlag Brühl'schen Llniv.-Voch» und ©»»inbrucfere.t. R. Lange, Dietzen.