Samstag, 31. März M W MA WWW W "MW fcl^lST^P2 IfÄi 1923 — Nr. 13 ÖHHÜflgja «ä Das Ostsrgelachter. Kulturgeschichtliche Plauderei von Dr. Jobs. Klein Paul. Wem, der Winter seine Rolle ausgespielt hatte und der Früh- 6aud zog, wenn gleichzeitig auch die langen Fastenwochen endlich vvroei waren, gab es ein allgemeines Wiederaufleben. Daher ist es kein Wunder, daß das Auferstehungsfest, früher viel mehr als jetzt, als ein Freudenfest begangen wurde. Damals herrschte noch natürliches Fühlen. Es war tn erster Linie Auferstehungsfest der Natur, die nicht nur dem Auge neue Reize, wndern auch für den Tisch neue, lange entbehrte, hochwillkommene Gaben bot. Da jauchzten die Herzen auf, und in ursprünglicher Art taten sie das nicht leise. Schon den Sonnenaufgang am Ostersomrtagmorgen durfte niemand verschlafen. Jeder wollte sehen, wie da die Sonne drei Freuden;pnmge tat, oder — in der Lausitz und in der Mark Dranvenburg — das Osterlamm tn ihr erkennen; Langschläfer wurden geweckt, indem man sie mit Nuten — dem „Dirkenhänschen" — aus den Federn trieb und ihnen dann wohl gleich im nächsten Dach oder Tümpel ein Bad bereitete; Osterwasser soll ja besondere Wuraurg tun. So war man früh aus den Deinen, und die jungen wollten ebenfalls springen. Nahe bei Iserlohn stand bis rns 18. Jahrhundert eine alte Eiche, die von sieben Erdlvchern umgeben war. Dorthin zog die ganze Einwohnerschaft am Öfter» svnntagmorgen, jeder faßte den Daum und machte die .sieben Sprunge'. Wer alle sieben Löcher traf, glaubte, daß ihm zum mmdesten noch sieben Lebensjahre beschieden wären, oder — wofern tr ledig war — daß er in dieser Zeit eine Frau bekommen würde. Dieses „Osterwecken" geschah allenthalben mit viel Lärm Mit Knarren und Ratschen weckte man die Natur, sofern sie noch nicht von selbst erwacht war, trieb den Winter, den .Judas" ans Hinte- dem sich die Gestalt -Donars, des heidnischen Frühlings- und Sommergottes verbirgt. Derartiges spielte bis in die Kirchen hinein. Hier wurden während der Passionszeit die „Quempas- lledeo gesungen, deren erstes mit den Worten begann: „Quem Pastores landabere, Den die Hirten lobten sehre Und die Engel noch viel mehre." daher der seltsame Name. Gleichzeitig wurde in vielen Gemeinden jede Woche ein „Salve-Gottesdienst" gehalten, was auf die Pas- frone Heber des heiligen Bernhard von Clairvaux zurückging die sämtlich mit dem Worte „Salve" („sei gegrüßt") beginnen. Eins berfel&en, „Salve caput oruentatum", hat Paul Gerhardt in „O Hanpt voll Blut und Wunden" umgedichtet. Nach dem letzten „Salve" wurden die Kinder, bis zu den mitgebrachten Säuglingen herab, von den Geistlichen mit einer „Salve-Brezel" beschenkt, schon das ein Beweis, daß es bei diesen kirchlichen Festen nicht nur feierlich zuging. Ein weiterer, daß es sich davon herschreibt, daß bei festlichen Anlässen „Salven" und Salutschüsse (letztere aus Kanonen) abgefeuert werden, während der „Aprilnarr", den man SU Beginn des Ostermontags „in den April schickt", wieder auf allerlei Scherz und Hänselei beim „Osterwecken" zurückgeht. Ein anderer großer Moment des Ostergottesdienstes war es, wenn der Geistliche Las „Halleluja" anstimmte, in das die ganze Gemeinde in vollem Chor einfiel, wonach das Osterfest auch hier und da das „Hallelujafest" genannt wurde. So war Jubelstim- nmng allenthalben, und dieser Lust trugen die geistlichen Herren mich weiterhin Rechnung. Die ganze Osterwoche hielt das an. Schon am Palmsonntag begann es. Da wurden — im Geschmacks früherer Zeit — feierliche Prozessionen durch den ganzen Ort veranstaltet, bei denen die „Palmesel" die größte Rolle spielten. v>u Erinnerung daran, daß der Heiland aus einen Esel seinen Einzug in Jerusalem hielt, wurde er von einem Heiligtum zum andern geführt und an jedem ein feierliches Hochamt abgehalten. Die erste Schilderung eines solchen ülmzugs findet sich schon in der aus dem 10. Jahrhundert stammenden Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich von Augsburg. Als lebende Esel in unfern Landen seltener wurden, ersetzte man sie durch solche aus Holz und es galt als eine große Ehre, sie zu ziehen oder wohl gar zu tragen; die angesehensten Bürger und Ratsherren stritten sich darum und hier und da trieb man es so weit, daß man zu Ehren des „Herrn Esel" (Esel des Herrn) eine Messe las und einen Hymnus fang. Vergebens eiferten später die Kirchenfürsten in ihren Hirtenbriefen dagegen; noch im Jahre 1782 wurde der Palmesel in Salzburg, noch im Jahre 1800 tn München herumgefuhrt. Während des Llm- zugs wurde der Esel, wenn nicht gar der auf ihm sitzende Heiland, ift-t Palmwedeln und Weidenzweigen geschlagen (angetrieben); wer ihn traf, nahm ein Stück von diesen „geweihten Zweigen" mit nach Hause und bewahrte ihn auf, denn das war zu allem möglichen gut. Aehnliche Veranstaltungen, oder solche anderer Art, gab es fast während der ganzen Osterwoche, die demzufolge keineswegs eine „stille Woche" war, namentlich an ihrem Ende. Auch heute noch sind hier und da Gründonnerstags- und Karfreitagsprozessionen üblich, jetzt meistens in den Kirchen, früher vorzugsweise im Freien, bei denen man sich — im Moselgau — nicht nur der „Ratschentrommel", sondern sogar eines „Ratschenkarrens" bedient, große, ungefüge Instrumente, mit denen man größtmöglichen Lärm macht. Noch Herzog Georg der Bärtige von Sachsen spendete zu Anfang des 16. Jahrhunderts eine beträchtliche Summe, damit in Freiberg, Meißen, Großenhain und anderen Städten seines Landes an diesen Tagen „das ganze Leben und Leiden des Heilandes" in alter Weise dargestellt wurde, um die Gläubigen bei der alten Lehre zu erhalten. 3n Freiberg nahmen diese Ausführungen schon bald wieder ein Ende, indem bei einer solchen, wie eine dortige Chronik sagt, „eins der vordersten Schaugerüste durchbrach und eine Jungfrau, vorn und hinten ganz entblöß, zum Schauspiel lange hängen blieb", tn den ander» Städten schliefen sie bald nach des Herzogs Tode infolge der Reformation ein. Bei alledem waren Ernst und Scherz bunt durcheinander gemischt. Andachtsvoll stimmte das von mehreren Personen vor- geführte Gespräch des Engels mit den Frauen (Matth. 28) am Grabe Christi. Sehr derb gestaltete sich demgegenüber oftmals der „Wöttlauf der Apostel" zum heiligen Grabe (Joh. 20, 4), um nur zwei einzelne Momente daraus anzufühien. Das früheste literarisch interessanteste Osterspiel ist das in Tegernsee geschriebene „Bon der Ankunft und dem Untergänge des Antichrist", in dem, wie fein Titel bezeugt, nicht sowohl der Weiterlöser, sondern der Gottseibeiuns (Donar) die Hauptrolle spielte. Ein anderes „Von den klugen und törichten Jungfrauen", das Landgraf Friedrich von Thüringen im Jahre 1522 in Eisenach aufführen ließ, zeigt ebenfalls, worauf damals der Geschmack ging. Dasselbe gatt barm auch von der eigentlichen Osterpredigt am Auferstehungstag. Nach den vielen Bußpredigten der Fastenzeit war auch sie ein Ausdruck der Freude, und wie man sich eben damals freute: der Heiterkeit. Da wurde von den Predigern nicht tour der biblische Bericht erzählt und erklärt, sondern durch allerhand seltsame Schnurren und Schwänke getmirzt. 3n den Schwand- büchen, des 14. und 15. Jahrhunderts haben sich solche „Märlein“ und „Osterposfen" erhalten. Selbst di« Apostel und die Heiligen erschienen darin.ost als recht lustige und listige Leute. Auch an Anspielungen auf das Alltagsleben fehlte es nicht. So befahl einmal ein Prediger in Waiblingen — nach dem Bericht des Humanisten Bebelius — am Ostersonntag in der Kirche, alle Männer, die wirklich zu Hause das Regiment führten, sollten das Lied „Christ ist erstanden" anstimmen. Die Folge war allgemeines, verlegenes Schweigen Da richtete er an die Frauen die Aufforderung, es sollten alle, die .die Hosen im Hause anhätten", den Ostergesang an- stimmen: sofort setzte der Choral ein. Da gab es dann ein schallendes „Ostergelächter", und so Lachen und Jubel überall. In einigen Gemeinden war es üblich, daß bei dem Mysterium von der Auferstehung Christi einem Irtden eine kräftige Ohrfeige verabreicht wurde. War im Orte kein Jude vorhanden, so mutzte sich ein Christ als solcher verkleiden und die Dachtel in Empfang nehmen. So hielten sich Schimpf und Ernst die Wage. An diesem Tage galt, was Wackernogel im Jahre 1568 davon sang: „Dan', lobsing', wad Odem hat, Frisch in Gottes statt, Niemand darf sich beschweren, Bei diesen Oft ernteten.“ Auch der Prediger aus der Kanzel muhte einen witzigen und manchmal recht derben Zuruf .aus dem Publikum" ungestraft hinnehmen. Es fehlte zwar an ernsten Männer nicht, die sich gegen diese un- geistlichen Sitten wandten. So schrieb Oecolampadius in Basel eine erregte Streitschrift gegen diese Herabwürdigung des Gottesdienstes, doch es dauerte noch bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, ehe es gelang, das .Gelächter" endgültig aus den Kirchen zu bannen. Autzerhalb derselben aber wurde noch viel langer „gelacht", wie folgendes .Ostermärchen" aus Berlin betverst. Als im Jahre 1827 Friedrich Wilhelm II!. nach glücklich verlau^ner Heilung eines Beinbruchs zum ersten Male wieder am „historischen Fenster seines Palais erschien, warfen eine Anzahl „Berliner Rangen" ihre Mützen in die Höhe und sangen mit Begeisterung zu ihm hinauf: .Heil dir im Siegerkranz, älnserm König sind die Beene wieder janz, rind der König lachte von Herzen. Dom Schöpfer. Aus Hamanns Schriften.*) Wenn ich nicht einen Gott glaubte, ohne dessen Willen fein Sperling vom Dache fällt, der unsere Tränen uns versprochen hat selbst abzutrocknen — wie würde ich ohne diesen Gedanken, fort- kommen? Ich würde hundert törichte Dinge anfangen, mich irre» machen und dem großen Hausen auf der groben Straße nachlaufen; jetzt bin ich ruhig, erwarte alles, was mir Gott noch auslegen will, und hoffe, daß er mir die Last jedes Tages werde tragen helfen. Ich überlasse mich und mein Schicksal der göttlichen Vorsehung gänzlich. Sie hat Triebe in unsere Ratur gelegt, die, wenn sie nicht lasterhaft sind und mit unseren Pflichten streiten, nicht selten als unsere Bestimmung, als der Ruf zu ihren Absichten angesehen werden können. Mit wieviel Ruhe und Zufriedenheit kann derjenige leben, der keinen andern Endzweck hat, als wie ein ver- mlnstiges, und wie ein teuer erlöstes Geschöpf, als Menfch und Christ, seinen Verbindlichkeiten ein Genüge zu tun. Die ganze sichtbare Ratur ist nichts als das Zifferblatt und der^ Zeiger; das ganze Räderwerk und das rechte Gewicht sind seine Winde und Feuerflammen. e ♦) Die Schriften Joh. Georg Hamanns (geb. 1730 zu Königsberg) sind heute ziemlich verklungen und wenig gelcfen. And doch hat dieser .Magus im Norden" für unsere Literatur eine so große Bedeutung, da er unsere Klassiker, namentlich Herder und damit auch Goethe, so stark befruchtete. Gin tiefer, religiöser Sinn war ihm eigen, und der vorliegende Ausschnitt gibt ein charakteristisches Bild seiner Anschauung und Darstellung. Es war ein glücklicher Gedanke von Hugo v. Hvfmannsthal, daß er eine Auswahl deutscher Prosastücke aus dem Jahrhundert 1750 bis 1850 in einem „Deutschen Lesebuch" vereinigte, das der Verlag der Bremer Presse (München) unserem Zeitalter vorleg!, damit es Trost und Kraft schöpfe. Die Hamannsche Leseprobe ist daraus entnommen. Mit Recht spricht Hofmannsthal von dem „Jahrhundert deutschen Geistes", dem der Sprachquell entsprang, aus dem wir unser ganzes geistiges Leben schöpfen. D eses Les buch mit den zahlreich nebeneinanderstehenden Prosastücken bedeutender Männer offenbart uns auch den Gegensatz zu dem weniger einfachen und klaren Sprachgeist der Gegenwart. Alle Wunder sind tägliche Begebenheiten, stündliche Erfahrungen des Lebens in Gott. Es gehört zur Einheit der göttlichen Offenbarung, daß der Geist Gottes sich durch den Menscheng riffel der heiligen Männer, die von ihm getrieben worden, ebenso ern.edrigt und fed er Majestät Den allein weisen Gott in der Natur bloß bewundern, ist entäußert, als der Sohn Gottes durch die Knechtsgestalt, und wie die ganze Schöpfung ein Werk der höchsten Demut ist. O vielleicht eine ähnliche Beleidigung mit dem Schimpf, den man einem vernünftigen Mann erweist, defsen Wert nach seinem Rock der Pöbel schätzt. , Ich wundere mich, tote es dem weisen Baumeister der 'Bett hat einfallen können, uns von seiner Arbeit bei dem großen Werk der Schöpfung gleichsam Rechenschaft abzulegen, da kein kluger Mensch sich leicht die Mühe nimmt, Kinder und Narren über den Mechanismus seiner Handlungen klug zu machen. Nichts als Liebe gegen uns Säuglinge der Schöpfung hat ihn zu dieser Schwachheit bewegen können. e Wer eine bessere Welt vvrgibt wie Rousseau, und eine individuelle, atomistische und momentane Vorsehung leugnet, der widerspricht sich selbst. Gibt es einen Zufall in Kleinigkeiten, so kann die Welt nicht mehr gut sein noch bestehen. Fließen Kleinigkeiten aus ewigen Gesetzen, und wie ein Säkulam aus unendlichen Lagen von selbst besteht, so ist es eigentlich die Vorsehung in den kleinsten Teilen, die das Ganze gut macht. Ein solches Wesen ist der Urheber und Regierer der Welt. Gr gefällt sich selbst In seinem Plan und ist für unsere Urteile unbesorgt. Wenn ihm der Pöbel über die Güte der Welt mit klatschenden Händen und scharrenden Füßen Höflichkeiten sagt und Beifall zujauchzt, uürd er wie Phocion beschämt und fragt den Kreis seiner wenigen Freunde, die um seinen Thron mit bedeckten Augen und Füßen stehen: ob er eine Torheit gesprochen, da er getagt: „Es werd« Licht", weil er sich von dem gemeinen Haufen über seine Werke bewundert sieht. Nicht der Beifall des gegenwärtigen Jahrhunderts, das wir sehen, sondern des künftigen, das uns unsichtbar ist, soll uns begeistern. Wir wollen nicht nur unsere Vorgänger beschämen, sondern ein Muster für die Nachwelt werden. - Wie unser Bach für alle Klassen der Jugend geschrieben sein soll, so wollen wir solche Autoren zu werden suchen, daß uns unsere Urenkel nicht für kindische Schriftsteller aus dem Händen werfen sollen. Sin eitles Wesen schafft deswegen, weil es gefallen to'.l; ein stolzer Gott denkt daran nicht. Wenn es gut ist, mag es aussehen, wie es will; je weniger es gefällt, desto besser ist es. Die Schöpfung ist also fein Werk der Eitelkeit, sondern der Demut, der Herunterlassung. Sechs Worte werden einem großen Genie so sauer, daß er sechs Tage dazu braucht und den siebenten sich ausruht. » Ich überlasse alles der göttlichen Vorsehung, und sehe mich als ihren Ball an, der durch nichts anderes als die Kraft ihrer Hände lebt. Bei allem dem Gram, der mich schwach macht, fühle ich doch noch in gewissen Stunden, was die Weisheit in den Sprichwörtern sagt: meine Lust ist bei den Menschenkindern. - Solange wir an den glauben, der die Leute so lieb hat, laufen wir keine Gefahr, Menschenfeinde zu werden. . Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, der mich von allem Hebel erlösen wird und auch von der Sünde, die mich wie meine eigene Haut umgibt, mich träge macht und allenthalben anklebt. — Ich weiß, daß meine Muse auf einer glühenden Asche singt und ihre Feder statt einer Scherbe braucht, um sich zu kratzen. — Ich weiß, daß die Erde meine Mutter und Würmer meine Brüder sind. Wsr*s initiuKii Von Fritz Fuldner. (Schluß.) Daß in jener Zeit keine Annäherung stattgefunden hatte, daß sich die beiden damals nicht einmal gesehen hatten, davon überzeugte ihn ein späterer Brief Arnos, in dem es hieß: „Morgen kommt Ihr Mann zurück, und ich trete bald meine Reise an. Welch' ein schmerzlich langer Mona! war dies, Marianne. Sie nicht ein einziges Mal zu sehen, was für eine Entsagung, sind doch auch ein Trost, daß ich sie um Ihretwillen Üben konnte. Ich weiß, es hat Sie beruhigt und Ihnen die Gewißheit gegeben, daß mir Ihr Glück über alles geht. Oder war es eine törichte Selbstgeißelung? Hätten wir nicht ruhig und selbstlos miteinander verkehren können, ohne ein fremdes Recht zu verletzen? Jetzt, am — 51 — Ende dieses Leidensweges, fängt jener Gedanke an, mich zu martern. Aber nein: es war besser so. Morgen werde ich von Ihnen tn Gegenwart Ihres Mannes Abschied nehmen auf einen weiteren Monat. Ich will mich in Berge und Wälder zurückziehen, die der Fremdenstrom nicht berührt, Wühle ich nur eine ganz einfame Felsenklause, ein Einfiedlernest voll kühler 'Beschaulichkeit. Vielleicht beginnt dort die kleine poetische Quelle wieder zu rieseln, aus der Ihnen ein ft meine Lieder flössen. Ach, was hat der Mensch in meiner Lage mehr als sich selbst, Und dieses Selbst ganz zu ergründen und auszuschöpfen, von trockeiler Tagesarbeit befreit, tief in sich hineinzublicken, das soll meine Beschäftigung sein. Wenn nur nicht in dem Spiegel dieses Selbst ein anderes geliebtes Bild austauchte, das die ersehnte Ruhe zerstören kann. Aber mag es ruhig erscheinen und schuldlos meine Einsamkeit teilen. Sie würde auch sonst zu einsam sein." Diesem Schreiben folgte ein kurzes Billett Mariannes: „Ich danke Ihnen, lieber Freund, für jedes Wort Ihres heutiges Briefes. Er war mir wirklich ein tröstliches Zeichen Ihrer so lange schweigsamen Freundschaft. Verleben Sie den morgigen Abend mit meinem Manne und mir. Und dann suchen und finden Sie die verdiente Ruhe. Meine Gedanken werden Sie oft In Ihrer Klause besuchen." Feuerbach dachte an den Tag seiner damaligen Rückkehr. Arno hatte ihm über den Verlauf seiner Arbeit ausführlich Bericht erstattet. Er hatte ein Arbeitspensum erledigt, dessen Fülle den Hustizrat ausrufen lieh: „Mensch, wo haben Sie denn die Zeit zum Äusruhen hergenommen? Sie müffen meine arme Frau recht vernachlässigt haben." Der Abend des Tages war mit der Erzählung seiner Reiseerlebnisse verbracht worden. Am anderen Tage hatte Arno seinen Urlaub Ingetreten. 3n diese Urlaubs zeit Arnos fiel ein Brief Mariannes. Sie schrieb: „Mein Mann hat mich gebeten, Ihnen ein Lebenszeichen zu- kommen zu lassen und Ihnen für Ihre Nachrichten zu danken. Er ist auf einen Tag verreist, und so will auch ich eine Reise antreten, eine Reise zu Ihnen. Ich denke mir, dah ich spät Rachmittags auf der kleinen Bahnstation eintreffe, von der aus der Weg nach Ihrem „Felsenhorst" führt. Ich kenne die Gegend nicht, aber ich mache mir ein Bild von ihr. Rechts vom Bahnhofe führt eine Lindenallee zum nahen Walde. Die Augustglut ist fast verglommen. Dom Gebirge her grüßt und ruft mich der erste linde Abendhauch. Rüstig den Äergpfad hinan im leichten Reisekvstürn, dem „Schimmelkleide", wie Sie es nennen, gelange ich tn einer Stunde bis zur ersten Hälfte des Berges und blicke rastend zurück in das tiefe Tal. Unten liegen die kleinen zufriedenen Hütten, von frohen Menschen bewohnt. Abendglocken tönen zu mir herauf. Es liegt etwas Heiliges in dieser Abendruhe, etwas alle tiefsten und reinsten Gefühle Hervorlockendes. Mein Herz schwankt: soll ich hier die Abendsonne verglühen sehen, und dann, ohne mich höher zu wagen, in das Tal Mrückkehren? Oder soll ich, diesen weiten sicheren Mick mit der halb beängstigenden Dämmerstille des steilen Tannenpfades vertauschend, dem Gipfel zustreben? Hoch oben in einer Blockhütte, zwischen Felsen haust der Freund. Was wird er sagen, wenn plötzlich aus dem Tannendunkel das Schimmelkleid hervortaucht? Da kommt mir ein Gedanke: Ich will ihn ungesehen belauschen und einen Kranz vor seiner Türe niederlegen. Er wird ihn erstaunt betrachten und aus dem Dufte der Waldblumen eine poesievolle Erinnerung in sich auf nehmen, als wäre das Märchen vergangener Tage an ihm vorübergegangen. So steige ich denn mit dem rasch gewundenen Kranze rüstig weiter. Hetzt bin ich oben. Dor mir eine Matte mit schroffem Berghintergrunde und in einiger Entfernung die tannene Hütte mit einer Bank davor. Leise schleiche ich mich heran. Kann ich ihn belauschen? Aber die Hütte scheint verlassen zu sein. Er ist nicht zu Hause. So kann ich mich denn heimlich in ihr umsehen und mein Kränzlein wie ein Geheimnis niederlegen. Da taucht plötzlich eine Gestalt in der Tür auf, eine wohlbekannte Gestalt. Schnell ducke ich mich in das tiefe Gras. Der Einsiedler blickt über mich hinweg und tritt dann in die Hütte zurück. Da werfe ich meinen Kranz der Pforte zu und eile klopfenden Herzens den Berg hinab, tiefer, immer tiefer bis hinunter zu jenen sufriebenen Hütten, wo frohe Menschen wohnen." Es folgt ein Gedicht Arnos: War mir's doch, als ob geschähe, Was mein Hoffen für und für Und ich fühlte deine Rähe, Deinen Fuß an meinet Tür. Bebte schon, dir zu begegnen, Ganz von jäher Lust durchwühlt, Deine liebe Hand zu segnen, Die die heiße Stirn mir kühlt. Ach, es ist mir nicht begegnet, Glück, du flohst in scheuer Hast, Rur den Wald hast du gesegnet. Richt des Waldes stillen Gast. Doch ein Hauch ist hier geblieben, Warst dir doch des Freunds bewußt. Und das Kränzlein meiner Lieben, Drückt ich dankbar an die Brust. Die weiteren Korrespondenzen der beiden bewegten sich im wesentlichen in dem Tone der früheren. Die beiden letzten berührten ein besonderes Ereignis. Ma- rianne hatte den Besuch ihrer in der Schweiz ansässigen Jugendfreundin Ottilie empfangen. Das schöne junge Mädchen blieb mehrere Wochen im Feuerbachschen Hause, und Feuerbach hatte es mit der Zeit daraus abgesehen, eine Verlobung zwischen ihr und Arno zustande zu bringen. Es schien sich wirklich alles nach feinem Wunsche zu entwickeln. Arno war fast täglich mit den beiden Freundinnen zusammen. Das heitere Wesen der Schweizerin wirkte auf ihn sehr belebend und entfaltete alle seine gesellschaftlichen Fähigkeiten. Man begann sich offenbar füreinander zu interessieren. Wodurch waren diese guten Aussichten vereitelt worden? Feuerbach wußte es wohl. Er hatte selbst dazu beigetragen, und das kam so: Als er merkte, daß seine Bemühungen, die beiden einander näher zu bringen, nicht ohne Erfolg waren, setzte Plötzlich seine alte, grausame Siegerlaune ein. Er war gewohnt, seine Kreise zu beherrschen. Die Reigung zu seiner Frau hinderte ihn nicht, andere holde Frauen schön und liebenswürdig zu finden und ihnen den Hof zu machen. Die aufkeimende Liebe des jungen Mädchens für Aimo hatte etwas Verletzendes für ihn. Er wollte sich nicht von ihm übertrumpfen lassen. Ganz im Hintergründe spielte in ihm auch noch ein anderer Gedanke, eine egoistische Erwägung. War es denn eigentlich klug von ihm, den fleißigen Mitarbeiter an ein Eheglück zu fesseln, das ihn vielleicht allzusehr gefangen nahm? And so begann er denn skrupellos sein Zerstörungswerk mit kleinen Listen und Schlichen, deren Verwerflichkeit er sich im Grunde nicht verhehlte. Gr reizte Arno durch die kühn zufafsende Art, in der er nun selbst das Mädchen umwarb. Er tat dies wie int Scherz, und sie ging nichtsahnend auf seine Scherze ein, ohne zu merken, daß die Empfindlichkeit Arnos ihn von ihr entfernte. Eines Abends, als die vier Personen auf mondbeschienener Terrasse des Hauses einem guten Weine zusprachen, hatte Feuerbachs übermütige Stimmung einen so hohen Grad erreicht, daß er nach einem glänzenden Toaste auf Freundschaft, Liebe und Frauenschöne den Vorschlag machte, man müsse das vierblättrige Kleeblatt der Freundschast noch frischer ergrünen lassen, indem man sich insgesamt fortan mit dem trauten Du an- rede. Er achtete nicht darauf, daß die anderen bei seinem unerwarteten Dorschlag stutzten, hielt ihn ohne weiteres für angenommen und setzte seiner Ausgelassenheit die Krone auf, indem er nun auch eine Besiegelung des Duzbündnisses durch einen allgemeinen Kußaustausch forderte. Che das junge Mädchen sich sträuben tonnte, hatte er es schon auf den Mund geküßt, und nun wäre nach seiner ausdrücklichen Aufforderung Arno an der Reihe gewesen, die neben ihm sitzende Marianne zu küssen. Aber es kam zu keinem weiteren Lippenaustausche. Marianne iund Arno hatten sich gleichzeitig wie in einem wirren Taumel erhoben. Zuerst schien es, als ob Arno von der Erlaubnis Feuerbachs Gebrauch machen wolle. Dann ließ er, von einem eigentümlichen Ausdruck ihres Gesichtes betroffen, die schon ausgestreckte Hand sinken. Er sah Marianne schwanken, griff rasch nach ihrer Hand und bann setzten sich beide verstört nieder. Feuerbach war von dieser Szene betroffen. Die Schweizerin schien durch das Verhalten der beiden einigermaßen bloßgestellt. Er fühlte seine Taktlosigkeit und sagte tn scharfem Tone: „Mein Vorschlag scheint doch nicht die allgemeine Billigung zu finden, die ich erwartete. Geben Sie mir meinen Kuß zurück, verehrtes Fräulein. Dann sind wir quitt Uebrigens sind nicht gegebene Küsse oft heißer, als die Küsse, die wirklich gegeben werden." Dieses paradoxe Schlußwort fiel wie ein Donnerschlag in den Freundeskreis hinein. Feuerbach hatte es im auftoallenben Qlerger hingeworfen und sofort bereut Die gute Stimmung war zerstoben. Marianne schrieb anderen Tages an Antv: „Der gestrige Abend hat mich zu einem Entschluß gebracht. Unser Leben muß noch anders werden, wie es jetzt ist, Arno. Wir gehen sonst beide daran zugrunde. Ich weiß, daß meine Freundin Sie wirklich gern hat. Sie müssen sich ihr erklären. Ach, lieber Freund, ist denn die Liebe einer edlen Frau so wenig wert, daß ein Mann die Gelegenheit, sie ganz zu erringen, achtlos vorübergehen lassen bars? Wie selig muß bas Leben sein, bas zwei wahrhast sich Liebende und Verstehende miteinander führen. Ottilie wird ganz.in Liebe für Sie aufgehen, wenn sie Ihr Wesen erst ganz kennen lernt. Und Sie, auch Sie werden ihr gutes Herz verstehen und voll Zärtlichkeit umfassen. Tuen Sie es denn nicht schon? Sollte ich mich, indem ich Sie beobachtete, getäuscht haben? Aber ich weiß auch, was Sie noch hindert, glücklich zu sein. Ich bin es. Das eheliche Glück beruht nicht auf einer plötzlich erwachenden Leidenschaft. Die kleine Flamme der Reigung wird wachsen und erwärmen, wenn sie sich mit der Flamme des anderen Teiles vereinigt. Das bedenken Sie, Arno. Reißen Sie alles, was Sie zu mir noch hinzieht, gewaltsam aus Ihrem Herzen, und Sie sind geborgen. Meine Freundin wird mir den letzten Rest Ihres Herzens nehmen. Ich will mich nicht darüber beklagen. Denn ich darf es nicht. 06 52 - es richtig von mir war, diese Ehe einzugehen, das ist hier nicht die Frage. War es eine Schuld, dir mich trifft, so muß ich sie tragen. Aber Sie. Arno, sind nicht schuldig. Sie dürfen nicht mitbüßen. Wir find beide Feiglinge. Wir schleppen ein Leben ohne Ja und ohne Rein dahin. Ein Leben ohne Ja. Denn wir haben nicht den Mut, uns zueinander zu bekennen. Ein Leben ohne Nein. Denn wir haben uns innerlich noch nicht ganz aufgegeüen. Wir dürfen und können uns nicht gehören und treiben doch ein leichtes Spiel mit Wünschen, die nicht tveniger rechtlos sind als die Tat sein würde. Warum wären sonst alle diese geheimen Korrespondenzen? Sind es nicht verschwiegene Küsse? Sie dürfen die Frau eines anderen nicht küssen. Daß Sie es gestern nicht taten, obwohl mein Mann es wünschte, werde ich Ihnen nie vergessen. Nur deshalb sagt Ihnen dieser Brief mehr als je ein anderer. Aber auch das Gestrige bleibt nur ein Schein, solange wir uns nicht ganz trennen. Sie haben gehört, wie Otto im plötzlichen Wechsel seiner Stimmung zu einer Drohung ausholte. Küsse, die nicht gegeben werden, können mehr bedeuten, als wirkliche Küsse. Wollte er mit diesem Worte sagen, Laß er an Ihre Liebe zu mir glaubt? Glaubt er. daß ich Sie wieder liebe? Ich fühle mich ganz elend und gebrochen unter diesen Stimmungen. Mein NÄnn ist wenigstens ehrlich. Er liebt mich nicht mehr. Er fühlt sich zu Ottilie hin- gezogen. Wenn es wahr ist, was ich glaube, wenn Ottilie Ihnen schon längst nicht mehr gleichgültig ist, so beschwöre ich Sie nochmals: Sprechen Sie sich mit ihr aus. Wenn alles Aeußecliche in unserem Leben eine andere Gestalt annimmt, so wird sich auch unser Inneres verändern. Es ist eine Gefahr um uns und in uns, die sich vermehrt, wenn wir sie nicht mit Gewalt abwehren. Noch steht — ich hoffe es. Arno — mein Bild ganz rein vor Ihnen wie vor mir das Ihrige. Das soll nie anders werden. Sie können noch glücklich werden und Ohr Leben neu aufbauen. Dann wird, ich glaube es, auch meine Seele Ruhe finden, And dann noch eines, Arno, was Sie verstehen werben: Wenn Sie mit Ottilie gesprochen haben oder noch ehe Sie es tun, gehen Sie zu meinem Wanne, zeigen Sie ihm alle meine Briefe. Zeigen Sie ihm auch die Briefe, die Sie mir schrieben. Och lege sie diesem Schreiben bei. Warum ich ihm nicht alles selbst sage? Weil er mich auslachen würde. Er hält nichts von den „Gefühlsduseleien" der Frauen. Auch weiß ich nicht, wie Sie heute darüber denken. Sie als Mann, auf den er hält, werden mehr Eindruck auf ihn machen. Was wollen Sie ihm zur Erklärung dieser Briefe sagen? Was wird er Ihnen erwidern? Ach, ich weiß es nicht. Tuen Sie, was Die wollen." Arno antwortete in einem Schreiben, von dein sich nur ein ab» !>erissener Konzeptentwurf bei dem Driefbündel befand. Der Sinn einer Antwort war: „Sie sind mutig. Och bin es nicht mehr. Och will das Opfer als Strafe meiner Mutlosigkeit auf mich nehmen und Ohnen nicht mehr schreiben, auch keine Zeilen mehr von Ohnen empfangen. Ohr Vorschlag, mich an Ottilie zu binden, ist unerfüllbar. Mein Leben ist verfehlt und mir zur Last. G- soll kein fremdes Leben stören. Mit Ihrem Manne kann ich nicht sprechen. Vielleicht würde er auch mich auslachen, und so würde dieses Trauerspiel meines Lebens wie eine häßliche Komödie enden, vielleicht sogar mit Folgen für Sie, die ich nicht übersehen kann. Lassen Sie mich diese B.kefe vorläufig als den einzigen Schatz meines Lebens ausbewahren. Es könnten doch auch Fülle eintreten, in denen sie für Sie wie für mich wichtige Beweisstücke biden." Auf der Rückseite des Amschlages, der die Briefe umschloß, fand Feuerbach noch zwei rätselhafte Worte von Arnos Hand. Sie schienen vor nicht langer Zett geschrieben. Es waren die Worte: „mors initium“. Der Justizrat hatte sich erhoben. Gr legte die Briefe in die Kassette zurück und grübelte, alles anders vergessend, über Arnos Schlußwort nach: „mors initium. Der Tod ist der Anfang." Was hatte dieser Rätselsatz zu bedeuten? Bestand etwa zwischen dem Inhalt dieser Briefe und Arnos frühem Tode irgendein Zusammenhang? Abenddunkel hüllte das Zimmer in tiefe Schatten. On dem jungen Apfelbaume vor dem Fenster sang eine Drossel. Tiefe Müdigkeit kam über ihn, ein Gefühl grenzenloser Einsamkeit. Er mußte sich niedersetzen und schlummerte unter dem Abendlieds der Drossel ein. Gin besonderer Traum kam über ihn. Er stand vor den Schranken des Gerichtes, des Gerichtes, vor dem seine Beredsamkeit so oft gesiegt hatte. Aber er stand dort nicht als Verteidiger, sondern als Angeklagter. Was ihm die Anklage vvrwarf, kam ihm nicht ganz zum Bewußtsein. Zerstörung eines Lebens in irgendeiner Form schien es zu fein. Gr fand auf die zermürbenden Worte der Anklage kein Wort der Verteidigung. Er wollte seinen Richtern zurufen: „Och bin schuldig. Wer tötet, soll selber des Todes sterben. Nehmt mein Leben hin." Da trat Arnos Freundesgestalt in den Saal. Er trat an seine Seite und ihm folgte Marianne. Arno war sein Verteidiger geworden, Marianne trat für ihn als Zeugin auf. War es Drofselsang oder war es Mariannes Stimme, die Leides voll, die Richter für ihn um Milde bat? War es Drosselsang oder waren es Arnos Worte, die wie eine zarte überirdische Musik den Saal durchfluteten unb vor denen die Gespenster der Anklage entflohen? Der bleierne Schlaf löste sich in eine Art Halbschlummer auf. Zwischen Wachen und Träumen spann er bea alten Traumfaden lose weiter und' grübelte dann im Halbbewußtsein darüber nach, Wie konnte Arno diese Briefe in seine Hand fallen lassen? Tat er es absichtlich? Hatte sein vorschnelles Ende den Plan rechtzeitiger Vernichtung vereitelt? Wollte er mir kurz vor seinem Tode ihren Onhalt noch erklären? Er berief den Schatten des Verstorbenen: „Gib mir Antwort." Arno antwortete wie aus ferner 'Weite mit dem Rätselworte: „mors initium“. Aber Feuerbach ließ sich mit dem Worte nicht abweisen. Gr erwiderte der Geisterstimme: „Marianne und ich stehen mitten im Leben. Wir müssen weiterleben, sei es, wie es sei. Du konntest sie schützen vor mir, als du lebtest, wenn sie eines Schuhes vor mir bedurfte. Run gabst du mir eine Waffe gegen sie in die Hand, obwohl du ihr Beschützer nicht mehr sein kannst. Hast du mir diese Zeugnisse eures Lebens absichtlich und bewußt übergeben? War es ritterlich von dir gehandelt, wenn du es wolltest?" And Arno erwiderte: „Ob ich es wollte oder nicht, was ist daran gelegen? Vielleicht wollte ich es. damit du siehst, daß sie ohne Schuld ist. Du kennst das Leben und weißt, wie das harte Lebensschicksal an Tausenden von uns zum Verführer und Verbrecher wird, ohne daß wir ez wollen. Es gibt keinen ganz Schuldigen. Deshalb durfte ich auch dir zum Verteidiger werden vor jenem Gerichts, vor dem du dich ganz schuldig fühltest. And es gibt eine Schuld, die äußerlich groß erscheinen mag, und wir müssen und wollen sie doch begehen und wollen sie nicht einmal bereuen. Sie ist unabwendbar, daß selbst Engel sich mit ihr beschweren würden. Diese Briefe durften in deine Hand fallen. Es ist gut, daß es geschieht. Denn nun erkennst du die Wahrheit. Du weißt jetzt, was du vielleicht halb ahntest, was in Marianne und mir lebte, und da wir nicht die Schuldigeren find, da sie es am allerwenigsten ist, so wird mein Tod der Anfang deiner Reue, der Anfang deines Erkennens und einer geläuterten Liebe zu ihr sein. Dieses dein Erkennen wird ihr Beschützer werden. Sie bedarf meines Schuhes nicht mehr. Mors initium.“ Feuerbach rüttelte sich aus seinen Träumen auf. Es war Rächt geworden, eine milde Frühlingsnacht. Der Gesang der Drossel war verstummt. Lichter Mondenschein lag auf den Blüten des Apfelbaumes, dessen Zweige wie nach Liebe verlangend zu ihm emporstrebten. Er öffnete die Kassette, nahm die Briefe heraus und verbrannte einen nach dem anderen an der Flamme einer Wachskerze. Dre Wirke. Don Werner Dock. MS ich mich eines Morgens am Waldrand ntederließ, fiel mein Blick auf eine junge Birke, die ein wenig abseits von den Bäumen des Waldes in einem schmalen Wiesenteppich wurzelte. Ihr Stamm war dem Körper einer Elfe gleich, biegsam und mädchenschlank. Aeber die silberblaue Haut wallte der Schleier der Zweige wie ein vom Himmel heruntergewehtes goldgrünes Reh. Weine Augen liebkosten in der wunderzarten Daumgestalt einen irdisch gewordenen Traum. And je länger ich den holden jungen Daum in mein Auge schloß, desto heißer flutete in mir ein seltsames Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem lieblichen Wesen auf. Mehr als einmal hatte ich so ganz das Ginsgefühl mit den Geschöpfen der stummen Natur erlebt. Aber immer umfaßte mein Herz sie als Ganzes, den Wald, die Gräser, die Blumen ... Diesmal stand ich plötzlich in einer geheimnisvollen Bezrehung zu einem einzigen Pflanzenwesen, das über all seine Fremdheit Hinaus unsichtbare Fäden zu mir za spinnen schien. Arklängg erwachten in mir, Erinnerungen an ewig ferne Zeiten, da dis Schranke zwischen den Kindern der Erde noch nicht grausam aufgerichtet war. Floß nicht in jedem Daum derselbe Saft, der vor undenklichen Zeiten die Argebilde meiner Ahnen durchströmte? Mar nicht über alle Trennung hinweg dort noch Blut und Leben von mir und hier Blut und Leben von dort? Eine unwiderstehliche Gewalt zog mich jäh zu dem stillen Schwesternwefen hinüber. Och lehnte meinen Kopf an den schwellenden Stamm, meine Hände umschlangen das süße Waldgeschöpf in einer unsagbaren Bewegung. And während ich mein Herz an das Herz des Baumes preßte, erschauerte ich in einer niegekannten Seligkeit, als plötzlich, ohne daß ein Lufthauch sich rührte, eilt keuscher Zweig sich zu mir niederbeugte und leise, leise über mein glühendes Antlitz strich . . . Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Drühl'schen Aniv^-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.