Zwei politische Morde vor dreivrertel Jahrhunderten in Frankfurt a. M. Bon Pfarrer i R Horbach in Greben. (Schluß.) Bach vollbrachter Tötung des Generals v. Auerswald um etwa 5 Mr nachmittags stürmte ein großer Teil der vor den Garten hinausgegangenen Bewaffneten wieder in den Garten zurück. „Der hat seine-, Lohn/' Hirst es, „nun den andern!" „Einen Spitzbub' haben wir; jetzt soll der anders auch noch dran!" Die Durchsuchung des Gartens und des Hauses wurde nunmehr mit neuem Eiser und doppelter Genauigkeit fortgesetzt. Zweimal schon 'hatte man vergeblich den Keller durchsucht. Da holte ein Turnerbürsch- cheu ton 16 Jahren ein Licht herbei und leuchtete auch in eine dunkle Ecke Hinein. Alsbald rief er: „Da ragt etwas Schwarzes, — ein Rockzipfel heraus!" Man stand vor einem Obst verschlag. Da er aber Verschlossen und Lein Schlüssel zu haben war, so holte man eine Axt herbei und tat einen Schlag wider die Türe, daß der Kloben Herausfuhr, und drei von der Rotte drangen in den Verschlag ein. Bort fand man den Surften Lichnowsky. der sich hinter einem Brettergerüste, auf ebener Erde liegend, verborgen hatte. Er wurde sofort gepackt und herausgezogen. Der Keller füllt« sich mit Bewaffneten, da alsbald das Geschrei erscholl und sich weiter verbreitete: „Wir paben ihn!" Unter Mißhandlungen derselben Art wie vorher bei Auerswald, stieh und zerrte man den Fürsten aus dem Hause in den Garten ^hinaus. Gin roher Mensch gab ihm dort mit dem Gewehrkolben einen furchtbaren Schlag auf das linke Ohr, daß es blutete. Ein anderer zerfleischte ihm mit dem Hahn seiner Büchse wie mit einem Hackmesser den rechten Vorderarm, daß die Flsisch- fetzen herabhingen. Mit Knütteln und Flintenkolben schlug die brüllende und tobende Masse von allen Seiten aus ihn ein. Hierbei tat sich auch wieder die Zobel besonders hervor, die mit Steinen auf den Kopf des armen Opfers losschlug. Dann stieß und zog man den Fürsten zu demselben hinteren Tartentürchen hinaus, wie vorher seinen Leidensgenossen. Hier war es der Schuster Daniel Georg aus dem Rachbarorte Ginnheim, der Führer des Freischarenzuges Ginnheim-Bockenheim, der den Fürsten zu jenem Graben führte, in dein Auerswalds Leiche lag, und zu ihm sagte: „Komm her! Ich will dir noch einmal deinen Freund zeigen, daß du ihn, die Hand geben kannst." Lind wie er vorher zu Auerswald, als dieser im Garten um fein Leben gefleht, höhnisch gesagt hatte: „Komm her! Du sollst ein republikanisches Rachtessen mit mir genießen," so sagte er jetzt zu dem Fürsten: „S o hat dein Kamerad ein Nachtessen gekriegt, so sollst du auch eins speisen," wobei er ihm das Zündhütchen zeigte, mit dem er erschossen werden solle. Nun schwenkte der Fahnenträger des Ginnheim-DOckenheimer Freischarenzuges vor Lichnowsky die Fahne und ging dann vor ihm her, als man diesen weiterführte. Heute, wo jene vor 74 Jahren noch freie Gegend ganz bebaut ist, könnte man als die Stelle, wo Auerswald in dein hinter dem Schmidtfchen Garten sich herztehenden Graben erschossen wurde, den freien Platz bezeichnen, an dem sich die GünHersburgallee und die Bornheimer Landstraße voneinander scheiden. Don dort aus führte vor 74 Jahren eine Pappelallee durch di« Bornheimer Heide nach Bornheim. In dieser Pappelallee führte man Lich- nowsktz weiter, bis Mr 19. Pappel, 270 Schritte vom Schinidtschen Garten, Dis dahin war er von der blutdürstigen Rotte umringt, die ihn noch weiter mißhandelte. Da Lichnowsky nun sah, daß 8 8 81 -M M 1922 — Nr. 39 Samstag, 30. September c 4s. man ihn zum Tode führen wolle, sprang er an jener Stelle plötzlich in die Rotte hinein und suchte einem Burschen das Gewehr zu entreißen, was ihm jedoch nicht gelang. Das war das Signal. Es wurde „Platz!" gerufen, und plötzlich stand der Fürst vereinzelt: er sprang noch, um sich zu decken, aus jene Pappel zu, aber da fiel auch schon der erste Schuß; der Schuster Hatte ihn abgefeuert. Der Fürst taumelte, schrie auf und hielt eine blutige Hand in die Höhe. Erst auf einen zweiten Schuß, den er in den Rücken erhielt, brach er zusammen; und nun fielen noch mehrere Schüsse. Er lag, aus vielen Wunden blutend, am Boden, ein gräßlich zerfleischtes Opfer, ein Sterbender. Nachdem die Morögesellen ihr blutiges Werk vollbracht hatten, stoben sie nach allen Richtungen, aus denen sie gekommen waren, wie die Mäuse in ihre Löcher, so schnell auseinander, als habe die Erde die etwa 200 Verfolger verschlungen. Sie sagten sich mit Recht, es könne jetzt jeden Augenblick das Militär aus der Stabt eintreffen. Es war jetzt etwa l/Jö Ähr nachmittags. Die.Spätnachmittagssonne schien an diesem, in der Herbstnatur so ganz besonders klar- schönen Septembernachmittage mild und friedlich auf das an der Strafte verlassen liegende, zerfleischte Opfer des Hasses und der Blutgier, an dem sich Wutschnauben und Mordgrimm aaSge- tobt hatten. Jetzt aber lieft Gärtner Schmidt den Fürsten sogleich in sein Haus hineintragen. Dieser sagte zu seinen mitleidigen Trägern: „Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Nur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! Sie haben mir auch meine Uhr gestohlen." Im Schmidtfchen Hause gab Lichnowsky seinen letzten Willen zu erkennen, wobei er noch ausdrücklich aussprach, daß er seinen Feinden verzeihe, Unterdessen, etwa gleich nach 6 Uhr, kam der Fürst Felix v. Hohenlohe mit einer Abteilung hessischer Ehe- vaulegers an, unter deren Bedeckung der Verwundete nach der Stadt gebracht werden sollte. Zugleich nahm man die Lüche v. Auerswalds, die Schmidt bereits um 1/26 .Uhr aus dem Graben gleichfalls in sein Haus hatte tragen lassen, in diesem Zuge mit. Als man eben an dem Landhaus des Herrn v. Belhmann vor- üleifam, eilte dieser dem Zugs nach, legte dein Fürsten mit den Worten „O du mein lieber Fürst!" die Hand auf die Schulter und bat, man möchte den Verwundeten doch in fein Haus hereinbringen, was dann auch geschah, während man die Leiche des GcncralS unter militärischer Bedeckung nach dessen Wohnung in der Stabt weitertrug. 3m v. Bethmannschen Hause wurden nun dem Fürsten von zwei Aerzten Verbände angelegt. Alsdann aber verbrachte man ihn, wie er es selbst wünschte und wie es auch seine Umgebung für das beste hielt, unter Bedeckung einer Abteilung Kavallerie, nach dem Hospital zum Heiligen Geist, wo er zwar reichlichen ärztlichen Beistand fand, jedoch um 1/211 Uhr abends verschied. Einige Tage später fand die Beerdigung beider Gefallenen mit vielem Pompe, als politischer Gegendemonstration, auf dem Friedhof zu Frankfurt statt. Bei Lichnowsky war es freilich nur eine Scheinbeerdigung. Seine irdischen HeBerrefte sind geteilt worden. Aach seinem eigenen Wunsche wurde sein Herz in eine reiche silberne Kapsel verschlossen und tarn nach Sagan (im nordwestlichen Schlesien), wo es noch jetzt neben dem Sarkophag der Herzogin Dorothea in der dortigen Schloßparkkirche aufbewabrt wird. Sein Körper ruht in einer kleinen Dorfkirche bei Schloß Grätz in Mähren neben seinen Vorfahren in der fürstlichen Familiengruft. 154 - Auf dem Friedhof zu Frankfurt aber stehen auf dem nördlichen Felde noch heute die Denkmäler der damals beim Barrikadenkampf gefallenen Soldaten und Aufständischen. Der letzteren Maren es 31. Sie fielen auf den Barrikaden in den Straßen zu Vewen Seiten der Zeil: in der Friedberger Straße und ihrer Fortsetzung jenseits der Zeil, der Fahrgas ss bis zur alten Mainbrücke: an den Mündungen der beiden westlich auf die Fahrgasse rechtwinklig zulausenden Straßen: der Töngesgasse mit dem Lieb» frauenberg und der Schnurgasse,' dazu noch beiderseits der Fährgasse: in der Hafengasse und der Ällerheiligenstratze. Was hatte denn nun aber der so unmenschlich hingemetzrlte Fürst Lichinowsky verbrochen? Wie v. Auerswald, so hatte auch er nichts, gar nichts verbrochen. Als Mitglied der Rechten des Parlaments war er einer der geistig äleberlegensten in der ganzen Paulskirche, und darum freilich, ein Schrecken für alle geistig Beschränkten, die daran verzweifelten, ihm in der freien Rede irgend etwas anhaben zu können. Mit einschneidender Schärfe war er den demokratischen, ja revolutionären Bestrebungen der Linken unablässig entgegengetreten. Darum hatten ihn die Führer der revolutionären Demokratie den niederen Volksklassen in Wort, Schrift und Bild als den vorzüglichsten Gegenstand ihres Hasses bezeichnet, als den hauptsächlichsten Träger der volksverräterischen Absichten der Rechten stets geschildert. Da war denn die politische Stockblindheit, die gänzliche Ärteilslosig- feit der breiten Massen der fette Boden, in dem diese Wühlerei gedeihen und üppig wuchern konnte. Es ist daher ein unauslöschliches Brandmal, daß ein Ehrenmann, dazu erwählt und gesandt, um eine freie Äeberzeugung durch freies Wort in der Rationalversammlung geltend zu machen, unt dieser Freiheit der Heber« zeugung und des Wortes willen so feig und so ehrlos hat erwürgt werden können, und daß, wie es damals überall geschah, die Partei der Revolutionäre in lauten Jubel über diesen, von feigen Meuchelmördern und ehrlosen Mordbuben begangenen Greuel ausbrechen konnte. Als dann am Tage nach, den beiden Mordtaten die Berhaf- tungen begannen, da entflohen diese feigen und ehrlosen Mordbuben ins Ausland: nach Paris, nach London und nach der Schweiz. Dazu kam dann, daß die ausländischen Regierungen wenig geneigt waren, Schritte zur Verhaftung der seit 1848 steckbrieflich Verfolgten zu tun, und noch weniger zu deren Aus- lieserung bereit waren. So war durch Passagiere sestgestellt worden, daß die Mörder der beiden Abgeordneten auf dem Dampfboot von Mannheim nach Straßburg mit ihren Taten geprahlt hätten. Als dann in Erfahrung gebracht worden war, daß sich ein Hauptverdächtigter, der Etuifabrikant Rispel aus Bocketzheim, in Paris aufhalte, und als dieser bereits am 25. November 1849 ergriffen worden war, war es trotz diplomatischer Verwendung behufs der Erwirkung seiner Auslieferung nicht zu erreichen, daß er früher als am 1. August 1850 in Frankfurt ankam. Nachdem er dann zu 14jähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden war, erhängte er sich, in seinem Gefängnisse zu Frankfurt. Alle in dieser Darstellung gemachten Angaben beruhen auf den eidlichen Zeugenaussagen der mir im Druck vorliegenden Gerichtsverhandlungen. Ich schließe mit des Dichters Wort: Verdeblich, ist des Tigers Zahn: Jedoch der schrecklichste der Schrecken Das ist der- Mensch in seinem Wahn. Vom deutschen DolKsheiligen. Von Franz Wichmann (München). Dem Erzengel Michael ist es bei den Deutschen ähnlich ergangen wie unserm Herrgott bei den Franzosen. Der zeitweilige Sinn ihrer Beziehungen zu den beiden Völkern hat sich mit der Zeit fast in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn wir die Redensart: „Wie Gott in Frankreich leben" Höven, so stellen sich die meisten ein herrliches Leben vor. Gerade das älmgekehrte aber will die sprichwörtliche Redensart bezei Hn«i, denn der Herrgott, der zur Zeit der großen Revolution entitteont und durch die Göttin der Vernunft ersetzt wurde, hatte nirgends ein so unsicheres und wechselvolles Leben wie in Frankreich Ebenso widersinnig erwachs bei Nennung des deutschen Michel in unserm Geiste das Bild eines plumpen, trägen, verträumten Menschen mit der Zipfelmütze über den Ohren, die symbolisierte Selbstironisierung unseres Volkes, wo uns doch ein strahlender Kriegsheld vor Augen stehen sollte. Denn nur ein solcher wurde ursprünglich, unter dem deutschen Michel verstanden. Einst waren die Germanen ihren Göttern Wodan und Thor in die Schlacht gefolgt. Als diese dem Ghristentum weichen mußten, da gefiel jenen unter den himmlischen Helden am besten der streitbare St. Michael. Sie sahen in ihm den leuchtenden Gotteskämpfer, der einst Luzifer in die Hölle gestoßen und mit dem feurigen Schwert die Dämonen der Tiefe schlug. Schon im Alten Testament war er dem jüdischen Volk, sobald es mit übermächtigen Feinden zu tun hatte, als Schutzengel erschienen. Ihm ward nach der Sage die Bestattung der Seidy; Mosis übertragen, und unt der frommen Pflicht zu genügen, muhte er erst einen harten Strauß mit dem Satan bestehen. Auch die Apokalypse des Johannes sah in ihm den Besieger höllischer Mächte, das Sinnbild des Lichtes int Kampfe mit der Finsternis, und so konnte sich unser Volk feinen himmlischen Schutz nur zur Ehre anrechnen. Die deutschen Siege gegen die Hunnen dienten dazu, den Glauben an seine Ws reiche Macht zu stärken. In der Schlacht an der Austritt ward 933 sein Banner vorangetragen und ebenso führte 955 Kaiser Otto auf dem Lechfeld das Bild des Heiligen aus seinen Fahnen. „Da kommt der deutsche Michel!" war zum Schreckruf der Feinde geworden, wenn sie die Reichssahne mit dem Erzengel auf dem Schlachtfelde nähen sahen. Die weise Schonung des Volksempfindens durch, Papst Gregor hatte den lichten Heiligen an die Stelle des alten Wodan treten lassen. Wie jener den finsteren Winter verjagte, besiegte dieser den höllischen Drachen, und das altheidnische Ernte-Osterfest ging über in den Feiertag St. Michaels am 29. September. Viel trug dieses Fest zu dessen wachsender Volkstümlich,leit bei. Wo einst die Opferaltäve der alten Götter gestanden, erhoben sich aus freien Dergeshöhen zu feinen Ehren Kirchen und Kapellen, lateinische Hymnen und deutsche Volkslieder entstanden zu seinem Lobe, und hatten einst die Kriegsleute mit Vorliebe ihre Söhne auf seinen Namen getauft, so taten das gleiche jetzt auch, die Bauern. Für diese bildzte der Michaelstag bald einen der wichtigsten Zeitabschnitte, an dem der Pachtzins gezahlt wurde, das sommerliche Arbeitsjahr abschloß und die Dienstboten neue Stellen suchten. Der Name Michel aber itähm in bäuerlichen Kreisen dermaßen zu, daß man bald Öamit schlechtweg den deutschen Landmann überhaupt bezeichnete. Der Spott aus ben deutschen Michel ist zweisellos zuerst im feindlich gesinnten Ausland entstanden, man verstand darunter, wie heute unter dem neuen Schimpfwort „Boche" einen tölpelhaft, bäurisch ungeschickten Menschen. 3m 15. Jahrhundert hatte der Rame bereits in der Literatur Eingang gefunden, denn wir begegnen ihm bei Sebastian Franck, in Grimmelshausens „Simplicissimus", der „Zimmerschen Chronik", und drei Jahrhunderte später fällt unseren Klassikern Lessing, Goethe uab anderen das zweifelhafte Verdienst zu, die Bezeichnung eben- falls in dem völlig entstellten Sinne zu gebrauchen. Der Ge- Ishrtenstolz gegenüber dem bäuerlichen, ungebildeten Stande kam darin zum Ausdruck, und die seltsamen, bei allen Völkern nachweisbare Degradierung der Sprache, die Worte von ursprünglich heiliger und ehrenvoller Bedeutung immer mehr entweiht und zuletzt in den Schmutz der Gasse wirft, tat wohl ein übriges, diese Profanierung zu unterstützen. Den Witzblättern der Reuzeit wurde der entwürdigte Michel eine willkommene Karikatur, in der eine mehr harmlose als boshafte Selbstironie den Typus öder Philisterosität verkörperte, eine Erbschaft besonders des Jahres 1848, in dem der emperstrebende Freiheitsgeist alles, was ihm entgegenstand, mit Vorliebe unter diesem Bilde verächtlich machte. Wir können dem streitbaren, ewig siegreichen Erzengel art seinem Namenstage wohl nicht besser dienen, als daß wir ihn in unserer Vorstellung in seine alten Ehrenrechte wieder einsetzen, uns mit Stolz als seine Schutzbefohlenen betrachten und mit dem alten schönen MichaÄslieöe bitten: „Du Held, dess' Rame wohlbekannt, Beschirm' das deutsche Vaterland, St. Michael!" Sophus Lie, Norwegens großes Finanzgenie. Der ordentliche Professor für Mathematik an der Landesuniversität Gießer, Friedrich Engel, hält sich zur Zeit in Norwegen auf. Die in Kristiania erscheinende Zeitung „Aften- pvsten" bringt neben dem Bild des deutschen Gelehrten dessen Ausführungen über tzophus Lie, „Norwegens zweites großes Ma th ema t ikerg en ie", der in feinen besten Jahren als Fuhwanderer berühmter gewesen sei als als Mathematiker. Prof. Engel führte der „Astenposten" gegenüber aus: Norwegen hat zwei große mathematische Genies hervorgebracht: Henrik Abel und Sophus Lie. Der erstere der beiden, Abel, starb nur 11 Jahre alt Seine Arbeiten sind in zwei Ausgaben herausgekommen, und er hat eine sehr große Bedeutung für die Entwicklung der Mathematik gehabt. Sophus Lie ist nicht fv beachtet worden wie Abel. Seine Arbeiten sind weniger zugänglich gewesen: nur ein Teil von ihnen ist bis jetzt veröffentlicht worden und sie haben deshalb nicht den Einfluß auf die Entwicklung der Mathematik erlangt, den sie verdienen. Erst als Lie 26 Jahre alt war, ging es ihm auf, daß er ein geborener Mathematiker war: erst da wurde er sich über feine großen Gaben klar. Er hatte früher feinen Beruf nicht erkannt, aber jetzt erwachte feine schöpferische Fähigkeit auf dem Gebiete der Mathematik. Die Ideen brachen mit einer ungeheuren Kraft hervor. Was.er leistete, ist in Wirklichkeit so imponierend, daß wenige Mathematiker gegen ihn auf kommen: aber er lieh sich nicht Zeit, feine vielen großartigen theoretischen Arbeiten ausführlich zu entwickeln. Es war immer so, daß er sich mehr für neue Dinge interessierte, als dafür, alte zum Abschluß zu bringen. Zur Zeit wird an einer Herausgabe der gesammelten ®> Handlungen von Sophus Lie gearbeitet. Zu diesem Zwecke ist Pi ofessor Engel nach Kristiania gekommen. Einer der Mitarbeiter von „Aftenpvsten" hatte, so fährt dieses Blatt fort, eine .Unterredung mit dem Professor, welcher eifrig beschäftigt im Manuskriptsaal der ülniversttätsbibliothek amDrarn- merstveg fast, wo die nachgelassenen Schriften von Sophus Lie ge= Knelt sind. Der liebenswürdige Mathematiker legt seine vielen iere beiseite und geht ein auf ein Interview über Sophus Lie und seine Werke. „Wie Sie vielleicht wissen, kam ich hierher nach .Kristiana im Jahre 1884, um mit Staatsunterstützung unter Professor Lie zu studieren und behilflich zu sein bei der Sammlung and Herausgabe seiner Werke. Biele von seinen Arbeiten waren wenig aus- siihrlich und wenig ausgeführt. Sie waren oftmals nur skizziert, so daß sie nur für wenige verständlich waren. Bedeutungsvolle Theorien waren oft nur angedeutet und oft für die meisten rätselhaft. Lie war immer mit etwas Neuem beschäftigt. Wir nahmen damals, im Jahre 1884, sofort die Theorie der Transfvrmations- gruppen in Angriff. Das war damals etwas ganz Neues. Jetzt wird dieser neue Zweig der Mathematik, der ganz selbständig von Sophus Lie geschaffen worden ist, auf zahlreichen Gebieten gebraucht. Wir gingen sofort an die Ausarbeitung einer Darstellung dieser Theorie; aber es blieb damals nur bei einem Anfang, denn ich konnte nur von September 1884 bis zum Juni des nächsten Jahres hier bleiben. Als ich wegreiste, hatten wir einen Haufen von Manuskripten liegen. Wir konnten nur 30 Bogen drucken und herausbringen. Aber dann kam Lie im Zähre 1886 nach Leipzig als Professor und Direktor des dortigen mathematischen Instituts. Dort begann wieder unter meiner Mitwirkung die Arbeit an dem Werke über die Theorie der Trans- sormationsgruppen. Es wurden im ganzen drei größere Bände aeschaffen zu insgesamt 125 Dogen. Davon enthalten die 30 Bogen, sie 1884—1885 fertig wurden, nur Borarbeiten. Die drei Bände kamen 1888, 1880 und 1893 bei D. ©. Teubner in Leipzig heraus." — „Welcher Art war Ihre Zusammenarbeti mit Sophus Sie?" — „Die Theorien sind alle Lies Eigentum. Nur auf die Form hatte ich Einfluh, in erster Linie aus die deutsche Sprache, in der die Werke geschrieben wurden." — „Was ist es, was man jetzt herauszugeben vorhat?" — „Das ist eilte Ausgabe von Lies gesammelten Abhandlungen. Teubner hat die Initiative dazu ergriffen, und im Jahre 1912 wurde eine Subskription eröffnet. — „Wie groß wird das Werk?" — „Im ganzen werden es 6 Bände Abhandlungen und dazu ein 7. Band, welcher nachgelassene Schriften enthalten soll." — „Ist die Herausgabe aller Bände gesichert, und wer wird sie herausgeben?" — Ja, die Herausgabe ist Ökonomisch gesichert durch die Mittel, die der Norwegische Mathematikerverein zu diesem Zweck aus dem staatlichen Forschungssonds bewilligt erhalten hat. Die Herausgeber sind Professor Heegaard und ich. Der Druck ge- Kbei Teubner in Leipzig, und Aschehoug und Teubner erbte Kommission für das Werk. Bon den Bänden kommt zuerst der Dritte heraus. Er ist schon gedruckt und gebunden und die nächsten Exemplare können hier in der nächsten Zeit erwartet werden. — „Wird die Herausgabe der gesammelten Abhandlungen von Sophus Liegroße Bedeutung für die Mathematik bekommen?" — „Ja, sie wird von großer Bedeutung werden für das Studium der Mathematik. Ich hoffe, daß Lies Ideen durch dieses Werk die Borbereitung und den Einfluß gewinnen werden, den sie verdienen. Wenn er bis jetzt nicht denjenigen Einfluß, auf die Entwicklung der Mathematik ausgeübt hat, den er eigentlich hätte ausüben sollen, so ist die Ursache dafür gerade die, daß er nicht so bemerkt und beachtet worden ist, wie er Anspruch hat. Ich glaube, daß der Reichtum und die Fruchtbarkeit seiner Ideen auf gleicher Höhe mit denen Henrik Abels stehen. Natürlich darf man dabei nicht vergesfen, daß Abel in sehr jungem Alter starb." — „Was untersuchen Sie gerade jetzt hier in Kristiania besonders?" — „Ich gehe die hinterlassenen Papiere von Sophus Lie durch, die sich hier auf der Bibliothek gesammelt finden und die einigermaßen geordnet sind. Ein Berzeichnis ist von Professor Störmer und Professor Guldberg ausgearbeitet worden. Was ich mm machen muß, ist, zu untersuchen, welche hinterlassenen Papiere man in dem genannten 7. Band benutzen kann und darf, ach suche alles, was von ltzetoukung fein kann, aus und stelle fest, von welchen Papieren man mit Sicherheit sagen kann, daß sie keine Ausbeute geben." — „Wie lange gedenken Sie hier zu Bleiben?“ — „Alles in allem 14 Tage. Nachdem ich zum ersten Wale im Jahre 1884 in Norwegen war, bin ich durch einen merkwürdigen Zufall genau alle neun Jahre wieder hierher gekommen. 6o war ich hier zum zweitenmal 1893, bann 1902 aus Anlaß des Abel-Festes und 1911 beim plniversitätsjubiläum. Dieses letztemal habe ich also eine etwas längere Pause als 9 Jahre nehmen müssen." — „Können Sie noch irgend etwas Besonderes von Sophus Lie erzählen, abgesehen vorn Gebiete der Mathematik?" , ~ »Ich kann ja erwähnen, daß um 1884, als Sophus Lie auf der Hohe feiner Kraft in feinen besten Jahren stand, die meisten Norweger kein Verständnis von seiner Bedeutung als Mathematiker hatten. Er wurde mehr als Fußwanderer gewürdigt; als solcher war er berühmt. Einmal ging er als Student ton Kristiania nach Moß, bloß um ein Buch zu holen. Es kam ihm nur auf das Buch an; er ging sofort wieder nach Kristiania zuruck, sogar ohne seinen Baker, der damals in Moß wohnte, gu begrüßen. Als ich 1893 hier war, traf ich mit Sophus Lie zusammen, wie er gerade weit oben in den Bergen gewesen war. Er erzählte mir, daß er in einer dunkelen Nacht an einen Fluß gekommen war, der angeschwollen war und die Brücke mit sich gerissen hatte. Bvrwärts konnte er nicht kommen, und zurück mochte er nicht wegen der Dunkelheit. So lief er die ganze Nacht am llfer auf und ab und pfiff, um die Zeit zu vertreiben, Opern - melodien. ♦ Das norwegische Blatt gibt zum Schluß noch Daten aus Engels Laufbahn: Er wurde 1885 Privatdozent und Professor in Leipzig. Bon 1904 bis 1913 war er in Greifswald, bann wurde er Professor an der Universität Gießen. Im Jahre 1903 wurde Professor Engel Ritter der ersten Klasse des St. Olavsordens. Die Initiative hierzu ging aus von Bj ö r n st j er ne Bj o rn- f o n, welcher im Jahre vorher beim Llbelfeste zusammengetroffen war und welcher den Professor wegen dessen, was er für Sophus Lie getan hatte, sehr hoch schätzte. Altmodische Spätsommer- und Herbstblumen. Don Elise von Hopffgarten. Gvldglitzernd liegt die Morgensonne über dem spätsommer» ließen Garten, der Tau glänzt, und in leuchtenden Farben stehen Herbstflauden und Sommerblumen in reicher Blüte. Gelb herrscht im August und September vor, da fangen sich die gelben Sonnenstrahlen gern in den Blüten und lassen sie in besonderer Pracht erglühen. Wenn solch ein Garten richtig angelegt ist, dürfen ihm die einfachen, altmodischen Blumen nicht fehlen, die der Besitzer sich mit leichter Mühe selbst ziehen kann, und die viel anspruchsloser und schöner find als die vom Landschaftsgärtner für Billen- gärten bevorzugten Begonien, Fuchsien, Geranien und Pellar- gonien. Wohl leugne ich die Schönheit und Zweckmäßigkeit solcher Blumenanlage nicht. Sie blichen den ganzen Sommer bis zum Spätherbst, und sind infolgedessen sehr bequem für Menschen, die sich nicht selbst um ihren Garten kümmern können. Aber sie eignen sich nicht für Schnittblumen, und wer den Süden kennt, und sie dort in üppiger Fülle, teils als Büsche oder sich um Feigenkaktus und Säulen rankende, über mannshohe Gewächse wachsen sah, der begreift, daß man von ihnen im nordischen Klima gar nicht ihren wahren Charakter erkannt hat. Großmutter und Urgroßmutter hatten in ihrem Gärtchen ganz andere Blumen, die sie, wenn sie z. T. vielleicht auch aus dem Süden kommend ober dort anzutreffen sind, der deutschen Heimaterde angepaßt haben und auf dem bescheidenen Sandboden der Mark bei einiger Pflege ebenso gedeihen, wie in der fruchtbaren Erde Thüringens und Süddeutschlands. Heutzutage gibt es nach dem Zusammenbruch unseres Bater- lanbeS so wenig wahre reine Freuden, daß die Hausfrau mehr Wert auf den Blumenschmuck im Zimmer, auf Ballonen und im Hausgarten legen muß. Leider muß die Städterin aber für Blumen enorm hohe Preise zahlen, und die Gutsfrau erachtet Dlumen- anlagen vielfach als unerlaubten Luxus, der es auch ist, wenn sie zur Anzucht viel Arbeitslohn ausgeben muß. Deshalb sollte die Gartenbesitzerin mit dem Opfer einiger Stunden in der Woche sich all diese Freuden durch persönliche Arbeit selbst beschaffen. Wenn sie bei schlechtem, sandigem Boden im Frühjahr Astern, Levkoyen, Reseda,die schlichten schönen Eschschvlhien,Sommerphlox, Verbenen, Guillardien, hohen und niedrigen Tagctts. Kalliopsis, Kalend.la in einem Mistbeetkasten aussät und die Pflänzchen dann ins Land setzt — ober sie auch gleich dem Mutterboden anvertraut, wird sie im Spätsommer, wenn die Frühlingsstauden abgeblüht sind, eine solche Blumen fülle ernten, daß sie nicht nur ihr eigenes Haus damit schmücken kann, sondern auch noch ein Füllhorn schlichter Freuden über die Besucher ihres Heimes durch ihre Dlumen- spenden auszuschütten vermag. Auch lassen sich solche Blumen leicht zur Deckung der Unkosten verkaufen, weil eben nicht jeder sie zieht. Hat man ton Boden gut mit Kuhdung im Vorherbst vorgedüngt, so braucht man, wenn die Pflänzchen aufgegangen sind, nur für Auflockerung tos Bodens, Säuberung von Unkraut und reichliche Bewässerung zu sorgen. Als Düngesalze bei der Aussaat wählt man am zweckmäßigsten die sog. Prachtmischungen aus den Katalogen der Erfurter oder anderer Großzüchter. Große bewährte Firmen liefern durch ihre jahrzehntelangen Erfahrungen viel zuverlässiger als die mit unbekannten Saatmischungen handelnden Kleinhändler, und die Leuchtkraft, die geschmackvolle Aneinanderreihung der Farben in ton Beeten ergibt sich dadurch von selbst. Bezaubernd wirkt tor längst nicht genug bekannte niedrige Sommerphivx, der den ganzen August dis Mitte September blüht, mit seinen vom zartesten Weih bis ins tiefste Karmoisin und Rubinrot leuchtenden Farben. Sowohl einfarbig wie mit zarten lila, rosaroten und dunkelroten Ringen im weihen Blütenkelch wirkt er wie altmodische gemusterte Saquonnetkleidchen junger Mädchen aus der Biedermeierzeit. Mit Reseda vereint gibt er herrliche, lang sich haltende Sträuße. Roch unbekannter pst die Farbenpracht der Sommerguillardie. Auf einem Beet gleich ms Land ausgesät trägt diese bescheidene wunderbare Pflanze mar» gueritenförmige Blumen in zartestem Weist, Zitronengelb, Gelbbraun, Braunrot bis zum tiefsten Rot gefüllt und ungefüllt nnt wunderbar abgetönten Kelchen. Auch das zartgebaute Schöngesicht (Kalliopsis) drängt sich auf langem, rankem Stengel mit seinen zierlichen, gelbbraun gefleckten oder geringelten Blüten durch das Blumenmeer der Rabatte. Seine niedrig gebaute Abart bildet ebenso wie die niedrige Studentenblume (Tagetes nana) die Einfassung der Rabatten, während die schwefelgelben und orangervten Riesenblumen des hohen Tagetes prachtvolle Hintergründe bildet, oder in Basen und Töpfen vor Hauseingang und Freitreppen unendlich dekorativ wirkt. Dazwischen blühen die schönen blauen Blümchen der Jungfer im Grünen (Rigella) mit den eigentümlichen zweiteiligen Blumenblättern, Löwenmaul reckt in, weihen, gelben, rosa und rosenroten Farben das Köpfchen, und die mohnartigen, in Saffrangelb, Weih und Hellrot gtäiizenden Blumen der Efchscholtzie locken ebenso wie die ernste Trauerblume (Scabisa.) einen Schwarm geschäftig summender Bienen an. Zart und fein schwankt die rosenrote Kosrnea mit ihrem gefiederten Laub tm Morgenwind. Vielgestaltig und unendlich dankbar ist die Fülle der Astern der einfachen ungefüllten Sternblume mit gelbem Kelch bis zur gefüllten runden Hohenzollernaster, der Straußenfeder und der zierlichen Liliputaster. Die anspruchslose zartgelbe oder in tiefstem Orangenrot aufleuchtende Ringelrose (Kalendula) wächst auch geduldig in solchem Tarteneckchen, wo der Schlauch nicht hinreicht. Würdig beschließen den Kranz der Sonnenblumen die stolzen Dahlien, die Lotosblumen gleich ihr Haupt vor der Sonne neigen. 3n ihrer mädchenhaft ernsten Schönheit gleicht die ungefüllte weiße Dahlie mit ihrem strengen Bau einer Priesterin, die Gottes Schönheit in der Ratur predigt, während ihre anspruchsvollen gefüllten Schwestern alle Töne vom zartsten Gelb bis zum tiefsten Schwarzrot repräsentieren. Ihre Abart, die Liliputdahlien, gleichen kleinen niedlichen Diedermeierfrauchen, die sich zu Großmutters Kaffeeklatsch in hellrote, postgelbe und charmvisinfarbene steife Röckchen gehüllt haben. Auch eine Blume aus der Rokokozeit darf in einem solchen Garten nicht fehlen: die Zinnie. Gedämpfte Pracht, gebauscht — „Hörst du, wie Großmutters Seide rauscht." In den gemusterten Brokatkleidern der schönen Denetianerinnen, der Damen am Hofe Philipps von Spanien nnb Ludwigs XIV. spielt das Dorbild der Zinnie eine große Rolle, und wenig Blumen gleichen der Zinnia elegans grandiflvra, der großmütigsten gefüllten Sorte, die in allen Farbentönen leuchtet, an Pracht. Strohblumen in allen Farben unterbrechen das Bild, und wie goldene Aehren nicken die Wimpel der Goldrute (Solidago), das Helenium, das Goldballs (Rud- beckial und das Helianlarus. Reben der lila Staudenaster leuchten sie golden bis in den Spätherbst hinein, und machen dem Blumen- foeund das Scheiden vom Sommer.besonders schwer. Sechshundert Jahre Kölner Dom. Die Vollendung und Einweihung des Ehores des Kölner Doms am 27. September 1322 schloß die entscheidende fast 100jährige Dauperiode dieses ehrwürdigsten deutschen Gotteshauses ab, so daß wir jetzt den 600. Geburtstag des Domes feiern konnten. Ein Zeitgenosse, Levold von Rorthof, schreibt darüber in seiner Chronik, daß „im Jahre 1322 am Tage des heiligen Kosmas und Damian die heiligen drei Könige zu der Stelle übertragen wurden, wo sie jetzt sind und der neue Chor eingeweiht wurde". D» der Tag der hl. Kosmas und Damian der 27. September war, so ist damit das Ginweihungsdatum fest- gestellt. Mit der Feier war die festliche Aeberführung des kostbarsten Kölner Reliquienschatzes, der Körper der drei Könige, aus der alten Petruskirche nach der Domkirche verknüpft. Der Erzbischof Heinrich von Virneburg hielt das erste Hochamt. Eine der großartigsten Taten frommer Opferfreude und architektonischer Gestaltung war mit diesem Abschluß des Bauwerkes vollbracht. Schon vor dem Brand des alten von Erzbischof Hildebold erbauten Domes im Jahre 1248 war der Plan erwogen worden, den reichen Reliquienschätzen der 'Heiligen Stadt einen würdigeren Schrein zu errichten, als ihn der gegenüber den prächtigen neuen Stifts- und Klosterkirchen dürftig und altmodisch erscheinende Dom bot. So legte denn im Jähre des Brandes 1248, am Tage Mariä Himmelfahrt, Erzbischof Konrad v. Hochstaden den Grundstein zum Reubau des Domes und leitete damit eine Epoche der Bautätigkeit ein, die wie keine andere das Aufblühen der deut- schon Gotik offenbart. Die Gestalt des ersten Dombaumeisters Gerhard von Rille steht mit viel größerer historischer Plastik vor uns, als etwa die seines Straßburger Kollegen Erwin von Stein- bach. Er war schon ein angesehener Wann, als er den Dau begann, und er war erfüllt von dem Geist der neuen Baukunst, die zuerst in Frankreich verwendet worden war. Rach den neueren Annähmen ist er der Meister, dem der große Plan des Werke- mit der fünfschiffigen Ghoranlage, dem Kranz von sieben Kapellen, dem stattlichen Querhaus, dreischiffigen Langhaus und der Doppelturmfassade zu darckcn ist. Aber nicht in diesem großen Plan, dessen Ausführung erst c4el spätere Zeiten sich angelegen sein ließen, liegt in erster Linie seine Bedeutung, sondern in der reinen und edlen Formensprache, mit der er von Anfang an die französische Frühgotik auf deutschem Boden umgestaltete. Die späteren Meister konnten auf seinem Werk ruhig fortbauen, so sehr sich auch unterdessen der Stil entwickelt Chatte. „Wohl bei keinem andern deutschen Bau", sagt darüber Edmund Renard, „hat der himmelstürmende, sehnsuchtsvolle Wunsch der Gotik einen so klaren eindringlichen Ausdruck gefunden wie tm Kölner Dom; in diesem Sinne auch, bedeutet die Schöpfung Weister Gerhards die Vollendung des Baugedankens, der die kirchliche Baukunst seit den Anfängen des romanischen Stiles durchbricht." Gerhards Rachfolger, die Dombaumeister Arnold und Johannes, zeigen bereits die volle Pracht der deutschen Hochgotik, vor allem in dem großartigen Wald von Strebepfeilern, der über dem strengen .Unterbau so einzigartig emporwuchs. Bon diesem eingeweihten Dom sagte Petrarca, als er 1333 Köln besuchte: „Ich sah die schönste Kirche inmitten der Stadt, obgleich, unooll- endet, die sie durchaus nicht unverdient die höchste nennen." Aber nach dieser Hochflut der Begeisterung, die das Werk in so Verhältnis achtzig kurzer Zeit hatte entstehe!: lassen, trat bald eine Ebbe ein. Die Zeit, da Bischof, Stiftung und Bürger in der Förderung des Baues gewetteifert, war verflogen. Die Gründung des ersten Kölner Dombau Vereins, der Petersbrüderschast, ist bereits ein künstliches Mittel, um die Fortführung des Baues zu sichern: aber das Schicksal' des Rieselrunternehmens, das es zur Richt- Vollendung verurteilte, toar trotz der neuen großen Pläne bereits entschieden. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Kölner Dom von der Romantik als das Wahrzeichen deutschen Geistes und deutscher Kunst wiederentdeckt; Sulpioc Dvissersc lieferte mit unendlichem Fleiß die kunstaeschvchtlichen Unterlagen für den Weiterbau; Friedrich Schlegel und Görres forderten nach den Befreiungskriegen den Ausbau als ein Dankopfer der siegreichen Ration, und unter Friedriche Wilhelm IV. entstand ortnn der Dombauverein, der 1880 den Ausbau beendete. Herbst. Von Willibald Köhler'). Schon spann im letzten Sonnenbrand Die Spinne ihre Seide. Du, goldner Herbst, fähvst durch das Land In närrisch buntem Kleide. Du. goldner Herbst, gießt durch das Land Bei wüst verhängtem Zügel And galgenfröh ein buntes Band Aus deinem Farbentiegel. Du, Harfner Herbst, singst durch da- Land Änd geigst auf allen Zweigen Zum Tanze auf am Grabesrand Im goldnen Dlätterreigen. Du, goldner Herbst, stürmst durch das Land Auf deines Sturmes Pferde, And grüßt mit deines Hornes Klang Die müde, kühle Erde. Es huscht im Rebel hinterdrein Sin lautlos schneller Wagen. Wen mag in ihrem weißen Schrein Die blasse Wolke tragen? Du, goldner Herbst, schlägst tollkühn auf Ein feuergrelles Lachen And förderst deiner Rosse Lauf Mit deiner Peitsche Krachen. In deinem Lachen lauert schon Ein Klang, als klirrten Scherben, Es ist der ahnungsbange Ton Des Lachens vor dem Sterben. Da würgt es dich am Scharlachtuch, Es reihen alle Geigen, Du stirbst mit einem lustigen Fluch And Horn und Harfen schweigen. ') 3m Erdgeist-Verlag, Leipzig, ist ein kleines Mich Verfassers, betitelt „Die Spiegelbrücke" erschienen, das sehr an- sprechende Gedichte enthält, die über dem Durchschnitt der modernen Produktwn stehen. „Herbst" mag dafür zeugen. Schriktleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.