Samstag, 30. Juni 3EZSS2 LLL !!« inf'S ii« k ^Wy 1923 — Nr. 26 i'Äl ’LW® MWMNWW Erne neue Entderkung im Kampf gegen die Tuberkulose. Gins Entdeckung, die von größter Wichtigkeit für die Heilung der Tuberkulose und zum Schutz gegen Infektionskrankheiten sich erweisen kann, wurde von dem Professor der Pathologie an der Universität Oxford, ®r. Dreyer, bekanntgegeben. Den ausführlichen Berichten Londoner Blätter entnehmen wir, daß es sich dabei um ein Mittel handelt, um die Wirkung der Gerazu verstärken, die zur Heilung oder zum Schuh des Körpers dienen sollen. Sn jedem Serum befinden sich tote Bazillen der betreffenden Krankheit. Die Wirkung dieser toten Bazillen besteht darin, die Zellen des Blutes, die die Krankhertskeime vernichten, zur Veriilgmrg der lebenden Bazillen anzuregen. Bun sind manche Krankheitskeime mit Fett umhüllt, das sie gegen die Angriffe der Schmhzellen des Blutes verteidigt. Anter diesen befinden sich die Tuberkelbazillen. Don diesen Erfahrungen ging Dreyer bei seiner neuen Entdeckung aus. Er behandelte in seinem Vortrag, der die näheren Angaben über seine Entdeckung enthält, zunächst die Fragen der Schutzimpfung. Wenn man Bakterien einem Kaninchen einimpft, so wird dieses Tier in sich die Fähigkeit entwickeln, die Bakterien zu zerstören. Es entstehen »Antikörper" im Blut, die sowohl durch die Einimpfung toter als auch lebendiger Bakterien hervorgeruse» werde«. Beim Menscher, bevorzug! man die Einimpfung toter Bakterien, weil das weniger gefährlich ist. Die genauen Dorgänge, durch die geimpfte Personen imstande sind, Batterien zu zerstören, sind noch nicht erkannt. 3« manchen Fällen werden die Mikroben aufgelöst und verschwinden aus dem Blut, während sie in anderen Fällen von den Phagozyten-Zellen des Blutes aufgefressen und s» vernichtet werden. Man hat nun für die Phagozytose die sog. »opsonische" Theorie aufgestellt, derzufolgr das Blut »Opsonin" hervorbringt, einen Stoff, der als eine Art „Sauce" bei den Mikroben wirkt und sie den Blutzellen schmackhafter macht, so daß sie sie leichter verzehren. Bei der Impfung mit toten Bakterien soll mehr Opsonin erzeugt werden und daher die Schuhwirkung stärker sein. Diese Impfungen hat man mm in den letzten zwanzig Jahren bei den verschiedensten Krankheiten vorgenommen, mit mehr oder weniger Wirkung. Am gut zu wirken, müssen die Mikroben, die etngeimpft werden, durch die Gewebe des Patienten verdaut werd«, können. Wenn sie so zäh sind, daß sie wie Sandkörnchen unter der Haut bleiben, können sie die Entstehung von Antikörpern im Mut nicht Hervorrufen. Kapitän Douglas zeigte nun, daß die Anverdaulichkeit mancher Mikroben durch eine Fetthülle hervorgerufen wird, die sie umgibt und die Säfte des Körpers von der Einwirkung fernhält. Diese Fetthülle der Krankheitskeime ist ein Dchuh, den die Bakterien entwickelt haben, um in ihrem Wirt leben zu können, ohne von ihm zerstört zu werden. Wenn man diese Mikroben „entfettete", d. h. von ihrer Fetthülle befreite, dann wirkten sie viel besser bei der Erzeugung der Antikörper. Anglücklicherweise erwies sich das Fett bei den meisten Bakterien so widerstandsfähig, daß es sich nicht auflösen lieh. Dreher setzte nun die Beobachtungen von Douglas fort, indem ex die Fetthülle des Tuberkelbazillus mit einer Anilinfarbe färbte, dann das tuberkulöse Gewebe mit Formulin tränkte und in Sviri- ttls ausbewahrte. Die mit Formalin getränkten Tuberkelzellen lieven sich im Spiritus leicht entfetten, während es vorher nicht gelungen war, und bei der Einspritzung dieser entfetteten Tuberkel- b^illen entstanden sehr viel mehr Antikörper im Blut der Tiere, Ms bet der Verwendung gewöhnlicher Tuberkelbazillen. Dreyer impfte 4 Meerschtvetnchen mit Tuberkelbazillen, die darauf 64$ deutlichen Zeichen der Schwindsucht aufwiesen, tote starke Gewichts« «bnabme. Anschwellung der Drüken ufw. Drei dieser tuberkulösen Meerschweinchen wurden nun mit Serum von den entfetteten Ba- ztllen oesanoelt, wahrend eines unveyaudelt blieb. Die drei behandelten Meerschweinchen nahmen sofort an Gewicht zu; die Drüsen wurden kleiner, und sie wurden bald gesund, während das unbehandelte Meerschweinchen an Schwindsucht einging. Dreyer glaubt, dass feine Gntfettungsmethvde der Bazillen einen großen Fortschritt im Kampf gegen die Tuberkulose gewähren wird, und dieser Ansicht sind auch namhafte englische Aerzte Man bat bereits in verschiedenen Londoner Krankenhäusern Versuche mit dieser neuen Unechvöe gemacht und wichtige Erfolge erzielt. Fälle von Schwindsucht, die noch nicht zu fortgeschritten sind, werden durch die Einspritzung der entfette‘en Tuberkelbazillen sehr günstig Beeinflußt. Dies ist auch der Fall bei Knochentuberkulose und bei Drüsentuberkulose. Man zweifelt nicht daran, das) die Methode sich im Kampf gegen alle Infektionskrankheiten bewähren wird, und sie hat bereits in Fällen, wo llnfektivneu mit Streptokokken, Staphylokokken und Gonokokken Vorlagen, sich als nützlich erwiesen Freilich stehe« die Versuche und Erfahrungen noch am Anfang Die Frau und dis Landschaft« Von Stefan Zweig.. (Schlug.f Wett war die Lacht vor dem glänzend«» -Haus. Das Tal schien versunken, und der Himmel glänzte feucht und schwarz tote nasses Moos. Gin geflochtener Stuhl, noch vom Tag her vergessen, stand da: ich warf mich hinein. Die Glieder fielen von mir ab, regungslos streckte ich mich hin. And da, nur nachgedend angeschmiegt an das weiche Lohr, empfand ich mit einemmal die Schwüle als wunkwrbar. Sie quälte nicht mehr, sie drängle sich nur an, zärtlich und wollüstig, und ich wehrte ihr nicht. Ich liest mich hmgleilen ta das neue, Gefühl, und dunkel, traumhaft empfand ich nur, datz dies: die Lacht und jener Blick von früher, die Frau und die Landschaft, daß dies eins war, in dem es fiifj war, verloren zu feto. Manchmal war mir, als wäre diese Dunkelheit nur sie, und jene Wärme, die meine Glieder rührte, ihr eigener Leib, gelöst m Aacht wie der meine, und noch im Traume sie empfindend, schwand ich hin in dieser schwarze»», warmen Welle von wollüstiger Verlorenheit. Die Halle war schon leer, die Sessel standen noch zufällig durcheinander gerückt im fahlen Schein eines einzelnen Lichtes. Aber ich formte hier im Flur nicht bleiben, es war alles dunkel und verlassen. So ging ich die Treppe hinaus und wollte doch nicht, irgendein WidÄstand war in mir, den ich nicht zu zähmen wußte, (kch war müde, und doch, fühlte ich mich zu früh für den Schlaf. Irgendeine geheiinnisvolle, hellsichtige Witterung verhieß mir noch Abenteuerliches, und meine Sinne streckten sich vor, Lebendiges, Warmes zu erspähen. 2lur leiser Atem zog durch das windstille Haus. Müde und enttäuscht ging ich die letzten Stufen hinauf, und mir graute vor meinem einsamen Zimmer wie vor einem Sarg. Die Klinke schimmerte unsicher aus dem Dunkel, feucht und warm zu fassen. 2ch öffnete die Tür. Rückwärts stand das Fenster offen und tat ein schwarzes Viereck von Rächt auf, gedrängte Tannenwipfel drüben vom Wald und dazwis^m ein Stück des verwölkten Himmels. Dunkel tvar alles außen und innen, die Welt und das Zimmer, nur — seltsam und unerklärlich — am Fenster» — 102 — rahmen glänzte «was Schmales, Aufrechtes wie ebt verlorener , Streifen Mondschein. Ich trat verwundert näher, zu sehen, was | da so Hel! schimmerte tn mondverhangener Nacht. Sch trat näher, I und da regte sichs. Ich erstaunte: aber doch, ich erschrak nicht, I denn etwas war in dieser Nacht mir wunderlich dem Phantastische» I st en bereit, alles schon vorher gedacht und traumdewuht. Keine Ne» | gegnung wäre mir so sonderbar gewesen und diese am wenigsten, 8 denn wirklich: sie war es, die dort stand, sie, an die ich unbewußt i gedacht, bei jeder Stufe, bei jedem Schritt in dem schlafenden Haus, | und deren Wachheit meine aufgesunkelten Sinne durch Diele und I Tür gespürt. Nur als einen Schimmer sah ich ihr Gesicht, und wie ! ein Dunst lag um sie das weiße Nachtgewand. Sie lehnte am ! Fenster, und wie sie. dastand, ihr Wesen hinausgewandt tn die I Landschaft, von dem schimmernden Spiegel der Tiefe geheunnis- I voll angezogen in ihr Schicksal, schien sie märchenhaft, Ophelia I über dem Teiche. I Ich trat näher, scheu und erregt zugleich. Das Geräusch mußte I fle erreicht haben, sie wendete sich um. Ihr Gesicht war im Schatten. I Ich wußte nicht, ob sie mich wirklich erblickte, ob sie mich horte, denn nichts Jähes war in ihrer Bewegung, kein Erschrecken, kein Widerstand. Mles war ganz still um uns. An der Wand tickte eine kleine Mr. Ganz still blieb es, und dann sagte sie plötzlich leise und unvermutet: „Ich fürchte mich so." Ich trat auf sie zrn sie zu beruhigen und faßte ihre Hand. Wie Zunder fühlte sie sich an, heiß und trocken, und der Griff der Finger zerbröckelte weich in meiner .Umfassung. Lautlos ließ sie mir die Hand. Alles an ihr war schloff, wehrlos, abgestorben. Und nur von den Lippen flüsterte es nochmals wie aus einer Ferne: „Ich fürchte mich so! Ucy fürchte mich so." Und dann tn einem Seufzer hinsterbend wie aus einem Ersticken: „ Ach, wie schwül es ist!" Das klang von ferne und । war doch leise geflüstert wie ein Geheimnis zwischen uns beiden. | Aber ich fühlte dennoch: sie sprach nicht zu mir. Ich faßte ihren Arm. Sie zitterte nur leise wie die Bäume I nachmittags vor dem Gewitter, aber sie wehrte sich nicht. Ich j faßte sie fester: sie gab nach. Schwach, ohne Widerstand, eine i warme, stürzende Welle fielen ihre Schultern gegen mich. Nun hatte ich sie ganz nahe an mir, daß ich die Schwüle ihrer Haut atmen konnte und den feuchten Duft ihres Haares. Ich bewegte mich nicht, und sie blieb stumm. Seltsam war all dies, und meine Neugier begann zu funkeln. Allmählich wuchs meine Angeduld, Ich rührte mit meinen Lippen an ihr Haar — sie wehrte ihnen nicht. Dann nahm ich ihre Lippen. Sie waren trocken und heiß, und als ich sie küßte, taten sie sich plötzlich auf, um von den meinen zu trinken, aber nicht dürstend und leidenschaftlich, sondern mit dem stillen, schlaffen, begehrlichen Saugen eines Kindes. Doch da, wie meine wandernden Lippen zu ihren Lidern emporwollten, zu den Augen, deren schwarze Flammen ich so schauernd gefühlt, da ich mich hob, ihr Gesicht zu schauen und im Anschauen stärker zu genießen, sah ich überrascht, daß ihre Lider fest geschlossen waren. Eine griechische Maske aus Stein, augenlos, ohnmächtig, lag sie da Ophelia nun, die tote, auf den Wassern treibend, bleich das fühllose Antlitz gehoben aus der dunklen Flut. Ich erschrak, und sie ward mir im Arme schwer. Leise wollte ich die Willenlose hin- gleiten lassen auf den Sessel, auf das Bett, um nicht aus einem Taumel Lust zu stehlen, nicht etwas zu nehmen, was sie vielleicht selbst nicht wollte, sondern nur jener Dämon in ihr, der Herr ihres Mutes war. Aber kaum fühlte sie, daß ich nachließ, begann sie leise zu stöhnen. „Laß mich nicht! Laß mich nicht!" flehte, sie, und heißer sogen ihre Lippen, drängte ihr Körper sich an. Meine Nerven brannten vor Angeduld, sie wach, sie sprechend, sie als wirkliches Wesen zu sehen, nicht bloß als Traumwandlerin, und um jeden Preis wollte ich aus ihrem dumpf genießenden Körper diese Wachheit zwingen. Näher faßte ich sie, tiefer grub ich mich in sie ein, und plötzlich suhlte ich, wie eine Träne die Wange hinabrollte, die ich salzig trank. Furchtbar wogte es, je mehr ich sie preßte, In ihrer Brust, sie stöhnte, ihre Glieder krampften sich als wollten sie etwas Ungeheures sprengen, einen Reif, der sie mit Schlaf umschloß, und plötzlich — wie ein Blitz war es durch die getoitternbe Welt — brach es in ihr entzwei. Mit einemmal ward sie wieder schweres, lastendes Gewicht in meinen Armen, ihre Lippen ließen mich die Hände sanken, wie ich sie zurücklehnte auf das Bert, blieb sie liegen gleich einer Toten. Ich erschrak, Anwillkürlich fühlte ich fle an und tastete ihre Arme und ihre Wangen. Sie waren ganz kalt, erfroren, steinern. Immer menschlicher und kindlicher, immer Heller, entspannter wurden ihre Züge. Der Krampf war entflogen. Sie schlummerte. Sie schlief. Ich blieb sitzen am Bettrand, zitternd über sie gebeugt. Ein friedliches Kind lag sie da, die Augen geschlossen und den Mund leise lächelnd, belebt von innerem Traum. Ganz nahe beugte ich mich herab, daß ich jede Linie ihres Antlitzes einzeln sah und den Hauch ihres Atems an der Wange fühlte, und von je näher ich auf sie blickte, desto ferner ward sie mir und geheimnisvollen Denn wo war sie jetzt mit ihren Sinnen, die da steinern lag, hergetrieben von der heißen Strömung einer schwülen Nacht, zu mir, dem Fremden, und nun wie tot gespült an den Strand? Etwas flirrte hinter mir. Ich fuhr auf tote ein Verbrecher. Nochmals flirrte das Fenster, als rüttele eine riesige Faust daran. Ich sprang auf. Vor dem Fenster stand ein Fremdes: eine verwandelte Nacht, neu und gefährlich, schwarzfunkeknd und voll wilder Regsamkeit, ©in Saufen war dort, ein furchtbares Rauschen, und schon Baute sichs auf zum schwarzen Turm des Himmels, schon warf stchs mir entgegen aus der Nacht, kalt, feucht und mit wildem Stotz: der Wind. Wie ein furchtbarer Schlund war das Finster« aufgetan, Wolken fuhren heran und bauten schwarze Wände in rasender Eile empor, und etwas sauste gewalttätig zwischen Himmel und Welt, älnb plötzlich ritz dies weih entzwei: ein Blitz, den Himmel spaltend bis zur Erde hinab. And hinter ihm knattert« der Donner, als krachte das ganze Gewölk in die Tiefe. Hinter mit rührte sichs. Sie war aufgefahren. Der Blitz hatte den Schlaf von ihren Augen gerissen. Verwirrt starrte sie um sich. „Was ists," sagte sie, „wo bin ich?" And ganz anders war die Stimme als vordem. Angst bebte noch darin, aber der Ton klang jetzt klar, war scharf und rein wie die neugegorene Luft. Sie sprang empor. Ihre Bewegungen waren mit einemmal frei, wie ich sie nie an ihr gesehen. Sie starrte mich an in der Dunkelheit. Ich spürte ihren Blick schwärzer als die Nacht. „Wer rind Sie . . . Wo bin ich?" stammelte sie und raffte erschreckt das aufgesprengte Gewand über die Brust zusammen. Ich trat näher, sie zu beruhigen, aber sie wich aus. „Was wollen Sie von mir?“ schrie sie mit voller Kraft, da ich ihr nahe kam. Vergebens wollte ich im Dunkel, das mit dem Donner auf uns niederfiel, sie fassen, sie beruhigen, ihr etwas erklären, aber sie riß sich los, stieß die Türe auf, die ein neuer Blitz ihr wies, und stürzte hinaus. And mit der Tür, die zufiel, krachte der Donner nieder, als seien alle Himmel auf die Erde gefallen. And dann rauschte es, Bäche stürzten von unendlicher Höhe wie Wasserfälle, und der Sturm schwenkte sie als nasse Taue pra- selnd hin und her. Alles vergaß ich in dem ekstatischen Gefühl, wieder atmen zu können und frisch zu sein, und ich sog diese Kühle in mich wie die Erde, wie das Land: ich fühlte den seligen Schauer des Durchrütteltseins wie die Bäume, die sich zischend schwangen unter der nassen Rute des Regens. Dämonisch schön war der wollüstige Kampf des Himmels mit der Erde, eine gigantische Brautnacht, deren Lust ich mitfühlend genoß. Mit Blitzen griff der Himmel herab, mit Donner stürzte er auf die Erbebende nieder, und es war in diesem stöhnenden Dunkel ein rasendes Ineinandersinken von Höhe und Tiefe, wie von Geschlecht zu Geschlecht. Am nächsten Morgen, als ich ans Fenster trat, sah ich eine verwandelte Welt. Ich ging hinab in den Saal. Die Menschen waren schon beisammen. Anders war auch ihr Wesen als tn diesen entsetzlichen Wochen der Schwüle. Ich setzte mich zwischen sie, ganz ohne' Feindlichkeit, und irgendeine Neugier suchte nun auch die Andere, deren Bild mir der Schlaf fast entwunden. And wirklich, zwischen Vater und Mutter am Nebentisch saß sie dort, die ich suchte Sie war heiter, ihre Schultern leicht, und ich hörte sie lachen, klingend und unbesorgt. Endlich sah sie gelegentlich auch zu mir hinüber, und bei dem flüchtigen Anstreifen stockte unwillkürlich ihr Lachen. Sie sah mich schärfer an. Etwas schien sie zu befremden, die Brauen schoben sich hoch, streng und gespannt umfragte mich ihr Auge, und allmählich bekam ihr Gesicht einen angestrengten gequälten Zug, als ob sie sich durchaus auf etwas besinnen wollte und es nicht vermöchte. Doch dann ließ ihr Auge mich beruhigt los, und an der unbefangenen Helle ihkes Blickes, der leichten, fast frohen Wendung ihres Kopfes spürte ich, daß st« wach nichts mehr von mir wußte, daß unsere Gemeinschaft versunken war mit der magischen Dunkelheit. Fremd und weit waren wir wieder einander wie Himmel und Erde. Sie sprach zu ihren Eltern, wiegte unbesorgt die schlanken, jungfräulichen Schultern, und heiter glänzt«, im Lächeln die Zähne unter den schmalen Lippen, von denen ich noch vor Stunden den Durst und die Schwül« einer ganzen Welt getrunken. Aus Sumatras Bergen. Von Helge Kaarsberg. Helge Kaarsberg ist ein junger dänischer Schriftsteller und Weltreisender, dessen Erstlingswerk „Mein Sumatra» b u H" ihm in Skandinavien und Holland viele Leser verschaffte Es ist tn frischen, prächtigen Tagebuchblättern versaßt, und Franz Schneiders Verlag (Berlin, Leipzig, Wien und Bern) bringt es nun auch in der Aebersetzung vyn Erwin Magnus, mit einigen photographischen Aufnahmen versehen, auf den deutschen Markt. Wir entnehmen ihm die Schilderung eines Ausfluges in die Dörfer der Bataker, der kannibalischen Dorfbewohner, die zwar heute nicht mehr ihre Feinde fressen, aber, wie man sehen wird, noch wenig genug von Kultur beleckt smd. Derastagi, den 4. November 1920. „Willst du mich mit meinen Pferden als Führer mieten, Tuan? dann reiten wir nach batakschen Dörfern, die schöner und reicher als mein eigenes sind," fragte Pungullo Subungaron. Selbstverständlich sagte ich ja — war es doch ein Erlebnis mehr — und bezahlte die Miete voraus, für die Ponys billig, aber für Pungullo teuer, da er seine persönlichen Eigenschaften als Führer und Reisebegleiter recht unbescheiden zu bewerten verstand Am folgenden Tage — also vorgestern — befliegen toir bie scharfrückigen, ungesattelten Ponys, als die ersten milden Strahl«« der Sonne über die zackigen Bergkämme im Osten lugten. WM ~r lÖä totr die r it T e t, n s T l, « « I It tt 0 v f 8 e tn? als nis Hfl. als md. die den ©te nS a» fte. ;nä rn) us, >en tes >rf- »er, nd. » m t- n$ >ie H. ch ie zu ch e- n- n- e- fl« er ite ir» en cri m, P- il« gelegt und morgen angezündet." „Wenn es nun die Leiche eines Feindes wäre?" „So, ha!" Er sperrte den Rachen mit einem häßlichen Grinsen auf, und es kam mir vor, als liefe ihm das Wasser in seinem roten Gaumen zusammen, „ha! dann dürfte er auch einen Tag da liegenbleiben. Sn unseren Tagen würde er nachts verbrannt werden, aber zur Zeit meines Vaters hätte man ihn in Wasser gekocht und Zitrone hinzugesetzt." „Eßt ihr noch Menschen?" fragte ich. Er antwortete nicht, sondern zischte nur mit der Zunge unv sah über die Felder. „S—s—s—s—s—s." Sn diesem Augenblick ritten wir durch die Pforte des Dorfes. Kampvng „Bah Dungbawungbiriah" ist ein stolzes, schönes Dorf mit einem Pungullo, der toeger. seiner Stärke in mehreren Radjahtümern berühmt ist. ., , . .. .. Wir parierten die Pferde vor seinem reich bemalten Hause mit den gekalkten Hirnschalen von Büffeln und Hirschen am Giebel, roten Eidechsen auf den weihen Wänden und lebensgroßen hölzernen Götzenbildern auf den überhängenden Giebeln. Pungullo sah selbst auf der obersten Stufe der Bambustreppe seines mächtigen Hauses, verdaute und stocherte mit der Splt-e e.nes meterlangen Schlachtschwertes mit silberbeschlagenem Elfenbem- —iff in seinen schwarzen Zahnftümpfen. Als er uns sah, stieß er Erst jetzt entdeckte ich, dah der rauchende Si-Bahak-Derg auher Sicht war. Er war mir immer ein sicherer Anhaltspunkt bei meinen täglichen Ausflügen in die Hmgegenb des ZertenAuses. Jetzt waren wir weit hinter dem gigantischen, waldbewachsenen Kegel Wir stiegen ab, und mein braver Gefolgsmann Sudungaron machte sich so klein und unbedeutend wie er konnte und indem er, die eine Hand auf der Brust und die andere auf der Stirn vor- trat, verbeugte er sich unzählige Male tief vor dem mächtigen Herrscher dieses Kampongs, von dem man sagte dah er m setne. Jugend „einen wilden Tiger ohne Waffen abgetan hätte . Er war nur mit einem langen, schwarzen Sarong, goldenen Armreifen und einem Kopftuch bekleidet. Eine bunte, mit Perlmutter besetzte Decke, die er sonst über der Schulter trug, hatte er Datakers I auf die Treppe gelegt. Aie zuvor habe ich emen Mann nnt einem duftende so gewaltigen Brustkasten, so phanomeiialeii Muske n gesehem Sch 1 erinnere mich, als Knabe einmal einen Artisten g^hen zii haben. der mit blohen Händen ein Telephonbuch quer burchriß.Mu schien das damals als eine gute Leistung; aber ich glaube dahi der Pun gullo vom Kampong Dah Dungbawungbiriah dassel^ mit drÄ eingebundenen Adrehbüchern auf einmal tun könnte. öt> sieht er $) Geld wird nie auf der Bank eingezahlt, weder in W* Städten, noch in entfernteren Gegenden. Man sammelt es in Bam dus röhren und setzt es später in GvWchmuck um. Wir ritten in Schritt, in Trab und Galopp. Wir kletterte^ krochen sprangen und liefen. — Gegen Mer Uhr ritten wir durch schöne Felder mit Reis und Obi, die in schnurgeraden Reihen ge- pflanzt und mit Zäunen aus gelbem Bambusrohr eingehegt waren Hier gingen Mütter vor dem hölzernen Pfluge, den der Mann führte, und die nackten kleinen Kinder sahen im Grase am Wege und spielten mit bunten Schneckenhäusern. Die Kinder waren dick, hatten strotzende „Reisinägen" und grobe mexikanische Silber münzen — aus der Machtperiode der Portugiesen — auf der Drust- es sind dies beliebte Amuletten, die sie gegen Seuchen Md Lungenkrankheiten schützen. Wir überholten eine Reihe von Weibern mit gefüllten, geflochtenen Strohsacken auf dem Kopfe, sie gingen nach dem Dorfe, das, wie alle anderen Batakdorfer, in einem Haiii fruchttragender 'Bäume mit Palmen verborge lag. Eine der grauen trug ein Kind auf tem Arme, das, aus Schrein über mein weihes Zeug und den großen Tropenhelm, weiwe. Die Mutter beschwichtigte es, aber das half nicht vlel. Da sagte sie etwas, und sofort schwieg das Kleine und starrte mich erschreckt E „Was hat die Frau zu ihrem Hinde gesagt?' fragte ich Su- dungamn.s^gte ^und Balg, sonst kommt der weihe Mann und beißt dich!" antwortete er. Wir schritten langsam weiter auf dem Wege, der immer ebener und breiter wurde, je näher loir dem Dorfe kamen. «.. Auf einer kuppelförmigen Anhohe schon halb lnderSteppe aber nahe den letzten Bäumen des Dorshames, stand ein Bambus- gestell mit einem dunklen, länglichen Gegenstand darauf. „Was ist das, Sudungaron?" „Das ist ein toter Mann," antwortete er kurz. . „Wer?" „Du sollst es gleich erfahren, Euan. je V* l. n US n :r t- rr >d !N aU8'@r mab mich mit seinen stechenden Augen ua/er den schwarzm buschigen Brauen und stieh einen bellenden Kehllaut aus, der Gott weih was bedeuten mochte; vielleicht em barbarisches Urteil über mein blasses Fleisch? Doch ich fahle es als em „Willkomms! auf, lächelte ihm freundlich zu und dankte ihm in farbenreichen malaiischen Worten für seine Gastfreundschaft. Er verstand es anscheinend nicht, denn er fuhr fort, mich wie eine wütende Bulldogge anzustarren. Sck muß gestehen, dah mein Mut ein Stückchen sank. Um aber doch etwas zu tun und, wenn möglich, den strengen Mann »u besänftigen, reichte ich ihm eine Eapstan aus meiner Zmndose und kuckte in den Taschen nach Streichhölzern. Letzteres hatte ich mir Karen könnM; beim ehe das erste Streichholz angezünd^ war hatte er schon das Papier von der Zigarette entfernt unb den'Äak gefressen. Aberlange nicht ^"^igt ^auL Sudungaron konnte wohl sehen, dah ich ängstlich war, oenn er flüsterte mir über den Hals des Ponys zu: „Gib ihm deine Knopfe als Gastgeschenk, Tuanl" Entschlossen warf ich die Jacke ab, ritz meine teueren siamesischen Silberknöpfe ab und reichte sie ihm 1 ffr taA/T Ne in der Faust und lachte bestialisch, ging danst »um Haufe und blies auf einem polierten Büffelhorn, dessen Tone »bien'Ultimen herbeiriefen der sich unserer müden Pferde annahm. Don Ä «b Len wir die Gäste des Kampongs Dah Dung- LmgbirL unter dem Schutze des Pungullo „Si Rollong . , Eines von Si Avllongs arbeitenden Weibern, das der reme iBrem Gatten und Herrscher, vorn und hlnten flach, ?nd7rotz seiner Jugend spindelbürr und runzlich wie ein einge- schrumpfter Kinderluftballon war, kochte ein W^eä üerkel m ^Kaffer und Reis und servierte es uns in einer mächtigen, rußigen Metallschüssel. I Wir aßen mit den Fingern und kuschten an den fetten Knvchm tote Kinder an einer Zuckerstange. Es war ein richtig gutes, fvlid^ Futter — aber nicht gerade etwas für Feinschmecker. Aach der Mahlzeit stießen wir um die Wette auf, Um unserem Wirte ote \ obligate Höflichkeit zu erweisen. Men nach Weste» auf glatten, taufeuchten Pfaden, durch marmS- I 6ht Knabe trieb eine Herde schwayev und weißer PuckÄl» hvheS Präriegras, den warmen Sonnenschein auf dem Rücken. I ochsen vorüber. Er war nackt, schlank, aber muskulös, und hatte Die schroffen Abhänge der Schluchten hinab rutschten die strup-- I trotz seiner Größe noch Zähne im Mu-che. Gr glotzte mich nckt pigen Ponys, und die steilsten Halden liefen wir zu Fuß hinauf, runden Augen an. Su^ngaron beugte sich über den Hals E, wir uns an den Schweifest >er spindeldürren, starkknochigen des Pferds und sprach mit dem Knaben der ab und zu nach si^ö-r feftbielten die die scharfen unbefchlaaenen Hufe in die der kuppelsormigen Anhohe hmubernickte. Dann ritten wir weiter, 5!w-LenM SLen des We^s b^ und Sudungaron erklärte: „Das da oben ist die Leiche von dem ^getretenen vpuren oes -Weges hieven. _ ___ Sohn des Pungullvs der Stadt; er wurde von einem Büffel in Wir ritten Stunde aus Sttm^, über grüne Savanmmund UnterIeiB getretm unb ftarb.“ vschungelbewachfene Bergrücken. Die Ponys trugen uns dreist ( Reiche da liegen?" durch reihende Strome und über versengte Lallangebenen. Erst Äs Einen Tag, dann ist das Fleisch mürbe. Sft es einer von die Sonne, weih, blendend und glühend, senkrecht über unseren ß Männern des Dorfes, so wird heute nacht Reisig unter ihn Häuptern stand und die Schatten kurz und schwarz waren, gönn- > - ten wir den Tieren und uns selbst eine Rast. Wir drehten bei einem Kreuzweg ab und hielten gleich darauf zwischen drei baufälligen Batakhäusern — den Resten eines zusammengesturztev Dorfes. Sudungaron stieh einen durchdringenden Vogelschrei aus, und eine uralte blinde Frau mit zottigem grauen Haar und nacktem Oberkörper trat in die Tür des größten Hauses. Er sprach lange mit ihr in ihrem rauhen Dialekt, dann stiegen wir ab, banden die Ponys an eine abgestorbene Arekapalme und setzten uns zur Ruhe aus den Grundbalken unter dem Fußboden des Hauses. Die Frau gab den Pferden Wasser aus großen Holzzubern und ungestampften Mais ans einer auf hohen Stelzenbeinen stehenden Kiste, die zum Zwecke der Pvnhfütterung gezimmert worden war. Uns brachte sie eine gehämmerte Messmgschale mit einer m Wasser gekochten Grütze aus Reis. Obiwurzelw) und grünem Mais. Es schmeckte uns großartig, und Sudungaron bat mich, der Alten zehn Cent, möglichst in Eincentstücken, zu bezahlen. Denn " erklärte er, „in diesen entlegenen Gegenden legt man den meisten Wert auf Kleingeld, teils, weil alles, was der Bewohner für feine täglichen Bedürfnisse kauft uich verkauftz mit Cents bezahlt wird, ^?;^bLbe/awH — und das ist wohl I griff in seinen schwarzen