Zsamstag, L7. QNtvöer WWW ***äBci*?eset8*a 1923 — Nr. 48 Große Männer. Aus ben weltgeschichtlichen Betrachtungen Jak. B u r ckha rdts*). rm Die als J^ale fortlebenden großen Männer haben einen hohen Jä e rt für die Welt und für ih-ve Nationen insbesondere,- sie geben denselben em Pathos, einen Gegenstand des Enthusiasmus und f®9ert Ue b-s tn die untersten Schichten intellektuell auf durch das ^ige Gefühl von ©roße; sie halten einen hohen Maßstab der Bmge aufrecht, sie helfen zum Wiederaufraffen aus zeitweiliger Erniedrigung, Napoleon, mit all dem Unheil, welches er über die Franzosen gebracht, ist dennoch weit überwiegend ein unermeßlich wertvoller Besitz für sie, _ -^utzutage ist zunächst eine Schicht von Leuten auszufcheiden, welche |ich und die Zeit vom Bedürfnis nach großen Männern emanzipiert erklären. Es heißt, die jetzige Zeit wolle ihre Geschäfte seiber besorgen, und man denkt sich etwa, es werde ohne die Der- brechet! großer Männer recht tugendhaft zugehen. Als ob nicht die Kleinen, sobald sie auf Widerstand stoßen, eben auch böse würden, abgesehen von ihrer Gier und ihrem Neid untereinander, , Andere führen die Emanzipation (NB. wesentlich nur auf in- telwktuesien Gebieten) praktisch durch mittelst allgemeiner Garantie der Mediokrität, Assekuranz gewisser mittlerer Talente und falscher, an ihrem schnellen Daherrauschen kenntlicher Renommeen, die dann s^'lich auch bald platzen**). Gas Asbrige tut die polizeiliche An- niDgibd)ieit alles großartig ®|>ont.in€n. Mächtige 5tegicrung-?n ha-- ben einen Widerwillen gegen das Geniale. Im Staate ist es kaum zu „brauchen", außer nach ben stärksten Akkommodativnen: denn dort geht alles nach „Brauchbarkeit". Auch in den übrigen Lebens- nchtungen lieot man mehr die großen Talente, d. h die Ausbeutungsfähigkeit des Gegebenen, als das Große = Neue. Dazwischen aber verlautet heftiges Begehr nach großen Scannern, und das hauptsächlich im Staat, weil die Dinge in allen großen Ländern auf eine solche Bahn geraten sind, daß man nut gewöhnlichen Dynasten und Oberbeamten nicht mehr durch- lommt, sonderm Extrapersonen haben sollte. , aber der große Mann käme irnd nicht gleich in fernen ä1f 29en unterginge, so ist noch die Frage, ob man ihn nicht zer- lchwahen und durch Hohn über ihn Meister würde. Unsere Zeit hat eine zermürbende Kraft. Dagegen ist die Zeit sehr geneigt, sich zeitweise durch Abenteurer und Phantasten imponieren zu lassen. . Sn frischer Erinnerung steht auch noch, wie man sich 1848 nach emern großen Wanne sehnte, und womit man dann in der Folge vorlieb nahm. „ Aicht jede Zeit findet ihren großen Mann, und nicht jede große Fähigkeit findet ihre Zeit. Melletcht sind jetzt große Männer vorhanden für Dinge, die nicht vorhanden sind. Jedenfalls kann Ud das vorherrschende Pathos unserer Tage, das Besserleben- wollen der Massen, unmöglich zu einer wahrhaft großen Gestalt verorchten. Was wir vor uns sehen, ist eher eine allgemeine Der- nachung, und wir dürften das Aufkommen großer Individuen für L^?9lich erklären, wenn uns nicht die Ahnung sagte, daß die ■!td einmal von ihrem miserablen Terrain „Besitz und Erwerb'^ *) Sm Verlag von W, Spemann in Stuttgart, Allerdings gibt es, je nach dem Fache, auch echten und Auhnt raf$ durch plötzliche Enthüllung des Genius gewonnenen plötzlich auf rät anderes geraten, und daß dann „der Rechte- emmal über Nacht kommen könnte, — worauf dann alles hinter- vVvlll LUU JE. < m.®exnn ^E ^roßen Wänner sind zu unserem Leben notwendig, damit dre weltgeschuhtlrche Bewegung sich periodisch und rucTtotife jE.umche von bloßen abgestorbenen Lebensformen und von re* flektierendem Geschwätz, And für den denkenden Menschen ist gegenüber der ganze» bisher abgelaufenen Weltgeschichte das Offenhalten des Geistes kur iede Groß- eine der wenig sicheren Bedingungen des höheren geistigen Glückes, Wilhelm Hegelsr. Von S, v, K l ö st e r l e i n. Anter den literarischen Erscheinungen der naturalistischen Epoche gehört Wilhelm Hegeler zu den wenigen starken Persönlichkeiten, die ohne den fruchtbaren Nährboden, dem sie entsprossen, zu verlassen, doch über ihre Zeit in neue höhere Ausblicke hineingewachsen sind. Es ist bas große Verdienst des Naturalismus, daß er die schlaffen und ausgetrockneten Adern der Dichtung wieder mit frischem Blute gefüllt und den Tempel der Kunst, der bei dem einen zur leeren Kulisse der Schönheit, bei bem andern zum Salon, auf den nur die Vertreter der .Gesellschaft" mit ihren Formen und Gesetzen ein Anrecht zu haben glaubten, wieder dem Leben, dem strömenden Leben der Allnatur, den stürmlscheii und drängenden Lebensäußerungen des ganzen Volkes geöffnet hat. Leben hieß die Losung der Zeit, und den jungen Dichtern von damals waren seine Stimmen heilig und verheißungsvoll, auch wenn sie rauh und unfreundlich klangen oder nur ein unartikuliertes Stammeln waren. Dieser Drang, das Leben in seiner Fülle und Tiefe zu erfahren, die Schranken der Konvention zu durchbrechen und den engen Erfahrungskreis, in den der Zufall der Geburt ihn gestellt, zu erweitern, war e8* der den jungen Schriftsteller veranlaßte, den Verkehr mit seinen bisherigen Kameraden abzubrechen und irgendwo im Norden Berlins unter den Armen der Großstadt sich ein Asyl zu suchen Aber während die meisten Vertreter des Naturalismus in dieser Hingabe an das Leben sich verloren und, von ihrer Amwelt, bie sie Wohl in ihrer vielseitigen Differenziertheit Wiedergaben, aber nicht meistern konnten, erdrückt, es über glänzende Milieuschilderungen nicht herausgebracht haben, ist es für Hegeler charakteristisch, tote stark schon in seinem ersten Werk der bauende Form- Wille das Chaos, unter ein bestimmtes Gesetz zwang und so aus einem Widerhasi des Lebens den Nhythmus einer Melodie schuf. Trotz aller Mängel der Jugendlichkeit ist der Roman „Mutter Bertha" ein witckliches Kunstwerk, weil seine Hauptgestalt über eine reine Milieufigur hinaus wächst zur Trägerin eines Schicksals, das aus ihrem Charakter und dem Zwang der Amwelt sich> mit Notwendigkeit vollzieht. Wenn da und dort auch dem jungen Dichter die Lust am Erzählen und cm farbiger Milieu- schilderuung fortreißt, nirgendwo ist die Wiedergabe de-- Amwelt Selbstzweck, sondern sie muß dienen zur Folie dieser Frau die dem Zwiespalt erfiegt, daß sie zugleich Mutter und Gesiebte ist Für den, der Hegelers Werks in seiner Ganzheit kennt, Hinten in diesem Jugendroman schon lauter oder leiser die Stimme!! stlner späteren an: tragische Wucht neben zartem Gefühl, farbige Sinn« Wdt neben konstruktivem Formwillen, ein vvlkshafter PH an- tastehunger, der auf erregende Situationen drängt und eine Ge» — 170 — staltungskraft, welche die Erfindung sich unterzieht und dienstbar mackt 'dem Zweck vertiefter Seelenoffenbarung. 'Eine Zeitlang konnte es scheinen, als wäre das Leichte und Lichte welches die eine Seite dieses Romans.ausmacht, Hegelers eigentliches Gesicht. Die nächsten Werke, der Genfer Roman Sonnige Tag e“ in seinem zarten Lyrismus und der graziöse Humor" von „Rellhs Millionen", deuteten aus eine Persönlichkeit ■ die es deshalb so schnell zur Meisterschaft gebracht hatte weil die zu meisternde Kraft von vornherein nur einen engen Kreis umspannte. Aber in jähem Amichlag zu otejen leinen aber keineswegs bedeutenden Werken brach lein eigentliches.'Wesen in der Fülle seiner Kraft und, der Dämonie fernes dunklen Zwanges hervor. An die beiden nächsten Werke, „Ingenieur Horstmann" und „Pastor Kling Hamm er ist Hegelers Raine vor allem geknüpft. Diese großen Romane waren für Jahrzehnte die stärksten und ursprünglichsten Aeuhe- rungen feines Mutes, Befreiung von Grlebnislasten, deren Verkörperungen wohl das Gepräge seiner Vitalität tragen, aber, ganz aus ihrer Seele herausgelebt, zur erschütternden Osten- barung eines fremden Schs werden. Richt als Kunstwerke in ihrer meisterlichen Form prägen sie sich unauslöschlwh dem Gedächtnis des Lesers ein, sondern losgelöst aus dem Rahmen des Kunstwerkes als menschliche Gestalten: Horstmann, das blmde Genie, brutaler Kraftmensch und gläubiges, hingebungsbedürftiges Kind, Klinghammer, dessen Dollkommenheitsdrang m ewigem Konflikt mit seinen innerlichen Flecken liegt, der wahr, einfache und gütig sein möchte, da ein Gebrechen seiner Seele ihn unwahr, zwiespältig und boshaft macht, der hundert Makel abwaschen zu können glaubt im Blute, einer Schuld diese beiden sind so Träger eines Schicksalkomplexes. Ausdruck einer Lerden- schaft und eines Zeitwillens, daß sie über menschliche Vertrautheit hinaus das Gewicht historischer Person gewinnen. Wie eine Raturkraft, die nach vulkanischen Ausbrüchen sich nun im Sprießen und Blühen aus geringeren Tiefen erfreut, schuf der Künstler in den nächsten Jahren Romane von leichterem Gewicht, wie „Flammen", den satyrischen Roman »Das Aergernis" und eine Reihe kleiner Erzählungen, die in dem Bande „Eros" zusammengefaßt sind. Der Umstand, daß auch von diesen viele auf vulkanischem Boden gewachsen sind, läßt sie bei. aller Taufrische von einem starken Temperament durchglüht sein, und die Kraft eines konstruktiven Willens bindet das Leichte und gibt jeder Laune das Fundament eines Schicksals und eines Charakters. Das nächste große Werk ist der soziale Roman „D i e f r o h e Botschaft". Am die utopische Idee „Fveiland" wächst eine Welt von Menschen, die, tragisch und komisch zugleich, dies trügerische Licht umtaumeln, das seherisch und frevelnd ein Mensch entzündet hat. Die Ereignisfülle, die Mannigfaltigkeit der charakteristischen Gestalten werden getragen von her Monumentalität dieses Führers, dem Ehrgeiz und phantastischer Idealismus den Weg weisen. Sn manchen Augenblicken erreicht die Gestalt Schlossers die Wesenstiefe und Kraft eines Horstmann und Klinghammer. Wenn her Roman diesen beiden trotzdem • nicht ebenbürtig ist, so liegt das, von den Längen abgesehen, an einem 'Kompositionsfehler; nicht aus der Seele dessen, der sein innerlicher Mittelpunkt, ist der ganze Konflikt erlebt, sondern aus dem Gesichtswinkel einer peripherischen Person, die eher der Zufall als innere Rotwendigkeit in den Strudel dieser Bewegung trieb. So wird durch fremden Stoff > die reine Form des Kunstwerks gesprengt und sein eigentlicher Sinn getrübt. Ganz fremd und fern allen diesen genannten Ronranen steht die Geschichte von „Pietro dem Korsaren und der Jüdin Ehnirinka". Schon der Stoff weist sie scheinbar in ein anderes .seelisches Klima: Die romantische Geschichte svielt hn XIII. Jahrhundert an der ligurischen Küste. Ein phantastischer Abenteuerroman, wie' es auf den ersten Blick scheint, in dem Hegelers Phantasie sich schwelgerisch auslebt und seine Freunde an farbiger Erfindung seine Menschengestaltung und seine aufwühlende Psychologie überwuchert. Aber in dem Abenteurer Pietro, .der anfangs unbewegt von Erlebnis zu Erlebnis taumelt, erwacht der Rechenschaft verlangende Christ, und im Zu sammenprall mit der vom Feuer ihres Volkes durchglühten Jüdin entzündet sich sein religiöser Drang: aus dem - Triebmenschen wird der evlösungsbedürftige Sucher. Der Drang, die Bindungen seiner Persönlichkeit zu durchbrechen, di; Zufallrwelt von Geburt und Bildung zu erweitern und zu vervollkommnen, war schon — zum Teck noch äußerlich — für Horstmann, ganz innerlich für Klinghammer der Keim zu den Konflikten, durch die sie zugrunde gingen. Auch Pietro wird von setnem Chaos verschlungen. Zugleich aber weist er hinüber auf eine neue Problemstellung, die jetzt den Gestalten Hegelers Richtung gibt Der Krieg hat seine Produktion lange unterbrochen. Der nächste Roman, der dann erschien, die Erzählung „Zwei Freunde", schien in.ihrer idyllhaften Zartheit, in der Freuds an der verklärten, anmutigen Schilderung von Jugendeindrücken vor allem an jene Werke der Frühzeit anzuknüpfen. Aber was dies Buch von ben früheren trennt und auf eine höhere Stufe hebt, ist die dichterische Wiedergabe seines Erlebens, ist die Sprache als Mittel seelischen Ausdrucks, deren künstlerisches Spiel den. Autor von der letzten Haft des Raturalismus befreit. Ramentlich in der zweiten Hälfte des Romans, da die verschlungenen Pfade der Jugend einmünden in den Weg des Leids, be- iymmt sie eine Süßigkeit und balladenhast dunkle Fülle, wie sie -rüher nur da und dort in Keinen lyrischen Geschichten erklang. Der Wille zur Wahrheit, auch auf die Gefahr der Plattheit im Dialog "bestimmt, weivn nicht ben Aufbau, so doch den Ton der früheren Romane. Eine gewisse Rauheit unb Härte eine Prägnanz, die durch ihre Eckigkeit manchmal verletzt und der Öetyte dvch entgleitet, ist d)arafteuifttfd) iüi* ben ^djiiüerev der Leiden Horstmanns und des Pastor Klinghammer Wenn man bamit einige Seiten cru$ bem Schillstteii her „ 3Del vergleicht, so toirb man finden, baß der neue Ton nicht nur ernq Befreiung von runsttheoretischen Fesseln und eine größere Geschmeidigkeit, sondern vor allem ein Wachstum der Seele bedeutet Auch für Hans Bokelmann, dem der beiden freunde, der es wirKich ist, kommt die Stunde, da die Glasbläsereien seines Jugendtraumes zerbrechen. Aber der klirrende Tön zerbricht nicht auch ihn sondern weckt eine neue Saite seiner Seele. Während Hegelers' frühere Gestalten im Ringen um ihre Wiedergeburt zugrunde gingen, findet er den Weg zu einem neuen, feinem eigentlichen Leben. Das Leid nicht mehr als der tragische Anstoß zum Untergang, sondern als das Mittel zur Befreiung des „verschütteten" Menschen macht auch den Gehalt des letzten Romans aus, der augenblicklich in den Spalten des „Gießener Anzeigers" erscheint. Wilhelm Hegeler, heute ein Fünfziger, der schon in so jungen Jahren zur Meisterschaft gekommen schien, ist in Wahrheit sehr langsam gereift. Eine Wohnstätte der jüngeren Steinzeit bei Leihgestern. Von Dr. Kunkel, Gießen. Der raschen Benachrichtigung unb der tätigen Unterstützung durch den Herrn Lehrer Loh, sowie dem Entgegenkommen des Herrn Volk ist es zu danken, daß eine auf der Baustelle des letzteren am Südrand von Le i h g e st em, links der verlängerten Rathausstraße, unweit des Schafbaches, angeschnittene steinzeilliche Wohnstätte vom Ober-Hessischen Museum zu Gießen unter Beobachtung, gehalten werden könnte. Sie zählt zu der riesigen Siedeln ng, die südlich des heutigen Dorfes die Höhe sich hinanzvg und die unseren Sammlungen schon früher so manchen Fund geliefert hat: Gefäßreste, Mahl- und Schleifsteine, Hacken, Deilchm, Meißel, Messer, Tierlnochen, Hüttenlehmbrocken; auch eine Bestattung mit wohlerhaltenem ©fe- fett, die nach' altem Brauch unter dem Fußboden einer Wohnung angelegt war, ist im Museum zu sehen. Es handelt sich um eine Riederlassung von Angehörigen des in der Wissenschaft mit der Behelssbezeichnung „Bandkeramiker" (Keramik — Töpferei; die Gefäße sind mit Bandmustern verziert), benannten B a u e r n v o l k e s, das aus den Ländern an der unteren und mittleren Donau stammt. Sh.ren verdankt dis W e 11 e r a u ihre e r st e d i ch t e D e s i e d e l u n g. die im dritten vorchristlichen Jahrtausend ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichte. Die Steingeräte, mit denen damals die Felder bebaut wur- iden, Hacken und Pflüge, werden im Museum vorgeführt, wo auch die übrigen Funde ausgestellt sind". Das schon erwähnte Skelett gibt einen guten Begriff von dem verhältnismäßig kleinen, gewiß aber zähen und ausdauernden Menschenschlag. lieber Art und Herkunft dieser wie auch aller anderen vorgeschichtlichen Kulturen sind wir einzig und allein durch die Bodenfunde unterrichtet. Der Laie freilich kann aus den unscheinbaren Scherben und aus den meist nicht viel ansehnlicheren sonstigen Resten unmittelbar kaum sonderliche Belehrung gewinnen. Dazu sind die ausgedehnten vergleichenden Forschungen der Fachleute notwendig, die alle nur irgend erreichbaren Funde, nicht bloß die eines eng begrenzten Gebietes, bei ihren Arbeiten heranziehen müssen. Die Bodenfunde haben also gewissermaßen urkundlichen Charakter; unb hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß erst mit ihrer Entzifferung, b. h. mit der Deutung unb Verarbeitung durch den Vorgeschichtler ihr eigentlicher Wert beginnt! Aber jeder verständnisvolle Laie kann milhelfen, daß dem Fachmann das draußen im Land zu Tage kommende Forschungsmaterial nicht entgeht. Dafür kann er selber dann in den Sammlungen, wo die Funde geordnet und aufbewahrt werden, so manches sehen, kann er durch Wort oder Schrift so manches erfahren, was sonst der Wissenschaft unb somit stach ihm verborgen bleiben müßte: nämlich über die allmähliche Ausbildung der menschlichen Kultur im allgemeinen, über die alten Bewohner unserer Heimat im besonderen, über die Entwicklung unseres deutschen Volkstums. #. Das alles zeigt schon, wie schade es ist, wenn vorgeschichtliche Bodenfunde auch noch so unscheinbaren Aussehens, den Forschern verborgen bleiben, weil Der, dem sie zusällig begegnen, selber nichts Rechtes damit anzufangen weih. Die Keine Mühe sollte sich doch niemand verdrießen lassen, von seiner Beobachtung dem Bürger- ,meister sofort Meldung zu machen, der nach dem Denkmalschutz- gesetz zu ihrer Weitergabe an die richtige Stelle verpflichtet ist, ober einem der Lehret — diese haben dankenswerterweise in - t71 solchen Fällen kaum je ihre Hilfe versagt —, oder auch gleich dem Ob e r h e s fische n Mu seum in Gießen Nachricht AU geben. Von rascher Mitteilung (Portokosten werden natürlich erseht) hängt viel ab, da manche Beobachtungen sonst vielleicht nicht mehr möglich sind. Es wird wohl kaum jemand so arg verständnislos sein, wenn er einmal etwas über die Bedeutung der Sache gehört hat, baß; er nicht selbst die innere Verpflichtung fühlte, an Dodenfunden für die Wissenschaft Ku retten, was nur in seinen Kräften steht. Schön wäre es, wenn auf diese Weise es ganz überflüssig würde, auch nur ein einziges Mat auf die scharfen Bestimmungen des Denkmalschuhgesetzes zurückzugreifen. In Leihgestern weih man schon längst, worauf es ankommt, und macht gleich Meldung, wenn etwas gefunden ist. So ist es nicht die Schuld der Finder, wenn Über den Oberbau der neuerdings dort angeschnittenen st einzeitlichen Wohnung sich nichts mehr erschließen lieh (durch Psostenlöcher. und dergleichen). In früheren Fällen war eine solche Feststellung, die gerade in unserem Arbeitsgebiet aus mancherlei Gründen toissenschaftlich äußerst wichtig wäre, leider bereits mehrmals infolge verspäteter Benachrichtigung unmöglich: man bedachte picht, dah die Beobachtungen an der Fundstelle, bei der Grabung selbst, oft bedeutungsvollere Aufschlüsse geben als die schönsten Gegenstände, die dem Boden entnommen werden. Diesmal aber liegt die Zerstörung bereits viele Jahrhunderte zurück: eine spätere Generation hat durchs Anlage.einer Hütte große Einordnung in die Neste der steinzeitlichen gebracht. Man konnte das an einer dicken Drandschicht erkennen und das hohe Alter der zweiten Behausung an verschiedenen Scherben ablesen, ilnb nun entsteht wieder eine Wohnung an derselben Stelle. Welcher älnterschieb zwischen damals und heute, wo die Grundmauern auch des bescheidensten Häuschens den Boden einer steinzeitlichen Hütte tief durchfurchen! Wieviel Menschenschicksal spielt sick) im Lauf der Hahrtausende auf einem kleinen Fleckchen Erde ab! Trotz aller Zerstörung war von der bandkeramischen Behausung noch der untere Teil zweier offenbar ovaler G r u b'e n erkennbar. Denn der Warme wegen, zum Schutz vor den vinbilden der Witterung, pflegte man den Wohnraum möglichst in die Erde hineinzutiefen. Besonders am Rand der einen Grube fand sich reichlich Hüttenlehm mit deutlichen Abdrücken vom Stakwerk der Wände. Die ganze F ü l l e r d c, durch deren dunkle Farhe sich die Wöhngruben gewöhnliche von dem helleren gewachsenen Grund sehr deutlich abheben, war in her unteren Schicht stark durchsetzt mit Tonsch erben: verzierten und unverzierten, solchen mit Oesenhenkeln oder mit ungelochten Wulstgriffen, von größeren und kleineren Gefäßen. Aeben einer Feuer stelle lagen die Trümmer eines ziemlich weiträumigen Topfes. Am Boden der einen Grube stand ein fast vollständig erhaltenes bvmbenf'örmiges Gefäß, dessen ganze Außenseite mit schönen eingeritzten Mustern wie mit Tragbändern umflochten ist — ein hübsches Stück uralter Töpferkunst, und das erste in Oberhessen gefundene seiner Art, dem wir unsere Achtung um soweniger versagen werden, als man damals noch keine mechanischen Hilfsmittel kannte, wie etwa die Töpferscheibe, die erst viele Jahrhunderte später aufkam. (Zur Belehrung derjenigen, hie noch keine Töpferscheibe gesehen haben, auch keine Gelegenheit zum Besuch etwa der Töpferei in Wieseck finden, ist im Handwerkssaal des Oberhessischen Museums ein solches Gerät aufgestellt.) In und .neben dem eben erwähnten schönen Gefäß "lagen diele teils, angebrannte Tierknochen, meist vom Rind und vom Schwein — Reste der -Mahlzeiten. Seitlich davon, ziemlich dicht am Ostrand der Grube, wo auch eine .Feuerstelle war, lag ein großer Stein mit flacher Oberseite — er mag als Sih« oder als Mahlstein zum Schroten des Getreides, vielleicht auch beiden Zwecken gedient haben. Auffallend spärlich, besonders im Vergleich zum übrigen Teil der großen Leihgesterner Siedelung, waren in der jetzt gefundenen Wohnstätte die Stein gerate vertreten. Rur einige rohe Fäustel und Splitter kamen zutage. Die Gefäßscherbea mit ihren charakteristischen Verzierungen lassen Elemente der reinen Dandkeramik neben solchen mit gewissem Modischen Einschlag erkennen. Sie bezeugen also das Dorliegen einer eng mit der typisch „wetterauisch.n ‘ verwandten bandkeramischen Mischkultur, deren Träger mau mit einigem Recht bereits (unter den Begriff „In doge r manen" ein- vrdnen darf. So Hat .Leihgestern unserem Museum und der Wifsen- schäft wieder eine schöne, erfreuliche Bereicherung gesch.nk. Es gibt, dank dem rühmlichen Verständnis vieler Vevvh .er kaum eine andere Gemarkung, deren Vorzeit aus den Dodenden ma.e.n genauer bekannt wäre als die von Leihgestern: von der Steinzeit an bis zur fränkisch-merovingifchrn Periode, des frühen Mi.tel- alters, aus her die berühmten einzigartigen Särge mit den reichen Beigaben das Oberheffische Museum zieren, sind fast alte Kulturen vertreten. Aus solche allseitige Hilfsbereitschaft, namentlich draußen auf dem Land, wo es mitunter nur ein klein wenig Aufmerksamkeit bedarf, um Spuren der Vorzeit zu finden, sind wir beute ganz besonders angewiesen, wo regelmäßige Forschungsfährten und größere Untersuchungen durch die Verhältnisse unmöglich gemacht werden. .Und es braucht nicht besonders betont zu werden, wie dankbar auch jede Spende zu begrüßen ist, die mithilft, die Kosten für die notwendigsten Forschungen aufzubringen. Alles, was geleistet wird, soll ja der Oefsentlichkeit zugute kommen und der allgemeinen Bildung dienen. Wünschen gerade in letzterer Hinsicht hat das Oberhessische Museum in Gießen, soweit es irgend in seinen Kräften stand, sich noch nie versagt; es hak ihnen vielmehr durch Vorträge und Führungen immer bereitwillig und mit Freuden zu entsprechen versucht. Das Quartett. Von W. H. Riehl. (Fortsetzung.) Der sonst so schweigsame Gutsverwalter räusperte sich und stotterte" auch etwas von einer Neuigkeit, welche er mitgebracht, und griff nach der hinteren Rocktasche, als ob er sie da herausholen wollte. Allein ein strafender Blick seines Herrn traf ihn so scharf, daß er verstummte und die Hand ganz langsam und leer aus der Tasche zurückzog. Der Graf aber trat kühn gegen die Lichter und hielt eine prächtige Guarneri-Geige in die Höhe. „Welche Anmut der Form!" rief er; „die Mediceische Venus hat keine reizendere Taille als diese Guarneri! Döelch unvergleichlicher Schnitt der b-Löcher! Kein Bildhauer hätte die Schnecke zierlicher winden können! Dor allem aber bewundert diesen odeln, leuchtenden, fpiegelklaren, unversehrten echten altitalienischen Oellack! Er ist mir lieber als ein ganzes Gemälde in Oel. Ein Oellack--" Hier schlug ein Blitz herab, als ob er mitten durchs Schloß gefahren- sei, ein kurzer Donner wie ein Kanonenschuß krachte im selben Augenblicke nach, und schwere Steine rasselten vom hohen Giöbelschornstein. — „Gott steh" uns bei!" rief der Kammerdiener; — „Jesus, Maria und Joseph!" der Verwalter; — „Es hat ein«: geschlagen!"' der Freiherr und-sprang hinaus. „Ein Oellack," fuhr der Graf begeistert fort und faßte den Verwalter, der auch hinaustrachtete, am Rockknopf; „hören Sie, ein Oellack, wie er außerdem gar nicht mehr auf unsere Zeit gek kommen ist. Der Teufel hole — —“ Bei diesen Worten fuhr ein zweiter Blitz hernieder, daß die ganze Stube wie im Feuer aüfleuchtete. — „stlrn Gottes willen, fluchen Sie nur jetzt nicht, fluchen Sie nicht das Schloß in Brand!" flehte der Verwalter. Aber der Graf faßte ihn nur etwas fester, nämlich, am ganzen Kragen und fuhr fort: „Ich sage, der Teufel hole die neuen Geigemnacher, welche mit ihrem niederträchtigen Spirituslack nicht nur ihre eigenen schlechten Fiedeln verpfuschen, sondern oft genug auch noch die edelsten alten Geigen dazu." Dann ließ er den Verwalter, los und spielte mit keckem Vogen die Tonleiter auf und ab auf der wunderbollen Guarneri und prüfte alle Saiten und Lagen, bis endlich der Freiherr zurückkam und meldete, es habe in einen Baum neben dem Schlosse geschlagen, ohne weiteren Schaden. Hierauf aber wandte er sich zum "Grafen und fragte ihn trocken, ob denn dieser edelste -Oellack etwa auch den Ton der Geige veredle? „Der Ton." erwiderte jener, „wird dadurch nicht besser und nicht schlechter; aber ein echter italienischer Lack ist eine Augenweide an und für sich, und ohne ihn wäre die schönste, Geige ein totes Bild, wie ein Menschengesicht ohne den verklärenden Lichtglanz des Auges:" „Nun gut," sprach dervFreiherr, „so wollen wir nachher diesen in Oel leuchtenden Seelen blick deiner Guarneri' bewundern, vorerst aber greifen wir zu unseren altgewohnten Instrumenten und zum Quartett" — und begann das a zu streichen, und dies war das Signal, daß jedes Gespräch verstummen solle. Der Graf biß sich auf die Lippen und stimmte die dargereichte Stainer-Geige so heftig, als wolle er alle vier Saiten durch und durch spielen, und das Quartett begann. ' . Der erste Satz — in G-Dur — hob ganz gemächlich an, steigerte sich aber bald zu einem überraschend schwierigen Tongewebe. Dos war dem Grasen ganz recht; denn er spielte leicht und keck, fast wie ein Virtuose. " Der Freiherr dagegen, bei welchem die Musik so überwiegend inwendig faß, spielte schwach und war im Zählen noch schwächer. Nun verließ er sich gewöhnlich daraus, daß ihm der Guts- und Quartettnachbar zur rechten Zeit einhelfe, vorzähle und sonst einen kleinen musikalischen Rippenstoß gebe. Allein die Hilfe blieb diesmal aus. Der Graf war ganz versunken ir, seine erste Stimme und ließ den armen Bratschisten hilflos suchend umherirren, bis er im nächsten Wirtshause, das heißt beim nächsten Halt, mit den anderen wieder zusammentraf. Der Frei- harr'merkte wohl, daß dies die D.che für den Oellack fein solle, itnt fand feinen Freund", der auch als Mensch ganz besonders terd: Lack und Schnitt glänzte, diesmal unangenehmer als je zuvor. Es dünkte ihm impertinent, daß ein Graf so fertig geige, als ob er ein Musikant fei, und über diesem Gedanken verlor er völlig den Boden und „schwamm" und konnte kein Ufer gewinnen. So fing man denn den Allegrosatz vier- bis fünfmal wieder von vorn an und schlug sichzuketzt auch mühsam bis zum Ende durch; 172 — allein die Aufgabe war unjd blieb zu schwer, und man kam M keinem reinen Genuß des Ganzen. Obgleich nun aber der Freiherr das Spiel zumeist verdorben Satte, ahnte und erriet er doch am tiefsten die verlorenen Schönheiten des Werkes, und da er sie auf seiner Bratsche nicht hatte klarmachen können, so begann er, während man eine Weile verschnaufte, dieselbe um so beredter mit Worten zu erklären. Das ärgerte nun wieder den Grafen, der so gut zu geigen, aber nicht halb so gut über das Gegeigte zu reden verstand, und er wandte sich deshalb, derweil sein Freund ästhetisierte, an den Verwalter ünd fragte nach seiner Wenigkeit in der Hinteren Rocktasche. Der Freiherr schaute auf sein Rotenblatt und sprach, halb in sich hinein, halb für die anderen: „Der Anfang ist ganz schlicht, ruhig, bescheiden," das hat Hahdn oft; man erwartet ein sinnig gemütliches Stück--" „Karlsruhe, den 30. April", las der Graf mit halber Stimme in einem Zeitungsblatte, welches der Verwalter aus seiner Hinteren Rocktasche gezogen. — „Der Rastatter Kongreß hat ein schreckliches Ende genommen. Da der Erzherzog Karl die Franzosen in den letzten Wochen über den Rhein zurückgeworfen hatte, so rüsteten sich die französischen Gesandten zur 2lbreise. Allein —“ „Allein gefesselt von den einfachsten Melodien," fuhr der Freiherr fort, „von den unscheinbarsten Themen, aus denen sonst kein Mensch etwas Gescheites machen könnte, werden wir mit jedem Takte durch neue Tongebilde überrascht. —“ „Kaum sind sie vorgestern abend um zehn Uhr zum Tore hiirausgesahren, so wird ihr Wagen von Szekler Husaren angefallen, und die zwei Minister Avbertjot und Bonnier werden mit Säbelhieben jämmerlich erschlagen; —" „Recht heiter beginnt der Sah; zu tief bewegendem Ernste aber wächst er empor im zweiten Teile; —“ „Der dritte, Dedoy, wird schwerverwundet in den Chausseegraben geworfen; —“ „Denn das ist die wunderbare Art dieses Mannes, daß er uns oft da ani innigsten rührt, wo er scherzt und lächelt, —“ „Indem er sich aber tot stellt, begnügen sich die Szekler, ihn auszuplündern und liegen zu lassen. —" „Und indenr er schwermutssvll klagende Weisen anstimmt, überkommt uns eine stille Seligkeit, ein heiterer, heiliger Friede, — “ „Halbtot, halbnackt, mit Schmutz und Blut bedeckt, rafft er sich bei Tagesanbruch aus dem schlammigen Chausseegraben auf, —“ „Was ist das?" rief der Freiherr, wie aus einem Traume erwachend. „Wovon redest du?" „Run, von Debrh, dem französischen Gesandten I — aus dem schlammigen Chausseegraben auf und kommt, von den umherstrei- fenden Soldaten ungesehen, wieder in die Stadt zurück. Der österreichische Oberst Darbaczh hat die Papiere der französischen Gesandten mit Beschlag belegt; Debrh wurde gestern unter militärischer Bedeckung sicher hierher geleitet. Riemand weiß sich das Rätsel der Greuel tat zu lösen; denn obgleich jene Franzosen durch ihre Anmaßung und Arglist jedes deutsche Herz empörten, so standen sie doch als Gesandte unter völkerrechtlichem Schutz, und dieser Word ist eine unerhörte Greueltat, deren Folgen kein Mensch ab- zusehen vermag." < Der Freiherr nahm dem Grafen die Zeitung aus der Hand, um nun auch den Anfang des Artikels zu lesen. Er starrte in tiefem Sinnen noch lange in das Blatt, als schöpfe er eine ganze Welt von Tatsachen und Gedanken aus den wenigen trockenen Zeilen. Inzwischen examinierte der Graf den Verwalter, wie ihm die fremde Zeitung zugekommen; denn in den Wiener Blättern stand noch nichts von dem Morde. Cs fragte sich überhaupt, was man in Wien von dem Ereignis wollte wissen lassen, und inwieweit Thu- gut und Lehrbach, die leitenden Staatsmänner Oesterreichs, demselben nah oder ferne standen. Das reizte den Scharfsinn des Grafen, und seine Einbildung erging sich in hundert neugierigen Fragen, indes er auf der Guarnerigeige seltsame Figuren, Triller und Doppelgriffe phantasierte, als wolle er die Jrrgänge der Diplomatie in Musik übersetzen; und dazwischen hielt er wieder ein sund beliebäugelte die schöne Geige wie das Bild eines reizenden Mädchens. So der Geigenfreund. Der Freiherr, der Musikfreund, legte die Bratsche weg und es war ihm, als sei es fast Sünde, jetzt noch gemütlich Musik zu machen. Sein sittliches Gefühl war empört. Wie mußte die Freveltat auf Europa, wie mußte sie auf das ohnehin schon so wahnsinnig überreizte französische Volk wirken! Und welche Gewitterluft lagerte über Europa, welche Stürme zogen gegen das Vaterland heran! In Italien und am Rhein kämpften die Oesterreicher gegen die Franzosen, Tausende von Landsleuten bluteten vielleicht in dem Augenblicke, bas ganze Schicksal des Deutschen Reiches entschied sich vielleicht eben jetzt, wo man hier so weltvergessen im Quartett sich vergnügte. ,®r hatte sich kindisch gefreut aus diesen Abend und schämte sich jetzt, daß er sich gefreut hatte, und der Gras, sein alter Freund, erschien ihm mit jeder Minute fremder, abstoßender; er hätte ihm die Guarneri aus der Hand reißen und sie zum Fenster hinauswerfen mögen. Allein er fahle sich wieder und sprach; „Llnser Spiel geht heute schlecht zusammen; dem Grafen ist der Blitz in seinen italienischen Oellack gefahren und mir der Gesandtenmord in mein Quartett. Ich wollte euch mit einer fröhlichen Botschaft überraschen und weiß nicht mehr, ob es recht ist, sich) jetzt von Herzen zu freuen. Doch verbuchen wir's noch einmal mit der Kunst. Die Musik ist eine so göttliche Trösterin und trägt unser Gemüt so rein zum Himmel empor, daß ich manchmal sage, eine echte Musik ist auch ein Gebet, und warum sollen wir dann nicht beten oder musizieren in dieser Stunde? Stimmen wir also die Geigen aufs neue zum zweiten Satze!" Den zweiten Satz des Quartetts bildeten aber jene ergreifenden Variationen über „Gott erhalte Franz den Kaiser". Schon bei den ersten so feierlich innigen Takten verklärte sich das Auge des Freiherrn, und auch die anderen amtmeten tief auf. Die Musik klang ja so trvstdoll, und der patriotische Bratschist fürchtete sich alsbald nicht mehr der Sünde, jetzt Musik zu machen; denn es war ihm, als spreche aus diesen Tönen eine Verheißung, daß das Vaterland nicht gar zugrunde gehen solle. Als alle tief gerührt und hoch erhoben die letzten kirchenfeierlichen Akkorde gespielt, rief Der Freiherr: „Gottlob, das war eine rechte Musik der Genesung, ßrnd jetzt ist mir auch die Zunge gelöst für meine zweite Wenigkeit! Ich habe den Meister dieser Töne, ich habe Joseph Haydn, den ich so lange schon vergebens zu sehen begehrte, hierher aufs Schloß eingeladen, und er wird kommen. Das wird ein Fest werden! Dann müssen wir ihm sein Quartett vorgeigen, daß er seine Lust daran haben soll. Und was ist köstlicher, als einem Manne endlich einmal dankend die Hand drücken zu dürfen, der uns — unbekannt nnd ferne — durch seine Werke seit langen Jahren schon so befreundet begleitet hat, ein Fremder und doch zugleich der teuerste alte Freund!" Selbst der Graf w^rde jetzt angesteckt von der Begeisterung des Freiherrn; sie jubelten miteinander so hoch, wie man es nur in dieser fieberglühenden Zeit konnte und heutzutage gar nicht mehr vermag, stießen an mit den Gläsern und tranken und geigten die halbe Rächt hindurch. Der Oellack, das verunglückte Allegro und der Rastatter Gesandtenmord wurden ganz vergessen, und die inwendige Musik siegte über die Politik und die Geigen und löste alle vorbereiteten und unvorbereiteten Dissonanzen zur lauteren Harmonie — sogar im Gemüte des Kammerdieners, den es anfangs schwer beunruhigt hatte, daß er nächster Tage den Hahdn, einen bürgerlichen Musikanten, wie einen Edelmann werde bedienen müssen. Drittes Kapitel. Die ganze Woche ward gerüstet aus den Empfang des Gastes. And da der Herr des Hauses vor lauter Musik nun gar nicht mehr zu haben war, und die alte Tante siech und hinfällig, so hatte 6ieje des Grasen Schwester von Reuhaus herübergebeten, damit dieselbe anordnend und repräsentierend ihren Platz einnehme. Gräfin Helene Thürmer auf Reuhaus war nach ihrer eigenen 2vnsicht noch jung, nach der Ansicht ihres Tausscheins war sie sechsunddreißig Jahre alt. Früher blendend schön, fesselte sie noch immer durch stolzen, untadeligen Wuchs, edles Profil und geist- volles Auge, und da Vater Hahdn auch in seinen alten Tagen schöne Mädchen gerne sah, so taugte sie diesmal besonders zur Rolle der Wirtin. Dazu verstand sie gar wohl künstlerische Festtage anzuordnen und zu schmücken; denn hatte sie auch niemals etwas Ordentliches gelernt, so bewies sie*doch Geschick für alles, trieb alle Künste ein bißchen und waltete mit Geschmack, wohin ssmr ihre feine Hand rührte. Insbesondere aber schwärmte sie für Musik und ließ oft den ganzen Tag das Klavier nicht kalt werden. Allein gerade wegen ihrer Musikwut schwankte der Freiherr, ob er seine schöne Rachbarin höchst liebenswürdig oder ganz unausstehlich finden solle. Er hatte in diesem Punkt feine eigenen Er» Ehrungen gemacht und pflegte zu sagen: „Die unmusikalischen Frauenzimmer ärgern einen, weil sie die Musik nicht verstehen, die musikalischen, weil sie die Musik mißverstehen." In früheren Jahren verband ihn nämlich eine lang genährte, tiefe und gegenseitige Reigung mit jener vornehmen Dame, welche als Erato im Musikzimmer hing, mit ihrem rechten Taufnamen aber eigentlich auf gut Wienerisch Babette hieß. Sie hätten sich gerne geheiratet, allein aus Familieninteressen mußte Babette den Rittmeister von Gretenstein nehmen. Das war der bitterste Schmerz gewesen, welchen der Freiherr in seinem friedlichen Dasein jemals erlebt hatte, und der auch nach Jahren noch oft genug insgeheim an seinem Herzen nagte. Babette aber hatte so wenig musikalisches Gehör, daß sie nicht einmal die falschen Töne empfand, welche ihr Geliebter zeitweilig seiner Bratsche entlockte. Trotzdem ließ sie sich ihm zuliebe als Erato malen, quälte sich ihm zuliebe in die Musik hinein und lernte Klavier, oder vielmehr sie lernte am Klavier, daß sie mit dem besten Willen kein Klavier lernen könne. Dies war dem Freiherrn ein großer Kummer; doch als der größere Kummer kam und Erato einen anderen heiratete, ward ihm jener erste Kummer wieder zum Tröste; denn er meinte, es stehe sehr in Frage, ob eine Ehe zwischen einem so musikbedürftigen Manne und einer so musikarmen Frau dauernd hätte glücklich werden können. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Äriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Amv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.