8 8 M BH Samstag, 27. Januar ßtf KMHaldMKblM M MeßmerZozelger WeiiMl-A»Mer). c js. LV» 4 Dis Entstehung der deutsch-französischen Srbfeindschaft. Die Vergewaltigung des wehrlosen Deutschlands durch Frankreich läßt vor ivnferm geistigen Auge ähnliche traurige Ereignisse der Geschichte aufsteigen, und so sind denn die Schatten Ludwigs XIV. und Napoleons in diesen Tagen vielfach und mit Recht heraufbeschwvren worden. Aber die Erbfeindfchaft zwischen Frankreich und Deutschland, die im Laufe der Geschichte fast immer einen Triumph des westlichen Angreifers mit sich brachte, geht schon viel weiter zurück, ja zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte und ist ein wichtiges Element in dem tragischen Schicksal des deutschen Volkes. Die markanten Grundlinien und großen Zusammenhänge, die dies offenbar machen, hebt der be° raimte Tübinger Historiker Pros. Johannes Haller in seinem soeben bet Eotta erscheinenden Werke „Die Epochen der deutschen Geschichte" hervor, das gerade jetzt so manchem einen nachdenklichen Einblick in das weltgeschichtliche Los unserer 'Ration gewähren wird. Das geographische Problem der „doppelten Front", das dem Deutschen Reich bei seiner Entstehung als Geschenk der Rornen in die Wiege gelegt wurde, die Bedrohung von Ost und West, hat unfern Staat stets einer großen Unsicherheit ausgesetzt, und zwar war die Gefahr von Westen immer die größere, weil sich dort bald nach der Teilung des Reiches Karls des Großen ein mächtiger Miliiärstaat entwickelte, dessen Arber» legenheit in dem Augenblick fühlbar werden mußte, als die Macht des altdeutschen Kaiserreiches verfiel. Philipp II., der Schöpfer der französischen Einheit, ist der Zeitgenosse des Bürgerkrieges, in dem sich die Staufer und Welfen zerfleischten, und dieser Zwiespalt in Deutschland führt schon im Anfang des 13. Jahrhunderts dazu, daß die deutschen Könige zu Figuren in dem europäischen Spiel werden, das von der Seine und von der Themse aus gelenkt wird. Deutschland wird damals zum erstenmal das Schachbrett der europäischen Kriege, und der erste Steg, den Franzosen über Deutsche erfochten, der von Bou- vtnes im Jahre 1214, entscheidet zugleich den englisch-französischen Streit auf deutschem Boden zugunsten F.ankreichs. Das kriegerische Frankreich erstrebt von nun an Erweiterung feiner Grenzen auf Kosten des.Deutschen Reiches, und je schwächer dieses wird, desto begehrlicher werden die Franzosen. Schon im Anfang des 14. Jahrhunderts sprach man in Paris davon, der Rhein solle Deutschland von Frankreich scheiden. Daneben laufen die Bestrebungen französischer Könige, sich selbst oder ihrem Hause die deutsche Krone zu verschaffen. Dir Bistümer und Städte an der Maas und Mosel, Toul und Derdun, kommen schon Ende des 13. Jahrhunderts unter französische Herrschaft; die Franche-Comtö, das Dauphine, gehen denselben Weg, und so entsteht gegen Ende des 14. Jahrhunderts die Grenze, die Frankreich bis 1870 behalten hat. Sv Nächst allmählich durch fortgesetzte Aebergriffe der Fran- sosen die deutsch-französische Erbfeindschaft heran; aber der eigentliche Same der ewigen Kämpfe wurde im Jahre 1477 ausgestreut, "ls der spätere Kaiser Maximilian Maria, die Erbin des bur- gundtschen Reiches, heiratete. Das mächtigste deutsche Fürstenhaus, die Habsburger, geriet dadurch in einen langen Konflikt mit Frankreich um die burgundischen Erblande, und dieser Gegensatz übertrug sich von selbst auf das Deutsche Reich. „Der Same !“r ote putsch-französische Erbfeindschaft, die bis dahin nicht be» war ausgestreut,, sagt Haller. „Gr hat rasch ge- ra avd immer stärker getrieben und schließlich als schädliches dewachs über die Geschichte der deutschen Ration für alle Zeiten seinen Schatten geworfen. Man wird nicht behaupten können, daß es ohne die Heirat von 1477 eine deutsch-französische Erbfeind» schäft nicht würde gegeben haben; denn es sind doch neben dem Charakter des französischen Volkes vor allem geographische Ar- sachen, die ihr zugrunde liegen. Aber darum ist es doch Tatsache, daß der Gegensatz zum erstenmal dadurch ausgebrochen ist, daß Oesterreich der Erbe des burgundisch-niederländischen Staates wurde." Der Zusammenbruch der deutschen Staaten im 30jährigen Kriege brachte dann diese unheilvolle Saat zur Reife. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 trat eine neue Erscheinung in das deutsche Schicksal: „Das ist die ständige Einwirkung Frankreich- auf Deutschland, seine stetige, bestimmende Einmischung in die deutschen Angelegenheiten. Das hatte man bis dahin nicht gekannt. Verbindungen deutscher Fürsten mir der französischen Krone waren wohl gelegentlich vorgekommen, aber das waren Episoden. Seit 1648 wird es ein dauernder Zustand, daß Frankreich in Deutschland hineinregiert." Vertrat doch Ludwig XiV. sogar die Ausfas- sung, das Deutsche Reich gehöre von rechtswegen zu Frankreich, and die Franzosen fühlten sich als Rachkommen der alten Franken, forderten, daß der französische Staat die Grenzen des alten fränkischen Reiches gewinne. Das gelang zwar Frankreich nicht, aber durch die Wegnahme des Elsaß wurde das französische lieber* gewicht über Deutschland befestigt, und bas historische Schicksal, das das schwache Deutschland immer mehr zum Raub seines westlichen Rachbars machte, erfüllte sich 1807, als Napoleon durch die Zertrümmerung Preußens tatsächlich die Träume aus der Zeit Ludwigs XIV. erfüllte und die Macht Karls des Großen unter feiner Herrschaft vereinigte. Essen-Amerika an der Ruhr. Kennt ihr die Stadt? Rein?-Denn ihr antwortet: Rauchig, schmutzig, häßlich!! Ihr schüttelt euch. Natürlich gebt ihr bä Zuzugebende zu: Hauptstadt der deutschen Arbeit; Kopf der Ruhr- Wirtschaft. lind das wußten die Franzosen ja Wohl-auch. Darum ihr Gieren nach diesem Besitz, Aber „wißt ihr, wie das ward", was man da draußen an der Ruhr Essen nennt? Wißt ihr, was diese Stadt, rein als Gemeinwesen betrachtet, unter den deutschen Großstädten bedeutet? Sie fast ganz ausschließlich saugte den Gedanken des neuen Deutschland in sich, wie wir ihn vor dem Kriege zu verstehen begannen. Sie ist Größe aus dem Nrchts, ist Wille zur Macht in Stein geworden. Ein Reuhvrk, ein Chikagv, mit Wachstum ins Ungeheure und Aussichten ins Anabsehbare. And doch viel schöner, urwüchsig deutsch, „Schön." Da steht das Wort. Jawohl: diese Stadt ist schön. And sie wäre In ungehemmter Entwickelung 1930 ober 1950 vielleicht der schönsten eine in deutschen Landen geworben. Wohlverstanden: schön ist auch die Arbeit und schön find ihre Stätten, schön sind die gewaltigen Schachtanlagen, schön, ja, malerisch ins Großartige gesteigert ihre Aufzugstürme. Hallen und Schlote, ihre Koksbatterien aus denen nachts unheimliche Gluten auflobern. Schön sind Hochöfen und Walzwerke (die es übrigen- in Essen nicht gibt) in ihrer Großartigkeit und Gewalt. And dieser Schönheit der Arbeit entzieht sich nicht, wer sehend und fühlend zwischen Duhr, Emscher und Lippe wandert oder wirft. Aber diese Schönheit ist hier nicht gemeint Essen, die Stadt tfi schön im Zusammenwirken moderner Daukultur und frisch grünen- 14 — thrazitzeche Gongenbraym am Eingang von und einige Großwerke in den neu eingemeindeten Vororten ^ Nordens, unweit der Tmscher, unweit des Rhem-Herne-Kanals. Die eigentlich e n Häufungen der Steinkohlenzechen liegen ubevhaupl.lm Norden und Osten von Essen. Heber die Ruhrberge unb üoer ben Stadtplan hinweg ist der Bergbau schon langsam hinweggegan- 'aen Was dort noch hie und da mit schwarzen unb toetßen Rauchwolken keucht und {tattert, wirkt fast nur tote Idylle. So wurde Essen „trotz Krupp" langsam Derwaltungs- und Kulturmitte. Theater, Konzerte, Museen, alles noch jung, aber bereits mit Dahnbrechertoillen. Rur zehn, nur: zwanzig Jahre habet: gefehlt, dann würde man zu dieser Stadt gepilgert sem, wie heute nach Köln, nach Dresden, nach Leipzig. Wann wird Essen, wann wird Deutschland diese Ruhe zur Arbeit und zur Vollendung wieder haben? Erich Feldhaus. ©er Hund. Novelle von Iwan Sergejewitsch Turgenew"). „Wenn man aber die Möglichkeit des ^mat^lchmi die Möglichkeit seiner Einmischung m das wirkliche Leben zulaßt welche Riolle kommt dann, glatten Ste mir dte Frage, dem ge sunden Menschenverstände zu?" verkündete Anton Stepanytsch und faltete die Hände über dem Bauche _ , Anton Stepanytsch stand im Rang eines Staatsrats, war Beamter in irgendeinem schwer zu bezeichnMden Departement, sprach langsam, ausdrucksvoll und in tiefem Baß und erfreute sich allgemeiner Hochachtung. Man hatte ihm erft vor kurzem, wie ferne Beider sich ausdrückten, „ein Stanislauschen-) angehängt . „Das ist vollkommen richtig," bemerkte S worcwrtsch. ^Darüber läßt sich gar nicht streiten," fugte Kinarewitsch hinzu. Ich bin derselben Meinung," fiel der Hausherr, Fmoplentow, aus seinem Winkel mit Fistelstimme ein. „ „Ich muß aber gestehen, daß ich anderer Memung bin, denn mir selbst ist einmal etwas Hebernatürliches wide.sahren, sagte ein Mann von mittlerem Wuchs und mittleren Jahren, mr. Bäuchlein und Glatze, der bis dahin schweigend hinter dem Ofen gesessen hatte. Die Blicke aller Versammelten richteten sich neugierig und fragend aus ihn — und es trat tiefe Stille ein. Dieser Mann war ein mit Glücksgütern nicht allzu reich gesegneter Gutsbesitzer aus Kaluga, der vor kurzem nach Petersburg gekommen war. Er war früher Husar gewesen, hatte im Spiel Hnglück gehabt, seinen Abschied genommen und sich auf dem Lande niedergelassen. , , , Durch die neuesten wirtschaftlichen Hmwalzungeiv) waren seine Einkünfte sehr verringert worden, und er hatte sich nach Petersburg begeben, um nach einem einträglichen Pöstchen Hmschau zu halten. Er besaß keinerlei Talente und hatte gar keine Verbindungen: aber er setzte große Hoffnungen auf die Freundschaft eines alten Regimentskameraden, der mit einem Male, mir nichts, dir nicyts, hvchgekommen war, unb dem er einmal beigestanden hatte, als 'es galt, einen entlarvten Falschspieler zu verprügeln Außerdem baute er auf sein Glück — und es ließ ihn wirklich nicht im Stich; schon nach einigen Tagen erhielt er die Stelle eines Jn,pektors gewisser staatlicher Magazine — ein einträgliches ivgar ehrenvolles Amt, za dem es keiner besondern Talente bedurfte, denn die Magazine selbst existierten nur in der Voraussetzung, wrd es stand noch nicht einmal fest, womit man sie füllen würde; geschahen aber hatte man sie aus Sparsamkeitsgründen, zur Entlastung der Staatskasse. , ,, . Anton Stepanytsch brach zuerst das allgemeine staunende Schweigen. _. , , ,, „Wie, mein Verehrtester Herr? begann er, „Sie behaupten allen Ernstes, daß Sie etwas Hebernatürliches erlebt haben — ich will sagen: etwas den Rarurgesetzen Widersprechendes?" „Ja, das behaupte ich," erwiderte der ,verehrteste Herr', der eigentlich Porsirii Kapitvnytsch hieß. Etwas den Raturgesetzen Widersprechendes!' wiederholte Anton Stepanytsch erregt; der Ausdruck schien ihm sehr gut zu ge- I fallen. „Jawohl . . . ganz recht; gerade so etwas, wie Sie es zu I nennen beheben." „Das ist erstaunlich! Was sagen Sie dazu, meine Herren? Anton Stepanytsch versuchte seinen Zügen einen ironischen I Ausdruck zu geben, es gelang ihm aber nicht — oder, richtiger, es *) „Rovellen von Turgenew", ausgewählt, übersetzt I und eingeleitet von Arthur Luther, hat das Bibliographische Zn° I stitut in Leipzig Herausgegeben. Wir entnehmen dem Bande du? höchst charakteristische Geschichte „Der Hund", die zahlreiche Vor- I züge der Turgenewschen Erzählungskunst aufweist. Wie der rus- I fische Dichter die Menschen und die Dinge in der Tiefe erfaßt, j so &aß seine dennoch flott hingeworfenen Skizzen und Schckde- | ningen einen eigentümlichen Stimmungswert besitzen, das zeigt I sich hier und in den übrigen Rovellen des Buches, von denen ! einige auch in Deutschland spielen. . i) Der russische St. Staunistausorden, dessen zweite Klasse am I Halse getragen wurde. | 8) Die Aufhebung bei' Leibeigenschaft (1861). Man muß wissen: Essen „an berOtuK" Negt eigentlich gar i nicht an diesem Strome. Richt so wie Magdeburg oder Dresden an j der Elbe, Köln oder Mainz am Rheine sich erstrecken. Es hat sogar I jahrelang, als es den Ruhrstrom schon im Rainen .führte mit seinen Gemeindegrenzen nicht einmal seinen Saum beruhrt. Heute I ist das ja anders. Aber doch nur als eine ^erwaltuiigsform Die Ruhr ist Essens Grenze, aber sie beyerrscht nicht Elsens Stadtbild Wohl aber gehören die Ruhrberge und die Ruhr ! Waldungen und all diese Mittelgebirgsschönheit, die sich da aus- brettet, zum Stadtganzen, zum Bilde jener die sich anschickte, die Forderungen der neuzeulichen Stadteba erfüllen eine Stadt aus Siedlungen un d W r u n i J »Tn »’n Enllen Die Ruhr, Westfalens Hauptstrom ist MK.MLMZ8 Wohnstadt dieser Millionengemeinde liHi.und freundlich gestalt«u MoßenGeste als Ne ^tarößte egÄtobigteite« ®Mil\ MWWWMZ MMUMMZZ mingm und Pmnklandhäuser, so warm und trau ich wie es die Gestalter großstädtischer Wohnanlagen in Berlin z. B. niemals SS braX ilnb Z diesen Stadtteilen Essens aus wandert es heb in Wäldern und in Tälern stundenweit, unberbaubar, un- yrf&ar, - bmn bie Stadt und Krupp sind die H a u p t h e r r e n 6 :u"pp? das ^deutet eine Zweiheit für Essem ^bietende Großindustrie und umfassende Fürsorge. Ganze Äad.teile kleiner und kleinster Arbeiterbillen und geschmackvoller Wohnstraße, die auch nicht eine Ahnung der Mietskaserne austammen lassen! Da ist der Alfredshos. Da ist vor allem die Gartenstadt Mar = garetenhöhe. Hier schuf (auf einer Stiftung erwachsen) ein einzelner Baumeister, Metzendorf, eine ganze große Mohnstadt in einem Guß. Für zwanzigtausend Menschen ist sie geplant. Lausende wohnen schon dort. Eine hohe Steinbrucke uberspannt ein Tal — und dann ist man im Märchen. Kleine Giebelhäuser, bescheidene Einzelvillen. Ein Marktplatz mit Kaufhäusern und Arkaden. Erst seit etwa 1910 geschaffen und doch schon so vertraut, wie sich uns z. B. ein Rothenburg oder ein Rordlmgen erschließt. Aehnlich und doch wieder anders Krupps Altenhof. — Das kostenlose Heim vieler tausend ergrauter Arbeiter des Merks, die hier ihre Kleinbilla und ihren Garten, ein leder für sich hüben. Daneben ausgereiht, wie die Flügel eines Prunkschlosses mit Weitblick über Park und Wald, Kruppsche Erholungshäuser und Krankenanstalten. , „ „ Krupp überall. Ern Kruppsches Hotel, Kruppsche Warenhäuser für jeden Bedarf, Kruppsche Mühlen, Bäckereien, Fleischereien, Kruppsche Berussseuerwehr, die heute noch große Teile der Stadt betreut. Hnd die Hauptsache natürlich das Kruppsche Werk selbst. Sie gibt trotz der Entwaffnunng Blut und Rahrung dieser Gemeinde, sie, die „Gußstahlfabrik". Aber häßlich, Rauch, Schmutz? Richt anders als die Aneinanderreihung anderer deutscher Großindustrie auch. Kohlenzechen sind im Stadtgebiete nur vereinzelt. Die Kruppsche mitten im Werke (Sälzer und Reuack), die große An- - 1L - sah aus, als hätte der Herr vtaatsra! Plötzlich einen üblen Geruch verspürt. „Wollten Tie nicht die Güte haben, verehrtester Herr," fuhr er fort, zu dem Kalugaschen Gutsbesitzer gewandt „uns die Einzelheiten eines so interessanten Ereignisses mitzuteilen?" „Warum denn nicht? Sehr gernel" erwiderte der Gutsbesitzer, rückte fernen Stuhl ungeniert in die Mitte des Zimmers und begann folgendermaßen: „Wie Sie wahrscheinlich wissen oder vielleicht auch nicht wissen, meine Herren, besitze ich ein kleines Gut im Koselsker Landbezirk. Früher brachte es mir etwas ein, jetzt aber habe ich natürlich nichts als Anannehmlichkeiten zu erwarten. Doch zum Kuckuck mit der Politik! Na also, auf diesem Gut habe ich auch meinen winzigen Herrenhof: ein Gemüsegarten, wie bei allen Leuten, ein Teich mit Karauschen, ein paar Wirtschaftsgebäude, na, und ein Wohnhaus für den eigenen, sündigen Leib . . . Man ist halt Junggeselle. Eines Tages nun — das wird so sechs Jahre her sein — kam ich ziemlich spät heim; wir hatten beim Nachbarn ein bißchen Karten gedroschen, aber ich bitte Sie, das zu beachten: ich hatte, wie man zu sagen pflegt, auch nicht ein Tröpfchen über den Durst getrunken. Ich zog mich aus, kroch ins Bett, blies das Licht aus. And nun stellen Sie sich vor, meine Herren: kaum habe ich das Licht ausgelöscht, da fängt es unter meinem Bett zu krabbeln an! Ich denke: eine Latte! Wer nein, es ist keine Ratte: es kratzt, es klopft, es schabt sich . . . endlich schüttelt es auch noch die Ohren! „Ra, versteht sich: ein Hund. Wo aber sollte ein Hund Herkommen? Ich selbst hielt keine; sollte sich vielleicht ein herrenloses Dich zu mir verirrt haben? Ich rief meinen Diener; Filka heißt der Kerl. Er kommt mit dem brennenden Licht in der Hand. ,Sag mal, mein lieber Filka', fange ich an, ,was ist das für eine Schlamperei! Da hat sich ein Hund unter mein Dvtt verkrochen/ — ,Was für ein Hund?' sagt er. .Woher soll ich das wissen?* sage ich, ,das ist deine Pflicht, für die Ruhe des gnädigen Herrn zu Sorgen.* Mein Filka bückt sich, leuchtet mit der Kerze unter dem Bett herum. .Hier ist nirgends ein Hund*, sagt er. Ich bücke mich auch: wirklich kein Hund zu sehen. ,Was Teufel soll das bedeuten!* Ich, sah meinen Filka an: der Kerl lächelte. .Schafs- kopf*, sage ich zu ihm, .was fletschst du die Zähne? Wie du die Tür ausmachtest, ist der Hund wahrscheinlich ins Vorzimmer geschlüpft. Lind du Döskopf hast nichts gemerkt, weil du ewig schläfst. Bildest du dir vielleicht ein, ich wäre betrunken?* Er wollte widersprechen, aber- ich warf rhn hinaus, kroch- wieder unter meine Decke und hörte in dieser Rächt nichts mehr. „Aber in der nächsten Dachl — stellen Sie sich bloß vor — wiederholte sich dieselbe Geschichte. Kaum habe ich daS Licht aas- gelöscht, so fängt es unter dem Bett za kratzen und zu scharren an. Wieder rief ich den Filka, wieder guckte er unters Bett — wieder nichts! Ich schickte ihn fort, blies das Licht aus — pfui Teufel! der Hund ist wieder da! And es ist ein ganz richtiger Hund: man hört ganz deutlich, wie er atmet, wie er mit den Zähnen sein Fell entlang fährt und Flöhe sucht . . . Ganz deutlich! , Filka!* rufe ich, .komm mal ohne Licht herein!* Er kommt. ,Run*, sage ich, .hörst du's?* — .Jawohl!* sagte er. Ich kann ihn im Dunkeln nicht sehen, aber ich merke es, daß der Kerl Angst gekriegt hat. (Xtn* sage ich ,wie erklärst du dir das?* ,Ja, wie soll ich es erklären, Pvrfirij Kapitonhtsch? Es ist ein Spuk!* — ,Du Lumpen- kerl* sagte ich, .halt das Maul mit deinem Spuk . . .* And unser beider Stimmen klingen so dünn wie Vogelstimmen, und wir zittern wiie im Fieber — und alles im Dunkeln. Endlich zündete ich das Siebt' an, und gleich ist alles still und nirgends ein Hund zu sehen nur wir beide, Filka und ich, sind weih wie Kalk. Sv lieh ich denn das Lickt die ganze Rächt brennen. And ich sage Ihnen, meine Herren — Sie mögen mir nun glauben oder nicht —, von da ab hat sich dieselbe Geschichte sechs Wochen lang Dacht für Rächt wiederholt. Schli-hlich gewöhnte ich mich sogar dran und löschte die Kerze aus, denn ich kann bei Licht nicht schlafen. Mag er nur krabbeln, denke ich. Gr tut mir ja nichts Böses.'' Eie lassen sich, wie ich sehe, nicht bange machen," unterbrach ihn Anton Stepanhtsch mit halb verächtlichem, halb herablassendem Lächeln. „Daran erkennt man gleich den Husaren.** „Sie könnten mir jedenfalls nicht bange machen," ertviderte Pvrfirij Kapitonhtsch und schaute einen Augenblick wirklich ganz husarenmähig drein. „Aber hören Sie weiter. Einmal besucht mich ein Rackbar, derselbe, mit dem ich damals Karten gespielt hatte. Da — ich setzte ihm za Mittag vor, was ich gerade Gutes hatte, dann spielten wir, und er muhte mir fünfzig Rubel für den Besuch zahlen; inzwischen war's Rachi geworden, mein Gast wollte aufbrechen Aber ich hatte meine Gedanken und sagte: .Willst du nicht bei mir übernachten, Wasilij Wasiljitsch; morgen gewinnst du, so Gott will dein rus. And stellen Sie sich vor: noch hatte ich gar nrcht Zeit, darüber nachzudenken, was jetzt wohl passieren wurde, Zto ging es schon los. And noch wie! Anterm Bett kam er herausgekrochen, lies durchs Zimmer, man hörte die Krallen richtig an den Boden schlagen, er schüttelte die Ohren und flieh plötzlich gar an den Stuhl, der neben dem Bett von Wasilij Wasiljitsch fland. .Porsirij Kapitonytsch*, sagte jener, und, wissen Sie, mit ganz gleichgültiger Stimme, .ich wuhte gar nicht, daß du dir einen Hund angeschafst hast. Was ist's für einer? Ein Vorstehhund?* — .Dein* sage ich, ,ich habe keinen Hund und habe nie einen gehabt.* — .Wieso? And was ist denn das?* — .Was das iftr sage ich, .zünd' nur das Licht an dann wirst du's schon erfahren.* — ,Ist das kern Hund?* — .Rein.* Wasilij Wasiljitsch drehte sich in seinem Bett um. ,Du machst Späh, zum Teusel nochmal!* — .Rein, ich spähe nicht.* Run höre ich, wie er ritz-ratz ein Schwefelhölzchen anstreicht, der da unten aber treibt's immer toller, kratzt sich die Seite. Run flammte das Licht auf — und gleich war alles still: Jede Spur verschwunden! Wasilij Wasiljitsch sieht mi' an — und ich sehe ihn an. ,Was ist das für ein Kunststück?* fragte er. ,Ja* Jage ich, ,das ist ein Kunststück solcher Art, dah wenn du hier Sokrates selber Hinsehen wolltest und da Friedrich den Grohen, so würden die beiden auch nicht dahinterkömmen.* And nun erzählte ich ihm alles ausführlich. Hei, wie mein Wasilij Wasüjitsch da in die Höhe fuhr! Als hätte er sich verbrannt! Er konnte gar nicht in seine Stiefel hereinkommen. .Meinen Wagen!* brüllte er, .meinen Wagen!* Ich suchte ihm zuzureüen, aber es hals alles nichts! Er lamentierte nur noch ärger. 'Richt eine Minute bleibe ich hier*, schrie er, ,du bist ja ein gottverfluchter Mensch! Meinen Wagen!* . . . Schliehlich kriegte ich ihn aber doch herum. Rur sein Bett muhte in ein anderes Zimmer geschafft und überall Rachtlämpchen angesteckt werden. Morgens beim Frühstück war er wieder etwas zur Vernunft gekommen und gab mir allerlei Ratschläge. ,Du solltest mal für etliche Tage oerreifen, Porsirij Kapitonytsch*, sagt er. .vielleicht hört der Teufelsspuk dann auf.* Ich muh Ihnen aber sagen: der Mann — mein Rachbar nämlich — war ein ungemein kluger Kops! Hat er doch einmal sogar seine 8ck»--iea<-rmutter htzrumgekriegt, dah sie einen Wechsel für ihn fmterzeichaetes. fo hatte er sie bei ihrer Empfindsamk tt zu packen geuvwu Von da ab war sie wie Seide: sie gab ihm Vollmacht zur Verwaltung des ganzen Gutes — was kann man mehr verlangen? And das will doch was heihen — mit der Schwiegermama fertig werden! Aeberlegen Sie mal selbst! . . . Ra, aber von mir fuhr er damals doch in recht mißmutiger Stimmung weg: ich hatte ihm am Vormittag noch hundert Rubel abgeknöpft. Er schimpfte sogar: .Andankbar bist du* sagte er, .und ganz gefühllos.* Ja, was konnte ich denn dafür? Run, das ist eine Sache für sich; seinen Rat aber nahm ich mir zu Herzen; noch am selben Tage kutschte ich in die Stadt und nahm in einem Wirtshaus Quartier, bei einem mir bekannten alten Raskolnik?) Er war ein ehrwürdiger Alter, wenn auch ein bihchen unwirsch; aber daran war nur die Einsamkeit schuld; ferne ganze Familie war ihm weggestorben. Rur vom Tabak wollte er nichts wissen, und gegen Hunde hatte er eine gewaltigen Widerwillen: glauben Sie, er hätte je einen Hund auch nur einen Augenblick in fein Zimmer gelassen? Rein, eher hätte er sich selber mitten entzwei gerissen! .Denn*, sagte er, ,wie geht fenn das an? Hier in meiner guten Stube geruht die Allerheiligste Himmelskönigin selber an der Wand zu hängen, und da soll ein dreckiger Hund mit seiner gottlosen Schnauze hemmschnüf- felnl* Ra ja, die Anbildung! Aebrigens bin ich der Meinung, was du als Weisheit anerkannt hast, daran halte dich" „Sie sind, wie ich sehe, ein großer Philosoph," unterbrach ihn Anton Stepanytsch zum zweitenmal mit dem gleichen Lächeln. Pvrfirij Kapitonytsch runzelte diesmal sogar bie Stirn. „Was ich für ein Philosoph bin, das weiß man nicht," sagte er. Und sein Schnurrbart zuckte unheimlich, „aber Sie würde ich gern in die Lehre nehmen." Aller Augen waren auf Anton Stepanytsch gerichtet: jeder von uns erwartete eine hochfahrende Antwort oder wenigstens einen flammenden Blick . . . Allein der Herr Staatsrat verlieh seinen, Lächeln den Ausdruck der Gleic^ültigkeit an Stelle der Verachtung, gähnte, scharrte mit dem Fuß — und weiter nichts. „Run, bei diesem Alten nahm ich also Quartier," fuhr Pvrfirij Kapitonytsch fort. „Als guter Bekannte, wies er mir nicht eben sein bestes Zimmer an; er selbst schlief im selben Raume hinter einem Verschlag — aber so wollte ich's ja gerade haben. Eine Qual war es sreilich! Das Zimmer klein, dumpf, eine Mordshitze, Fliegen ohne Zahl — und was für klebrige Viecher! In der Ecke ein riesiger Hausaltar mit uralten Heiligenbildern; die Gvld- gewänder ganz trübe und hohl; ein durchdringender Geruch nach Oel und nach irgendeinem Gewürz; auf dem Bette zwei Federpfühle; klopfst dü aufs Kissen, so kommt unter ihm eine schwarze Schabe rausgekrochen ... Zu alledem hatte ick noch aus Langeweile unglaublich viel Tee getrunken — es war zum Verzweifeln! Ra, ich legte mich also hin; an Schlaf nicht zu denken — und hinter dem Verschlag liegt der Wirt und seufzt, ächzt, murmelt seine Gebete. Endlich aber wird er still. Ich höre ihn schnarchen — fo gai« leise, nach alter Mode, schön höflich. Das Licht hatte ich längst ausgelöscht, nur das Lämpchen vor den Heiligenbildern brannte noch .... Da steckte also das Hindernis. Ich stehe ganz 3) Anhänger der Sekte der sogenannten „Altgläubigen", die Me vom Patriarchen Rikon 1654 durchgeführte Revision der kanonischen Bücher nicht anerkennen. — 16 — (elfe auf, schleiche Barfuß in die Ecke, kauere mich vor dem Lämpchen hin und Maf es aus . . . Richts! - Aha, denk ich, bek fremden Leuten wirkt'S also nicht. Aber kaum hab' ich mich auf8 Bett gelegt, da geht der Alarm los! Er tragt und schuppt sich und klappt mit den Ohren . . . alles, wie es sich gehört! Schön., Ich liege und warte, was nun weiter kommen soll. Schon hör ich: mein Alter erwacht. (Schluß folgt.) Der betrunkene Affen-General. Don I. 2L Sauter. 3 A. Sauter, der sich durch fein Buch „Mein (Vn- flteu" als einer der besten Kenner dieses geheimnisvollen Landes erwiesen hat, erzählt m der neuen Folge seiner Erinnerungen, dem soeben bei K. F. Koehler in 2elpjig erscheinenden Buch „Unter Bvaflminen und Parias eine Fülle fesselnder Geschichten, von denen eine von den heiligen Tempelafsen von Hetampur hier wiedergegeben sei. Wenn die Schatten länger wurden, die Sonne sich langsam im Westen zur Ruhe senkte, und des Abends laue Winde Eidlich vom Dschungel her durch die Häuser wehten, setzte ich mich nut dem alten Khrer in die hintere Veranda, und wir unterhielten uns über die Wrisheiten der alten Schriften. War ich aber allein, so legte ich meinen kleinen Teppich außerhalb des Holzgttters auf den kiesigen Boden, ter um das Haus sich Herumzvg, und sah den, munteren Treiben der Assen auf den Bäumen in meinem an den Tempel grenzenden Garten zu. Wie ich mit den Dorfleuten bald Freundschaft geschlossen hatte, so wuchs auch mein Dertrautsein mit den weihbärtigen Detooh'-rern des Baumes. Es dauert« nicht lange, so hockten sie sich wie alte Dekaimte zu mir und nahmen aus meiner Hand die duftenden Erdnüsse, die tch immer für sie und für mich in der Tasche trug. Da war ent weihbärtiges Mütterlein, das trug sein Junges, genau wie die eingeborenen Frauen es tun, auf der Seite, und ohne Schn vor mir nahm es sein Kleines und durchsuchte fein zartes Fell nach Insekten. Es war so zutraulich, daß es manchmal selbst mit ferner flattrigen Pfote in meine Rocktasche griff und sich die Russe ^r- ausholte, die es dannn für sich und das Junge mit posfrerlicher Sorgfalt schälte. Im allgemeinen freilich war es eine Bande von frechen Schel- men, denen niemand und nichts heilig war, nicht einmal die mit Ehrfurcht angebeteten Gotter im Tempel. Ganz besonders hatten sie es auf meinen Koch abgesehen, einen ehrwürdigen alten Brah- minen Die Küche befand sich nicht im Haufe, sondern in einem Heinen Gebäude, etwa zehn Schritte davon entfernt. Tagsüber hockte »ine Unmenge von Krähen auf dem Dache und harrte der Gelegenheit für ihre Diebsgelüste. Der Koch konnte nie die Küche verlassen, ohne die Tür sorgsam abzuschließen, sonst hätte das Gesindel die ganze Küche durchsucht. Am Abend aber, wenn die KrWen sich in ihre Rester in den Bäumen rings um das Haus verzogen hatten, wurden sie von den Affen abgelöst, und oft genug geschah es, daß eines ter Tiere, wenn er ahnungslos mit der bereiteten Mahlzeit aus der Küche in das Haus hinübergehen wellte, mit einem Sprunge von dem niedrigen Dach sich auf seinen Rücken fetzte und mit feiner Pfote in die ausaehiufte Platte hineingriff. Die Wahlzeiten kannten sie besser als ich, stets waren sie zur Stunde des Essens um die Küche herum zu sehen, und mancher Fluch kam über die Lippen meines sonst gutmütigen Kochs, wenn er mit leerer Platte wieder in seine Küche zurückkehren mußte, um eine neue Mahlzeit für mich herzurichten. Der frechste und mutigste der Weißbärte, es waren ißrer an die fünfzig, war der Anführer, ein übermäßig großes Tier, das nicht mehr jung fein konnte. Mit unerbittlicher Strenge übte er sein Regiment unter den anderen, und wehe dem naseweisen jungen Assen, der einmal nicht sofort seinem Gebot Folge leistete. Ein paar Ohrfeigen rechts und links und ein Wurf vom Daum, daß man die Knochen krachen flörte, war die Folge solchen Uebermutes und Ungehorsams. Eines Tages hatte Aatesan ein besonders leckeres Gericht zu- bereitet, aber trotz aller Dorsicht war das Unheil wieder geschehen: der Herr General selbst war diesmal der Attentäter. Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit war er auf den Koch zuge» sprungen, hatte dem Erschrockenen die Platte süßen Reises entrissen und sie unter den Daum getragen. Rachdem er sich gesättigt, ließ er auch die andern am Genüsse teilitehmen. Dafür entschloß ich mich ihn zu bestrafen, und die Strafe sollte darin bestehen, daß er vor der ganzen Affenfamilie sich blamiere. Ich ging deshalb in das Ärmere des Hauses, na'flm mir eine Banane, schälte das Fleisch sorgsam heraus, durchtränkte es mit Whisky und hüllte es da .« in die Haut sorgfältig wieder ein* so daß niemand von außen bemerken konnte, was mit ihr geschehen war. Diese Banane legte ich unter den Baum direkt an den Stamm. Es war hvlS wahrgenommen haben, denn er ging nur zögernd auf dte Danane zu, manchmal auf den Hinterbeinen, dann wieder auf allen Vieren. Als er etwa noch einen Schritt von der Frucht entfernt trat, (egte er sich plötzlich auf den Bauch und rutl^.e langsam auf die Frucht zu. Die übrigen faßen oben in den Aesten und beobachteten gegen ihre Gewohnheit schweigend das Tun ihres Führers Als der endlich bei der Frucht angelangt war, drehte er sich hin und her, spielend fast wie ein junges Kätzchen, schnupperte, nieste, zog sie ein Stück vor, das Süßliche im Whisky muß ihn wohl angezogen haben. Er konnte nicht mehr von der verbotenen Frucht lassen. Zuletzt hielt er sie In den Händen, aber es dauerte noch eine Weile, bis er die gelbe Schale von de» Banane losriß. Dann endlich entschloß er sich zum Genuß and aß sie. Zwei junge Assen waren indessen vom Daum heranter- gekvmmen und krochen in seine Rähe, aber wütend und mit den Zähnen fletschend sprang er auf sie zu, und sie flüchteten sich mit einem Sprunge auf die Höhe des Baumes. An den Stamm gelehnt, aß er die Frucht auf, nur hin und wieder sie von sich haltend und sich schneuzend, als wäre sie mit starkem Pfeffer bestreut. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten; kaum zrim Minuten coaren vergangen, da hatte der Alkoholteufel ihn gepackt; er sprang hinauf In den Baum, und nun bot sich mir ein Bild, das ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Friedlich 'hatten sie alle, Männlein und Weibleln, mit ihren Kindern auf dem Schoß, da gesessen, und nun führ auf einmal dieser Kerl zwischen sie wie ein .lv-gelassener Teufel, schrie und fletschte die Zähe», hieb und schlug nach, allen Seiten, und wer i'hm in die Rähe kam, den warf er vom Daum he.unter. Don Angst erfüllt, schreiend und schnatternd, floh die ganze Affenzunft in die Höchsten Wipfel des Baumes. hinaus auf die schwankenden Qlefte. Di« bogen sich tief zur Erde. Da schaukelten sie nun, sicher wenigstens vor dem betrunkenen Unhold, und kreischten und zeterten i'hm ihre Vertvunderung und Entrüstung zu. Endlich legte sich der Tumult. Der General hatte sich an den untersten Ast gesetzt und lehnte sich an den Stamm Einige Male noch bleckte er mit den Zähnen und schaute wild drohend nach oben, dann verfiel er In unve -stündliches Grunzen und zttlehl schloß er die Augen und entschlummerte. Plötzlich aber verlor er das Gleichgewicht und flog wie ein Wckhlsack auf die Erde. Verwundert schaute er sich um und rieb sich die Glieder. Zu einem Sprunge in den Baum hinaus reichten te’ne Kräfte nicht mehr. Turkelnd schleppte er sich in eine Mauerecke des Gartens, senkte den weißbärtigen Kopf aus die Brust, legte die beiden Arme über seinen haarigen Dauch und schlief ein. Oben im Baum herrschte immer noch Schwei-.en. Rur einmal zwitscherte ein ganz junges Aesfchen irgend etwas zu seiner Mutter, aber sie beschwichtigte es mit einem leichten Schlage, dann Herrschte wieder Ruhe unter ihnen. Eine Halbe Stunde etwa mochte vergangen sein, als unser Held von feinem Rausche e wachte. Weil ich die Strafe noch gründlicher machen wollte, hatte ich schon eine zweite Banane tote die erste zubereitet, und ging mit dieser auf den Daum zu. Da aber sprang das beinahe leblos scheinende Tier in furchtbarer Wut aus seiner Ecke aus mich Zorn und Haß in feigen ganzen Wesen, wie ich es noch nie bei einem Tier gesehen hatte. Kaum gelang es mir, hinter den Schutz des Holzgitters in die Veranda zu entfliehen und die Tür hinter mir zuzuschsteßen. Das Tier -hatte mich verfolgt und Hämmerte sich an die Holzstäbe wie ein rasender Tiger an seinen Käfig. Unter seinem wütenden Rütteln lösten sich schon einige Stave, und da, um das Tier Nicht noch mehr zu erzürnen, zog ich mich in das Innere des Hauses zurück, von dort aus das Ende des von mir angerichteten Schauspiels beobachtend. Als der Affe sah, daß ich nicht mehr in die Veranda herauskam, ließ er ab von dem Gitter und trottete auf den Daum zu. Run 'hatte er wieder seine Kraft, sich auf den ersten Ast emporzuschwingen, aber kaum war er oben, da fiel das ganze Afsenvolk über ihn her; sie schlugen ihn, bissen und kratzten ihn und warfen ihn schließlich herunter. Langsam entfernte er sich, ab und zu nur 'ich umblickend und die Verfolger ab-.vebrend. Richt eher aber ließen sie ab von ihm, als bis er über dieMauer, die an den Tempel grenzt. Hinaus und ihren Dlicken entschwunden war. So hatten sie ihn gestraft. Gr hatte sie entehrt und sich seiner Rolle als Führer unwürdig gemacht, deshalb fließen sie ihn aus ihrer Gemeinschaft. Aehnliches habe ich später noch mehrfach beobachtet,^ und die Engländer meinen darum, daß diese Assen eine Kaste bilden wie die Menschen, und den ausstoßen, der gegen ihre Gesetze sich verging. Viele Wochen später machte ich allein einen Ausflug in den Dschungel. Mein Weg führte vorbei an einem frischgemähten Kornfeld. An seinem Rande, auf einem von Sonne und Zeit gebräunten Steine kauerte ein einsamer Affe. Auch er war ein Ausgestoßener: ich sah es an seinem ganzen gedrückten, elenden Wesen, Da empfand ich Hefe Reue um jenen dummen Streich, den ich in törichter Laune in meinem Garten in Hetampur begangen hatte. ftienger Brauch bei den Affen, daß der General stets zuerst einen fremden Gegenstand prüfen mußte. Raum 'hatte ich mich baräufln die Veranda zurückgezogen, als er schon vom untersten Ast auf die Erde Heruntersprang. Er mochte wohl den Geruch des Aiko-__________________ Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ>Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Dießen.