Samstag, 25. August Nr. 34 1923 31 Der Hackbrettler. Don Johannes Hegerlehner.*) Das Tal ist eng und schroff, wo das Gletscherwasser in das Schaufelrad des Müllerjosi spring!. Die Sommerfrischler und Alpi- nisten, welche die Bahn hoch über der Schlucht auf sicheren Granit- mauern und Diadukten hinführt, blicken mit krause Stirn in die gruselige Tiefe, die auf jedem klafterbreiten Flecken Erde noch einer Hütte Raum gewährt. Wenn sie erst das schiefLotterhauschrn des Müllerjosi sähen, das in den Einschnitt des Wildbaches hinaus- hänat und nur von einigen Strebehölzern zur Bot ein biychen gestützt wird! Doch die mächtige Krone eines alten BuhbaumeS verdeckt das Schieferdach, und so ist von der Bahnlinie aus wirklich kein Stein von der Mühle zu erschauen. Aur der Muller sieht, wenn er will, durch die Lücken der Baumäste die rotgestrlchenett Wagen des Zuges, und wenn er auch nie hinaufblickt, wen er das Bähnlein unsäglich hasst, so hört er doch das Gattern und Poltern der rollenden Wagen, das selbst den donnernden Wildbach und das Klappern des Mühlrades während einiger Minuten übertönt. Der Müllerjosi hatzi die Bahn, wie er keinen Menschen hassen könnte und wäre es nach seinem Willen und dem einer hoyeren Gerechtigkeit gegangen, so hätten mindestens ein Dutzend Lawinen und ebenso viele Bergschlipfe und Rufinen das Teufelswerk m Schutt und Trümmer legen >müssen. Er hatte ja wohl im steststen Beralertrvtz dagegen geredet und geeifert, aber du lieberJ®ott, wie soll ein gewöhnlicher Kleinhäusler gegen die grohen Herren aufkommen? Er lebte schlecht und recht von dem kümmerlichen Er- trag seiner Roggenmühle und von seinem Kartoffelackerlein, gehörte keiner Behörde an und trübte mit seinen Einwendungen und Fluchen nirgends ein Wässerchen. Am Tage, als die Bahn eingewerht wurde und die Dolchen an der Linie sich zum Feste rüsteten, sollte auch in Mühleried ein grober Tanz über die Bretterdiele des Gemeindehauses rumpeln. Doch in letzter Stunde jedoch wurde der Tanz in Frage gestellt, weil der Müllerjosi seinen harten Kopf hatte. Es muh nämlich gesagt werden, daß er als Hackbrettler viel weiter herum bekannt war, denn als Muller, und die Musik von Mühleried galt, ihrem flotten Hackbrettlerzu Dank, bergauf und -ab als die beste im Lande. Wenn die Muhlerieder aufspielteir, wuiide es dem sprödesten Mädchen warm unter dem Brusttuch uno die Weitzbärte, die vermeinten, in ihrem Winkel dem stillen Trunk sich ergeben zu können, spürten ein Kitzeln und Zappeln m ihren alten Knochen, dem sie fast nicht widerstehen konnten. Es nützte nichts, daß selbst der Präsident zur Muhle hinunterstieg und den Hosi ersuchte, seine Kameraden aufzubieten und un Gemeindehaus zum Tanz aufzumachen. Der Hackbrettler war um kein Geld zu dem Schritt zu bewegen. Ein Gluck war es, datz bet Präsident in seiner Verlegenheit einen Italiener austrieb, der seine Harmonika und seine nicht geringe Kunst gerne zur Bei stellte. So konnte das Fest abgehalten werden und der Präsident seine über sechs Wochen hinaus studierte Rede vom Stapel lassen. Der Müllerjosi sah am Abend des Festes auf seinem Hinter hausläublein und starrste mit weltfernen Blicken m die Tiefen der Schlucht. Vom Wasser sah er feinen Tropfen, weil uralte Eichen und Linden mit ihrem grünen Laubwerk von ar ja bod)' eine ans gemilchte S wenn der Zug ob dem Dörflein vvrbeidonnerte, so nahm er die Pfeife aus dem Mund, spuckte aus und fluchte ein heiliges Donnerwetter. Biele Wochen später, als die gelben Roggenfelder geschnitten wurden, traten "der Klarinettist und der alte Geiger zum Muller- !osi ins Stübchen. ..Was meinst? Glaubst, es gehe? fragten sie ihn. „ Uebeinnorgen zum Tanzsvnntag nach Stalden." Der Müllerjosi schüttelte den Kopf. „Ich bin ia noch nre zehn Schritt vom Hause weggehumpelt. Das Bein schmerzt mich immer noch sehr, und es ist steif wie eine Gartenscheie. Hol der Teufel die Bahnt" ..Grad mit der Bahn fahren wir. das ist klar, entschied der Klarinettist. „Ein Fuhrwerk kommt zu teuer, und dafür ist eben die Dahn da. Ich zahl das Billett schon, wenn dich das Geld reut. Sagen wir ab. so lassen sie in Stalden die Sedunermusik kommen, und 'bann ist uns das Dorf für alle Zeiten gesperrt." Derart redete auch der alte Geiger auf den Kameraden ein, bis er schließlich weich wurde und nachgab. Am Sonntag saß der Müllerjosi mit seinem Kasten auf dem Trittbrett des Zuges. Seine Kameraden hatten in dem Abteil Platz genommen, und da es ein heißer Tag war, blieben die Wagen- türen offen. Das Züglein setzte sich in Bewegung, und Iosi öffnete seinen Kasten und zupfte der Dahn zum Trotz mit den klobigen Fingern leise die Saiten. Die zwei anderen Musikanten sollten nicht etwa glauben, daß er nun Augen und Maul aufsperre und das neumodische Fahrzeug mit all den Brücken und- Löchern als ein Wunderwerk begaffe. Die Altvordern hatten keine Dahn und sind doch — da rollte der Wagen über einen schwindelnden hohen Diadukt, so ruhig und sicher, daß Iosi die eiserne Stütze, die ev schnell ergriffen hatte, wieder fahren ließ und staunend in den weißen Schaum der Schlucht hinabblickte. Hetzt finstere Rächt und Tunnelgerumpel, dann wieder der blaueste Himmel zu Häupten und mitten drin — schau jetzt das Wunder — senkrecht über seinem Scheitel das Kirchlein Von Emd, so ganz von allen Felsen und Hängen losgelöst, daß es in der Luft zu schweben schein. „Edu — edu — edu." murmelte er, da schnappte ihm eine dreiste Felsnase das Bildchen weg. Der Zug verlangsamte die Fahrt, ein Ruck, und das Zahnrad hackte sich ein, weil es jetzt steil bergab ging. Schau, schau, wie großartig. Das surrt und braust um die Ohren, schnurrt über Tobel und Wildwasser .daß es dem Teufel darob graust und läuft — hol mich der Kuckuck — wie am Schnürchen läuft's. Doch was hocke ich da und glotze so dumm, ich spiel mir eins auf und Pfeiff auf die Dahn. Er legte den Huk neben sich auf den Boden und ließ die Hämmerchen Über das Hackbrett zappeln wie im Tanzlvkal oder zu Hause auf dein einsamen Wasferläublein. Dei den ersten Klängen traten die Fremden, welche die Wagen füllten, unter die beiden Türen auf die Plattform hinaus und lauschten der seltsamen Musik, die wie ein Echo dieser wilden Bergnatur das Bahngetöse und Pusten der Lokomotive in die Stille bannte. „Prachtvoll," hörte Iosi eine Stimme rühmen, und als das Stück zu Ende war. flogen von allen Seiten Wickel- und Silbermünzen in seinen Hut. Bor Scham wagte er kaum aufzublicken. Er hatte, weiß Gott, nicht um Geld gespielt, aber schließlich — auf dem Tanzboden ließ er sich auch fünf Franken bezahlen für die Rächt und dazu ein gutes Essen und jede Stunde einen halben Liter — und wenn die reichen Berliner und Engländer an seiner Musik Gefallen finden, ein,paar lumpige Batzen ist sieZHon wert. In Zermatt erhalten sie die gute Lpft und die weichen Betten und das braune bayrische Bier auch nicht um ein Vergelts Gott. Jedes Edelweiß, jeder Tropfen saure Milch muß dort teuer erkauft werden. Sonst trügen die Hoteliers den Kopf nicht so hoch und stolz. Zum Dank für die unerwarteten Gaben schmetterte Iosi den Matterhornjodler aus voller Kehle, und sein Saitensviel raffelte in allen Tiefen und Höhen eine kräftige Begleitung. Die Melodie wurde zwar durch zwei kurze Tunnels verhackt, aber die Fremden blieben auf ihrem Posten, ba das Bähnlern langsam und vorsichtig fuhr, und als Iosi vor der Einfahrt in den dritten Tunnel den Jodler in einer kühn geschwungenen Zickzacklinie beendete, regnet« es' nach der Ausfahrt wieder so viel klingendes Glück tn seinen Hut, daß er den Kopf tief auf ote Brust senile. Für dies«, zweiten Geldregen konnte er nicht mehr danken; denn der Zug hatte Stalden erreicht, und die Mühleriedermusik stieg aus. Mit Hut und Hackbrett unter den Armen schritt Iosi voran, und obschon er den Kopf nicht um Daumensbreite auf die Seite drehte, merkte er ganz gut, wie die Fremden durch alle Fenster ihm nachschauten. Die zwei Kameraden nahmen ihn frisch weg in die Mitte, und der Klarinettler spähte mit gierigen Augen in die Tiefe des geld- schweren Hutes. „Du, Iosi, bas hättest du dir auch nicht träum«, lassen, he, sagte er, und der Reid schaute ihm zu den Armlöchern heraus. „Das nächste Mal spiele ich ebenfalls mit, fo erhalte ich auch mein Sümmchen." „Ich teile natürlich mit euch beiden," erwiderte Iosi gutmütig, und als sie ein Stück weit gegangen waren, leerte er den Filz auf einen flachen Stein, .und alle drei schieden die großen und kleinen Münzen von den glitzernden Sklberstücken. Das Ergebnis war ein glänzendes. „In einer halben Stunde zwölf Franken," rief Iosi in hellem Erstaunen, und über sein hageres Gesicht mit dem schwarzenKorstigen Schnäuzchen flog seit vielen Wochen das erste große, selige Lachen. „Macht auf jeden grab vier Franken," bestimmte der alte Geiger, teilte das Geld in drei Häuflein do-re-mi und strich das seine ein. Die Rächt durch wurde in Stalden gurrt Tanz aufgespielt, und am nächsten Morgen fuhr die Mühleriedermusik wieder tal- einwärts. Die Wagen waren vollbesetzt, und Iosi saß abermals auf der Einsteigtreppe. Rach der Abfahrt des Zuges packte er seinen Kasten aus und begann, gleichsam nur so zum Zeitvertreib, ein leichtes Geträller, das bald zum herrischen Wildbachwalzer anschwoll. Obschon es noch recht kühl war, hatte er den Hut vom Haupte genommen und neben sich gelegt. Die Wirkung war dieselbe wie gestern. Bei den ersten Klängen des Instrumentes fuhren die Fremden von den Bänken auf, drängten sich zu den Türen und priesen die seltsame Musik, die man weder in Berlin noch in Paris zu hören bekam. Rach jeder Rümmer schwirrten die Rickel- stücke und die Silberlinge in den Hut, Iosi brauchte nicht einmal mit dem Kopfe zu nicken. In Mühleried verteilte er die'Summe unter die Spielgenossen, die das Geld als etwas Selbstverständliches, ohne ein Wort des, Dankes, in den Sack steckten. Run geschah das Wunder. Der Müllerjosi, der bis dahin für die Bahn kein gutes Wort gesunden, saß jeden schönen Tag auf seiner Wagentreppe, fuhr einige Stationen weit talab und den gleichen Weg wieder zurück, immer klimpernd un& johlend, Und wenn er den 'Filz umstülpte, klingelte und klirrte es verheißungsvoll in seine hohlen Hände, und nun brauchte er den Erlös mit keinem Zweiten und Driften zu teilen. Als das Geld von Tag zu Tag sich mehrte und zu einer ansehnlichen Summe'anwuchs, fiel es. dem Iosi auf, wie bescheiden die armselige, felsgraue Mühle sich unter die Aeste des stolzen Rußbaumes duckte. Im ganzen Dorf war keine Hütte so schmucklos und bettelhast. Er kaufte deshalb- einen Kübel Oelfarbe und bestrich die Läden mit einem prachtvollen Mattengrün. Das Dach ließ er flicken und eine neue breite Treppe anlegen, über die sein lahmes Bein Bequem auf und ab stelzen konnte. Da die Dauern mit ihrem Korn zur LIlühle niederstiegen und die Getreidesäcke zu einem großen Haufen sich türmten, ließ er auch ein weit vorspringendes Schutzdach anbringen. Zum Müllern hatte er keine Zeit, solange die Dahn ihm die Taschen stopfte. Endlich, als die Hänge in den goldenen Herbstfarben prangten und die letzten Züglein mit den letzten Sommerfrischlern tal- aus glitten, und bald darauf der Bahnverkehr eingestellt wurde, ließ er das Wasser in einem kräftigen Bogen in das Mühlrad f(Meßen, und nun klapperte das Werk ohne .Unterbruch. Es war aber auch die höchste Zei't; denn die Bauern verlangten ihr Mehl, um Brot backen zu können, -und schon wurde um die Häuser herum geinunkelt, matt werde eine neue Mühle errichten, da der Iosi das Handwerk erbärmlich vernachlässige, seitdem er Dahnmusikus geworden sei. Iosi-aber ließ sich nicht lumpen. Die Mühle tvav Familienerbe, und auf zwei Stunden in der Runde hatte es nie eine andere Müllersfamilie gegeben. Er führte in seinen Keller zwei Fässer neuen Wein und brachte die murrenden Kunden mit einem guten und reichlich gespendeten Tropfen zum Schweigen. Als die Mühle das Klappern einstellte, fielen die ersten Flocken. Durch- die kahlen Aeste des Nußbaumes schimmerten die grünen Läden der Mühle, und der Talfluß war klein und bescheiden geworden und rauschte in kristallklaren, smaragdgrünen Wassern kaum hörbar durch die Schlucht. Den Müllerjosi duldete es nickt mehr in der häuslichen Stille und Einsamkeit. Die Dahn mir all ihrem Getöse und Fremdengetriebe hatte in ihm das Verlangen nach Menschentum und Gesellschaft erweckt. Er setzte sich unter Tags und Abends in die Pinte zu Kartenspiel, und Dorfklatsch und merkte lange nicht, daß die blutjunge Witwe sich gerne um ihn zu'schaffen machte. Gr hatte bis jetzt noch nie etnem Weibsbild scharf in die Augen geguckt, und es fiel ihm nicht sm mindesten auf, daß die Dabette das tiefdunkle Haar über die Ohren zurückstrich und mit zierlichen Schritten ihm entgegentänzelte, wenn er in die Stube trat. Eines Abends, als er allein in der Wirtschaft zurückgeblieben war, rückte sie mit ihrem Stuhl an seine Seite, belobte die schönen grünen Läden, die ganz nach ihrem Geschmack seien, und das ge- 188 stickte Mühlenbach und die neue breite Stetntrepps, an Ser man fast nicht Vorbeigehen könne, ohne hinabzutrippeln und in sein Stübchen hineinzuwundevn, in dem es wohnlich aussehen müsse jetzt' wo er sich alles kaufen könne, ivas sein Herz begehre. Auf dem ^D^nerlgubli mühte man, um nur noch eins zu erwähnen, herrlich im Kühlen sitzen, wenn die Augustsonne nieöerbrenne, daß die Muer gesottene Eier legen. Aun geriet Host in Hitze und erzählte, tote ihm das Geld nur so zufliege wie ein Mückenschwarm, wenn er auf der Bahn hackbrettle. „Besonders wenn es gegen Zermatt zugeht," meinte er lächelnd, „und die Fremden mxfi keine Ahnung haben, was das Leben dort kostet, zahlen sie meine Kunst wie Könige. Nachher, wenn sie gerupft und geschoren das Tal verlassen, rinnt das Goldbrünnlein nur noch in spärlichen Tropfen. Ich habe auch schon rotes Kupfer aus meinem Hut gefischt. Räch- sten Sommer schasse ich keinen Streich mehr in der Mühle. Mit dem Müllern verdient man ja kaum das Brot in die Suppe Die Dahn ist halt doch ein wahrer Segen fürs Land, für Arm und Reich, und ich könnte sie nicht mehr ermangeln. Richt des Geldes wegen, Gott behüte. Zum Hamstern und Zutragen bin ich alleweil zu dumm gewesen — die Fremden jedoch, die muh man Me Wirte in Zermatt tun es auch. He ja, ich fag's, die Bahn ist nicht nur für die Reichen gebaut worden, auch so ein armer Krüppel, wie ich einer hin, soll seinen Gewinn daraus ziehen." »Du wirst meiner Treu noch ein steinreicher Dorfhabicht und solltest dich nach einer Frau umtun," versetzte die Babette und strich ihm über das struppige Haar. Host lachte. „Das Geld macht mir nicht heiß und nicht kalt, wid mit der Frau, — a bah — ich bin noch lange wohl so wie ich bin. Diesen Winter schnitze ich ein neues Hackbrett mit sechs Kontrabässen, da werden die fremden Herren und Schleierjungfern noch ganz anders glotzen und rühmen, wenn sse meine Musik hören — DonnerI Ich bin aber auch ein Künstler auf meinem In- strumeiit. Die Touristen, die aus den großen Städten kommen, die reden so, und die können es wissen." Gr erhob sich, doch die Wirtin drückte ihn sanft auf den Stuhl nieder. „Kannst noch ein halbes, Stündchen bleiben, weil du es W, schmeichelte sie. Hosi aber stand auf und versetzte gähnend: „Ich habe Schlaf, und Zeit ist's. Ade!" (Schluß folgt.) Das Tierleben der Großstadt. Bon Wilhelm B ö l s ch e?) Bor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer Fang gemacht. Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers. Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen ge- spenstischen Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand sich im Bersteck hinter roten Bordeauxfässern — ein Kiwi. Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den Farndickichten Reuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der riesigen Moas deren Knochen heute noch, dick fast wie die von Elefanten, in den Höhlen dieser geheiminsvollen Südseeinsel liegen. Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Harbin ues Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt" an einer ihrer unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den Fässern der Halle aux vins, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln. Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von Tier und Großstadt auf der Erde. Unsere Großstädte find durchs die Bedürfnisse der menschlichen Intelligenz zu einer Art Arche Roäh geworden. Tiergärten und Aquarien holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die Riesenschildkröte der Insel Aldabra, die in kurzer Frist in ihrer wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche Großstadttiere existieren werden. Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald mit, bald "ohne ausdrückliche Absicht. Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche brasilianische Dogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich eingeschleppt mit importierten Hölzern. Im Hahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil ein Wesen daherfchwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar WM das in dieser ZM miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis — heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar nicht bemerkt hätte. Es war ) Der bei Georg Bondi, Berlin, vor dem Kriege erschienenen vammlung feiner naturwissenschaftlicher Essays des bekannten geistreichen Naturforschers „Von Sonnen und Sonnenstäubchen" entnommen. der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der Havana, der ebenfalls mit amerckanrschein Holz als „blinder Passagier" herübergekommen war. . -Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendliche Massen von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er. Theorien ersinnen, über eine andere Lage der Meeresküste wurde die Nordsee bei Berlin branden lassen. Denn eilte Weltstadt etwa tote Paris verbraucht in einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen. Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der Großstadt, die der Mensch- nicht zu holen brauchte, — die bon selbst einwanöernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein Stück neuer Landschaft, tote eine neu zu bevölkernde Insel. Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie Las Bild der Großstadt selbst. Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint heständig hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer. Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem Licht das Geheimnis der Großstadt. Äeides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht. Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der „Höhle". §>as wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster, Dachluken waren die Höhkeneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte Raum erwünschtes Versteck. Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt, Rachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die MauS und 'die Ratte, die Fledermaus, der Marder und die Eule. - So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle. Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende kleine Romane der „wiloen" Tierwelt abgespielt. Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich verfallen: so das Storchnest auf dem Dach Aber aus dem Dächermeer wuchs der Domturm ins Blaue — und in ihm siedelte sich mit treuer Liebe der kleine, edrlgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisseree hat fester zur Gotik gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der Kölner Dom waren ihm die erwünschtesten „Höhlen". Aber ihn selbst umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein Leides- anzutun, und seine wirkliche Rahrung — Mäuse und schädliche Insekten — sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der pinschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet ist, wird er es fein. plmgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes, zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen. In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie, in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwmkel" des altertümlichen deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekom- meh", aber keiner weiß mehr woher. Gewiß ist. daß die Griechen und Römer sie nicht kannten, gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250) allgemein da war. Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen zeigte, kam (mit . der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa. Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unernießlichem Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga überschwamm. 1750 hatten ich die ersten Vorposten in Ostpreußen gemeldet. Dreißig Jahre Pater war ganz Mitteldeutschland voll. 1809 erschien sie in der ' Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um die Welt gegangen. Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die Städterin, älnd indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt, - 136 — ehren Beginne. Dis erfüllt, der absolute ein Schimmelfleck ist. ave IM aul- — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen. Schriftleitung: August Goetz. Sein Triumph aber ist die Großstadt. Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten, öffentlichen Gebiets, der hellsten Straße im Gegensatz zur Hotte. so entstanden. _ , , , „ Dor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Grofsttadt einen dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten darin, auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, stlian muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Pro- vinrlers unter uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des Berliner Alexander-Platzes sich geworfen suhlt, eingekeilt zwischen die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues gefahrdrohendes Geleise, betäubt vorn Lärm, verzweifelt, hilflos - und dazu eines waschechten Großstadtsperlings, ver gemächlich wie ein uralt routinierter Weltfahrer ui diesem wirvem- den Ozean der hastenden Kultur beiseite -- nicyt stiegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge eines solchen StraßenSahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Rur ein, zwei MenschNPchritte weit ftapMt er fort, keinen Zoll mehr, als unumgänglich notig ist,. nicht die Spur nervös — wie kann man denn bloß, es ist ;a immer bas, eine, und je größer der rollende Berg, desto, sichMr, daß er auf feinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell von mir Rvtrz zu J Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle bes Talmud stritten, daß schließlich einige Eimer Master über sie ergossen werden muhten, um sie wieder in die D)irtlichkau3 mit morschem d^alw, enge fknstere Gasse" die ohne Mühe üBerquert tourbe Manchmal, wenn ich heute durch denelektrischen Svnnen- nlanr der Leipziger Straße wandle und als Dision der Zukunft eine Weltstadt seh? bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke übereinander, mit Aufzügen statt Dreppen, und asks nach iicb durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen üW MaabX ich an die Maus in ihrer letzte Phase: auf i>8C J^^Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Svaß gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, vhne- Gedanken aus unfern Bibliotheken und damft d^i Menschengedächtnis hei.iusgenagt - ob das m der Uebersulle fo schlimm war? Schließlich ist alles Vernünftige doch siebenmal ne^eÄÄ dä eÄtfeum ausgestorbener Groß- stadttiL if^r Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling Straf;entier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich. r Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und mdiscyen Stadt wo ein so riesiger Vogel, tote der Marabustvrch, in Scharen die Straßen belebt und doch noch nicht mit dem g^zen Berg twn Abfällen fertig werden kann, den jeder Tag neu anhäuft, uad der Weltstadtstraße, die in ihrer Polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr em Spätzlein sättigen iann. Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das ttitereftontefte. Rie ist er im ganzen zahm geworden obwohl er. ft* im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller sinnigen Menschenkinder an diesen.Herrgottsnarr^n immer „roh aenua gewesen ist. Die scheue, wilde Aelsentaube hat der Mensch aus ihrer natürlichen Höhle herausgeholt und als jX^tier an sich gewöhnt, die Katze sogar ist oedingt zahm seworden. der Sperling in der gleichen Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur. Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, — wer will es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Malkäferjäger oder sonst als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen Gönnern schien. x>n Nordamerika, wo man ipn ob dieses auf Treu und Glauben genommenen Ruhens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist er zum Lohn aller Liebe zur wabren Landplage geworden. Dort tote bei uns nimmt er viel MfZ DöZn di/ohnehin heute so knappen Ristgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz, seit alter Gm man en zeit ein segenbringendes Hausgeistchen des Menschenherms. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse. Aber teer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Reu-Guineas und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht fremd. Kleinschmidt, also em unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet, wie er einen Ristkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer Hyazinthen geschnmckt hatte.