Samstag, 24. Marz 1923 — Nr. n «I «ÄÄ5 V«. B MH WWW KAM WLM MM Strindbergs letzte Liebe. Aus den Erinnerungen von Fanny Falkner. __ Eitrindderg hat von der Ehe gefordert, daß sie ihn „mit der Menschheit durch das Weib versöhne", und dreimal ist er an dem Versuch diHes Ideal zu erreichen, gescheitert. Während die Geschichte dieser drei Ehetragödien in seinen Werken mit so schonungslosem Dekennerdrang dargestellt ist. wußten wir bisher von seinem vierten Versuch einer „Versöhnung mit der Menschheit durch das Weib"sehr wenig. Lind doch hat der Sechziger noch einmal die feste Absicht gehabt, die von ihm so furchtbar empfundenen Ehebanden auf sich zu nehmen. Es war eine Zwanzigjährige, mit Der er sich verlobte: die Malerin und Schauspielerin Fanny Falk- ner. Er Sam zu dem Mädchen in nähere Beziehung, indem er in Dos Haus zog, in dem die Familie Falkner wohnte, und sich Fannys Mutter in Pension gab. In diesem Haus, das er den „Blauen Turm" taufte, hat er noch einige Jahre glücklichen Schaffens verlebt, und Fanny trug nicht wenig zu der milden, müden Heiterkeit seines Herbstes bei. Er lebte mit ihr und mit der Familie so vertraut, wie es bei einem solchen mißtrauischen Fanatiker der Mbett möglich war; er bringt Fanny zur Bühne, nennt sie sein „Dstermädchen", werl sie sein Bild von der Heldin des Dramas „Ostern' verwirüichte, studiert mit ihr die Hauptrolle in „Schwanenweih" ein, in der sie grobe Erfolge erringt. Sie wird feine „Sekretärin", er läßt sich von ihr malen, und schließlich nach emer langen Zeit des aufreibenden Anziehens und AbstoßenS wahrend deren auch sie unter dem dämonischen Zauber des Genies steht, verlobt er sich mit ihr. Aber Fanny konnte sich nicht ent- schlieyen, den gealterten Dichter zu heiraten. Der Altersunterschied war zu grob. Ihre Beziehungen zu ihm hat sie später in einer Schrift „Strindberg im Blauen Turm" geschildert, die Mt in der älebertragung von Emil Schering bei Georg Müller in München erscheint. Die Eindringlichkeit der Beobachtung und die schlichte Ehrlichkeit der Darstellung macht dies Buch zum wichtigsten Zeugnis von den letzten Schaffensjahren des Meisters. Mit allen Einzelheiten hat sie seine Lebensweise im „Blauen Turm" erzählt. Am 10. Juli 1908 zog Strindberg in ®cn „Blauen Turm". Alles, was er aus feiner Wohnung im gKoten Hause" mitbrachte, waren einige Koffer mit Büchern. Photographien und Kleidern, die fast alle auf den Boden kamen. Die Möbel hatte er irgendwo in Verwahrung gegeben. Er schien übel daran zu sein, als er zu uns kam; leidend, qualvoll, schlecht gepflegt und abgetakelt. Er gab sich auch als krank und müde aus Und sprach von Krämpfen, die nach seiner Ansicht von Krebs her- rührten. Er hatte es sicher nicht gut gehabt unter seinen vielen wecysÄnden Dienstmädchen. Die Tagesordnung wurde sofort bestimmt, bis in jede Einzelheit. Er ging sehr früh spazieren, nachdem er eine Lasse Kaffee getrunken hatte. Etwa um 8 Ahr kam er zurück und setzte sich sofort an den Schreibtisch. Dann arbeitete er bis elf, bis ihm das Frühstück heruntergebracht wurde. Es bestand aus seinen Wunsch nur aus einigen Dutterbrötchen mit Anschovis und Renntierbvaten. Als Strindberg in den „Blauen Turm" ein» Avg, hatte er die Vorstellung, ein spartanisches Leben werde ihm gut tun. Gr begann auch mit diesen drei Butterbrötchen mit einfachem Belag; als aber meine Mutter diesen Belag immer avpe- machte, gelang es ihr auch allmählich, die Ration zu vergröbern, und es zeigte sich. Lab es ging. Die Folgen blieben nicht «uS, Strindberg lebte wieder aus. wurde ruhiger, munterer; eS fetzte so viel Fleisch an. dab der Schaber seine Anzüge weiter Michen mußte. Daß sein Öntereffe für das Häusliche stieg, drückte M) u. «. darin auS, daß er Tischzeug, Silber. Kaffeeservice ein» kaufte. Einen Kafseekvcher hatte er bereits; den benutzte er jeden Tag für seinen Morgenkaffee, den er von keinem anderen kochen ließ. Strindbergs Aeigung zu aszetischer Lebensart, die er am Anfang dieser Epoche zeigte, hing sicherlich damit zusammen, daß er sich wirklich krank fühlte. Es ist jedoch möglich, daß dieses Gefühl zum Teil aus Einbildung beruhte — er hatte eigentlich nichts dagegen, sich gequält zu fühlen, der zu sein, der die großen Schmerzen zu tragen hatte. Heber den Arbeitstisch, der groß und bequem war, breitete sich eine von diesen orientalischen Decken aus. die einst in Stockholm von umherwandernden Südländern verkauft wurden. Diese Decke nahm Strindberg fort, um sie an die Wand vor dem Schreibtisch zu hängen, dann kaufte er sich selbst eine andere in mehr „arabischem Stil", die er auf den Tisch legte. ®r hat selbst erklärt, dieser einfache WanLbehang, den er beständig vor Augen hatte, habe seine Gedanken auf die alten Geschichten von „Abu Casems Pantoffeln" geführt und ihn zu dem Märchen-! spiel mit diesem Titel inspiriert. Diese Arbeit war die erste, die er in seinem neuen Heim ausführte. Von meinen kleinen Geschwistern lieh er, was sie von „Tausendundeiner Aacht" besaßen; er kaufte sich mehrere Bände der Bibliothek „Saga", darunter einige deutsche Märchen." Strindberg verkehrte mit der Umwelt am liebsten schriftsich und schrieb auch dem jungen Mädchen, das ihm besonders nahe stand, täglich „Promemorias". Die innere Spannung, in der sich fein unermüdlich schassender Geist stets befand, strahlte eine nervöse iln» ruhe um ihn aus; auch war er außerordentlich mißtrauisch. „Mit allen seinen großen Zügen legte er Äteinigfeiten oft eine Bedeutung bei, die bestürzte. Alles in seiner Aähe wurde leicht-unruhig. Er war ganz unberechenbar. Darum wußte man niemals, was kommen würde, wenn er im Telephon läutete, oder wenn man in seine Tür trat. Immer hing über unseren Köpfen die Gefahr, daß er eines Tages alle um sich vernichten könnte. 3n Geldfragen toait er auch unberechenbar. Doch muß man sagen, daß er äußerst sparsam lebte. Einst überraschte er uns durch eine Karte mit diesem kräftigen Inhalt: „Wo ist meine Wäsche und mein Silber? Ich kaufte für 125 Kronen, als ich hierherzog." —»Als Antwort bekam er eine Abhandlung, die ihn aufklärte. Das Silber würde sich auf seinem Platz im Büfett wiederfinden, sobald es geputzt worden sei, was nach einem eben abgehaltenen Festessen geschehen müsse. Von der Wäsche liege soundso viel im Schranke, das übrige sei bei der Wäscherin. Diese nicht unwesentlichen Einzelheiten hatte er ganz übersehen bei der strengen Revision, die er plötzlich vor» genvmmen. Wenn eine Idee bei ihm entstand, mochte es sich um etwas Großes oder Kleines handeln, wurde sie sofort in Handlung umgesetzt, rücksichtslos, impulsiv, ohne daß et daran dachte, wie dieses Vorgehen auf andere wirken könnte ... In der Frage des Aufräumens konnte er raffinierte Methoden erfinden, um den zsu erreichen, den er für den Schuldigen hielt. So fiel es ihm ein, aus der obersten Latte einer Jalousie einen Knopf anzubringen, um zu sehen, ob es dem gelang, sich die Aufmerksamkeit der Aufwär- terin beim Staubwischen zuzuziehen. Da alle Fenster und Balkontüren Jalousien besaßen, so war es wohl zu verzeihen, wenn eine Latte übersprungen wurde und der 5tnobf unberührt bleibt. Denselben Lrick wandte er beim „Grünen Sack" an. wie er den Schrank mit grünen Glasscheiben nannte, in dem er seine wissenschaftlichen Manuskripte verwahrte. Er legte einen Knopf auf den Schrank pnd sah später nach, ob er liegen geblieben war. Falls er die Dache humoristisch genommen hätte, könnte man diesen Kunstgriff als unschuldige Zerstreuung bezeichnen, aber das war kaum der 8alk Sein gutes Herz zeigte sich auch aus andere Art. Besonders gegen die vielen Armen, von denen er heimgesucht wurde, unv pte er seine „Kunden" nannte. Unter den Günstlingen vetand H<9 eine Madame Rilsson, die so grob und dick war, daß sie kaum Platz bn Fahrstuhl hatte. Die stellte sich eines Lages ein, als wir noch nicht wußten, dah sie zu Len besonders Begünstigten gehörte. Da Vtrindberg gerade ruhte, baten wir ste, etwas Wateram Aach Mittage wiederzukommen. Als er horte, dab ste dagewesen s und ihn habe sprechen wollen, ries er aus: -Pohtausend, eine Kundin! Sie dürfen sie nicht ohne Hilfe gehen lassen! Dann steckte er fünf Kronen in einen Umschlag für die Alte Wechnachleniward« immer eine Leihe Umschläge mit Geld an diese Kunden verteilt ■Unter ihnen befand sich ein origineller Mann, der Albion hieß und behauptete, ein Schulkamerad von Strindberg gewesen zu s-m. Er soll früher Strindberg geholfen haben und auch anderen Dichtern Ait einige von diesen wurde er von Strindberg empfohlen, um Manuskripte für die Bühne abzuschreiben Man kann mcht Len dab Strindberg gab, ohne zu prüfen; ander glaubte st^ nicht all die Geschichten, die ihm aufgeitscht wurden., 2m Gegenteil gebot er uns, diesen Betrügern nicht zu glauben, dte stch sur seme Schulkameraden ausgaben, um etwas Geld oder abgelegte Klrtdei zu erpressen Oft konnte es auch geschehen, daß er Mina morgens En die Stadt schickte, um vornehmeren Kunden Geschsnks zu brin- aen Zuweilen gab er rücksichtslos seine Kleider fort. Einst konnte er seinen allerfeinsten Anzug nicht finden. Sc schlug gewaltigen Lärm sprach heftige Beschuldigungen aus. Natürlich war der Anzug gestohlen worden. Da kam Mina auf den Gedanken, er habe ihn vielleicht selbst mit alten Sachen zusammengepackt, die sie ihn hatte sortgeben sehen. Sie erinnerte sich sogar, werdieses Paket erhalten hatte. Man schickte Zu dem Betreffenden. Der war sehr eiittäuscht, als ihm der elegante Anzug wieder abgenommen wuri^. Mach dieser Lektion zeigte sich der freigebige Schenker sehr ver buht, bat aber keineswegs um Entschuldigung; äußerte auch kein versöhnendes Wort über die älmstände, die er gemacht hatte. Aus Bauernfelds Grillparzer-Erinnerungen. Eduard von Bauernseld gehört mit seinen geistreichen und anmutiaen Lustspielen noch In jene Zeit des Wiener Bormärz, derdie^eigentliche klassische Zeit der Wiener Kunst bedeutet. Als Herzensfreund von Schwind und Schubert stand er mitten inne in dem Kreis genialer Menschen, die damals eine neue Schonhests- welt heraufführten. So sind die Erinnerungen, die er uns hinterlassen, wohl das kostbarste Bermächtnis seines fruchtbaren Schaf- fens und aus ihnen steigt uns der ganze Duft jener seligen Tage entgegen, da Grillparzer und Raimund schufen. Schubert lerne Lieder sang und Langers erste Wiener Walzer die Anmut der Frauen verklärten Sn einem schönen Bande sind bei rem Wiener Derlaa E. P. Tal u. Co. Bauernfelds „Erinnerungen aus Alt- Wien" erschienenen, seine bereits bekannten Aufzeichnungen um wichtige beim Druck in den gesammelten Werken fortgelasfene Stellen über Schubert, Wolfgang Menzel usw. vermehrt, und dann die kostbare, ganz verschollene „Nachlese" seiner Erinnerangen nebst Len seinen „biographischen Skizzen". Alle diese Drohen jener kunst- gesegneten Epoche ziehen an uns vorüber. Am wichtigsten aber sind wohl die Mitteilungen Bauernfelds über Grillparzer, der größten und rätselhaftesten Persönlichkeit dieses Kreises, die der jüngere Dichter mit feinem Verständnis verehrte. . Bauernseld hat sich freilich nur sehr vorsichtig, auch nach Grillparzers Tode geäußert, weil des Dichters „ewige Braut" eifersüch ig über das Andenken des lebenslang Geliebten wachte. Er hat sich darüber zu Karl Gniil Franzos bezeichnend geäußert: „Spreche ich von meinem Verkehr mit Grillparzer, so tun's die paar Anekdoten nicht ’ ich muß sagen, wie er war und warum er ein-Torso geblieben ist älnd da müßte ich die Hauptsache verschweigen. Man schuldigt die Metternicherei an, die Zensur, die Kritik, seine hypochondrische Anlage. Nichtig! Aber das Wichtigste war doch das qualvolle Verhältnis zur Kathi! Hätte er die Courage gehabt, sie zu heiraten oder in Gottes Namen ohne Heirat zu besitzen - dann toär’ er trotz Metternich und Zensur ein Ganzer, Großer geworden! Glauben Sie mir: daß die Zwei nicht zusammen ge- tommen sind, ist das größte Unglück, das die deutsche Literatur tn diesem Hrhrhundert betroffen hat. Aber das kann ich doch nicht schreiben; da kratzen mir ja die Parzen (die Schwestern Fröhlich) die Augen aus." Als er schließlich einige Bemerkungen über seinen „Verkehr" mit Grillparzer veröffentlichte, in denen er nur ganz behutsam zum Schluß aus das Verhältnis hindeutete, da bekam er denn auch sofort einen gekränkten Brief von der Kathi, in dem es u. a. beißt: „Sßre Beurteilung seines Charakters ist, wenn auch Im Ganzen ziemlich richtig, doch in einigen Zügen zu hart, selbst schonungslos, in manchem sogar unrichtig; und wenn sie der arme Grillparzer noch lesen könnte, würde er in dem, der sie ausgezeichnet, schwer einen Freund erkennen," Troy dieser Kritik von nächstbeteiligter Seite zeugen Bauernfelds Schilderungen von seinstem Gesühl für die Eigenart des großen Dichters. So erzählt er -. B über seine Arbeitsweise: „Wenn Schiller gelegentlich bemerkt, ein Drama sollte eigentlich die Blüte und Fr-ucht eines Sommers fein, so bedurfte unserer Dichter einer längeren Frist zu seiner Komposition, wohl auch einer zu langen. Nur die „Ahnfrau" wurde frischweg in einem Zuge geschrieben, und „Sappho" folgte ihr ziemlich rasch Am Goldenen Vlies", sreilich einem bedeutenden und mehrguedrigen Stoff, wurde jahrelang gearbeitet und gefeilt. Bereits zu Anfang der 20er Jahre erschien der erste Akt von „Der Traum ein Leven in einem Almanach. Wie war ich überrascht, als mir Gnllparzer im Winter 18Z4 das fertige Stück zu lesen gab. Er hatte sich in den letzten Jahren damit beschäftigt und erlaubte nur nun, das Stück in seinem Namen einzureichen, nur sollte ich für den Erfolg gut stehen. Eine wunderliche Zumutung. Sch ging aber daraus em. Zum Glück, daß das Drama einschlug." Sm Gasthaus^zum Stern", wo sich die Künstler trafen und Grillparzer Cen Spitznamen „Sapphokles Sstrianus" führte, war der Dichter ein treuer Kumpan in der Tafelrunde und schätzte besonders Ferdinand Raimund. „Beide Dichter, auch in den seinen und nervös durchfurchten Gesichtszügen einander nicht unähnlich, waren zugleich echte Oesterreicher-Naturen, nichts Gemachtes an ihnen, alles einfach und wahr. Raimund war primitiv; sein Humor war im Grunde harmlos; der tragische Grillparzer, weit schärfer in seiner Satire, hatte dagegen einen aufmerksamen Blick für alles Lächerliche und Verkehrte." „Eines Sommers," erzählt Bauernseld an anderer Stelle, „wohnten beide in der Brühl und begegneten sich im Walde. Raimund hielt Schriften in der Hand, sah verstört aus, sein Rock wie seine Beinkleider waren mit Harz und Pech beschmiert. „Aber Raimund! Wie sehen Sie denn aus?" rief ihm der Tragiker zu. „Na. wie soll man denn ausschauen." erwiderte dieser barsch, „wenn man auf die Bäum' sitzt und dicht't?" Rai» mund schrieb damals an seinem „Verschwender" und hatte sich irgendeinen harzigen Baumstrunk als Poetensitz erkoren. Moi'8 mltiism. Von Fritz Fuldne r.*) Der Justizrat Otto Feuerbach trat mit ernster Miene in daS Zimmer seiner Frau. Gr kam von dem Begräbnis seines Freundes, des noch jugendlichen Rechtsanwaltes, den er vor einigen Jahren zur Mitausübung seiner großen Praxis zugezogen hatte. Man hatte es damals allgemein als ein Glück für den jungen Juristen bezeichnet, in eine so bedeutende Stellung ausgenommen zu werden. Der Justizrat stand selbst noch in den vierziger Jahren. Seine nie ermüdende Arbeitskraft, sein überragendes Talent und ein stark ausgeprägter Zug des Selbstvertrauens mit dem Hange, fremde Meinung und Hilfe abzulehnen, ließen seinen Entschluß, mit dem eben erst aus dem Examen Hervorgegangeuen die berufliche Arbeit zu teilen, trotz aller Fülle der Arbeit einigermaßen überraschend erscheinen. Allerdings hatte der junge Arno Brandt während seiner früheren Referendarbeschäs igung bei dem Justizrat Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß er bei aller Weichheit seines Gemütes und einer großen Vorliebe für die schöne Literatur, in der er sich sogar selber versucht hatte, auch juristisch zu denken verstand. Aber es gab einige Eingeweihte, die auch wieder wußten, daß gerade während jener Referendarzeit Arnos etwas wie ein beginnendes Liebesverhältnis zwischen ihm und der späteren Frau des Justizrats im Gange gewesen war. Marianne war bedeutend jünger als ihr Mann. Die Heirat zwischen den beiden war in ihrer Plötzlichkeit vielfach besprochen worden. Man sprach in jenen eingeweihten Kreisen von einer Kraftprobe Feuerbachs, der, für Mariannes blonde, vielumworbene Mädchenschönheit erglühend, in einer aufwallenden Stunde dem damals hoffenden Referendar erklärt haben sollte: „Sie sind mir ein lieber Mensch, dessen Vorzüge ich zu schätzen weiß. Aber hier lassen Sie Shre Wünsche fort. Dieses Mädchen wird mir gehören." Alle diese Vorgänge waren halb in Dunkel gehüllt. Man sand sich später mit dem unter diesen Umständen etwas eigentümlichen Zusammengehen der beiden Männer ab, und die freundschaftliche Art ihres kollegialen Zusammenwirkens ließ allmählich die früheren Flüsterstimmen verstummen. Als ihr Mann eintrat, faß die junge Frau in Trauerkleidung am Fenster. Shre Blicke gingen nach der alten Domkirche, deren Glocken kaum noch den Verblichenen dahingeläutei hatten. Sie schien hinauszuhorchen, ob denn jener letzte Ton der vergangenen Zeit auf immer verhallt sei. Feuerbach blieb, nicht sogleich von ihr bemerkt, einen Augenblick an der Türe stehen. Dann trat er an Marianne heran unlegte die Hand auf ihr Haar. „Hast du ihn in Gedanken mit zu Grabe getragen ? Es war ein schwerer Gang für mich, ich möchte sagen, einer der schwersten meines Lebens. Man kann einem Menschen noch so viel Gutes erwiesen haben, geht er von uns, so bleibt doch etwas wie eine •) Aus einem hübschen Novellenbändchen des Verfassers Sat3» beite sich um zwei Schreibperioden. Die erste lag vor seiner Derlobung mit Marianne, in der Zeit, als Arno, der Referendar, ihr Verehrer gewesen war, Zuerst kurze Billetts Ar«vS tn noch harbverstecktem Zärtlich» fettster.» und leichthingeworfeite, zurückhaltende Qlitti»orten Mariannes, kleine Geburtstags- und sonstige Festgrütze. Dann eine offene Liebeserklärung an sie in halb verzweiflungsvoller ©tim» nrung mit der Bitte um Entscheidung über sein Schicksal. Erne Antwort auf diesen Brief Arnos lüg nicht bei. Wohl aber wurde diese Sammlung abgeschlossen durch die beigeheftete Berlobv.ngsanzeige Feuerbach- mit Marianne. Dan» eine lange Pause. Sie wurde unterbrochen durch ein elegisches Gedicht ArnoS, niedergeschrieben ein Jahr nach Feuerbachs Vermählung. Der V»iterfvrtlaufende Briefwechsel dieser zweiten Periode hörte auf vor zwei Jahren. Er halte etwa ein Jahr fang gedauert. Nachdem sich Feuerbach diesen zeitlichen ileberblick verschafft hatte, begann er sich eingehender in die Briefschaften zu vertiefen. Er hielt sich mit der ersten Periode nicht fange auf. Kannte er doch die kleine Liebelei der beiden genau aus eigener Anschauung. ■Um so gründlicher vertiefte er sich in die späteren Dokumente. 3n dem ersten Briefe der zweiten Periode schrieb Arno: «Warum soll ich schweigen und immer schweigen? Wie lange bin ich stumm gewesen und habe mich in der Erinnerung an jene Zeit verzehrt, in der ich Ihnen, Marianne, nicht ganz gleichgültig war. Haben Sie alles Liebe und Schöne vergessen, was damals einen ganzen Himmel vor mir auf tat ? Nein, Sie haben es nicht vergessen. Sie haben es mir gestern abend selbst gesagt, als ich, diesen unerträglichen Druck mit Gewalt abstreifend, zum ersten Male wieder ganz mein Herz vor Ihnen öffnete. Sie haben Tränen vergossen, Marianne, als ich Sie fragte: «Warum mutzte dies alles so plötzlich aufhören?" Sie haben nicht nein gesagt, als ich Ihnen im aufwallenden Schmerze Vvrwarf, datz Sie in einer Art 'Bestürzung über Feuerbachs Ervberungseifer, ganz benommen von seiner hinreitzenden Siegerlaune, allzuschnell Ihr Wort vergeben haben. Aus Ihrer kurzen, angstvoll geflüsterten Antwort glaubte tch etwas herauszuhören wie einen leisen Borwurf gegen mich: «Weshalb bist du, als der andere tarn, feige zurückgewichen?“ Ach, Marianne, tr nn es das wäre, wenn meine eigene Befangenheit und ein falscher eifersüchtiger Eigensinn mich um Ihren Besitz betrogen hätte, dann mühte ich Ahnen zurufen: „Was auch geschehen ist, es ist immer noch nicht zu spät. Lassen Sie diesem für mich furchtbaren Jahre eine Ewigkeit des Glückes folgen. Zerreitzen Die dieses Band, falls es für Sie kein heiliges, von wahrer Liebe geflochtenes ist. Ach bin klein und unklug neben der starken Persönlichkeit Ahres Mannes. Ach bewundere ihn und ich liebe Sie. Wenn ich diesen Kampf mit ihm aufnehmen dürfte, weil Sie es mir erlauben, so würden meine Kräfte den seinen überlegen fein. Ich würde mit seinen großen Derstandeseigenschaften meine gröbere Liebe bekämpfen lassen und sie würde siegen. Aber ich ahne ja, datz alles dies unmöglich ist, ja, datz diese Gedanken vielleicht in Ähren Augen ein Verbrechen find.'" Eine Antwort auf diesen Brief lag nicht bei. Bald fcarauf ein zweiter Bries Arnos: „Unselige Zeilen, die ich an Sie zu richten wagte. And schon bin ich dabei, Ahnen von neuem zu schreiben. Ach sah es Ihnen an: ich habe Sie erzürnt ober bet richt. And nun kommt mir ent schrecklicher Gedanke. Vielleicht glauben Sie, datz ich Ihnen neulich schrieb, um für die Zeit der bevorstehenden langen Reise Ahres Mannes eine einleitende Annäherung zu suchen. Ach, Marianne, -ötmten Sie so klein von mir denken? Glauben Sie. datz ich, seine Abwesenhei' benutzend, mich feige und hinterlistig an Sie heran« schleichen wollte? Aber nein. Das ist es nicht. Was ich Ahnen damals schrieb, war Torheit und Eitelkeit. Sie lieben Ähren Mann. Warum hätten Sie ihn sonst geheiratet? Verzeihen Sie mir, Marianne. Üebergeben Sie meine Briefe Ahrem Manne, datz er Gericht über mich Hali. Ach habe es verdient." Feuerbach hielt nachdenkend im Lesen inne. Er überlegte und prüfte das Datum des Schreibens nochmals mich. Seine Miene erhellt sich." Die Reise, von der Arno schrieb, war einige Tage nach dem Schreiben angetreten worden. Feuerbach hatte die Absicht gehabt, die längst geplante Auslandsreise allein auszuführen, weil er feiner <5rau ihre Strapazen nicht zumuten mochte. Diese Absicht war auch verwirklicht worden. Aber jetzt erinnerte er sich genau, als sie den Brief empfangen haben muhte, mit plötzlicher, ihr sonst nicht eigener Hartnäckigkeit darauf bestanden, mit ihrem Manne zu reifen. Er hielt das für eine eigensinnige Laune, lehnte die Erfüllung ihres Wunsches entschieden ab und reifte allein. (Schluß folgte Die Beschichte der Säge. Die Entstehung und Ausbildung der Handwerkszeugs, die wir heute als etwas so Selbstverständliches ansehen, hat eine langsame Entwickelung durch die Jahrtausende genommen. Ein treffendes Beispiel dafür ist die Säge, deren Auftreten in der Geschichte K. Leiter in einem Aufsatz der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" behandelt. Die ältesten metallenen Sägen, die wir kennen, stammen aus Aegypten, und die Relief darftellungen der Gräber zeigen unü anschaulich, wie man mir diesen Brrmzesügtzti arbeitete. Aus späterer Zeit sind uns hauptsächlich Darstellungen von römischen Sägen erhalten, mit benen bereits Stein gefügt wurde. Das römische Altertum kennt nutzer verschiedenartig gezahnten Sägen für Holz die ungezähnte Steinsäge, von der Plinius bei seiner Behandlung des Marmors berich et: „Das Schneiden geschieht durch Sand und nur scheinbar durch Eisen, denn die Säge drückt in sehr schmaler Linie auf den Sand, wälzt denselben durch Hin» und Hergehen und schneidet so unmittelbar durch die Bewegung. Das ist die gleiche Technik des Steiusägens, wie sie noch heute geübt wird. Unter den wenigen Aach richten über Wasserkraftanfagen, die wir aus dem Altertum besitzen, bezieht sich eine auf Sagemühlen. Der römische Dichter Aufonius besingt am 369 n. Ehr. in feinem Gedicht über die Mosel die Tatfach«, datz man an der Roer Steinsägen durch Wasserräder betreib«. Diese Mitteilung von einem mechanischen Sägewerk blieb aber lange Zeit vereinzelt. Das Wort „Säge" ist gemeingermanisch und spricht für eine frühe Anwendung dieses Handwerkszeuges in Deutschland: es findet sich im Angelsächsischen auch die Bezeichnung „smde", wie überhaupt die Säge ethymolvgisch mit anderen schneidenden Instrumenten verwandt ist. Auf Abbildungen det Mittelalters begegnen uns bann häufig Sägen, aber es ist weder aus den Bildern noch aus den wenigen gefundenen Stucken zu ersehen, welche Form die Zähne hatten. Man mutz wohl an* nehmen, datz die Gestalt der Zähne bei jedem Meister, der Sägen machte, ganz willkürlich war. Der erste, bei dem wir die Verwendung M-förmiger Zähne bewußt nachweisen förrnen, war das grosse Universalgenie Leonardo, das sich in seinen Skizzenbüchern auch mit der besten Form für Sägen beschäftigt hat. An einem zu Paris aufbewahrten kleinen Aotizbuch dieses großen Erfinders befindet sich die Skizze einet Säge, unter der die Wort, stehen: „Doppelte Säge, die ziehend und stoßend operiert". Außer dem Propheten Jesaias wird der Apostel Simon auf den Gemälden mit dem Attribut der Säge dargestellt. Dieser Apostel ist überhaupt der Schutzpatron der Säger, denn es wird von ihm berichtet, datz er auf dner Misstonsreise in Persien le* bendig in Stücke zersägt wurde. Diese grausige Marterung ward« Im Mittelalter an Landesverrätern tatsächlich vollzogen, bereu Körper man der Länge nach mitten durchsägte. Besondere Sägen wurden verwendet, um das sog. Drasilholz zu zerkleinern, das sehr hart und als Farbholz geschäht war. Mit dem Zersägen dieses harten Holzes wurden die Zuchthäusler im 17. Jahrhundert beschäftigt, und sogar Verbrechern, die wegen ihrer Gemeingesähr* lichkeit an die Wand gefesselt waren, gab man diese Arbeit auf, Eine originelle Sagemaschine erfand 1768 der Regensburger Pre* blger Jakob Christian Schäffer, ein erfindungsreicher Kopf, der auch zuerst den später so fruchtbar geworbenen Plan hatte, Papier aus Holz herzustellen. Um sich bei feinen anstrengenden gelehrte» Arbeiten Sie nötige Bewegung zu verschaffen, lieh er sich von dem Tischler Simmerding eine reichverzierte Maschine bauen unS schrieb flugs ein Buch darüber, wie dieser Apparat zum Sägen von Brennholz und „zur Leibesbewegung für Gelehrte und Kränk* siche" nützlich verwendet werden könne. Die ersten Versuche der Sägefabrikation durch die deutsche Stahlindustrie wurden in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts von Krupp unternommen, der Sägen aus Guhstahl verfertigte. Damals gab es noch keine felbflän* dige Sägeindustrie in Deutschland, sondern die Sägen wurden von den Eisenwarenfabriken mit anderen Werkzeugen zusammen gemacht. < Die hygienische Bedeutung der VogelweLt ist. klagt A. Klengel-Meißen in der Zeitschrift „Naturschutz", leider immer noch nicht nach ihrem wahren Werte erkannt worden. Und doch lind die Vögel nicht nur in der Landwirtschaft durch die Vernichtung zahlreicher Schadinsekten vvn erheblich m Nutzen, sondern sie verdienen auch als Hilfstruppe der menschlichen Sa* nitätspolizei gewürdigt zu werden. Stellen doch Schwalben. En* ten. Rotschwänzchen, Fliegenschnäpper und zahlreiche andere An* sektenfresser den als Ueberiräger vvn gefährlichen Seuchen bekannten Zweiflüglern, die Stubenfliegen. Wadenstecher und Fieber* schnaken und deren Brut unermüdlich nach und unterstützen so den Menschen wirksam in seinem Kampf gegen diese Schädlingen Einen schlagenden Beweis für die wirksame Tätigkeit der Bogel* weit führt Klengel an. Auf dem von Teichen umgebenen Gut« Gädow in der Mark, in dem Besitztum des Grafen Wilamvwitz* Mvellendorff, herrschte früher eine derartige Mückenplage, datz es namentlich gegen Abend unmöglich wurde, sich im Freien auf* halten. Der Graf beschloß, die Wildenten völlig zu schonen und hatte damit den durchschlagenden Erfolg, daß die Enten mit bett Mückenlarven in den Gewässern gründlich auf räumten und bl« Mücken in Gabow nach feinen eigenen Worten, zu „Naturdenkmälern" wurden. Aehnliche Erfolge sind auch in den sehr btm Fieberfchnaken heimgesuchten Rheinauen in der Nähe Straßburgs gemacht worden. Die hygienische Bedeutung bet Vogelwelt ist deshalb über jeden Zweifel erhaben und die Bestrebungen des Vogelschutzes verNenen deshalb auch im Hinblick darauf von alten Stadtverwaltungen usw. die nachdrücklichste Unterstützung. Schriftteitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ. uni) Steindrmfersi» *2L Laug«. Vietze»,