Was gab uns Beethoven? Von Ferruccto Dufvnt. Ferruceio Dufoni, bet große Komponist und Meister des Klaviers, der zugleich ein hervorragender Musik» ästhetiker und geistvoller Schriftsteller ist, gibt in War Hesses Verlag zu Berlin seine „verstreuten Aufzeichnungen" aus der Zett von £837 bis 1922 unter dem Titel „Vo n der Einheit der Musik" heraus. Unter den noch ungedruckten 'Beiträgen dieses Werkes dürste besonders die tiefschürfende Betrachtung über Beethoven Aussehen -erregen, die wir hier wiedrrgeben. Die SHriftleitung. Häufig, beim Durchsprelen einer Mozartschen Partitur am Klavier, geschah es, daß mein Zuhörer ausrief: „Das ist ja schon ganz Beethovenisch!" Umgekehrt traf es sich auch, dah an ge» wissen Momenten eines Beethvvrnschrn Stückes mein Jünger bemerkte: „Das ist ja noch ganz Mozartisch." Das erste von der Geste respektvollen Erstaunens, das zweite von der eines nachsichtigen Lächelns begleitet. Sn den beiden Fällen übersah mein Zuhörer, dah Mozart — wo er „beethovenisch" anmutet —. bedeutend und original, hingegen, daß Beethoven, wo er an Mozart erinnert, unbedeuteno und entlehnend ist. Mit anderen Worten: ein Mozart kann zuweilen auch den Ton anschlagen, der unsere Zeit bei Beethoven mit Ehrfurcht erfüllt,- Beethoven kann aber Mozart, wo er ihm vorschwebt, nicht erreichen. Er hat Mozart in den Hintergrund gedrängt: derart, dah meine Veneration erröten muhte, eine Opuszahl von Beethoven ungenau zu zitieren: nicht aber sich zu schämen brauchte, ein Konzert oder eine Oper -von Mozart gar nicht zu kennen, Moritz Heimann, in einer seiner Novellen, läßt einen deutschen Dichter in Italien sagen: „Einen Beethoven haben sie nicht." Wan kann wohl sagen: „Ger göttliche Rossini!" Wan kann auch sagen „der göttliche Mozart!" Wer man kann nicht sagen „der göttliche Beethoven". das klänge nicht gut. Man muh sagen „der menschliche Beethoven"! So groh ist er. — Abgesehen davon, dah eine einzelne Erscheinung nicht in jedem Sanfte in je einem Exemplar vorhanden ist (keines anher England hat einen Shakespeare, keines außer Stallen einen Michelangelo: einen Cervantes besitzt nur Spanien), so gibt doch der Wslpruch Heimann einen Schlüssel zum besonderen Problem: das Menschliche tritt mit Beethoven zum erstenmal als Hauptargument in die Tonkunst, an Stelle des Fvrmenspiels. Sogleich drängt sich die Frage auf, ob das ein Gewinn, eine Erhöhung für die Musik bedeuten könne: ob es die Aufgabe der Musik ist, menschlich zu sein, anstatt rein-klanglich und schön- gestaltend zu bleiben. Das Herz Beethovens war groh und rein und -es empfand für die Menschheit, es litt um sie, und für sie schlug eS. Das ist zunächst eine Angelegenheit der Gesinnung, des Gemüts: der Künstler Beethoven hatte zu formen; und fein sprichüwetliches „Ringen" mag nichts anderes fein, als das schwierige Bemühen, menschliche (das ist zuweilen auhermusi- Aalische) Erregungen in musikalische Formen zu bringen. Dieses ist ihm gelungen, oft gelungen, aber die Musik wurde dadurch in eine andere Region geführt, als die ist, die sie bisher bewohnt hatte. Wir haben durch Beethoven uns nun daran gewöhnt, diese Region als die der Musik einzig homogene, als ihren eigenen Bezirk zu denken, und werden wohl noch eine Zestlang zu diesem Prinzip uns bekennen. vm jSmSuimii PK w WWPW WW' ■■m -■ Vf -' Samstag, 24° Fsdmmr 1923 — Nr» 8 c- MWevWnilienbl- NulerhaldmMMMMeßenerANMrWeMül-AnMger) Beethovens menschliche Ideale sind hoch und lauter; ste find die Sdeale der Gerechten aller Zeiten und Zonen: der Drang «ach Freiheit, die Erlösung durch Liebe, die Brüderlichkeit aller Menschen, Liberte, sgalits, fraternlte: Beethoven ist ein Ergebnis von 1793 und der erste große Demokrat in der Musst. Gr will, dah die Kunst ernst, das Leben heiter sei. Sein Werk tönt voller Unmut, denn das Leben ist eben nicht heiter; mit schöner Sehnsucht nach dieser Verwirklichung holt er immer wieder vom Leiden aus, ingrimmig und rebellisch. „Ron per Portas, per murvs, per muros", „Muh es fein? Es muh fein", „O. Freunde nicht diese Töne". „So pocht das Schicksal an die Pforte". DaS sind einige der „Mottos", die Beethoven erfüllen; stetiger Trotz, Wunsch nach Auflösung der Dissonanz, und — mit dem Kopf durch die Wand. Das Herz ist greis, die Gesinnung golden, der Kopf nicht enftprechend diszipliniert. Darum Goethes Bedenken gegen Beethovens Art; Bedenken, die zuungunsten Goethes gerne gedeutet werden, und die — dennoch —! (legt man Goethes umfassendes Verständnis für Mozart auf die Wag« schale) eher Anlah zum Rachdenken hätten geben sollen. Aber über Beethoven wird feit einem halben Jahrhundert nicht diskutiert. ©einen Zeitgenossen bedeutete Beethoven zunächst eine staunenswerte Kuriosität (ein Konzertabend, worin er zum ersten Male die fünfte Symphonie, die sechste Symphonie und das Klavierkonzert in Q-Dur aufführte, lieft das Publikum recht unberührt; Fidelio war zweimal ein „Fiasko"; das Violinkonzert wurde als unmelodisch und erzwungen bezeichnet); doch bald darauf schlug die Situation um, der Umschwung hielt an und wuchs zwei Generationen über den Kopf. Eine militante Priesterschaft organisierte sich ohne Verabredung (anders als bei Wagner) und bewachte fortan das zum Symbol gediehene Werk der mus.kalischen Menschlichkeit. — Zwei Generationen hindurch war es das Ziel der ehrgeizen Komponisten, ihre neunte Symphonie zu schreiben. Brahms, Bruckner. Mahler — wie sehr man sie ausemanderhalten möchte, trotzdem in der Kunst nicht die Richtung, sondern die Begabung entscheidet —, sie sind sämtlich von der Monomanie erfüllt, zu ihrer eigenen neunten Symphonie zu gelangen. „Man folgt am treuesten einem graften Beispiel, indem man sich von ihm abw endet," so sagte ich einmal, und meinte damit: Das Beispiel ist deshalb groft, weil es einen neuen Typus schafft; wiederholt man den Typus, so ist die Idee des Beispiels wiederum zerstört. Durch Beethoven entstand in seinen Nachkommen der Ehrgeiz der Bedeutung, der Tiefe, des Zyllopischen; die Mafte der Breite -und der Mittel türmten sich chronologisch auf. Sin Haydn fertigte noch Symphonien mit derselben Unbefangenheit — und Freude —! wie er ein Klaviermenuett niederschrieb. Aach Beethoven mutzte alles „gewaltig" sein; schon das erste Werk eine» jungen Komponisten wollte alles Gewesene an Wucht übertreffen. Sie Freude, die Beethoven aus Sehnsucht nach der Abwesenheit fanatisch besingt, hat sich verborgen. Früher begrüßte der Zuhörer die Veranstaltungen zu einer Musikaufführung mit dem Lächeln angenehmer Erwartung; jetzt fetzt man sich mit geschlossenem Augen und hoffnungslosem Ernste zum Lauschen hin. Ein Stück, das heiter und kurz geraten ist, mag es noch so schön und meisterlich fein, wird als Werk zweiter Ordnung betrachtet. Menschlich zu schwingen ist diejenige Eigenschaft in der Kunst, ohne die sie zum Kunstgewerbe herabsinkt. Aber was ist nicht menschlich? Ausnahmslos ist alles, was vom Menschen empfunden und unternommen wird Die Kunst — darum ist ste die Kunst — BO — Aus neuen Briefen Meister Raabes. Die erste eingehendere Darstellung von Wilhelm Raabes Werk und seiner Bedeutung für unsere Dichtung war die Arbeit von Professor Paul Gerber, die ihren hohen Wert in der Raabe-Literatur behalten wird, wmn sich auch seitdem durch Io viele neue Veröffentlichungen unser Bild des grohen Epikers vertieft hat. Der Briefwechsel, den Raabe mit Gerber geführt hat, wird jetzt von Prof. L e m ck e in „Westermanns Monatsheften" herausgegeben, und wir erhalten dainit ein neues wichtiges Zeugnis von Meister Raabes Persönlichkeit. Durch «inen Artikel, den Gerber über „Stopfkuchen" veröffentlichte und den er- Raabe zufchickte, begann die persönliche Beziehung zrrüschen beiden. „Sie haben sich vortrefflich hineingelesen in die Geschichte von der Eroberung der roten Schanze," schreibt Raabe in der Antwort, „dah es sich dabei auch ein wenig allegorisch oder symbolisch um den künstlerischen Lebensweg des Autors und die Eroberung der Kunst, eine humoristische Erzählung zu sch eiben, handele, konnten Sie natürlich nicht wissen. Und für den objektiven Wert der Dichtung spricht das ja auch. Also Sie wollen nun noch weiter über mich und meine Schriften schreiben? Das ist sehr ehrenvoll für mich, und ich wünsche guten Erfolg; aber schon einige andere werte Freunde und Gönner haben sich an solche Ausgabe gemacht und — bald den Mut und die Feder sinken lassen! jedenfalls aber die Dache noch etwas verschoben bis aus weiteres." In einem späteren Briese vom 27. Avvember 1894 kommt Raabe aus Gerbers Arbeit zurück: „Ihre Mitteilungen über Lhre Bemühungen um mein literarisches Wohl und Wehe sind mir natürlich höchst erfreulich. Mögen die Götter ihre Bemühungen tmv nicht das Leben selbst — hat das Privilegium, das wählen zu können, was ihr zusagt: die bildende Kunst aus der Fülle der Erscheinungen, die musikalische Kunst aus der Gesamtheit der Gemütsbewegungen; andererseits hat sie das Recht, das abzustohen, was nicht zu ihr gehört, was auherhalb ihrer selbst liegt; und dazu mutz ich u. a. die soziale Tendenz, die propagandistische Geberde rechnen; sei der Autor noch so heftig von solchen Motiven erfüllt, hier wird der Dichter zun: Bclksredner. Beethoven lag das Trotzige, das Grollende und das Versöhnende am nächsten der eigenen Ra- tur; darin war er makellos aufrichtig; und mit dieser Erkenntnis gewinnen wir — aus die Frage: Was bedeutet Beethoven den Heutigen? — die erste wichtige Antwort. Aufrichtigkeit ist eine der unbedingten Rotwendigkeiten für das Werden und Wirken des Schaffenden. Darin ist D:ethoven uns allerdings ein höchster Mahstab, dah seine strenge Aufrichtigkeit ihn instinktmätzig zu den Bezirken führt, die ihm ganz eigen sind. Aber diesen Mahstab können wir an allen wirklich Bedeutenden wahrnehmen, von Dante an dis — ja bis zu Beethoven;-und so zwingend ist die Kraft der Aufrichtigkeit, dah auch das weniger Bedeutende durch sie einen hohen Rang, einen bleibenden Wert gewinnt — Können, Gemüt und Einbildungskraft vorausgesetzt —! ich nenne von Späteren, weil sie von selbst hervortreten, Weber, Chopin und Dizet. Ein zweites Moment, das die heutige Jugend sich zu Herzen nehmen mag, ist — bei Beethoven — das Zurücktreten des Virtuosenhaften gegenüber der „Idee". Beherrscht er auch mit Ueberlegenheit das Orchester und den Kontrapunkt, so Denken wir doch nie in erster Linie von Beethoven als von einem »Orchestrator" oder einem „Kontrapunktiker". Man hat ihm zwar die Sonderetikette des „Symphonikers" aufgesteckt, doch ist dieses eine Konvention wie jede andere Etikettei Eine Hammerklavier- Sonate und ein Oig-Moll-Streichquartett wiegen an Gehalt die Symphonie sicherlich auf; in der Tat ist es bä Beethoven ziemlich gleichgültig, welches das Mittel ist, das uns seine Gedanken zuführt. Als „Spezialisten" haben ihn seine Vorgänger über- troffen. Bachs Harmonik ist kühner und reicher, Mozarts Orchester equilibrierter, Haydns Quartettsatz reiner und durchsichtiger. Das liegt daran, dah Beethoven ungestüm ihn oft über die bequemen Möglichkeiten der Instrumente, der Singstimme, hinausgreifen lieh; wodurch das „Riskierte" in den Vortrag kam, das dem Wohlklang gefährlich wird. Dafür aber zwang und verhalf er Instrumentalisten und Orchester zu größeren Leistungen: der Schwierigkeit, der Ausdauer und des Denkens. Richt immer zeigt in der Beschränkung sich der Meister, sondern ebensosehr in der Erweiterung, sobald er sie beherrscht. Diese Geste Beethovens ist leider nachträglich eifrig aufgegriffen worden; die Uebertrumpfung um ihrer selbst willen gepflegt, führt zur Dekadenz; darum, weil der Abstand zwischen Inhalt und Aufwand immer klaffender gerät. Das dritte Horn, das zu dem, üblichen Einzelpaar in der „Eroica" hinzukam, erregte Aufsehen und Bedenken; wenngleich seine Verwendung begründet und überzeugend durchgeführt ist. Wo ist eine ähnliche Berechtigung bei den acht und zwölf Hörnern mancher heutigen Partitur? * Um die Menschheit zu leiden ist höchst „menschlich", ehrfurcht- aebietend, dankens- und liebenswert; anbetungswürdig aber ist das „Göttliche", welches keine Zweifel kennt noch weckt, und alles Leiden vergessen macht. segnen, dah sie, di« höchsten Herrschaften, mir aber wenigstens jetzt, nach dem 40. Tintenarbeitsjahr, die Feder sanft aus der Hand nehmen, kann ich leider nicht glauben. Ich werde wohl noch eine Weile auf immer abschüssigerem Pfade stolpern und strauchelnd weiter müssen; nun, sehr lang kann der Weg nicht mehr sein; das ist wenigstens ein Trost so um die Stunden, wo so ein alter Kerl nachts wach auf dem Bett sitzt und ihm das kommt, was er am Tage vor dem Manuskript vergeblich gesucht hat: Bilder und Gedanken! Aber nicht der angenehmsten Art." Wie schwer ihm damals bereits das Schaffen wurde, geht aus einer andern Stelle hervor, die von den eben erscheinenden „Akten des Vogelsangs" handelt. „Die Akten des Vogelsangs" haben nur ein jahrelanges Quälen und Würgen zuwege gebracht," bekennt er. „Ob sich das Elend gelohnt hat, kann ich wirklich nicht sagen; erhalten Sie mir jedenfalls Ihre Teilnahme. Man ist eben ins 65. Lebensjahr gekommen!" In einem späteren Schreiben sagt er von diesem Buch: „Die Akten des Vogelsangs werden dem Publikum wohl wieder einmal einigen Grund zur Verwunderung geben. Auf der Buchausgabe werden Vie ein Wort aus dem Peter Schlemihl finden, welches 40 Jahre nach der „Chronik der Sperlingsgasse" nicht ohne Grund am Schlüsse einer so langen literarischen Lebensarbeit steht." Dieser wehmütig resignierte Grundton zittert durch alle diese Briefe und verleiht ihnen ihre eigentümliche Stimmung. Schon im ersten Brief vom 9. Januar 1833 schreibt Raabe: „Ihre Wünsche zum Jahreswechsel nehme ich gern an; aber Sie haben einem alternden, nicht mehr „frischen" Mann geschrieben. Und am Johannistage des vorigen Jahres ist mir meine jüngste Tochter im Alter von 16 Jahren gestorben; da werden einem wohl die Dinge dieser Welt im allgemeinen und die literarischen im besonderen auf ihren wirklichen Wert heruntergedrückt." 1836 erzählt er dann von feiner Tochter in Wilhelmshaven, deren Mann als Stabsarzt in die Tropen geschickt worden war. „Mein Schwiegersohn hat krank von Pokohama über San Francisco zurückkehren müssen," heitzt es am 5. Oktober 1836. „Malaria und Tropenänomie, zu welch letzterer er sich die Anlage schon vor, einigen Jahren aus dem Inneren von Ostafrika mitgebracht hat. Den Enkel haben wir hier — der Vater hat ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Mutter ist natürlich in Wilhelmshaven." Gerber erkundigt sich nach mehreren schwer auffindbaren Schriften des Dichters, so besonders nach der damals ganz aus dem Buchhandel verschwundenen Rovellensammlung „Halb Mär, halb mehr". „Dah Sie „Halb Mär, halb mehr" noch aufgegabelt haben, wird Ihnen mehr eine Kuriosität als ein Genuß gewesen sein," bemerkt Raabe zu dem endlichen Fund des Werk- chens. „Neulich erzählte mir em Buchhändler, dah ein Exemplar von der Schnurre jetzt im Antiquariat an die 12—15 Mark gelte; so ist man in dieser Hinsicht schon bei Leibesleben zu einem Klassiker geworden. Hätten Sie mich um Rat gefragt, so würde ich Ihnen sehr abgeraten haben, bei den von Ihnen erwähnten Herren Verlegern mit Ihrer Arbeit über mich an den Ladentisch zu gehen . . . Aber geben Sie die Hoffnung noch nicht auf; vielleicht findet sich unter den deutschen Sosiern doch noch ein recht vertrauensvoller, der Ihr Werk an seiner Kolumna feil- bietet." Der Weihnachtsabend bei Christus. Von F. Dostojewski*). Ich bin ein Romanschriftsteller und ich glaube, dah ich ein« „Geschichte" erfunden habe. Warum schreibe ich „ich glaube"? Ich weih es ja bestimmt, dah ich die Geschichte erfunden habe, aber es scheint mir immer so, als ob sie sich 'doch einmal! irgendwo wirklich zugetragen hätte; und gerade am Weihnachtsabend in irgendeiner großen Stadt bei schrecklichem Frost- wett er. Ich erinnere mich eines Knaben, der in einem Kellergewölbe wohnte. Der Knabe war noch sehr klein, kaum sechs Jahre alt oder noch jünger. Dieser Knabe erwachte an einem Morgen in dem feuchten alten Kellergewölbe. Er war mit einem bünnen Röckchen bekleidet und zitterte vor Kälte. Er sah auf einem Koffer und langweilte sich. Aus seinem Munde stieg ein Weiher Hauch, und der kleine Knabe belustigte sich damit, den Dampf herauszublasen und zu beobachten, wie er weiterflog. Aber er hatte Hunger. Einige Male im Laufe des Morgens näherte er sich der Pritsche, auf der seine kranke Mutter lag. Sie lag auf einer ganz dünnen Unterlage und statt eines Kissens hatte sie ein Bündel unter dem Kopfe. Wie kam sie nur hierher? Vermutlich war sie mit ihrem kleinen Knaben aus einer fremden Stadt gekommen und plötzlich erkrankt. Die Vermieterin der Schlafstelle war schon vor zwei Tagen von der Polizei geholt worden, die Mieter hatten sich zerstreut, da gerade Feiertag war; nur einer, völlig betrunken, der stets über die Feiertage nicht nüchtern bleiben konnte, lag in seiner Ecke. 3n der anderen Ecke des *) Entnommen ans „F. Dostojewski, Novellen, mit Vvr- wort von A. Lunatscharski. (Bereinigung internationaler Verlagsanstasten Berlin SW 61.)" Das kleine Buch unterrichtet sehr instruktiv über das Schaffen des in die Tiefe des Lebens «in- dringenden Russen. 81 — Zimmers stöhnte gequält vom Rheumatismus irgendeine achtzigjährige Greisin, die einmal irgendwo als Kinderfrau gedient hatte und jetzt einsam starb, ächzend, brummend und mit dem Knaben schimpfend, so Mß er sich schon fürchtete, ihrer Ecke zu nahe zu kommen. Der Knabe verschaffte sich im Gang etwas zu trinken, aber ein Stück Brot war nirgends zu finden, und vielleicht zum zehnten Male schon versuchte er, seine Mutter zu wecken. Es wurde finster und dem Knaben wurde ängstlich zumute: es war schon lange Abend, aber es wurde kein Licht angezündet. Der Kleine befühlte das Gesicht der Mutter und Wunderte sich, Mß die Mutter sich gar nicht rührte und so kalt Var, wie die Wand. „Es ist sehr kalt hier", dachte er. Eine Weile blieb er stehen, unbewußt seine Hand auf der Schulter der Entschlafenen lassend, dann hauchte er auf seine Finger, um sie zu erwärmen. Plötzlich nahm er von der Pritsch: seine Mühe und ging leise tastend aus dem Kellergewölbe hinaus. Er wäre schon früher gegangen, aber er fürchtete sich vor dem großen Hund, der oben auf der Stiege den ganzen Tag vor den Türen der Nachbarn heulte. Jetzt war der Hund nicht mehr M, und gleich befand sich der Knabe auf der Straße. Herrgott, was war Ms für eine Stadt! Nie zuvor hatte er etwas Aehnliches gesehen. Dort, von wo er kam, war es so finster pes Nachts: eine einzige Laterne beleuchtete die ganze Straße. Die Fenster der niederen Holzhäuschen wrrden mit Läden verschlossen: die Straßen werden schon bei einbrechender Dämmerung teer. Alle schließen sich in ihren Häusern ein, nur ganze Herden von Hunden, Hunderte, Tausende von Hunden heulen und bellen die ganze Nacht hindurch. Aber dort, von wo er mit seiner Mutter gekommen war, war es so warm gewesen, und er hatte zu essen gehabt und hier — „v Gott, wie gerne möchte ich etwas essen!" Mchte er. Unb was für ein Poltern und Lärmen ist hier, was für Licht und wie viele Menschen, Pferde und Wagen, und ein Frost, ein Frost! Dampfend strömt den gejagten Pferden der Atem aus den Nüstern; durch den lockeren Schnee fliegen auf den Steinen die Hufeisen, und alles drängt sich, und, o Gott, wie gerne möchte ich essen, wenigstens irgend etwas, und wie weh tun auf einmal die Fingerchen. Ein Schutzmann ging vorbei und Wandte sich ab, um den Knaben nicht zu sehen. Da wieder eine neue Straße — ach, wie breit sie ist! Hier wird man sicher übersahren: wie sie alle schreien, laufen und fahren, und das Licht, das viele, viele Licht! And was ist Ms? pH, wie groß Ms Fenster ist und hinter dem Glas ist ein Zimmer und im Zimmer steht ein großer Daum, der bis zur Decke reicht. Der Weihnachtsbaum! Am Daume hängen so viele Lichter, goldene Papierketten und Aepfel und um den Daum ?ehen Puppen und kleine Pferde, und Im Zimmer laufen Kinder erum; schön gekleidet und sauber; sie lachrn und spielen, essen und trinken etwas. Da, dieses Mädchen hat angefangen, mit einem Knaben zu tanzen. Wie hübsch ist Ms Mädchen! Hetzt hört er die Musik durch die Fensterscheibe. Der Knabe schaut, wundert sich, lacht und freut sich, aber die Fingerchen tun ihm weh, auch die Zehen. Die Finger sind ganz rot geworden, lassen sich nicht mehr biegen, und es tut weh, wenn er sie bewegt. Plötzlich merkt per Kleine, wie sehr ihn die Fingerchen schmerzen, er fängt an -u weinen und läuft weiter. Auf einmal sieht er wieder Mrch ein anderes Fenster ein Zimmer, in dem auch solche Daume stehen, aber auf den Tischen sind verschiedene Kuchen — rote, gelbe Mandelkuchen, und es sitzen dort vier reichgekleidete Damen. Die Tür geht in einem fort, und wer hereinkommt, bekommt Kuchen, und es kommen viele Menschen herein. Der Knabe schleicht heran, öffnet plötzlich die Tür und tritt ein. Ach, wie schrie man ihn an, man jagte ihn fort! Eine Dame trat auf ihn zu, steckte ihm geschwind eine Kopeke in die Hand, öffnete ihm die Türe. Wie er erschrak! Die Kopeke entglitt seinen Händen und kollerte teuf die Stufen herab, denn der Kleine konnte seine roten Fingerchen nicht schließen und die Kopeke nicht festhalten. Er lies hinaus, er eilte fort, schneller, immer schneller lief er; wohin — vas wußte er selbst nicht. Gr hätte gerne wieder geweint, aber er fürchtete sich; er läuft, läuft und haucht in seine Händchen. Kummer erfaßt ihn, denn er fühlt sich auf einmal so verlassen, «s wird ihm so Mag. Da plötzlich, o Gott! Das gibts schon wieder? Ein ganzer Knäuel von Menschen steht M und staunt: Auf dem Fensterbrett, hinter der Glasscheibe stehen drei kleine herausgeputzte Puppen, in roten und grünen Kleidern und schauen ganz, ganz wie llebendig aus. Irgendein alter Mann sitzt dort und scheint auf einer großen Geige zu spielen; zwei andere stehen dabei und spielen aus kleinen Geigen, wackeln mit den Köpfen im Takt, blicken einander an, und die Lippen bewegen sich. Sie sprechen, sie sprechen bestimmt, nur wegen der Fensterscheibe hört man sie nicht! Anfangs Mchte der Knabe, sie seien lebendig, als er aber erriet, daß es Puppen seien, fing er plötzlich »u lachen an. Nie zuvor hatte er solche Püppchen gesehen und wußte auch nicht, Mh es solche gibt. Eigentlich hatte Ur Lust, zu weinen, aber die Püppchen sind so spaßig, so svaßig! Plötzlich fühlt er, MH ihn rückwärts irgendwer am Röckchen packte: Ein großer böser Knabe stand neben ihm, versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf, riß ihm die Mütze herunter und stellte ihm ein Dein. Der Kleine fiel um, er hörte .schreien, erschrak, sprang auf und fing an zu laufen, zu laufen. Auf einmal Mnd er — er wußte nicht, wo es war — vor einem abgesperrtenl Er kroch unten durch und befand sich auf einem fremden Hose.- Er versteckte sich hinter aufgestapeltem Hotz. „Hier wird man mich nicht finden, es ist auch finiter hier." Der Kleine hockte sich nieder, knickte zusammen und konnte .nicht zu sich kommen. Aus einmal, ganz plötzlich, wurde es ihm so wohl: die Füßchen und die Händchen hörten auf, zu schmerzen, und es wurde ihm so warm wie auf einem Ofen. D,r «erschauerte er: Ach, er wäre ja fast eingeschlasen! Wie schon wäre es, hier einzuschlafen! „Ich bleibe eine Weile M sihen, dann gehe ich wieder, mir die Püppchen anzuschauen" Mchte der Knabe und lächelte in GeMnken an sie: „Ganz wie lebendig." Plötzlich hörte er seine Mutter. Sie fang ihm ein Liedchen. „Mama, ich schlafe, ach, wie schön ist es hier, au schlafen!" „Komm mit mir, mein Knabe, zum Weihnachtsbaum" — flüsterte über ihm eine leise Stimme. Anfangs Mchte er, es wäre wieder seine Mutter, aber nein, sie war es nicht; wer hatte ihn also gerufen? Es ist finster,, er sieht nicht, aber jemand bückt sich über ihn und «umarmte ihn in der Dunkelheit; und er streckte ihm die Hand entgegen' und. . . und plötzlich — oh, was für ein Licht! Was für ein Weihnachtsbaum! Das ist ja kein Tannenbaum, solche Däume hat er nie zuvor gesehen! Wo befindet er sich nur? Alles glänzt, alles leuchtet und rings herum — lauter Püppchen — aber nein, es sind lauter kleine Knaben und Mädchen, alle so leuchtend; sie drehen sich alle um ihn, schweben umher, alle küssen sie ihn. nehmen ihn, tragen ihn mit sich, jetzt schwebt er selbst und er sieht: Seine Mama schaut ihn an und lächelt freudig. .„Mama, Mama, wie schön ist es hier, Mama!" — ruft der Knabe und küßt wieder die Kinder. Er möchte den Kindern schnell von den Püppchen hinter der Glasscheibe erzählen. „QBer seid Ihr, Knaben? Wer seid Ähr, Mädchen?" fragte er sie in Liebe und lacht. „Das ist der Weihnachtsabend bei Christus" — antworteten sie ihm. „An diesem Tage hat Christus immer einen Weih» nachtsbauin für kleine Kinder, die dort keinen eigenen Daum haben." And er erfuhr, Mh diese Knaben und Mädchen genau solche Kinder waren wie er. Einige von ihnen erfroren schon in ihren Körben, als man sie vor den Türen der Petersburger Deamten liegen ließ, andere erstickten bei ihren Pflegemüttern, als Ms Findelhaus ihnen die Kinder auslieferte, andere starben an den ausgezehrten Brüsten ihrer Mütter (während der Hu gers- not in Samara) und wieder andere kamen in der iticfigen Schwüle im Wagen vierter Klasse um. Sie alle sind jetzt M, sie alle sind jetzt Engel, alle bei Christus, und er selbst ist mitten unter ihnen, reicht ihnen seine Hände und segne! sie und ihre sündigen Mütter. And die Mütter dieser Kinder stehen alle M, abseits und meinen. Hede erkennt ihr Kind, und die Kinder schweben zu den Müttern, Kissen sie, wischen ihnen die Augen mit ihren Händchen ab und bitten sie, nicht zu.weinen, weil sie es hier so gut haben. Am nächsten Morgen fanden die Hausbesorger hinter dem Holz die kleine Leiche eines hergelaufenen, erfrorenen Knaben: man sand auch seine Mutter. . . Die war noch früher gestorben als er; es gab ein Wiedersehn beim Herrgott im Himmel. And wozu habe ich nur diese Geschichte erfunden, die so wenig hineinpaht in ein gewöhnliches, nüchternes Tagebuch und dazu noch in das Tagebuch eines Schriftstellers? And ich versprach doch, vor allem wirkliche Begebenheiten zu erzählen. Aber die Sache ist nämlich die, Mh es mir immer so ist, als ob alles, was in der Kellerwölbung und hinter dem Holze geschah, sich wirklich zugetragen haben könnte. Aber vom Weihnachtsabend bei Christus — da weiß ich wirklich nicht, was ich sagen! soll, ob so etwas geschehen konnte ober nicht. Nun aber — bin ich denn nicht Romanschriftsteller, um zu erfinden? Napoleon im Lichte seines Kammerdieners. (Gin neues Grinnerungsbuch.) Ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit Napoleons während seiner letzten Hahre wird in den persönlichen Erinnerungen seines zweiten Kammerdieners Louis Etienne St. Denis geboten, die unter dem Titel „Napoleon von den Tuilerien bis nach St. Helena" mit einer Einleitung von Prof. G. Michaut erschienen sind. Die Memoiren sind von dem großen Napoleon- Forscher Frödäric Masson für echt erklärt worden und haben nach seiner Ansicht einen nicht unbedeutenden geschichtlichen Wert. Sie waren der Welt aus allerlei Zweifeln lange vorenthalten, dürften sich aber nun unter den Erinnerungsbüchern, die den „intimen" Napoleon schildern, einen ersten Rang erobern. St. Denis war der Sohn eines kleineren Beamten vom Hofe Ludwigs XVI., ein vortrefflicher Beobachter und gebildeter Mann. In den traurigen Tagen auf St. Helena diente er dem Kaiser nicht nur zu persönlichen Handleistungen, sondern er verwaltete auch seine Bibliothek, schrieb für ihn Handschriften ab usw Er war seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben. Da er kein Tagebuch geführt hat, so stammen seine Erinnerungen aus der Zeit nach Napoleons Tod und weisen kleinere Irrtümer auf, sind aber im ganzen von großer Wahrhaftigkeit. Er berichtet allerlei Neues von dem großen Manne. So erzählt er z. D„ daß der Kaiser sich sogar um die Bücher kümmerte, die seine Dienerschaft las: „War ®$, ein gutes Buch, so legte er es wieder tot. too er efl fand, cBcr war cd ein schlechte« so äußerte er seine lebhafte Mißbilligung darüber und sagte, daß da« Leien solcher Bücher in seinem Palast nicht erlaubt sei. Ja manchmal toarf er solche Bücher sogar aus Wut ins Feuer." Während der Gefangenschaft auf St. Helena war die Lebensweise des Kaisers von erstaunlicher Einfachheit: er trug Merst einen Jagdrvck, und nachdem dieser gewendet und in diesem Zustand zu schlecht geworden war, trug er eine ganz gewöhnliche bürgerlich Jacke von grünlich-brauner Färbung. Der einzige Luxus bestand in seinen Strümpfen: er trug nur seidene Strümpfe. Ricmals zog er Handschuhe an, außer wenn er auf dem Pferde saß, und auch dann steckte er sie lieber in die Tasche, als daß er sie an die Hände zog. Der Kaiser trug niemals irgendwelchen Schmuck, es sei denn, daß man die Uhr dafür hält. DieS war der einzige mit Edelsteinen verzierte Gegenstand, den er an sich duldete. -Hut seiner Gesundheit war er sehr sorglos: »Der Kaiser wußte überhaupt nicht, was für seine Gesundheit vonnöten war. Obwohl ihm ost gesagt worden war, daß Bässe bei ihm sofort Erkal» tunge« Hervorrufe, ging er doch häufig bei Regen spazieren und schien eine gewisse Freude daran zu finden, recht naß zu werden. Er war darin durchaus wie ein Kind." In den langen traurigen Rächten von St. Helena, in denen der Tod ihm immer näher kam. konnte man ihn so wui husten hören, daß es durch da»s ganze Sjaitf schallte, ja daß selbst die Ratten davon erwachten und in den leeren Korridoren unheimlich hin und her raschelten." Die Schilderung dieser letzten Krankheit ist gerade durch ihre Einfachheit so ergreifend: .Der Kaiser starb ohne die geringste wahrnehmbare Zuckung und ohne das tenefte Steifwerden: er erlosch, wie Das Licht einer Lampe auägebt St. Denis erwähnt nichts von den berühmten .letzten Worten, die einige Berichte mitteilen: „Frankreich — die Armee — Josephine". Lieber die letzten Augenblicke vor seinem Tode berichtet dieser treue Diener: «Er bat von Zeit zu Zeit um etwas Wein, dem man ihm hastig reichte. Zuletzt sagte er, nachdem er einige Tropfen getrunken hatte: «Ach, wie gut der Wem ist. wie gut der W^n Pt* Der Werdegang der Tabakspfeife. Je teurer Zigarre und Zigarette werden, desto eifriger flüchtet der Raucher zur Tabakspfeife, die ihm immerhin noch einen etwas billigeren Genuß des geliebten Krautes gestattet, und so kommt das .Pfeifchen", zu Beginn der Rauchmvde im 17. und 18. Jahrhundert des Rauchers einziger und liebster Gemih, zu neuen Ehren. Zweifellos ist Las Pfeifenrauchen die älteste Form, in der dieses Laster" geübt wurde. Pfeifenköpfe aus Eisen, Bronze und Ton hat man schon in vorgeschichtlichen Gräbern gefunden, und bei den primitiven Dölkern, die sich noch Züge dieser ältesten Menscy- heitskultur bewahrt haben, ist die Pfeife ein heiliger und hochverehrter Gegenstand. Besonders in Afrika hat die Tabakspfetfe ihre höchste künstlerische Ausbildung gefunden, und hier kann man am besten ihren Werdegang verfolgen, wie dies B. Halby in einem , Aufsatz der „Bergstadt" tut. Die einfachste Form, eine Pfeife 6er« zustellen, war sicher die, die noch jetzt bei einigen süd» und ost- afrikanischen Stämmen üblich ist: man kratzte ein Häufchen Erde zusammen, bohrte oben ein trichterförmiges Loch hinein und ver» band dessen unteres Ende mit der Außenwelt durch eine schräge Seitenbffnung. Einen technischen Fortschritt bedeutet es Dann schon, wenn die afrikanischen Zwergvölker ein zusammengedrehtes Blatt in eine frische Bananenrippe stecken, das Blatt mit Tabak füllen und daraus rauchen. Reben diesen einfachsten Pfeifcnformen stehen dann außerordentlich komplizierte und reichgeschmückte Pfeifen, bie auf die religiöse Bedeutung des Rauchens Hinweisen. Götzen und heilige Symbole erscheinen am Pfeifenkopf. Aber je mehr das Rauchen als Kulthandlung verblaßt und zur alltäglichen Gewohnheit wird, desto häufiger werden im Pfeifenschmuck Szenen des täglichen Lebens, Darstellungen derb-humoristischer Ratur. Die größten Pfeifenkünstler sind wohl die Dali in Kamerun, die eine erstaunliche Drherrschung der Technik wie des Materials zeigen. Sehr häufig erscheint auf den Pfeifenköpfen der Reger eine verzerrte Darstellung des Europäers, den man auf diese Weise verspottet. Als Material wird vielfach die Allerweltspflanze Afrikas, der Maschenkürbis, herangezogen, und aus solchen Riefenfrüchten entstehen ungeheure Köpfe von Paukengröße. 3n der Brandmalerei haben es einzelne Stämme zur höchsten Meisterschaft gebracht. Im allgemeinen aber ist in Afrika so gut wie anderswo die Pfeifenerde das wichtigste Material zur Herstellung der Köpfe. Der Ton ist manchmal, wie bei den Dali-Pfeifen, sehr brüchig, und umsomehr ist die feine Ziselierung zu bewundern, die die Westafrikaner auf dem spröden Material anbringen. Bei den einzelnen Formen wechseln Riesenköpfe mit kleinen Rohren und fleine Köpfe mit Riesenrohren. Die Daluba und Baschilange nahmen nun Die größten Kürbisse auf die sie dann einen winzigen Tonkopf setzten. Die Waganda und andere west afrikanischen Stämme besitzen Pfeifenrohre in der Länge eines Mannes, ja sogar von der zweier Männer. Solch ein ungeheures Rohr besteht gewöhnlich, um es handlicher zu machen, aus Rohr und Holz. Rur die Wany» ambesi fertigen das Rohr aus Eisen, was wahrscheinlich einem uralten Brauche entspricht.__ Essens Don GottfriedRickk. Hört ihr es auf den Gassen schrei'n? Die Franzosen rücken in Essen ein! Eine ganze Armee, neun Divisionen, Letterei und schwere Kanonen. So wälzt sich hin das eiserne Heer, Als ob es mitten im Kriege wär'.. lind in den Gassen drängt sich und gafft Die deutsche Bürger- und Arbeiterschaft Lind steht und will ihren Augen nicht trau'«, Mit den Fäusten im Sack und finsteren Brau'«, Lind fühlet stumm in Wut und Schmerz Den Griff nach Deutschlands rastlosem Herz, Vorüber mit dumpfem Trommelton Stampft Bataillon um Bataillon, Bajonett auf, — Säbel blank, Schwerfällig rasselt Tank um Tank Braune Gesichter, Augen heiß, Vorüber flattert Blau-Rot-Weihi Im Kvhlenkitiel ein Arbeitsmann Sieht sich den Troß von der Seite an: Auf der Stirn ihm rot eine Darbe brennt. Er brummt in den Bart: „Das Regiment Haben gejagt wir am chemin de dames — Donner, wie alles anders kam! Warum? — Warum?" Gr kratzt sich am Ohr, Kommt ihm heut alles ganz spassig vor. Er weiß nicht, träumt er, ist er wohl wach? Lind er sinnt vergangenen Tagen nach, Tagen voll Kamps, Mühe und Blut, Tagen voll jauchzendem Siegesmut, Da er dem fliehenden Feind auf der Spur 3m Sturmtrupp sausend durch Frankreich fuhr, Hurra, hurra für Kaiser und Reich! — Da fährt er auf, da wird er Ueich. „Eh arrifere sale bocke!" Franzosen rundum. Ein Kolbenstoß. Da trollt er sich stumm. Lind im Gehen wird ihm so seltsam heiß — Isis Sämm, ist's Zorn? Sr selbst es nicht weiß. Wie ein Schleier sinkts ihm vom Gesicht, Lind er schreit: „Wer nicht hält, was er verspricht, Der ist ein Lump, tut er noch so groß, Sei er Deutscher oder Franzos! Wer hat uns erzählt, daß Deutschlands He«? Lind der Kaiser für alle der Feind nur wär', Lind wenn wir einmal von den Briden frei. Daß alles wieder Freund uns fei? — Wir jagten den Kaiser aus dem Land, Wir brachen die Waffen mit eigener Handz Wir beugten uns willig schmachvollem Joch — Was stört ihr den Frieden? Was sucht ihr noch? Aber: ob Kaiser, ob Republik — Lins wollt ihr brechen das Genick! Der deutschen Arbeit ist's ber meint, Daß ihr in unserem Land erscheint! • Der hat's gegolten vom Anbeginn. Das war für euch des Krieges Sinn, .Und alles andere Flunkerei Für deutsche Dummheit und Rarretei! And hattet ihr früher nicht die Macht, Jetzt wird der Plan cm's End gebracht! Wenn erst in Essen die Feuer verlvht, Dann, Lenkt ihr, ist Deutschland auch bald tot. —* Gemach, ihr Herrn, und habet Acht: Der deutsche Arbeiter erwacht! 3hr selber reißt ihn aus seinem Wahn: Roch bricht für uns ein Morgen an I — 3hr wollt uns zwingen in Sllaverei, Der Deutsche aber war immer frei! Ein Hundsfott Jeder, der vergißt Don dem Tag, daß er ein Deutscher iftr Dann geht er zur Zeche, sein Schritt llingt schwer - ----- Da war ein wackrer Deutscher mehr! Herrgott im Himmel, laß es grscheh'n Daß alle Brüder so aufersteh'nk ’) Dom Verfasser borget™gen bei der Trauerkundgebunfl NkS Vroßdeulfchen Volkspartei am 15. Januar 1923 in Graz. Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Dcühl'schen Auiv^Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehew