■r’ I: n t r x t t n 0 rt |t d n e n & 6 'N n IN ie ä ch it fe -N ft i® 1923 — Nr. 38 ttalen, die von 1870—1889 in der „Vossischen Zeitung" unter den? Referat über die königlichen Schauspiele erschienen, als „Theater® fremdling" ausdeutete. Der ältere, aber doch noch jugendlich ela® stische Herr, der bei jeder Erstaufführung an seinem festen Eckplatz im Parkett zu sehen toar, hob zwar nicht selten das Haupt mit dem vollen Schnurrbart ungeduldig gegen die Decke empor wenn ihm zu Oedes dargeboten wurde, aber im Grunde war er !dvch mit Eifer bei der Arbeit und fehlte sehr selten. Freilich ein Körnchen Wahrheit steckt in dem „Theaterfremdling". Sn einer Zeit, die der Bühne noch sehr viel mehr Liebe >rnd Interesse ent» gegenbrachte, als es heute der Fall ist, zeigte Fontane, dem Leben und Wircklichkeit über alles ging, ein nie ganz überwundenes Mist» trauen gegen diese Welt des Scheins und der Schminke. Der Dichter des „Archibald Douglas" hatte kein Theaterblut- er fühlte sich in dieser Sphäre der Eitelkeiten, der Intrigen, der Reklame wnd Komödianterie nicht wohl. Er hatte die Theaterkritik als Gelderwerb ausgenommen und hat sie zwei Jahrzehnte beibehalten, aber einen geteilten Widerstand dagegen konnte er nie ganz los- werden. Grade was feine Stärks auch in diesen Kritiken ist di« ge i st r g e F re i he i t, die sich nie auf bestimmte Richtungen'und Regeln festlegt, machte ihm viel Sorgen. Er war sich der Relativität aller Urteile bewußt und meinte: „Je länger man das kritische Metier treibt, je mehr überzeugt man sich davon, daß es mit den Prinzipien und einem Paragraphenkodex nicht'geht. Man muh sich auf seine unmittelbare Empfindung verlassen können." So nahm er denn seine Persönlichkeit zum Matzstab der Dmge, und er tat gut daran, aber der feine Skeptiker hat sich dabei doch ziemlich unsicher gefühlt. Er untersuchte Dramen und Schauspieler mit feinstem Verstehen auf ihre Echtheit und Inner- Weit Ihn zog nicht so sehr das Theatralische an, sondern das Menschliche und er gab sich dann seinen Eindrücken ganz hin. Viele Stunden intensivster Arbeit hat er diesen Besvrechungen gewidmet, und an einem solchen Tage verscheuchte die Dienerin Ides Hauses den störenden Besuch schon auf dem Treppenflur mit dem geflüsterten Wort: „Der Herr hat heute Kritik". So sind diese Kritiken zu einem köstlichen Spiegel seiner Persönlichkeit geworden, besitzen aber auch ihre nicht zu unterschätzende Bedeut ung für die Theatergeschichte. Fontanes kritische Tätigkeit siel zum weitaus größten Teil Unter die Aera Hülsen, in der Fürst Bülow die dem Grafen unterstellten Institute als „Zirkus Hülsen" bezeichnete. Dieser di» lettierende Offizier, der vor allem den „Befehlen von oben" ge» ■'rrügen wollte, hat das klassische Repertoire, das er von feinen# Vorgängern übernahm, verkümmern lassen, verteilte die Rollen nach militärischer Rangordnung und liest bedeutende Darsteller Ziehen, die besten Kräfte brach liegen. Unter ihm herrschten jene faden Salon stücke und Lustspiele, gegen die dann der junge Ra» turalismus Sturm lief. 3m Stil machte sich eine gewisse Med» ningerei breit. Das Ensemblespiel fiel immer mehr auseinander. Fontane hat mit seinem feinen Gefühl für Geschichte jene Historie scheu Dramen bekämpft, die nur Kostüme oder „schöne Verse^ brachten. Daher sein Abscheu gegen Stücke wie „Urtel Qlcofta" und „Rarzitz": auch vom Lustspiel verlangte er, daß es über der Sucht nach komischer Wirkung die Wahrheit nicht völlig vergesse: er forderte die Harmonie zwischen Aeutzerem und Innerem, das „Zusammenfallen von Schönheit und Wahrheit". „Es kommt nicht darauf an,“ sagte er einmal, „ob dieser vor® oder zurückgebeugte Körper, ob diese Kopf® oder Armhaltung äutzerlich innerhalb der Schönheitslinie liegt, sondern darauf, ob dies« Liiiie dem innerlichen Hergang entspricht, ob st« wahr ist." Die fein- Samstag, 22. September MevblN mH* V. Der Rhein. GinWortFriedrichLists. .Das Wort Rhein ist Leben, das Wort Rhein ist Grötze: das -Wort Rhein ist Macht und Kraft. Als Gott der Herr Deutschland erschuf, da war es ein unförmiger Klumpen — eitel Dreck und wand^ ohne allen Wert. Da steckte er ihm den Rhein in den und Deutschland stcknd aufrecht und kraftvoll da — ein k nunter den Ländern . . . Als aber oben und unten und in e Deutschen Stücke vom Rhein abhanden gekommen, va war es geschehen um ihre Macht und ihren gesunden Menschenverstand, sie wurden Perücken und Haarzöpfe, lächerliche Pedanten." Verzeiht! (Zum 2 5. Todestage Theodor Fontanes.) Verzeiht den Anekdotenkram Und datz niemals ich einen „Qlnlauf" nahm, Auch niemals mit den Göttern grollte, Richt mal den Staat verbessern wollte, Richt mal mit „sexuellen Problemen" Gelegenheit nahm, mich zu benehmen. D e r faßt es so, der anders an, Man mutz nur wollen, was man kann; Mir würde der Weitsprung nicht gelingen. So blieb ich denn bei den näheren Dingen. Drei Schritt blotz--ich weist, es ist nicht viel. Aber Freude gibt jedes erreichte Ziel. Fontane als Theaterkrrtikrer. Von Dr. Paul Landau. Die Zahl der klafstschen Theaterkritiker ist in unserem Schrift® htm gering. Gleich an der Pforte ins Reich der deutschen Bühn« steht der Meister der „Hamburgischen Dramaturgie", der größte Antiker des Theaters, den wir besessen, der mit tiefer Gelehrsam® leit die leidenschaftliche Kraft künstlerischen Erlebnis und — wenigstens in der ersten Zeit — auch die große Liebe zum Theater ^rbaud. Ihm folgten kluge Kenner, wie Tieck und Immermann, und dann kam in der Biedermeierzeit, die die Bühne anbetete, die wocße der „Theaterpäpste", der Rellstab, Röttscher, Frenzel, die P1 Dsflin unfehlbar orakelten, sich aber nicht dauernd im Andenken der Rachwelt erhalten haben, wie etwa in Frankreich Jules Ja- mn und Francisque Sarceh. Wien, das eine Zeitlang die „Theater® stadt' an sich war, hat wohl die bedeutendsten unter den neueren ^veaterfrittfern gehabt, Ludwig Speidel und Ferdinand Kürn- berger. Reben ihnen steht zu gleicher Zeit in Berlin als ähnlich jpatfante. Persönlichkeit Theodor Fontane, dessen Theater- rrttiken sich wohl allein noch neben denen der beiden Wiener iröendig erhalten haben. Es war freilich nicht das Tiefste seiner Bindung, das sich auf diesem Gebiet entfalten konnte. 016er die ®anhe, der Reichtum und die Originalität seiner Persönlichkeit ömleiheit auch diesen Arbeiten, die als „(Sauferien über Theater" 9®fammelt wurden, ihren unvergänglichen Reiz, und so darf an «rn Lage, da seit dem Hinscheiden des Dichters ein Vierteljahr® hundert verflossen ist, auch dieses kleinen Ausschnitts seines Lebens» Perkes gedacht werden, der sonst durch den Balladendichter, den ^manschriftsteller, den Wanderer durch die den Selbst® mBgrat»^ und Briefschreiber in den Schatten gedrängt wird. Es war ein fader Witz des alten Glasbrermerr der die 3ni» ST »>r MG - 150 nus her Fremde übernommen wurde und was in ursächlichem Zusammenhang mit Boden und Klima Les eigenen Erdraums steht. Da zeigt sich als am meisten hervortretend und das ganze Kulturleben durchdringend ein tiefer seelischer Zusammenhang mit der gefühlsmäßig erfaßten Landesnatur, also Natursinn und Land- schastsgefühl weit über das Durchschnittsmatz der Menschheit hinaus. n „ , ,. . Diesen engen und innigen Zusammenhang mit der Matur zeigen Sitte und Brauch von den ernstesten und erhabensten Vorstellungen der Religion, die ja ursprünglich eine Maturreligion gewesen ist, bis zu den kleinsten Anlässen des Alltagslebens. Unverkennbar ist er, wenn etwa eine Schar von Bergwanderern auf einem Gipfel beim Aufsteigen der roten Sonnen- scheibe, des uralten Reichsshmbols, aus dem Großen Ozean die tausendjährigen Hymnen an die Svnnengöttin Amaterasu murmelt: wenn der schlichte Mann aus dein Volk sich im einsamen Bergwald von den Kami, den vergöttlichten Vorfahren, umschwebt fühlt; wenn als Auswirkung buddhistischer Vorstellungen die Gewißheit der all-einen Matur, die tiefe Verwandtschaft mit jedem, auch dein geringsten Geschöpf allgemein lebendig ist, und die Probleme der Palingenese als etwas Selbstverständliches allen, nicht nur den besonders metaphysisch veranlagten vor, Augen stehen; !wenn die Ehrfurcht vor der Matur dein Gärtner die Hände führt, der den Zwergbaum seines Miniaturhausgartens liebevoll in die ihm gemäße Form hineinspielt und schmeichelt, — mit jener unendlichen Geduld, die auch aus Japan im wahren Sinn des Wortes einen Kindergarten macht. Damit hängt auch die Meigung zusammen, sich in Form und Farbe der Siedelung und Kleidung der Matur in ihren Formen und Farben, ja sogar der Gesamtstimmung der Jahreszeit anzupassen, sich einem größeren Ganzen, sei es Familie, Land, Staat oder auch Landschaft harmonische einzufügen,, wenn auch unter Opfern der Persönlichkeit, — einige Neigung, die erst seit der fortschreitenden Industrialisierung ähnlichen Zuständen zu Weichen beginnt, wie sie in Mitteleuropa ein halbes Jahrhundert früher herrschend wurden. 2lber mehr als zweitausendjährige vollendete Anpassung, namentlich an die siedelungsgünstigsten Landesteile um die Inland- fee, darf nicht darüber täuschen, daß Sitte und Brauch noch, deutlich die Spuren uralter Einwanderung tragen, daß sie vielfach eingebrachtes Gut im Erdraum sind und fernen südlicheren Insel- gebieten entstammen. Meerbestimmt zuerst, gebirgsbestimmt sodann, zeigen sie deutlich ihren Ursprung aus gebirgigen Inseln. Haus und Feuerstätte zeigen noch die Formen des auf Pfählen über dem Strand oder sumpfigen Feldern errichteten malaiischen Hauses, sowohl bei Privatbauten als noch deutlicher da. wo uralte Formen nach, religiöser Tradition immer wieder streng in der alten Bauweise erneuert werden, wie in den Holzbauten der Ahnentempel von Ise, oder wo Erinnerungs- und Gräberbauten völlig hen Ahnen geweiht wurden, zum Teil sogar mit allen von ihnen gebrauchten Geräten/ wie im Schahhaus Shosoin von Nara. Die stärkste, heiligste und heute noch mächtigste Sitte, der A h n e n d i e n st, hat dein Lande außer diesen sichtbarsten Denkmälern der Vergangenheit noch viele kleinere zu erhalten vermocht, sowie mannigfache uralte Bräuche. Am auffälligsten ist die Verehrung des Alters, aber auch seine Tyrannei und die Verkümmerung Bet' Jugend in ihren besten Jahrgängen durch zu lang fvrt- gesehte Abhängigkeit und eine Bevormundung, die Initiative und Unternehmungsgeist schwer benachteiligt. Das scheinbare Sichzurückziehen der Alten durch frühzeitiges Scheiden aus demVorder- grund des öffentlichen Lebens täuscht darin: denn der Austrägler (gv inkhv) gibt damit nicht die tatsächliche Macht aus der Hand, sondern weiß sie auch Unter den Kulissen noch festzuhalten. Die Achtung vor Dem Familienband und, allem, was mit Familien-, Stammes- und Heimatgeschichte zusammenhängt, muh aber doch sicher vorwiegend positiv bewertet werden als eine der stärksten Quellen des Nationalgefühls, wenn auch der einzeln« manchmal in seiner Entwicklungsfreiheit dadurch gehemmt wird. Andere Sitten von tiefgehender Wirkung auf die ganze geistige und körperliche Vvlksstruktur hängen zusammen mit Wasserwirtschaft und Seegewöhnung. Seine beiden H a u p t n a h r u n g s m i t t e l, Reis und Fische, liefern dem Japaner eben seine sorgfältig bewässerten Reissümpfe und das ihn allseitig umflutende Meer. Neben 'diesen beiden Hauptnahrungsmitteln spielen alle andern nur eine untergeord- bete Rolle als Zuspeisen und Beigaben, die schlimmstenfalls entbehrt werden können und vor allem die Eß- und Dafelsitten nicht entscheidend bestimmen, Fleischnahrung war durch den^Buddhis- tnus und seine Achtung vor denr tierischen Leben verpönt; allerdings wurden zugunsten des sehr beliebten Wildgeflügels stark an unsere Fasten ausreden erinnernde Ausnahmen zugelassen. Schon erwähnt wurde die hygienisch überaus wertvolle Ditte des täglichen heißen Bades für alt und jung, arm und reich, das den Arbeitstag als. Familien vergnügen beschließt, sowie die damu verbundene Pslege des nackten Körpers. Sie wird begünstigt durch den großen Wasserreichtum des Landes, vor allem dadurch, daß an so vielen Stellen die heißen Mineralquellen, in DambusröUen aufgefangen und ins Haus geleitet, noch dazu die Mühe btii Heizens ersparen. Die dem Volk anhaftende Neigung zur Waffer- verschwendung erschwert ihm allerdings das Eingewöhnen uno Siedeln in wasserarmen Ländern, erleichtert ihm aber den lieber» fühligsten Analysen hat er den Werken seines Lieblings Shake- speare gewidmet. Sonst bewahrte er auch den K.asstkern ge- aenüber seine Selbständigkeit und fand mancherlei anihnen auszusehen Das Theatralische, wo es mit ehrlichen Mitteln sich äußerte, wie bei K o h e b u e. B e n e d i x, ja sogar der B i. r ch - Pfeifer, ließ er gelten. Dagegen war er gegen das Pathos mißtrauisch, so im Urteil über das aufftrevende Talent Wilden- bruchs; erst vor dem „märkischen Urion“ der „Quitzows , den ■er wie kein anderer würdigen konnte, streckte er bie Waffen. -Bon dem Drama der Zukunft erhoffte er Wahrheit, und deshalb begrüßte er die neue realistische Kunst als einziger unter den Alten so warmherzig, erkannte früh 3 b s e n s Bedeutung, warRief erschüttert von Tolstois „Macht der Finsternis und begrüßte in Gerhart Hauptmann den „stilvollen Realisten , bei hem er innere Natürlichkeit und höhere Notwendigkeit fanü Der einfache Appell an das Herz“ ist es. von dem Fontane sich hmreißen ließ. Er wollte im Innersten ergriffen werden, denn sein Geseh fand er nur in seinem eigenen Wesen. . Deshalb sind diese Kritiken so köstliche Dekenntmsse Fon- tanescher Weltanschauung, hingeplaudert mit der unnachahmlichen Grazie und tiefen Lebensweisheit dieses warmherzigen Zweiflers. Sie sind bewunderungswürdig in ihrem scheinbaren Sichgehen- f offen das doch so viel bewußte Disziplin birgt, in ihrer Fülle seiner Beobachtungen, die über das Theater ins Leben hmaus- areifen Der Meister der Anekdote erzählt die reizendsten Geschichten und zeigt seine Plauderkunst vor allem in den ausführlichen Inhaltsangaben, die man damals forderte und die heute wegen des Mangels an Raum mehr und mehr verschwinden. Echt Fontanisch sind diese Kritiken auch in ihrer Bewunderung und Ablehnung der einzelnen Schauspielerpersönlichkeiten. Er verlangte vom Schauspieler, daß er seine Rolle auf einen gemeinsamen; Grundzug des Eharakters zurückführe; er suchte auch bei ihm den Herzenston und verachtete leere Routine, kaltes Virtuosentum So hat er von den großen Schauspielern, die noch aus besseren Zeiten in die Aera Hülsen hineinragten, vor allenDöring verehrt und die prächtige Frieb-Blumauer, zwei humorvolle, kerngesunde Persönlichkeiten, deren Seelenwärme er in 05o11mer wiederfand, von dem er 1883 sagte: „Er ist weitaus- das^reichste Talent, das wir an der königlichen Bühne besitzen 3it wm Heroinenspiel Sachmann-Wagner fand er den I^wn Nachklang aus der größten Zeit des königlichen Theaters, da die Bet Y-- mann und Krelinger herrschten. Die einzigartige Menschendarstellung der N i e m a n n - R a a b e feierte er, prägte aber von der beliebtesten Tragödin Clara Ziegler das Wort: „Sie spielt Kaulbach.“ Diese Abneigung gegen alles Pathos, gegen die Meiningerei ließ ihn jedoch auch den Größten verrennen, dem er als Kritiker begegnete: Matkvwsky. Wohl mutzte er immer wieder seine bezwingende Größe anerkennen, aber das Wesen dieses gewaltigen „Szenenerschütterers“ war ihm, der »keinen Sinn für Feierlichkeit“ hatte, doch fremd. „Ich bin Anti-Matkowskh, bekennt er, „halte seine ganze Spielweise für eine Verirrung und ftnde diesen nach dem Prinzip von Flut und Ebbe hergerichteten Wechsel von Stentorfchreien und flüsterndstem Geflüster vorwiegend komisch." 3m übrigen hat er in seinen Rollenanalysen das Spiel der vielen .Unbedeutenden, an denen das damalige Schau- Welhaus so reich war, ebenso treffend wie scharf dargestellt, sich Damit viele Feinde zugezogen, uns aber bie beste Schilderung be8 damaligen Theaterstils geboten, der heute so antiquiert an- jnjutet, aus dessen Fehlern man aber in der Spiegelung Fontanes stets wird lernen können. Japanischs Sitten und Gebrauchs. Von Prof. K. Haushofer. Die nachstehenden Ausführungen sind dem soeben im Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, erschienenen Buche „Japan und die Japaner", von Pvof. K. Haus ho f er, entnommen, einer erstmaligen knapp umrissenen Landes- und Volkskunde Japans, die angMchts des letzten furchtbaren Naturereignisses, das das japanische Volk getroffen hat, bei unseren Lesern gewiß auf großes Interesse stoßen wird. Der Verfasser geht aus von den natürlichen Grundlagen des Landes, erklärt aus ihnen die Entwicklung von Pflanzenwelt, Tierreiche und Menschentum, Das Schicksal des einzelnen sowohl als die von der Gesamtheit geschaffene staatliche Lebensform in ihrer Eigenart und zeigt, wie hier die Kraft des menschlichen Willens es verstanden hat, sich nicht nur diesen gegebenen Grundlagen anzupassen, sondern sie auch umzuformen und zu beherrschen und wie so der heutige Staat mit seinen hochstehenden Kultur- und Wirtschaftsformen geworden ist. Aus dem Buche mit einer Reihe wertvoller Kartenzeichnungen kann so der Staatsmann sowohl wie der Kaufmann und Techniker alle nötigen Vorkenntnisse für ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit einem Volk erwerben, das uns trotz der Kriegsereigiiisse in weiten Kreisen freundlich gesinnt ist. Sitten und Gebräuche müssen landeskundlich zur Beurteilung ihres kulturgeographischen Eigenwerts vor allem darauf- hin-geprüft werden, was an ihnen allgemein menschliches Gut oder Mch gemeinsamer Besitz weiter Grdräame ist und in der Vorzeit — 161 gang zur modernen Rühung der Wasserkraft, so daß sich in der Jwdustrieentwicklung Japans der Sprung vom primitiven Handbetrieb zur raffinierten Ausnützung der weißen Kohle plötzlich vollziehen konnte, zuweilen sogar unter Ueberspringung der Zwischenstufe von schwarzer Kohle und Dampfkraft. Andere Eigenheiten sind mit der Unruhe des Bodens und den heftigen Ausschlägen des gegensatzreichen Klimas verknüpft: so bedingt die Rücksicht auf die vielen Erdbeben die vorherrschende Holz- und Papierkonstruktion der Wohnbauten, ihre scheinbare Leichtigkeit bei starken, wohlverzapften Verbänden; das schwere, zusammenhaltende, ursprünglich aus Korea und China stammende Dach mit seinen charaktervollen und behäbigen Schmuckformen ist hingegen eine Anpassung an die Monsunregen und Wirbelstürme. Viele Eigenheiten hängen mit dem Vvrwiegen der vom Süden mitgebrachten Wirtschaftspflanzen zusammen, mit Reis unb Tee, und vor allem mit der wichtigsten Degleitpflanze der malaiischen Wanderungen, dem Bambus. Von großer wirtschaftlicher und sozialer Tragweite ist die Gewöhnung än kleinräumigen Betrieb und intensivste Ruhung des landwirtschaftlichen Bau- landes, an die Kleinsiedelung mit ihrer Begünstigung des größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl, aus der die 51/2 Millionen kleiner Bauernwirtschaften zwischen 1/2 und 3 Hektar stam- hten, die dem^svnst so strengen Feudalstaat ein soziales Gepräge gaben. Alle Wirtschaftspslanzen aber finden sich eingespvnnen in ein Reh sinnvoller Sitten und Gebräuche, von der vstasiatischen Neigung zum Zeremoniell überharrpt geschützt, und, wie dieses selbst, tiefwurzelnd in der größeren Stetigkeit der klimatischen Einflüsse (neben aller Reigung zu Ausschlägen), der Beständigkeit der Witterung in ihren großen Zügen und ihrem rhythmischen Wechsel nach Jahreszeiten. Sie sind verfolgbar von dem derben Dienst des Bauern- und Reisgvttes Inari mit den ihm geheiligten Füchsen bis zu dein von den Deemeistern zu einer Art ästhetischen Kult ausgebildeten Cha no yu, der Teezeremonie, aus der Nicht nur viel künstlerische Anregung entsprang, sondern die auch zu einer volleirdeten Schule der Selbstbeherrschung wurde. Die vornehme alte Sitte ist im Verschwinden, wie trotz aller Versuche, sie zu erhalten, auch die Fechtkunst und mit ihr der Kult der ererbten oder aus einer alten Klinge ungeschmiedeten Waffe. Ließ sich doch auch die Stosfechtheit und die Sparsamkeit in der Verwendung des Zierats an Waffen und anderem Gerät des täglichen Lebens auf die Dauer nicht halten, arrch nicht die Meldung des öffentlich zur Schau gestellten Prunks. Ehedem wirkte der knappe Vorrat der Stamminseln an edlem Metall, außer Kupfer, zusammen mit der Forderung der Shinto-Lehre nach Einfachheit, Echtheit und Reinheit, um aus der Rot eure Tugend zu machen. In Erzgebilden freilich durfte sich der Schönheitssinn schwelgerisch gehen lasseir, in Dronzegeräten ivie auch in diskret geschmücktem Schwertstichblatt, der Tsuba. Dariir, wie in der Keramik, in der die Farbenfreudigkeit des Volkes ebenso wie in Stoffen und Geweben zum Ausdruck tarn, hat die Kleinkunst ihr Bestes gegeben; überall erweist sie sich unnennbar von den alten Sitten, denen sie dient. Jin Verschwinden siird auch die grausamen, wiewohl heroischen Bräuche der Feudalzeit, wie G e f v l g e n t 0 d (jun-shi), Harakiri oder Seppuku; sie haben aber immerhin die um 1870 nut einer tiefen Verbeugung vor dein guten alten Brauch abgeschaffte Blutrache noch um ein Menschenalter überlebt. Sowohl der Gefvlgen- tod als das so berühmt gewordene Harakiri, dec. Freitod durch Leibausschlitzen, können noch keineswegs als völlig überlebt angesehen werden, nachdem für beide zusammen der alte Marschall Rogi, der Held von Port Arthur, noch im Jahre 1912 ein weithin sichtbares Beispiel gegeben hat, das in der Dolksstimmung Verständnis gefunden hat und auch heute noch vereinzelte Nachahmer sindet, wie die allerdings seltener gewordenen Fälle von Harakrrr beweisen, die immer wieder durch die Presse gehen. Die Auffassung des Selbstmordes nähert sich überhaupt mehr der antiken, besonders das Opfer der Persönlichkeit für eine große Sache,, für Staat und Familie, fällt leicht« im Vvrgenuß eines dadurch erhöhten posthumen Ansehens in einem auf Ahnendienst eingestellten Kulturkreis, als in dem unseren, wo das Individuum die Hauptrolle spielt. Aus ähnlichen Gründen erklärt sich auch das bis vor kurzem selbstverständliche Opfer der Eigenpersönlichkeit der Frau, die völlig im Familienunterbau der Kultur aufging und verschwand, wenigstens in ihrer Hauptrolle als Familienmutter. Als Geisha, die als ziemlich geiraues Gegenstück der hellenischen Hetäre angesehen werden darf, hatte sie keinen Anteil am Familienleben, dafür aber einen recht starken Einfluß auf Gesellschaft und Kultur, ja offenbar sogar auf die Politik, wenn auch aus Schleichwegen. In der Steflung der Frau zum öffentlichen Leben, die keineswegs immeo gleichmäßig bedeutungslos und gedrückt war, zeigt sich eine Pendel- bewegung, ein Auf und Rieder: vom uralten Matriarchat (Riu- kiu), wo die alte Mutter säst mehr bedeutete wie der Vater, zur virilen Heroenzeit (uji), die aber auch starke und heldenmütige Frauennaturen hervorgebracht zu haben scheint; von der effeminierten Frühblüte hoher Religivns- und Sprachkultur, in der Frauen als Dichter, als Trägerinnen feinster Sprachentwicklung im Wettbewerb hervortreten, zur rauhen Kriegerart derKamakurazelt; vom Hetärenspiel der wieder verweichlichten Tokugawa- deriode zum Rückschlag der Sbintoerneuerung mit ihrem Zurückgreifen auf altnationale Strenge und Einfachheit; ein Wechsel zwischen Zeiten ästhetischer Ueberfeinerung und kraftvoller Renver- jüngung. Aus dem durch dieses Wechselspiel entstandenen geschlossenen Bau der japanischen Aationalkultur sind nun allerdings in jüngster Zeit so viel Steine herausgebrochen worden, daß der ganze Bau gefährdet erscheint. Hauptursache ist die zunehmende Industrialisierung, überhaupt der überwiegende Einfluß fremder Zivilisation, und auch der vsfensichtliche politische Erfolg, der dem Staat beschieden war, sobald er sich mit dieser Zivilisation gepanzert hatte. Der unvermittelte Zusammenstoß zwischen Alt und Reu gibt oft seltsame Kontrastbilder, so wenn die heutige Kaiserin von Japan im eleganten modernen Kraftwagen in das nach strengem Shintostil gebaute Mausoleum des Meiji-Kaisers oder in den uralten Tempelhain der Sonnen-Ahnengöttin nach Ise fährt; oder wenn der moderne Kupferkönig oder Grohreeöer, ebenfalls im Kraftwagen und' im tadellosen englischen Herrenanzug, aus Aufsichtsrat oder Herrenhaus kommt und sich in seiner halb amerikanisch, halb japanisch gebauten Villa sofort in bequeme japanische Haustracht umzieht, um im innersten Raum auf weichen Matten mit feinen Freunden das Chanohu, die alte Teezeremonie, zu pflegen und dazwischen wieder die geheimsten Probleme der pazifischen Geopolitik zu erörtern. Die konservativsten Hüterinnen alter Sitte sind, wie überall, so auch hier die Frauen. Rüst: bet den oberen Zehntausend ist die angestammte Tracht schon durch europäische Kleidung verdrängt, weil der Hof mit dem Beispiel vorangegangen ist. Die meisten Frauen aber wissen zum Glück noch, daß sie sowohl das einfache blauweihe Kattungewand als das schimmernde Brokatfestkleid mit dem reichen Obi-Gürtel hundertmal besser kleidet als die Pariser Toilette oder das angloamerikanische Tailormade. Draußen im europäischen Zimmer, wo die Gäste empsangen werden, spielt allerdings die Dame des Hauses auf dem Dechstein-Flügel; aber im innersten, mit Goldschreinen und Hängebildern gezielten Raume, wo es zur Hauskapelle mit den Jhai (Ahnentafeln) der zweitausendjährigen Familie geht, da spielt sie eine Stunde später im Kimono, auf Kisseir und Watten kniend, die liegende Harfe (Koto). Reben die moderne Bronzestatue im Gehrock, die irgendeinen verdienten Mann üarstellt, fetzt der Shinto-Priester die rituellen Tvtenopfer und die Bambusbehälter mit den Sakaki- Zweigen an Stelle des Lorbeers, die Wanderbegleitpflanzen der Südseekorsaren, die mit Jimmu-Tenno die Jnlandsee entlang fuhren. So reichen sich heute in einem ausgesprochenen Uebergangs- zeitalter alte Sitte und neue Gewöhnung die Hand und machen die japanische Folflvristik zu einem der umstrittensten und umstreitbarsten Gebiete. Deö Ernstes dieser feiner Lage in der Schwebe zwischen Alt find Reu ist sich das japanische Volk durchaus bewußt, und es mehren sich die Zeichen, daß es mit wachsendem Verantwortlichkeitsgefühl danach trachtet, durch rechtzeitig aufgerichtete Dämme Has Schöne und Gute an der alten Kultur vor völliger Ueberflu» ■hing oder Wegspülung zu schützen. Dabei prallen die Gegensätze natürlich scharf aufeinander. Inmitten beider aber treibt, Massen und Zahlen überschätzend, materiell und mechanisch eingesteflt, in opportunistischen Partei- bildungen zusammengefaßt, die große Masse — immer mehr jjtit der Möglichkeit, ihr Schicksal zu bestimmen, aber immer weniger durch schicksalsgehärteten Charakter daAU befähigt — hin und her, wie das Plankton der Jnlandsee, zwischen Landmarken alter Kultur und Schlagschatten hastiger äleberneuerung — treibend zwischen den Gezeiten! Die Geschichten der alten Haushälterin. Von Selma Lagerlöf. Der Gänserich. Eines aber hatten die Kinder doch an Pastor Wennervik auszusetzen: Er hatte in seinen alten Tagen noch Jungfer Aaklih, seine alte Haushälterin, geheiratet. Diese war von Hof zu Hof gegangen und solange von harten Hausmüttern gehetzt worden, bis sie dem Gelüste nicht mehr widerstehen konnte, nun auch ihrerseits gu hetzen und zu plagen. Wenn Pastor Wennervik nun doch einmal heiraten wollte, so hätte er jedenfalls daran denken müssen, sein liebes junges Töchterlein vor der Stiefmutter zu schützen. Daß es dieser hatte .erlaubt sein sollen, ihrem Stiefkind zu befehlen, wie es ihr gerade paßte, sie zu strafen, sie zu schlagen und ihr eine ganz unangemessene Arbeitslast aufzubürden, das konnten die Kinder ganz und gar nicht begreifen. Sie hatten einen ungeheuren Spaß an dem Dock, der sich einstens betrunken hatte und in diesem Zustand die Frau Raklitz samt ihrem Branntweinkrug umstietz. Und ebenso nahmen fie Partei für die Marktleute, die ihr auf dem Markt von Ombergshed ihr Obst stahlen und ihr dann« noch zuriefen, der Pfarrer von Marbacka sei ein viel zu guter Wann, um sich von armen Leuten seine Aepfel bezahlen zu lassen. .Und die Kinder waren ganz entzückt von dem Meisterdieb, der hie Türe zu Frau Raklitz' Vorratshaus öffnete, obgleich sie ein fieues Schloß davor hatte legen lassen, das groß und schwer genug ür ein Gefängnis gewesen wäre. — 152 — Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Langs. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Llntv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Metzen. Lemminge. Frau Raklitz war schon schwierig für Lisa Maja gewesen, als deren Vater noch lebte, aber nach seinem Lobe im Hrhre 1801, als sie die Alleinherrscherin war, wurde sie natürlich noch diel härter und herrschsüchtiger. Die Stieftochter befand sich ohne jeden Schutz und Schirm ganz in ihrer Gewalt. Sie war erst siebzehn Oahre alt und diel zu jung, um sich mit der messen zu können, die alt und klug war. Wohl hatte sie einen Bruder, aber der war das ganze Jahr hindurch in .Upsala auf der Universität, van ihm' war keine Hilfe zu erwarten. Maja Lisa und ihre Stiefmutter waren denn auch bald in offenbarer Fehde. Frau Raklitz wollte ihre Tochter dem alten Brauche gemäß mit dem Hilfsprediger, der an Stelle ihres Vaters gekommen war,, verheiraten. Aber davon wollte Lisa Maja nichts wt sen. Sie widerstand jedem Lleberredmrgsversuch sowohl von selten ihrer Mutter als von der Gemeinde, die den alten Brauch für das einzig richtige hielt. Die Pfarrerstochter jedoch hatte ihre eigenenUmren Ansichten. Sie wollte keinen Mann heiraten. Nur weil er Pfarrer von Ämtervik war, sondern sie wollte ihn auch lreben können. Der neue Prediger wollte seine Werbung mit Gewalt durch- Llnü um den großen Gänserich gab es beinah« Tränen. Zu Frau Aaklitzens Zeit hatte man an einem schönen Apriltags die ganze Gänseherde von Marbacka auf den Hügel beim Hofe hinausfliegen lassen. Zu derselben Zeit waren Wilögänse hoch durch die Luft herangeflogen gekommen und hatten nach ihrer Art gerufen und geschrien. Die zahmen Gänse hatten geantwortet und mit den Flügeln geschlagen, wie sie in jedem Frühjahr taten, und niemand hatte je gedacht, man müsse sie einsperren. Eine Wildgansherde folgte der andern, und die zahmen Gänse wurden immer aufgeregter. Un£> ehe man sich's versah, flog ein großer Gänserich hinauf in die Luft und vereinigte sich mit den Wildgänsen. Auf Marbacka dachte man nicht anders, als bah er schon nach einer kleinen Weile wieder zurückkehren werde: aber man wartete vergeblich, er kam nicht wieder. Gr war und blieb weg. Lind als er auch in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht wiederkehrte, glaubte man, man werde ihn nie wieder zu Gesicht bekommen. Gewiß war er eine Beute der Füchse oder der Adler geworden, wenn er nicht gar von hoch oben mit zersprengter Lunge abgestürzt Ivar. Es war ja ganz undenkbar, bah eine zahme Gans mit den wilden Gänsen hinauf zum hohen Borden fliegen könne. Den ganzen Sommer hörte man nichts von ihm; aber dann wurde es wieder Herbst und eine Schar Wildgänse nach der andern fam dahergeflogen. Sie riefen und schrien, wie es ihr Brauch war. und die zahmen Gänse auf dem Hügel beim Hof schlugen mit den Flügeln und gaben Antwort. Frau Aaklitz sah, wie die Gänse unruhig wurden, und wollt« nun gescheiter sein als das letzte Mal. Sie befahl ihrer Stieftochter Lisa Maja, hinzulaufen und die Gänse einzusperren. Lisa Maja tat, wie ihr befohlen ttxtr, aber sie war noch nicht an dem Hügel angelangt, als sie ejn starkes Sausen in der Luft ; gerade über sich vernahm. Lind ehe sie sich noch besinnen konnte, ließ sich eine große Schar Gänse gerade vor ihr auf dem Boden nieder. Ein stattlicher weißer Gänserich ging an der Spitze der Schar, ihm folgten eine große graue Wildgans mit neun gesprenkelten Hungen. Die Pfarrerstochter wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht, sie zu verfcheuchen. Sie öffnete nur ganz sachte das I Hoftor und verbarg sich dahinter. Der Gänserich marschierte geradeswegs in den Hof hinein, j und die ganze Familie folgte ihm. Sie verschwanden alle, und I Lisa Maja schlich sachte hinterher, um zu sehen, was da vor sich | ging. Lind siehe, der weiße Gänserich schritt unentwegt zum Gänse- | stall und rief und lockte, bis sein ganzes Gefolge mit ihm hinein- ! ging. Dann zeigte er ihnen den Weg zum Klttertrvg, der mit | Hafer und Wisfer versehen war, und begann zu fressen. „Seht, an so etwas bin ich gewöhnt. So hab' ich es meiner f Lebtage gehabt, keine Rahrungssorgen, immer einen gefüllten j Futtertrog," schien er den Semen zu sagen. I Aber Lisa Maja Mennervik schlich herzu, und kaum waren I sie alle im Gänsestall, so machte sie die Türe hinter ihnen zu. I Dann eilte sie zu Frau Raklitz. | „Liebe Mutter," rief sie, „komm und sieh! Der Gänserich, der I im Frühjahr fortflog, ist wiedergekommen mit einer Wildgans i und neun Hungen." Aber sie bereute es ihr ganzes Leben lang, daß sie den Gän- j serich eingesperrt und seine Rückkehr verkündet hatte. Denn Frau I Raklitz suchte wortlos nach dem kleinen Messer, das sie beim Gänse- j schlachten benutzte, und ehe der Abend kam, waren der prächtige I weiße Gänserich, die graue Wildgans und alle die niedlichen kleinen | Gänschen tat und gerupft. „Du hast es dem Gänserich schlecht gelohnt, daß er mit so vielen I schönen Gänsen zu uns zurückgekehrt ist," sagte Lisa Maja. Mehr I wagte sie nicht zu sagen. „So wird es allen Gänsen hier auf dem Hofe gehen, wenn I sie sich gegen meinen Willen auflehnen und ihre eigenen Wege I gehen," Versetzte Frau RaMtz mit einem bösen Lächln um den I strengen Mund. -I setzen und steckte sich hinter die Stiefmutter, die ihm mit Zucker und Peitsche helfen sollte. Aber die Pfarrerstochter blieb bei ihrem Bein, und nun war Frau Raklitz auf den Gedanken ae- kommen, nach Öjerdik zu Landrat Sandelin, Lisas Vormund zu fahren, und mit ihm die Sache zu besprechen. j Jawohl, das tat sie auch, und sie fand selbstverständlich sowohl bei dem Landrat wie bei seiner Frau die gewünschte Zustimmung. Die beiden kannten Frau Raklitz gut. Sie hatte lange Hahre in I Ljervik als Haushälterin gedient, und so wußten sie, welche kluge I und überlegte Person sie stets gewesen war. Wahrlich, sie hatte ganz recht, wenn sie die Pfarrerstochter auf Marbacka mit dem Hilfsprediger verheiraten und auf diese Weise di« alte Ordnung aufrechterhalten wollte. Etwas anderes konnte ihrer Meinung nach | gar nicht in Frage kommen. i Frau Raklitz war, wie gesagt, wohlbekannt auf öjerdik. Man I lud sie zum Abendessen ein, und dann setzte sich der Landrat zu i ch" und besprach die Sache bis tief in den Abend hinein. Es - war elf Llhr vorüber, als sich Frau Raklitz endlich auf den Heim- ' weg machte. Aber die Luft war klar und der Mond hell, man brauchte also nicht zu fürchten, daß sie nicht wohlbehalten heim, ! käme. । Frau Aaklitz war sehr zufrieden mit ihrer Reise, als sie von । öiervik abfuhr. Bei Landrats war sie gut ausgenommen worden j der Vormund hatte vollständig mit ihr übereingestimmt, Lisa Maja | müsse den Hilfsprediger heiraten, das fei das einzig richtige. | Während der Wagen mit großer Geschwindigkeit auf den, | Weg dahinrollte, der vom Llfer des Frykensees nach Sunne führt, z überlegte Frau Raklitz eifrig, wie sie ihre arme Stieftochter quälen i und peinigen wolle, bis sie deren Willen gebrochen habe. Es war I fa nur zu Lisa Majas eigenem Besten, wenn diese es auch jetzt | noch nicht einsah, uitb ihre Stiefmutter brauchte sich also deshalb । keinerlei Gewissensbisse zu machen. Auf einmal fuhr der Rappe zusammen und wich so jählings | 8ur Seite, daß der Wagen beinahe umgefallen wäre. Das Pferd I plötzlich ganz scheu geworden und am Durchgehen zu sein. I rannte vom Weg ab, setzte über den Grabenrand und landete auf einem Acker, ehe der lange Bengt es zum Stehen bringen | konnte. Als der Knecht das Tier endlich wieder in die Gewalt bekam, zitterte es wie Espenlaub. Obwohl es auf demselben Fleck stille stand, hob es doch immerfort die Beine auf, eins nach dem andern, unL dabei schrie es, wie man selten ein Pferd schreien hört, | bisweilen sprang es auch gerade in die Höhe. Es war nicht um die Welt auf die Straße zurückzubringen. Als der lange Bengt versuchte, es vorwärts zu treiben, schlug es nach hinten aus, daß der Wagen Gefahr lief, zertrümmert zu werden. „Was gibt's? Was ist denn los, Bengt? Kannst du mir nicht sagen, was los ist?" keuchte Frau Raklitz, und in ihrem Schrecken kniff sie dem Knecht fest in den Arm. „Ist das Pferd verrückt I geworden?" »Der Gaul hat mehr Verstand als wir beide," sagte der lange Bengt. „Rein, er ist nicht verrückt. Aber er sieht etwas, was wir mit wachen Augen nicht wahrnehmen können." Lind jetzt trieb der Rappe mit aller Gewalt rückwärts Er hielt die Rase am Boden und schnaubte und wich zurück, ohne zu fragen, was aus dem Gefährt und seinen Insassen werden würde. Glücklicherweise befand man sich auf einem Felde, das im Sommer RogMr getragen hatte und nun abgeerntet und eben dalag. Roch hielt sich der Wagen auf seinen Rädern, aber er näherte sich immer mehr einem breiten, tiefen Graben. Gerade als der Wagen am Grabenrand angelangt war, hielt der Rappe an. Er stand still, ohne noch weitere Sprünge zu machen, er schnaubte immer wieder aufs neue. „Es wäre am besten, wenn die gnädig« Frau aussteige," sagt« der lange Bengt zu Frau Raklitz; „dann will ich sehen, ob ich das Pferd zwingen kann, an dem vorüberzufahren, was es sieht, was das auch immer sein mag.“ Die Pfarrfrau öffnete den Fußsack, aber als sie den Fuß amf die Erde setzen wollte, zog sie ihn mit einem Schrei zurück und sprang eiligst wieder in den Wagen. „Ich kann nicht aussteigen,“ sagte sie zu dem langen Bengi, „er bewegt sich" „Ich glaube, Ihr seid ebenso verrückt geworden wie das Pferd sagte der lange Bengt. „Was bewegt sich denn?" . , »Der ganze Acker bewegt sich, der ganze Boden bewegt sich!“ rief Frau Raklitz; ihre Stimme bebte, und sie war dem Weinen nahe. „Ach was!" versetzte der lang« Bengi, indem er rasch vom Wagen heruntersprang Er glaubte, es sei ein Geist, der ihn«ii im Wege stehe und das Pferd erschrecke; aber Geister pflegten doch aus der Luft zu kommen, daß sie am Boden hinkröchen, das hatte er noch nie gehört. Aber der lange Bengt sprang auch eiligst auf den Wag«, zuruck und dachte nicht mehr daran, auszusteigen, denn die Pfarrfrau hatte wahr gesprochen — der Boden bewegte sich Gr zitterte nicht wie bei einem Erdbeben, glitt auch nicht! ^hin wie bei einem Erdrutsch, nein, es war, als ob jede einzeln^ Erdscholle Beine bekommen hätte und nun auf dem Weg nach dem Frhkensee unterwegs sei. ________ _________ (Fortsetzung folgt.)