MM ZBT 1923 — Nr. 42 MW W TM MK ii.-! Samstag, 20. Omobsr jchenevDElrenkl :, ber» Ien Fostern herein, und höchstens vernahm man da süßen Bogelschlag leise von fernher. Sonst war alles stille. Der Freiherr hatte keine Famiae außer einer Tante, einer alten, schweigsamen. 9erouWog toanenöen Witwe, welche ihm mit einer kleinen Diener» ’v 'l Tushiel^ in den weiten, schweigenden ^Räumen. Man konnte glauBen, das ganze Schloß schlafe, und die Bewohner wachton nur auf, um zu geigen. SUlle alfo machte der Freiherr stille Musik, rk o blätterte wie in einem Geschichtenbuch • •4,rau!:t<98 ®lt6er schauten ihn dazu von den Wäw oen des Mufltzlmmers an, Landschaften und Stilieben guter älterer ®e& A friedlicher, heiterer, sinniger Kunst. -kstkd patzte nichi zu den anderen; in dem foltert k V damaligen Pariser Schule stellte es Eraw Lai, Oie Mu.se des Liedes und der Liebe im Liede. Der Kopf war Porträt; man porträtierte damals wohl Kinder als g>.flugel.e ^eilten, Damen als Göttinnen. Aber während der Frei» L^rr, wenn er musikalisch träumend auf und ab schritt, bald einen SÄE"’ bald «men Mignon wohlgefällig betrachtete und seine Quartetthemen im Anfchauen immer lauter und lustiger pfiff stummte er vor diesem Bilde, ward zerstreut und verließ ' Das Quartett. Von W. H. Diehl. Der Verlag von Strecker unöSchröder in Stutt» gart hat unter dem Titel „Um Hahdn und Mozart" wahre Kabinettstücke deutscher Rvvellenkimst zu einer Samm» tung bereinigt, t» deren Mittelpunkt die beiden großer Mu- flker des deutschen Rokoko stehen. Reben der hier zum Ab» druck kommenden Rovelle Meister Riehls enthält das ent» Juckend ausgestattete Bändchen noch Mörikes berühmte Mo» zartnovelle und einige bekannte Novellen von ETA Hoffmann, Gersten und Perkonig. Erstes Kapitel. . ^.Eme Tagereise von Wien lag einsam das ahe Schloß Strüth, m wetchem Vor siebzig Jahren der Freiherr Leopold von Strüth Die MM war ihm -das fünfte Element, aber Musik Mit Auswahl; denn er liebte nur gute Musik und hielt ein echtes Streichquartett für die beste unter der guten Jeden Montag war Quartett auf Schloß Strüth, wobei der Fieiherr ute Bratsche spielte, und sein Gutsnachbar, der Graf Thuimer von .ckeuhaus, die erste Geige; jeden Donnerstag hin» gegen ritt der Freiherr nach Reuhaus zum Quartett Beim Grafen. Der Beoiente ueS Freiherrn durfte Montags zwar die Wachslichter ins MMzimmer tragen, aber sie aufstecken oder gar an» zur;0en ourfte er nicht, das tat der Herr mit eigener Hand. Er toat fvnst rea/ Bequem und ließ sich gerne bedienen, nur nicht fürs UiKme.t; denn da konnte er selber sich's kaum recht machen, ge» chweige ein Bedienter. -Und wer ihn vor oder während des Quartetts sah, der mußte ihn für einen rechten Pedanten galten; allein u Lte?rller bl-h in diesem besonderen Falle, und hier war er nieftt aus Pedanterie, sondern aus Ehrfurcht vor den höchsten Offenbarungen dec Kunst. Darum wusch er sich auch alle» imil die Hande, bevor er ans Quartettgeigen ging, nicht weil sie schmutzig gewesen wären, sondern tote sie zu einer symbolischen gleich dem Priester, der sich für ein Opfer im Aller» heiligsten rüstet. Jeder Quartettabend ward für ihn zum vollen Quartettage, schon der Morgen verging in emsiger Vorarbeit. War es Winter, P "TT?,vas Quartettzimmer schon tags vorher geheizt werden, oamtt stch die Instrumente an die Wärme gewöhnten, und in R,^r Krankenstube ward je das Thermometer sorgsamer beobachtet. Vierzehn Grad Reaumur erklärte der Freiherr für die Pfbre Quartettemperatur, während er sonst in den Wohnräumen letned Schlosses an sechzehn Grad gewöhnt war. Er schätzte aber oen inneren Wärmezufchuß, welchen ein herzbewegendes Quartett „„s ™ langfähnger Erfahrung auf zwei Grad, so daß Haydn uno Mozart, die überwiegend gespielt wurden, bei zweiundfünfzig L^^ktabenden im Jahre wohl eine Heizkraft von anderthalb Klafter Buchenholz darstellten. Zahllose kleine Geschäfte erfüllten den Quartettag; dem Mu- mer wären sie lästig gewesen, dem Musikfreunde find ise heiter und bepaglich; denn sie sind ein Vorgeschmack der Quartettseligkeit des M>ends, und wenn der Freiherr Montags höchst eigenhändig die r^en abwifchte und die vier Stühle zurechtrückte, so dünkte ihm oas schon halbe Musik. aber war ihm die wichtigste Vorarbeit: die Uus- Programmes. Indem er die Rotenhefte prüfte und ver- m ch, wählte und verwarf, die Hauptthemen sang und pfiff, spielte t,. J*tor3ens schon im Geiste Quartett, wie abenÄ mit dem Fiedel- »en Rud wer weiß, welches der reinere Genuß war? Längst Ja noch mehr! Kam der ersehnte Abend und zündete der Freiherr die Lichter an, so mußte der Bediente die Erato jedesmal mit c^'em grünen Suche verhängen. Hätte es der Bediente je versäumt und der Blick des Herrn wäre im Spielen auf das Bild gefalle«, fo tourBe er das ganze Zusammenspiel unfehlbar umgeworfen ha» den, Eratos Auge hätte ihn aufgeregt, in einen fremden, trüben Gedankengang hineingezogen, und zum Quartettgeigen braucht man Sammlung, Ruhe und innere Heiterkeit. Zweites Kapitel. Am Abende des 10. Mai 1799 zog ein schweres Donnerwetter gegen Schloß Strüth heran, wo der Freiherr bereits seit eine« halben Stunde im Mufikzimmer stimmte, des Eintritts der Mitspieler getoärttg. -Unter dem Heulen des Windes und dem Klirre« der Scheiben erschien Schlag sieben Uhr das Violoncell und die zweite Geige in der Gestalt des freiherrlichen Gutsverwalters und des alten Kammerdieners, denn auf Strüth nahm man nur solche Leute in Dienst, die in der Diolinschule wenigstens bis zur dritten Lage sich hinaufgegeigt hatten. Jene beiden waren freilich bloß „stumme Personen", wie man in der Theatersprache sagt, sie geigte« fest und redeten nur, wenn sie gefragt wurden. Desto gesprächiger war der vierte oder vielmehr 6er erste Mann, die erste Geige, welche diesmal ein wenig auf sich warten ließ, Graf Thürmer von Reuhaus. Dampfend vom scharfen Ritte trat auch er endlich herein, gerade vor Torschluß, denn im selben Augenblick Begann der Regen stromweise niederzustürzen, und Blitz und Donner nahten in immer kürzeren Pausen Dem VmsM folgte fein Diener, einen Geigenkasten milernt Qlrm. < _ Diesen Geigenkasten blickte der Freiherr so verdacyäg an, daß er den Grafen beinahe übersehen hätte; denn er — der Geigenkasten — war ein unberufener Eindringling, und der Haus- und Quartettherr ahnte wohl dessen Bedeutung. Graf Thürmer war nämlich ein Geigennarr; er hatte auf Neuhaus ein ganzes Lager von alten Geigen, echten und unechten, die er alle als vortrefflich pries: die echten, weil sie echt waren; die unechten, weil sie von Rechts wegen hätten echt sein sollen. Er liebte die Musik, weil er die Geigen liebte, und glaubte,-Mozart, und Hahdn hätten eigentlich nur deshalb so wundervoll komponiert, damit Stradivari und Guarneri ihre Geigen nicht umsonst so wundervoll geleimt und gehobelt hätten. 1 Beim Freiherrn war es umgekehrt. Er schätzte eine gute Gerge. weil er eine gute Musik liebte, und der Graf meinte, das heitze doch die Welt auf den Kopf stellen. Da es aber hierüber in früheren Jahren manchmal zum Streit gekommen war, indem der eine Geigen geigen, der andere aber Musik geigen wollte, so hatte man sich über ein festes Grundgesetz geeinigt. Spielte Montags das Quartett auf Schloß Strüth, so stellie der Freiherr vier gleichartige Instrumente von Stainer, und kein anderes sollte berührt, am wenigsten eine fremde Geige mitgeb rächt werden. Desgleichen bestimmte, der Freiherr das Programm des Abends, und niemand' sollte ein anderes Musikstück auch nur zu wünschen wagen. Musizierte man dagegen am Donnerstag beim Grafen, so war dieser der Quartettherr, er konnte Geigen verführen, so viele er wollte, und Tonstücke auflegen nach! Belieben; der Freiherr war dann sein Vasall, mit Schild und Speer (das heißt mit Fiedelbogen) zu jedem Dienste treu und gehorsam. Es mutzte wohl eine ganz außerordentliche Geige sein, ein tzrotzer Fund, der dem Grafen keine Rühe ließ, datz er so den Montag zum Donnerstag gemacht und das fretnde Instrument gesetzwidrigerweise mit herübergebracht hatte. „Ich bringe da etwas ganz Neues, etwas uralt Neues!" rief er in brennender Mitteilungsbedürftigkeit. Allein der Freiherr unterbrach ihn int festen Gebietertone des Quartettherrin während er ihm als einem alten Freunds doch zugleich freundlich lächelnd auf die Schulter klopfte: „Auch ich» habe eine Neuigkeit oder vielmehr zwei, eine große und eine kleine; die kleine ist ein Quartett von Haydn, neu für uns; spielen wir dies zuerst, dann werde ich nach dem Finale meine große Neuigkeit eröffnen." (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen„des „Mten Mannes" an das SLnrmjahr 1848. < Die „Jugenderinnerungen eines ' alten Mannes" von W. von K ü g e l g e n gehören zu den klassischen Memoirenwerken unseres Schrifttums und haben in unendlich vielen Lesern den Wunsch- erweckt, auch sein ferneres Lebensschicksal im Spiegel seiner! meisterhaften Schilderungskunst kennenzulernen. Dieser Wunsch! wird nun erfüllt durch die Veröffentlichung seiner Briefe an seinen Bruder Gerhard aus den Jahren 1840 bis 1867, die bei K. F. Köhler in Leipzig erscheinen. Kügelgen war in dieser Zeit Hofmaler und vertrauter Berater des Herzogs, und der . Herzogin von Anhalt-Dernburg und fand in-Ballenstedt eine neue Heimat. Hier, hat er auch die Revolution miterlebt, und aus den Briefen dieser, auf- geregelten Zeit seien einige bezeichnende Stellen mitgeteilt. . \ Ballenstedt, am 18. März 1848. Anfang dieses Monats ließ ich einen Brief an Dich abgehen, den Du vielleicht nicht erhalten hast!, weil er Nachrichten enthielt, die man möglicherweise noch eine .Weile zurückzuhalten suchen konnte. Seit jener Zeit, ist ein Sturm der Ereignisse Über Deutschland gefahren, daß mir der Kopf schwindelt und meine Seele voll Unruhe ist. Es ist eine* dunkle Zeit, und obgleich - ich sie worausgesehen und vorausgesagt habe, so hätte ich doch ihren Einbruch schpn jetzt noch, keineswegs erwartet, lstch kann Dir nicht sagen, lieber-Bruder, wie schwarz ich in die Zukunft blicke. Jetzt werden Konzessionen gemacht, jetzt, int ungünstigsten" Augenblicke, und früher .da es Zeit war!, hielt mata sie zurück. Das (Snbe wkrd kein übles sein, ein einiges Deutschland, aber ich schaudere, wenn ich denke, was noch' alles geschehen muß, bis es dahin kommt. Alles, alles konnte vermieden werden, wenn man diesen goldenen dreißigjährigen Frieden anders nützte; ja, noch vor-Jahresfrist hatten es unsere Fürsten in der Hand, sich! das verlorene Vertrauen zurück- luerwerben. Ob nun noch etwas zu retten ist? Ich weiß es nicht. Das Mißtrauen ist so groß, datz man keinem Versprechen mehr traut, wenn es nicht augenblicklich erfüllt wird. Es sind so viele Kon-,. Zessionen gemacht worden, die gar nicht gehalten werden können. Gi, so wollte ich doch lieber den Tod gefunden haben an den Stufen meines Thrones, als mir ein Versprechen entnötigen lassen, das ich nicht halten kann! Doch! bleibt nichts anderes übrig; jeder gescheute und brave Mensch muh sich jetzt eng den ,Regierungen an schließen und die Autoritäten im Lande stützen, so» viel ate möglich, damit wir keiner Pöbelherrschaft und Barbarei anheimfallen. Gin Glück, daß die Unruhen eher losbrachen als sie reif waren. Wäre die französische Revolution zwei Jahre später erfolgt, so wäre Deutschland wahrscheinlich in wilder Anarchie ausgekocht. Jetzt wird die Sache noch einigermaßen zu beschwichtigen sein, hoffe ich. Ueberall ist Aufruhr, selbst in Wien sollest ernste Bewegungen vvrgekommen und Fürst Metternich geflohen sein; in Berlin, in Magdeburg schlägt man sich, aber es fehlest noch nähere Nachrichten. ✓ 25. März 1848. Ach, alter Junge, wenn Du Dir nur denken könntest, wie sonderbar mir zu Mute ist. Meine Träume sinh Wahrheit geworden, und mejn.Wachen ist Traum. Wenn ich morgens aufwache, atme ich frei auf und danke < Gott, datz alles ein Traum gewesen ist, bis. ich mich wieder besinne, datz der Traum doch! Wirklichkeit ist. Deutschland kommt mir vor wie eine Seifenblase, die jeden Augenblick zerplatzen kann. Von jeher hübe ich nichts mehr gefürchtet als eine Revolution, die ich im Geiste sicher kommen sah und die »mich nun mit gewaltigem Wellenschlag um« flutet. Alle und jede Autorität ist aufgehoben, und ein jeder gilt nur, insofern er geliebt, und populär ist. Die mannigfaltig gestörte öffentliche Ordnung besteht nur noch durch alte Gewohnheit und durch! den Respekt, den die Dürgergarden einflötzen. Dieser Respekt ist'rächt größer als eine Erbse, aber doch besser als gar keiner. Wie ein Wahnsinniger erscheint der König von Preußen, der in Berlin herumzieht mit der alten Reichsfahne und sich als Protektor von Deutschland erklärt, und doch ist dies eine Komödie, aus der ein Ernst werden kann; es ist der einzige Weg, den ein König einschlagen. konnte, und wächst die Liebe zu ihm, wie seit einigen Tagen, so wird er. ein Fürst, so mächtig tole die Hohenstaufen, wenn auch ohne jeden Nimbus, den er früher hatte und der vom Absolutismus ausstrahlte. Dieser König, der vom Volke nie geliebt wurde, fängt jetzt an ein kleiner Abgott zu werden, und auch ich liebe ihn herzlich wegen der Schmach, die er geduldet hat und ginge durchs Feuer für ihn. Ballenstedt, am 23. April 1848. Dir, lieber Gerhard scheint auch wie mir die Unruhe der Zeit in den Händen zu liegen, und ich mchttz gestehen, hätte ich nicht zu erzählen und sollte ich meine Briefe nur aus meinen Gedanken herausspinnen, so würde ich jetzt auch erlahmen. 2m Grunde habe ich zu nichts anderem Lust, als meine Flinte auf den Rücken zu nehmen und auszurücken. Es geht vielen so, und es ergießt sich nach und nach in wachsenden Strömen ein kriegerischer Geist über die ganze Bevölkerung aus: Neulich hatten wir hier ein kleines improvisiertes Maneuver, das mir viel Vergnügen machte. Ich habe bei dieser Gelegenheit i/2 ®funb Pulver verschossen und war durch meine lebhafte Phantasie'ganz und gar in eine wirkliche Affäre-verseht. Du würdest gewih schwitzen tote ein Braten, wenn Du diese Spiele mitspielen solltest, und mir geht es auch so, doch sind mir diese Motionen bis jetzt immer noch ganz gut bekommen. Gestern erlebte ich- einen ganz eigenartigen Abend. Unser Kommandant hatte sich! von der Regierung eine Instruktion erbeten Und zur Antwort bekommen, er möchte sich vom Bataillon eine machen lassen und sie dann zur Genehmigung einschicken. Dazu kamen denn gestern alle Offiziere zusammen und überdem von jeder Compagnie ein Unteroffizier und ein Gemeiner. Ich war von meiner Compagnie dafür gewählt. Da ich Weitz, wie es bei solchen Versammlungen herzugehen pflegt, arbeitete ich zu Hanse eine Instruktion aus, um der Versammlung doch etwas Bestimmtes vor- legen zu fiönnen. Hätte ich das nicht getan, so hätten wir keinen einzigen Paragraphen zustande gebracht. Wenn ich einen Paragraphen vorgelesen hatte, so war in der Rßgel alles dagegen, weil sie falsch verstanden'und nicht recht gehört hatten; einige''ungebildete Leute schrien und brüllten dann durcheinander, und ich mutzte oft 10 Minuten warten, bis es mir gelang, mit meiner Verteidigung zu Worte zu kommen, Unterstützt wurde ich glücklicher- weise von drei Advokaten, von denen der eine eine Stimme hatte wie ein Auerochse, und so brachte ich denn endlich alle meine Paragraphen mit wenigen nachteiligen Modifikationen zur Annahme. Von einer solchen Gesellschaft hast Du gar keinen Begriff, das Schreien und Toben, das Der- und Entwirren dauerte von 6 bis 8, -Uhr abends, und ich habe nur meine Geduld dabei bewundert. In einer solchen Kommission der Gescheuteste zu sein,"ohne doch dabei die Eigenschaft einer Autoritätsperson zu haben, ist ein wahres Unglück. * Ballenstedt, am 1. Juli 1848. Dein Brief war vortrefflich voller Ingrimm und Liebs. Ich glaube jetzt selbst, datz Du einen doppelten Menschen in Di-r trägst, d. h. ich glaube, Du hast zwei Seelen, welche wie die berühmten beiden Siamesen zusammengewachsen sind. Bei Deinem Tode wird die eine in Form wirJ Kohlensäure entweichen, die andere, die liebende Seele, aber wird in den Himmel kommen. Daß Dir Deutschland vorkommt wie em fauler Äpfel, an dem bloß noch' die Kerne gelten, oder auchwie eine Woche ohne Sonntag, daran erkenne ich Deinen guten Verstand. Ich habe diese vortrefflichen Bilder in goldenen Rahmen gefaßt und im Audienzzimmer meines Gehirnes aufgehängt. Unsere politischen Aussichten sind in der Tat hoffnungslos. Zwar hat der faule Apfel noch viele gesunde Stellen, aber, den Gesehen der Natur nach fressen nie die gesunden Stellen um sich, sondern immer die firulen. Du bedauerst, daß wir keinen großen 'Mann haben. Ich be- Laure es auch rech Hehr, besonders bah deren keiner auf einen! Throne sitzt. Im. Volke stecken gewiß immer noch ihrer etliche, aber sie können nur durch scheußliche Ereignisse von der Masse entbun- oen werden, was ich wiederum nicht wünsche. Die Nationalversammlung in Frankfurt kämpft einen fürchterlichen Kampf. Du fragst, ob ich glaube, Laß Deutschland zur Einheit, gelange, und willst damit sagen, daß Du es nimmermehr glaubst. Ich glaubtz aber, daß wir die Ruhe nicht eher haben werden, als bis diese Einheit vollbracht ist. Eine Einheit, wie Frankreich und Rußland sie haben, können wir allerdings fürs erste nicht bekommen, aber eine Einheit, die besser ist, als die des alten deutschen Reiches war, wäre allerdings mögliche Daß^das Volk bei uns politisch unreif ist, dann hast Du recht, aber ebenso unreif haben sich die Fürsten gezeigt, sonst hätten wir die ganze Katastrophe nicht erlebt. Trotz dieser Unreife auf der einen Seite um) der Fäulnis aller Verhältnisse auf Aer anderen,muß man sich wundern, Laß die Sachen' bis jetzt noch so gegangen sind, äinreifer als die Franzosen haben sich die Deutschen jedensalls nicht gezeigt, sie haben es nur mit diel schwierigeren Verhältnissen zu tun gehabt *— die deutsche Ausgabe ist eine bei weitem größere. Ballenstedt, am 18. November 1848. Gottlob, es bricht eine bessere Zeit herein über Las arme gequälte deutsche Vaterland, und mein Herz füllt sich mit Freude und Dank. Wien ist gefallen, und endlich hat sich auch der König von Preußen ermannt. Meinen letzten Dries schloß ich, dünkt mich, mit der Nachricht von der Flucht unseres Hofes nach Quedlinburg. Es war ein angstvoller Nachmittag und Abend. Ich fürchtete ernstlich ein Attentat des Pöbels auf mein,Haus, weil auf mich als den angeblichen Hauptreaktionäv große Wpt gelenkt war und viele mir jene Fluchten die Schuhe, schoben. Ich begab mich nach Hause, rief meine Frau und Töchter auf mein Zimmer und gab ihnen Verhaltungsmaßregeln für den Fäll, daß die Rotte vors Haus rücken sollte und ich nicht da sei. Geld und Papiere hatte ich schon gerettet. Während wir das berieten, machte ich mir. zwölf scharfe Patronen zurecht und richtete mich gänzlich zu einem nächtlichen Feldzuge ein. Kaum war ich -fertig, so wurde ich auch in aller Stille in den großen Gasthdf kommandiert, wohin der ganze Flintenzug meiner Compagnie bestellt worden war . . . Wir durchzogen die obere Stadt, fanden sie aber so ruhig, daß wir nun sorglos nach unseren Häusern gehen konnten. Die Meinigen waren alle noch wach und hatten sich sehr geängstigt, La schreiende und lärmende Gesellen auch die Neue Straße durchlungert hatten . . . Am anderen Tage kamen die neuen Minister, um dem Herzoge die neue Verfassung vvrzulegen. Lind endlich nach zehn Tagen traf der Reichskvmmissar, Appella- tionsgerichtsrat v. Amon, in Dernburg ein und verkündete sogleich im ganzen Lande seine Anwesenheit durch eine kurze, sehr ernste Proklamation. Wie Frenssen Dichter wurde (Zu seinem 60. Geburtstag am 19. Oktober.) , Gustav Frenssen feiert in diesen Tagen in aller Stille seinen 60. Geburtstag, nachdem er erst vor kurzem von seiner Reise nach Amerika zurückgekehrt ist, die er unternahm, um die Not seines Volkes lindern zu helfen, und die er uns in einem so gedankenreichen Buche geschildert. Die Höhe des Lebens hat er überschritten, aber nicht die Höhe seines Schaffens, denn sein letztes Buch „Der Pastor von Poggsee" zeigt die ganze Kraft und Innerlichkeit seiner-Erzählungskunst. Aber dieser^Dithmarscher der mit dem schwerblütigen Naturell seiner Heimat in seinen Werken stets um Ideen und bestimmte Zwecke gerrmgen hat trägt in sich die Sehnsucht nach dem „schönen .zwecklosen Fabulieren", und der Wunsch seines Alters ist es, wie er selbst vor kurzem bekannt hat, „das auszuführen, was ich von jungen, Jahren an ersehnt hatte, nämlich mich ohne'eine Tendenz, ohne einen besonderen Auftrag ganz dem Fabulieren hinzugeben." Ebenso sagt er in seinem Dekenmtnisbuch „Grübeleien": „Die einzige reine Freude, die ich habe, ist Las Fabulieren; Las liegt außerhalb des Leides, ja außerhalb des Menschendaserns.' Man schaltet' und waktet in Menschen und Schicksalen wie Gott selber."' Der Tischlersohn, der sich zum großen Volksdichter emporarbeitete, hat stets diesen Zwiespalt zwischen Wirklichkeit und Ideal in sich getragen; umgekehrt wie bei Goethe kam ihm LieeFrohnatur vom Vater, während „des Lebens ernstes Führen", ja dunkle Schwermut Gabe der Mutter war. Der zarte feine Junge fiel schon in der Kindheit unter den derben Dauernlindern auf. „Wat is dat mit den Jung?" Pflegte der Vater zu sagen. „He es mch wietleftig — ne, he is inwendig; he mot studeeven," und die Trauer über das Schlechte auf der Welt machte ihm früh zu schaffen, wie die Mutter erzählt: „Er hat mich früher, als er noch! kleiner war, in seinen ersten Schuljahren, oft gefragt, ob es wirklich! wahr wäre, daß es schlechte Menschen gäbe. Er konnte da» nicht begreifen, und ich armer Mensch konnte es ihm nicht klar machen Dieser Zwiespalt zwischen ihm und der Welt begleitete ihn auch durch die Schulzeit, die er auf dem Ghmnasium zu Meldorf durch- machte. Hier hatte Storm seinen Lebensabend verbracht, und die erste nähere Berührung mit einem Dichtergeist wurde ihm dadurch vermittelt, daß er als wöchentlicher Tischgast in dein Haus erscheinen durfte: in dem Storm zuletzt gewohnt hatte. >-n der Stube, in der er seine letzten Dichtungen geschaffen, las Frenssen „in seltsamer festlicher Stimmung die letzten Novellen, die ich noch nicht kannte." Aber auch die Welt Storms erschien ihm zu eng, zu dämmerig, nicht breit episch genug. Als Student blieb er der scheue innerliche Dorfmensch. „Ich hatte keine Freude an dem einseitigen Gerede und Getriebe der Studenten," schreibt er selbst, „ich war durch die mir angeborenen oder in frühester Jugend überkommenen Erfahrungen so alt, daß ich nur mit erfahrenen reifen Menschen hätte Verkehren können und mögen." Die Steinwüste Berlins, wo er einen Teil seiner Studien verbrachte, machte einen ungeheueren, tief niederdrückenden Eindruck auf ihn; der Menschheit ganzer Jammer packte ihn an. Mit 26 Jahren wurde er Pastor in NordAk-Dithmarschen, erst in Mennstädt, dann in Hemme. Seine Predigten waren es recht eigentlich, die in ihm die bis dahin schlummernde Dichterkraft entbanden. In seinen berühmt geworbenen und weit verbreiteten „Dorspredigten" dichtete er das Leben des Heilandes zu einem deutschen Epos um, und diese Vertiefung in die Wunderwelt der Bibel brachte die Befreiung feines Genius. Nun wendet er sich dem künstlerischen Schaffen, das ihm schon vorher aufge-' dämmert war, ernsthaft''zu, „und allmählich, wie ich weitersann und die ersten kleinen Geschichten schrieb, wurde es immer heller," erzählt er. „Ich merkte, daß ich Augen hatte, welche die Dinge und die Seele, plastisch sehen. Ich merkte, daß ich. das Weinen mit den Weinenden und das Lachen mit den Lachenden nicht als christliche Lebensregel mir zu eigen gemacht hatte, sondern daß es eine besondere stiaturanlage war, die mich so hob, so bedrückte: das Leben aller Menschen mitzuleben. Ich hatte die Gabe, mich zu vergessen, ja ich kann sagen, mich zu verlassens und auf Stunden und Tage wie einer zu sein, der das Leben eines anderen führt." In dieser Gäbe'' ist das Tiefste von Frenssens Dichtertum beschlossen. Nun gelang ihm, was er als „das Größte meines Lebens" bezeichnet: die neue Entdeckung'der Menschen, die seinem Visionären' Schauen das Interesse ihres Wesens, ihr ganzes Schicksal, ja ihre Zukunft offenbarten. Ergreifend hat er geschildert, wie ihm die Männer und Frauen seiner Dichtungeu aus dem Nebel der Herde, vom grauen Himmel der Meereslandschaft entgegentraten, tote sie zu ihm zu sagen schienen: „Sieh uns näher an, du wirst sehen, wie interessant wir sind. In uns ist eine ganze Welt. Mach' du uns fertig!" Die Sehnsucht nach dem Bauerntum, die in seinen Vorfahren, den Dorfhandwerkern und Pastoren gesessen, gewinnt zum erstenmal großartige Gestalt im „Jörn il h l", der nach den ersten noch unvollkommenen Versuchen die Reife seines'Künstlertums offenbart. Früher hatte der arme Pastor dem Vater wohl manchmal gesagt: „Ich kann mir vielleicht einen Hof'erschreiben." Aber der alte Vater, der mit ihm im Pastorat wohntepschüttelte ungläubig den Kopf:,„Gustav, Romane Loht dat ni!" Ülnd der große Erfolg des „Jörn Uhl" tat es doch!, so daß sich Frenssen in den Heimatort Barlt einen stattlichen Marschhof taufen konnte. Der Pfarrer war zum Dichter geworden, der nun erst in seiner Heimat heimisch wurde und aus höchstem Glück heraus rief: „Ich hab' einen Hof! Ich hab' einen Hof!" —------ Arrf treibender EisschsKe. „Länder der Zukunft" ist Ler Titel eines zweibändigen Reisewerks, das soeben bei Brock haus*) erscheint. Gibt es denn überhaupt noch! Länder der Zukunft auf unserer vom Weltkrieg verwüsteten Erde? Fridtjof Nansen hatte auf Sibirien als ein solches Zukunstsland hingewiesen, und Eolin Roß suchte in Südamerika, der aufsteigenden Wellst, solche Länder der Sehnsucht für Heimatlose. Im P o l a r g e b i e t, im Norden von Kanada, sollen sich! die glücklichen Gefilde Breiten, die, noch unberührt von des Alltags Kampf und Hast, der verarmten Welt nodr Nahrung und Kleidung zu bieten vermögen. So behauptet ein amerikanischer Polarforscher, Vilhjalmur Stefansson. Im. Rahmen seines spannenden Berichtes Über fünf Jahre Reisen im höchsten Norden entwickelt er, warum man die von ihm bereisten und entdeckten! Länder so hoffnungsvoll anschen darf. Stefansson, ein Mann von einigen 40 Jahren, hat Wikingerblut in seinen Adern. Eine mächtige Flui und Hungersnot hatten seine Voreltern nach Amerika, tief hinein in den wilden Westen, nach Morddakotai vertrieben, wo sie als Farmer lebten. Der junge Stafansson schwankte zwischen der kaufmännischen und der Gslehrtenlausbahn und dank seiner hohen Fähigkeiten wäre er fast in ganz jungen Jahren ein ehrsamer Schuldirektor geworden. Aber seine Luft nacki! Abenteuern und fein feuriger Sinn für freie Forschung trieben ihn hinaus auf die entbehrungsreiche Bahn eines Polar-' forschers. Der hohe Morden hatte es ihm angetan, und seit fast 20 Jahren ist er seiner Liebe treu geblieben. Das Glück war ihm hold Er entdeckte unter anderem die vielbesprochenen „blonden Eskimos" und auf seinen vielen Reisen in Nacht , und Eis entwickelte er eine ganz eigenartige Reisemethode, die im geraden; Gegensatz steht zu dem, was bisher auch die größten Polarforscher als" unbedingt nötig angesehen haben. Stefansson lebt vom Lande. Er und seine Begleiter ernähren und kleiden sich von dem, was Land und Meer des Polargebietes gewähren. Er lebt genau wie Sie Eskimos, deren guter Freund er in den langen Jahren' geworden ist, und mit dem angeborenen Geschick *) Stefansson: „Länder der Zukunft. Fünf Jahre Reisen im höchsten Norden." 2 Bände. Geb? Gz. 30,—. Bitockhaus-Leipzig. — 168 — dieser Naturkinder verbindet er die tieferen Kenntnisse die ihm die Wissenschaft an die Hand gibt. Wo ist der „öde", '„leblose", „schweigende" Norden, wo sind die „Schrecken der Polarnacht", di« uns beim Lesen früherer Berichte so tief haben erschauern, taffen? In den „leblosen" Giswüsten gewinnt Stefansson durch Jagd Lebensmittel in Hülle und Fülle. Die „schaurige" Polar- nacht ist für die Eskimos die Zeit der höchsten Freuds in der fre nach Herzenslust tanzen und springen und schmausen And wo feit den grauenerregenden Tagen der Expedition Sir John Franklins, der Amerika im Norden umfahren wollte, Hunderte von Menschen elend ums Leben gekommen sind, gibt sich Stefansson mit seinen Leuten mit leichtem Gepäck in aller Seelenruhe wissenschaftlichen Forschungen hin. Seine Erfolge sind Stefansson nicht leicht geworden. Schiffe gingen ihm verloren, Leute, Ausrüstung, und der Nest seiner Begleiter zersplitterte sich in Änbvtmäßigkeit gegen anscheinend irrsinnige Pläne. Als sich das Gerücht vom Tode des Forschers in Amerika verbreitete, glaubte alle Welt gern daran, nur wenige hatten volles Vertrauen in den Mann und seine Ideen. Stefansson ist nicht nur ein Mann der Wissenschaft, ein Mann von vielseitigen Interessen und auch im besten Sinne des Wortes ein Menschenfreund, der sich der Eskimos in hilfreicher Weise annimmt. Köstliche Geschichten kann er erzählen von der Aeberlegeiiheit der Eskimos gegenüber den „zivilisierten" Weihen. Wir haben gelernt, unser Winterlager so behaglich- zu machen dap wir an Land uns nachts immer ausziehen,' dasselbe tun wir auch auf dem Meeres, wenn der Lagerplatz einigermaßen sicher erscheint. Gin wichtiger Schuh vor Gefahr ist der Umstand, daß der Lärm, den das Aufbrechen des Eises verursa<Ä, und sein -Lechzen vom Ezse kilometerweit fort geleitet werden, während .F öie Last fortgeleitete Schall nicht mehr wahrnehmbar Ware. Gin Schneehaus ist so schalldicht, das das Bellen und Knurren und die Balgereien der Hunde draußen im Innern selten zu hören sind. Aber ihr Stampfen und Wälzen im Schnee 1". hörbar, namentlich wenn man mit dem Ohr gegen das Gis im Bett liegt. Infolgedessen hören wir die Hunde-- uirupfe, denen augenblickliche Einhalt getan werden must. Ebenso Huren wir -die Annäherung eines Bären, denn das Kuiricksn fangen, anernander vvrbet zu mahlen, tritt die Gefahr ein, daß von beiden die Ränder abbrechen. Die größte Gefahr entsteht wenn die Gismasse, die unsere Scholle trifft, so &eranfomnö Ast die Beweg ungsünimi der anstotzenden und der eigenen Scholle sich in spitzen Winkeln von 10 bis 30 Grad schneiden Eroße Stücke werden dann rasch- von den Rändern der beiden Schollen abgerissen, wenn sie von gleicher Dicke sind, oder vom Rande der schwächeren. Hat man zufällig auf der schwächeren gelagert, dann heißt es sich rasch fortmachen. Stücke der eigenen Scholle von der Gröhe -eines Bauplatzes fteHen sich auf die Kante und stürzen , auf einen los, und das Gis rings um das Sager und unter ihm fängt an zu dröhnen und sich- empört zuwolben und einzusenken. Wo es sich einsenkt, stürzen kleine Strome von Seewasser herein, uird wo es sich- wölbt, entstehen kleine Preßrücken. Da die relative Geschwindigkeit der Schollen sich nie um mehr als 3 Kilometer unterscheidet, so beträgt di« Geschwindigkeit, mit der man zu fliehen hat, nicht mehr als 3 Kilometer die Stunde und gewöhnlich- weniger Erfolgt aber die Zertrümmerung während des Schlafes, so geschieht das Erwachen ettvas plötzlich, und manches muh in Eile geschehen. 3” unserer fünfjährigen Arbeit auf dem in Bewegung be- findlichen Gis ist es tatsächlich nie vörgekommen, dah wir über- sturzt fliehen muhten, von einem einzigenmal abgesehen, wo die Schlitten zu unserem Glück bereits beladen waren Aber auf den Lagemärschen ist es oft vorgekommen, dass eine ebenso gefährliche toenn auch nicht so aufregende Lage entstand Sie kann eintretens, toenn wir über Gis marschieren, das schon in mahlender Bewegung ist und noch immer unter Druck steht, und wenn wir von einer Sch-olle auf die andere an den Kanten, wo sie zusammen- stoßen, hinüberwechseln. Wenn wir uns auf einer dünnen Scholle bon wenig über einem Hektar Umfang befinden, die auf allen Seiten von stärkeren, Schollen umgeben ist, so werfen sich bei stetiger Pressung ihre Kanten auf, und es bildet sich- bringurn ein Ring King von Gisrucken. Je länger die Pressung anhält, um so größer toerben die Rucken, und die Fläche der Scholle verkleinert sich. s 1 unangenehmes Gefühl, Wenn man sieht, wie diese Rucken sich von allen Seiten langsam nähern mit einem IVirm, der Zivis chen einem leichten Gepolter und einem ohrenbetäubenden Brüllen schwankt, und wenn das Gis, auf dem ßeht, erbittert. Das schlimmste ist, daß das Zittern und Krachen den Hunden eine lähmende Furcht einjagt und sie ganz unbrauchbar macht. In einem solchen Fall sind mehrere Mann bei einem Schlitten nötig. Das einzige, was man tun kann, ist, stE .?sven ziemlich niedrigen Platz auf einem der anrückendeii Eis rucken auszusuchen, wo die Bewegung langsamer ist und wo sich eine solide Scholle jenseits befindet. Einen solchen Ort zu yuden ist schwierig und um so schwieriger, Ä>il das Gewicht ?" i Ruckens die Kante der eigenen Scholle herab- öructt und einen Seewassergraben erzeugt, der die beiden Schollen ' trennt. totr standen, ;n Berührung. Das Bersten und Toben und Krachen der Schollen war geradezu betäubend, und Sisstücke, größer als ein gewöhnliches Haus wälzten sich wie Korke im Wasser. Die herantreibende Scholle fuhr mit einer Geschwindigkeit von mehr als anderthalb Kilometer die Stunde Heran, und wenn sie auf baS landfeste Gis stieß mußte etwas .passieren. Rücken von 9 Meter Hohe und mehr wurden im Augenblick gebildet und stürzten wieder ins Meer, wenn die Pressung des in Beweauna besindlichen Eisfeldes nachlieh. Milkins photographierte nllh ullt einem dieser Rucken als Hintergrund. Dann kehrten wir zum nSriAUntdrod-n ersten Eindruck mit von der unwiderstehlichen Gewalt des arktischen Eises, das durch Wind oder gesetzt ist. Es war ein unheimlicher, ein- drucksvollei Anblick. war dadurch etwas ernüchtert worden." . Mahlen der Sch-ollen gegen das landfeste Eis und gegen- S lvir Eisbrei" nennen, eine Weiche oUi8 Bruchstücken von der Größe einer Faust, eines Kuche^erdes ober eines Hauses besteht. Wenn die Schollen und" su^tstehen offene Wasserstellen in allen Formen unb Großen die sich wieder schließen, wenn die Schollen bei ihrer Bewegung beharren. Rach einem so schweren Sturm wie wir - st^bt hatten, sind Stücks von mehr als fdnf Hektar! t>on Landeis selten. Aber je weiter man sich E'itfentt um so größer werden die Stücke and b^äÄ®i^Cinr F[eat au<6: bm- heftigste Sturm Tn mächtiger zusammenhängender Massen von ^nn b{^Xe^»^Utr^nefr^3Urrrü,j3uraf?en- Aatürlich bildet sich maffe ^on^ 8ufammenftoßen, eine gewisse Es M ungeachtet der Entfernung vom Lande. ist sn Uu 6 *fcln ßa9er "uf dem Meereis je ganz sicher ßZSRKMbs agenblicklich Einhalt getan werden muß Ebenso , „ _, -- Annäherung eines Bären, denn das Knirschen des Schnees unter seinen schweren Tritten ist durch das Eis ms auf 100 Meter zu vernehmen, auch, wenn ein Sturm weht dessen Pfeifen und Brausen etne Unterhaltung unter Männern E dicht nebeneinander im Freien stehen, schwierig machen mürbe’ mn Kampf unter den Hunden aus oder nähert sich ein Bar, bann stürzen wir gewöhnlich- nackt hinaus, gleichgültig, was für eine Temperatur draußen herrscht. Denn Theorie und Praxis buben uns gezeigt, daß ein Frost schauer, der den ganzen Körper trifft, keine üble Wirkung hat, und in dreißig Sekunden bis zwei Minuten kann der Kampf beendet und der Bär getötet fein. Aus dem mit 'ausgezeichnetem Bildermaterial prächtig aus- gestatteten Werke bringen wir im folgenden Stesanssons Bericht über eine Reise auf treibender Eisscholle die er als Fahrzeug für feine Expedition benutzte: ' . Es ist für den Leser vielleicht von Üntereffe zu wissen, was wir unter dem in Bewegung befindlichen Meereis verstehen Eine gewisse Menge Eis friert im Winter am Ufer fest und ruht in einigen Fällen auf einer Strecke von einigen hundert! Meter und in anderen Fällen von mehreren Kilometer fest auf dem seichten Meeresgrund. Entfernt man sich aber weiter vom Lande, so kommt man an die Stelle, die wir die „Scholle" nannten, an den Ort, wo die Kante des am Lande festg-efrorenen Schelf- mses mit dem in Bewegung befindlichen Packeis zusammenstößt. -ast das Packeis in rascher Bewegung, wie nach einem schweren Sturm, so beträgt seine Geschwindigkeit an der Nordküste von Alaska .etwa 3 Kilometer die Stunde, selten etwas mehr Die Eismassen sind von jeder Größe und Mäch-tigkeit. Wenn eine schwere Scholle sich am Rande des Landeises entlang bewegt und sich- dabei an der Kante reibt, so sagen wir, das Packeis „mahlt . .Gelegentlich ist dies ein furchterweckenbes Schauspiel. Statt e^ selbst zu beschreiben, will ich eine Schilderung aus dem ^agebuch Mac Connells entlehnen, der es jetzt zum erstenmal sah: u.ach mittags ging der Chef und seine rechte Hand Storkerson nach der Rinne hinüber. Als er zurückkehrte, sagte er zu Witkins unb mir, mir könnten eine Sehenswürdigkeit sehen, wenn mir bort hinübergingen, wir sollten aber nicht zu nahe an den Rand Ijeran. Es war ein großartiges, furchteinflößendes Bild, das Jia) Qlugen bot. Das grMAL jcnfeitigs hxir in Ds- \ Strlfltohmg: Dr. »« OWW« Anw.-Bu». uns eutotafc«!, X. Sans«. Mit dem Aufbrechen des Eises verhält es sich anbei ; Wenn toir die Erschütterung der hevannahenden Pressung spüren oder das Krachen der brechenden Schollen und das scharfe Quietschm Horen, das entsteht, wenn ein schweres flaches Stück über ein anderes gleitet, bann stürzt einer von uns heraus, um die Lage auszukundschaften. Ist fein Bericht nicht ganz beruhigend so faßren, mir so rasch- in die Kleider wie Feuerwehrleute beim Alarm. | Nud. Die Schlitten stehen fertigbelaben da, nur das Bettzeug I unb Vas Kochgeschirr fehlen^ und dieses kann rasch aufgerafft ""ö aufgepackt werden. Das Anschirren der Hunde ist ebenfalls Mell erledigt; jeder Mann kann etwa zwei Hunde in der Minute anschirren.