Samstag, 20. Januar 1023 — Nr« Z aQ®w WW wk i Sm Reichs der schwarzen Diamantrn. Essen, Januar 1923- WeiMn überragt das gfirbmab &er Kohleizech: di« niederen Häuschm von stleberruhr, in nie erlahmendem <5'4er dreht es NÄ. als sei eS sich seiner Bedeutung bstoustt. Es muh sich ja unaufhörlich drehen, soll nicht der Förderkorb, der hinabfährt in schwarze Steten, stilleste'hen. Es ist ein eigenes Gefühl, wenn man — angetan im sthergmannsanzug — mit brennender Grubenlampe und der unentbehrlichen Spitzhacke (an Stelle des Stockest zum ersden Male den schoanke iden Färderkorb betritt und eins ährt in die Fach-. Wenn auch di« gewMrlichr Geschwindigkeit von 15 Meter in der Sekunde aus 7 Meter vermindert wird bei der Verso nenfachrt, so bedeutet es für den Laien noch immer ein Hinabsausen, und er ist froh, wann er den, engen Jörderkorb lieber verlassen kann, Mn« neue, unbekannte Welt tut sich für On auf, eine Welt, die ichn mit Bewunderung und heimlichem .Unbehagen erfüllt. ®i ist im Deich.' der schuxrrzen Diaman e i, von denen heute das WM unseres ganzen Volkes abhängt, nach denen heute die fremden A Machthaber grei.en, w-eil es der letzte, einzige Reichtum ist, der uns blieb. „Glückauf!" grüfeen die Anschläger, die den Färderkorb bedienen, schieben di« gefüllten Kohlenwagen ein, reihen die leeren 'heraus. Die Schachttür fliegt zu, ein Signal ertönt, in rasender Fahrt geht es zutag. 140 gefüllte KohleNivagen in einer Stunde, die pro Wagen 0,65 Tonnen fassen, insgesamt eine Tagesförde mng von 70? Tonnen. Hier unten in 400 Meter Tiefe, auf der HauptfördersM«, herrsch! reger Betrieb, KMenzüge fahren an, von Lokomotiven mit AKumulatoven- betrieb oder von treue i, in ewiger Dunkelheit erblindeten Gruben- Pferden zum Förderschacht gezogen. Elektrische Bogenlampen erhellen cvribgewlkte Tunnels, die sich nach allen Richtungen hin in unendlich: Fernen verlieren. Gin angenshmes Lüftchen, vom Bergmann „Wetter" genannt, das von dec fünften SoUe, der „WetlersoUe", zur sechste, hinabgeleitet a>-ird, weht in den längen Gängen, wird zur scharfen Zugluft, toinu di« Tunreis sich kreuzen. Zur besseren Verteilung der Wetter in der Grub« sind Wetter- türen angebracht, die sich selbsttätig schließen. Je näher man den Kohlenflözen kommt, desto spärlicher wird die Beleuchtung; sie verliert sich schliesslich ganz; enger und niedriger mardsa die Tunnels, tiefer zieh! sich die Hrärspann- leitvng über den Schienen der Grubenbahn hin und zwingt zur größten Vorsicht. Nun herrscht stille, tiefste Finsternis, die der kleine Strahl der Bergmannslampe mir auf ganz beschränktem Umkreis zu durchbrechen vermag. Die Grubenlampe ist der treueste und vrrlästlichsk Freund des Te gmanns, sie zeigt ihm die Gefahr an, warnt ihn vor seinem schlimmsten Feind, Leu schlagenden Wetter (Grubengas). Das Flämmchen, das in unbeirrter Stich- förmigkeit durch den runden Glaszylinder Helle und auch Wärme gab flackert aus, schwebt plötzlich im Korb oberhalb des Zylinders, wird zur warnenden Flamme, die zur schleunigen Rückkehr zwingt, will der Bergmann nicht sein Leben einsetzen. Bon der Decke fallen Wassertropfen mit klingendem Ton in den kleinen „Lee" auf dem Fnstwrg. In den Kohlenzechen bildet sich, hrrvorgerufen durch feuch e Niederschläge. Grubenwasfer — auS den oberen Gebirgsschichtea fliestt beständig Wasser in den Grubenbau — das von 350 P. S, Zentrifugalpumpen mit einer «u n?? von 2 Kubikmeter pro Minute zutage gefördert wird. ®*n Alchtjunktionieren oder Stillegen dieser Pumpen hätte das «rsaufen ber Gruben zur Folge. Ader feucht ist es trotzdem in । den Gruben, und die bei der Ginfahrt so sauberen Bergmanns« anzüge sind nach der Rückkehr ans Tageslicht nicht wiedev* zuerkennen, Gesicht und Hänle übrigens auch nicht! Schwere Vvv- Hänge sperren di« dunklen Gänge ab, eiserne Türen liegen griff* bereit, um bei dem so gefürchteten Grubenbrand die Ausdehnung des Feuers zu verhindern, das mit rasender Schnelligkeit sich in den unendlich langen Gängen ausbreiten würde. Nun ist man mitten im Kohlen schacht! 3m schwachen Schein der Bergmannslampe glänzen die Koihlenfchichten faszinierend, und der Gedanke an den Kohlenreichtum eines einzigen Förder« schachtes hat für den kohlenhungrigen Later, dem die schwarze« Diamanten schier unerschwinglich geworren sind, etwas Be* vauschendeS, Äebrrwältige ides. stlnd wenn er dazu noch hört, dast einem jeden te.chstrairren Bergmann jährlich 120 Zentner KMen (pro Monat 10 Zentner) zustehen, die ihm mit sage und schreibe fünfzig Pfennigen -»pro Zentner angerochnet werden, so sieht er in jedem Bergmann einen vielbsneideten Kohlenbaron! Aber wer einmal hier unten war und seine Arbeit sah — tote er auf Händen und Fitsten durch enge Kohlenschächtc kriecht, die gerade die Weite eines schlanken Menschen haben, halsbrecherische Leitern emporklimmen must, tote er bei neuen Anbrüchen (neue Strecken) in kostlenstaubdurchschwängerler Lust mit der Pickhacke die schweren schwarzen Ko./.eistucke von den Wänden loshackt und gewärtig sein must, dast die Decke, worunter er arbeitet, herunterbricht und ihn unter sich begrabt — der begreift den Kampf um den Siebenstundentag im Bergwerk, der ja noch i« aller Gedächtnis ist. Die Kohle liegt ja nicht greifbar parat: durch Einwirkung der Gebirgsbewegung wird die regetmä feige Ablagerung der Kohle unterbrochen, es entstehen Faltungen und seitlich: Verschiebungen der Flöze. 3n der Kohle finden sich, sehr schöne Versieinenrngen, Blät.er, Farren, sogar gcuve Baum* stämme. Bis zu 200 Meter Teufe werden noch Kohlen ge* Wonnen, die verschiedener Art sind: Anthrazit, Flammkohls, Gasflammkohle und Gaskohle. Sie werken ans Tageslicht geschasst, separiert und gewaschen und kommen in den bekannten Korn* g rösten in den Handel. Förderkohten sind dir Kohlen, die, sowie sie zutage gefördert, an den Verbraucher abgesetzt werden. Dumpfe Schläge verhallen zitternd im Gestern — es wird gesprengt. Die Dynamitpatrone reifet tiefe Löcher in den Berg, der vorerst mit der Prestluft-Doh.maschine vorbereitet wird. 2ütf diese Weife entsteht ein Querschlag (Verbindung einzelner gtöj* teile miteinander). Das kreischende Knirschen des Bohrers, dev vc-n zwei Bergleuten xeführt wird, dröhnt von den Felzivänden wider, ei'ee mühfeligs, unendlich langwierige Arbeit. Die Spreu« gung nimmt der Schießmeister vor, und man liest mit leichtem Gruseln im Sunfet der Erde von einer schmalen Tür. die hinein ins Innere des Berges führt: Pulverkammer. Eine stlnvorsichtig* keil, und Menschen, Tiere, Kohlen, Dergtverk haben aufgehört zu fein. Bis zur dritten Sohle ist abgebaut, aller Kohsenreichtun« der Erde entzogen, die unersättlichen Menschen sind tiefer hinab* gedrungen, um der Erde ih.e Schätze zu entreißen. Die aus* gebeuteten Flöze werden mit Gestein oder Holz ausgefüllt, damit keine HoUräume entstehen, die für die Grube sehr gefährlich werden .können. Sie werden deshalb ständig geprüft von den Zimmerleuten, die auch das Verzimmern der in Betrieb befindlich:» Strecken vornehmen. Damit die Flöze nicht unter dem Druck des Gebirges zusammenbrechsn. toerixm sie mit Holz «usgeb-aut, Der Druck ist so stark, dast. selbst die schweren, ftsrfa). 10 — EntbenMzer splittern mt> knicken wie Streichhölzer und oftmals erneuert werben müssen, .____ . Um die ganze Grube, die sich von Oft nach West 2800 Meter und nach Süd und Dord 1500 Meter hinzieht, kennenzulernen, würde man drei Wochen gebrauchen, und es ist ein eigenartiger Gedanke, zu wissen, das; da über dec Erde der Werktag mit Lärm und Hast die Straßen von Ueberruhr füllt, daß d>e Sloje bis unter der Ruhr hinziehen! Dann geht der Weg zurück zum Förderschacht. Mit unheimlicher Geschwindigkeit sausen die Korbe abwärts, die Schachttür wird aufgeschlagen, statt der„ Kod-en werden Menschen .zutage gefördert. Das Signal ertönt, die Schachttür fliegt zu, ein 2tudE — der Korb saust aufinanS. Noch ganz benommen steigt man aus, ruft sein „Glüchaus" als Avschiodsgruh und versucht mit Hilfe eftres warmien Bades und einer Unmenge Seife fein menschenähnliches Ausse^n zu» rückzurufen. Ue&er drei Stunden war man unter Tag und freut sich nun doppelt des blauen Himmels und des Sonnenlachelns. dÄ über dem weiten Zechenkomplex liegt. Werthers Pistolen — neue Goethe- Reliquien« Gas 150, Jubiläum von Goethes Aufenthalt in Wetzlar hat eine Ausstellung von Denkwürdigreiten an diele Zeit georrchL, die den Wertster entstehen liest, und damit einen bleroenden Gewinn geschaffen. Das Lotte-Haus wurde geschmackvoll wreder- hergestellt, und vieles Unbekannte oder Verborgene trat ans Familienbesih zutage, durch das die Sammlungen nunmehr zu einer Sehenswürdigkeit geworden sind. Wichtige n e ueGoet he- Funde, die dabei gemacht wurden, bespricht der Chronist der Wetzlarer Goekhezeir, Prof. Heinnch Gloel in der Leipziger „Illustrierten Zeitung". So sind Werklet Pistolen ans Lucht gekommen. Am 29. Oktober 1772 schickte das Urbild des Goekhe- fchen Wertster, der Legaiionssekretär Jerusalem, an Lottes Brau- tigam Kestner ein Brieschen, das Goethe wörtlich in den „Werter" ausgenommen hat: „Dürfte ich Gr ec Wohlgeboren wohl zu einer vovhabenden Reise um Ihre Pistolen gehorsamst ersuchen?" Die „vorhabende Reise" ging in den Tod. Jerusalem erschoß sich, nachdem er die Pistolen erhalten hatte. Diese wurden von Kestner aufbewahrt, von seinen Dachkommen sorgsam gehütet, und sind zu der Jubiläumsausstellung in die Räume zurückgekOhrt. in denen sie einst solches Uüheil angerichtet hatten. Eine dieser Pistolen wird als Leihgabe im Jerusalem-Zimmer verbleiben: es ist nicht etwa eine schwere Reiterpistole, sondern ein Pistölchen von nur 17 Zentimeter Länge mit b Zentimeter Kaliber. Gin kostbares Buch aus Goethes Besitz ist ein von Joh. Heinrich Merck in Darmstadt für Goethe gedrucktes, bisher verschollenes Büchlein, das das Gedicht von Oliver Goldsmich „Das verlassene Dorf' in der Originalsprache enthält, Goethe erzählt in „Dichtung und Wahrheit", dast er diese Dichtung in Wetzlar im Wettbewerb mit Gotter übersetzt habe. Beide Uebersetzungen sind verloren gegangen Aber das englische Buch schenkte Goethe vor seinem Abschied aus Wetzlar seinem Freunde Seltner, und dieser interessante Band ist nunmehr aufgetaucht mit einer Widmung Goethes, die in den Versen besteht: „Wenn einst nach überstandener Lebensmüh und Schmerzen, Das Glück Dir Rüh-- und Wonnetage gibt, Vergiß nicht den, der — ach von ganzen» Herzen, Dich und mit Dir geliebt." Der betanntefte Schattenriß Lottes ist der, den Goethe in Frankfurt in seinem Zimmer angebracht ha^en soll und der seit vier Jahrzehnten stets mit der Unterschrift Goethes: „Lotte, gute Rächt, am 17, Juli 1774" veröffentlicht wird. Bei dec Ausstellung kam nun die getuschte Silhouette ohne Unterschrift zum Vorschein und zugleich ein besonderes Blatt, das oben jene Worte in Goethes Handschrift zeigt und darunter einen bisher unbekannten Umriß von Goethes Kopf in Bleistiftzeichnung. Dieses Blatt mit dem Goet'hekvpf war einst so Sinter das Lotte-Dildnis geklebt, daß die Goetheschen Zeilen als Unterschrift unter den Schattenriß, zu stetsten kamen, während der untere Teil des Blattes mit der stimm',',eichnurrg so nach hinten gebogen war, daß die Zeichnung die Rückseite des Sil- houettenblattes bildete. Danach scheint die Silhouette nicht die zu sein, die Goethe in seinem Frankfurter' Zimmer anbrachte und die nach seinem Tode der Kanzler Müller der Familie Kestner übersandte, denn es ist keine Spur vorhanden, die darauf hinweist, daß er sie, wie er berichtet, mit Radeln an die Tapeten wand geheftet hätte. Das andere Blatt aber ist ein Original, das tonfere Kenntnis von Gvethebildern bereichert. Gine Zierde der Ausstellung bildete das Pastellbild Lottes, das von den Rachkrmrnen Kestners auf die Ausstellung geschickt worden war, Es ist ein Parallelstück zu dem allgemein bekannten Porträt von Joh. Heinrich Schröder, das ber Maler um dieselbe Zeit (1782) ansertigte. Das neue Bild, das früher entstand, ist ähnlicher Und besser gelungen; es ist offenbar nach ber Ratur geschaffen und zeichnet sich daher durch Ui-sprünglichkeit und Frische ans. während das bisher bekannte Gemälde nachträglich idealisiert wurde, Du hast's getan« Von Edgar Allan Pos, (Schluß.) Dun trat Mister Gvodsellow vor und bat mit Tränen in den Augen, etnceimommen zu werden. Er sagte, daß die klare Erkenntnis der Pflichten gegen feinen Schöpfer sowohl, als auch gegen seine Mitmenschen es ihm verwehre, länger zu schweigen. Darnach hat die ehrliche Zuneigung zu dem jungen Manne (ungeachtet dessen Mißhandlung feiner, Mister Goodfellvws Person), ihn bestimmt, alle nur erdenklichen Gründe durch ugehen, um die schweren Verdachtsmomente gegen'Mister Pencheafter zu ent'r ften; diese Verdachtsmomente seien aber nu- doch zu überzeugend und zu schlüssig geworden, er wolle nun nicht länger zögern, wolle alles sagen, was er wisse, und sollte ihm das Herz darüber brechen. Er begann dann mit der Feststellung, daß an dem Rachmittag t>or der Abreise des Mister Shuttleworthy der ehrenwerte alte Herr tn seiner (Mister Goodfellvws) Gegenwart seinem Ressen gesagt habe, er wolle am nächsten Lag zur Stadt, um eine ungewöhnlich große Summe in die Landesbank ein ,u,aSkn; und daß bei dieser Gelegenheit Mister Shuttleworthy seinem Dessen den unwiderruslichen Entschluß kundgezeden hake, das bisherige Testament umzustotzen und ihn mit einem Schuldig abzufinden. Gr (der Zeuge) fordere nun den Angeklagten feierlich auf, anzugeben, ob das, was er (der Zeuge) eben gesagt habe, in allen Einzelheiten die Wahrheit gewesen fei ober nicht. Zur größten Verwunderung aller Zuhörer gab Mister Pennfteather ohne weiteres zu, es fei die Wahrheit gewesen. Der Richter hielt es nun für feine Pflicht, einige Schutzleute abzuordnen, um das Zimmer des Angeklagten im Hause feines Onkels zu durchsuchen. Von dieser Haussuchung kehrten die Beamten fast unverzüglich zurück mit dem wv-lbekannw, stahl gebundenen Taschenbuch aus russischem Leder, daß der alte Herr Jahre lang getragen hatte. Der wertvolle Inhalt war aber verschwunden, und der Richter bemüh'e sich vergettens, aus dem Angeklagten herauszubringen, welchen Gebrauch er von dem Gelte gemacht, oder wo er es verborgen habe. Der A ige.lagte leugnete hartnäckig, irgend etwas von der Dach» zu wissen. Die Schutzleute hatten zwischen dem Bettzeug des stlnglücklichen auch ein Hemd und ein Halstuch gefunden, beide mit Pennifeatkers Aufa:gsbnch,ta. en gemerkt und leide mit dem Blute des Opfers furchtbar be.ubelt. In diesem Augenblick kam die Rachricht, daß dcis Roß des Ermordeten eben im Salle an den F, lgen ter ernt fangen en Wunde verendet sei, und Mister GoodfeUvw reg e an, man solle den Kadaver untersuchen, um möglicherweise b;e Kugel zu finden. Dies geschah; und wie, um die Schuldsrage eindeutig zu lösen, gelang es Mister Goodfellow nach langem Suchen, in der Brusthöhle eine Kugel von außergewöhnlicher Größe zu finden, d.e, wie ein Versuch ergab, genau in die Bohrung von Mister Pen.stfeathers Büchse paßte, während sie für jede andere Büchse zu groß war. Um dis Sache noch besser zu klären, ergab sich überdies noch, daß die Kugel eine große Darbe rechtwinklig zu der üblichen großen Raht hatte, und bei näherer Prüfung stellte es sich heraus, daß diese große Darbe genau einer zufälligen Urte) enheit in ber Kugelsorm entsprach, die von dem Angeklagten als fein Eigen um anerkannt wurde. Dach dem Furch dieser Kugel verzichtete ber Untersuchungsrichter aus alle weiteren Zeugenvernehmungen und beschloß, den Gefangenen unverweilt vor Gericht zu bringen, indem er auch jede Bürgschaft ablehnte, obwohl Mister Goodfellow in warmen, Worten gegen diese Härte sprach und sich zur Bärgschaftsstellung in jeder beliebigen Höhe erbot. Diese Großmut von feiten des „alten Charley" stimmte mit seiner freundschaftlichen und ritterlichen Haltung während seines ganzen Rattleborougher Aufenthaltes überein. Im gegenwärtigen Augenblick wurde ber ehrenwerte Mawn von der ungewöhnlichen Wärme seiner Zuneigung so mitgerissen, daß er bei seinem Angebot, für de ; jungen Freund zu bürgen, ganz vergessen zu haben schien, daß er selbst (Mister Goodfellow) keinen Dollar Wert auf der weiten Welt zu eigen besaß. Das Ergebnis ber Verhandlung ist leicht zu ersehen. Mister Pennifeather wurde unter den lauten Verwünschungen von ganz Rattleborough bei der nächsten Schwurgerichtstagung vvrgeführt. Und dabei wurde die Beweiskette (noch verstärkt durch einige weitere Glieder, die Mistei Goodfellvws Gewissenhas igfeit ihm verboten hatte, dem Gerichtshöfe zu verschweigen) so lückenlos und schlüssig berunben, daß die Geschworenen, ohne sich zu rÄckzu stehen, sofort den Spruch fäll en: „Schuldig des Mordes". Gleich daraus erging das Todesurteil und wurde an das Landgericht zur Bestätigung eingesandt. In der Zwischenzeit hatte die edle Haltung des „alten Charley" ihn den ehrenwerten Bürgern des Fleckens doppelt teuer gemacht. Gr war viel beliebter als je zuvor, und als natürliche Folge der Gastfreiheit, die man ihm überall gewährte, ließ er, halb gezwungen durch die Lage der Dinge, in den peinlich sparsamen Gewohnheiten etwas nach, zu denen ihn bisher seine Armut genötigt hatte. So sah er nun häufig Gäste in seinem Haus, und bei diesen kleinen Gesellschaften herrschten Witz und Frohsinn im höchsten (?vabe, nur leicht gedämpft durch eine gelegentliche Erinnerung an das widrige uub traurige Schicksal, das den Dessen des benagtes Busenfreundes des freigebigen Gastherrn erwartete. 11 — Eines Tages wurde der großherzige alte Herr durch den Empfang des folgenden Briefes angenehm überrascht: Charley Goodfellow, Hochwohlgeboren. Werter- Herr! In Gemäßheit eines Auftrages, der unserem Haus vor etwa zwei Monaten von unserem verehrten Kunden Mister Barnabas Shuttleworthy erteilt worden war, beehren wir uns heute morgen eine Doppelkiste Chateau Margaux, Antilopen« brand, violett gesiegelt, an Ihre werte Adresse abzusenden. Die Kiste ist gezeichnet wie nebenstehend. Wir verbleiben, werter Herr, Ihre sehr ergebenen Hoggs — Frogs — Bogs & Co. .... den 21. Juni 18 . . PS. Die Kiste wird Sie per Achse am Tage nach Ankunft dieses Brieses erreichen. Wir bitten, Mister Shuttleworthy unsere Grüße zu bestellen. H. F. B. & Co. Tatsächlich hatte Mister Govdfellow seit Mister Shuttlewvrthhs Tode alle Hossnung aufgegeben, den versprochenen Chateau Mar- gaux je zu bekommen, und sah dies nun als Zeichen besonderer Zuneigung des Schicksals ihm gegenüber an. Er geriet in Helles Entzücken und lud im ülebermatz seiner Freude eine große Anzahl von Freunden für den nächsteir Tag ein zu einem „kleinen Abendessen", um das Eintreffen der Gabe des gu.en allen Mister Shuttle« worthy festlich zu begehen. Nicht daß er irgend etwas von dem „guten alten Mister Shuttleworthy" gesagt halte, als er die Einladungen erließ. Tatsächlich dachte er viel und beschloß gar nichts zu sagen. Er erwähnte niemandem gegenüber — wenn ich mich recht cri'imere — daß er einen Chateau Margaux zum Geschenk bekommen hatte. Er bat nur seine Freunde, zu ihm zu kommen und ihm ein 'Weinchen von hervorragender Güte und Blume trinken zu helfen, das er vor einigen Monaten aus der Stadt bestellt hatte, und morgen bekommen würde. Endlich kam der Tag und brachte eine große und durchaus ehrenwerte Gesellschaft in Mister Goodfellows^Haus zusammen. — Tatsächlich war der halbe Ort geladen, darunter auch ich —, doch zum großen Aerger des Gastgebers kam der Chateau Margaux erst sehr spät, als die Gäste dem üppigen Mahl, das der „alte Charley" ihnen darbot, schon reichlich zugesprvchen hatten Schließlich kam die Kiste — übermenschlich groß — und da sich die ganze Gesellschaft schon in gehobener Stimmung befand, so wurde beschlössest, daß die Kiste auf Len Tisch gestellt und dort ausgepackt werden sollte. Gesagt, getan. Ich legte mit Hand an, u-rd im Nu hatten wir die Kiste auf dem Tisch, mitten unter den Flaschen und Gläsern, von denen eine erkleckliche Anzahl dabei in Scherben ging. Der „alte Charley", nicht unerheblich berauscht und dunkelrot im Gesicht, nahm mit gespielter Würde am Kopfende des Ti'ches Platz, schlug mit einem Weinkrug den Takt und forderte die Tischaen assen auf, „sich während der Hebung Les Schatzes ruhig zu verhalten". Nach einigem Hin und Her war die Ruhe endlich hergestellt, rmd, wie es oft in ähnlichen Fällen geschieht, trat tiefes und fast bedrückendes Schweigen ein. Der Bit e, den Deckel zu heben, folgte ich mit „größtem Vergnügen". Ich schob den Meißel ein, und kaum hatte ich mit dem Hammer einige leich'e Schläge darauf getan, als der Kistendeckel mit einem heftigen Ruck wegflog und im selben Augenblicke, gerade dem Gastgeber zugewandt, der verstümmelte, blutige und fast verweste Leichnam des ennorde'en Mister Shuttleworthy sich mit einem Ruck sitzend aufrichtete. Er starrte einige Augenblicke lang unverwandt und schmerzlich mit seinen halb- verfaulten glitzernden Augäpfeln Mister Govdfellow ins Gesicht, sprach dann langsam, aber klar und nachdrücklich die Worte: „Du hast's getan", fiel, als wäre er vollauf befriedigt, über den Rand der Kiste und streckte seine bebenden Glieder auf dem Tisch aus. Die Szene, die nun folgte, entzieht sich der Beschreibung. Gin furchtbarer Sturm auf Türe und Fenster fetzte ein, und viele der - kräftigsten Männer fielen au3 blankem Grauen in Ohnmacht. Nach den ersten wilden Schreckensschreien wachten sich aber alle Augen dem „alten Charley" zu. Wenn ich mehr als tausend Jahre lebe, so werde ich doch nie den geradezu tödlichen Schrecken vergessen, der sich auf seinem geisterbleichen Gerichte malte, das eben erst dunkelrot von Lebenslust und Wein gestrahlt hatte. Einige Minuten sah er starr wie ein Marmorbild, und seine Augen, jeden Ausdrucks bar, schieren einwärts gewandt und in die Betrachtung seiner eigenen elenden Mörderseele verloren. Plötzlich schien ihr Ausdruck blitzartig wiederzickehren, er sprang von seinem Sitz auf, warf sich mit "Kopf und Schultern über den Tisch und den Leichnam und sprudelte hastig und überstürzt ein eingehendes Geständnis des scheußlichen Verbrechens hervor, für das Mister Pennifeather gefangen gesetzt und zürn Sterben bestimmt war. Was er sagte, ist in Kürze dies: Er folg'e seinem Opfer bis in die Näh« des Tümpels, erschoß dort das Pferd mit der Pistole, schlug den Reiter mit dem Kolben tot, nahm das Taschenbuch an sich imb zerrte das Pferd, bas er für tot hielt, mit großer Mühe zu fcen Brombeerbüschen am Wasser. Den Leichnam des Mister Shuttleworthy lud er auf sein eigenes Pferd und brachte ihn so zu einem sicheren Versteck, weit weg durch die Wälder. Die Jacke, das Taschenbuch und die Kugel hatte er selbst an die Plätze gebracht, wo sie gefunden worden waren, um sich an Mister Pennifeather zu rächen. Desgleich«, hatte er die Entdeckung des blutigen Hemdes und Halstuches bewerkstelligt. Gegen das Ende des grausigen Geständnisses wurden die Worte des Elenden stammelnd und undeutlich. Kaum hatte er geendet, so erhob er sich, taumelte vom Tisch zurück und stürzte nieder . . . tot Die Mittel, mit denen dieses eben noch rechtzeitige Geständnis erreicht wurde, waren zwar wirksam, aber sehr einfach. Mister Goodfellows übermütiger Freimut hatte mir mißfallen, und gleich zu Anfang meinen Verdacht erweckt. Ich war zugegen gewesen, als ihn Mister Pennifeather zu Boden geschlagen halte, und bc- Ausdruck von Feindseligkeit, der, wenn auch nur einen Augenblick lang, sein Gesicht überzog, hatte mir die Gewißheit gegeben, d»ß er seine Rachedrohung, wenn irgend möglich, peinlich wahr machen würde. Daher kam ich dazu, das Vorgehen des „alten Charley" in einem ganz anderen Lichte zu sehen, als die guten Burger von Rattleborough. Ich sah sofort, daß alle belastenden Entdeckungen mittel- oder unmittelbar immer wieder von ihm ausgingen. Die Tatsache aber, die mir über den wahren Stand der Dinge endgültig die Augen öffnete, war der „Fund" der Kugel durch Mister Govdfellow im Pferde-Kadaver. Ich halte nicht vergessen, wenn auch die Rattleborougher es vergessen hatten, daß eine Wunde da war, durch die die Kugel in das Pferd hinein, und eine andere, durch die sie wieder herausgegangen war. Wenn sie darnach im Tierleib, nachdem sie ihn doch verlassen hatte, gefunden wurde, so lag es auf der Hand, daß sie vom Finder selbst hineingelegt worden sein mußte. Das blutige Hemd und Halstuch verstärkten noch diese Auffassung, denn bei näherer Prüfung ergab sich, daß das Blut Rotwein war und nichts sonst. Wenn ich diese Tatsache und die plötzliche, verdächtige F.eigebigkeit und Verschwendung des Mister Govdfellow überdachte, so kam zu einem Verdacht, der dadurch, daß ich ihn für mich behielt, n~t schwächer wurde. Inzwischen betrieb ich eine rastlose Einzel suche nach dem Leichnam des Mister Shuttleworthy. und zwar aus guten Gründen weit weg von den Stellen, zu denen Mister Govdfellow seine Leute geführt hatte. Schließlich kam ich nach einigen Tagen zu einem alten trockenen Brunnen, dessen Ocffnung von Brombeeren überwuchert war. Und auf dessen Grund fand ich, was ich suchte. Nun hatte ich zufällig das Zwiegespräch der beiden Kumpane belauscht, als Mister Govdfellow es fertig gebrach! hatte, seinen Freund durch Schmeichelei dazu zu bewegen, daß ec ihm eine Kiste Chateau Margaux versprach. Diesen Zufall beschloß ich auszubauen. Ich besorgte mir ein starkes Stück Fischbein, führte es in die Kehle des Leichnams ein und verbarg ihn dann In einer alten Weinkiste, wobei ich darauf achtete, den Körper so zu biegen, daß auch das Fischbein mitgebogen war. Daher mußte ich den Deckel mit Gewalt niederdrücken, bis ich ihn mit Nägeln befestigt hatte, und ich nahm richtig an, daß, sobald die Nägel herausgezogen waren, der Deckel weg- und der Leichnam ausspringen würde. Nachdem ich die Kiste so hergerichtet hatte, zeichnete, numerierte und adressierte ich sie wie oben angegeben, dann schrieb ich einen Brief im Namen der Weinhändler, bei denen Mister Shuttleworthy kaufte, und befahl meinem Diener, die Kiste auf ein Z ichen von mir in einem Schubkarren zu Mister Goodfellow zu fahren. Wegen der Worte, die ich den Leichnam sprechen lassen wollte, verlieh ich mich aus meine Bauchrednerei. Ihre Wirkung stellte ich der Gewissensnot des Mörders anheim. Ich glaube, es ist nichts weiter zu erklären. Mister Penni- featber wurde sofort freigelassen, erbte das Vermögen des Onkels, machte sich die böse Ersah in .!g zunutze, begann ein neues Leben wrd führte es zu einem glücklichen Ende. Philipp Otto Runge als Vorläufer dee modernen Farbenlehre. „Die Schüler, die er im 19. Jahrhundert nicht bilden konnte, wird ihm das 20. zuführen." Mit diesen Worten hat Alfred Lichtwark, der Wiederentdecker des großen Malers der Romantik Philipp Otto Runge seine Dedeutung für die Zukunft voraus« gefügt, und seine Prophezeiung beginnt sich zu erfüllen. Ein Zeichen dafür, daß man Runge endlich als einen der großen deutschen Meister zu erkennen beginnt, ist die jetzt im 3n,,[« Verlag zu Leipzig erschienene Darstein ,g seines Lebens und Werkes von Paul Ferdinand Schmidt, der erste Z rsuch, „der Erscheinung eines der größten Deutschen im Zusammenhang und als Gesamtheit gerecht zu werden." Runges Wolle., und Schaffen wirkt sich erst heute aus: Kunst und Wissenschaft knüpfe!» an die Ahnungen an, die er zuerst verfinn'icht, und -s ist die Farbe, die im Mittelpunkt feiner Weltanschauung stand, die auch heute wieder zur Grundlage alles malerischen Schaffens gemacht wird. Runge 'hat sein Leben lang darum gerungen, der Farbe ihre Bedeutung als Ausdruck göttlicher Geheimnisse, als Deutung der Welträtsel zu erobern. Darum malte er seine Bildnisse und romantischen Dekenntnifse, begründete er in enger Fühlung mit Goethes Studien seine tiefsinnige Farbenlehre. ®r besaß ein außerordentliches Gefühl für die seelische Wirkung der Farbe, wie es wohl bei ihm in solcher Innigkeit zum erften« mal in der Kunst auftritt: Farben und musikalische Klänge standen für ihn in innigster Wechselbeziehung, feine Farbenmystik und Farbensymbolik ist tief erlebt. 3m Anschuß an Jakob BLHwes MNenen tote mich er sein Forbenmyflertum auf den Grundfarben Rot. Bla» und Gelb auf, die den Kampf des Lichtes mit der Dunkelhe'«, di« Srlöfung aller Kreatur in der göttlichen Liebe fombolüleeen. Die Offenbarung des Mau im Tag als Dinnfarbe Gottvaters, das Rot in Morgen und Abend als R!i..ler zwiischen Himmel und Erde, das Gelb in der Macht Ms tiefstes Geheimnis des heiligen Geistes — all das ist in seine» wundersamen Bildern der Tageszeiten ausgedrückt, und eben!» sprechen die Mumen mit ihren Farben für ihn eine geheime Vieldeutige Sprache. So kam Runge zu seiner Farben ihr o- tf«, in ber er als der Dorläuser Wilhelm Oft mal ds erscheint Der ungelehrte Maler konnte freilich im Jahre 1808 nicht de» komplizierten Apparat optischer Me.sungen verwenden, der Ostwalds Farbenlehre ihre wissenschaftliche Exaktheit und praktische Brauchbarkeit sichert. Aber was dem Maler bei feiner Hebung wesentlich ist, die Anordnung aller denkbaren reinen Farben um den Aequatvr einer Kugel und ihre Llbtönung Nach den beiden Polen des absoluten Schwarz und Weist, das tzat Rung« mit der Einfalt des Genies in seiner „Farbenkugel" Ört. Die Berechnung von 3405 Nuancen, die aus feiner nkugel einzutragen find, reicht naküritch nicht an die wisssn» schafikichs Rvrmierung Ostwalds heran, aber gerügt vollständig für der praktischen Gebrauch des Malers. Jedcrsalls hat er die Harmonietehre der Farben bereits geahnt und angewendet. Die Farbenseh-nfucht und das Farbenxesühl, das er vor Md Jahren vor den erstaunten Zeitgenossen entfaltete, bricht sich Heute mit treuer Gewalt Dahn. „Ein Russe," sagt Schmidt, „mutz uns Heutigen mit der älnbekümmerthrit des große» Barbaren au» Kem Osten, von den Konventionen der Aaturnachn'hmung befreien und den Traum Runges do» der absoluten musikalifchm Satbe verwirklichen: Kandinsky: ein anderer, Warr H ha» galt, den Mut zur grenzenlosen ungeheuerliche Phantastik, zur ^Unvernunft und Märchenlogik orientalischer Träume uns geben. Was man ko gemeinhin mit einem halb richtigen Wort Expressionismus nennt, 'hat mit diesem Reich dec Farbe und Wunder so gut wie nichts gemein. Romantisch ist die 'höchst gesteigerte Streite der Farbe, die überall an erster Stelle rangiert: romantisch ir Wilke zur Schrankenlosigkeit der Phantasie, zur Subjektivität des Erlebnisses: romantisch das GrundgefüHl der Hebersteigerung aller Wahrnehmungen zum Poetischen, Märchenhaften und Zu- sammenhanglofen. Man erzählt nicht literarische Wunder, sondern man malt traumhafte Farben und verkehrt die Gesetze des Räum- lichrn zu HemmungslosigkÄten und am End« zu Abstraktionen." In aki diesem ist Runge ein Lehrer der Heutige» und der Künftigen. D!e Wunder der Nadlo-Tekephonie. rsi« ? uvzer Abritz der Entwicklung der Radio- Telephonie.) Das fundamentale Phänomen, welches in der Radiv-Trlegra- phie mb -Telephonie verwendet wird, wurde zuerst vor 34 Jahren von dem deutschen Physiker Heinrich Hertz demonstriert. Hertz zeigte im Jahre 1888, datz es möglich ist. etektrifche Energie drirch den Raum zu senden. Gr war jedoch nicht interessiert, seine Versuche über gröber« Entfernungen auszusiihren und kam offenbar niemals auf den Gedanken, datz seine Entdeckung als ein Mittel der Rachrtchtenübermittelung re wendet werden könnte. Riemaks stellte er fein« Versuche über grohere Gntsernungen als etwa 300 Fuh an. Tatsächlich hat Hertz niemals die Erde als Leiter benützt, ein Verfahren, welches die überbrückte Distanz sofort um em erhebliches dergrötzert hätte. Gr scheint geglaubt zu haben, datz ein solches Vorgehen den Eindruck gemacht haben würde, Latz die Äecertragung dec ($.:erg:e nicht durch den Raum geschehe. Mik anderen Worten war er offenbar nur in der rein physikalischen Seite seiner Entdeckung interessiert. Der Empfänger, welcher von Hertz verwendet wurde, kam unseren modernen Innenantennen sehr nahe. Er bestand aus einem einzigen Drahtbügel, welcher nicht ganz geschlossen war. Der Jtri- schenraum zwischen den beiden Enden war äutzerst gering und Hertz erbrachte den Beweis der .Uebertragung der Energie, als er zeigte, datz ein kleiner Funken In dem Zwichmraum übersprang, tnr n der ^genannte „Oscillator" im Betriebe war. 3m Vergleich zu den modernen Apparaten war feine Einrichtung ein äutzerst roher Empfänger. Viele Jahre blieb Hertz' „Oscillator" ein Laboratoriums- Onstrument und wurde in Verbindung mit physilaiischen Versuchen verwendet. 3m Habre 1894 erkannte Marroni, ein wohlhabender junger Manu mit wisfenschaf.sicher Ausbildung, in dem Heryschen „Os- elllator" die Möglichkeit einer neuen Art der Rachrichlenübermitte» lung. Entgegen seinem Vorgänger verwendete er eine Erdleitung sowohl an der Sende- als auch der Empfangsstation und war Lurch diese Einrichtung sofort im Stand«, gröbere Entfernungen überb-ücken zu können. 3n den folgenden Jahren widmete sich Marroni dem Ausbau seiner Sende- und @tm fangsapparate, bis es ihm am 12 Dezember 1901 gelang, den Buchstaben (drei Punkte) des Morsealphabets über ben Atlantischen Ozean von England nach Reufundland zu übermitteln. Während Marconi Bedeutendes für die Entwicklung der Radiotelegraphie geleistet hat, kann der erwähnte Ve.su h aL feine grotzts Tat bezeichnet werden. Gr hatte damit Len Bew.is erbracht. welch grobe En fernungen mit dem He tzchen „Oscillator" überbrückt werden fönnnen, und da» der Wei ere Ausbau seines Systems allein in der SBcrotLLmmnung der pervxnLeten Apparat« bestünde, 3m Jahre 1884 machte Edison die Entdeckung, Latz «S möglich fei, in einem lu; Meeren Raum von einem heitzen Körper einen elektrischen Strom nach einem kalten Körper zu senden. Etwa25 Jahre später wurde diese Entdeckung von Prof. Fleming. einem der Berater stNarconis, Weiler untersucht, uno als der Professor herausfand, Latz eine derartige Vorrichtung im Stande fei, den elektrischen Strom nur in einer Richtung passieren zu lassen und daher ein Rektifier sei, nahm et ein Patent. Dies war im Jahre 1905; seine E sindung erhielt den Namen „Fleming Ventil". 3n der Radiotelegraphir wurde es als Detektor verwendet und war eine große Verbesserung gegenüber allen damals bekannten Detektoren. Richt lange daraus erhielt Dr. Lee De Forest ein Patent für eine Vorrichtung, welche er „Audion" nannte und welche ein „Fleming Ventil" war, in welches er eine dritte Elektrode eingebaut halte. Diese dritte Elektrode machte es möglich, fcen Strom- lau f in der Röhre zu kontrollieren und die ganze Einrichtung leistungsfähiger zu machen. Trotz des groben Fortschrittes, welcher mit all den verschiedenen Instrumenten gemacht wurde, welche alle in das Gebiet der Vakuumröhre fallen, ist es sonderbar genug, das niemand über die wahren Vorgänge in der modernen Aladin-Lamp« einen Auf» fchlutz geben konnte. Erst Armstrong war es Vorbehalten, im Jahre 1915 der Welt die Wunder zu erllären. Obwohl die Entwicklung der Aussendung von Musik und Rede durch den Raum verhältnismätzig neueren Datums ist, hatte doch De Forest bereits im Jahre 1914 ein gleiches getan. Durch das mangelnde Interesse des Publikums stellte er jedoch seine öffentlichen Versuche wieder ein. Erst im letzten Jahre setzte die gewaltig« Verbreitung wieder ein. 9n elf Tagen von Kapstadt nach London. Die glückliche und schnelle Durchquerung der Wüste Sahara im Kraftwagen ist wohl das grötzte Ereignis in der Erfchiemng Afrikas im letzten Vierteljahrhunkert. Ein nicht minder größter Fortschritt wäre die Anlage einer Eisen bahnstrecke quer durch den ganzen Kontinent, und dieses Problem MjnnMt Dr. William Macdooald in einem englischen Blatt. Diele Ich.« hindurch hat der Plan einer Eisenbahnlinie vom Kap nach Kairo die Oeffcnt* lichkeit beschäftigt. Aber die Südafrikaner, die bei der Durchführung des Planes eine wichtig« Rolle spielen, haben weniger Kairo als Reiseziel im Auge, sondern sie wollen ihre Geschist« in England, Frankreich und Amerika machen und dort ihr« Ferien verbringen. Deshalb wird jetzt in weiten Kreisen ein anderes Projekt begünstigt, das nach Tanger Ms Endstation führt. Die Bahn soll in einer möglichst geradlinigen Linie von den Stanley-Fällen im belgischen Kongo nach Tang«.' geh:n.. Man hofft, datz es nach Vollendung dieser Strecke bereits svtvett fein wird, datz man unter Wasser mit der Eisenbahn nach Algeciras und ebenso im Kanaltunnel nach London reiset kann. Auf dies« Weise wäre ein« vollständige Landreise ohne Tlnierbroching von Kapstadt nach London möglich. Die Strecke von den Stan'ey- Fällen nach Tanger umfasst rund 4500 Km. Die Entfernung von Johannisburg nach Kapstadt ist etwas über 1500 Km. und die Reise kann mit der Baht in 36 Stunden zurückgelegt werden. Da eine ebensolche Schnelligkeit auch für die neue Strecke angenommen werden darf, so würde man in 4Vs Tagen von den Stanley-Fällen nach Tanger gelanget. Von Jo^an es urj nach i«n Stanley-Füllen beträgt die Entfernung etwa 3000 Km.; sie wäre also in drei Tagen zurückzulegen. Man braucht demzufolge von Johannesburg bis Tanger, wenn die Gisenbo'hn gebaut ist, 7l/a Tage. Dimmt man dazu noch zwei Tage für die Durchquerung Spaniens und Frankreichs im Schnellzug, so würde man in etwa 11 Tagen von Kapstadt nach Paris oder London gelangen, also etwa in der Hälfte der Zeit, die man zu Schiss braucht. Für die Südafrikaner wäre eine solche Zeitverkürzung von allergrötzter Wichtigkeit. denn jeder gewonnene Tag ist für Geschäftsleute und Vergnügungsreisende von höchstem Wert, und diese Eisenbahn durch den schtvarzen Kontinent würde einem groben Bedürfnis entgegen (c mitten, ’ , Schriftleitung: August Dsetz, — Druck und Verlag der Druhlschen Univ^Vuch- und vteindruckerei. R. Lange. (Sieben.