Samstag, 18. August BiSg' 1923 — Nr. 33 s !■_ 8 Bi ZUMÄ [yjjj MW ffl® «WW ^vWFfi •M«@Ssig*Ä Der christliche RitLer. (Zum 3 0 0. Todestags Ulrich von Huttens am 23. August.) Bon Dr. Paul Landau. Das Idealbild des „christlichen Ritters", das Erasmus von Rotterdam aufsieilte, ist von Dürer in seinem berühmten Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel" gestaltet worden. Dieser gepanzerte Reitersmann kämpft nicht mehr mit Schwert und Speer, sondern mit geistigen Waffen. Umdräut von den Dämonen einer aufgewühlten Zeit, im heißen Streit der Weltanschauungen zieht er sicher und kühn seines Weges, gewappnet mit dem Schild des Glaubens, gerüstet mit den Wehr und Waffen der neuen Bildung, die Humanismus und Reformation darbvten. Die edelste Ber- kvrperung dieses „christlichen Ritters" ist Ulrich von Hutten, der Held der deutschen Renaissance, der im Kampf für die Gröhe und Einheit feines Vaterlandes rasch sein Leben verblutete. Conrad Ferdinand M ehe r, dessen Dichtung „Huttens letzte Tage" die schönste Verklärung seiner Persönlichkeit darstellt, läßt ihn zu Tod und Teufel l es Dürer-Blattes sprechen: Dem garstigen Paar, davor den Memmen graut, Hab' immerdar ich fest ins Äug' geschaut. Mit diesen beiden starken Knappen reit' Ich, auf des Lebens Straßen allezeit, Bis ich den einen zwang mit tapserein Sinn Und von dem anderen selbst bezwungen bin. Einem edlen Ritterblut entsprossen, hat er stets kühne Fehden, wackeres Fechten mit Schwert und Schrift hochgehalten. Gr stand als Landsknecht auf den italienischen Schlachtfeldern, führte mit seinem Freunds Sickingen manch kecken Streich aus und hat das Lob des Ritterstandes gesungen, in dem noch etwas von urväterlicher Sitte und altdeutscher Biederkeit lebte. Wie stets seine Vorfahren zum Treffen, zieht er selbst in die Schlacht der Geister mit feinem Wahlspruch auf den Schild: „Ich hab's gewagt!" Wiewohl mein fromme Mutter weint Das; ich die Sach' hätt' g'fangen an. Gott Wöll sie trösten, es muh gähn. Und sollt es brechen auch vvrm End, Will's Gott, so mags nit werden gwendt, Daran*will ich brauchen MH und Händ. „2ch hab's gewagt!" Dies Rittertum paarte sich aber bei ihm mit einer Bildung, die auf der Höhe der Zeit stand. Gr verdankte sie dem Kloster zu Mlda. in das er zehnjährig gesteckt wurde und wo er wider seinen Willen bleiben muhte. Gr floh, wurde der Freund des Humanisten Crotus Rubianus und suchte sein Glück in der jungen Literatur, die sich damals zuerst zum Wortführer der Ration machte. Ein ewiger Kampf tvar sein Schicksal, in dem er gehärtet, gestählt, geschliffen wurde zu dem leuchtenden schneidigen Degen, als der er m seinen Schriften aufblitzt: Auf der Schule Aufbäumung gegen Ungerechtigkeit: von dem unbeugsamen Vater verstoßen, von seiner Familie verachtet, auf seinen Irrfahrten ausgeplündert und wund- geschlagen: von furchtbarer Krankheit gepeinigt, in Italien Soldat, m Deutschland im Fürstendienst: stets angriffsbereit trotz aller Rote und Mhrnisse. Bei einem Anrecht, das einem seiner Verwandten, Hans von Hutten, durch den Herzog von Württemberg geschah, zeigte er zuerst die Macht seiner Feder. In fünf Reden Ulw in dem prächtigen Dialog gegen die Tyrannen, die er nach * antiken Tyrannen Phalairas benannte, stellte er den Herzog Ulrich an den Pranger. Das verschaffte ihm Ansehen bet der Mmilie, auch sonst wendete sich alles zum Besseren. Gr wurde von seiner Krankheit wiederhergestellt, dachte ans Heiraten, empfing in Augsburg die Dichterkrone. In dem großen Streit der Humanisten gegen die „Dunkelmänner", der in der genialen Parodie der „Dunkelmänner-Briefe" seinen unsterblichen Ausdruck sand, stand er neben R e u ch l i n, arbeitet auch am zweiten Teil der köstlichen Verspottung mit. Als Diplomat, als Gelehrter hätte er eine ruhige und gute Laufbahn machen können. Aber seine Kämpferseele riß ihn mitten ins Gewühl der Vdeenschlacht: an die Seite Luthers, neben den Revolutionär Sickingen, auf dessen Burg er eine Zuflucht fand. Immer gehetzter wurde sein Leben, immer todesmutiger sein Streiten. Als Sickingen fiel, war auch sein Schicksal besiegelt. Todkrank kam ec nach der Insel Afnau, auch von Erasmus verlassen, der die beschauliche Stille dem heldenhaften Ringen vorgezogen. So fand er in den letzten Tagen des August 1523 mit 35 Jahren ein tragisches, aber stolzes Ende. Früh schnitt der Winzer Tod die Edeltraube, „die hellt gekeltert wird und morgen kreist in Deutschlands Aeckern als ein Feuergeist". Huttens Bedeutung liegt mehr in seiner Persönlichkeit, in der Kühnheit seiner Ideen, in dem ahnungsvollen Vorausschauen deutscher Ziele, im Aufrütteln seines Volkes, als in seiner literarischen Leistung. So lebendig er zu schildern wußte, so leidenschaftlich und fortreißend seine Rede hinströmte, war er doch kein Dichter, auch kein bedeutender Gelehrter. Seine lateinischen Schriften zeigen ihn als gewandten Schriftsteller des Humanismus. Das Latein war ihm, wie seinen Gefährten, die geläufige Umgangssprache. Er aber wagte den Uebergang zum Deutschen, und wenn er auch nicht die Feinheit und Eleganz seiner lateinischen Werke erreicht, so pulst doch sein deutsches Herz in diesen ungelenken, derben, manchmal mühsam gestammelten Sätzen und Versen ungestümer, freier, hinreißender. Run erst wird aus dem gelehrten Polemiker der Volksmann, aus dem Humanisten der Jouriralist. Luther war auch darin sein Vorbild. ^.Latein ich vor geschrieben hab," sagt er in seiner „Klag und Vermahnung," „das war etnm jeden nit bekannt. Jetzt schrei ich an das Vaterland, Teutsch Ration in ihrer Sprach, zu bringen diesen Dingen Rach!" Er schrieb aus deutscher Gesinnung, aus deutschem Geiste. Seine Werke sind durchströmt von einer Vaterlandsliebe, wie sie sich damals erst in leisen Anfängen regte. Als ein solcher früher Herold des Deutschtums wird uns Hutten stets ehrwürdig bleiben. Schon in einer seiner ersten Schriften behauptete er, daß die Deutschen mit den Vorfahren verglichen, keineswegs entartet seien. Wissenschaft und Künste, Handel und Gewerbe blühten. Mut und Kühnheit seien unter ihnen noch wach, so daß kein anderes Volk sie in ihren Grenzen anzugreifen wage, auch in ihren Sitten seien sie, von einiger Ansteckung durch den Geist Roms abgesehen, noch unverdorben. Heftig zieht er gegen alles Andeutsche zu Felde, das aus den romanischen Ländern kommt, aus Italien und Frankreich. Gr verhöhnt den gallischen Hahn, dessen frevler Hochmut ihn nicht schreckt, und schlägt einmal 5 Franzosen, die seinen Kaiser zu schmähen wagen, allein in die Flucht, er schildert die „unchristliche Gewalt" des Papstes, die Sünden und Aeppigkeiten Italiens, vor denen er sein Volk bewahren möchte. Deutschland muß nur aus sich selbst vertrauen, wenn es groß und mächtig werden will, es muh einig sein. 3n feiner großartigen „Türkenrede" hat er mit einem Pathos,, das heute so frisch klingt und so wahr ist, wie votz 300 Jahren, die Deutschen zur Einigkeit ermahnt. „Woher kommt Eure Aneinigkeit?" fragt er. „Aus Grenzstreitigkeiten, Eifersüchte- - 130 - leien Rangstreitigkeiten. Die Vorteile, um die Ihr Euch zanket, sind 'sämtlich viel geringer, als der, den Ihr alle von der Ewigkeit haben würdet." And ebenso zeitgemäß ist seine Klage Last den Deutschen nur der Führer fehle, um sie zur Macht und Gröhe zu bringen, um ihre Tapferkeit, ihren blühenden -Tatendurst, ihre hohen Fähigkeiten zu entbinden. Die Freude an dem Charakter der Deutschen, die Liebe zu den Sitten und der Verfassung,der Vorzeit bricht bei Hutten immer wieder durch, er hat sein Volk m dem reinen Spiegel der Vergangenheit- schauen lassen, damit es neue Zuversicht und Stärke gewinne. Am schönsten in seinem letzten Werk, dem Dialog Armknius, der zum erstenmal Heinnann den Cherusker als getreuen Gkhart der Deutschen heraufbeschwort und so die lange Reihe der Hermann-Dichtungen bis zu Hemrlch von Kleist eröffnet. Sein Arminius erhebt vor dem Totenrichter Minos den Anspruch, der erste Feldherr der Welt zu sein, und er wird als Befreier seines Volkes von der Unterdrückung durch die Wel Verehrung des deutschen Wesens erwächst Hutten die Hoffnung, da st seine Nation sich wieder auf ihre Große beginnen werde. Jauchze, o jauchze, mein Deutschland, wofern du dich selbst erkennst" ruft er aus, und er glaubt den Augenblick des Erwachens, der Selbsterkenntnis herangekvmmM. Er hoffte auf Die Erneuerung des deutschen Kaisertums. Der Kaiser sollte em stehendes Heer schaffen, aus Bittern und Laichsknechten zum K^ws gegen Türken und Franzosen. Wie ein Mann ^Me das Volk aufstehen für Freiheit und Gerechtigkeit und dre alte Sitte. Dieses hvffnungsfrohe Frühlingswehen, dieser Geist erner neuen Zeit d in den Tagen der Reformation Deutschland erfüllte, hat tu, Hut tens Schriften den herrlichsten Ausdruck gefunden. Er ist elii ^Mbel- ruf, der noch heute nicht verhallt ist: »die Geister erwachen! Es ist "^Huttens Einstellung ist nicht in erster Linie religiös, tote fnft allen Mitkämpfern Luthers, sondern politisch^ sein Streben war national und deutsch im besten Sinne. Er ist mit seinen Unternehmungen gescheitert," sagte fern Mograph D. F. St.auß, »aber nicht, weil diese in sich unrecht °der verkehrt waren son dern nur weil er sogleich und sofort durchfuhren wollte was nur eins nach dem andern und in langen Fristendurchzu^uhrenwan Luther und der gesamte Protestantismus beschrankte ach auf das religiöse Gebiet, sah von dem Politischen ab Uud nahm auch von deii Errungenschaften des Humanismus nur so viel auf, als chr seine Zwecke unentbehrlich war: der Protestantismus kxit^in seinen Kampf mit der katholischen Reaktlon, die Einheit und Macht der Deutschen Reiches vollends gebrochen, und Sitte und Bildung des deutschen Volkes in enge Bande geschnürt, w-rauhe Gewänder ge- kldiöet. Dafür aber hat er innerhalb seines Gebietes seinen ,Zweck erreicht, die Befreiung der gereinigten Kirche von Mn'i, die Erziehung des deutscheii Volkes, soweit es ihm sich nicht verschlotz, zu selbständigem religiösem Leben durchgeseht. -Und als die Zeit erfüllt war, wurde jene starre Rinde gesprengt, aus der konfes- sionell-protestantischen ging mit unserer klassischen deutschen Literatur die freie humane Bildung hervor. Und abermals wie d e Zeit erfüllt war, ist ans dieser humanen Durchbildung des deutschen Volkes die politische Einheit und Macht, das neue Deutsche Reich hervorgegangen. Jetzt sehen wir: Hutten hatte doch recht gehabt, daß er eins nicht ohne das andere haben wollte, in der Tat gehören auch beide: die im Protestantismus wurzelnde humane Bildung und die politische Einheit und Macht der so gebildeten Ration wirklich zusammen, und Huttens Irrtum ist nur der aller prophetischen Raturen gewesen, zugleich und m et nein ats glänzendes Ideal zu schauen und zu begehren, was die Menschheit nur Schritt um Schritt und Stück für Stück m jahrhundelangem Ringen erreichen kann." _ , „ Aber als ein Dorahner und Vorläufer wies er kommenden Geschlechtern und Jahrhunderten den Weg, und die späteren haben sich seiner erinnert, als 1848 das Volk um seine Freiheit kämpfte Ünd 1870/71 die von ihm so heiß ersehnte deutsche Einheit und das deutsche Kaiserreich neu geschaffen wurde. Strauß hat damals Hutten, den »christlichen Ritter", unter die Geistesführer der Ration eingereiht, und so schreitet er uns in seiner leuchtenden Rüstung noch heute vorauf, gelassen und kühn zwischen Teufels- und Todesgefahren, ein Volksmann und Patriot, ein Kämpfer für deutsche Freiheit und deutsches Recht. Was not tut. Der »Rheinische Beobachter", der schon lange rühmlichst bekannte wackere Kämpfer für Deutschlands Recht am Rhein, zieht zur rechten Zeit Worte eines Joseph G ö r - res wieder ans Licht, Worte des Mannes, der in sernent »Rheinischen Merkur" während derBefreiungskriege mit durchaus selbständigem Geist die Interessen des deutschen Volkes am Rhein so krastvoll und ernst vertrat, daß Rapoleon seins Zeitschrift mit dem Ehrentitel einer sechsten Großmacht belegte. Wollen wir deutsch verfahren, dann wenden wir vorerst unsere Kratt auf uns selbst zurück; wir lassen die Idee, die in uns T ; . ^getreten, mehr und mehr durchleuchten unser Inneres und ir ourchwärmen, wir reichen einer dem andern die Leuchte hin, daß auch er fein Licht daran entzünde; wir legen selber Hand an uns, wie der Künstler sie an Stein und Erz legt: und wenn wir es dann zu einer rechten Gestalt gebracht und uns in einem Willen aneinander schließen, dann ist unser Volk eine leuchtende Ehrensäule, wie noch, keine in der Geschichte gestanden hak. Voneinander sind wir getrennt wie eines Baumes Zweige, von anderen Völkern aber tote verschiedene Bäume eines Waldes. Untereinander sollen wir die e n g st e G e m e i n s ch a s t haben den Fremden uns in keiner Weise aufpfropsen. Singe jeder seinen Ton, tote er eint haften feinn unb ntdA, ober t>or ullem irtun eine monie zugrunde liegen. — . Was jeder dem Ganzen zum Opfer bringt, ist dreifach tn dem Ganzen wieder gewonnen; auf diesem Grundsatz ist der Staat erbaut, darauf muß auch das Reich gegründet frin. — So lange wird Deutschland in Schande und Erniedrigung leben, preisgegebenen eigenem Hader und frechem Uebermut, bis jein Volk sich, wieder der Idee zuwendet, von der es sich, der Eigensucht nag)» tagend, lossagte, und bis es durch wahrhaftige Gottesfurcht, gründlich treuen Sinn, festes Zusammenhalten tn gleicher Begeisterung und bescheidener Selbstverleugnung, wieder tauglich geworden ist, solche Werke auszuführen, wie es sie jetzt in seiner Versunkenheit aufgegeben. Die Mutter. Ein Erlebnis von Christoph ®ieprecht. Das war vor einem Dezenium noch gute braune Schotte voll Kraft und erdhafter Schönheit. Kornblumen, Raden und Mohne blickten aus wogendem Getreide. Kartoffeläcker erzählten und sangen vom Urwuchs, von dem, was Menschen an Erde und Manschen an Menschen bindet. Es ist vorbei. Heute überschreite ich das Gelände, grübelnd in den Tiefen des Geschehens, dasl von Tal zu Berg und weiter von Berg, zu Berg schleudert. Man geht oft an sich entwickelnden Dingen gleichgültig vorüber, ohne sich der ganzen Tragweite der Entwicklung bewußt zu werden. Ja, man jubelt oft einer Umwälzung zu, um erst später zu erkennen, um welchen Preis sie vor sich ging. So auch hier. m Es ist ein schwüler Juliabend. Das Gelände, von dem ich sprecke, ist die große breite Essener Kruppstraße, die sich vorn Bismarckplatz bis zur Mülheimer Grenze zieht. Sine Doppelreihe junger Bäumchen erstreckt sich zwischen zwei Fahrdämmen, gerade an der Stelle, wo uns der Krieg die neuen Werkhallen schuf. Dichter Qalm quillt aus den neuen hohen Kummen. Ich schreite an der ungeheueren Front des Baues vorüber, der trt der Zeit heiliger Rot Geschosse um Geschosse spie — Tag und Aacbt — Rächt und Tag. Heute dient er der Slrbeit des Friedens Aber damals — da rauschten und brausten die Transmissionen und Räder, surrten die Spindeln und Zahngetriebe der Bänke — niegeschaute Dynamik einer stürzenden Welt. Und m den Hallen, standen sie wie überall — in blauen Blusen und Hosen — die deutschen Frauen und Mädchen, die das Schicksal herausrch aus Heim und Familie und hineinstieß in die eiferne Welt. Roch habe ich ihr Bild vor Augen wie ein Kolossalgemälde voll tragischen Heldentums. Roch sehe ich die glitzernden Spanchen in den blonden Locken, die zerrissenen Händchen, von der Arbeit geschwärzt, und noch fühle ich den Schlag der heißen, zerrissenen Herzen/ die nach Friede lechzten, — und Mutterschaft ..... »Leben Sie auch noch," klingt es dicht vor mir auf dem Prv- menadenteeg. Erstaunt schaue ich auf. Eine junge Frau, an der Hand ein kleines, blasses Mädchen, und eines in einem wackligen Wägelchen reicht mir die Hand. . . Traurig blickt sie mich an. Die ganze Welt liegt in diesem Blick. Es ist dasselbe blaue Auge noch wie damals, als sie neben mir an der Werkbank stand und Granaten drehte. , r „Ob ich noch lebe? — Mehr denn je zuvor: früher haben wir nur geträumt,“ gebe ich zurück, »heute erleben wir das Leben." Auch ich weiß heute, was Leben ist. Wann nimmt dieses Elend ein Ende? Da, sehen Sie die Kinder an. Seit Wochen bekommen Sie schon keine Milch mehr. Sie siechen dahin — fterben mir vor den Augen. Sagen Sie, gibt es wohl noch einen Gott. Gibt es einen Gott, der so etwas zulassen kann? Reun Jahre schon trägt man das Entsetzlichste, neun Jahre hat man gehofft und gebetet um Frieden, nur um Frieden, und heute, da man uns bestialisch erwürgt, möchte man alles verfluchen, was sich noch Gott und Menschen nennt!“ , Tränen quellen aus den blauen Augen, aus diesen feelen» vollen Augen, die mich so oft zu dichterischem Schaffen begeisterten. Aus ihnen las ich ja damals mein Gedicht „Kriegsarbeiterin. Jetzt schwingen in mir bie Verse von damals wieder: „Dann ruft die Maschine in wildem Gebraus: Laß nur dein Träumen und Sehnen — An meinem Herzen hier weine dich aus 3m Takte mit meinem Stöhnen ..." Arme junge Mutter, du verkörperst mir die,, zerbrechende Seete der deutschen Frau! Damals brachte die Arbeit der Rot dir Hoffnung — du harrtest aus — und heute schaust du in die verlöschenden Augen derer, die du unter dem Herzen trugst. Mutterschaft! Deutsche Frau, deine Mutterschaft ist zu einer Hölle unsäglicher Qual geworden! Und doch sollst du die Retterin ,etn. Du- bist das grüne Band, das un- mit der großen Mutter Erve verbindet, aus der unsere Zukunft wächst. Du mußt leidend hoffen, bis endlich der Mensch geboren wirb und du — wirst ihn gebären . . . und sein Herz aufs äußerste anstrengen. Seine Kleidung mutz so leicht wie möglich sein, um ihn nicht zu beschweren und seine Bewegungen nicht zu hindern, aber (ie darf nicht so leicht fein, dah er bei'einer Kälte von 30 oder 40 Grad friert. Der Bergsteiger kann ziemlich sicher sein, datz er beständig einem sehr ermüdenden Wind ausgesetzt ist, der das Atemholen erschwert und ihn, wenn er stark ist, dem Ersticken nahebringt. Hat er Gegenwind, so werden seine Bewegungen auch rein mechanisch erschwert. Die Mount-Everest-Expedition wird ohne Zweifel gerade während der Jahreszeit in voller Tätigkeit sein, in der der Südwestmonsun über die Erdoberfläche weht und seine regen- schwangeren Wolkenmassen die Südhänge des Himalaja hinaufsteigt Riemand weitz, wie hoch hinauf der Monsun seme Wirkungen erstreckt, lieber ganz Tibet hin habe ich seine Herrschaft in einer mittleren Höhe von 4900 Meter verspürt. Möglichertveise ist seine Gewalt in den großen Höhen, wo die Unebenheiten der Erdkruste keine nennenswerte Reibung verursachen, ganz außer- ordentlich. Vielleicht führt die auserlesene Abteilung wohlgeübter Engländer, die von einem letzten, so hoch als möglich aufgeschlageneir Lager aus die entscheidende Ersteigung ausführen sollen, Sauer- stof.sapparate mit sich, Solche können aber höchstens wahrend per Rusten, nicht während des Marsches benutzt werden. Denn wie leicht sie auch gemacht werden, haben sie doch ein Gewicht und erschweren die Bewegt- ngsfreiheit. An den Lagerplätzen auf dem Anstieg müsfen sie dagegen von großem tWert sein, da sie dazu beitragen, die Männer so lange wie möglich bei Kräften zu erhalten. Das Schlimmste von allem ist die ununterbrochene Abnahme der Kräfte, je höher hinauf man kommt. An jedem neuen Lagerplatz ist man physisch müder als an dem letztvorhergehenden. And wenn man das letzte Lager erreicht, von dem aus the final dash for the Peak beginnen soll, ist man tn schlechterer Verfassung als in irgendeinem der vorhergehenden Lager, wenn nicht etwa das Wetter dort ungünstiger war. , . Bei jedem Schritt muß man gespannt aufpassen und genau zusehen, wo man seinen Fuß hinsetzt. Auch wenn dieses Achtgedm zur Gewohnheit wird, führt es doch Ee physische Ermudungmtt sich. Bald geht es steil auf Felsenkämme die der Windvon Schnee blankgefegt hat, bald wird man durchs schneegefullte Rinnen und Schluchten aufgehalten, bald wird man durch die Formen desGe- ländes zu längen ermüdenden Umwegen gezwungen, auf Denen man vielleicht nicht einen Fuß an Höhe gewinnt, wo man aber alle Aussicht hat. das vorher Gewonnene zu verlieren. Solch. Schwierigkeiten hat jeder Bergsteiger zu überwinden nicht am we niasten in den Alpen. Aber dort gibt es kernen Gipfel, der eine Höhe von 4810 Meter übersteigt, und die Lustverdunnung verursacht dort keine nennenswerte Atemnot. Die Vergkrankheii macht sich vor allem bei einem schnellen Aufstwg geltend. Als ui) am 11. Juli 1890 in Persien den Gipfel des Demaw end bestieg, suhlte ich in 3250 Meter Höhe größere Beschwerden, Aebelkelt, Kops schmerzen und Ohrensausen als auf dem Gipfel selbst, der 2250 Meter höher liegt. Auf dem Mus-tag-ata m Pa'Nia auf dem Dach der Welt, verlebte ich vom 6. zum 7. August 1894 m der Höhe von 6300 Meter eine fürchterliche Rächt, obgleich ich o.n ganzen Weg auf einem Jak geritten war. 6300 Meter hoch zu steigen, ist keine Kunst. Erst oberhalbdieer Höhe beginnt der Ernst. Als der Herzog der Mruzzen.am.18 Juli 1909 den Bride Peak im Karakorum bis zu 7500 Meter Hohe er stieg schlug er damit alle Rekorde. Höher über dem M^resfpwgcl war kein Mensch auf dem Erdboden gewesen. Da bei: ®u&e $eaJ 7654 Meter hoch ist, hatte der Herzog nur noch 154 Meter Ins Aur Stütze Aber er konnte nicht weiter. Diese 154 Meter waren schwerer zu nehmen als die bereits bewältigten 7500. Wem) die enalifche Expedition den 7500-Meter-Rekord des Herzogs schlagt, dann hat sie noch 1340 Meter bis zum Gipfel. Diese armseligen anderthalb Kilometer in vertikaler Richtung werden den Englan dern unglaubliche Mühe kosten bei ihrem Versuch, diesen RÄord zu brechem Ich weiß nicht, ob sie ihren unglücklichen Beschluß vom Sommer 1921. Flugzeuge nicht mitzunehmen, vus^M^n h^ ben Ohne Zweifel hätten solche bei der jetzigen Entwicklung der Fluatechnik mit großem Vorteil dazu verwendet werden können, Proviant Zelte und anderes zu hochgelegenen Depots auf dem zum Givfel zu brin'gen. Durch diesen Beschluß haben sie, wenn sic ihren Plan nicht wieder geändert haben, auf eins der vorzüglichsten Hilfsmittel der Reuzeit verzichtet. ... 5 9 Endlich darf man die Beschaffenheit des Schnees in dieser Hübe nickt vergessen. Darüber weiß man xedoch nichts Sickere^ ‘ Die Insolation, die direkte Sonnenbestrahlung, ist ver- mutlick so stark, daß der Schnee an ruhigen, klaren Tagen an der Oberfläche schmilzt, auch wenn es im Schatten eine Kalte von 40 Grad'hat/ Dann entsteht Harsch, der das Steigen mit genagel- ten Schuhen erleichtert. An schattigen Stellen kann der Schnee trocken und fein wie Kartoffelmehl sein, und ohne Schneereifen ist es dann unmöglich, vorwärtszukommen. Wird man dort oben von einem Schneesturm überfallen, dann kann man etwas erleben, was man nie vergißt - wenn man überhaupt mit dem Leben davon kommt. Auf steilen Hängen ist man ständig der Gefahr durch M- winen und Schneerutsche auggefefft. Während des ganzen Spat- Urners und Herbstes 1921 konnten die Teilnehmer der vorher^ tenden Expedition täglich sehen, wie es von allen Kämmen Des Die Schwierigkeiten der Mount-Everest- Expedition. Gin sehr interessantes Buch des berühmten Tibet-Forschers und warmherzigen Deutschenfreundes Sven He bin über den „Mount Everest" hat kürzlich ber Verlag von F. A. Brock haus in Leipzig herausgebracht. Der Verfasser bespricht darin die von den Engländern unternommenen Versuche, den Mount Everest", den höchsten Berg der Welt, zu besteigen. Das" Buch ist außerordentlich instruktiv und lebendig geschrieben es verdient das ernsthafteste Interesse aller Bücherfreunde. Mit der freundlichen Erlaubnis des Berlages machen wir unsere Leser hier mit einem Teile eines Kapitels bekannt. Sven Hedin bringt darin seine Zweifel hinsichtlich der Erreichung des Endzieles ber noch im Gange befindlichen englischen Unternehmung in sehr fesselnder Weise zum Ausdruck. Er ,chreibt u. a.: Ich will nun Rechenschaft geben über die Voraussetzungen auf die ich meinen Skeptizismus gründe hinsichtlich der sportlichen Großtat den Gipfel des Mount Everest zu erobern. Es gibtetne Höhengrenze, über die hinaus die Körperkonstitutivn des Menschen die Luftverdünnung nicht ertragen kann. Diese Grenze ift keineswegs scharf, sie wechselt für verschiedene Individuen. Es ist klar Vein geschulter Alpinist oder Luftschiffer eine weit stur- kere Luftverdünnung zu ertragen vermag als ctn 41u^bter.®-i4eg oilt in gleichem Matze für Bergbesteigungen tote für Ballonfahrten. Lr Meter, ein Rekord, der vermutlich nicht.geschlagen korben ist Obgleich mit Sauerstoffapparaten versehen waren und die Luftvei ounnung dnrck künstliche Qltmuuq zu überwinden suchten, sielen sie beide ÄnSttotge bevor sie ihren höchsten Punkt erreicht hatten Die selbstregierenden Instrumente zeigten einen Liftdrua von 193 Millimeter an - gegen 760 am Meeresspiegel! Bet einem Besuch w Stockholm während des Krieges erzählte mir^^n^ute fe n Bewußtsein erst dann allmählich zuruckkehrte, als der -Ballon d'-'L eiTeichgn unter der die LedensdedmFungen msOtg der Hitze ober des Wasserdruckes aufhören, gibt es also auch eine Höhengrenze oberhalb deren Atmung und Verbrennung nicht mehr möglich finb.’ Die Schicht der Erdoberfläche einschließlich der M mosphäre innerhalb deren es.dem Menschen möglich ist, stch/M zuhalten beläuft sich also nicht einmal auf 10 Kilometer Mächtigkeit Unter dieser dünnen Schicht, die verhältnismäßig nicht starker ist als di? Schicke eines Apfels, verbirgt die Erde ihr a^tmnis- volles Inneres über ihr breitet sich die Unendlichkeit des Welt ““"sükslffanbier, ber vermutlich nicht mit Sauerstoffapparaten bewaffnet war lag also ber Höhepunkt bei ungefähr 8000 Meter, für Verson ber die Lebensfunktionen künstlich aufrechtzuerhalten sucht? war' die Grenze wahrscheinlich einige hundert Meter uber 9000 Meter geschoben. Zwischen biesen beiden Grenzwerten finden wir ben Mount Everest mit feinen 8840 Metern. Die absolute Höhe bildet an und für sich kein unuberstelgliches SSinberniS. Geübte Alpinisten und Sportsleute können Die Luft Verdünnung die in einer Höhe von 8840 Meter entspricht, sehr gut ertragen. Dies ist während der Vorbereitungeni zu: Der eng- rifdhon Ervedition direkt bewiesen worden mit Hilfe erner Lust S in 8r die Lust mittelst Pumpen so weit verdünnt worben war baß sie 9000 Meter Höhe entsprach. Die Manner, die stch der Probe unterzogen waren sogar in Bewegung, indem sie eine Treppe hinauf- und hinabstiegen, wobei sie Gewichte von verschieb euer Schwere trugen Aber die Hauptschwierigkeiten. die sich, draußen in der Ratur entgegenstellten, konnten in der Luftprobe nicht nckch- 9^Der^LuMchiffer ist während seiner ganzen Fahrt im Ruhezustands er kann sein Herz durch zeitweiliges Sitzen oder Liegen ausruhen lassen, er ist in ber Sage, fufr ftetg mU und fühlt nicht den schwächsten Hauch, da.der Ballon sich stets mi . der gleichen Geschwindigkeit wie der Wind bewegt. Der Berg ftefger dagegen muß seinen Körper, seine Muskeln, feine Lungen — 132 - Mount Everest wie Rauch aufstieg. Man hatte deshalb beschlossen, int Jahr 1922 den Berg im Mai und Juni zu besteigen, vor dem Einsehen des Südwestmonsuns. Bei dem Versuch im Sommer 1921 kam man infolge ungünstigen Wetters nur bis zu 7010 Meter und blieb somit fast 500 Meter unter den, Rekord des Herzogs der Abruzzen. Meine Äeberzeugung. daß es der englischen Expedition mit ihrer jetzigen Ausrüstung nicht glücken wird, den Gipfel des Mount Everest zu erreichen, gründet sich in erster und letzter Linie auf die Voraussetzung, daß die zur Erreichung einer Höhe von 8840 Meter- erforderliche physische Anstrengung die Widerstandskraft der menschlichen Gewebe und Organe übersteigt. Dagegen bin ich, wie schon oben gesagt, ebenso davon, überzeugt, Last die wissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition glänzend und epochemachend sein werden. Dsr AngslsporL durch dis IQhrLaussnÄe. Der August ist die Hauptzeit des Angelns; das spiegelt sich in der Volkskunde in den zahlreichen Fischerfesten wieder, die in diesen Monat gefeiert werden, so in den Fischerstechen zu iUm, Halle, auf der Saale und anderwärts, so in dem einst beliebtesten Berliner Volksfest, dem „Stralauer Fischzug". Das Volk hat stets eine besondere Vorliebe für Fische und Angeln gehabt, denn es verbindet sich bei diesem Sport das Nützliche mit dem Angenehmen, und die ebenso spannende wie zugleich nervenberuhigende Beschäf» tigung bringt eine leckere Speise in den Topf. Die Angel ist wohl säst, so alt wie die Menschheit selbst. Schon in der älteren Steingut hat man Feuersteinspitzen gefunden, die mit ähnlichen Geräten )er noch jetzt in der Steinzeit lebenden Völker, der Eskimos oder Feuerländer, so völlig übereinstimmen, das) sie nichts anderes als rlngelhaken gewesen sein können. Diese Angelhaken der -Urzeit sind größer als unsere; sie bestanden zunächst aus Stein und Knochen, dann in späteren Perioden aus Bronze. Die primitiven Angler, die sich dieser Geräte bedienten, hatten es jedenfalls besser als die heutigen, denn der Fischreichtum war groß, und aus dem Küchenabfallshaufen der jüngeren Steinzeit, den sogen. Kjökkenmöddinger, hat man Gräten von Aal, Lachs, Dorsch, Karpfen, Hering usw. herausgezvgen; die Fische wurden bereits mit knöchernen oder steinernen Fischmessern kunstgerecht abgeschuppt und geschlachtet. Aus diesem zu Les Lebens Notdurft betriebenen Fang wird dann mit der Entwicklung der Kultur die mit bewußter Freude ausgekostete Liebhaberei. Die fischreichen Fluten des Rils sahen zum erstenmal Fischereisport im Großen. Gin Spiegelbild davon sind die alt» ägyptischen Reliefs, auf denen elegant gekleidete Würdenträger, mit vollendeter Ruhe auf Sesseln oder Teppichen sitzend, in spitzen graziösen Fingern die Angel Halter., während sich vor ihnen im künstlich angelegten Gartenteich die Fische um den Köber drängen. Auch in Indien und China ist das Angeln früh ein leidenschaftlich geliebter Zeitvertreib, und in der griechischen Dichtung sprechen bereits Homer und Hesiod davon. Die Römer aber aßen lieber Fische, als daß sie sie fingen. Durch das ganze Mittelalter hin ist der Rorden die wichtigste Heimstätte des Fischfangs gewesen. Hat man doch sogar den Namen Skandinavien als „Heringsaue" gedeutet, und jedenfalls waren es durch lange Jahrhunderte die Norweger und Dänen, die zum Fang des Herings oder Kabeljaus, zur Erlegung der Robben cius- zogen. Die Belebung des Fischfangs auch in den Binnengewässern ging von den Mönchen aus, denen die Kirche zwar die Jagd verbot, aber das Angeln gestattete. Die Fischer galten sogar als ein Gott besonders wohlgefälliger Stand, weil Christus aus ihnen sich die Apostel gewählt hatte. Zlcdern war während der Fastenzeit der Fisch die begehrteste Speise. So wurde allmählich das Angeln der bezeichnendste Sport des Mittelalters. Noch der „letzte Ritter", Kaiser Max, war ein eifriger Angelfreund, der davon in seinem „Weißkönig" mit viel Verständnis spricht. Allmählich aber sank dieser Sport zu den „niederen" Vergnügen herab. Rohr, der in seiner „Zeremonial-Wissenschaft" alle anerkannten Lustbarkeiten des absolutistischen Zeitalters zusammenfaßt, rechnet das Angeln nicht n'.ehr zu den „höfischen -Divertissements". Das Fischen war zu dem idealen Sport der „kleinen Leute" geworden, weil es dazu keiner großen Vorbereitungen und Mittel bedarf, wie bei der Jagd. So ist Las Angeln in den letzten Jahrhunderten ein rechter Volkssport geworden. Nur in England, dem klassischen Lande des Angelsports, gilt es nach wie vor als vornehm, und die höchsten Aristokraten, die elegantesten Damen widmen sich, dieser stillen Leidenschaft mit Andacht. Diese Angelliebe ist tief im englischen Volkscharakter begründet und kommt auch in der Literatur zum Ausdruck. Ein klassisches Werk des englischen Schrifttums ist Jzaak Waltons zweibändiges Buch „Der vollkommene Angler oder des beschaulichen Mannes Erholung". Mit feinem Humor und liebenswürdiger Plauderkunst wird hier um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Ideal des „retired gentleman" aufgestellt. Später haben dann Walter Scott, Coleridge und andere Dichter die Angelkunst verherrlicht, und der letzte „Klassiker" der englischen Angelliteratur ist der Staatsmann Lord Edward Grey mit seinem Buch „Das Fischen mit der künstlichen Fliege". Die Söhne Albions haben eine ; ganze Philosophie des Angelns ausgebildet, bei dem die kleinsten ; Kleinigkeiten von Wichtigkeit sind: die Wahl der richtigen Angel, - nach Größe und Gattung des Fisches, die Farbe der Schnur, die das grünliche, bläuliche oder gelbliche Aussehen bestimmter Gewässer nachahmt oder auch durchsichtig ist, um keinen Schatten zu werfen, dann die täuschend naturgetreue Anfertigung der „künstlichen Fliege", des Köders, den sich der richtige Angler stets selbst anfertigt. Alles hat für ihn Bedeutung: die Wasferwirbel und Luftblasen, Wetterveränderung und Schatten. Unendliche Vorsicht wendet er an, wenn er sich dem Wässer nähert, und dann sitzt er wie eine Statue stundenlang. Mit der vollendeten Technik aber muß die Schönheit Hand in Hand gehen. „Wenige ÄunJtüBmigen," heißt es schon in Waltons Werk, „verdienen so unsere Bewunderung. Die Stellungen, die der Angler bei seiner Tätigkeit zeigt, sinh zugleich im höchsten Grabe männlich und anmutig." Letzte Garbe rind letztes Fuder. Das Ende der Ernte naht. Die letzte Garbe wird zusammen- gebcinden; das letzte Fuder rollte choch beladen ins Dorf, mit Laub und Blumen geschmückt. Reicher Segen wird in diesem Jahre dem Landmann zuteil, unb mit dem Dank für diese Gnade des Himmels verbindet er die Hoffnung auf künftige Fruchtbarkeit des Bodens. Die letzte Garbe, das letzte Fuder, sie sollen ihm die Gewähr dafür bieten, daß die Mächte des Wachsens und Gedeihens bei ihm bleiben und bei seinem Acker. Die zahlreichen Gebräuche, die mit dem Schluß der Ernte verbunden sind, haben alle diese-a Wunsch zum Inhalt. Nach uraltem Glauben soll in der letzten Garbe ein Korndämon verborgen sein; der Fruchtbarkeitsgeist, der in dem Aehrenfeld hauste, flieht von Garbe zu Garbe vor den Schnittern, bis er schließlich in der letzten gefangen ist. Deshalb erhält di« letzte Garbe die Gestalt eines Tieres, so eines Wolfes oder Hahnes, oder es wird ein Tier in sie hineingebunden. Sie selbst erhält, je nach dem Namen, den man dem Korngeist in den verschiedenen Gegenden gibt, die Bezeichnung Bock oder Stier, Hahn oder Wolf, Kater oder Hase. Auch nach dem altgermanischen Fruchtbarkeitsgott, der als „der Alte" oder die „große Mutter" auftritt, wird die letzte Garbe getauft. Sie ist reich mit Blumen und bunten Bändern geputzt, und da sie für die nächste Ernte von großer Bedeutung ist, wird sie möglichst groß gemacht, auch noch durch einen eingebundenen Stein beschwert, um damit auf Menge und Gewicht künftiger Ernten hinzudeuten. In der bayerischen Rheinpfalz wird in die letzte Hafergarbe das Vesperbrot gebunden, in anderen Gegenden eine gefüllte Flasche, um dadurch die Fruchtbarkeitswirkung noch zu erhöhen. Auch sonst hat die letzte Garbe mancherlei Bräuche zu bestehen; so wird sie geprügelt, um den Korndämon herauszutreiben, damit er auf dem Äcker bleibe; sie wird verbrannt; die Schnitter machen einen Wettlauf nach ihr oder tanzen um sie herum. Manchmal läßt man sie auch noch einige Zeit auf dem Felde liegen, damit sie günstig einwirke; dann erst wird sie feierlich.ein - gefahren. Oft trägt sie die zuletzt fertiggewvrdene Binderin ins Dorf, und hier nagelt man sie als Glücksspenderin ans Scheunen- tor oder hängt sie im Hause auf. 3n Schlesien wird sie besonders ausgedroschen und gemahlen. Das Brot, das aus dem Korn der letzten Garbe gebacken wird, bringt Segen und besitzt groß« Heilwirkung, weshalb nur Familienmitglieder von ihm essen dürfen. Die Einfahrt des letzten Fuders, die die Ernte abschließt, ist ein so fröhliches Ereignis, daß es ordentlich gefeiert werden muß. Schnitter und Schnitterinnen sitzen singend und johlend auf der hochgetürmten Last; hell knallen die Peitschen über die mit bunten Bändern geschmückten Pferde; der Bauer hat alle Pferde vorgespannt, die er besitzt, denn das letzte Fuder ist besonders schwer gemacht, um damit auf eine gute Ernte des nächsten Jahres hinzu- beuten. Auch der Korngeist, der Schöpfer und Förderer des Ackersegens, wird auf dem letzten Fuder mit heimgeführt; er erhält die Gestalt eines Bäumchens oder eines Kranzes und heißt in Westfalen Harkemai oder Härkelmai; im Münsterlande wird ein Nußstrauß auf das letzte Fuder gesteckt; der außerdem noch mit Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen usw. behängt ist. Manchmal wird auch die letzte Garbe auf den letzten Wagen ausgestellt. Früher führte man als Sinnbild der Fruchtbarkeitsgöttin wohl auch ein Mädchen mit einem Strauß und einem roten Sacktuch auf dem letzten Wagen, das im Badischen „Erntegans" hieß. Anderswo setzte man Kinder aufs letzte Fuder. Ebenso treten Tiere mit diesem Wagen in Verbindung, die den Korngeist verkörpern. So wird vielfach hoch oben auf dem letzten Fuder ein Hahn mitgeführt; er ist manchmal lebend, meist von Holz, vergoldet, mit allerlei Früchten im Schnabel geschmückt oder einem Kranz ausgeblase- ner Gier behängt. Das letzte Fuder wird gern um das ganze Dorf herumgeführt, jedenfals um den Hof und um das Haus, um allen seine segensreiche Wirkung mitzuteilen. „Der Härkelmai darf nicht trocken einkommen." Miesem Spruch- wird dadurch Genüge getan, daß Knechte und Mägde einander mit Wasser bespritzen, der letzte ileberreft eines Regenzaubers, der künftige Fruchtbarkeit gewährleisten soll. Auch Lärm wird bei der Einfahrt gemacht, um bös« Geister fernzuhalten. Das Gejohle begleitet in West- und Ostpreußen das Gelärm der „Klapper", eines Stockes, der in der Nähr eines Rades befestigt ist und fortwährend die Speichen berührt. In Tirol vollsührt man mit Kuhglocken ein ohrenbetäubendes Äon» zert; anderwärts werden Töpfe zerschlagen, Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Vrühl'fche» Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.