Samstag, 17. November m 1923 — Nr. 46 WGU-WNW _ '. ''h. jsSsMil lvMz /uiUut Um* ■ —in W iwrz-r.^3äSQ Das Mordkind von Robert Walter. Speher. die altehrwürdige Bischvftsstadt am Rhein, lenkt wieder einmal wie vor mehr als zweihundert Jahren die Blicke der ganzen Welt auf sich. Damals, im Sommer 1689, verschonten die beutegierigen Horden des Mordbrenners Melac nicht einmal die Kaisergrüfke des Speyerer Doms. Heute hausen unter der 2legi.de des fvanzösischen Generals de Metz separatistische Banden kaum minder schl-imm in der Pfälzischen Hauptstadt. Der dem „Rheinischen Beobachter" entnommenen Erzählung liegt eine alte Stadtsage zugrunde, di« aus einer glücklicheren Zeit stammt, als Speyer eine der bedeutendsten Handelsstädte des Rheinlandes war und in der Politik des Heiligen Römischen Reiches deutscher Ration eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Als man das Jahr 1560 schrieb, ereignete sich in Speher in der Pfalz die seltsame Geschichte eines Kindes, die am Rhein auf Und nieder die Genrüter in Erregung versetzte und sich wie ein Mirakel anhört, wenngleich ihre Wahrheit von vielen Zeugen bekundet worden ist.. Es war am Dag des hl. Rketardus, als eben der Sommer in junger Blüte stand, helle Mittagsstunde. Aus dem Dom sangen die Glocken ins Rheintal hin. Da lief ein Knäblein, das dem Ratsmann Helderlin gehörte, vor der Stadt durch die gesprenkelten Wiesen nach dem Rhein hinab. Unten zwischen den Weiden tras es auf den Rotzbuben Eppe, eineä armen Schiffers Kind, der sich Ruten zu einem Kvrbgeflecht schlug und daneben auf die weidenden Pferde achtgab. Der hatte ein kleines Beil, Las scharf in der Sonn« blinkerte und dem Helderlin lustig ins Auge stach. Aach Knabenart begannen sie sofort ein wichtiges Gespräch über das Beil, stritten auch weitz und schwarz, links und rechts, handelten daraus von einem Richtbeil, das in der Folterkammer des Rathauses an» geschlossen läge und mit dem man vor Tag und Jahr Bösewichter vom Leben zum Lode gebracht hätte. Als der Rotzhüter sagte, sein Beilchen sei ebenso stark wie das Richtbeil, stritt Helderlin in aufgeregtem Zorn dagegen, und sein Gesicht schwoll ihm rot an. Er wolle gegen ihn um einen Mainzer Weihpfennig wetten, daß er ihm nicht mit einem einzigen Hieb den Kopf abfchlagen könne, Latz ihm nicht einmal die Haut am Hals schrindig würde. Wie der arme Rotzbube, der die endlosen Tage einsam auf Len Weiden lag und nur Wasser und dürres Gerstenbrot bekam, von einem silbernen Weihpfennig hörte, den er mit einem Schlag gewinnen konnte, wurde ihm das Herz ganz selig. And weil sich des Ratsmanns Kind jäh vor ihm ins Ried geworfen hatte und chm im Trotz zurief, er solle doch einmal zuschlagen, La hatte er «ls Beil schon hoch über sich und hieb zu — schlug Len weihen Hals auf, Latz Las dunkle Blut herausquoll. Traf ihn auch im Entsetzen ein zweites Mal und warf vor Angst aufschreiend das Beil weit von sich, stand mit verzerrtem Gesicht und stieren Augen und vermochte kein Glied mehr zu rühren. Dem kleinen Knaben im Ried gurgelte der letzte Atem durchs wlut. Die dünnen Arm«, die sich furchtbar emporgekrampft hatten, vrachen tot ins Gras. Der Rohhüter Eppe schlich fast regungslos keinen Blick von Len Zuckungen Les Sterbenden wendend, mxh hinter die Buschweiden airs Äser, hockte sich hin und fühlte vas viele Wasser an Len Augen vorbeiströmen. Er vergatz sich, in 1 entern Dasein, sank ganz willenlos in das rätselhafte Geschehen. denn er hatte nie einen Sterbenden oder einen Toten gesehen. Bor ihm kam die Sonne am weihblauen Himmel herab und hinter ihm begann der Abend, ihn mit kühlem Flügel anzuwehen. Dann kletterte er Lurch Lie Weiden das Ufer hinauf. Die Pferde grasten still im goldgrünen Licht. And er ging ganz voll Frieden zu dem Enthaupteten, sah erstaunt, dah die Erde Las Blut aufgetrunken stnd wie es nur wenige Gräser schön rötlich und braun bemalt hatte lind eingetrocknet war. Aber plötzlich schlug ihm das Herz, als « Vas bfaugrüne Wams sah, Las da unnütz einen Toten kleidete. Es hatte eine gestickte Borte und kupferne Knöpfe, in doppelter Reihe blinkend. 3fym wurde warm inwendig, und er dachte an den silbernen Weihpfennig, den er mit einem Hieb gewonnen hatte und Len er nun wohl niemals bekommen würde. Dann befühlte er die Höschen aus feinem Leder und beschaute die Schuhe. And während er die bunten Schnallen auflöste, sah er die eigene zerlumpte Hose und sein schwarzes Sackhemd, fing mit fliegenden Händen an, den Aoten auszuziehen und schlüpfte hastig in das köstliche Gewand. Schnell ging er hin und her, lachte in die untergehende Sonne, und Las Kleid war wunderlich an seinem Leib, denn er mutzte in Fröhlichkeit laut singen, und sang ein frommes Lied — verstummt« erst, als der Schein über dem Wasser längst grau geworden war. Mit heller Freude über das Wams war er heimgelaufen. Aber als er aus der Dämmerung in das Stalloch sprang, wo die Eltern hausten und ihm ein schlimmer Fluch en-gegendrohte, verkroch er sich schweigend ins mulmige Stroh. Am Morgen schüttelte ihn di« Faust des Vaters aus düsterm Schlaf, hielt ihm das kostbare KleiL vor Augen, und er solle sagen, woher er es gestohlen habe. Da erst erschreckte ihn Lie Wahrheit, unL er begann eine Geschichte von einem Kriegsmann auf mächtigem Rappen zu erzählen — und lächelte, noch zwischen Schlaf und Wachen, gläubig dazu. Das sei ein vornehmer Herr gewesen, der habe ein goldgewirktes Wappen an der Satteldecke getragen und Mitleid mit seiner armen Rackt» heit gehabt. Habe auch viele gütige Worte zu ihm gesprochen und vorm Wegreiten das Wämslein aus der Satteltafche geschnallt. Der Vater war damit zufrieden und jagte ihn auf den Dienst! zu dem Herrn, dem er die Tiere austreiben mutzte. Als er aber Lurch die Gassen stelzte und sich von den Buben, die ihn nur im verrotteten Kleid tannten, begaffen lieh, sah ihn ein Bürger, der mit dem Ratsmann Helderlin und andern die lange Rächt ausgewesen war, den verlorenen Knaben zu suchen. Der griff ihn heftig an und fragte nach dem Kleid. Wessi aber der Bube kein« 2lL-twort sagen wollte und aus bösen Augen sah, schleppte er ihn in Las Ratsmanns Haus. Dort war nur Wehklagen und Entsetzen, und dem Knaben stiegen im fremden Leid Lie Tränen auf. Er schluchzte und stammelte, als er die Mutter schreien hörte, untz erzählte aus unschuldigem Herzen und wie im Traum, Latz er um einen WPtzpfennig dem Kind Len Hals aufgefchlagen' hätte und wie er den Leib vor der Rächt auf der Rotzkoppel int Ried habe liegen lassen. Die Frau stürzte starr hin, als stürbe sie, unD der Ratsmann mutzte an sich halten, datz er den Mörder nicht auf der Stelle erwürgte. Sie schleppten ihn zum Rathaus hinauf, wo man seine Schandtat zu Papier brachte und ihn in ein düsteres Loch sperrte. Der gemeine Rat von Speyer besann sich eine lange Weile, Ms er aber kein rechtes Airteil finden mochte — denn der Mörder war noch ein unvernünftiges Kind —j wandte er sich um ein Gutachten an einige Räte des kaiserlichen Kammergerichts. Die wurde« sich eins darüber, Latz der Mörder seiner schlimmen Tat nichf fremd sein konnte. Latz er mit Bedacht und um des Raubes will« 178 — Mut vergossen und sich schamlos im Kleid des Ermordeten ge° , brüstet habe — erfannte also aus den Tod durch das Wasser. 3n einer stillen Oktobernacht, um die neunte Stunde, führten I Ätoei Richter der Nachrichter und vier Schergen das Mordkind aus j Gefängnis und engen Gassen durchs die kleine Pforte am niederen Lor auf die Rheinbrücke hinaus. Denn der Rat hatte Befehl ge-- I geben von dem gebräuchlichen Aufgebot der Bürgerschaft und der I zinspflichtigen Flecken in Wehr und Harnisch abzustehen, da der Delinquent ein Kind sei, und die Hinrichtung in nächtlicher ütille I zu vollziehen. _/" Der Rotzbube war seit Monden in der Finsternis stinkender I Wände gefefsen und blickte, schwankend und stolpernd auf bem kurzen Weg in die lichtblanken Sterne, die selig hoch und tief standen, I sprach auch das Agnus Dei den Richtern still und fröhlich nach. Dann warfen die Knechte ihn in den. eisernen Korb, banden ihn mit drei Stricken und stürzten ihn am Seil über die Brücke ins schwarze Wasser. Rachdem der Rachrichter ein langes Gebet geflüstert hatte und I jedermann glaubte, das Kind fei verschieden, zogen st- das Eisen herauf knoteten den Körper los und rollten ihn heraus Mach einem I Augenblick kam ein leises Röcheln, und das Kind tastete mit den I kleinen Händen über die eichenen Dohlen, datz alle die nächtlichen I Menschen ein heftiger Schreck anfiel. Hastig schlossen die^Schergen den Körper wieder an und warfen den Korb hinab. Zogen ihn ! darauf nach einer langem wartenden Weile wortlos wieder empor. I Mz jetzt die Richter den toten Leib befühlt und sich beredet hatten, I jdatz er nicht mehr leben könne, toanbten sie sich, das Grauen noch I in der Brust spürend, eilig gegen das Tor. Hinter ihnen di^Knechte I Einer trug den Leichnam im Sack auf dem Rucken Und sie liefen, I um das höllische Geschäft hinter sich zu bringen. Verliehen hinter I her kleinen Pforte die Richter und wandten sich seitwärts derMauei I nach dem Totenhäuschen am Friedhof. Einer schlug den Docht an, | wie sie die Tür angezogen und den Riegel fest geklemmt hatten, I und lieh die Oelfunzeln aufgehen. Der Totengräber sackte den Leichnam aus, schob und iiid'te ihn auch in den offenen Loten bäum, I faltete ihm die Finger zurecht. Sie standen dann um den Sarg, die Kappen vor der Brust, und der Trager stotterte ein Vater- unser, die Verdammnis des Feuers zu beschworen. Aber bei der I Ditte um Erlösung vom Liebel blieb ihm der Atem aus, und sie I stürzten gegen das Tor, denn das Kind satz ausgerichtet int Saig, I Wachsweih, und das Wasser rann ihm aus dem Mund. Die Tür knallte ins Schlotz. Dem Kind öffneten sich die Augen Es fand sich allein in dem Totenbaum in der engen Kapelle, sah mit Erstaunen fünf gtolbige £id)tei* auf ber Erbe, begann bann, | mit eisig verkrampften Händen sich aufzuheben und fing an von der Erlösung zu lallen und zu beten. Aber die Rachtstille rauschte I es ein Und als es nach kurzem Starrschlas wieder erwachte, wurde ihm das Herz in mildem Frohsinn lebendig. Und ehe es sich selbst hören konnte, summte und fang sein Mund. Erregt mit auf gerissenen Gesichtern, liefen die Richter neben den Schergen zur Kapelle. An der Tür wehrte der erste den andern. Und sie standen lange und lauschten, tote in dem engen Raum das Agnus Dei klang — gemessen und ganz unirdischZchwe- | bend Sie schlichen hinein — da schwieg es still. Der erste Richter । warf seinen Mantel über das Kind, hob es aus dem Totenbaum, und sie trugen es durch die Rachtkälte ins Spital, too noch ein Feuer im Ofen glänzte. Gaben ihm auch trockene Kleider und löffelten ihm eine milde Brühe ein. Da fuhr es plötzlich zusanw men, blickte aus entsetzten Augen um sich und fragte, ob es noch im Leben wäre und in der Stadt Speher? Als man daraus gegenfragte, wo es denn gewesen sei. begann es langsam und in halbem Schlummer zu erzählen, es hätte auf einer Wiese in grüner Sonne gespielt. Diele Kinder wären mit ihm gewesen, nackend weih, mit roten Seidentüchern um den Hals und bunten Schnallenschuhen. Mitten auf der Wiese hätte ein breiter Lindenbaum gestanden und barunter ein hoher silberner Stuhl. Aus dem Stuhl hätte ein alter Mann in blauem Mantel gesessen, mit weihem Bart und goldenem Kronreif. Der habe kleine blinkende Sternkugeln in die Luft geworfen, und damit hätten sie ihr Spiel gehabt. Als die Richter das hörten, fürchteten sie um ihr Seelenheil/ liehen das Kind int Spital, gut besorgt, und traten nach einer schlaflosen Rächt mit der wunderlichen Geschichte vor den gemeinen Rat von Speher. Der beriet einen langen Dag. Und in der folgenden Macht führten zwei Ratsherren den Knaben, wohlgekleidet und mit Speise und einigem Geld versehen,' durch die kleine Pforte aus der Stadt hinaus und befahlen ihm, er solle so fern wandern wie er möchte und nicht mehr Heimkommen. Diese Tat der Ratsleute blieb jedoch nicht verborgen, Schon am dritten Tag wuhte Stadt und. Lcmd'vom Leiden und der Auferstehung des armen Rotzbuben Eppe. Man geriet in einen Aufruhr der Seelen, forschte toeitum nach dem Wanderer, sand aber feine Spur mehr von ihm. Und die Mildherzigen glaubten und sagten hernach, der Himmel habe an dem Mordkind ein Wunder getan, ein Engel habe es über die Sterne weggeführt. Rheinische Sonette. Don H. G. RdSert Fischer*). I. Do schwer und bang wohl peitschte nie uns geile Meute Voll fremden Bluts. Wir haben es gelitten Lind sind mit heilgem Zorn durch unser Leid geschritten. Und keine Rot erschien, Rot, die sich uns'rer scheute. Roch freut der Gallier nicht sich einer fetten Beute: So schwer und roh er auch darum gestritten. Hetzt aber hilft ein Kain ihm aus unsrer Mitten. Der spricht: „Komm, Bruder, komm I Wir haltenRichttag heute! Wir ahnten nie und nie, datz Schicksal feindlich trennt. Wir glaubten, datz es enger aneinander kettet Lind einen gleichen Zorn in alle Herzen bettet. Weh', Kain, wenn das Zeichen deiner Stirn entbrennt Lind deine dunklen Triebe dich verklagen muffen! Steh ab und komm zurück, Latz wir dich, Bruder, — küssen! II. Willst, du die Stratze des Verrates gehen Lind treulos fürder deinem Bruder fein? Sprengst du den Ring, der uns umschloß, allein, Lim nicht mehr fest mit mir im Leid zu stehen? Latz nicht die Farben von den Dächern wehen, Die freudig einst ich flocht in's Lied hinein. Das dürfen nicht des Rheinlands Farben sein, Die wir am Maste des Verräters sehen. Halt' ein! Halt' ein! Zerbrich die Bande nicht, Die dich mit deinem Vaterland verbinden. Bedenke ernst: Im Anfang war die Pflicht! Wenn wir an Rhein und Ruhr sie nicht mehr finden, Wer hofft dann noch aus Rettung und auf Licht? Volk! Volk! Was gilt denn Spreu in Sturmeswinden?... *) Dem neuesten, unter dem Titel „Der Sieg des französischen Kapitalismus" erschienenen Heft des „Rheinischen Beobachters" entnommen. Das Bühnenbild im Laus der Jahrhunderte Von Dr. Paul Landau. Während man früher von den Taten des Regisseurs und des Bühnenmalers in der Oeffentlichkeit wenig wußte, i't in neuester Zeit neben dem Spielleiter der bildende Künstler immer mehr in den Vordergrund getreten; ja, man hat sogar gefordert, datz der Regisseur Maler sein müsse, weil er nur dann aus seiner bildnerischen Phantasie heraus die Inszenierung ganz einheitlich gestalten könne. So i]t das Bühnenbild mehr und mehr zur Grundnote der ganzen Aufführung geworden. die Rhythmus, Tempo und Wesensart^ des Spiels bestimmt. Der Expressionismus, der uns eine kühne Stilisierung und Reuformung des Bühnenbildes gab, hat diese Wendung hauptsächlich gefördert und eine gewaltige Zahl neuer Lösungen und genialer Phantasien geschaffen. Die Beteiligung des Malers und Plastikers an derLheater- aufführung ist ja nichts so Reues, tote es vielfach erscheint. Die äußere Ausstattung des Szenenbildes ist stets durch den Geist und Stil der bildenden Kunst geschaffen worden, unb ihre Entwicklungen spiegeln sich in der Bühnendekoration wider. In den strengen Linien der griechischen Bühne zur Zei! des Sophokles entfaltet sich der Geist des Phidias und der heilige Ernst des Tempelstils. In der späteren Zeit des Hellenismus wurde dann die Dühnenmalerei ausgebildet und überwucherte mit ihren üppigen Arabesken die strenge Einfalt der Säulenordnung; die Wände fingen an zu blühen und zu leben; allerlei mythologisches Volk und fabelhaftes Getier trieben ihre Scherze, und jene großartige Schmuckkunst, tote wir sie in Pompeji auf ihrer Höhe sehen, umwob mit ihrem Spätglanz das Theater des römischen Kaiserreiches. Richt weniger eng ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Bühne im Mittelalt er. Auch hier wird das Szenenbild in engster Anlehnung an die Bildhauerkunst der Altäre und die Darstellungen der- Malerei geschaffen, und gewiß haben auch große Meister mitgehokfen, die Bühne der Mysterienspiele aufzubauen, an deren Gestaltung sich alle' Zünfte beteiligten. Die Mitarbeit berühmter Künstler an dem Werk der Bühne können wir aber erst eingehender m der Renaissance verfolgen. Was Leonardo Sa Vinci im Ersinnen von Theatermaschinerien, Kostümen und Bühnenbildern leistete, macht ihn zu einem der genialsten Regisseure aller Zeiten, und die Maler der Barockbühne sind in seinen Dahnen toeitergeschritten. Raffael, der die Bühnenbilder zu Ariosts Komödien und den Festaufführungen am päpstlichen Hose schuf, benutzte die antiken Wanddekorationen für feine tftoecte. In der Renaissance ward auch die Form des modernen Theatersaals gefunden, die dann im Barock ihre reife Ausgesniikung )en fett int) in n:r ge- nur ne- nld seiet® sie- en« uer le»« int. den inb )er. des lige- s- ;er= der >en; ihre peji iter Zu« e r. die crei fen, ung Iler in im ien« iller men )°fe ede. ,kr« **a erfuhr. In dieser Zeit beginnt die grobartige Tätigkeit der eigentlichen Theatermaler, die in dem Gesamtkunstwerk der Bühne grobartige Architekturen und Landschaften schufen. Diese Kunst vererbte sich in einzelnen Familien, tote den Bibbiena, Fuentes, Quaglio, durch Generationen bis weit ms 19. Jahrhundert hinein. Aber die barocken Bühnenbilder standen mit der Stimmung des aufgeführteit Stückes doch nur in einem losen Zusammenhang, und erst die Schauspielkunst der Romantik versuchte, eine Harmonie zwischen dem geschichtlichen oder seelischen Gehalt des Stückes und den Bühnenbildern zu schaffen. Schinkel gab in seinen Szenerien für die Berliner Oper ein wundervolles Dorbild, auf das man in unseren Tagen toieder zurückgegriffen hat. Auch die Düsseldorfer Maler arbeiteten an der kurzen, aber glänzenden Theaterschöpfung Immermanns mit, und die Meininger schöpften ans der Empfindungswelt der damaligen Geschichtsmalerei. Die Dühnenreform, die Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts durch den Naturalismus herbeigeführt wurde, erstrebte auch in der Szene die Wiedergabe der Wirklichkeit und drängte zunächst die Arbeit des schöpferischen. Malers zurück. Bald aber wandte man sich von dem öden Realismus der eintönigen Interieurs ab und forderte eine neue Stilisierung des Bühnenbildes. Der Schweizer Adolphe Appia legte in seinen Entwürfen für Wagners Musildramen und andere Opern den Hauptwert auf den Zusammenklang von Ton und Linie, und der größte Anreger der modernen Dühnenkunst, der Engländer Kordon Craig, erlöste die Bühne von der Äachahmung der Matur, schuf ihr eure eigene phantastische Welt aus hohen Kulissen und zarten Silhouetten, aus der feinsten Verteilung von Menschen und Massen im Raum. Er erkannte besonders! den Wert der Treppe, die dann in allerneuester Zeit bis zum ileberdrufj verwendet worden ist. Während Craig in seiner Heimat nur schwächliche Nachahmer fand, gingen bei uns bedeutende Künstler denselben Weg, so Peter Behrens in seiner, Stil- feühne, das Münchener Künstleriheater mit der Reliefbühne, Fritz Schuhmacher mit seiner Rahmenbühne. Man griff auf die alte Mysterienbühne zurück, auf die primitiven, aber überaus eindrucksvollen Gestaltungen der Marionettenbühne, auf die alte Delari-Bühne, deren Drehprismen in Pirchans Dekorationen Wiede rauf tauchten. Innerhalb eines festen Rahmens kam man so zur Hervorkehrung der feinsten Nuancen in Farbe, Beleuchtung und Rhythmik. All diese Dersuche haben das Gemeinsame, daß sie das Theater von der Maschinerie, dem bloßen Ausstattungszauber, befreien und das ganze Kunstwerk aus einem Guß erstehen lassen wollen. Daß dieseit z. T. allzu gedanklichen und nüchternen Versuchen wieder mehr Pracht und Fülle zugeführt wurde, verdanken tote den Rus f en, die im letzten Jahrzehnt die wichtigsten Schöpfer des Szenenbildes toaren. Nach dem üppigen Märchenrausch, den Bakst für die Pariser Oper hervorzauberte, tarnen nach dem Kriege die ganz einheitlich gestimmten Dekorationen'des russischen Varietes „Der blaue Bogel" nach Berlin, dann die noch großartigeren Dühnenwunder des Russisch-romantischen Theaters, die das Erlesenste an Geschmack boten, und die kühne Regieführung Tairvffs, der wirklich Menschen, Bilder, Wort, Ton, Linie und Gebärde zu einer Harmonie zusammenschweißte. Dem „Kubistischen" näherten sich die Dersuche, die die Menschen zu Zylindern, Kegeln und Pyramiden umformten, und in Rußland selbst kam es zu ganz „abstrakten" Dekorationen, bei denen nur die Wirkung desMen- scheit im Raum berücksichtigt wurde. Eine andere Neuschbpfung des Bühnenbildes brachte das Arena-Theater, wie es Reinhardt bn „Großen Schauspielhaus" verwirklichen wollte. Reinhardt ist enter der ersten gewesen, der die Maler zur Mitarbeit! bei seinen Ausführungen heranzog; für ihn haben die Besten, ein Slevogt, Sortetfj, Walser ufto., Vorzügliches geschaffen. In der seelischen Durchdringung eines Riesenraumes war etv aber nicht glücklich, und nur wenige Aufführungen des „Großen Schauspielhauses" waren künstlerisch befriedigend, am ehesten noch die Bühnenbilder Kainers zu Kaisers „Europa", durch die Arena, Kuppel und Hinterbühne zur Einheit zusammengeschlvssen wurden. Wegweisend in dieser Hinsicht war die Tat des Amerikaners Norman Geddes, der für ein Neuyorker Dolkstheater die fdyier unmögliche Inszenierung einer Bühnenbearbeitung von Dantes „Göttliche Komödie" vollbrachte. Die Arena ist hier als Krater der Hölle mit der Glut elektrischer Flammen erfüllt, und an dem schmalen Grat des Kraters ziehen die beiden Dichter dahin sich scharf von dein grellen Licht abhebend, während die Schatten der Verdammten in gespenstischen Silhouetten sich aus dem Dunkel emporreden. Trotz dieser Mitarbeit der Russen und Amerikaner steht doch Deutschland — was auch die Amsterdamer und Londoner Theaterausstellungen bewiesen — in dem Reichtum seiner Künstler und der Vielgestaltigkeit der Lösungen an der Spitze. Besonders der Zusammenklang von Bild und Musik ist von Meistern wie Pelzig, Kainer, Aravantinos und anderen wundervoll erreicht worden, und ebenso sind unsere Künstler imstande, mit ihren Bühnenbildern den feinsten Schwebungen und Stimmungen in der Psychologie eines Stückes den anschaulichen Ausdruck zu verleihen und jedem Werk die Atmosphäre zu geben, deren es biöarf, um feine höchste Wirkung zu offenbaren. Vaterland. Zu Richard D e h m e l s 60. Geburtstag, 18. November*). Der Tag hat aufgehört zu fchnein. Der graue Eichwald reckt sich, weih belastet, von einem letzten Licht betastet. Zwei Menschen waten querforftein. Tief Atem schöpfend sagt ein Weib und rastet: Ich bad so gern durch frischen Schnee,' durch den noch keiner gegangen ist. Wenn ich die reine Spur dann seh, die wie vom Himmel gefallen ist, dann kommt mein Pfad mir her aus einem ©artet wo ich als Kind tn,einer Schneenacht stand, weil ich den lieben* Tag nit tonnt erwarten, her mir zurückgab mein hell Heimatland, wo Wald und Berg und Tal nach allen Seiten in hundert lachenden Linien sich verzweigt, So in die leuchtenden Ewigkeiten ebhügel über Hügel steigt, undt all die Höhen, die blauen, verflicht in Ein- die tiefe grüne Schlucht des Rheins. Hier aber — — Sie erfchauert, schweigt, ein Mann spricht wie voll jungen Weins: Hier graut im Schnee mein ernstes märkisches Land, dies Land, in dem sich Rußlands Steppen schwer zu Deutschlands Bergen hinschleppen. OI aber sieh's erst im Sommergewand, toie's dann drin summt und bummelt und tummelt und tut, wenn hoch im Abendsonnenbrand der alten Kiefern verschämte Glut sich aufreckt aus der Versunkenheit! Dann atmen die Wiesen plnendlichseit. ,♦ Dann blaut hinter den Bäumen HÄ ein Duft wie fernes Meer aus tiefer Kluft. Dann ins ülnabsehbare sie ihn ziehn: in hundert Windungen, himmelhell, den Rhin! Gr glüht; sie strahlt, küßt seine Hand. Zwei Menschen danken ihrem Vaterland. *) Der 1920 verschiedene Dichter, der morgen feinen 60. Geburtstag hätte begehen können, gehörte zu den feinsten Lyrikern unserer Zeit, dessen gedankenreiche und sprachgewaltigen, Werke über seinen Tod, hinaus von größtem Einfluß auf unsere jüngere Literatur gewesen sind. In harter, nie ermüdender Arbeit an sich selbst suchte er sein Ziel als Poet und Mensch, sein eigenstes Glück im Weltglück. Den Weg zeigte schon eins seiner ersten Gedichte: Mensch, du sollst dich selbst erziehen, .Und das wird dir mancher deuten: Mensch, du mußt dir selbst entfliehen. Hüte dich vor diesen Leuten! — Mancher hat sich selbst erzogen; hat „er auch ein Selbst gezüchtet? Noch hat keiner Gott erflogen, der vor Gottes Teufeln flüchtet. Und am Ziel bekannte der Dichter: *■ Ich habe mit Inbrünsten jeder Art mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen. Ich steh' und prüfe die bestand'ne Fahrt: nur Eine Inbrunst läßt sich treu entsagen: Zur ganzen Wett. Den Gipfel feines Schaffens erreichte Dehmel in dem «us einem Zyklus lyrischer Gedichte mit fortlaufender Handlung zusammengeschmolzenen Epos „Zwei Menschen",' dem obige Strophe entnommen ist. Das Quartett. Don W. H. Riehl. (Fortsetzung.) Ganz anders dachte der Graf in derlei Dingen. Gr fand «S äuberst ergöt-.lich, daß in Paris schon wieder ein neuer Bühnenakt beginne, und daß man gar nicht mehr ins Theater zu gehen brauche, und dennoch in dem bunten Szenenwechsel von«Revolutionen und Schlachten, von Thronens! urz und Staatenaufbau die spannendsten Tragödien fortwährend umsonst zu sehen bekomme. Der Freiherr sagte • Gr betrachtet auch die Weltgeschichte unter dem Gesichtspunkte des Oellackes; der größte Ideenkampf fesselt ihn als Neuigkeit ■ Quartette schreibt man um der ©eigen willen, und die Dölker erwürgen sich., damit dem Grafen Thürmer auf Schloß Neuhaus die Zeit nicht lange werde. Je näher wir beide uns treten, um so ferner rücken wir einander." Das galt von Helenens Bruder, aber zum Glück nicht von Helenen. Sie schwärmte für alles Große, wenn auch meist übertrieben Und manchmal verkehrt, und begriff und teilte ihres Mannes patriotischen Sinn und sein pvlittsches wke fein musikalisches Hassen. — 180 — Trotzdem fühlte sich dieser oft recht gedrückt in seiner jungen Ehe. Helene wollte ihm das Leben gar zu schön machen und übersah, daß eine liebenswürdige Genügsamkeit bisher der eigenste Schmuck dieses Lebens gewesen war. Sie wollte glänzen mit ihrem Manne und durch ihren Mann, aber dieser Mann war unglücklich, daß er nun auf einmal glänzen sollte. Sie diente, um zu herrschen. Der Freiherr seufzte: „Als Haydn zu Besuche kam, entdeckte sie staunend, daß ein Genie auch bescheiden sein könne, und sie ward bescheiden, weil sie ein Genie sein will. Hetzt bricht ihre anspruchsvolle Natur wieder hervor. Ich möchte Haydn auf ein ganzes Hahr zu Gaste bitten. Allein das würde doch nichts helfen, binnen Monatsfrist wäre ihr der bescheidene Mann langweilig, und um des bloßen Gegensatzes willen würde sie dann ganz hoffärtig werden." Statt des einfachen Quartettes schlug Helene ein Orchester vor, auch hätte sie gerne kleine Opern auf Schloß Strüth aufgeführt und hatte eilten fertigen Plan, wie das Musikzimmer zu einem Theater auszubauen sei. Dem Manne schauderte vor diesem Plan, und er blickte schwermutsvoll nach dem Bilde der unmusikalischen Erato. — Helene, so dachte er still für sich, hat keinen Sinn für die Größe im Kleinen. Sie überbraust das Allegro und überempfinöet das Adagio, das läßt sich hören,- allein ihr mangelt jenes Verständnis fürs Andante, Und das ist ein großer Mangel; denn das Andante ist das wahre Tempo der Ehe. Hart, bescheiden, mäßig bewegt schwebt es einher, gemütvoll beruhigend Und erquickend wie die echte Weiblichkeit. In der Tat, je mehr sich Helene in ihrer neuen Würde fühlte und des endlich errungenen Sieges genoß, um so weniger fand und verstand sie das Andante. So verging der Winter; in der Silvesternacht 1799 geigte man sich auf Schloß Strüth heiter und bewegt ins neue Hahrhundert hinüber, und als nun der Frühling kam und die gute Bauzeit, drang Helene immer bestimmter in ihren Gemahl, daß er das Musikzimmer erweitern möge zu einem Orchester- und Theatersaal. -Und da er eben im Begriffe stand, auf ein paar Wochen nach Wien zu gehen, so könnte er dort ja gleich mit einem Baumeister Rücksprache nehmen. Der Freiherr sagte: „Wir wollen den Saal bauen; aber ich . fordere einen Preis von dir, den du vorauszahlen, eine Vorbedingung, welche du erfüllen mußt." — .Und bei diesen Worten übergab er der Frau eine große Mappe und fuhr fort: „Diese Mappe nenne ich ein Schmuckkästchen; denn sie birgt allerlei versteckte und verstaubte musikalische Schmuck- und Schaustücke, allein es erfordert ein geübtes Auge, deren Wert zu erkennen. Versuch es mir zuliebe, ob du die hier eingeschlossenen Noten mit rechter Empfindung spielen kannst, dir und mir zum Genügen. Gelingt es dir, so gehen wir ungesäumt an den Saalbau." Helene ging mit Freuden auf die Grille ihres Gemahls ein und öffnete nach seiner Abreise augenblicklich die geheimnisvolle Mappe. Eine Menge schlecht geschriebener Notenblätter mit vielen Korrekturen und Tintenflecken, vergilbt und abgegriffen, lag darin, die sahen gar nicht aus wie Prunk- und Schaustücke. So gar gefährlich schien diese Musik gerade nicht, wohl aber etwas langweilig. Es waren kleine Andantes, Menuette und Rondos aus Streichmusiksähen vom älteren Stamitz, von Camerlvher, Gaßmann, Eannabich, Holzbauer, Wagenseil und anderen halb verschollenen Komponisten, ziemlich ungeschickt für Klavier ausgezogen von der etwas kavaliermäßigen Nvtenhand ihres Mannes. Die arme Helene plagte sich grausam, diesen trockenen, altmodischen Stücklein einigen Geschmack abzugewinnen. Die Musik war an sich zwar einfach; dennoch konnte sie vieles kaum lesen, so verworren war die Schrift, und kaum spielen, so holperig war der freiherrliche Klaviersatz, und wo sie etliche Takte bequem las und spielte, da empfand sie nichts und berührte nur mit den Fingern, nicht mit der Seele, die Tasten. Der Saalbau schien sich doch in einige Ferne zu schieben. Dazu tonen äußere Störungen, welche ihr vollends alle Ruhe raubten für diesen verzweifelten Gaßmann, Eamerloher und Genossen. Große Truppenmassen zogen an Schloß Strüth vorüber, die Einquartierungen drängten sich; bei dem Trommelschall, welcher dem wirklichen Kampf, nicht der Parade galt, erzitterte auch das friedlichste Gemüt in kriegerischer Aufregung. And Helene war nicht einmal ein friedliches Gemüt. Sie hätte lieber sich selbst gleich aufs Roß schwingen und mitreiten mögen, und sollte statt dessen den Geist des Andantes aus verblichenen Noten über sich kommen lasten. Zu einigem Tröste sah sie indes aus den Briefen ihres Mannes, daß es ihm draußen auch nicht friedlicher zumute war. Er schrieb im Huni von Wieit, seine nahe Rückkehr ankündend: „3n meinem Leben darf auf Schloß Strüth keine Note von Plehel mehr gegeigt werben. Dieser Plehel, der von einem darbenden Musiker zu einem reichen Musikverleger herabgesunken ist, widmet seinen Gesamtabdruck der Hahdnschen Quartette dem Konsul Bonaparte! Meine Wiener Freunde lachten mich aus, als ich dafür Acht und Bann innerhalb des Strüthschen Gebietes über Plehel verhängte. Wie darf ein Deutscher diese gemütlichste deutsche Musik dem ungemütlichsten Feinde Deutschlands huldigend zu Füßen legen! Und ich sagte jenen, die da lachten: der Konsul Bonaparte wird uns noch alle Quartettlust vertreiben, zum Danke dafür, daß man ihm unseren reichsten Quartettschatz gewidmet hat. Man faßt das nicht! Früher glaubte auch ich ganze sturmvolle zehn Hahre lang, wir könnten im Reiche ruhig zusehen, wenn draußen die Völker sich zerkriegen, und könnten immer lustig Quartett dazu geigen. Aber seit mir der Rastatter Gesandtenmord einen der schönsten Quartettabende verdorben hat, denke ich anders. Die unterrichteten Leute werden hier nachgerade sehr bestürzt, es soll ganz schief gehen in Italien. Gestern sprach man von einem großen Siege, den unsere Armee bei Marengo erfochten, und heute heißt es, der Sieg sei ein Schreibfehler gewesen und müsse in Niederlage verbessert werden. Bonaparte wirft alles vor sich nieder; es kommt eine neue Welt und kommt eine neue Musik. Haydn war der letzte Fürst des Friedens in unserer Kunst. Ich schicke einige Werke von Beethoven nach Schloß Strüth; sie sind verführerisch schön. Allein ich bitte, spiele sie nicht, bevor Du Dich in dem Schatzkästlein der gekritzelten Noten recht heimisch fühlst und der Saalbau gesichert ist. Beethoven beunruhigt mich wie Bonaparte." Bald nachher kehrte der Freiherr zurück. Obgleich gerade vierzig Husaren auf dem Schlosse in Quartier lagen und wenig musikalischen Frieden aufkommen ließen, fragte er bald nach den alten Noten. Helene berichtete klagend, wie sehr sie sich geplagt und doch nichts Rechtes herausgebracht habe, es sei aber auch gar zu harte Arbeit. Da sprach ihr Gemahl, wehmütig lächelnd: „Mir sind diese alten Melodien ein wahrer Seelengenuß. Sieh, das war die Musik, an welcher ich mit fünfzehn Jahren zuerst musikalisch denken und empfinden lernte. Der Geist meiner Hugend ruhet verzaubert in ihr. So dünkt es mir wenigstens. Oh, könntest auch du etwas bon’ diesem Geiste heraushören! Wie ich die Mappe dir jetzt gebe, so gab ich sie vor Zeiten Erato. Aber sie wußte gar nichts anzufan- gen mit den alten Blättern. Ich schrieb mir damals diese Sähe aus den Stimmen fürs Klavier, damit ich sie wie rechte Hugend» freunde immer zur Hand haben könne. Ich glaube, meine Klavier- bearbeitung ist recht schlecht, ich kann nur inwendige Musst machen. Und die Form der Originale selber ist oft steif, und die Gedanken find nicht glänzend und reich, aber es ruht doch ein /herzlicher Friede auf dieser Musik, der echte Geist des Andantes. Darum versuche immerhin noch einmal mir zuliebe, ob du nicht auch diesen Kinderfrieden herausspielen kannst." Tags darauf hörte der Freiherr von fernher, wie seine Frau sich insgeheim wieder an den alten Blättern übte. — „Sie strebt doch wenigstens nach dem Geist des Andantes," dachte er, „und wenn mich mein inneres Ohr nicht trügt, so tut sie's doch mehr noch mir, als dem Saalbau zuliebe." Sechstes Kapitel. Um diese Zeit besuchte der Graf den Freiherrn. Er trat so stürmisch ins Zimmer- wie damals, als er die verbotene Guarneri mitgebracht, und rief, er komme, um Lebewohl zu sagen; er ziehe ins Feld. Hetzt, wo das ganze weite Land von großen Kriegstaten widerhalle, ertrage er's nicht länger, hinter den Geigen zu sitzen, der Soldat rege sich wieder in ihm, und wenn alle Welt sich schlage, dann müsse auch er mitschlagen. Die beiden Gdelleute hatten in jüngeren Jahren beim Heere gestanden; beide aber hatten damals rasch quittiert: der Graf, weil er für seinen Ehrgeiz zu langsam vorrückte, der Freiherr, weil das leere Garnisonleben feinem idealen Sinn ein Greuel war. Der Entschluß des Grafen berührte den Freiherrn tief. Mehrere Tage ging er nachdenklich umher; dann fagte er zu seiner Frau: „Dein Bruder liebt die Musik um der Geigen willen, und als uns Haydn besuchte, glaubte er dem Meister das höchste Lob zu geben, indem er gegen mich aus ries: Für einen bloßen Komponisten urteilt der Mann nicht schlecht Über die Geigen. So geht dein Bruder denn auch in den Krieg um des Fechtens willen. Auch ich werde mich als Freiwilliger melden, aber nicht, weil ich so besondere Lust zum Fechten hätte, sondern weil mein Kaiser in dieser Not eines jeden Armes bedarf." Gr war darauf gefaßt, daß Helene ihn zurückzuhalten suche. Allein unter Tränen pries sie begeistert seinen Vorsatz und beklagt» nur, daß sie nicht selber mitziehen könne. — „Ich bin die Frau eines Edelmannes," sprach sie, „un& darf nicht weinen, wenn du mit dem Schwerte ritterlich zu Pferde steigst." Der Freiherr blickte sie feierlich an und gerührt und- liebevoll zugleich und dachte: die stolze Schwärmerin hat doch ein großes Herz. — Sie redeten viel und herzlich miteinander; sie hatten sich noch nie so nahe gestanden. „Vergiß mir aber auch die alte Notenmappe nicht," so schloß er endlich, „spiele die Stücklein fleißig mir zulieb — und auch wegen des Saalbaues. Es ist nur eine kleine Musik, aber der ehrliche deutsche Geist des Andantes ruht darin, und man kann sich auch im Andante hoch emporschwingen." Die Vorbereitungen zur Abreise wurden rasch getroffen. Das Vaterland bedurfte in der Tat jedes Armes, und die Gefährt rückte mit Gewitterschnelle immer näher. Die kurze Waffenruhe, welche auf die Schlachten des Juni und Juli gefolgt, war nur ein Aufatmen zu neuem Kampfe. (Schluß folgt.) Schriftleitung.- Dr. Äriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.