Samstag, 17. MKxz V TM n 1023 — Nr« 11 $®äa>L qtxS mM ' - :- ; W Max Reger. (Zu seinem 50. Geburtstag am 19. März.) Bon Dr. Hrtnr. Aoese (Gießen). Als Max Reger im Alter von erst 43 Jahren an einem Herzschlag in Leipzig plötzlich am 11. Mai 1916 verstarb, mißte man wie ganz von selbst an Mozart und Schubert denken. Aber vvioe sind in noch jüngeren Jahren verstorben, und Reger hat uns kernen so ewigen, unendlich wirkenden Besitz vermacht. Mozart und Schubert hinterließen größere Hoffnungen für die Musik, Reger größere Hoffnungen für die Weiterentwicklung seiner, musikalischen Persönlichkeit. Mozarts und Schu'erts Hauptwelcke erwecken den Eindruck höchster musikalischer Rüfe; so sicher der Tragiker Mozart mit seinem Requiem noch nicht sein Letztes gegeben und Schubert wahrscheinlich noch eine strafser« Form der Sinfonie gefunden hätte, wäre ihnen die Musik nicht mit dem Leben verloschen, so sicher hät.en sie den schon erreichten Höhepunkt nicht mehr übertroffen. Ganz anders Reger. Rach lneinem Empfinden wenigstens hatte er den Höhepunkt seines kompositorischen Schaffens noch nicht er« reicht. Ob es ein absoluter Höhepunkt in der Musik geworden wäre, zu dem er uns geführt hätte, oder doch nur die Höchstleistung einer außerordentlich reich«, Beranlagung? Wie sein Leben vor uns liegt, offenbart es uns das gewaltige Wirken eines großen Experimentators; innerer Drang trieb ihn zum Versuche, nicht ettva bewußte Manier. Dieser Sah beweist sich aus Regers Musik von selbst, in der so oft die Grenzlinien des MuslSaltsch-Schönen — und des Musikalisch-Häßlichen überschritten werden. Der Schah musikalischer Empfindung, wie Reger ihn besaß, paßte sich schwer und widerstrebend in die ästhetische Form, die wir aus Gründeit der Erfahrung und der Auffassung bisher der Musik zuerkaimt haben. Das ist kein Fehler u id auch Sein Vorzug, da die Kunst des Meisters auch heute noch trotz bedeutsamer Bemühungen und Tinzel«nt:.rs«Lungen du- Musikwissenschaft in vielem ein Rätsel genialischer Art bleibt unoi wir nicht wissen können, besonders nicht nach der Hinneigung! zum Impressionismus in den Werken der letzten Schaffens- Periode, in welchem Bett dieser chaotische Strom zur Ruhe gekommen wäre, älns muß heute Reger als ein überragend großer Künstler, als ein zweiter Bernini erscheinen, der, in die von den heterogensten Stömungen zersetzte äleberqangszeit hinetngestellt, mit einer fast unglaublichen Schaffenskraft ein Riesenwerk auf das andere türmte, ohne sich durch besinnliche Selbstkritik bewußt zu werden, wohin die stlebsrbetonung des Harmonischen, die schrankenlose Anwendung der zersetzmden Elemente der Modulation und Thromatik führen muhten. Regers eigentliche Größe, seine schöpferische Kraft liegt — trotz ScS gewaltigen 100. Psalms wird diese Behauptung zu Recht bestehen — nicht in der Erfindung, sondern in der Kombination. Gerade in der Anlehnung an fremde Stilmuster und ihrem weiteren Ausbau, in der Anknüpfung an grgebme Themen — es sei nur an die Choralvorspiels, an dis B. A. C. H.-Fantasie! für Orgel, an die großen Variationenwerke erinnert — erreicht sie einsame Höhen pnd hochragende Gipfelpunkte. Der Charakter der Musik Regers ist wesentlich bedingt durch die Sttmmungswelt, aus welcher sie empvrsteigt, in der die «bensbejahende, befreiende Kraft, das Ethos kaum Platz hat. «jene Lebensverneinung, jene von selbstquälerischen Bekennt- mssem und bitteren Sarkasmen durchsetzte schwerblütige Lebens- anfchauung, jene weltschmerzliche Veranlagung, auf die AmsortaS und Tristan so stark zu wirken vermochten, haben auch die ganze äußere und innere Struktur der größeren Werke des Meisters entscheidend beeinflußt und diese merkwürdig künstlich und konstruiert erscheinende Sinfonieform geschaffen, die kaum noch in sich selbst Halt hast un> auch tatsächlich weder durch daS System der Periodenverkittungen noch durch die elgmwillige Dynamik, welche den wildesten Aufschrei, die lauteste Erregung in ein kraftvolles, kaum hörbares Piano der Entsagung hinabreibt, gestützt werden kann. Die Linie der Weiterentwick.ung des letzten Beethoven in positivem Sinn scheint durchbrochen durch diese Projizierung unseres neurasthenisch belaste en, verhetzten and überhitzten Seelenlebens in die Sprache nicht nur, sondern auch in die Form dieser sicher grundehrlich empfundenen und gemeinten Musik, die oft genug aber auch aus den Vulkanischen' Urgründen des Chaos einer ganz unbewußt schaffenden Phantasie emporgeschleudert wurde. Daher stammen diese für Reger so bezeichnenden Guolen- und Triolenbildungen, die breiten, manchmal langatmigen Monologe der Aüag.en, daher jene abgerissenen Schlüsse so vieler Schätze, auf welche sich die regen- schweren Wolken eines düsteren Pessimismus lastend senken. Die überladene Harmonie und Modulation bewegen sich ganz und gar nicht auf organischem Boden, sondern gehen einer« gesunden, natürlichen Entwick.ung mitunter geradezu aus dem Wege. Der Mangel an Erfindung und Gestaltungskraft, der von dem kombinatorischen Genie des Meisters so riesenhaft überdeckt wurde, der enge Umkreis, in welchem sich die Slim- mungen Regers bewegten, mußte notwendigerweise zu einer Erstarrung und eigentümlichen Gleichförmig ei: der Form führen. In diesem Sinne hat man schon längst von dem Regerschen Fugenschema, von dem Regerschen Scherzotyp zu reden begonnen. Die Dvppelfuge Regers steht ganz im Gegensatz zur Fuge Bachs, der ihre Themen ganz auZ; dem Charakter der vorausgehenden Präludien entwickelt, sehr oft in gar keinem Ja- fammenhang mit den Variationen, trotzdem ihre Themen letzten Endes auf dis BläserübergipfÄung des in der Berlängerurg gebrachten Bariativnenthemas zugeschnitten find. Hierin entfaltet Reger auch eine prachtvolle Verteilung der Dynamik, eine Gröhe und Gewalt der Steigerungen, eine Meisterschaft der Kontrapunktik, die mancher dieser Fugen ein langes Leben« verheißt. Auch die Variationenwerke des Meisters stehen nicht gerade unter dem Zeichen bezwingender Variabilität. Trotzdem gehören sie sicherli«ch zu dem Bedeutendsten, was je in Variativnenform geschaffen wurde, mag man nun an die Dach- Beethoven-, Telemannvariastionen denken, die den Gießener Musikfreunden teils durch des Meisters ganz einzigartige Kunst des Klavierspiels, teils durch Prof. Trautmann und ander« hochstehende Pianisten übermittelt wurden, oder an die zarten, melancholischen Mozart- und die von männlicher stolzer Kraft überquellenden Hillervariationen für Orchester, in denen die Orchesterwerke Regers wohl ihren gewaltigst.n Höhepunkt erreicht haben. Während Reger in feinem SHerzotyp eia neues Element, etwa die Spukromantik E. T. A. Hoffmanns in die Moderne e n« fuhrt und diese bizarren, bisweilen bäuerisch ungelenken, viel öfter aber der Wirklichkeit gänzlich entrückten Sätze jedesmal scharf gegen das in der Stimmung ganz anders geartete, religiöse oder mystische, müde oder melancholische Trio abhebt, bewegt er sich mit seinen Variationen durchaus — wie auch in manchem seiner Kammermusikwerke. etwa den gehaltvollen kleinen Streich- ttivs — in der Linie HaydnS und Mozarts. Seine Variationen! sind nicht wie bet Beethoven und Brahms Charaktervariationen, sondern Ftguralvariationen, die er mit der ganzen verschwerv- — 42 — herischen Mlle und Pracht feiner Kontrapunktik überschüttet und so in ihnea die Hohe seines kompositorische« Schaffens überhaupt erreicht. Nirgends läßt sich die geradezu dämonische Gewalt Ser die Melodik. Tonalität. Rhythmus und Metru n zersetzend.n und auflösenden Mächte besser nachweisen als bei dm Hiller- Variationen. Hier geht es nicht um Um- und Neubildungen des Themas, sondern um Auslösungen. Maskierungen LI 3 zur völ.i en Unkenntlichkeit des ursprünglichen Themencharakters. Welch rin Unterschied überhaupt zwischen Brahms und Reger! — Wohl hat Reger starke Berührungspunkte mit dem Wiener Meister, z.B. in den beiben Klarinettensonaten mit den langsamen Sätzm, die von wunderbarer Tiefe erfüllt sind, oder in den Frühwerten der Wiesbadener und Münchener Zeit im Stil der. Brahmsschen Intermezzi. — So übertönt Reger in den Hilleroariativnen schon mit den ersten Variationen die holde Beschaulichkür, sagm wir einmal Zopfigkeit des Themas, durch das laute Pathos seiner unendlichen, uferlosen Kombinatorik. Brahms' Kunst hat im letzten Grunde apollinischen Charakter, der sich in der Zeit der Reise p'/hr und mehr abklärt. Regers Schaffen ist durchaus dionysisa-, charakterisiert und bestimmt durch die Form- u rd Maßlosigkeit des Barock. Die bis zu den letzten Konsequen en gesteigerten auslösenden Kräfte der Modulation und Ehroma ik, die nicht wie bei Bach und etwa auch bei Liszt durch innere formelle Geschlossenheit in Schranken gehalten werden, di: eigentümliche Melvdiebehandlung Regers, die nach dir Seite des 3n= strumentalrezitativs hinüberbiegt, jener stark von der Orgel bcein- sluhte, dicke, undurchsichtige Klavier- und Orchestersatz, der sich erst allmählich unter der Einwirkung der Meininger Zeit ausklärt, — und jener weltschmerzliche, pathologisch und von moderner Unrast durchsetzte Stimmungskvmpiex werden zu ein m abgerundeten Bild der Schafsensweisr des M isters durch s ine Neigung zum Klassizismus ergänzt, d:r allerdings nur die vom modernsten musikalischen Barock erfüllt: alte Form repräie Ui rt. Hier liegen auch die Keime eines frühen Todes für so manches an sich hochbedeutende Werk Dege sr viele aber werden leben und die Zeiten überdauern; von den Liedern, die in dec Mehrzahl ob der literarischen Unkultur des Komponisten bereits ein erledigtes Kapitel bilden, wohl nur wenige Perlen, desto zahlreicher die Orgelkompositionen, die Variationen, die Haupt äch- lichsten Orchesterwerke, der 102. P alm und vor all an die wunderbaren Blüten seiner Kammermuckk (etwa das soätr A=2113(1» Klavierquartett, das Streichquartett op. 121, die Sona'en, P ä- Ludien, Fugen für Violine Solo, die Sonatinen für Klavier). Das erschütterndste Erzeugnis aber der von mir hochverehrten Ku ist Regers ist für mich der „Symphonische Prolog zu einer Tragödie", jenes faustische, durch L.ere u ad Lud. täntalisches Ding'n und ohnmächtiges Ermatten tieferar.nfend: Selbstbekenntnis des Meisters, jene Vorstufe zur tragischen Sinfonie, Und anders ist ihm das Leben wohl auch nicht erschienen. Lappen-Wanderung. Don Carl Schöjen. Der norwegische Dichter und Forscher Carl Schöjen hat unter den Lappen wie einer der Ihren gelebt, teilgenvm- men an den Pendelzügen ihrer Sommer- und Winterwanderungen, sich ihre uralten Sagen und Wundergeschich- ten zu eigen gemacht und ist tief eincedrungen in den urzeitlichen Zauber dieser primiti en Kultur. In e nem von 3. Sandmeier meisterhaft übertragenen Buch „Skouluk- Andares", Berichte aus Lappcand, das eine neue, die Kultur der Völker des hohen Nordens behandelnde Sammlung „Arktis" des Verlages Eugen Diederichs in Jena eröffnet, erschließt uns Schöjen diele unbe annte Welt. Die Lappen sind noch Nomaden, die nach alter Gewohnheit den Winter in schwedischen und den Sommer in norwegischen Gebieten verbringen und wie die Zugvögel alljährlich ihre Wanderung antreten. Davon erzählt die folgende Schilderung. Die Dchriftleitung. Im Monat März, der Njuktia, Schwanenmond genannt, denn da kommt dieser Vogel zurück, befinden sich die Herden in rascher Wanderung über die weiten Lappmarken. Der Harscht bedeckt die ganzen Niederungen, und deshalb ziehen die Renntiere vom Waldland hinauf in die Berge. Nicht alle Lappen wandern so weit gegen Westen wie bis zum Meere, aber trotzdem ist es wie der Ausbruch eines ganzen Stammes, wenn das Samevolk die Winterwohnplätze verläßt und sich ihrer Arbeit beschäftigt um die Feuerstätte sahen. Die Flamme brannte immer hoch in dieser- Zeit, Und warnten die Hunde, daß ein Fremder sich näherte, hatte der Fremde auf der Wanderung in der kal en Winterluft schon von wri.em den guten Rauch des Feuers erkannt, ehe er es endlich erreichte. Nun sah er auch den Feuerschein über der Rauchöffirung und Schatten, die sich hinterm Zelttuch bewegten, Urck> bald ward er mit Freundlichkeit begrübt und ihm ein Platz angeboten zwischen den Bewohnern der Kale ten Damm besichtigen, ob sie in solchem Staute sind, Laß ein kommendes Els sie tretet umwerfen noch umgehen kann; ferner müßte dem Brückenntüller aufgegeBen werten, Laß er in einem Falle, wo der Eisgang zu besorgen ist, die Mühle gleich zusetze, wodurch der Zug nach ter Stadt auf einmal gehemmt ist; mehr oder weniger läßt sich ein solcher Ausgang zeitig genug voraussehen. Außer Bieter Vorsorge will mir gegenwärtig nichts einfallen; allenfalls könnte man Ne Leute in ter Saale-Vorstadt auf die Gefahr aufmerksam machen, daß sie ihr Vieh beileite brächten und sich e-nrichteten, aus ten unteren Zimmern in die oberen zu flüchten." Einige Briefe auS dem Jahre 1805 beschäftigen sich mit ter Ausbeutung eines Alabastersteinbruches, ter am Südfuß Les Hausberges im Ziegenhainer Tal entdeckt Worten war. „Es ist mir sehr angenehm," schreibt Goethe, „daß der Bersuch auf Alabaster glücklich abgelaufen ist. Fahre mit ter Arbeit fort, bis die 50 Taler zu Ende gehen. Berichte alsdann die Gage ter Sache. Wenn man genugsam gebrochen hat, so dächte ich. verschläge man das äußere Stollen noch, daß nicht jedermann dazu kamt, und ließe den Bruch eine Weile ruhen." „Das große Stück Alabaster, von welchem Du mit schriebst, lende sogleich mit anderen, die ihm zunächst an Größe und Güte gleichkvmmen, auf einem von Deinen Karren herüber," heißt eS am nächsten Tage, tem 17. Rotember 1805. Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Berlag der Drühlfchen Univ.-Buch- und Steindrucksrei, R. Lange. Gießen.