Samstag, 17. Februar ssW M IrüechallMZsblMMMeßeuerAKMZerWeMül-AWLch. jefenitjii«! UW IWM^H 'MPA » 'T ■//>le Erforschung der Entladungserfcheinungen große Fortschritte, wurden nun verschiedene wichtige Apparats eingeführt, so die Geistlerschen Röhren, die Spektralröhren, die Quecksilberbogenlampe, diE zur Entdeckung der KathoLenstrahlen führten. bie wichtigsten Eigenschaften dieser Strahlen Idb9 festgestellt hatte, und Lenard auf die Anregung von Heinrich Hertz die äußeren KathoLenstrahlen entdeckt hatte, die aus der Entladungsröhre in die freie Luft treten, war die Aufmerksamkeit der Physiker auf die ■Umgebung der Kathodenröhre gelenkt. Röntgen «and im Winter 1895-96 die „neue Art von Strahlen", die er nach ihren rätselhaften Eigenschaften „X-Strahlen" nannte. Das ttnfache Labvratoriumsgerät, mit dem Röntgen diese unsterbliche Entdeckung ausführte, befindet sich heute im Deutschen Museum zu München, wo sich die wichtigsten Originalapparate der anderen großen Strahlenforscher, Hittorf, Laue usw., befinden. Aus dm ersten Röhrm Röntgens sind in den letzten 25 Jahren zahl- telcße leistungsfähige, den Bedürfnissen der Praxis angepaßte Apparate entwickelt worden: einen vollständigen Ueberblick über diese Entwicklung gewährt die ZO Rummern umfassmde Röhrensamm- des Deutschen Museums. Das größte Grstaunm hat es erregt, E Röntgen zum erstmmal das bisher Unsichtbare photogra- phrsch sesthielt, indem er das Schattenbild der Knochenhand auf ?? ?dvtogravhischen Platte erscheinm ließ. Roch im selben Jahre wunöe von Prof. Zehnder in Würzburg die erste Röntgenaufnahme eines ganzen Menschen bergestellt. Dt» Entldeckung der Röntgenstrahlen hat ebenso große wissenschaftlich« wie praktische Folgen gehabt. Die dadurch geförderte Beschäftigung mit den elektrischen Strablungserscheinungm führte zu der Theorie o«r Conen unb Elektronen und gab die ersten sicherm Anhaltspunkte für die Erkenntnis des Wesens der Elektrizität. Roch wich» tiger ist aber die praktische Anwendung der Aöntgmstrahlm auf dem Gebiete der Heilkunde: die Aöntgen-Photogravhie und die yÄtaude lebenspendende Kraft der Aöntgmstrahlm, die bei zahl- reichm Krankheiten so segensreich wirkt. Außer in der Medizin haben Este Röntgenstrahlen bei der Materialprüfung ein, ^Uge Anwendung gefunden. Röntgen hatte bereits in seinen erstem Veröffentlichungen an der Aufnahme des Dvppellaufes eine» Jagdgewehrs mit zwei darin steckenden Kugeln und Schrotpatronen gegeigt, daß man die innere Struktur der Metalle im Döntqenbilde er tarnen kann. So werden jetzt die Röntgenstrahlen zur Unter- suchungvon Metallen und Legievungm, elektrischer Kabel usw. be- nutzt. Ebenso gelingt der Nachweis von Fälschungen im Aontgenucht. Wenn man auch üb« die Durchleuchtung von Ge- marben und ihren Wert für die Erkenntnis späterer Zutaten noch zremtlch im Unilaren ist, so kann man doch Edelsteine und Perlen mit Hilfe der Röntgenstrahlen von Halbedelsteinen, künftttchen Jk-tien und Fälschungen aller Art genau unterscheiden. Brisfs Kaiser Wilhelms L aus den Freiheitskriegen. Prinz Friedrich von Oranten, der zweite Sohn König Wil- helms i. der Bereinigten Niederlande, hatte die Prinzessi» Wtlhelmine von Preußen, die Schwester Friedrich Wilhelms HL gur Mutter und wurde mit seinen preußischen Vettern, dem Amaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dem Prinzen Wilhelm, in engster Gemeinschaft am Berliner Hof erzogen. Di« Freundschaft mit den preußischen Vettern fand während be$ Freiheitskriege, an denen der oramsche Prinz zunächst im Hauptquartier Blüchers teilnahm, ihren Niederschlag in einem leb- haften Briefwechsel sowohl mit dem Kronprinzen, der ebenfalls ins Feld zog, wie mit dem Prinzen Wilhelm/der erst im November 1813 nachfolgen durfte. Dieser Briefwechsel, der unS mitten hineinführt, in die große Zeit von Preußens Erhebung und Befreiung, wird jetzt bei Cotta von Herman G r a n i e r unter dem Titel „Prinzenbriefe ans den Freiheitskriegen" veröffentlicht. Der starke Wesensunterschied zwischen den beiden Brüdern, dem späteren Friedrich Wilhelm IV. und dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I., tritt schon in diesem Jugend» schreiben scharf hervor. Reben dem ungezügelten Schwelgen im Gefühlsausbrüchen, dem romantischen Aeberschwang des Stils bet dem Kronprinzen erscheint Prinz Wilhelm erheblich ruhiger und sachlicher, erquickend in seiner gesunden Frische und seinem naiven Jugendmut. Diese Jugendbriefe des späteren erstens Deutschen Kaisers sind uns gleich wertvoll als Zeugnisse seines Entwicklung wie als bezeichnende Beiträge zu der Geschicht« und Stimmung jener stolzen Epoche. Sein erst« Brief vom 26. Januar 1813 zeigt ihn auf der Fahrt nach DreSlau, wohin der Prinz mit seinem Vater Mut Dorbe^itung der Erhebung ging. Die Reisenden begegnen den au$ VuAtanö kommenden Franzosen: Kaum waren rum Tor hinaus, als der Zug ixtv Unglücklichen, wirklich Mitleid erregmiden Franzosen anfing. Das Elend ist nicht A beschreiben, Alles, was wir gehört haben, ist nicht üb«- - 26 — trieben. Die schönsten türkischen Schals abwechselnd mit Plätt-, und Steppdecken waren hier zu finden. Die Anzahl ist nicht zu bestimmen, jedoch versichert der Herr von Wernizobre, daß in den letzten Tagen über 5000 solcher Menschen durchgegangen wären. Aus Breslau macht der Prinz dann geheime Andeutungen über die großen Dinge, die da vorgehen. „Aus allem, was xbeö König spricht, geht keine (Zeichnung eines Steigbügels, wohl Mobilmachung bedeutend) unserer noch andererseits hervor. Was macht Deine S t e i n e sammlung? Ich will sehen, ob ich hier welche für Dich bekommen kann; einen werde ich mich hüten, zu kaufen und zu verschicken." (Damit ist der Freiherr vom Stein gemeint.) Bald kann er diese Maske abwerfen und berichtet nun freudig über die Erhebung: „Zu den Jagern, welche bei den Bataillonen und Eskadronen organisiert werden, melden sich hier schon viele Leute, besonders viele Studenten. Der Krieg gegen „Näppel" - wie sie Napoleon untereinander nennen — beginnt. Friedrich von Oranten geht tna Hauptquartier Blüchers, auch der Kronprinz stößt zumHeere. Der noch zu junge Wilhelm aber kann ihnen nur in Gedanke^ folgen und klagt, daß er nicht mit darf. „O -jIott! Könnt ich Dir folgen; ich weih nicht, was ich drum geben wurde, schreibt er am 9. April 1813 aus Breslau an den Prinzen Friedrich, „Dauert es noch künftig Hahr fort, flp soll mich auch kein Mensch davon abhalten, Karriere nachzukommen. Hurrahlll Lüneburg. Dte ersten Lorbeeren errungen I Bielleicht auch das erste ichwarze Kreuz. Meine Freude ist unbeschreiblich." Er hofft gradeza, daß der Kampf sich in die Länge ziehen wird, damit er» noch mit kann. Sehr ungeduldig ist er über den Wa fen-stül- stand. „Meinen Religionsunterricht treibe ich hefttgltch, schreibt er am 28. September. „Im März, ach Gott, wie lange noch, denk' ich, soll meine Konfirmation fein; im Frühjahr — ach, da ist ja alles vorbeil" Als ihm Friedrich den Sreg bei Leipzig mitteilt, gerät er ganz aus dem Häuschen: „Biktorta! Viktoria! Diktoria! Außer uns sind wir vor Freude über diesen her^ lichen Sieg. Wie wohl ist einem jetzt ums Herz; Sls ich dick erste Nachricht erhielt, wurde mir ordentlich leicht; dte zwei Tage, an welchen hier der Sieg befeiert wurde, war ich von der vielen Freude und von dem vielen Erzählen in tzinem kompletten Fieberzustand. . . Näppel hatte nun endlich gebüßt Die Völkerschlacht ist geliefert und Deutschland befreit. Welch ein Gefühl!" Heber Erwarten früh darf er dann zum Heere und nimmt zu Anfang des Jahres 1814 an dem Nh einüber gang teil: „Es war ein wunderschöner Anblick, das Hebersetzen der Truppen mit klingendem Spiel, usw. wir kamen diesseits des Nheins gerade an, als die den Neckarausfluß bestreichende Schanze genommen war, dann setzten wir über.“ Leider macht er die Schlacht bei Brienne noch nicht mit; er hört bloß „ein paar große Herren" pfeifen und klagt: „Während der Schlacht am 1. Februar (bei La Rokhisre) waren wir sehr weit hinten auf dem Hügel, wo uns keine Katze erreichte." Bei Dar für Aube empfängt er dann die Feuertaufe und meldet darüber dem Freunde: „Gestern haben wir eine glückliche Affäre gehabt: die kleinen und großen Herren sind uns ganz infam um die Ohren, geflogen; eine eigene Musik." Voll lebhaftester Empfindung schildert er dann seine Eindrücke von Paris und von seiner! Reise nach England, die zu einem Triumphzug für Blücher wurde. Dann geht es zu den Büchern zurück, und am 8. Juni 1815 kann der Prinz Friedrich von seiner Einsegnung berichten .gerade in dem .Augenblick, da die Truppen von neuem zum (Kampf gegen Napoleon ausrücken, lieber seine Rolle während der „hundert Tage" ist er nicht erbaut. Aus Paris gesteht er dem- Vetter am 3. August 1815: „Direkt von Berlin nach.Paris in forcierten Märschen zu marschieren, welch eine glorreiche Campagne für mich." Ich bin einigermaßen wütend, um fe mehr, da sich unsere Truppen wieder so herrlich benommen haben. Aber ich mag gar nicht mehr lamentieren, ich bleibe doch . einmal! unzufrieden." Chopin und Schubert. Don Prof. Dr. Rudolf Henle. Chopin und Schubert stehen sich nahe, hi ihrem Leben und! in ihrem Schaffen; soweit ein echter Pole und ein echter Oester- reicher sich nahe stehen können. Beider bald geendetes Leben war ein bejammernswertes Elend. Was bei dem Oesterreicher die seelische Veranlagung allein bewirkte, das vollendeten bei dem Polen widrige Geschicke. Das Leid hat sich zu tief in beider Schaffen eingegraben, als daß dessen Wesen bei oberflächlichem Kennenlernen erfaßt werden könnte. So ist Chopin und Schubert das Mißverstandenwerden reichlich beschieden gewesen. Noch heute kann man Chopin als Walzerkonrponist nennen hören. Schubert muh sich gar auch von musikverständigen Leuten als Frohnatur bezeichnen lassen. Erst in jüngster Zeit beginnt unter dem Einflüsse des Schubertromans von Rudolf Hans Bartsch eine richtigere Deutung von Schuberts Wesen in der Allgemeinheit Platz zu greifen. Chopin und Schubert haben leidvoll gelebt, und ihre Kunst ist dem letzten Grunde nach Ausströmen ihres Leides. Und Beiden Vst eigentümlich die passive Stellung gegenüber ihrem Leide. Das Beto zu bekämpfen mb zu bezwingen, eine Schlacht gegen das Schicksal ztu schlagen und als Sieger zu triumphieren, wie Beethoven es am gewaltigsten in der fünften Symphonie getan — haben sie nicht unternommen. Zu dem Willen, dem Schicksal in den Rachen zu greifen, sind sie nicht durchgedrungen. Das Schicksal war der Stärkere. Dennoch wird niemand den Balladen Chopins, den Quintetten Schuberts abstreiten dürfen, große Werke großer Künstler zu fein. Es ist eine falsche Auffassung, Große nur in der Selbstbehauptung zu erkennen. Die Größe Beethovens und die Größe Schuberts lassen sich nicht vergleichen, weil Beethoven und Schubert entgegengesetzte Wege wandeln. Schubert und Chopin stehen unter dem Schicksal. Ihre Kunst ist Sagen vom Leide, und ist Tragen des Leides. Das ist bei Heiden gleich. Aber was sie sagen, und wie sie tragen, ist nicht mehr gleich. Das Leid, von dem sie sagen, war nicht dasselbe bei Chopin und bei Schubert. Chopin hat gelebt und erlebt; Schubert lebte ein stilles, armes Leben. Chopin hat aus dem Becher des Lebens getrunfen, und Gift auf seinem Grunde gefunden; Schubert griff nicht nach dem Becher, und niemand hat ihn ihm geboten So erhält ihr Schaffen einen verschiedenen Inhalt. Chopin formt genossenes Glück in berückender, atemraubender Pracht. Er schafft Verklärungen geschauter Freuden, wie wir sie wohl träumend in unsagbaren Gestaltungen weben um Orte, da wir das Glück gesucht. Wenn in Chopins herrlichsten Werken gegen Ende die Hauptthemen in breiten vollgrissigen Akkorden wiederkehren und in sinnverwirrendem Glanze funkeln, geben die Kunde von dem, was Chopin an Lebenswonne gesunden und verloren hak. So bestrickt die Polonaise-Fantasie, die Barcarole, das O Moll-Nocturne, ebenso die beiden späteren Balladen den Hörer mit einem Klangreiz und einer Tonfülle, die mit nichts zu vergleichen ist. Chopins Nocturnes atmen Liebesempfinden von einer Zartheit und- Verzücktheit, die ohne Ausgereiftsein im Gewähren und Empfangen nicht gedacht werden kann. Schubert hat das Glück nie gekannt, ist ein Glückloser gewesen und geblieben. Seine Sehnsucht schöpft nicht aus Erfahrenem. Die Zauberpracht seiner Werke hat nichts Sichtbares zum Inhalt. Die W-underwelt, die er aufschlietzt, ist überirdisch. Schubert ist der Komponist, welchem am unmittelbarsten die Eingebungen zuflos- fen, aus Quellen, die niemand nennen kann. Hefter Schubert ist öer Himmel offen. Ob er int Klavierquintett in ein Feenland entführt, ob er im Andante der zweiten A=Sur=©onate Wasserwogen In blaugelber Belichtung aufspritzen und sich verschlingen läßt, tob in den Trios em Meer von Licht und Sonne glitzert und flimmert — immer steht man vor Hnfaßlichem. Damit harmoniert die Einfachheit seiner Mittel. Die berühmte Hornflelle der großen Symphonie und desgleichen der Hebergang zur Rebrise im Andante der unvollendeten Symphonie, int Schlußsatz der Streichquintetts, im ersten Satz der 6-Dur-Sonate ist mit wenigen verschiebenden Griffen hergestellt, und überall da hört man den Schleier von Ewigkeiten emporrauschen, glaubt man in eine jenseitige Welt hinü^rzugleiten. Leichter ist es, ein nie Gehabtes zu entbehren, als das Gekostete einzubüßen. 3n der Art, tote Chopin und Schubert ihr Leto tragen, treten sie weit auseinander. Bei Chopin ist es Hader und Verzweiflung, was er dem Schicksal entgegenbringt; bei Schubert ist es Ergebung. Chopin windet sich in ohnmächtigem Groll, gießt sein Herzblut in Klagen um sein Elend, überliefert sich den Mächten der Knsternis und des Grauens. 3n den zerrissenen Ton- svlgen des Fantasie-Smprvomptu, des ersten Satzes der 8-Moll- Sonate, in-Hern schauerlichen 8-Mvll-Scherzo wühlt er verbissen in seinem Schmerz. Sn dem Mittelstück der Polonaise-Fantasie, des ^-Dur-Scherzo, in dem alleinstehenden Cis-Moll-Präludium tönt eine Hoffnungslosigkeit des Flehens, die im tiefsten Herzen ergreift. Das berühmte Oes-Dur-Präludium wie mehrere der kurzen Prälitoien, die Lig-Moll-Etude, das Mittelstück der 88-Moll° Polonaise mit dem unheimlichen leisen Trommelwirbel sind ganz erfüllt von tödlicher Trauer, von starrem Gram. Wem aber das Weh, das in dem Trauermarsch der L-Mvll-Sonate sich losgerun- gen hat, zu groß scheinen will, als daß, es in ein Menschenherz gesenkt werden durfte, der vergesse nicht, welch' selige Erlösung das Losringen dieses Wehs, welch' unerhörte Schöpfertoonner. das Werden von Werken wie die b-Moll-Ballade, die Polonaise- Fantasie begleitet haben müssen. Schuberts Tragen ist Entsagen. Schubert trägt sein Ausgeschlossensein als ein Leid, das er aus feiner persönlichen Natur als unentrinnbar begriffen hat. Er nimmt sein Leid auf sich als Teil seiner selbst, er entsagt der Erfüllung seines Sehnens, und findet darin den Frieden. Sicherlich gibt es auch bei Schubert leidenschaftliche Not und dumpfe Verzweiflung. Das Mittelstück im Andante des 6-Dur-Quartetts, vollends des Streichquintetts offenbaren einen Abgrund von Qual, der erzittern läßt. Das O-Moll-Quartett ist ein Hoheslied vom Vergehen und Sterben. Doch selten fehlt bei Schubert das frie&eatmen&e Ausklingen. Hnd auch im Aufruhr wahrt Schubert stets eine Gemessenheit. Sn strengem Gleichmaß schreiten die Takte dahin; und nichts ist verfehlter, als bei der Entfesselung im Andante der großen Symphonie durch Beschleunigungen der Terzen- und Oktavengänge Wirkung erzielen zu wollen. — Der eigenste Schubert aber ist die verhaltene, von aller Bitterkeit losgelöste Klage. Sn Schuberts Klage verschmelzen sich Tiefe und Weichheit. Sin Werk von unermeßlichen Hmrissen enthält den ganzen Schubert in sich: das Streichquintett. Der erste Satz ist Größe. Er enthüllt die Delbstbewußtheit des genialen 27 — Künstlers, an die keine Armut, kein Wiedersehen kein Stehen- lassen, und keine Selbstvorwürfe heranreichen. In dem letzten Satze waltet eine Stimmung wie auch in dem letzten Satz der O-Dur- Fantasie: Eine steyrische Landschaft im Abendschein; auf den; Feldwege heimkehrende Bäuerinnen, scherzend und trällernd; am Waldessaum der verlassene Wanderer auf einer Bank vornübergebeugt, die Augen mit der Hand bedeckt. Dicht daneben liegt die Stimmung der Abkehr ins Düster, wie sie in dem Liede vom „Wirtshaus" 'erklingt. Das Trio im dritten Satze ist Schuberts Ausdruck der gleichen Trostlosigkeit, aus der Chopins Trauermarsch geboren ist. Wo Chopin zusammenbricht, da läßt Schubert das Emupt auf die Brust sinken. Die Erhabenheit des erschütternden Trauergesanges vermögen keine Worte zu schildern. In dem Andante endlich — von seinem Mittelsiück war schon die Rede — eint sich das Quintett mit dem Lis-Mvll-Andante aus der 8-Dur- Sonate und mit dem Andante aus dem Oktett zu dem letzten De- keimtnis von dem, was in Schuberts Seele lebte. Mit wundervollem Zierrat geschmückt, steht die Ertsagung da als eine Himmelstvchter, einen goldenen Becher mit süßem, trostspendendem Trank dem Knieenden reichend. Linier Verwandlungen von strahlender Schönheit wechseln in dem Ois-Moll-Andante tiefstes Leid und tiefster Friede miteinander, fließen ineinander, und in dem Mittelstück offnen sich weit die Tore einer Welt, wo alle Tränen getrocknet werden, wo getröstet wird, wie einen seine Mutter tröstet. Das ist Schubert. Man versteht, daß dieser Geist nur in der Musik sich ausdrücken konnte, und ihm die Fähigkeit, in Wort ünd Tat um das zu werben, wonach ihn dürstete, versagt war. So klagt seine Kunst um den blühenden Garten in seinem Innern, dessen Schlüssel keiner anderen Seele gegeben, oder von der, die ihn besaß, sortgeworfen worden war. , „ , Schuberts Musik ist reines, dem Streben nach Selbstdurch- setzung entrücktes Sehnen. Darum können viele Menschen, die Musik wohl verstehen und schätzen, zu Schuberts Musik keinen Zugang gewinnen. Solchen Menschen, denen Schubert nichts sagt, soll man mit Vorsicht begegnen. Der erste Gleitflieger vor 50 Jahren. Die Kunst des Gleitfluges, in deren Ausbildung Deutsche bahnbrechend gewesen sind, wird gerade in diesen Wochen bei uns wieder eifrig geübt, und da mag die Erinnerung an einen Vorläufer der kühnen Segelflieger angebracht sein, die in der „Times" gegeben wird. David Draper erzählt hier von dem „ersten Gleitflieger", der in der fernen Kolonie von Natal seine Versuche unternahm und dessen Name ohne das Zeugnis einiger noch Lebender vollkommen verschollen wäre. Goodman Household war der Sohn eines der Ansiedler, die in den 60er Jahren an den Mountain Rocks bei Durban eine Kolonie begründeten. Er beschäftigte sich viel mit dem Problem des Segelfluges und beobachtete hauptsächlich den Flug der großen Geier, bis er su der Lleberzeugung kam, daß es möglich sei, sie nachzuahmen und eine Maschine herzusiellen, die das Fliegen für den Menschen ermöglichen würde. Außer dem Flug der Vögel studierte er auch alle Arten von Flugtieren, besonders Fledermäuse, und kam auf Grund feiner Berechnungen schließlich zu der Herstellung einer Flug- maschkne, für die er sich besonders dichtgewebte Seide aus der Schweiz un& besondere Stahlröhren aus England kommen lieh. „Die Familie Household," berichtet Draper, „wohnte damals auf einer Farm in dem Karkloof-Gebiet, etwa 30 Km. nördlich von dem Dorf Howick. Vom Karklvof-Berg aus unternahm Goodman seinen ersten Flug. Mit der Unterstützung von einem halben Dutzend Eingeborenen brachte er in einer klaren Mondnacht das Flugzeug auf den Gipfel, nahm auf dem Sih Platz und befahl den Eingeborenen, die Maschine über den Abgrund herunterzu- skvhen. Sie weigerten sich zunächst, dies zu tun, weil sie fürchteten, bestrast zu werden, wenn ihr Herr getötet wurde; aber er Ü6ec» redete sie dazu und schwebte dann in der Luft über einem Tal von wenigstens 1000 Fuß Tiefe. Die Maschine war ausbalanciert, daß er durch leichte Veränderung seiner Körperlage das. Vorderteil heben oder senken konnte, und auf diese Weise hoffte er, in der Luft auf- wid herabfleigen zu können. Der Geier fliegt ohne sichtbare Bewegung seiner Flügel. Household hoffte, sich ebenso mit Hilfe des Windes und seiner Steuervorrichtung vorwärts bringen zu können. Aber, wie er mir später selbst gestand, verlor er, wo er frei in der Luft schwebte, seine Geistesgegenwart und beugte sich vorwärts, so daß die Maschine allmählich immer tiefer sank und schließlich in einem kleinen Gebüsch etwa 8 Km. von dem Ab- flugsort entfernt landete. Er versuchte nie wieder seine Flügel; seine Freunde überredeten ihn, es aufzugeben, aber er war überzeugt, daß es möglich sei. Ich weiß nicht, ob er noch lebt, da sich diese Vorgänge ums Jahr 1871 abspielten, aber es gibt noch viele Persönlichkeiten in Natal, die sich an dies Ereignis erinnern. Das Ruhrgebiet im Spiegel unserer Dichtung. Bon Dr. Friedrich Spreen. Wie man sich eines teuren Besitzes erst ganz bewuhiwird, tocim die Gefahr droht, ihn zu verlieren, so werden wir uns auch erst jetzt, da eie Räuberhände unserer Feinde nach dem Ruhr- revier greifen, im Innersten klar über die gewaltige Bedeutung, die dieses aufs feinste organisierte Industriezentrum für uns besitzt. Es ist das Herz des neuen Deutschland, das die schwarzen Ströme seiner Kohlen durch den ganzen Organismus unseres Vaterlandes qumpt und uns damit beständig neue Lebenskraft zuführt. Die Dichter, die stets zugleich Seher und Propheten waren, haben das am frühesten erkannt. Ihnen verdanken wir es, wenn wir heute eine anschauliche Vorstellung von dem „Schwarzen Revier" besitzen, wenn wir die grandiose Schönheit dieses so lange verachteten inti> nicht beachteten Gebietes fühlen. Gerade die jüngste Lyrik hat da viele Vorurteile weggeschafft und uns erst ein starkes Erleben dieser großartigen Welt ermöglicht. So ist uns im Spiegel der Literatur das Ruhrrevier zu einem Stück deutscher Heimat geworben, an dem wir mit allen Fasern hängen. Das betont auch Dr. O. E. Hesse in der Einleitung zu seinem im Zentral-Verlag zu Berlin erschienenen Vuch „Das Ruhrrevier in der deutschen Dichtung", in dem er eine Auswahl der schönsten Gedichte über dies „Herz Deutschlands" zusammenstellt. Die Romantik war es, die die Poesie des Bergmannes entdeckte und ihn als den „Herrn der Erde" preis. Aber es war eine mystisch verklärte Auffassung, die Novalis, selbst ein Vertreter des Bergfaches, in seinen Dichtungen begründete. Nicht der wirtschaftliche Wert, die industrielle Macht des Hüttenwesens stand im Mittelpunkt dieser Betrachtung, sondern das Gefühl, daß sich der Mensch in diesem Beruf am engsten mit den geheimnisvollen Tiefen des Bodens vermählt. Solche weltfremde Bergmannspoefie finden wir dann von Theodor Körner bis zu Johann Nepomuk Vogl, her in seinen 1856 erschienen bergmännischen Dichtungen „Ans der Teufe" bezeichnend singt: Was neidisch die Erde verborgen, Das bringen wir Krrappen mit Kühnheit zu Tag. Wenn andre vergessen die irdischen Sorgen, Erklingt es hier unten vom gellenden Schlag; Da rollen durch Stollen Die Hunde im Lauf, Da steigen und fallen Die Tonnen, da schallen Die Grüfte und Klüfte , Von unferm „Glück auf!“ Der Erste, der das Ruhrrevier mit männlicher Kraft als einen Heldenkampfplatz der Arbeit feierte, war Freiligrath, der 1866 aus Anlaß eines großen Grubenunglückes sein Lied „Fürs schwarze Land" schuf. „Das Heer der Arbeit verlor eine Schlacht,' ruft er aus: Sie fuhren hinab Gesund und rot — , Sie wurden erschlagen, Sie liegen tot! Hunderte und Hunderte, Tot, tot, tot! Durch das schwarze Land Gellt der Schrei der Not! Der soziale Ton, der hier angeschlagen ist, klingt weiter tn der Dichtung des Ruhrreviers, so z. B. in der 1898 erschienenen Gedichtsammlung „Aus Schacht und Hütte" von Heinrich Kämp- chen, der die Umwandlung des Landschaftsbilöes elegisch beklagt: Denn unter mir und deiner Fluren Pracht Dehnt sich das Reich der grauenvollen Nacht. Lind flötet hier die Nachtigall im Hain, Dort unten dröhnis von brechendem Gestein. Ja, du bist schön, mein trautes Heimattal, Im Morgengold, im Abendsonnenstrahl, Doch deinen Söhnen fern vom Tageslicht, Den armen Knappen frommt die Schönheit nicht. Die großartig dämonische Schönheit des Ruhrreviers, die den stärksten Inbegriff der Kräfte unseres modernen Jndustriezeitalters darstellt, haben erst die modernsten Dichter erfüllt. Zwar besitzen wir keinen großen Bergwerksroman, wie Zolas „Terminal und Lemvnniers „Moloch". Rur Paul Grabein hat in seinen 1910 unter dem Titel „Aus dem Reich der schwarzen Diamanten erschienenen Romanen „Dämonen der Tiefe" und „Herren der Erde" das Milieu des Ruhrreviers gezeichnet. Aber die Lyrik hat uns ein bewundernswertes Heldenlied des „Schwarzen Reviers" gespendet. So besingt HerbertEulenbergdle Land- schäft: Der Himmel ruht auf vielen schwarzen Säulen, Der diese Landschaft deckt. Die Arbeit speit Den düst'ren Weihrauch aus. Dampfpfeifen heulen. Und von der Hämmer Schlag das Eisen schreit, Aufstöhnend hallt es stets bei Tag und Nacht. Hier wird Gold gemacht! Eine Dichtung, die das Weltgefühl für die Erfassung des Nuhr- reviers ausbildete, schufen die „Bergleute auf Haus Nyland", deren Führer der geniale Josef Winckler ist. In feinen „Eiserne« Sonetten" hat er den Rhythmus des Reviers ausgefangen: Die Türen schlagen hoch im Wetterschacht. Und senkrecht sinkend, abgrundtief verschofl'n, Mit dumpfem Ohr gehst du in nledern Stoll'n Endlos, raumlvs, im Schweigen tieffier Nacht. — SS - Plötzlich, älrttere im Gestein, Trifft man auf Menschen, tropfend baL Gesicht, Wie heiße Bronze stimmt im trüben Licht Ihr nackter Leib, gewühlt im Flöz hinein. Mach ihm hat dann der Essener Krupp-Arbeiter Christoph Wieprechi die Arbeit im Ruhrrevier besungen. Gr begrüßt in lodernden Worten das Hüttenwerk, schildert die grause Fahrt in die Tief« und die Musik, die ihm bet der Nachtschicht entgegendrShnt: Zur Musik wird uns der Riemen knattern, Orgelbrausen der Maschinen Rattern, Sonnenlicht steigt auS der Essen Sprüb'n, Weich« Stummer — weichet, schwarze Sorgen! Unser Ziel? O komme bald, du Morgen, Schenke un8 dein junges Strahlenglüh'n. Der eigentliche und größte Dichter des „schwarzen Reviers" rcher ist P a u l Z « ch, der Sohn einer Bergmannsfamilie, der selbst als Hauer tätig gewesen ist. Gr gestaltet mit Meunierscher Kraft Gröhe und Grauen dieser Wett, wenn er den „Hauer" darstellt, oder von einer „kleinen Katastrophe" berichtet: Zwölf Männer wurden vom Gestein erschlagen! Zwölf Tote hat die Erde ausgespien; Dec Steiger hat's bewegt hinausgeschrien Und lieh die Leichen in das Schauhaus tragen... An Zechs Gedichtband „Das schwarze Revier" und ebenso in seinem Aovellenzhklus „Der schwarze Baal" besitzen wir den stärksten künstlerischen Ausdruck der Ruhrdichtung. Aber dieselbe Melodie Hingt auch in zahlreichen andern Dichtern auf, so z. B. bei dem hochbegabten GerritGngelkke, der auch den „Tod im Schacht" malt, der das „Lied der Kvhlenhauer" singt: Wir Pocheri und pocherr durch Wochen und Jahre, Wir fahren lichtauf; — mit „Glück auf!" dann hinab. — Wir pochen und pochen von Wochen — zur Bahre — Und mancher schürft unten sein eigenes Grab. — Wir pochen, wir pochen durch Wochen und Jahre. Wir wracken, wir hacken mit Hangendem Racken Am wachsenden Schacht bei Tage, bei Rächt. — Es ist ein starkes, durch Arbeit uird Gefahr hart gehämmertes, hochgemutes Volk, das jetzt im Ruhrrevier der brutalen Gewalt der Franzosen die seelische Kraft eines unerschütterlichen Willen- entgegenstellt. Es sind die schlichten und doch so monumentalen Helden der Arbeit, die unsere neue Lyrik gezeichnet hat und von denen der frühere Kesselschmied Heinrich Lersch in seiner „Ausfahrt der Bergleute" sagt: Tiefenschürfer, alte, junge, Roch vom Swllengcmg gebückt; Atmend weitet sich die Lunge, Die noch Staub und Rauch bedrückt. Reckend strecken sich die Kopfe, Heben auf ihr Angesicht, Menschen, fühlende Geschöpfe, Beten sie aus Rächt zum Licht. Die das Licht mit Dunkel bützmr. Das mit Grauen sie umlag. Und mit wankend müden Füßen Grützen sie den neuen Tag. Krähen und Mi-rosn. Aus Schlesien wird uns geschrieben: An der Oberlausch hat Dr. O. Herr (Görlitz) eine Reih« merkwürdiger Beobachtungen an Krähen und Möwen gemacht. Gr schildert, daß sich die Krähen in ihrer Lebensweise immer mehr den Möwen nähern und daß letztere umgekehrt die Lebensgewohnheiten der Krähen annehmen. Er hat Jahre hindurch immer öfter beobachtet, wie die Krähen beim Abfischeu der Teiche lüstern in der Rähe lauern und, sowie die Luft rein ist, den Teichbvden' nach Rahrung abfuchen. Dabei scheuen sie das Wasser nicht und waten darin umher, und alles Genießbare, Fische, Frösche, Wasserinsekten, Muscheln und Schnecken zu sammeln. Gleich den Möwen verstehen sie es sogar, die Weichtiere aus der Schale zu bekommen. Sie fliegen nämlich eine Strecke hoch und lassen die Schalentiere auf eine harte Unterlage (Steine, Dächer usw.) herabfallen, wobei sie eine erstaunliche Geschicklichkeit im Zielen entwickeln, blitzschnell sind sie hinterdrein, um aus Sen zertrümmerten Schalen die fleischigen Teile herauszusuchen. An den letzten Wintern hat Dr. Herr sogar beobachtet, wie die Raben über der Görlitzer Reiße schwebten und auf alles fließen, was ihnen verdächtig vorkam. Ein anderer Beobachter, Merk (Buchberg) hat sogar gesehen, wie eine Rabenkrähe in der Rähe eines Wehres tauchend ins Wasser stieß, einen Fisch herauszvg und ihn am Ufer kröpfte. Sie haben also ebenso wie Eisvogel und Wasserstar die Wasserjagd gelernt, zuerst auf Insekten, später auf Fische. Umgekehrt ist es bei den Möwen. Sie sind auf dem besten Wege, es den Krähen gleich zu tun. Wie diese, schreiten sie hinter dem Pfluge einher und durchsuchen mit Eifer den frisch gepflügten Boden nach "Rahrung. Bei Rothenburg (O.-L.) wurden sie in maikäferreichen Jahren beobachtet, wie sie in den Kronen der Baume herumturnten und Käfer sammelten. Aehnliche Beobachtungen wurden übrigens im Ostseegebiet gemacht, wo 6er Rückgang der Möwen eine starke Zunahme der Engerlinge im Gefolge hatte. So rächt sich der rücksichtsslose Abschuß der Möwen und die rücksichtslose Eierlese, die eine Störung des biologischen Gleichgewichts zur Folge haben. Richt nur Insektenfresser, sondern auch Fruchtfresser sind die Möwen bereits geworden. Bei Rengersdorf (O.-L.) wurden zur Zeit der Kirschenernte Möwen beobachtet, die im Fl uge reife Kirschen von den Bäumen rissen.' In Gehege bei Rothenburg (O.-L.) ließen sie sich sogar auf den Kirschbäumen nieder und kletterten mit ihren Schwimmfüßen unbeholfen darin umher, so daß sie wie die Spatzen und Stare verjagt werden mußten. Daß sie auch schon zu Räubereien übergegangen sind, beweist eine Zuschrift im „St. Hubertus", nach der sie junge Mgel und Bogeleier in den Fluren rauben. Auch sieht man sie seit langem schon öfter der Mäusejagd obliegen. Am Heidehaus im Teichgebiet von Spree in der schlesischen Lausitz hatte man vergiftete Eier gelegt, um der Krähenplage Herr zu werden. Erfolg: überall lagen tote Möwen umher. Dr. Herr bemerkt dazu, daß man sich demnach nicht wundern dürfe, wenn die Möwen, die Brehm bezeichnender "Weise die „Kühen des Meeres" nennt, auch zu Resträubern werden und "bald auch zu Angriffen auf größere Tiere übergehen werden. Es zeigt sich also, wie die „Meereskrähen" auf dem besten Wege sind. Landkrähen zu werden während die Sippe der letzteren starke Reigung zeigt, sich wenigstens bezüglich der Rahrung dem Wasser anzupassen. Damit hänge es auch zusammen, daß die Möwen beginnen, aus Sicherheitsgründen ihre Rester höher zu legen. Man hat Möwennester in dem Teichgebiet der Oberlausitz schon in Gebüschen 1—2 Meter über dem Erdboden gesunden. Bielleicht werden die Möwen gleich den Störchen und Reihern aus Bodenbrütern allmählich zu Baumbrütern. ®S sei zu erwarten, daß bei einer derartigen Uebereinflimmuna der Lebensweise, beide Bogelsippen, Krähen und Möwen, bald in Fehde geraten werden. An der Tat ist schon wiederholt beobachtet worden, wie auf den Feldern Möwen von Krähenschwärmen unb an Gewässern fischende Krähen aufs hartnäckigste von Möwen attackiert wurden. Die Legende vom Aennchen von Tharnu. Simon Dach'S berühmtestes Gedicht „Aennchen von T ha rau" soll nach den Erinnerungen „Ans altpreußischen Tagen" von Adelheid von Beith aus folgendem Anlaß entstanden fein: Als armer Student wohnte Dach in einem Dachstübchen gegenüber dem Königsberger Dom. Am Erdgeschoß war von einer Familie ein anmutiges Mädchen mit Rainen Aennchen ausgenommen worden, die aus dem in der Rähe gelegenen Ort Tharau flammte. An dieses Aennchen habe sich Dach unsterblich verliebt, ßabe aber wegen der Strenge der Verwandten kaum ein Wörtchen mit ihr sprechen können unb seinen Gefühlen nur in seinem Gedicht Ausdruck verliehen. Als er nach jahrelanger Abwesenhell wieder an seinem ehemaligen Wohnhause vorbei kam, habe eint dicke Bäckersfrau vor der Tür gestanden, die er nach dem Aennchen fragte und die ihm die Antwort gab: „Erbarmen, das bin ich ja selbst!" Dach fei darüber sehr enttäuscht gewesen, habe aber seine Jugendliebe nicht verwinden können unb sei unvermählt gestorben. Am neuesten Heft des Hamburger „Quickborn" weist Paul Wriede die Haltlosigkeit dieser Geschichte nach. Das ursprünglich in flamländischer Mundart gedichtete, später von Herder InS Hochdeutsche übertragene Lied „Anke van Tharaw" verdankt keinem solchen poetischen Erlebnis feine Entstehung, sondern ist eines der vielen Gelegenheitsgedichte, die Dach auf Bestellung verfaßte. Er dichtete es zur Dermählung der Pastorentochter Anna Reander auS Tharau mit feinem Freunde Johann Portativs in dessen Ramen und Auftrag. Der älteste erhaltene Druck des Liedes befindet sich in der 1644 erschienenen Sammlung „Poetisch-Musikalisches $uft» toälMein“, die ein anderes Mitglied der Königsberger Dichterschule, Heinrich Albert, herausgab. Der Vesenbinder.*) Wenn ich $a Geld zen Saufen ho, Geh ich in Wald, schneid Reisig o. "Wenn ich dos Reisig gschnidn ho, Geh ich nach Haus, bind Besen draus. Wenn ich bö Besen bunden ho. Laf ich die Straßen af und t>. Unb schrei holt allweil: „KafstS Besen o, Daß ich a Geld zen Saufen ho!" Wenn ich dös Geld vasoffen ho, Geh ich In Wald, schneid Reisig o. *) Aus einer guten, kleinen Sammlung deutscher Dvlks- lieder, „Der Garten Ammergrün", die, herausgegeben teon Oskar Maurus Fontana, im Verlag von G. P. Tal u. So. (Leipzig, Wien und Zürich) neu erschienen ist. Schriftlellung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.