Samstag, 16. Juni W iC/ ÄH>gS .Ife» ’1gi.' ■•#’» ■■. ?u dMGjM M N a .kftm Der Geschichtsschreiber der Hohenstaufen. (Zu Fr. v. Räumers 50. Todestage, 14. Juni.) Velten hat ein geschichtliches Werk so groben Einfluß auf Publikum und Literatur gewonnen, wie die „Geschichte der Hohenstaufen" von Friedrich v. Raumer, deren erste Auflage 1823—1825 erschien. Dieses Werk, das jetzt seinen hundertsten Geburtstag feiern könnte, ist heute zwar in vielen Tatsachen veraltet, aber durch feine anmutige Darstellung noch immer lesenswert und vor allem wichtig, weil es die Quelle für so viele Dichtungen, von Tiect, Jmmermann, Grabbe usw. ist. Auch Raumer selbst lebt nur noch als der Verfasser dieses Buches fort, durch das er die Mode der Histvriendramen entfesselte wrd jene Zeit Heraufführte, da jeder dichtende Oberlehrer seinen „Friedrich II.“ oder „Äon« radin", in Jamben versaht haben mußte. Das Vorbild aller war der erfolgreiche Raupach, der die 6 Bände des Aaumerschen Werkes zu fünfaktigen Tragödien verarbeitet hatte. Durch Raumer zuerst wurden die Deutschen zur Beschäftigung mit der Geschichte angeregt und fanden in jenen großen Tagen mittelalterlicher Kaiserzeit das heiß ersehnte Vorbild für die neue Einigung. Goethe begrüßt« freudig diese Gefchichtserzählung, die Treitschke „den ersten glücklichen Versuch umfassender politischer Geschichtsdarstellung" genannt hat, „der seit dem Wiederaufleben der historisch-philologischen Forschung gewagt wurde". „Schon der mächtige Stoff, das historisch« Ideal des Zeitalters der Romantik, gewann dem Werke die-Herzen der Leser. Räumers Gesinnung war ganz modern, obwohl er mit Tieck, Eichendorfs und anderen romantischen Dichtern freundschaftlich verkehrte. Gr urteilte mit dem weltmännischen Wohlwollen eines verständigen Beamten der Hardenbergischen Schule. Immerhin blieb dem Buche das große Verdienst des ersten Wurf«: die hohen Gestalten unserer alten Kaiser traten den gebildeten Deutschen wieder menschlich nä^r, am deutlichsten wohl das Charakterbild Kaiser Friedrichs II." Räumers wissenschaftliche Bedeutung ist durch die überragende Größe Rankes in den Schatten gestellt worden. Gr steht mit seiner Geschichtsauffassung noch ganz auf dem Standpunkt des 18. Jahrhunderts, so stark er auch die Romantiker beeinflußte, und sein Vorbild war Voltaires „Jahr- hundert Ludwigs XIV.". Als Verteidiger der Aufklärung und ihres Helden Friedrichs des Großen erregte er auch durch seine Akademierede von 1847 den Unwillen Friedrich Wilhelms IV., worauf er sein Amt an der Akademie niederlegte. Der vielerfahrene Beamte, der dann als Professor in Breslau und Berlin wirkte, wurde 1848 als Mitglied des Frankfurter Parlaments zum Gesandten in Paris ernannt, ohne dort viel ausrichten zu kön- , neu. Als ein liebenswürdiger Plauderer und Erzähler erscheint er in seinen überaus zahlreichen Werken, von denen einige, wie feine „Briefe aus Paris", seine Schilderungen Englands und Frankreichs immerhin einen kulturgeschichtlichen Wert haben. Schließlich gab er noch bei Lebzeiten seinen „Literarischen Vachlaß“ heraus und bewahrheitete damit Rankes etwas boshaftes Wort von ihm: „Was er in jedem Moment dachte, sagte er gerade heraus ohne Ueberhebung, aber auch ohne Zurückhaltung, mid ließ es drucken." Aus der (Befriste des deutschen Studsntsntums. (Schluß.) Schon der Hinweis der Rostocker Universität in der im Jahre 1748 an den den Landsmannschaften wohlgesinnten Herzog gerichteten Denkschrift, daß. Rostock die einzige Universität sei, an der noch Lanl^mannschaften öffentlich geduldet würden, deutet daraus hin, daß damals die Bewegung gegen die Landsmannschaften sich nicht allein auf Rostock beschränkte. Tatsächlich sehen wir um die Mitte des 18. Jahrhunderts auch anderenorts wieder die Behörden gegen die Landsmannschaften mit Erfolg einschreiten. So erging, freilich einige Jahre später, im Jahr 1765, z. B. in Jena! ein scharfes und augenscheinlich mit Vachdruck gehandhabtes Verbot der Landsmannschaften, die sich dort seit dem anläßlich des Hubertusburger Friedens in Jena gefeierten Friedensfeste wieder stärker öffentlich gezeigt hatten. Konnten die durch die Einrichtung des Patronats halb und halb, oder wie bte der Pommern, sogar offiziell anerkannten Landsmannschaften Rostocks sich nach dem behördlichen Verbote überhaupt nicht mehr halten, so daß wir seitdem von Landsmannschaften in Rostock nichts mehr hören, so vermochten sich in Jena zwar z. B. die Mosellaner, wie uns überliefert ist, auch nach 1765 zu behaupten. Trotzdem wird das Verbot von 1765 eine starke Erschütterung des blndsmannschaftlichen Verbindungslebens bedeutet haben, zumal die meisten der davon in Jena betroffenen Landsmannschaften erst kürzlich neu entstanden und ihrem inneren Wesen nach, wie wir oben darlegten, nur von lockerem Gefüge waren. Der ausschlaggebend« Unterschied zwischen den damaligen Landsmannschaften und denen des 17. Jahrhunderts bestand ja eben darin, daß jeder Zwang für einen Anschluß fehlte und die Beteiligung deshalb keineswegs mehr eine allgemeine war. Zwar war es vielfach üblich, daß sich die studierenden Landsleute durch das Tragen eines bestimmten farbigen Abzeichens, der „Masche", als Landsleute kenntlich machten und wohl auch gelegentlich gemeinschaftlich kneipten, doch bedingte solches Tragen einer landsmannschaftlichen Masche noch keineswegs die Zugehörigkeit zu einer geschlossenen landsmannschaftlichen Verbindung, die zeitweilig vielleicht gar nicht einmal vorhanden war. Bestand aber «ine solche, wie z. B. die seit 1721 in Jena nachweisbare, angeblich schon weitaus ältere Mvsellanerlandsmannschaft. so fehlte es doch an schriftlich festge- legien Gesehen, die sich die Mosellaner erst nach 1760 gegeben zu haben scheinen. Mochten in ruhigen Zeiten solche lockeren Gebilde auch Zusammenhalt genug für ein längeres Bestehen in sich tragen, so waren sie doch zu erfolgreichem Widerstand gegen behördlich« Unterdrückung, sobald solche wie 1765 in Jena einsehte, weit weniger geeignet als die älteren festeren Organisationen des 17 Jahrhunderts. • ! Die jetzt häufiger und entschiedener werdenden Maßnahmen der Behörden gegen das landsmannschaftliche Wesen, lassen den Schluß zu. daß in das während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas matt und alt gewordene studentische Gemeinschaftsleben um diese Zeit neue belebende Anregungen getreten waren. Die neue Welt- und Lebensanschauung der Aufklärungszeit begann damals von Halle. Göttingen unb dem 1743 begründeten Erlangen aus allgemeiner auf den Universitäten festen Fuß zu fassen. Die Universitäten, denen in der voraufgegangenen Periode der lebendige Zusammenhang mit dem geistigen Leben der Ration vielfach verlorengegangen war, so daß gerade die geistig fortgeschrittenste« - 94 Sdem wissenschaftlichen Betriebe Ser Hochschulen kühl und ob* ,d gegenübergestanden hatten, begannen jetzt diesen Zusammenhang und damit allmählich die geistige Führung der Zeit wie- Serzugewinnen. Die geistigen und damit auch die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den ilniberfitäten und der von der neuen Weltanschauung am stärksten ergriffenen und sie tragenden bürgerlichen Schicht des Volkes mutzten damit lebhaftere und engere werden unb auch auf die Studentenschaft übergreifen, die sich nun auch auherhalb Leipzigs und Göttingens mehr und mehr dem gesellschaftlichen Einfluß des Bürgertums öffnete. aiun hatte, vielleicht — wie z. B. Sshmank annehmen zu dürfen glaubt — anknüpfend an ältere, noch von früher her auch in Deutschland bestehende Lieberlieferungen geheimer Gesellschaften, das Freimaurertum seit etwa dem Beginn des Zweiten Drittels des 18. Jahrhunderts von England und Frankreich her auch in Deutschland, besonders In den städtischen bürgerlichen Schichten, stärker Fuß zu fassen begonnen. Das Freimaurertum wurde damit zu der Quelle, aus der ganz neue Anregungen auch in die Studentenschaft sich hinein verbreiteten. Seit etwa der Mitte des Jahrhunderts begegnen uns zuerst akademische Freimaurerorden in Deutschland. Sie dürfen freilich nicht mit den späteren studentischen Orden verwechselt werden, wenn sie auch gelegentlich schon Studenten unter ihren Mitgliedern zählten. Ihre Träger waren vielmehr in der Hauptsache wohl die Kreise der akademischen Dozentenschaft. Doch wird unzweifelhaft von ihnen vielfach Vorbild und Anregung für die Entstehung der späteren rein studentischen Orden ausgegangen sein, deren erste Spuren sich in den fünfziger und sechziger Jahren, in stärkerem Matze dann seit dem Beginn des letzten Drittels Les Jahrhunderts bemerkbar machen. Von Len drei später bedeutendsten und am weitestem verbreiteten studentischen Orden, die hier statt vieler kleinerer und schneller wieder verschwindender gleich vorweg genannt seien, den Amicisten, Constantisten und Llnitisten, war zuerst wohl der Ami- cistenorden entstanden. Gr begegnet uns bereits 1772 in Gietzen. In Jena wurde er 1771 von sich aus der grötzeren Gemeinschaft absvndernden Mitgliedern der dort bestehenden, damals recht zahlreichen und ein ziemlich wildes Leben führenden Mosellanerlands- mannschaft gegründet. Im Jahre 1792 schlossen die Jenenser Amicisten ein Kartell mit dem 1790 in Leipzig gegründeten Jndisiolu- bilistenorden, der nun Namen und die orangegelbe Farbe der Amicisten neben seiner ursprünglichen Ordensfarbe Blau annahm. Der Constantistenvrden soll 1777 in Halle gestiftet worden fein, von wo er nach Jena, Leipzig, Frankfurt a. O., Erlangen, Helm- städt übertragen wurde. Im Jahre 1783 fand z. B. Laukhard die Constantisten in Jena vor. Auch der Llnitistenorden dürfte in Halle entstanden sein, wo er neben den Constantisten eine große Aalte spielte und von dort nach Jena, Göttingen, Erlangen, Frankfurt, Rostock und schließlich auch nach Leipzig verpflanzt wurde. Sehr stark waren in ihm norddeutsche Adelsfamalien, besonders aber die Mecklenburger vertreten. Gr erfreute sich im allgemeinen eines guten Rufes und starken Ansehens. Reben diesen Hauptorden, die sich schnell auf die meisten deutschen Llniversitäten verbreiteten, standen noch eine große Reihe anderer weniger bedeutender Orden, die rasch auftauchten und wieder vergingen. So gab es bereits 1753 in Gießen einen „hessischen Orden"; Erwähnung verdient von ihnen noch der von den Amicisten in Jena abgesplitterte Orden der Harmonisten oder Schwarzen Brüder, der bereits 1781 in Jena wie in Gießen nachweisbar ist. Schon in den sechziger Jahren hatte in Jena eine nicht studentische, sondern eine akademische Harmonistenloge „zum rvthen Stern" bestanden, von der gewisse Fäden zu den „Schwarzen Brüdern" hinübergeleitet zu haben scheinen. Eine Folge dieses Zusammenhanges war es wohl, daß die Schwarzen Brüder nicht als ein rein studentischer Orden angesprochen werden können, wenn sie auch bis in den Anfang der neunziger Jahre im engsten Zusammenhänge mit dem Studentenleben standen, um erst in der Folgezeit, völlig seit 1800, zu den früheren freimaurerisch welt- bürgerlichen Bestrebungen zurückzukehren und sich dem studentischen Leben ganz zu entfremden. Gin die Harmonisten kennzeichnender grundsätzlicher Llnterschied von den eigentlich studentischen Orden war es, daß sie stets, auch in der Zeit ihres engsten Zusammenhanges mit dem Studententum, bürgerliche, dem studentischen Leben fernstehende Obere in Braunschweig hatten. Mit dem Auftreten der Orden wurde nun auch die bisher im Gegensatz zu den übrigen gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen der damaligen Studentenschaft noch völlig einheitlich gebliebene äußere Form des studentischen BerbindungslebenS zum eilten Male gespalten. Im Gegensatz zu dem alten genossenschaftlich-demokratischen Prinzip der Landsmannschaften, das zwar gelockert, aber nicht grundsätzlich aufgegeben war, fußten die Orden quf dem entgegengesetzten aristokratisch-individualistischen Prinzip 6er Auswahl der Mitglieder nach Maßgabe persönlicher Eigenschaften. Richt durch die Gewinnung möglichst vieler Mitglieder, sondern durch Auswahl der Tüchtigsten aus der Menge wollten die Orden sich durchsetzen und die Herrschaft erringen. Deshalb beschränkten sie sich grundsätzlich auf kleinere engere Kreise, in die man nur die Angesehensten und Fähigsten zu ziehen und hier in engster persönlicher Freundschaft für Lebenszeit aneinanderzuknüpfen versuchte. Dieser grundsätzliche, für die ganze fernere Entwicklung des studentischen Verbindungslebens ungemein fruchtbringende, ja entscheidende Gegensatz zu dem bisherigen landsmannschaftlichen Ver- bindungsthp kam aber bei seinem ersten Aufwachen, wie es zumeist bei ähnlichen Gelegenheiten zu gehen Pflegt, den beteiligten Zeitgenossen nicht sofort mit voller Klarheit zum Bewußtsein. So ist auch keineswegs von einem sofort scharf ausgeprägten Gegensatz zwischen beiden Richtungen, der älteren und der jüngeren, wie er sich später bis zur Todfeindschaft zuspitzte, die Rede. Ganz im Gegenteil ist anfangs vielmehr überall ein mehr oder weniger friedliches Reben-, ja Durcheinanderleben die Regel, so daß vielfach die Ordensbrüder auch Mitglieder der Landsmannschaftm waren. Dabei blieben freilich die Ordensbrüder, die ihre Orden, der Vorliebe des Freimaurertums für mystisch Geheimnisvolles entsprechend, der Außenwelt gegenüber streng geheimhielten, ihren „profanen" Mitlandsmannschaftern gegenüber unbekannt. Rur für die itniiiften ist uns ein solches- eigenartiges Verhältnis zwischen dem Orden und Landsmannschaften, wobei letztere als Pflanz- schulen für den Orden zu dienen hatten, nicht bekannt. Doch bildeten bei den Llnitisten, wie wir schon erwähnten, Rorddeutsche, besonders Mecklenburger, wie auch vielfach Livländer, z. B. 1795 in Jena, den Kern des Ordens. Es scheinen demnach auch bei den Llnitisten gewisse landsmannschaftliche Zusammenhänge vorgelegen zu haben, , Richt m offener Gegnerschaft, sondern von innen heraus untergruben in der Form von Schmarotzerpflanzen allmählich die Orden die Herrschaft der Landsmannschaften und versuchten, für eine Zeitlang mit gutem Erfolge, die Herrschaft im Studentenleben an sich zu reißen, indem sie überall die besten und fähigsten Leute, die gesiirchtetsten Schläger an sich zu ziehen und die führenden Stellen in den Landsmannschaften, die Stellen der Senioren, Konsenioren usw., mit Ordensbrüder;: zu besetzen wußten. Da die Orden den von den Landsmannschaften untereinander mit größter Strenge gewahrten Grundsatz der Rekrutierung aus ganz bestimmten unter den einzelnen Landsmannschaften der betreffenden Hoch- schule nach genauen Abmachungen, dem f»genannten „Länderkartell" verteilten Landesteilen für sich nicht achteten, sondern ihre Mitglieder ohne Rücksicht auf ihre landsmannschaftliche Herkunft wählten, konnte ein Orden seine Mitglieder in ganz verschiedenen Landsmann schäften habe:: und durch sie seinen Einfluß auf diese ausüben. Sv konnte es kommen daß ein bedeutenderer Orden, wie z. B. die Gießener Amicisten oder eine Zeitlang di» Constantisten in Halle, gleich mehrere Landsmannschaften auf einer Universität beeinflußte und beherrschte. Da die Ordensregeln die Ordensmitglieder aufs strengste verpflichteten, den Interessen ihres Ordens alle anderen Interessen und Pflichten nachzufetzen, mußte eine solche versteckt getriebene Beeinflussung durch Unbekannte Ordensmitglieder von den leitenden Stellen der Landsmannschaften au8 sehr bald zu einer merklichen Benachteiligung der Interessen der eigentlichen Landsmannschaften führen unb deren ohnehin im Vergleich zu den Orden wesentlich loseres Gefüge immer mehr lockern und durchlöchern. Die Landsmannschaften verloren immer mehr an Einfluß und Bedeutung und bildeten in der Blütezeit der Orden, als die man etwa die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts ansetzen kann, ohne ganz zu verschwinden, nur noch das äußere formale Gehäuse, dessen inneren Wesenskern die Orden aus- machten. Was den Orden so rasch schon wenige Jahre nach ihrem ersten Auftauchei:, ihre starke Verbreitung und 6en unleugbar vorherrscheichen Einfluß auf die damalige deutsche Studentenschaft sicherte, war einmal das äußerliche Reizmittel eines in geheimnisvolle, mysteriöse Formen gebannten und prunkvollen Zeremoniells, das dem freimaurerischen Vorbilde nachgeahmt war und seines Eindrucks auf jugendliche Gemüter um so weniger verfehlte, als ein solcher Hang zum Mysteriösen, zur Geheimniskrämerei, als Korrelat zur Aufklärung ganz dem allgemeinen Zeitempfinden entsprach. In viel entscheidenderem Maße wirkte hierfür aber zweitens die Tatsache ein, daß die Orden auch innerlich das studentische Verbindungswesen mit einem neuen, bisher ihm unbekannten idealen Wesensinhalte zu erfüllen verstanden. Es ist unverkennbar daß die Orden, zum mindesten in ihren Anfangszeiten, ernstlich bestrebt waren, dem im allgemeinen ziemlich wüsten und rohen Treiben der Landsmannschaften gegenüber eine ernstere und sittlichere Lebensführung bei ihren Mitgliedern einzubürgern. So war es der ausgesprochene Zweck der 1771 auf« tretenden Jenaer Amicisten, die rohen Sitten der Moselaner zu bessern. Lind es wird ausdrücklich bezeugt, daß der Lebenswandel der Amicisten, deren Gesetze denen der Moselaner ähnlich, nur positiver und strenger gefaßt waren, in ihren Anfangszeiten ein geordneter und sittlicher war. Auch die Verpflichtung zu wissenschaftlichem Streben, die in landsmannschaftlichen Gesetzen zwar auch zu finden war, hier aber wohl nur eine papierene Bedeutung hatte, besaß in den Ordensgesetzen, für die Anfangszeiten wenigstens .eine wesentlichere, wirklich btnöenbe und verpflichtende Kraft. — 95 Damit verknüpften sich vielfach stärkere literarische Interessen, die ihren Ausdruck mehrfach in Sem Entstehen besonderer sogenannter „gelehrter" Logen fanden. Wenn daneben die Orden, wiederum nach dem Vorbilds der Freimaurer, von ihren Mitgliedern eine Beschäftigung mit allgemeinen Fragen des Menfchheitswohles und der Menschheitsbeglückung verlangten, so lag darin freilich einmal ein Keim für eine fernere bedenkliche Entwicklung und Entartung, der sich tatsächlich bald tri verhängnisvoller Weise für die Orden ergeben hat. anderseits wurde damit aber doch, zum ersten Male wieder seit den Tagen der Reformation, der Blick der Studentenschaft als solcher über die eigenen engen Stan des schranken zu höheren Aufgaben und Zielen hingeleakt und damtt Grundlagen für spätere fruchtbringende Entwickelungen gelegt. Was um 1770/80 hierbei ins Weltbürgerliche hinauswies, wurde ein Menschenalter später unter dem Druck der Weltereignisse von selbst ins Vaterländische, Nationale gewendet. Hier liegen damit trotz allem, was man an sich mit Recht gegen die einseitig literarischen und weltbürgerlich-philosophischen Bestrebungen der Orden ein- wenden mag. die ersten Anfänge eines vollen Anschlusses der Studentenschaft an das politisch-nationale Fühlen des ganzen Volkes, wie es sich m der späteren Entwicklung nach den bitteren Lehrjahren der französischen Fremdherrschaft und der Befreiungskriegs zum ersten Male vollendete. Für die Weiterbildung des studentischen Verbindungswesens im besonderen bedeutete es ein für die Zukunft geradezu entscheidendes Moment des Fortschrittes, daß die Orden, wie wir schon sahen, an die Stelle des alten landsmannschaftlichen demokratischen Vrmzrps der Heranziehung möglichst weiter Kreise das aristo- krattsch-individualistische der Auswahl der Mitglieder nach per- sonilchen Eigenschaften und das Prinzip der persönlichen Freundschaft der einzelnen Mitglieder untereinander setzten. Zukunftweisend war ferner die Forderung der Orden im Gegensatz zu den Landsmannschaften, die solche länger dauernden Zusammenhänge zum Teil direkt ablehnten, sie jedenfalls praktisch nicht weiter Pflegten, daß die freundschastlichen Beziehungen, die sich zwischen den einzelnen Ordensmitgliedern während der Studentenzeit durch den Orden geknüpft hatten, ebenso wie die Beziehungen der ein» jclnen zu oem Orden als solchem über die Studentenzeit hinaus Geltung und Bedeutung für die gesamte Lebenszeit haben sollten Wir werden im späteren Verlauf unserer Darstellung sehen, welche Srunolegende Bedeutung für die fernere Entwicklung des Gemeinschaftslebens gerade diese Bestimmungen der Ordensverfassungen gewinnen sollten, wenn sie auch nicht imstande waren, den Orden selbst eine längere Dauer ihres Einflusses und Bestandes zu sichern und sie vor baldiger Entartung uiid Untergang zu bewahren. Zu solcher verhältnismäßig raschen Entartung, die dem schnellen Wisstieg zur fast restlosen Beherrschung des studentischen Lebens -twa m den achtziger Jahren beinahe ebenso überraschend schnell olgte, wirkten verschiedeite innere und äußere Gründe mit. Der ittlichen Besserung des studentischen Lebens, wie sie die Orden in hren Anfangsjahren mit sich gebracht hatten, folgte bald wieder eine bemerkbare Verflachung und Veräußerlichung, ja ein Rückfall in die anfangs von den Orden bekämpfte Roheit des Lebens, 'die nun sogar fast noch eine Steigerung gegen früher erfuhr, so dah die letzten Jahre der Ordensherrschaft, abgesehen von dem 17. Jahrhundert, als die Zeit stärkster Verwilderung des studentischen Treibens angesehen werden müssen. Die Auswahl und Bewertung der Mitglieder erfolgte eben bei den Orden sehr bald nicht mehr so sehr Mich inneren moralischen, als vielmehr nach äußeren Vorzügen. Die gewandtesten Wortsührer, die gefürchtetsten Schläger, die größten Renommisteir genossen das höchste Ansehen und übten den stärksten Einfluß. Dazu kam ein Weiteres. Wir gedachten schon der Hinneigung der Orden zu einem mysteriösen und formelhaften Zeremoniell. Die anfangs einfachen Ausnahmegebräuche wurden in Nachäffung freimaurerischer Sitten mit immer krauserem und geheimnisvoll anmutendem Formelkram, hinter dem der Novize allerhand Mysterien ahnen sollte, belastet. Diese inhaltlose Spielerei und Geheimnistuerei erzeugte vielfach gerade in deii Durchschnittsköpfen eine bedenkliche Äeberheblichkeit gegenüber den „Profanen", d. h. nicht in den Orden ausgenommenen studierenden Landsleuten. Diese äleberhebung rief, da natürlich trotz aller Geheimniskrämerei auf die Dauer das Vorhandensein und die Wirksamkeit der Orden auch den nicht ihnen angehörenden Studenten nicht verborgen bleiben konnten, eine immer mehr zunehmende Neigung zum Wider- Stande und zur Reaktion gegen das mehr und mehr drückend empfun- >ene Joch einer halb und halb im Dunkel bleibenden Herrschaftsclique wach. Vermehrt wurde die Abneigung gegen die Ordensherrschaft dadurch, daß sich die Orden, zumeist unter der Führung der schon genannten „gelehrten Logen", vielfach dem Eindringen politisch- revolutionärer und philosophisch-weltbürgerlicher Ideen unter dem Einfluß der Französischen Revolution öffneten und sich damit mehr und mehr von dem eigentlichen studentischen Boden entfernten. Besonders auf den westdeutschen ^Universitäten, wo man z. B. damals ein Lied auf die Helden, die im Kampfe für den republikanischen Gedanken bei Jemappes gefallen waren, sang, machte sich der politische Radikalismus in den Orden und den von ihiren beeinflußten Studentenkreisen breit. Alle diese Momente führten schließlich dazu, daß sich die durch den Orden für eine Zeit in den Hintergrund gedrängten Landsmannschaften wieder zum Widerstande aufrafften, ihre Reihen von Ordensbrüdern säuberten und, ittdem sie sich selbst mit neuem Wesensinhalt erfüllten, einen erbitterten Kampf gegen die Orden eröffneten, der schließlich mit einer vollständigen Verdrängung der Orden und Beseitigung ihres Einflusses endigte. Am frühesten wurde dieser Kampf in Halle begonnen und — Anfang der neunziger Jahre — durchgeführt. Es folgten Jena und die übrigen Hochschulen. Am Beginn des 19. Jahrhunderts war dieser Kampf im allgemeinen entschieden, abgesehen von Leipzig, wo er erst etwas später einsetzte, um schließlich ebenfalls mit der Niederlage der Orden und dem Sieg dort neugebildeter Landsmannschaften zu enden. Es waren nur noch sehr bescheidene Reste von Orden, die sich an einzelnen Universitäten bis an den Ausgang des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrhunderts erhalten haben, am längsten, bis wenigstens 1812, in dem etwas abseits der lebendigen Entwicklung geratenen Wittenberg. Geschichten von Loti. Pierre Loti, der berühmte Dichter, dessen Tod vor einigen Tagen gemeldet wurde, war ein vortrefflicher Schilderer exotischer Stimmungen, und wenn uns auch seine farbenglühenden Szenen und Bilder aus dem von ihm so geliebten Orient etwas parfümiert anmuten, so bleibt doch in seinen „Jslandfischern" ein Meisterwerk starker Heimatkunst, das auch bei uns nicht so bald vergessen werden wird. Die Sehnsucht nach fernen Ländern, nach Fahrten und Abenteuern war in dem jungen Julien Viaud — wie er mit feinem bürgerlichen Namen hieß — die ursprüngliche Selben» schäft, von der er erst verhältnismäßig spät zum Dichten kam. Als Schiffsleutnant, dann als Kapitän, kam er nach der Türkei, nach Japan, nach Marokko, nach Palästina, und in jedem Lande wußte er sich mit schmiegsamer Anpassung in einen Bewohner dieser Gegenden zu verwandeln, gefiel sich darin, als Türke, als Japaner, als Maure, als Araber aufzutreten. Aus diesen fremdartigen Stimmungen, die ihn berauschten, entstand sein erster Roman „Ra- rahu", den er 1878 von Asien aus an die Zeitschrift „Illustration" sandte. Der Redakteur blätterte zerstreut in der Handschrift, wurde aber dann von den Zeichnungen angezogen, die den Text begleiteten, und so hatte der Dichter Loti feinen ersten Erfolg seinem Zeichentalent zu verdanken. Der Roman war wirklich ein großer Erfolg, und dieser wurde noch übertroffen durch sein zweites Buch „Azihabs", das eine wahre Sensation in der französischen Literatur hervorrief. Am meisten überrascht war der Verfasser selbst von seinem jungen Ruhm, als er von seinen Dienstfahrten auf Urlaub nach seiner Vaterstadt Rochefort zurückkam und die riesigen Mengen von Driesen unb Paketen aufgehäuft sah, die ihm von Verehrern gesandt worden waren. Er war eigentlich eine scheue, stille Natur, und man erzählt, daß der Name „Loti" ursprünglich ein Spitzname war, den ihm seine Kameraden in der Marineschule von Laborda gegeben hatten, weil er so still und schüchtern war wie die indische Lotosblume. Sein erstes Porträt in der Literatur finden wir in einer Aufzeichnung im Tagebuch Cdmvnd de Goncvurts, in der es heißt: „Der berühmte Loti ist ein kleiner, schmächtiger, magerer Herr mit tiefliegenden Augen, sinnlicher Nase und einer matten, kranken Stimme. Er hat die Schweigsamkeit eines ungewöhnlich schüchternen Menschen, und man muß ihm die Worte förmlich aus dem Munde ziehen. Als ihn Daudet fragt, ob er aus einer Seemannsfamilie stamme, antwortet er ganz einfach mit seiner fünften Stimme: „Ja, ich habe einen Onkel gehabt, bet aus dem Notfloß der Medusa von seinen Gefährten aufgefressen wurde." Erst 1910 nahm der Fregattenkapitän Viaud seinen Abschied, nachdem er bereits längst Mitglied der Akademie und einer der ersten Schriftsteller seines Landes war. Gr lebte nun nur noch seiner Kunst, im Winter in seinem alten Familienhaus zu Rvch.efort, das er mit den Schätzen alter Kulturen und zahllosen Erinnerungen an seine Reisen zu einem Museum ausgestaltet hatte, unb im Sommer auf seiner baskischen Besitzung Henbaye, nahe dem romantischen Spanien. Loti ist ein echter Seemann gewesen und als solcher ein Feind Englands, dessen Uebermacht jeder Befahrer der Meere zu spüren bekommt. Mit Begeisterung trat er für die unterdrückten Völker ein schwärmte für die Buren, träumte ein „Indien ohne die Engländer", geißelte in feinen ägyptischen Schilderungen die Gewalt- herrscbaft der Briten im Nilland und ist noch während des Krieges als warmer Freund der Türken, deren Leben er so feinfühlig gemalt hat, für dies Volk aufgetreten. Die schönsten Schilderungen aber hat er wohl von Ostasien geliefert, in Büchern wie „Frau Chrysantheme", „Ein Herr in Japan" oder in „Die letzten Tage von Peking", wo er die Verwüstung der alten Kaiserstadt durch die europäischen Heere beklagt. Seine höchste Leidenschaft aber galt dem Meere, und dieser Liebe hat er in den „Qslandfischern" unb in „Mein Bruber Wes" ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Der Held seines berühmtesten Romans, Bann, der geheimnisvolle Bräutigam des Meeres, der schließlich in den Wellen feinen Tod findet, war ein prächtiger Bretone Floury. Die tragifche Rolle, die er in der Dichtung spielte, war ihm unheimlich, und er glaubte immer, daß er noch einmal das Schicksal der Dichtung an sich selbst «leben würde. Wirklich fiel er eines Tages ins Meer und ertrank. Die Heldin seines ersten Romans, Ra-ahu, die Schöne von Tahiti, die dem Marineoffizier in kurzer selbstloser Liebe angehangen, lebte noch nach 30 Jahren. Aber als sie Journalisten auf d« Insel besuchten, hatte sie den Franzosen, der den Zauber ihrer schwarzen Augen so hinreißend besungen, längst vergessen. Loti ist übrigens gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch einige Zeit In Berlin gewesen und hat über seine Eindrücke Reisebriefe veröffentlicht. Der Freund des Orients und der magischen Fernen konnte freilich nur eine Karikatur vom deutschen Wesen bieten, aber es ist nicht uninteressant, daß der Hasser Englands damals für eine Freundschaft der beiden benachbarten Länder eintrat. Eine Theatererinnerung Schopenhauers. Im dritten Buch der »Welt als Wille und Vorstellung" hat Schopenhauer auch zu der viel erörterten Frage Stellung genommen, weshalb Laokoon, in der berühmten Marmvrgruppe, nicht schreie. Gr gibt darauf die einleuchtende Antwort: weil die Darstellung des Schreiens „gänzlich anher dem Gebiet der Skulptur liegt". Man köime aus Marmor keinen schreienden Laokoon hervorbringen, sondern nur einen, der den Mund aufreihe und sich zu schreien fruchtlos bemühe. Der bildenden Kunst sei eben die Wiedergabe dieses Affektausdrucks fremd und unmöglich. 3n andern Künsten dagegen fei die Darstellung des Schreiens durchaus zulässig, ja geboten. So besonders in der Schauspielkunst. Sophokles lasse den Philoktet schreien, und der griechische Held werbe au, der antiken Bühne auch wirklich geschrien haben. „Als eines ganz ähnlichen Falles" — so fährt nun Schopenhauer fort — „erinnere ich mich, in London den berühmten Schauspieler Kemble in einem aus dem Deutschen übersetzten Stück, Pizarro, den Amerikaner Aolla darstellen gesehen zu haben, einen Halbwilden, aber von sehr edlem Charakter: dennoch, als er verwundet wurde, schrie er laut und heftig auf, was von großer und vortrefflicher Wirkung war, weil es als höchst charakteristisch zur Wahrheit viel beitrug." Wir können jetzt ganz genau angeben, wann und wo der Philosoph diese Aufführung gesehen hat. Aach den kürzlich bei Drockhaus erschienenen „Reisetagebüchern" des jungen Schopenhauer fand sie am 1Z. Oktober 1803 im Londoner Covent Garden statt. Es war eine glänzend besetzte Erstaufführung in diesem Hause, wo sonst meist Opern gegeben wurden, aber zunächst schien sie einen üblen Verlauf nehmen zu wollen. Der Darsteller des Pizarro nämlich kam — bezecht auf die Bühne, und nach wenigen Worten versagte seine Stimme so völlig, daß er sich gezwungen sah, die Bretter zu verlassen. Der Vorhang mußte fallen und dann das Stück mit einer Hilfskraft noch Einmal von vorn angefangen werden. Möglich, daß sich diese Vorstellung durch das tragisch« Ereignis dem Philosophen besonders tief eingeprägt hat. Schopenhauer spricht von einem aus dem Deutschen übersetzten Stück. Tatsächlich handelt sich's um das Drama Kotzebues „Die Spanier in Peru oder Aollas Tod". Dies romantisch« Trauerspiel, dos mit äußerlichen Effekten die beliebte Lehre predigt: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen", fand vornehmlich in England Anklang und wurde mehrfach übersetzt, so von dem bekannten Lustspieldichter Sheridan unter dem Titel „Pizarro". Auch Frau von Stael, der es nicht entgangen ist, daß dies höchst moralische Kolonialdrqma zumal auf das englische Publikum gewirkt hat, ließ sich von den süßen Phrasen Kotzebues täuschen und stellt, in ihrem Buch über Deutschland, das Stück höher als die andern Dramen des in allen Sätteln gerechten Mannes. Kotzebues Tragödien mit ihrem triefenden Edelmut und ihrer dick aufgetragenen Rührseligkeit werden dem Philosophen später gewiß lästig gewesen sein. Für Kotzebues Komödien aber ist Schopenhauer noch im Alter bis zu einem gewissen Grade einge- treten — und das spricht für seinen B ü h n e n s i n n, der bei einem mit den tiefsten Problemen der Menschheit beschäftigten Denker gewiß nicht häufig sein dürfte. Diese lebendige Teilnahme an der Welt des Spiels und Scheins, der sich ja mit seiner Illusions- Philosophie gut vereinbaren läßt, ist schon in jungen Jahren durch zahlreiche Theaterbesuche geweckt worden: das geht aus den jetzt zum erstenmal gedruckten Aeisetagebüchern Schopenhauers, die jeden Gang ins Theater sorgsam verzeichnen, deutlich genug hervor. Dr. Hermann Michel. getrieben werden. Wer jetzt auf dem Atlantischen Ozean von Europa nach Aeuhork fährt, Samt hier und ba solche Eisberge h, der Ferne auftauchen sehen. Selten kommen die Schiffe bei dem jetzt so vorzüglich eingerichteten Aachrichtendienst in die Aähe dieser gefährlichen Eisriesen, aber mit Hilfe eines guten «tzernglases kann man sie am Horizont beobachten. Sie Ähneln den spitzen Segeln ungeheurer Segelschiffe und werden meistens in größerer Anzahl sichtbar, so daß man den Eindruck hat. als ob eine ganze Flotte gewaltiger Geistersegler von Aorden her herannahe. Diese Eisberge, die in den westlichen Ozean gelangen, haben jetzt den Schrecken verloren, den sie so lange für alle Seefahrer bildeten. Durch die drahtlose Telegraphie ist es möglich, jedem Schiff täglich die Lage der Eisberge und die Richtung genau anzugeben. In der sie sich bewegen. Jeden Tag patrouillieren Schiffe den Ozean von der Küste von Labrador bis zu den großen Schiffsrouten ab und teilen ihre Beobachtungen den Küstenstationen des internationalen Wachtdienstes mit. Diese Patrouillenschiffe sind mit starken drahtlosen Apparaten ausgerüstet, so daß sie jede Veränderung sofort ankündigen und auch alle Schiffe in der Gefahr» zvne sofort direkt warnen können. Die Aufgabe dieser Patrvuillen- fahrer gehört zu den schwersten und gefährlichsten, die der Seemannsberuf keimt. Man muß sich vergegenwärtigen, daß dies« Eisberge, auch wenn sie nur etwa 250 Fuß über die Meeresoberfläche emporragen, etwa neunmal so tief sich unter dem Meeresspiegel ausdehnen und daß manche dieser Eisungetüme fast einen Kilometer lang sind und mit großer Geschwindigkeit den Ozean durcheilen. Der Wachtdienst arbeitet aber so sicher, daß die Schiffe auf den Routen mit voller Geschwindigkeit sogar in der dunkelsten Macht fahren können, denn die Lage der Eisberge ist wohlbekannt, und eine gewisse Warnung liegt auch darin, daß beim Geraten in die Aähe eines Eisberges eine kalte Luftströmung sich bemerkbar macht, die ein alter Seemann sofort spürt. Wenn ein Schiff heutzutage einen Eisberg sichtet, so macht es durchaus nicht etwa sofort kehrt oder ändert seinen Kurs, sondern es fährt ruhig weiter, denn bet Eisberg ist ihm gemeldet und hält eine bestimmte Richtung ein, die durchaus nicht immer die Fahrtrichtung des Schiffes zu kreuzen braucht. Schlageter. Von Dr. AlfredGramsch. Auf der Holzheimer Heide in starrem Karree Stehn hundert Mann der grande armSe“ — Hundert — o „glorreicher" gallischer Hahn — Um einen gefesselten deutschen Mann, Um einen Mann und ein enges Grab. — --Ein stumm Gebet schließt ein Leben ab, Ein gläubiger Aufblick zum HimmelszÄt: „Herr, du verzeihst ja, wo ich gefehlt. — Wenn mich verurteilt das Kriegsgericht: Ich tat als Deutscher ja nur meine Pflicht," Dann sieht er sich aufrecht im Kreise um. Sieht auf den Leutnant, befehlend und stumm Der hebt di« Peitsche. „Eh, boche.“ Er spuckt. Keine einzige Muskel dem Wehrlosen zuckt. Von oben bis unten nur mustert er groß Den Welschen — und wieder — und — lächelt bloß. — „Eh, boche, du scheinst nicht zu verstehn." — „O doch!" — „Eh, willst wohl um Gnade flehn?!" — — „Ein Aarr, wer von Frankreich Gnade begehrtI And — vielleicht — — ist mein Sterben auch etwas wert!!. * So löst schon die Ketten und bildet die Reih', Ihr weißen Aegerl — Sin Freier stirbt frei!" Am des Leutnants Lippen giert Rachsucht und Wut: „Pourquoi, monsieur, die Ketten sind gut!" 3n seinen Augen flackt hämischer Haß. Aufknirscht her Deutsche: „Richt einmal das?!" Sein Auge durchbohrt, ein schneidendes Schwert, Den Welschen. — Der zittert und macht dann Kehrt, Doch die furchtbaren Augen lassen nicht los. And dabei--lächelt — der Deutsche bloß. Dann geiferte: „soldats, kehrt zum Pfahl ihn um!" Aufbäumt sich der Deutsche. Dann schließt man ihn krumm, Tin heiser Zählen ... und dann ... vorbei.... .... Doch der Blick des Toten läßt niemand mehr frei Die toten Augen glanzlos und groß Krallen sich fest und lassen nicht los. vchriktlsitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'lchen Aniv^Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Die toten Augen schreien zum Herrn,' „Mord!" gellt es nah; „Mord!" gellt eS fern; „Mord!" gellt es hier; „Mord!" gellt es dort Durch die Reihen der Henkersknechte fort. .,. ... Da packt den Leutnant ein Wahnsinnsgraus And — und — und — er schießt dem Toten die Augen auS. . Die Eisberge kommen... Die Eisberge haben für uns eine unangenehme Aktualität bekommen, da man uns erzählt, daß sie an dem kühlen Wetter dieses „Sommers unseres Mißvergnügens" schuld sind. Tatsächlich ist jetzt die „Saison der Eisberge" herangekommen. Diese großen und kleinen Eismaffen, die m den ersten Tagen des April sich von den Küsten von Labrador loszulösen beginnen, werden erst im Juni eine Gefahr für die Schisse, da sie dann sich in großer Zahl und riesiger Ausdehnung von den Eisfeldern abtrennen und durch die südlichen Strömungen in den Bereich der großen Ozeandampfer