Samstag, 15. September 8 5 Sb' iBBBgasanaDwiaff 1928 — Nr. 37 k-,1 >; i $ V 3- ®» Fichte an die deutsche Nation. Diejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer künftigen Vorschlägen, ist nun sattsam beschrieben. Wird Geschlecht, das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal dastehen, "^es^lediglich durch seinen Geschmack am Rechten und Guten, undschlechthm durch nichts andres getriebene, dieses mit einem Derstande, der für seinen Standpunkt ausreichend das Rechte alle- mal I icher erkennt, versehene, dieses mit jeder geistigen und körper» ^raft, das Gewollte allemal durchzusetzen, ausgerüstete Geschlecht: so wird alles, was wir mit unsern kühnsten Wünschen begehren können, aus dem Dasein desselben von selbst sich ergeben und aus ihm natiirlich hervorwachsen. Diese Zeit bedarf unsrer Forschriften so wenig, daß wir vielmehr von derselben zu lernen haben wurden. . ®adieses Geschlecht noch nicht gegenwärtig ist, sondern erst heraufgezogen werden soll, und, wenn auch alles über unser Erwarten trefflich gehen sollte: wir dennoch eines beträchtlichen Zwischenraums bedürfen werden, um in jene Zeit hinüber zu kommen, so entsteht die näherliegende Frage: Wie sollen wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurch bringen? Wie sollen wir, da wir nichts Besseres können, uns erhalten, wenig- stens als den Doven, auf dem die Berbesferung Vorgehen, und als den Ausgangspunkt, an welchen dieselbe sich anknüpfen könne? Efe sollten wir verhindern, dah, wenn einst Las also gebildet« Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter uns träte, es nicht an uns eine Wirklichkeit vor sich finde, die nicht die mindeste Der- wandtschaft habe zu der Ordnung der Dinge, welche es als das rechte begriffen, und in welcher niemand dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsche und Bedürfnis einer solchen Ordnung der Eunge hege, sondern das Dorhandene als das ganz Natürliche und das einzig Mögliche ansehe? Würden nicht diese eine andre Welt im -o-ufen Tragenden gar bald irrewerden, und würde so nicht die neue Bildung ebenso unnütz für die Verbesserung des wirklichen Gebens verhallen, wie die bisherige Bildung verhallt ist? Ä V® Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit, Ge° oanienlosigkeit und Zerstreutheit so ferner hin, so ist gerade dieses ms bas notwendig sich Ergebende, zr, erwarten. Wer sich ohne Auf- Snmfcit -auL selbst gehen läßt, und von den .Umständen sich geiwiten, wie sie wollen, der gewöhnt sich bald an jede mögliche Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas belei- mg werden mochte, als er es das erstemal erblickte, laßt es nur auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewöhnt er sich daran unö findet es späterhin natürlich und als ebenso sein müssend, ge- F’™11 Suletzt gar lieb, und es würde ihm mit der Herstellung vW ersten bessern Zustandes wenig gedient sein, weil dieser ihn ™ r,nun einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse. Auf '. eise gewöhnt man sich sogar an Sklaverei, wenn nur »a. smichche Fortdauer dabei ungekränkt bleibt, und gewinnt sie mn der Zeit lieb; und dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle wahre Ehre abstumpft und so- vann ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie ihn mCtT os ®Dr9e und manches Selbst denkens überhebt. Aiifi' v n ans auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der « « °eS Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen •, cw^siauug künftiger Befreiung. Wird unser äußeres Wirken Fesseln geschlagen, laßt uns desto kühner unfern zam Gedanken der Freiheit, zum Leben in diesem •?’ 8Um Wünschen und Begehren nur dieses einigen. Laßt auf einige Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt; 8 oen wir ihr eine Zuflucht im innersten unsrer Gedanken, so lange, vss um uns herum die neue Welt emporwachfe, die da Kraft habe diese Gedanken auch äußerlich daiIustellen. Machen wir uns mit demjenigen, was ohne Zweifel unfern Ermessen frei bleiben mutz mit unserm Gemüte zum Vorbilde, zur Weissagung, zum Bürgen desiemgen, was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur nicht mit unserm Körper zugleich auch unfern Geist nieder- U1t£> unkrtI>D^eT’ and in die Gefangenschaft gebracht Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist daraus di« einzige, alles in ftch fassende Antwort diese: Wir müssen eben zur Stelle werden, was wir ohndies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns.anschaffen, und einen festen und gewissen D^st; wir müssen, ernst werden in allen Dingen, und nicht fort- fahren bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir muffen uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden die allem imferm übrigen Denken und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken mutz bei uns aus einem Stücke sein, und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter &a&en und deutsch fein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache keinen besonüern Namen,' weil sie eben ohne alles unser Wissen rind Besinnung aus unserm Sein unmittelbar hervorgehen soll. Die Geschichten der alten Haushälterin. Don SelmaLagerlö f.*) Großmutter. ®tn Hahr nach der grotzen Reise nach Strvmstadt erlebten di« kleinen Kinder auf Marbacka einen grotzen Kummer. Hhre Grotzmutter starb. Bis dahin hatte sie Tag für Tag auf dem Ecksofa im Kinderzimmer gesessen und ihnen Vvrgesungen oder Geschichten erzählt. Die Keinen Kinder Wichten es nicht anders, als datz sie von morgens bis abends mit ihnen fang und ihnen erzählte, und datz sie bei ihr satzen und zuhörten. Das war wunderschön gewesen. Kein anderes Kind hatte es so gut gehabt wie sie. Woher Grotzmutter alle die Geschichten und Lieder hatte, das wußten sie nicht, aber Grotzmutter glaubte selber jedes Wort, waÄ sie erzählte. Wenn sie etwas gar zu Merkwürdiges berichtete, pflegte sie den Kindern tief in die Augen zu schauen und in ihrem überzeugendsten Tone zu sagen: „Alles dieses ist so wahr, wie ich euch sehe und wie ihr mich seht." Eines Morgens, als sie zum .Frühstück heruntergekommen waren, durften sie nicht in Grotzmutters Zimmer gehen und ihr guten Morgen sahen, wie sie sonst zu tim pflegten, denn Grotzmutter war krank. Dann war das Ecksofa im Schlafzimmer tagelang leer geblieben, und die Kinder wuhten nicht, wie sie die langen Stunden herumbringen sollten. Nach einigen weiteren Tagen sagte man den Kindern, di« *) Wir entnehmen den im Verlag Alb. Langen in München unter dem Titel Marbacka erschienenen Lebenserinnerungen Der groben nordischen Dichterin einen gröberen Abschnitt, der in di« den Menschen unserer gehetzten Gegenwart so fremd, gewiß aber auch bald wieder anheimelnd anmutenden Welt etnführt, der die Dichterin die Gestalten ihrer großen Werke entnommen hat. — 146 — Amwegen der Spuk Ansiedler wurde es man das Ruhestein vorbeizusahren. Aber die alte Herrin hatte der Haushälterin versichert, letzt brauche niemand mehr vor denr Pfarrer ohne Kopf Angst zu haben, denn eine Bauernfrau von Marbacka, die ein vernünftiges und entschlossenes Weib war und ein tveiüg mehr verstand als andre Leute, habe ihm Ruhe verschafft. Das war so zu gegangene jene Bäuerin kam eines Abends spat am Ruhestein vorbeigeritten. Es war Heller Mondschein, und wie sie erwartet hatte, stand das Gespenst auf dem Weg unterhalb des Steinhaufens, wie wenn es ihr den Weg versperren wollte. Aber die Bäuerin hatte keine Angst, und sie ritt ein PftA das ebenso ruhig und furchtlos war wie sie selbe». Sie ritt dicht zu dem Gespenst hin und ermahnte es, sich zur Ruhe in sein Grab zu legen. ... „Wie konimt es, das; du an dem Ort, wo du hingehorst, mcht stille liegen bleiben kannst?" fragte sie. „Da weiht, daß du kem Bessres Grab bekommen kannst. Rirnmerniehr darfst du in geweiyter Erde rußen, du, der du befleckt und unrein warst, als du starbst. Dieses sagte sie mit voller Aebeizeugung, denn der Pfarrer war ja ein böser Mensch gewesen, und sie selber sah ihn für völlig unwürdig an, in Kirchhofserde zu ruhen. . „And du brauchst nicht aus deinem Grab zu steigen, um W zu rächen," fuhr sie fori; „denn du Iregft hier um deiner eigenen Taten willen und weil du den Lohn empfangen hast, den du ve dienst, das weiht du selber recht wohl." , Während sie so sprach, schien das Gespenst vor ihr dünner zu werden, und die Gestalt schien an Deutlichkeit zuzunehmen, schließlich sah es aus, als wolle es sich auf sie stürzen. AVer M fürchtete sich nicht, sondern redete noch einmal zu ihm, um enotuy einmal diesem Hammer ein Ende zu machen. „Wenn du aber still und ruhig in deinem Grabe hegen bleim, so gelobe ich dir, jedesmal ein Vaterunser für dich zu beten, so on ich hier vvrüberkomme," sagte sie. nicht herausscharren könnten. . Doch die alte Herrin hatte gesagt, der tote Pfarrer habe in dem Grabe, das ihm auf diese Weise, bereitet worden war. keine Ruh« gefunden, und in hellen Mondnächten habe man ihn an dem Hügel unterhalb des Ruhesteins gesehen, im langen Talar und den Kopf in den Händen. Die Pferde sahen ihn besser als die Menschen. Sie scheuten und stiegen, so^dah die Reisenden oft zu durch wilde Wälder gezwungen wurden. Solange nur Hirten in Marbacka wohnten, hatte nicht allzuviel zu bedeuten gehabt. Als sich aber neue einfanden und zuleht ein richtiger Bauernhof erstand, schon bedenklicher. Rieinand wußte, auf welche Weise Gespenst zwingen könnte, ruhig in feinem Grabe zu bleiben, und jahraus, jahrein muhte man sich hüten, gegen Mitternacht am Dock der Geistliche muhte wohl Anrat gewittert haben, denn er kehrte nicht auf dein gewöhnlichen Weg auf der Westseite des Tales nach Sunne zurück, sondern bog in die Semienpfade ein, die sich auf der Ostseite hinzogen, und dachte, er werde den Weg nach Hause auch auf diese Weise finden. ilnö die alte Herrin hatte gesagt, denen die an der Westsecke vergeblich auf ihn gelauert hatten, sei es plötzlich klar geworden, dah er sich weggestohlen habe und sie unverrichteter Dinge wieder heimziehen könnten. Es war aber einer unter ihnen, em Bruder dessen der durch den Pfarrer in den Tod getrieben worden war, der wollte ihn sich nicht so einfach entwischen lassen. Er ergriff eine lange Stange, die noch- vom Heuverladen her auf der Wiese lag, und mit dieser in der Hand schwang er sich üoer den Sumpf im Tale Die andern machten es ihm nach, und mit Laufen und Springen kamen sie wirklich ohne besonders große Schwierigkeiten auf die andere Talseite hinüber. Dicht unterhalb des Schafstalls von Mar- ‘ packa fanden sie wieder festen Boden. Sie eilten südwärts weiter, um dem Reiter den Weg abzuschneiden, und an dem Hügel unter dem Ruhestein trafen sie mit ihm zusammen. , Es war nur ihre Absicht gewesen, 6em Pfarrer eine gehörige Tracht Prügel zu verabfolgen, aber unglücklicherweise tour letzt der Mann bei ihnen, der einen Bruder zu rächen hatte. Gr trug ein Schwert unter dem Mantel, und als die andern den Pfarrer vom Pferde heruntergerissen und ihn zu Boden geworfen halten, zog er das Schwert hervor und hieb ihm den Kopf ab. Als die Tat vollbracht war, entsetzten sie sich alle, und ;etzt dachten sie daran, tote sie es anfangen sollten, unentdeckt zu bleiben. Sie liehen das Pferd laufen und die Leiche am Wegrande liegen, damit es aussah, als ob der Mord von wilden Räubern begangen worden fei. Sie selbst machten sich schleunigst auf den Heimweg, und zwar wieder zurück über die Sumpfwiesen. Sie hofften, es sei kein Zeuge vorhanden, der sie auf der andern Talseice gesehen hatte. Auf dem gebahnten Weg hatte sie niemand gesehen, und dah sie sich über den Sumps gewagt hatten, das würde ja niemand auch nur ahnen. Es ging besser, als sie erwarten konnten. Da sich der Geistliche zur Zeit seines Todes in seinen Gemeinden mißliebig gemacht hatte, wurde gar nicht weiter nach ihm gesucht, und als er endlich gesunden wurde, gab man Räilbern und Waldläufern die Schuld an der Missetat. Roch im Tode wurde er als unrein angesehen. Riemand wollte die Leiche berühren, und da man der Ansicht war,, er dürfe nicht in geweihter Erde ruhen, ließ man ihn lieber gleich- liegen, ton er lag. Man bedeckte ihn nur mit Rasenstücken und wälzte einen | Haufen ganz großer Steine darüber, damit ihn die wilden Tiere Großmutter sei gestorben. And als diese aufgelmhrt in ihrem Sarge 1 lag wurden sie hineingeführt, und sie sockten ihr die ^rnd kuswu. I Aber sie fürchteten sich davor, bis ihnen lemand sagte, dies sei das I letztemal, daß sie ihrer Großmutter für alle Freude, die fie ihnen | gemacht habe, danken könnten. _ . ___I Dann kam ein Tag, an dem man die Märchen und Lieder vom I Hofe wegfuhr, eingepackt in einen langen, schwarzen Sarg, und sie I kehrten nimmermehr zurück. , c„ ... . | Das war eine Zeit des schmerzlichsten Vermissens für die Klei- | nen Es war, wie wenn eine Tür zu einer schonen Zauberwelt, I durch die sie zuvor hatten frei aus- und eingehen können, verschlvs- I sen worden wäre. And niemand war da, der sie wieder hatte off- | nen Rach'nnd nach lernten sie wie andre Kinder mit Puppen und Spielsacken spielen, und man hätte meinen können sie vermißten ihre Großmutter nicht mehr oder hätten sie gar vergessen. Aoe, dem war nicht fo; sie lebte immerfort in ihrem Herzen. And sie wurden I nie müde, den Geschichten zu lauschen, die ihnen die alte Haushälterin von ihrer Großmutter erzählte. Diese bewahrten sie m I ihrem Herzen, tote Schätze, die ihnen nicht verloren gehen konnten. | Das Gespenst am Dillarsteinhügel. Die alte Haushälterin pflegte zu sagen, es könne noch nicht gar ,v lange fier sein, seit Marbacka unter den Pflug genommen worden sei und feste Insassen bekommen habe, denn ihre alte Herrin habe ihr erzählt, in ihrer Jugend hätten sich die Leute wohl noch daran I erinnert, daß Marbacka einstmals eine Sennerei von einem der 1 großen Bauernhöfe gewesen sei, die auf der westlichen Talseite in | der Rähe des Frykensees lagen. Aber die alte Herrin hatte gesagt, I jetzt sei es verlorene Mühe, nachzuforschen, wann die erste Herde I dahin getrieben und der erste Schafstall da errichtet worden sei. I Denn Hirten könnten taufen b Jahre auf einem Neck wohnen, ohne | eine Shur zu hknterkaffen. ünb es war wahrlich! nicht tnei, was I aus ihrer Zeit noch in Marbacka zurückgeblieben war. j Die alte Herrin meinte, es sei jedenfalls ein Hirt gewesen, der I der hügeligen Landstraße vor dem Asberg. wo er sein Vieh und seine Pferde weidete, den Ramen Marbacka gegeben habe. And I außerdem hatte sie auch gesagt, ohne Zweifel hätten die Hirten 1 und ihre Herden die Wege festgetreten. Jawohl, die Hirten hatten sicherlich den Weg von Süden, her I längs des Asberges genommen, das stand fest; denn von dieser I Seite mußten sie mit ihren Herden hergezogen fein. And der i Weg, der von Osten kam und steil am Berge abfiel, der war auch j ihr Werk. Diesen Weg nahmen sie, wenn sie die Schafhirten auf der andern Seite des Asbergs Begrüßen wollten. Der Weg aber nach I Rvrdwest, Sunne zu, war furchtbar schlecht, jetzt noch konnte man j erkennen, daß es ein alter Ziegensteig war. Dagegen habe es direkt I nach Westen keinen Weg gegeben, meinte die alte Herrin. Rach Westen zu war alter Seeboden mit moorigen Wiesen ! und Sumpfland, durch das sich ein Fluß schlangelte. Wenn der Hirt | auf der Seitenschtoelle vor seiner Hütte stand, konnte er den Hof, zu dem er gehörte, drüben auf der andern Ta [feite liegen sehen; aber um ihn zu erreichen, mußte er weite Umwege nach Rvrden oder Süden machen. Häufig mußten die Hirten von Süden her gezogen gekommen fein, denn der „Ruheftein", too sie auf ihrer Wanderung zu rasten pflegten, lag noch- am Wegrand, etwas südlich vom Hofe. Aber die Hirten wagten sich des Rachts, nach Einbruch der Dunkelheit, nicht dort aufzuhalten, das war die Schattenseite davon. Seht, zu der Zeit, als Marbacka noch eine Sennhütte war, befand sich in der Gemeinde Sunne ein Pfarrer, der so hart und böse war, daß sich! ein Bursche, der als Knecht .bei ihm diente, nach ein paar Monaten erhängt hatte. Als der Pfarrer Kunde von dem Geschehenen erhielt, besann er sich nicht lange, sondern beeilte sich, den Toten abzuschneiden und ihn aus dem Hofe fvrtzutragen. And die alte Herrin hatte gesagt, er habe aus keinem anderen Grunde für entweiht und unrein gegolten, als weil er einen Selbstmörder berührt hatte. In Sunne ließ ihn die Gemeinde nicht mehr die Kirche Betreten; diese wurde zugeschlossen, bis ein anderer Pfarrer ernannt und in Sunne eingezogen war. Aber dieser Pfarrer war auch nach Ämtervik gefahren, um dort Gottesdienst zu halten, denn dort war auch eine Kirche und ein kleines Pfarrhaus, aber kein Geistlicher. And nun hatte wohl der Pfarrer von Sunne gedacht, Ämtervik liege allzuweit aus der Welt draußen, da könne man doch nicht wissen, daß er unrein war. So könne er sich wohl noch dorthin begeben und Gottesdienst halten. Er ritt auch nach Ämtervik zur Kirche; aber das böse Gerücht war da gleichzeitig mit ihm eingetroffen, und während er am Altar betete, erzählten die Leute in der Kirche sich flüsternd, was er getan hatte, und daß er unwürdig sei, ein Gotteshaus zu Be treten. And damit nicht genug: die Bauern in Ämtervik hatten bas Gefühl, er habe ihnen große Mißachtung bewiesen. Sie besprachen sich- untereinander, sagten, sie seien geradeso rechtschaffene Leute wie die in Sunne, und sie wollten nich't mit einem Pfarrer vorlieb nehmen, den diese verschmähten. Einige junge Burschen verabredeten sich, ihm einen Denkzettel zu verabfolgen. Aber da sie wußten, daß es gefährlich sei, Hand an einen Pfarrer zu legen, beschlossen sie zu warten, bis er wieder auf dem Heimweg wäre. Er ritt ja allein, und zwischen Ämtervik und Sunne war manche einsame Stelle, an der er vorbei mußte, too man ihm in einem Hinterhalt auflauern konnte — 147 Zugleich fing sie an zu beten, und kaum hatte fle die ersten Worte gesprochen, so sah sie, wie Las Gespenst sich tote in einen Nebel auflöste und im Mondschein dahinschwand. Es blieb nur noch ein lichtes Schattenbild, und ehe die Bäuerin Amen sagte, war auch dieses entschwunden. Don der Zeit an lieh sich das Gespenst am Ruhesternhügel nicht mehr sehen, und nachdem diese Plage zu Ende war, blühte h-as Glück in Marbacka neu auf. Es wurde ein ebenso guter Hof mit so stattlichen Gebäuden wie irgendeiner im Bezirk, und die Gigen- tümer lebten in Wohlstand und brauchten um ihr Fortkommen kerne Sorge zu haben. Die alte Herrin hatte gesagt, was am besten zeige, welch ein bedeutender Hof Marbacka geworden, sei die Tatsache, dah im Anfänge des siebzehnten Jahrhunderts ein junger Bursche von dort auf die Hochschule geschickt worden sei. Er hatte es bis zum Pfarrer gebracht, nannte sich nach dem Hofe seiner Däter Morell und wurde später zum Diakonus von Ämtervik gewählt. Er lieh sich auf seinem Erbgut Marbacka nieder und ist der erste Geistliche gewesen, der im Kirchspiel wohnte. Alle seine Vorgänger hatten ihren Sitz in Sünne gehabt und waren nur an den Predigtsonntagen nach Marbacka herausgekommen. Die Dauern in Ämtervik waren es sehr zufrieden, nun ihren eigenen Pfarrer zu haben, und vor allem gefiel es ihnen, dah er feinen eigenen Hof hatte, auf dem er wohnte, und sie ihm somit kein Pfarrhaus zu bauen brauchten. Freilich tag der Hof Mar- backa weit entfernt von der Kirche, aber dieser Mihstand wurde reichlich ausgewogen, denn durch feinen Besitz war der Pfarrer ein wohlhabender, unabhängiger Mann. Das Pfarrersgehalt war nur klein, und der größte Teil davon fiel an den Propst in Summe, und der Diakonus wäre ein richtiger Hungerleider gewesen, wenn er Marbacka nicht besessen hätte. “ Um nun Liefen Zustand, der für Gemeinde und Pfarrer der dvrteilhafteste war, auch in Zukunft zu erhalten, verheiratete der erste Hilfsprediger in Marbacka eine feiner Töchter mit einem Pfarrer namens Lyselius und richtete es so ein, Latz er Hof und Amt zugleich als Erbe empfing. Ebenso machte es Lyselius. Er gab eine seiner Töchter dem Pastor Erik Wennervik zur Ehefrau, und auch dieser bekam Hof und Amt als rechtmäßiges Erbe. ilnd die alte Herrin hatte gesagt, alle seien darüber einig gewesen, dah diese Angelegenheit aufs beste geordnet sei und dah sie so weiter bestehen müsse. Sie meinte, auch die Pfarrtöchter seien stets zufrieden und glücklich dadurch geworden. Pastor Wennervik. Die alte Herrin hatte der Haushälterin auch erzählt, eigentlich hätten die drei Pfarrer Morell, Lyselius und Wennervik den Hof Marbacka gebaut. In noch früherer Zeit, sagte sie, sei Marbacka nur ein richtiger Bauernhof gewesen, und obwohl es ein großes und reiches Gut war, habe es doch dort ausgesehen wie auf allen andern Bauernhöfen. Wenn man Platz hatte für zehn Kühe und einen Stall für zwei Pferde, so war das alles, was man erwarten konnte. Das Wohnhaus umfaßte nur eine große Stube, in der alle Hausbewohner lebten und Tag und Dacht aus- und eingingen, sowie eine kleine düstere Küche, die „kave" genannt wurde. Es befanden sich wohl noch andere Gebäude auf dem Hofe: Vorratshaus und Dadestube, Schreinerei und Schmiede, Scheunen und Tennen und mehrere Schüppen; aber sie waren alle klein und konnten wohl auch nicht anders sein, da der Hof damals auch so viel kleiner war. Dur die allernächste Umgebung war urbar gemacht. Die alte Herrin pflegte zu Jagen, es sei gar nicht leicht, sich klar zu machen, wie es die drei Pfarrer angefangen hätten, Ställe für zehn Pferde und dreißig Kühe zu bauen, außer all den geräumigen Scheunen und Vorratshäusern und Schuppen, deren sie zu bedürfen vermeinten. Das Brauhaus und die Drauhauskammer, die als Geschäftszimmer verwendet wurde, stammten auch aus jener Zeit-, desgleichen auch die Milchkammer, die Webstube und die Der- walterwohnung. Zu allerletzt — erst etwa um siebzehnhundertneunzig — hatte Pastor Wennervik, der Vater der alten Herrin, ein neues Wohnhaus gebaut. Dieses war in bescheidenerem Maße gehalten als alle die andern Gebäude. Er hatte sich mit einem einstöckigen Hause begnügt, mit Küche und vier Zimmern im Erdgeschoß und zwei Giebelzimmern. Aber sowohl Küche wie Wohnräume waren hell und geräumig und so schön in den Ausmaßen, daß einen das Behagen mit offenen Armen empfing, sobald man nur den Flur betrat. Pastor Wennervik hatte auch den großen Küchengarten angelegt, mit Gewürzkräuterbeeten und Obstbäumen nördlich vom Wohnhaus, und mit dem kleinen Dosengärtchen an der westlichen Giebelseite Er soll der Sohn eines Gärtners und im Gartenbau sehr bewandert gewesen sein. Diele kleine Dosenbüsche und veredelte Apfelbäume, die ntxßi jetzt in den Bauernhöfen von Ämtervik stehen, habe er pflanzen helfen. Er war Hauslehrer auf einem großen Herrenhof gewesen, und die alte Herrin hatte gesagt, er habe dort seine Dorliebe für Zäune und Gattertüren gefaßt. Ein schmuckes weißes Staket mir schönen Türen war rund um den Küchen garten gezogen, unb ein andr es um das Rvsenbeet. Wenn man den Weg zur Allee hinunterfahren wollte, mußte man zuvor ein stattliches Gatter öffnen. Der ganze Hintere Hof, über den man dann mußte, war von Wirtschaftsgebäuden und Lattenzaun umgeben, mit Gattertüren an den verschiedensten Stellen, und ebenso war es auch auf dem Darderhöfe. Die Kinder horten gern von Pastor Wennervik erzählen. Sie hatten in einem Wandschrank auf der Dumpelkammer lateinische und griechische Bücher gefunden, die seinen Damenszug trugen, und sogar Gedichte von Bellmann und Leopold, die er mit eigener Hand abgeschrieben hatte. Auch das Klavier und die Gitarre waren zu seiner Zeit auf den Hof gekommen, und so hatten sich die Kinder ein ganz besonders schönes Bild von Pastor Wennervik gemacht. Dicht nur die alte Haushälterin hatte von ihm gesprochen, nein, auch ihr Vater und ihres Vaters Schwestern. Er war ein vornehmer, liebenswürdiger Herr gewesen, der gern gut gekleidet ging. Er liebte nicht nur Blumen und Obst, auch Bogel mußte er gern gehabt haben. Denn von ihm stammte der achteckige Taubenschlag, der auf dem Rasenplatz vor dem Küchenfenster stand. Jawohl, das war leicht zu merken, er hatte alles gut einrichten und ordnen und Marbacka schön machen wollen. Die Pfarrer, die vor feiner Zeit hier ansässig geweseti waren, hatten meist wie die Dauern gelebt; er aber hatte mit der großen Einfachheit gebrochen und herrfchaft- liche Sitten eingeführt, die das Leben leichter und angenehmer machten. Marbacka befaß noch ein altes großes Oelbild aus feiner Zeit. Es stellt feine Jugendliebe bar, ein reiches, vornehmes Fräulein aus Dästergötland. Er war der Hauslehrer ihres Bruders gewesen, und da er schöner und einnehmender war als irgendein anderer Mann, deii das Fräulein bis dahin fermen gelernt hatte, so hatte sie sich in ihn verliebt, und er liebte sie natürlich wieder. Sie pflegten sich heimlich im Schloßpark zu treffen, um von ihrer Liebe zu reden und sich ewige Treue zu geloben. Aber eines schönen Tages wurden sie entdeckt, und der junge Hauslehrer bekam seinen Abschied. Alles, was ihm von seinen ersten Jugendträumen blieb, war das Bild der Geliebten, und das war im Grunde recht wenig. Das junge Fräulein hatte es auch mit dem Maler nicht gut getroffen. Sie faß auf dem Bild mit einem überaus faßen und ausdruckslosen Gesicht unter dem gepuderten Haar; man hätte dieses Gesicht eben- fcguf für eine schöne Maske halten können, wie für ein menschliches Antlitz. Aber ein edles Gepräge trugen dennoch Haupt und Antlitz, und für den, der selbst gesehen hatte, wie diese Augen strahlten und diese Lippen lachen konnten, war das Bild trotz allem schön. Und Pastor Wennervik wurde vielleicht wie einst das Herz toarm, wenn er den Blick auf das Bild richtete. Vielleicht strömte auch von diesem Bilde die Kraft aus, die bewirkte, daß der unbedeutende Landpfarrer sein Heim mit Blumen und Vögeln umgab und sein Leben mit Musik und alten Liedern zu verschönen strebte. -------- Bom Wandern. Von Jugendpfarrer Kornmann-Offenbach. Irgendwo im Wald lagert eine Bubenschar mit ihrem Führer; der Stadtluft entronnen, gibt sie sich ganz dem Augenblicke hin: der unendlichen Ruhe, die über diesen Wald gebreitet ist. Ein paar Singvogel im Gezweig, hin und wieder ein ferner Hahnenschrei vertiefen eigentlich nur noch den Frieden dieser Stätte. — Da mahnt das Abendläuten aus einem Dorf zum Aufbruch, und noch vor hereinsinkender Dacht erreichen teil' den Otzberg mit seiner gastlichen Jugendherberge. Die Buben, doch ermüdet von dem vielen Beerensuchen tagsüber, stürmen ihr Lager, essen noch etwas von Mutters Vorräten und liegen, durch kaltes Waschen noch einmal frisch geworden, bald in tiefem Schlaf, während um den trotzigen Berg der Sturm heult, — schaurig-schön. Die Dacht ist hereingebrochen mit ihrer Kühle, auf dieser Hohe zumal. Der Führer und zwei der Buben, die noch nicht schlafen können, sondern noch sehen wollen, gehen noch ein kleines Stücklem Weges. Drunten im Dorf schlägt ein Hund an, — andere antworten; ein Gockelhahn meldet sich schon, verstummt aber bald wieder. In dunkler Masse lehnt sich das Dörfchen an den Berg. Sterne blinken auf an dem in unendlicher Tiefe herniederblauenden Himmel; Sternschnuppen schießen dahin, — prachtvoll glitzert die Milchstraße. Melodisch schlägt eine Uhr. Tiefe Sttlle. Frieden. Irgendwo stampft noch ein Zug durch die Dacht, und- nun bricht auch ein Auto den Frieden. Diesen Frieden bricht der Mensch, der doch so klein ist gegenüber den Welten, dre da über ihm kreisen! Oder ist er groß?! Wir denken an Kreiensen, und an Japan, und werden still; unserer Begrenzungen als Menschen bewußt, oder sie tvenigstenS klarer ahnend als vorher, treten wir den Heimweg an; bald ruhen auch wir auf dem Lager, das die Jugendherberge uns bietet, und lassen die mannigfachen Eindrücke des Tages langsam, in uns ausklingen, bis der Schlaf denn auch bei uns zu seinem Dechte kommt. Am anderen Morgen wecken uns viele, viele Schivalben, die auf dem Dachfirst ihre MorgeiNväsche halten; das ist ein Ab- und Zufliegen, ein Zwitschern, ein Flügel- und Kops- unb Körperchen- puhen! Und dazu nun der Blick auf die Hohen des Odenwaldes, in die Täler ringsum, — Blicke von unendlicher Lieblichkeit. Wahrlick: Diese Jugendherberge liegt am rechten Fleck, — solcher müßte es mehr geben! Schade, daß man so bald wieder Wetter muß, — aber Schule und Berus wollen doch auch nicht vernachlässigt fein! ®o erweisen die Jugendherbergen grobe, unschätzbare Dienste. Früher kroch man oft zum Bauern ins Heu, — da kam man noch in der Schmier unter, obwohl mancher Gastgeber nicht gerade entzückt war, wenn dann einer seine Gabel oder sein Taschenmesser suchte. Heute aber wird viel mehr gewandert: gastfreundlichen Leuten würden Heu und Stroh heillos ruiniert, wenn soundso oft durchziehende Wanderer sie als Lager benutzen wollten. So kam man begreiflicher Weise auf den Gedanken, dieser Jugend einfach besondere Herbergen zu schaffen; daß man ihr das Wandern heute nicht erschweren, sondern mit allen Mitteln erleichtern muß, das ist sonnenklar. Jugend, wenn sie gesund bleiben soll an Leib und Seele, muh oft heraus aus der iDedrückring der Städte, muh oft und immer wieder trinken können aus dem unerschöpflichen Quickborn der Slatin-, Der Stadtmensch von heute, zumal im Trubel von Aktien, Dollar und Goldmark, hat es leider, leider so vielfach verlernt, auf tiefere, seelische Töne zu hören; alles wird überschrien, und daher dann diese schreckliche 'Haltlosigkeit des modernen Menschen, — diese Hast und Unrast, — dieser Fluch auf feinem Leben. Jugend aber will wieder hören auf das, was der Wald ihr zu sagen hat, — Jugend will wieder hören auf die Stimme in der eigenen Brust, — Jugend sucht, in einem neuen Verbundensein mit der Statur, wieder den Weg zu Gott---. Denke nicht nur an das Heute, denke auch an das Morgen, lieber Leser. Erst recht an das Morgen deines Volkes! Du weiht selbst gut genug, was bei solchem Gesichtswinkel die Frageun- serer Jugend bedeutet. Sie soll und muh uns gesund bleiben, an Leib und Seele, muh wandern können, muh darum auch Herbergen haben, die ihr das sonst heute recht kostspielige Sßan= dem erleichtern, ja eigentlich erst ermöglichen. „Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft", sagt man so oft; dazu aber gehört, dah wir eine gesunde, starke Jugend haben, — eine Verheißung für das Morgen. Damm — neben anderem — muh diese Jugend wandern, — dämm braucht sie auch Jugendherbergen; und du, lieber Leser, wirst dem hoffentlich dein Verständnis nicht ver- schließen. ----- Naturkatastrophen und Weistesrevolutionen. Von Dr. Friedrich Spreen. Die gewaltigen Slaturkatastrophen, wie wir deren soeben eins besonders furchtbare in Japan erlebt haben, haben den Geist der Menschen stets auf das tiefste beeinflußt und in primitiven Zeiten jene mythologischen Vorstellungen entstehen lassen, die in den Welt- untergangs-Sagen ihren Ausdruck fanden. Alle die Bilder, die da von Sintfluten, Weltbränden, vom jüngsten Gericht usw. entworfen werden, sind in der Ausmalung der Einzelheiten von den Eindrücken beeinflußt, die man bei Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Sturmfluten usw. mit Entsetzen erfahren hatte. 2lls die Menschheit im Denken weiter fvrtschritt, wirkten solche Katastrophen nicht weniger heftig auf die Gemüter ein, aber man suchte sich nun mit diesen ungeheuren Naturerscheinungen philosophisch abzufinden und ihnen mit der Kraft eines erkennenden Geistes zu begegnen. Derartige Versuche, diese großen „Unglücksfälle der Natur" in das Weltbild einzuordnen, finden wir schon im Mittel- alter, entschiedener in der Renaissance, so bei Giordano Bruno, am bedeutsamsten in dem „philosophischen" 18. Jahrhundert. So sind durch die „Nevolutionen" der Erde Revolutionen des Geistes entfesselt worden, indem kühne Denker sich im Anblick dieser blind wütenden Naturgewalten von Vorurteilen frei machten und zu einer höheren Betrachtung der Dinge aufschwangen. Ein Beispiel für diesen Zusammenhang sind die philosophischen Streitigkeiten, die durch das Erdbeben von Lissabon, das im November 1755 Zweidrittel der Stadt und 30 000 Menschen vernichtete, hervor- gemfen wurden. Unsere Zeit, die weniger eifrig den Rätselfragen der Menschheit zugewendet ist, kann sich schwer vorstellen, welch eine ungeheure Erschüttemng der Gemüter dies Erdbeben hervorrief. Während ähnliche Katastrophen der neuesten Zeit, etwa der Ausbruch des Mont Pele, der Untergang San Franciscos oder Messinas kaum irgendwelche Spuren in den Denksystemen hervorgerufen haben sahen sich durch dieses Erdbeben die reifsten Denker jener Epoche veranlaßt, ihre Lebensanschauung erneut zu prüfen und neue kühne Ideen zu fassen. Diese Katastrophe, die so jäh einen blühenden Landstrich in einer Wüst« verwandelte, war ja wie ein Hohn auf die Philosophie, die damals die Gemüter beherrschte: gegen den Optimismus von Leibniz. War das nun jene bestmögliche dieser Welten, die unsere Erde nach der Anschauung des deutschen Denkers darstellen sollte? Gin allgemeines wildes „Nein" schallte dem entgegen, und die ersten starken Zweifel an der Mvdephilosophie flrngen auf Die Aufregung, die das Erdbeben von Lissabon bis rn die Kreise des Volkes und der Kinder hervorrief, ist uns am besten von G o e t h e im Anfang von „Dichtung und Wahrheit" ge- schildert worden. Er spricht von dem „ungehmiren Schrecken", der Il$.„ E tn trieben und Ruhe schon eingewohnte Welt verbreitete . Die Schilderung des Erdbebens ist in dem kindlichen Sollten m dem sie oem Knaben Goethe sich darbieten mochte und wie ,ie ihm Bettina von Arnim vorerzählt hatte. „Der Schriftleitung.- Dr. Friedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag d kleine Wolfgang hatte keine Ruhe mehr!" schreibt Bettina nach den Erzählungen von Goethes Mutter in ihrem „Briefwechsel mit einem Kinde". „Das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuren königlichen Palast zu verschlingen, die hohen Türme, die zuvörderst unter dem Schutt der kleineren Häuser begraben werden, die Flammen, die Überall aus den Ruinen heraus, endlich zusammenschlagen und ein großes Feuermeer verbreiten, während eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt, um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben — machten ihm einen ungeheuren Eindruck." Bettina erzählt auch, wie die Ällgemeinheit sich mit diesem Schrecknis abzufinden suchte: „In den Kirchen hielt man Büßpredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus. Die Bibel wurde aufgeschlagen. Gründe für und wider behauptet: das alles beschäftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte." 2kuch Goethe selbst spricht in „Dichtung und Wahrheit" von den geistigen Umwälzungen, die sich daran schlossen: „Die Gottesfürchtigen ließen es nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen." Goethe hat sein ganzes Leben hindurch diese Kindheitserinnerung nicht vergessen und kommt immer wieder auf das Erdbeben und seine Folgen für die geistige Entwicklung zurück. Noch 1830 vergleicht "er die Julirevolution mit jener von 1755, als er an W. v. Humboldt schreibt: „Wie das Erdbeben von Lissabon fast im Augenblick feine Wirkungen auf die entferntesten Seen und Quellen spüren ließ, so sind auch wir von jener westlichen Explosion, wie vor 40 Jahren, unmittelbar erschüttert worden." Allgemein deutete man damals das Erdbeben als einen Vorläufer des 7jährigen Krieges, so Friedrich der Große selbst im 2. Kapitel feiner „Geschichte des 7jährigen Krieges", so Voltaire in seinem „Jahrhundert Ludwigs XIV.“ Voltaire, der bis dahin ein Anhänger des Leibnizschen Optimismus gewesen war, wurde durch die Zerstörung Lissabons in diesem Glauben erschüttert und schrieb fein Lehrgedicht „Das Unglück von Lissabon", in dem er behauptete, daß sich die SBeifen geirrt hätten; es fei nicht alles gut auf dieser Erde, und man müsse fragen, wie ein gütiger Gott solches Unheil zulassen könne. Darauf antwortete Rousseau, da das Gedicht Voltaires das größte Sluffeßen erregte, in einem eine vollständige Abhandlung bildenden Brief an Voltaire, in dem er die Verteidigung der beiden Philosophen des Optimismus, Leibniz und Pope, übernahm. Gr betonte, baß die Leiden des einzelnen zu der Zweckmäßigkeit des Ganzen gehörten; nicht Gott sei an dem Untergang Lissabons schuld, sondern die Menschen, die in ihrem Vorwitz große Häuser erbaut hätten, anstatt in Erd- löchern und Hütten zu wohnen, tote es die Statur befehle. Auch den Unglücklichen bleibe noch die Hoffnung, daß alles wieder gut werde. Heber solche Antwort machte sich Voltaire nur lustig und schrieb nun seinerseits die heftigste Satire gegen den Optimismus, seinen berühmten Roman „Eandide", in dem die Erinnerung an die Lissaboner Katastrophe immer wieder deutlich anklingt. Infolge dieser Streitfrage kam es zwischen Voltaire und Rousseau zum endgültigen Bruch, der besonders für den „Bürger von Genf" von entscheidender Bedeutung wurde. Aber nicht nur die beiden großen französischen Denker wurden in ihrer Entwicklung entscheidend durch das Erdbeben beeinflußt, sondern auch Deutschlands größter Philosoph, Kant, nahm dazu das Wort. Gr äußerte sich« zunächst in zwei Januarnummern der „Königsbergischen Slachr-ichten" über das Ereignis, das alle Welt beschäftigte, und gab kurz darauf eine eigene Schrift heraus: „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens, welches am Ende des 1755. Jahres einen großen Teil &er Erde erschüttert hat". Kant beschäftigte sich in seinen Aus- fäßen und in seinem Buche streng naturwissenschaftlich mit der Entstehung der Erdbeben und vertrat die durch die spätere Forschung bestätigte Anschauung, daß die große Verbreitung des Lissaboner Unglückes durch Fortpflanzung der Grderschütterungen im Meere verursacht worden sei. In einer Schlußbetrachtung spricht er sich aber auch vom philosophischen Standpunkt Über die Naturkatastrophen aus und tritt dem „sträflichen Vorwitz" derer entgegen, die solche Schicksale als „verhängte Strafgerichte" an- sahen und sich anmaßten, „die Absichten der göttlichen Ratschlüsse einzusehen und nach ihren Einsichten auszulegen". Die Menschen sollten durch solche Unglücksfälle zur Betätigung der Menschenliebe angeregt werden und dadurch sich, abhalten lassen, durch eigene Schuld Drangsale Über die Menschheit zu bringen, wie eS durch Kriege der Fall sei. Gr schließt damit, daß „der Mensch nicht geboren ist, um auf dieser Schaubühne der Eitelkeit ewige Hütten zu bauen". Außer diesen bedeutendsten Aeußerungen zu dem Ereignis sind noch unzählige andere Schriften erschienen, die alle die tiefe Erschütterung der Geister und ihr Ringen um einen festen Stand- punkt offenbaren. Eine ausführliche Geschichte des ganzen Unglücks, das vom 1. November 1755 bis zum 20. Februar 1756 in immer neuen Erdstößen fortbauerte, gab Kühelin in einem fünfbändigen Werk. Eine abschließende klassische Darstellung des Erdbebens von Lissabon hat Alexander v. Humboldt im ersten Band seines „Kosmos" geboten, in dem er die Erdbeben von seinem universalen Standpunkt aus in die Kette des allgemeinen NaturgefchehenS einreihte. Brühl'schen Univ.-Buch- und Steinbruckerei. R. Lange, Gießen.