Samstag, 13. Iümmr 1923 — Nr. L M.......'n. 5*7'<- MU i|h, Jü UM Bfr UL Neue Erinnerungen aus dem Brahms-Kreise. Die Musikfreunde waren in der zweiten Hälfte de» dergaiv- öMen Jahrhunderts in zwei Lager geteilt, von denen das eine zu Wagner, das andere zu Brahms stand. Diese Kreis« scheiden sich auch sehr deutlich in der Geschichte der Musik, und der Stamm r^er Brahmsfreunde, der sich um Joses Joachim, Klara Schumann, me Herzogenbergs u. a. bildete, tritt uns aus den veröffentlichtem Briefwechseln anschaulich entgegen. Win« der getreuesten dieses Brahms-Kreises war Hedwig von Holstein, die feinsinnige tatkräftige Gattin des Komponisten und Dichter» Franz von Holstein, und so find denn ihre Briefe und Tagebuchblätter, di« ^^ter dem Titel „Eine Glückliche" soeben bei H. Haessel in Leipzig erscheinen, ein wichtiger Beitrag zur Musikgeschichte ihrer Zert. . ^ent So&e ihres Mannes hat sie, die von Jugend auf in den MusiKreisen lebte und webte, das „Holsteinstift" gegründet, einHaus, in dein sieben junge Musiker, scherzweise „die sieben •2tapen genannt, Freiplähe erhielten und ausgebildet wurden Hedwig von Holstein, die kinderlose, die lange in der- Pflege ihres Mannes aufgegangen war, erhielt nun neue Pflichten und'hat c2 Pflegesöhne mit der Liebe einer wirklichen Mutter überwacht. Die „Raben" des Holsteinstiftes haben denn auch im Musikleben der Gegenwart bebrütende Stellungen errungen. Hedwig Salomon — wie ihr Mädchenname lautete — verbrachte ihre Jugend in lener Zeit, da FelixMendelssohndas Musi.lerer Leipzigs und ganz Deutschlands beherrschte. Mendelssohn war der König lund Herr des Kreises, in dem sie aufwuchs, und sie sagt von ihm rn spateren Erinnerungen: „Mendelssohns edle Natur, seine Männlichkeit und wahre Boblesse liest kein ilebermast zu, und keinem seiner Anhänger ist es eingefallen, Gvtzendienerei treiben zu wollen, wie es mit Liszt und Wagner so widerw ir.i j geschehen ist. Wer sich Mendelssohn vergegenwärtigt, die'en feinsten. Geist in einem transparenten Körper, eine Luft ausatmend, die alles Gemeine vernichtete, noch ehe es in seine Nähe kam, der weist, dast man ihm nicht den Hof machen bui-fie“ Die erschütternde Tragik seines frühen Todes hat sie aus nächster Bähe miterlebt. Sie war damals von einer tiefen Neigung zu einem jungen Musiker ergriffen, Der spater berühmt geworden ist, zu dem Dänen Niels Gäbe. Gade, der durch eine Sinfonie die Aufmerksamkeit des Leipziger Publikums erregt hatte, erschien dann selbst und berührte sonderbar durch seine auffallende Aehnl.ch'eit mit Mozarts Büste. Als er nun selbst dirigierte, hatte er einen glänzenden Erfolg. „Ich erinnere mich durchaus nicht," schreibt Hedwig, „jemals eine so rege Teilnahme des grohen Publikums bei einem so ernsten 'Werk, wie seine Sinfonie ist, bemerkt zu haben. Nie hat eine Mendelssohnsche Musik solchen Erfolg gehabt, und doch freute der sich wie ein Kind und streichelte seinem jungen Liebling die Wangen, als sich das Publikum zerstreut hatte und der Gefeierte auf dem Orchester beglückwünscht wurde." 1853 lernte sie den jungen Brahms kennen und schreibt darüber in einem Brief: „Er sah mir nun gegenüber, dieser junge Held des Tages, dieser von Schumann verheißene Messias,- blond, anscheinend zart und hat doch im 20. Jahr schon durchgearbeitete Zuge, obwohl rein von aller Leidenschaft. Neinheit, älnschuld, Natur, Kraft und Tiefe — das bezeichnet sein Wesen ... Er setzte sich mir an ein kleines Pseilertischchen und sprach so munter und unaufhörlich, dast seine Freunde am andern Tisch sich gar nicht ge« Jing verwundern konnten, da er im allgemeinen äußerst still und träumerisch sei. Wir hatten auch viele Anknüpfungspunkte: Joachim, Wehner» und unsere beiderseitigen Lieblingsdichter Jean Paul und Eichendorff und die {einigen Hoffmann und Schiller. Gr war ganz entrüstet, dast ich noch nicht „Die Räuber" geles«, und brach endlich los: „Dast es doch kein einziges kräftiges grauen* zimmer gibt, die so etwas vertragen kann." Er empfahl sie mir toif die Seele, auch „Kabale und Liebe" müsse ich lesen, sowie di« Serapionsbrüder, vor allem aber die Hoffmannschen musikalische« Novellen, von denen er mit wahrer Begeisterung sprach „Ich lege all mein Geld in Büchern an; Bücher sind meine höchste Lus^ ich habe von Kindesbeinen an so viel gelesen, wie ich nur konnte, und bin ohne alle Anleitung aus dem Schlechtesten zum Besten durchgedrungen, älnzählige Ritteronuine hab' ich als Kind verschlungen, bis nur die „Länder" in die Hände fielen, von denen ich nicht wußte, daß ein großer Dichter sie geschrieben. Ich verlangte aber mehr von demselben Schiller und kam so aufwärts»" Bei einem Besuch bei Klara Schumann in Düsseldorf traf sie ih« dann wieder; „Johannes Brahms sah vor Schumanns Klavier und hatte seine L-Dur-Sonate gespielt. Gr fei der armen Frau bester Trost, sagte man; sie könne nicht mehr selber spielen, aber Brahms sei all« Zeit bereit, ihr etwas vorzuspielen, was ihr viel besser gefalle." Johann Martin Niederes — ein vergessener deutscher Meister. Die lang« gering geschätzte Kunst der Romantiker und Nazarener aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird heut«, wo der Stil der Malerei verwandten Zielen zusirebt, in ihrer Bedeutung besser gewürdigt, und so wendet man di« Aufmerkfanv- keit Meistern zu, die noch vor kurzem vollkommen vergessen waren. Gin Buch, das in liebevoller Versenkung und aus persönlichem Erleben von diesem Künstlerkreis spricht, ist das soeben bei Georg Stille in Berlin erschienene 'Werk des Präsidenten des Reichsversicherungsamtes Dr. Paul Kaufmann „Auf den Pfaden na» zarenischen und romantischer Kunst". K., der sich schon in seinem Erinnerungsbuch „Aus rheinischen Tagen" als ein feiner Darsteller bewährt hat, erzählt hier di« Geschichte seiner reichen Sammlung von Bildern und Zeichnungen der Düsseldorfer und Deutschrömer, zu denen er schon von seinem kunstsinnigen Eltern hau» her persönlich« Beziehungen unterhielt. Viel .Unbekanntes und Unbeachtetes ist uns durch die Tätigkeit dieses Sammlers erhalten geworden; seine wichtigste Tat für die Kunstgeschichte war wohl sein nachdrücklicher Hinweis auf den vollständig ver-gessenen, jungverstorbenen Maler Johann Martin Niedere«. „Ich betrachte es als besonderes Glück," so schreibt er, „daß ich diesem rheinischen Landsmann zu verdientem Nachruhm verhelfen durfte. 3n meinen Kinderjahren hatte ich bei einer Verwandten eine Federzeichnung des im Kysfhäu.er schlafenden Kaders Rotbart von Niedere« gesehen und von des Künstlers frühem, tragischem Ende gehört. Als mir viele Jahre später Legationsrat von Kehler und Generaldirektor Schöne in Berlin sowie Prof. Ernst AuS'n Weerth in Bonn von ihren Erinnerungen an Peter Cornelius erzählten, tauchte der Name Niederes wieder auf. Es war mir wie eine Mahnung, den fast verwehten Spuren des Künstlers nachzugehen. Ein über Erwarten reicher Erfolg, wahre En t deckerf reu den haben meine Mühe gelohnt. Was Niederes geschaffen, kam zum größten Teil wieder an den Tag." Der Künstwr, der in L i n z a Rh. 1830 das Licht der Welt erblickte, wuchs to engen kleinbürgerlichen Verhältnissen auf und konnte erst nach schweren Kämpfen seit 1848 die Düsseldorfer Akademie besuchen. — 6 - Da er nicht die Berechtigung zum Ginjährigendienst hatte erwerben können, so wurde er, „ein Achilles an Gestalt", wie ihn Cornelius beschrieben hat, als Grenadier in das erste Garderegiment In Pots- dam eingestellt, wo das öde Kaserneleben so zermürbend aus ihn wirkte, daß er schliesslich mit zwei Zeichnungen als Proben! ferner Kunst ein Bittgesuch an Cornelius schickte. Nachdem der Altmeister sich von t$r großen Begabung des jungen Mannes überzeugt hatte, wandte er sich an König Friedrich Wilhelm iV, mit einem Schreiben, in dem es hieß: „Kein Monarch wird einen Grenadier in seinem Heere aufzuweisen haben, wie Eure Majestät in der Person des Martin Niederes besitzen. Ich habe in dem jvjtffen Mann eine jener seltenen Persönlichkeiten kennen gelernt, Weiche dasjenige von der Natur gratis erhalten haben, wonach andere ihr ganzes Leben lang vergebens ringen." Niederes wurde daraufhin zu einem Berliner Negiment versetzt, um unter den Augen von Cornelius seine Ausbildung fortzusetzen, und seine Dienstzeit in eine einjährige umgewandelt. Der „schöne rheinische Grenadier", wie man ihn in Berlin nannte, fand in den Kunstkreisen der Hauptstadt die beste Aufnahme und sollte nach Beendigung seiner Dienstzeit mit Cornelius nach Italien gehen, als ihn im August 1853 bei einer Felddienstübung eine Platzpatrone am rechten Arm traf und der erst Dreiundzwanzigjährige am 5. September am Wundstarrkrampf verschied. Mit Niederes trug die deutsche Kunst eine ihrer wundervollsten Hoffnungen zu Grabe. Die Bilder, Studien und Zeichnungen, die jetzt toieber durch Kaufmann ans Licht gebracht worden sind, zeigen eine malerische Kraft, die der Menzels ebenbürtig war, und lassen zugleich eine monumentale Größe der Gestaltung ahnen, die an Nethel gemahnt und auf Döcklin oder Feuerbach hinweist. Das eigentliche Element dieses Meisters war die religiöse Malerei; Ober er hat auch Großes in seinen Bildnissen geleistet, die er um des Gelderwerbes willen malte. Den Gesamteindruck, den das kleine, aber künstlerisch gewaltige Werk des Frühverstorbsnen hinterläßt, hat der Maler Heinrich Reifserschstd dahin zusammen- gefaßt: „Auf dem Gebiete der monumentalen religiösen Kunst ein DsZprechen für die Zukunft, Dürers, Cornelius' und Dethels Kunst in Verbindung mit starker malerischer Empfindrmz toei erzusühren, auf dem Gebiet des intimen Bildnisses aber schon ein Meister und Führer in «die Zukunft, auch in seiner der Zeit voraneilenden, koloristischen und technischen Behandlung." Du hast's getan. Von Edgar Allan Poe.*) Mister Barnabas Shuttleworthh, einet der reichsten und ehren- geächtetsten Bürger des Marktfleckens Nattleborough, war mehrere Tage lang unter Umständen vermißt worden, die den Gedanken an ein Verbrechen nahelegten. Mister Shuttleworthh war zeitig früh an einem Sonnabend von Nattleborough weggeritten in der erflärten Absicht, sich nach der Stadt — etwa fünfzehn Meilen weit tneg — zu begeben und am Abend desselben Tages zurückzukehren. Zwei Stunden nach dem Aufbruch kehrte jedoch sein Pferd zurück, ohne ihn und ohne die Satteltaschen, die beim Fortteiten aufgeschnallt worden waren. Das Tier war überdies verwundet und mit Schmutz bedeckt. Dieser Umstand verursachte natürlich unter den Freunden des Vermißten große Aufregung, und als es sich am Sonntagmorgen ergab, daß er immer noch nicht zum Vorschein gekommen war, da machte sich der ganze Marktflecken in Hellem Haufen auf, um nach dem Leichnam zu suchen, Blei der Einleitung dieser Nachsuche tat sich vor allem an Eifer und Tatkraft ein Busenfreund des Mister Shuttleworthh, Mister Charles Goodfellow, oder, wie et allgemein genannt wurde, der „alte Charley Goodfellows", hervor. Ob es nun ein wunderbares Zusammentreffen ist, oder ob der Name selbst einen unmerklichen Einfluß auf den Charakter hat, konnte ich nie ganz heraus- bringen. Die Tatsache ist aber unbestreitbar, daß es noch nieman- ben namens Charles gegeben hat, der nicht ein offener, männlicher, ehrenhafter, gutmütiger und franker Bursche gewesen wäre, mit starker, frischer Stimme, die euch beim Anhöten Wohltat, und mit Augen, die euch immer gerade ins Gesicht blickten, als wollten sie sagen, „ich selbst hab ein reines Gewissen, fürchte niemand und bin über jede Niedrigkeit erhaben"; und heißen auch alle die mutigen sorglosen Helden auf der Bühne fast regelmäßig Charles. Nun war der „alte Charley Goodfellow" in Nattleborough nicht länger als etwa sechs Monate ansässig, und obwohl niemand von 'einem Vorleben das geringste wußte, so hatte er doch keinerlei Schwierigkeiten gefunden, die Bekanntschaft der angesehensten *) Der Verlag von Albert Langen, München, gibt sogenannte Auswahlbücher heraus, die, mit sachkundigen Einleitungen versehen, gediegene und bekannte Dichter und Schriftsteller weiteren Kreisen erschließen sollen. Einem solchen Bändchen, „Die schön» st en Erzählungen von Edgar Allan Poe" (eingeleitet und ausgewühlt von Walter v. M o l o) ist die nachstehende Geschichte des amerikanischen Schriftstellers entnommen. — Daß in der genannten Sammlung deutsche Dichter bevorzugt werden, sei ausdrücklich ermähnt. Besonders erfreulich ist, daß Walter von Molo auch ein Bändchen „Erzählungen von ® ott» fried Keller" zurechtgeflellt hat. Bürger des Marktfleckens zu machen. Ach habe schon gesagt, Latz Mister Shuttlewort Hy einer der ehrengeachtetsten und zweifellos der reichste Mann in Nattleborough war, während der „alte Charley Goodfellow" rn so engen Drehungen zu ihm stand, als wäre er fein leiblicher Bruder gewesen. Die beiden al-en Herren wohnten Haus an Haus, und obwohl Mister Shuttleworthh den „alten Charley" selten oder nie besuchte und, soviel man wußte, nie eine Mahlzeit in dessen Haus einnahm, so hinderte dies die beiden Freunde doch nicht, auf Las engste vertraut zu sein, wie ich schon gesagt (iahe; denn der „alte Charley" ließ nie einen Sag vergehen, ohne drei- ober viermal nachzusehen, wie es seinem Nachbarn ging, sehr häufig blieb er zum Frühstück ober zum Lee und fast immer zum Abendessen, und dann wäre es wohl schwer gewesen, die Menge von Wein anzugeben, die von den beiben Kumpanen bei diesen Sitzungen vertilgt wurde. Das Lirblingsge'ränk Les „alten Charley" war Chateau Margaux, und es schien dem Mister Shuttle- wvrthy im Herzen Wohl zu tun, wenn er sah, wie der alte Knabe Schoppen um Schoppen davon trank, so daß er eines Abends, als sie den Wein in sich hatten, im übrigen aber etwas außer sich waren, seinem Kumpan mit einem Schlag auf die Schulter sagte: „Ich sag dir was, alter Charley, du bist weitaus der herzhafteste alte Knabe, der mir je in meinem Leben untergekommen ist; und äa du so gerne den Wein da schluckst, so will ich verwünscht fein, wenn ich Mr nicht eine große Kiste von dem Chateau Margaux zum Geschenk mache. Sapperment" (Mister Shuttleworthh hatte die üble Gewohnheit, zu fluchen, wenn er es auch selten über Sapperment, Sapperlott oder Donner und Doria hinaustrieb), „Sapperment," sagte er, „ich will noch heute nachmittag in die Stadt schicken, das will ich — du brauchst jetzt kein Wort mehr zu sagen — das will ich, sage ich Mr, und damit Schluß! Paß auf — die Kiste kommt eines schönen Tages daher, gerade wenn du sie am wenigsten erwartest !" Ich erwähne Meses kleine Zeichen der Freigebigkeit des Mister Shuttleworthh nur, um zu zeigen, ein wie enges Einvernehmen zwischen den beiden Freunden herrschte. Nun also, an dem erwähnten Sonntagmorgen, als es nicht länger zu bezweifeln war, daß Mister Shuttleworthh einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein mußte, an diesem Morgen sah man niemanden in solcher Sorge wie den „alten Charley Goodfellow", als er hörte, daß das Pferd ohne seinen Herrn und ohne dessen! Satteltaschen nach Hause gekommen war, ganz blutig von einem Pistolenschuß, der ihm die Brust durchbohrt hatte, ohne es ganz zu.töten, — Als er das hörte, wurde er so blaß, als wäre der Vermißte sein eigener Bruder ober Vater gewesen, und zitterte und bebte am ganzen Körper,, wie im Fieber. Zunächst war er zu sehr vom Schmerz übermannt, um irgend etwas tun oder sich für irgendeinen Plan entscheiden zu können; so daß er sich sogar lange Zeit bemühte, Me anderen Freunde des Mister Shuttleworthh davon abzuhalten, überhaupt an Me Sache zu rühren, indem er es für das beste erklärte, eine Weile zu warten — etwa eine Woche, oder zwei, oder einen Monat, ober zwei, — um zu sehen, ob nicht irgend etwas herauskommen und ob nicht Mister Shuttleworthh am Ende einfach heimkehren und die Erklärung dafür geben würde, warum er sein Pferd vorausgeschickt habe. Ich kann wohl behaupten. daß die Neigung, zu verschleppen ober aufzuschieben, Leuten eigentümlich ist, die ein schwerer Kummer drückt. Ihre geistigen Kräfte scheinen gelähmt, so daß sie gegen alles wie Tat leinen Abscheu haben und nichts lieber möchten, als im Bett liegen und ihren „Schmerz pflegen", wie es die alten Damen nennen, d. h, ihrem älnglück nachgrübeln. Die Leute von Nattleborough hatten tatsächlich eine so hob» Meinung von der Weisheit und Einsicht des „alten Charley, daß Me Mehrzahl sich geneigt fühlte, ihm zuzustimmen und an die Sache nicht zu rühren, „bis etwas herausgekommen wäre", wie der ehrenhafte alte Herr gesagt hatte; und ich glaube sogar, daß dieser Entschluß durchgedrungen wäre, ohne Me äußerst verdächtige Einmischung von Mister Shuttleworthys Neffen, eines jungen Mannes von verschwenderischen Neigungen und übrigens von schlechtem Mus. Dieser Neffe, mit Namen Pennifeather, wollte von den verständigen Vorschlägen, ruhig abzuwarten, nichts hören, sondern bestand darauf, sofort nach dem „Leichnam des Ermordeten" zu suchen. Dies war der Ausdruck, den er gebrauchte; und Mister Goodfellow bemerkte sofort spitzig, daß es ein merkwürdiger Ausdruck sei, um nicht mehr zu sagen. Diese Bemerkung des „alten Charley" übte gleichfalls große Wirkung auf die Menge, und man hörte einen Mann sehr eindringlich fragen, „wie es denn komme, daß der junge Herr Pennifeather von allen Begleitumständen bei dem Verschwinden seines reichen Onkels so genau unterrichtet wäre, daß er es wagen könne, klar und unzweideutig zu behaupten, sein Onkel wäre ein .ermordeter Mann?'" Darüber kam es zwischen verschiedenen Leuten aus der Menge, und besonders zwischen dem „alten Charley" und Mister Pennifeather zu einigem Zank und Streit — was übrigens gerade bei dem „alten Charley" und Pennifeather nichts Neues war, denn schon feit den letzten drei oder vier Monaten waren die Beziehungen zwischen den beiden recht gespannte und es war sogar so weit gekommen, daß Mister Pennifeather den Freund seines Onkels niedergeschlagen hatte, wegen einer übergroßen Freiheit, die sich der „alte Charley" im Hause des Onkels, das der Neffe mitbewohnte, erlaubt hatte. Bei Mefer Gelegenheit hatte, wie es heißt, der „alte Charley" mustergültige Zurückhaltung und christliche 'Nachsicht bewiesen. Er erhob ' sich nach dem Schlage, brachte seine Kleider in Ordnung und machte Durchaus lebten Versuch der Wiedervergeltung, sondern murmelte ►ur einige Worte, — wie „er wolle es bei der nächsten passenden Gelegenheit heimzahlen" — eine natürliche und leicht verständliche Aeuherung des Zornes, die übrigens nichts zu bedeuten hatte und zweifellos, kaum ausgesprochen, auch schon wieder vergessen war. Wie immer sich das auch verhalten mag, so hat es doch keinerlei Einfluß auf die nun zu erzählenden Begebenheiten; es steht jedenfalls fest, daß die Leute von Aattleborough hauptsächlich auf das Zureden des Herrn Pennifeather hin endlich zu dem Entschluß kamen, sich auf der Suche nach dem vermißten Mister Shuttlewvrthy über oie Ämgegend zu zerstreuen. Zunächst kamen sie zu dem Ent- schluh, überhaupt zu suchen; und nachdem dieser Entschluß endgültig gefaßt war. erschien es als eine Selbstverständlichkeit, daß die Suchenden sich zerstreuen, das heißt, sich In kleine Haufen teilen mußten, um die älmgegend gründlicher absuchen zu können. Run habe ich vergessen zu erzählen, durch welche haarscharfe Logik es dem „alten Charley" gelang, die Leute davon zu überzeugen, daß dies das denkbar verkehrteste Vorgehen war. Jedenfalls überzeugte er die Leute alle — mit Ausnahme des jungen Pennifeather — und schließlich wurde die Vereinbarung getroffen, daß die Bürger alle zusammen mit dem „alten Charley" als Wegweiser eine gründliche und genaue Aachsuche aufnehmen sollten. Run war zu dieser Rolle allerdings keiner berufener als der „alte Charley", von hem jedermann wußte, daß er Luchsaugen hatte; doch wenn er auch die Leute in die abgelegensten Winkel fiihrte, auf Wegen, von deren Bestehen in der Rachbarschaft niemand etwas geahnt hatte, und wenn auch die Rachsuche unaufhörlich Tag und Rächt nahezu eine Woche lang betrieben wurde, so konnte doch keine Spur von Mister Shuttlewvrthy entdeckt werden. Wenn ich sage keine Spur, so ist das nicht wörtlich zu nehmen, denn eine Spur war allerdings da. Man hatte dem armen Herrn, nach den Hufen seines Pferdes (die eigenartig waren), bis zu einem Fleck ungefähr drei Meilen östlich vom Markt auf der Hauptstraße nach der Stadt nachgespürt. Hier bog die Fährte in einen Rebenweg durch ein Keines Gehölz ein; dieser Rebenweg mündete später wieder in die Hauptstraße und schnitt ungefähr eine halbe Meile cklmweg ab. Ms man den Hufspuren auf dem Rasenboden folgte, kam man schließlich zu einem Tümpel stehenden Wassers, der unter Brombeeren halb verborgen lag; und gerade vor diesem Tümpel brach die Fährte spurlos ab. Es schien übrigens, als habe irgendein Kampf dort stattgefunden und als sei ein großer schwerer Körper, viel größer und schwerer als der eines Mannes, vom Weg nach dem Tümpel zu gezerrt worden. Dieser letztere wurde zweimal sorgfältig al^efischt, ohne daß etwas gefunden wurde. Die Leute waren im Begriff, wegzugehen und alle Hoffnung auf Erfolg aufzugeben, als die Vorsehung dem Mister Goodfellow den Gedanken eingab, das Wasser ganz abzuleiten. Dieser Vorschlag wurde mit Hurra und vielen Lobsprüchen auf des „alten Charley" Scharfsinn und Klugheit begrüßt. Da viele der Bürger Spaten mitgebracht hatten, in der Annahme, es könne notwendig werden, einen Leichnam auszugraben, so wurde die Trockenlegung rasch und schnell erreicht; und kaum wurde der Boden sichtbar, als das Eigentum des Mister Pennifeather erkannten. Diese schwarzem Seidensamt entdeckte, die nahe n alle Anwesenden sofort als das Eigentun, des Mister Pennnifealher erkannten. Diese Hacke war arg zerrissen und mit Blut befleckt, und mehrere unter den Anwesenden erinnerten sich genau daran, daß ihr Eigentümer sie noch am selben Morgen getragen hatte, als Mister Shuttlewvrthy nach der Stadt aufgebrochen war, während andere wieder bereit waren, eidlich zu erhärten, daß Mister Pennifeather das ehe Kleidungsstück im weiteren Verlaus des Mordtages falls getragen hatte; noch auch war irgend jemand aufzufinden, der sich hätte erinnern können, die Jacke seit Mister Shuttle- worthys Verschwinden überhaupt an Mister Pennifeather bemerkt zu haben. Run sahen die Dinge für Mister Pennifeather sehr böse aus. Änd als eine unzweifelhafte Bestätigung des Verdachtes gegen ihn entstanden war, beobachteten die Anwesenden, daß er ganz außergewöhnlich blaß wurde und auf die Frage, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen habe, unfähig war, ein Wort zu antworten. Daraufhin verließen ihn die wenigen Freunde, die sein stürmischer Lebenswandel ihm gelassen hatte, und stimmten, lauter noch als seine alten und erklärten Feinde, für unmittelbare Verhaftung. Dagegen zeigte sich wieder, durch den Gegensatz noch verklärt, Mister Gvodfellvws Großmut in hellstem Licht. Er verteidigte Mister Pennifeather mit warmen und beredten Worten, wobei er öfter als einmal darauf hinzielte, daß er dem wilden Hungen — „dem Erben des ehrenwerten Mister Ehuttleworthy" — die Beschimpfung vergeben habe, die er (der junge Mann), zweifellos in der Hitze der Leidenschaft für recht befunden habe, und was ihn selbst angehe (Mister Goodfellow), so sei er weit entfernt, den Verdacht zu teilen, der sich, leider Gottes, aber unbestreitbar, gegen Mister Pennifeather erhoben habe, er (Mister Goodfellow) wäre entschlossen, alles aufzubielen, alle seine geringe Beredsamkeit anzustrengen, um — um — um —, so weit er es mit seinem Gewissen vereinbaren könne, dieser tatsächlich äußerst ungewöhnlichen Sache ihre Schärfe zu nehmen. . ,, „ Mister Goodfellow fuhr etwa eine halbe Strrnde lang m dieser Meise fort, wobei weder sein Kops noch sein Herz an Lob zu kurz kamen. Aber warmherzige Leute sind eben selten genau in ihren Beobachtungen, sie lassen sich zu allen möglichen Abschweifungen und unangebrachten Bemerkungen verleiten, gerade in dem hitzigen Vifer, einem Freund zu dienen, und tun so oft mit der besten Absicht in der Welt einer Sache mehr Schaden als Ruhen. Sv ging es im vorliegenden Fall mit der Beredsamkeit des „alten Charley"; denn wenn er sich auch ernsthaft für den Verdächtigen ins Zeug legte, so geschah es doch irgendwie, daß jede Silbe, die er aussprach (soweit sie nicht den Zweck hatte, dein Sprecher in der guten Meinung seiner Zuhörer zu erheben), den Verdacht vertiefte, der sich bereits an die Person des von ihm Verteidigten geheftet hatte und die Wut der Menge gegen ihn noch steigerte. Einer der unbegreiflichsten Irrtümer, die dem Redner unterliefen, war seine Anspielung, daß der Verdäch ige „der Erbe des ehrenwerten Mister Shuttlewvrthy" sei. Daran hatte das Volk bisher tatsächlich nicht gedacht. Man hatte sich nur erinnert, daß der Onkel ein oder zwei Jahre zuvor verschiedentlich mit der Enterbung gedroht hatte, und daß er außer dem Reffen keine anderen lebenden Verwandten hinterließ; und man hatte daher diese Enterbung immer als beschlossene Sache betrachtet — so einfältig waren die Rattleborvugher; die Bemerkung des „alten CHarvey" aber brachte mit einem Schlage neues Licht in die Sache und weckte die Erwägung, die genannten Drohungen seien eben nur Drohungen gewesen; und im Anschluß hieran wies die Frage Cui bono unweigerlich auf Mister Pennifeather als Täter. Sein Onkel hatte ihn, nachdem er das Testament zu seinen Gunsten aufgesetzt hatte, mit Enterbung bedroht, die Drohung war allerdings nicht wahr gemacht worden. Das ursprüngliche Testament war. wie sich ergab, nicht geändert worden. Wäre es geändert worden, so wäre der einzig mögliche Beweggrund für den Verdächtigen der einer sinnlosen Rache gewesen, älnd selbst dieser Beweggrund wäre nicht voll zur Wirkung gekommen, ja die Hoffnung bestand, zu Gnaden wieder ausgenommen zu werden. Mister Pennifeather wurde also vom Fleck weg verhaftet und die Menge zog mit ihm heim, nachdem man noch ein wenig gesucht hatte. Auf dem Heimweg aber ergab sich ein weiterer Umstand, der den vorhandenen Verdacht bestärkte. Mister Goodfellow, dessen Eifer ihn immer an der Spitze des Trupps hielt, wurde beobachtet, tote er plötzlich einige Schritte vorlief, sich bückte und einen offenbar kleinen Gegenstand vom Grase aufhob. Man sah weiter, tote er nach kurzer Prüfung den halben Versuch machte, ben Gegenstand in seiner Tasche zu verbergen. Diese Bewegung wurde aber, wie gesagt, bemerkt und daher verhindert, wobei es sich herausstellte, daß der aufgehobene Gegenstand ein Klappmesser war, das ein Dutzend Leute sofort als Eigentum des Mister Pennifeather erkannten. äleberdies waren auch seine Anfangsbuchstaben auf dem Griff eingraviert. Die Klinge war offen und blutig. Run blieb kein Zweifel mehr an der Schuld des Reffen, und sofort bei der Rückkehr nach Rattleborough wurde er dem Richter zum Verhör vorgeführt. Hier nahmen die Dinge abermals eine sehr ungünstige Wendung. Der Gefangene hatte auf die Frage nach seinem Verbleib an dem Morgen von Mister Dhuttleworthys Verschwinden die Kühnheit, zuzugeben, daß er an eben jenem Morgen mit seiner Büchse sich in der nächsten Rähe des Tümpels, in dem seine blutbefleckte Jacke durch den Scharfsinn des Mister Goodfellow gefunden worden war, auf der Bockjagd befunden hatte. (Schluß folgt.) Dom Umgang mit Tieren. In ihrem unterhaltsamen neuen Buche „Vom Umgang mit Tieren" (Verlag E. Haberland, Leipzig) gibt die bekannte Kennerin Gräfin Montgelas eine Fülle anschaulicher Geschichten aus ihrer reichen Erfahrung über die Behandlung von Hunden und Pferden. Wir geben hier einige fesselnde Proben: Auf dem Gute meiner Eltern war, unter anderen Jagdhunden, ein Gordon Setter, namens Black, der auf der Hühnerjagd Hervorragendes leistete, aber dabei ganz nach seinem Kopse arbeitete. Man kannte die vorzügliche Rase und die hohe Intelligenz dieses Hundes und ließ ihn gewähren. Wenn man z. B. ein Feld rechts von der Straße absuchen wollte und Black auf Pfiff nicht kam, sondern links von der Straße regierte, konnte man überzeugt fein, daß die Hühner sicher dort lagen. Black beobachtete aus den Schuß, wie viele Hühner fielen und brachte sie alle nacheinander^ ohne daß man ihn auf die einzelnen aufmerksam hätte machen müssen. 2ch erinnere mich, daß wir einmal der Meinung waren, es seien drei Stück gefallen. Rachdern Black diese drei gebracht hatte, ging er aus Befehl nicht mit uns weiter, sondern suchte offenbar Noch nach einem vierten Huhn. Wir waren überzeugt, daß er sich irre und sagten: „Komm, Black, es ist feind mehr da'. Black ließ sich aber nicht irremachen und brachte nach einigem Suchen ein viertes, geflügeltes Huhn, das noch gelaufen war. Erst bann re- vierte er weiter. , „ , Black war so selbstänbig und intelligent, daß man ihn fremden Hagdgästen mitgeben konnte, gewissermaßen zur Führung. Richt der Jagdgast führte den Hund, sondern der Hund den Hagdgast. Viele Hunde würden ja allein mit einem fremden Jäger gar nicht ins Revier gehen. Black wußte aber, daß dies von seinem Besitzer manchmal gewünscht wurde und kam diesem Wunsche nach, im Bestreben, seinem Herrn zu dienen. Wenn es sich um erfahrene Jäger und gute Schützen handelte, war das Einvernehmen zwischen 8 - ihnen und Mack ausgezeichnet. 'Wehe aber dem schlechten Schützen. Mit einem „Patzer" ging (Blad 'nur einmal und dann nicht wieder! Eines Tages sollte er allein mit einem Herrn, der das edle Weidwerk erst seit ganz kurzer Zeit betrieb und Int Hühnerschieben noch recht wenig Äebung hatte, gehen. Als Black nach einigen Stunden, ersichtlich übler Laune, allein nach Hause kam, wußten wir gleich, daß er mit seinem Häger schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Dieser erzählte uns dann, Black habe ausgezeichnet gearbeitet, ihn ganz selbständig auf mehrere Ketten Hühner geführt und sie gestanden wie eine Mauer. Es sei ihm aber nicht gelungen, ein Huhn zu schieben. Als er die ersten Male gefehlt habe, hätte ihn der Hund erstaunt und mißbilligend angesehen, habe aber doch noch weiter gesucht und ihn auch noch wiederholt zu Schuh gebracht MS er aber immer wieder vorbeigeschossen habe, sei es dem Hund anscheinend zu dumm geworden und er sei einfach heimgelaufen. Auf sein Pfeifen habe er gar nicht reagiert. Black hatte sich also gedacht: „3u was soll ich dem Herrn Hühner suchen und vorflehen, wenn er sie doch nicht schieben kann? Da geh' ich lieber 5dm.“ — Am nächsten Morgen weigerte sich Black den schlechten Schutzen au, die Hagd zu "begleiten, wurde aber trotzdem gezwungen, an der Leine mitzugehen. Im "Revier losgelassen, lief er schnurstracks heim. Gr ist mit diesem Herrn nie mehr allein auf die Jagd ge- gangen. Mit guten Schützen ging er sehr gern und erkannte solche Hagdgäste, wenn sie nach langer Zeit wieder zu Besuch kamen, sofort und zeigte grobe Freude über das Wiedersehen. Dagegen hatte er für .Patzer" nur Verachtung! Black wurde auch zur Abrichtung junger Hühnerhunde als Lehrmeister benützt. Auch hierin leistete er Hervorragendes in selbständiger, überlegener Arbeit. W«emt er Hühner Vorstand und eS sprang ein anderer Hund ein, ihm alles verpatzend, war er wütend. Er wurde aber dann nicht, wie die meisten Hunde in solchen Fällen tun, selbst hitzig, sondern er strafte den Liebeltäter Durch Aüraufen u*_> ging dann ru.jig seiner Pflicht nach. , , c Niemals wäre Black einem gesunden Hasen nachgelaufen. Wenn junge ober schlecht dressierte Hunde auf der Hühnerjagd Hasen hetzten, lieh ihn das ganz kalt. Er hatte bet dieser Jagd nur für Hühner Interesse. Auf Treibjagden sing er auf Befehl jeden angeschossenen Hasen, weigerte sich aber dem Befehl nachzukommen, sobald er erkannte, daß der Hase gefehlt sei. Er hetzte also nicht aus Vergnügen, sondern mir, wenn ihm feine Aase sagte, daß es notwendig sei. das kranke Stück zur Stelle zu bringen. Gr war viel zu intelligent und hatte zu viel Erfahrung, um einem gesunden Hasen nachzurennen, da er genau wußte, daß er einen solchen doch nicht fangen könne. Sin einzelner Hund wird einen) gesunden, ausgewachsenen Hasen nur in den seltensten Fällen fangen können. . Die Menschen machen es mit der Dressur ihrer Tiere oft ebenso falsch, wie mit der Erziehung ihrer Kinder. Den Kindern wird auch etwas untersagt, sie tun es doch, werden aber nicht dafür bestraft. Erst wenn sie einen Schaden angerichtet haben, oder wenn sich die Eltern vor Fremden schämen, so schlecht erzogene Kinder zu haben, wird bestraft und dann meist im Zorn und oft in roher Weise, ein Verfahren, das beim Kind wie beim Tier fv falsch als nur möglich ist. Es gibt Menschen, die mit vierjährigen Kindern nicht fertig werden, ein beschämendes Zeugnis, das sie sich selbst damit ausstellen. Auch hier fehlt es nur an der Konsequenz. Man muß immer darauf achten, daß ein Gebot unter allen -Umständen befolgt wird, auch wenn dies unbequem und mühsam zu erreichen ist. Wie lästig find Hunde, die sich in Wohnräumen auf alle Möbel legen, alles schmutzig machen, die überall liegen, nur nicht auf dem Platz, der ihnen zugewiesen ist. Aus den Befehl „An Platz" ist noch jeder meiner Hunde umgehend auf feine Decke oder in seinen Korb gegangen. Ich ließ es mich aber nicht verdrießen ihn im Anfang 5er Dressur, wenn nötig, zwanzigmal nacheinander dahin zu befördern, bis er verstanden hatte, was er sollte. Wenn er es verstanden hat und absichtlich nicht tut, muß er durch strenge Worte oder einen Klaps mit der Hand — die Peitsche ist dabei gar nicht nötig — bestraft werden, und zwar konsequent ob man allein mit ihm äst oder nicht, ob die Möbel, auf denen er liegt, gute ober schlechte sind, ob es an sich ganz gleich wäre, ob er da liegt ober dort — nur bann wird der Hund später unter! allen Umständen gehorchen. Mein Kismet war so gewöhnt, dem Kommando „Platz" zu folgen, daß er es auch tat, wenn mein Graupapagei Jackl das Wort ganz in meinem Tonfall aussprach. Ich beobachtete den Hund einmal, wie er sich an dem Käsig des Papageis zu schassen machte, um sich Kuchenstückchen, die der Vogel oft herauswirft, zu holen. Hackt schrie plötzlich „Kismet an Platz!" und sofort ging der Hund mit eingezogenem Schwanzes seinen Teppich unter meinem Schreibtisch. In einem meiner Zimmer hatte Kismet die Erlaubnis auf einer Chaiselongue zu liegen, aus deren Fußende eigens für ihn eine Decke ausgebreitet war. Eines Tages sprang er hinaus und bemerkte, daß die Decke fehlte. Er drehte sich ein paarmal ratlos um, legte sich nicht hin und überlegte, was zu tun sei. Schließlich sprang er wieder herunter, lief zu seinem Korb, holte sich von da ein Kiffen, schleppte Ls auf die Chaiselongue und legte sich darauf. N'eter Vorgang beweist wieder, mit welcher Lieberlegung Tiere manchmal handeln und wie int l. ge.it sie sind. muß sich aber nun nicht vorstecken, daß Kismet etwa ans (Rücksicht und zur Schonung der Chaiselongue sich nicht ohne Decke auf ihr niederließ. Damit würde man dem Hunke Dinge gutrauen, die seine Denk- und Llrleilssähigkeit übersteigen würden. Der Hund war die Decke, die seine Witterung enthielt, ge- wöhrnt, er wußte, daß er auf ihr liegen durfte, aber nicht neben ihr: daß dies aus Reinlichkeitsgründen geschah, begriff er selbstverständlich nicht. Die Chaiselongue ohne Decke war für ihn einfach verbotenes Gebiet. Sein Gehorsam war fo ausgeprägt, daß (:r sich nicht erlaubte das Verbot zu umgehen. Gr war daher be- ftrebt, die Angelegenheit durch Herbeiholen des Kissens, das seine Witterung ebenfalls enthielt und das ihm zugewiesen war, zu regeln. Er lag lieber auf der Chaiselongue als in seinem Korb — alle Tiere lieben erhöhte Standplätze — und so ersetzte er di, fehlend« Deck« mit seinem Kissen. Wie dir Spielkarten entstanden. Die ältesten und schönsten Spielkarten sind uns aus Deutschland erhalten. Wenn man die Reste des ältesten bekannten Kartenspieles, die sich in den Kupferstichkabinetten zu Dresden und Paris befinden, betrachtet, dann erkennt man den ungeheuren Abstand von diesen Meisterwerken der Kunst zu den. Arschmacklosen Massenartikeln, die unsere heutigen Spielkarten darstellen. Diese ältesten Spielkarten sind Original-Kupferstiche in dem eil en Sinne, wie die „Melancholie" Dürers, und Dürers Bedeutung für die Geschichte des Kupferstiches ist nicht höher zu bewerten als die des „Meisters der Spielkarten", der mit am Anfang des deutschen Kupferstiches und damit des Kupferstiches überhaupt steht. Eingehende Mitteilungen über die äl eiten Spielkarten macht der bedeutende Kenner der Graphik. Pros. Map G e i s b e r g, in einem Aufsatz der „Bergstadt". Die Blätter in Dresden und Paris meffen durchschnittlich 135 zu 83« mm, sind also ganz bedeutend größer als die heutigen Formate. Rur eine einzige Karte hat sich In der ursprünglichen Weise zum Spielgebrauch montiert erhalten, und zwar auf eine Pappe mit schwarzer Rückseite aufgezogen. Das Spiel scheint ursprünglich sechs verschiedene Farben gezählt zu haben: aber unter den erhaltenen Karten, die nur Reste von vollständigen Spielen darstellen, finden sich nur Blätter von je fünf Farben. Der Meister, der diese wunderbar schönen Kartenbilder schuf und der von diesem seinem Hauptwerk auch feinen Ramen empfing, war wohl ein Schweizer. Die Karten sind im Anfang seiner Tätigkeit kurz vor 1446 entstanden und gehören zu den liebenswürdigsten und hervorragendsten Schöpfungen der gesamten Graphik. Diese Kupferstichkarten wie überhaupt a le des 15. Jahrhunderts sind ausnahmslos deutsche Karton. Die auch bei uns allmählich immer mehr eingebürgerte französische Spielkarte läßt sich erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts feststellen. Die Festlegung der französischen Karte auf vier Farbzeichen bedeutet eine bedauerliche Verarmung gegenüber dem Reichtum der Gestaltungen in der deutschen Karte, in der wir nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch noch alles mögliche andere, wie Gläser, Bücher, Becher usw. finden. Die damals üblichen Grieb» weisen verlangten eben noch nicht eine feststehende Reihenfolge der Farbzeichen, wie sie heute jedem Skatspieler im Schlaf geläufig ist, sondern es wurde, abgesehen vom Trumpf, jeweils der zuerst ausgefpielten Farbe der Vorrang vor den übrigen eingeräumt. Die Freude des Deutschen an genauer Wiedergabe der Wirklichkeit, am Fabulieren und am Humor offenbart sich in köstlicher Weise in dem lustigen Bildchen der deutschen Spielkarten in Kupferstich und Holzschnitt aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Eine weitere Verarmung der Spielkarte erfolgte durch die Verdoppelung des Bildes auf den Figuren karten, die seit 1840 in der französischen Karte die Regel ist. Durch die Trägheit der Spieler, die sich durch die Doppelseitigkei! der Figuren eine halbe Llmdrehung ersparen wollten, wurde die ganze bildmäßige Wirkung der Figur auf- gegeben. Als Grund für die bedauernswerte und ungerechte Bevorzugung der französischen Kartenspiele gegenüber den prächtigen alten deutschen führt Geisberg die betrübliche Erschein ng im deutschen Kulturleben an, die sich ja auch in der Sprache, im Kunstgeschmack und in der Mode in d.n letzten drei Jahrhunderten so bemerkbar gemacht hat: „Die leidige deutsche Schwäche für ausländisches Wesen und Ware." Fichte an jeden Deutschen. Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, an deines Volkes Au ferst ehn. Laß diesen Glauben dir nicht rauben trotz allem, allem, was geschehn. Lind handeln sollst du so als hinge von dir und deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge, und die Verantwortung wär' dein. vchristleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Llniv.-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Sieben.