n* IpH MW Ms WUM ; «* " M 1923 — Nr. 19 Samstag, 12. Mai Der erste Tag auf Ser Gießener AnibsrflM. Hans fuhr der kleinen LanLesuniversität entgegen, die aus ihm einen Doktor machen sollte. Als er den Wagen verlieh, trat er unter ein buntes Gemenge von allerlei Leuten, die schwerlich des Studiums halber hierhe» gekommen sein konnten. Frauen in kurzen, faltenreichen Röcken trugen Körbe auf dem Rücken, undMünner in blauleinenen Kitteln hatten in buntgewürfelten Kissenüberzügen mancherlei Waren verstaut, die sie in der Stadt eingekauft hatten. Hier drückte einer einen kleinen Handkarren, dort zog einer an einem Stricke ein störriges Kalb hinter sich nach. Körbe mit Hühnern standen da herum, und aus Zwerchsäcken, die am Boden lagen, hörte man das mißvergnügte Grunzen junger Ferkel. Das sah alles so nüchtern, so trivial aus, das roch so sehr nach Landwirtschaft, daß unferm Hans der Gedanke kam, er könne die Alma mater überfahren haben. Doch da gewahrte er mit einem Male oben am Perron eine Gestalt in schwefelgelber Mütze. Kein Zweifel, es mutzte der Ignaz Kaufmann sein, der hier an einen riesenhaften Reufundländer gekettet war, oder der Hund an ihn. Roch hatte Hans den frohen Gedanken nicht ganz zu End« gedacht, als Kaufmanns Stimme ihm entgegenhallte:, „Ah, sieh da, Hans Höhrle, hast du den Weihwasserpinfel aus den Fingern fallen lassen, um hier den Schläger in die Fällst zu nehmen, so sei willkommen! Und wenn ich dir mit irgendetwas dienen kann, so verfüge über mich." Damit legte Ignaz seinen Arm in den des Schulkameraden und betrat stolzen Schrittes mit ihm den Wartesaal zweiter Klaffe. Im Bahnhofsportal standen die Dienstmänner stramm, als die zwei dorüberschritten, und Lohnkutscher auf hohem Bocksitz hoben Sie Peitsche vor die Rase und neigten den Zylinder so weit nach vorn, bis er den Stiel berührte. Hans war verblüfft von all de» überraschenden Ehrungen, die man ihnen erwies, und er fragte sich verwundert, durch welche hervorragende Tat fein Freund Ignaz sich diesen hohen Respekt in den vierzehn Tagen seines Hierseins verdient haben könne. Den tieferen Grund, daß nämlich alle diese Reverenzen nur vor der Mühe, vielleicht auch vor dem Hunde, gemacht wurden, begriff er noch nicht. Auf der Treppe stehend, rief Kaufmann mit einer feudalen Geste einen Rosselenker herbei. Dir zwei „Eides academrci" stiegen ein. Wohin es ging, war allen bekannt, mit Ausnahme unseres Hans Höhrle, und als das richtige Wirtshausschild erreicht war, schwenkte der Reufundländer rechts ab. Die Pferde parierten urplötzlich. Die beiden Freunde stiegen aus, und der Kutscher machte auf der Sollseite seines Aotizbuches eine kleine Bemerkung. Der Eintritt der beiden Freunde in die Schankstube erregte einen erstaunlichen Aufstand. Ignaz führte den neuen Fuchs an die besterleuchtete Stelle des Raumes, verneigte sich und nannte seinen Ramen: „Hans Höhrle". Bon allen Seiten stürzten nun Männer mit narbigen, zuweilen fast noch blutigen Gesichtern auf ihn zu, um sich vorzustellen. Hans hörte eine Menge seltsamer Familiennamen, von denen er keinen einzigen behielt. Lgnaz zog feinen Schulkameraden nach einem Tische herüber, wo eine muntere Schar in gelben Mützen saß, die ihm äußerst zuvorkommend Platz machte. Einen Augenblick waren die Micke aller auf Hansens schlanke Fechterfigur gerichtet, dann aber verschlang der Lärm des Zutrinkens, der Wihworte und der argen- fettige Austausch der Ferienerlebnisse jede Sorge für die Zukunft Einer oder der ander« schien schon etwas hoch za haben, umarmte seinen Rachbar, bot ihm Schmollis an und verabredete für den folgenden Lag einen kleinen Exbummel in die ilmaebung Gegen 12 Ahr erreichte der Frühschoppen fein Ende. Hans verabschiedete sich, ab in einer billigen Restauration neben Post» 8» Adsm KKmllons 70. Geburtstag. 2lm 12.Mai 1923 vollendet Adam Karrillon in Wies- oaderi sein.siebzigstes Lebensjahr, Seine Stellung in der deutschen Literatur begründete der Odenwaldrvman „Michael Heyl, sein erster Versuch auf diesem Gebiete, den er als Funt.lndvierzigjährrger in der Zeit von Herbst 1898 bis Früh- 1899 verfaßte, doch wurde dieses in erster Auflage im Jahre 1900 zu Wernheim erschienene Werk erst allgemein bekannt, -904 m die Grotefche Sammlung von Werken zeit- genoststcher Schrrststeller ausgenommen wurde. Ihm folgten an weiteren Oitenwaldromanen und -erzählungen 1906 „Die Mühle ' Pu der Sammelband „Dauerngeselchtes" und 191c „Wams Großvater". Karrillvn, der seine Jugendzeit in seinem Geburtsorte Waldmichelbach, seine GymnasialKAt 1867 bis . -Biamz, darunter fünf Jahre im bischöflichen Knabenkonvikt, feine Studienjahre 1873 bis 1878 in Gietzen und Würz- burg verlebte und dann, nach kurzem Aufenthalt in Eich in 2ibeinMfen unb Rockenhausen in der Pfalz, von 1883 an fünfunddreißig Jahre in Weinheim als praktischer Arzt tätig war schildert in /einen Werken ausnahmslos Eindrücke und Erleb- nisfe die er selbst als Dorfschüler, als Gymnasiast, als Student, als Arzt und auf seinen Reifen hatte. Durch das Bestreben anbete an Jcinen Reiseerlebnissen teiknehmen zu lassen, erwachte der Schriftsteller in ihm, tote denn auch sein erstes, 1898 erschienenes Werk „Eine moderne Kreuzfahrt", die zwei Jahre zuvor unternommene Reise nach dem Heiligen Lande Mlderi. Die neiden als Schiffsarzt unternommenen Reifen nach Kamerun und Togo im Jahre 1909 und nach dem äußersten Osten im «TI Fren Riederfchlag in der 1912 erschienenen LVJvesHieibung „Sm Lande unserer .Urenkel" und in dem MS erschienenen Reiservman „Sechs Schwaden und ein Halber" Der Dorfknabe kommt in den Odenwaldromanen zu Wort der Ehmnasmst und Gießener Student in der „Mühle zu Husterloh" bet Wützourger Student in dem Roman „£> domtna mea“ und OCT Landarzt in „Bauerngeselchtes", in der Rahmenerzählung „uTm Stammtisch zum faulen Hobel" (1922) und vor allem in dem noch mcht verösfentlichten Roman „Biljo Ronimus" wo die uvien Erfahrungen mit den Krankenkassen ehtcn jungen Arzt zur Aufgabe feines mit Begeisterung ergriffenen Berufes bestimmen. Glrichfam den Schlussel zum tigeren Verständnis seiner Werke wird seine Selbstbiographle „Leben und Treiben eines Welten- vummlers bilden, an die er gegenwärtig die letzte Hand anleat Eßeroem hat er einen Aovellenband unter der Feder Eine vammlung kleinerer Aufsätze und Erzählungen von ihm wird J*®'* einem aussührlichsn Lebensbikde des Dichters demnächst m rraVerlag in Darmstadt erscheinen! darin wird auch das wWlcht „Karzerreminiszc izen", das er im Jahre 1907 für die Wetenet 'Jubiläumszeitschrift „Luöoviciana" verfaßte, abgedruckt iem. Ferner hat er das Studentenleben in Gießen, wo erber Burschenschaft angehörte, in der „Mühle zu.Huster- wy geschildert, aus der im folgenden eine Episode mitgeteilt werden soll. Gr hat darin feinem als Handelslehcling zu Mainz t6men Mitschüler Ignaz Kaufmann und seinem Leib- r)chLn, dem im Jahre 1880 zu Herborn verstorbenen Tierärzte August Weber, ein Denkmal gesetzt. Anter den Odentoaldöichterm -IsNv ÄamHon unstreitig die eiste Stelle ein, unter den .-imchen Dichtern gehört er zu den ersten und unter den deutschen Kuntotlsten zu den urwüchsigsten und originellsten. Möchte ihm mk» dichterischen Schaffens, von der er erst auf der Mittags- vvye oes Lebens Strauch machte, noch> lange erhalten bleiben! Prof. Dr. für. «tphil. K. Esselborn, eleven und Betriebsassistenten un$> machte sich dann auf die Suche nach einer Wohnung. Am Schwarzen Brett« der Universität hing ein Zettel, durch welchen »eine ruhige Witwe mit einer Tochter in gesetztem Lebensalter einen soliden Mietsherrn zu mäßigen Preisen suchte". Hans, der mit wenigem auszukommen dachte, schrieb Streifte und Hausnummer in sein Notizbuch und machte sich auf die Suche. Nicht lange, und er fand, was er brauchte. Bor einem Gemeindebrunnen stand ein gebrechliches Haus, das seinen neugierigen Giebel so weit nach vorn neigte, daß er durchs Bodenfenster wie durch ein Monokel sehen konnte, was hinter den Scheiben des Erdgeschosses vorgehe. Es regnete gerade ein wenig, und unter den überhängenden Stockwerken war auf dem Pflaster der Strafte ein allerliebstes trockenes Plätzchen. Hier standen, hübsch vor Nässe geschützt, einige dralle Dienstmädchen. Sie schienen wenig Eile zu haben, hatten die Hände in die Schürzen gewickelt und warteten, bis sie au den Pumpenschwengel kamen. Hans musterte die Höhe der Stockwerke und rechnete aus, das) er von den Fenstern der ersten Etage aus die Mädchen des Abends bei den Zöpfen fassen könne. Dies schien lustig zu werden und war eine interessante Beigabe, wenn das Logis sonst annehmbar war. Die Mädchen kicherten und sahen unseren Hans nicht eben schüchtern an, so daß er in Verlegenheit geriet und eilig der Tür zuschritt. Ehe ers noch gedacht, war er drei Stufen hinuntergefallen in ein schmales Gängchen, das vom Hofe her ein mattes Tageslicht erhielt. Hans, der sich an den Wänden noch gefangen hatte, traute seinen Augen nicht, als er da hinten in dem zerstreuten Lichtschimmer eine Anzahl Weiber wie Schattenbilder mit Besen aufeinander losschlagen sah. Sollte „die ruhige Witwe mit der Tochter in gesetzten Lebensjahren" dabei sein? Hans hoffte, sich unbemerkt wieder davonstehlen zu können. Allein e'n Draht, der beim Schlieften der Tür an einer kleinen Schelle im Hofe zupfte, hatte ihn verraten, un& ehe ers noch vermuten konnte, war er in dem engen Naume zwischen anderthalb Jahrhunderten, die Mutter und Tochter annähernd zusammenbrachten, eingekeilt. Die Damen massierten zunächst mit vieler Sorgfalt den Nest von Unmut, der von der Balgerei mit den Nachbarsleuten her noch in den Runzebr ißter Gesichter lag, hinaus, spuckten auf die Finger, glätteten das etwas in Einordnung geratene Haupthaar und liehen dann die melusinischen Quellen ihrer Beredsamkeit sprudeln: „Ack, du mein Gott, wer heutzutage auf Reinlichkeit hält, hat einen schweren Stand. Sehen Sie, mein lieber Herr, bei uns ist alles blank, aber die Nachbarschaft, gerechter Himmel, sie erstickt im Dreck. And doch haben sie für dieses Semester bereits vermietet, während wir noch leer stehen. Aber wir brauchen doch nicht zu dulden, daft sie in dem gemeinschaftlichen Hofe Hühner ftalten." „Na, sicher nicht," sagte Hans, der den Monolog an dieser schicklichen Stelle unterbrechen zu können dachte. „Na also," fiel von den zwei Alten die Jüngere,-ein, „und doch will uns das Gesetz nicht schützen. Sv helfen wir uns denn selbst, und der Schlag, der an einem Huhn vorübergeht, trifft sicher eine Gans, denn das ist sie, sie ebensowohl wie ihre Schwester." Hans hatte genug von der Sorte ruhigen Zimmervermieter und wollte zur Tür hinaus. Die Tochter hatte ihm durch eine Flankenbewegung den Rückzug verlegt und drückte ihn einfach wie einen Schubkarren vor sich her. Die Alte marschierte an der Tete, und so kam das feierliche Dreigespann über eine dunkle, von viel- sachen Podesten unterbrochene Treppe nach der ersten Etage. Beim Ueberschreiten der Türschwelle muhte Hans Höhrle sich bücken. Als er sich aber, im Zimmer angekommen, wieder strecken wollte, ftteft er erbärmlich seinen Schädel wider die Decke und quittiert« den Empfang einer nuftgrohen Beule in den Kopfhaaren mit einem ärgerlichen: „Gott verdamm mich". „Nur nichts Unchristliches," jammerte die Alte, „'s ist nur, bis man sich daran gewöhnt hat," und schob unfern Studio gegen die Fenster hin, wo er in der Tat soviel Raum über sich hatte, daft er sich in seiner ganzen Grüfte entwickeln konnte. „Wo ist das Bett?" fragte Hans. Die Tochter schob einen Kattun Vorhang zur Seite und gestattete somit einen Einblick in einen kleinen Alkoven, zu dem man auf drei Stufen hinaufsteigen muhte. Hier stand eine Bettstelle, der man die Füße abgesägt hatte, damit sie nicht zu hoch hinauswvllte. Hans erschrak, als er diese Ruhestätte sah, und »erstieg sich zu der ironischen Bemerkung: „Hier muß wohl der Mensch zuerst in die Horizontale gebracht und dann wie Brot in den Backofen auf einem Schieber eingeschossen werden?" „Hier haben schon Leute geschlafen, die nachher Minister wurden und noch Höhere. Wollen sich der Herr nur näher bemühen, er kann sich selber überzeugen!" flöteten die beiden Quartier» geberinneu. Hans senkte eines seiner Knie auf die Stufe nieder und drehte den Kops dem Plafond zu. Kn der Tat, auf dem weiften Kalkanstrich entdeckte er eine Masse mit Bleistift hin geschriebener Namen, studentischer Zirkel, Zitate aus dem Corpus juris und Bibelstellen. Auch waren ganze Kunstwerke zu sehen, gekreuzte Säbel und Schlägerklingen, Totenköpfe, Kater, die Heringe fraften usw. Die Einrichtung war ja bequem. Man konnte auf dem Rücken liegend mit der Hand die Decke erreichen., und unser Studio fing an, sich in den Gedanken hineinzuleben, daft auch er eines Morgens erwachen und die Kunstausstellung da oben um ein Dackelporträt bereichern könne. Doch zunächst wollte er noch einmal durch die Straften der Stadt irren und nachsehen, ob sich nicht doch was Besseres fände. 3m Gehen fragte er nach dem Preis. Ser war sehr annehmbar. Hans versprach, sich die Sache überlegen zu wollen und wiederzukommen. Wie er so, die Häuser begaffend, wandelte und nach Heinen Täfelchen suchte mit der Aufschrift „Zimmer zu vermieten", lies et dem Ignaz Kaufmann in die Hände, der mit seinem Leibburschen August Weber zusammen ein wenig flanierte. „Du hast noch keine Bude?" sagte Kaufmann, „wird schwer fallen. Du bist ein biftchen spät inL Semester gekommen. Auch steigern jetzt schon- diese Halunken »Dir Philistern die Preise, weil sie sicher sind, daft sie doch vermieten werden." „Haben Sie schon die Anlage abgesucht?" sagte Weber. „Wenn Sie gestatten, begleiten wir Sie bis dahin, möglich, daft Sie da etwas Passendes finden." Er übernahm jetzt die Führung der zwei jüngeren Kommilitonen. 3m vierten Stocke eines vornehmen Hauses sah man hinter der Spiegelscheibe ein kleines Schild hängen, aber die Entfernung war zu graft. Don der Strafte aus war nicht zu entziffern, was es verkünden wollte. „Versuchen wir es," sagte Weber und'drückte auf die Klingel neben der Pforte. Die Tür sprang auf, und unsere drei stiegen über die Kokosmatten eines eleganten Treppenhcmses dem vierten Stockwerk entgegen. Am Glasverschlag war mit zwei Reißnägeln eine Visitenkarte befestigt, die -den Namen Amalie Braun, Ober» förstersgattin, trug. 3m nächsten Augenblick schon zeigte sich eine Dame in schlichtem, aber fein geschnittenem Kleide, die sich nach dem Begehr der Herren erkundigte. Weber verneigte sich und fragte, ob hier nicht ein Zimmer zu vermieten sei. „Gewiß," sagte die Dame, „wollen die Herren nur ein treten!" Es war ein schönes großes Zimmer mit wohlgepflegten Möbeln, denen man anfaß, daß sie die schonungslose 'Behandlung der Aftermieter noch nicht oder wenigstens noch nicht lange ertragen hatten, Hans lebte auf, als ihn die Vorstellung übermannte, er könne in so viel Behaglichkeit seine Abende verleben. Weber war derweilen prüfend über den Parkettboden gegangen, hatte durch die Scheiben über die Bäume der Anlage nach den gotischen Giebeln einer benachbarten Kirche hingesehen und kam nun mit der Frage zurück: „And der Preis, gnädige Frau?" „3st das Zimmer für Sie?" war die schüchterne Gegenfrage. „Nein," für diesen jungen Herrn, der eben erst zur -Universität kommt." „Dann vierzig Mark im Monat." „Das wollen wir uns einmal überlegen", sagte Weber, der sah, wie Hans Höhrle beim Nennen der hohen Summe zusammenzuckte. Drei Männer verneigten sich tief, eine Dame leichthin, und Weber als rechter Flügelmann verschwand mit den beiden, die Glastür leise ins Schloß ziehend. Indessen fing es an zu dunkeln. Hans mußte zu einem Entschlüsse kommen bezüglich seiner Wohnung oder in einem Hotel übernachten, was er der erneuten Kosten wegen gerne vermieden hätte. Er verabschiedete sich von seinen Begleitern, Hans sah den beiden nach, bis sie die Dämmerung verschlang. Sie waren das Studentenideal, von dem er als Gymnasiast geträumt. Nun war er wohl selber Student, aber das Herz wollte ihm bei seinem zu geschnürten Geldbeutel nicht recht weit werden. Er sah nur Jahre des Sparens und der Arbeit vor sich Er konnte den flotten Burschen nicht spielen. — Er ging selbst zum Bahnhof, holte seinen Koffer und trug ihn höchst eigenhändig dem billigen Quartiere bei der Pumpe zu, das er am Nachmittage besichtigt hatte. Die beiden Alten, wohl zufrieden, daß ihnen der Himmel endlich doch einen Mieter gesandt hatte, nahmen den „Herrn Doktor" bereitwillig auf, und es währte nicht gar lange, und unser Hans, ermüdet von des Tages wechselvollen Eindrücken, lag wohlgebettet im niedrigen Alkoven, einigermaßen erstaunt darüber, wie er nur das Kunststück fertiggebracht habe. Eine Bekehrung. Don Martin Andersen Nexv. Der auch in Deutschland durch gute UedersetzungA» schon sehr bekannt gewordene dänische Dichter, bet die Not der Armen verkündet, die er am eignen Leid gefühlt hat, gibt in seinen „Proletarier-Novellen" (Verlag von Albert Langen, München: Uebersetzung von Pauline Gottschau-Klaiber) Bilder der Liebe und Einfühlung, die nicht anklagend und tendenziös, wohl aber in ihrem milden Glanze erschütternd wirken. Besonders fein und gerecht weift er sich auch der Psyche leidender ober verlassener Frauen zu nähern, wie gerade seine ge* diegensten Novellen bartun, und „Eine Bekehrung" wird ihm sicherlich auch in unserem Leserkreise da und dort weiteren Eingang verschaffen. Sie haßte die Männer, und das mit dem aufrichtigsten, berechtigtsten Haß von der Welt — sie war verschmäht worben. Zunächst haßte sie nur einen Mann, aber das eine bringt das an- — 75 beeilte sich au] and hätte sich auch nicht darum gekümmert. (Schluß folgt.) lange Stange! „____________ _________ auf ihrer Seite der Straße zum Fenster heraussah. Aber versöhnlich, wie Jungfer Holm heute gestimmt war, hörte sie das nicht Die Ehe Eduard Mörikes. (Die Frage der Diskretion für Dichter- Biographen.) Wohl kaum ein deutscher Dichter ist den Frauen zartfühlender genaht — and das nicht nur in seinem Schaffen — als der Schwabe Eduard Mörike. Und selten ist einer so von ihnen enttäuscht ^worden, wenn wir von der treuesten Schwesterliebe absehen. Seine Knabenschwärmerei für die Base Klärchen Neuser, die im Herzen des Jünglings dann za echter Neigung aufblühte, ward nicht erwidert. Eine seltsame Fremde, halb Mignon, halb Landstreicherin, die »Peregrina" seiner späteren Gedichte, hatte Mörike im Jahre Eines Zages hatte sich bei Jungfer Holm das unbefriedigte Mütterlichkeitsgefühl besonders stark fühlbar gemacht. Sie hatte die Möpsin gewartet und sie mehrere Male aus- und angezogen, allein es hatte nichts geholfen. Jetzt stand sie niedergeschlagen am Fenster. Da hörte sie plötzlich Schreien und Holzschuhgeklapper auf der Straße; eine ganze Horde Schuljungen stürmte vorbei. Alle schwangen im Laufen die Mühen und riefen: „Hurra! Die Tochter des Waldwärters hat zwei kraushaarige Buben bekommen!" Jungfer Holm stutzte. Infolge ihrer vereinsamten Stellung ahnte sie nichts von der Begebenheit, die die ganze übrige Stadt in Bewegung gesetzt hatte. Zwei kraushaarige Buben! Plötzlich kam ihr ein Gedanke — wie wär's, wenn sie das Mädchen veranlaßte, ihr das eine der Kinder abzutreten? Sofort zog sie sich zum Ausgehen an und eilte davon; die Möpsin lieh sie zu Hause; die war in der letzten Zeit etwas fett geworden und konnte weites Gehen nicht gut ertragen. Unterwegs überlegte sie. Buben hatten die Jungen gejohlt. Mädchen wären ihr lieber gewesen, aber nun war es einmal so. bet; aber die größte Ungerechtigkeit von allen war doch, daß nur sie allein Kinder gebären muhte, deshalb galt es in erster Linie, die Frauen dahin zu bringen, dies einzusehen, um sich dem zu widersetzen. Das Leben soll sich andere Wege suchen zu seiner Selbsterhaltung. Sie entzückte Jungfer Holm damit, daß sie sie lobte und pries toegen des entschiedenen Standpunktes, den sie in dieser Sache eingenommen habe, und die biedere Jungfer schluckte ihre Worte, als wären sie hohe Weisheit. Aber späterhin, als die Kopenhagenerin anfing, mit der Vorsehung ins Gericht zu gehen, and sogar das Geschlecht der Gottheit untersuchen wollte, das sie allzu ungerecht verteilt fand, indem die männliche Seite von zwei Personen in der Dreieinigkeit vertreten und die dritte mehr als zweifelhaft sei, fühlte sich Jungfer Holm weniger behaglich in ihrer Gesellschaft. Sie dachte schließlich in der Stille, wenn sie doch nur abreisen wollte, und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als dies wirklich geschah, obgleich sie nun wieder ohne Gesellschaft war. Ader diese Bekanntschaft blieb nicht ohne Bedeutung für Jungfer Holm. Sie lernte, ihren Männerhaß in ein System zu bringen, und faßte ihren Abscheu davor In schwere Beschuldigungen zusammen, die sie aus Mangel an anderen Zuhörern ihrem lieben Möpschen einprägte. Und „Perle", die Möpsin, wurde ein neuer Lichtpunkt in ihrem traurigen Dasein. Sie sah still da, horchte auf ihren Vortrag und gab nur von Zeit zu Zeit durch ein kurzes Bellen ihren Beifall zu erkennen. Aber sie verstand jedes Wort, das ihre Herrin sagte, und haßte alle Menschen genau so wie diese. Nie lief) „Perle" eine Gelegenheit ungenützt, einem Mann an die Beine zu fahren; sie bekam Fußtritte von den Männern und wurde von den Jungen mit Steinen geworfen, knurrte jedoch aus solchem Anlaß niemals gegen ihre Herrin, sondern nahm dies als einen Stoß, den die Welt nun einmal versetzt. Ihr gemeinsames Schicksal knüpfte sie nur noch fester aneinander. Darum war es nur folgerichtig von der Möpsin, wenn sie ihren Widerwillen gegen das männliche Geschlecht auch auf die Hunde ausdehnte. Sie konnte andere Hunde nicht ausstehen und bekam niemals Junge. Dieser Umstand war Jungfer Holms Stolz und Freude. Jahrelang hatte sie in dieser Richtung Befürchtungen gehegt und darum ihre Hündin fürsorglich gehütet; nun war diese fünf Jahre alt, und die Jungfer fühlte sich sicher. Sie war |eft überzeugt, „Perle" habe sich die Ansicht ihrer Herrin von dem andern Geschlecht angeeignet, und so schrieb sie ganz hingerissen darüber an ihre kurzgeschorene Freundin und sprach mit jedermann davon, der ihr nur zuhören wollte. Und sonderbar, bald der eine und bald der andere sprach mit ihr über die merkwürdige „Perle" und verlockte Jungfer Holm damit, von deren Keuschheit zu reden. Aber sie sah die Gesichter der Leute nicht, wenn diese von ihr weggingen. bete mit sich auf dieser sündigen Erde, und mit der Zeit gingen ihre Gefühle von dem einzelnen über auf die Gattung „junge Männer" im allgemeinen. Als dann diese und sie selbst auch älter wurden und eine neue männliche Jugend auftauchte, erbte diese ihren Hatz, ohne daß die ältere Generation sich dadurch benachtei-- ligt zu fühlen brauchte — sie hatte genug für sie alle. Liebe kann zuweilen irnerirtbert bleiben, Hatz niemals. Die Jungen konnten sie aus Instinkt nicht leiden, sie wußten, auch an sie komme die Reihe, sobald sie erwachsen seien, und so verlangten sie sofort Vorschub auf ihr Guthaben. Die Mütter verabscheuten sie um ihrer Männer und Söhne willen, und die jungen Mädchen sahen in ihr ein abschreckendes Beispiel. Und eines schönen Tages entdeckte sie, daß sie zu der ganzen Stadt in einem schiefen Verhältnis stand. Nun hielt sie sich einen Hund. „Natürlich!" sagten die Männer. „Das versteht sich!" erwiderten die Frauen, und die betben Geschlechter nickten und lachten einander zu, wenn sie mit „Perle" vor- überging. O, sie hätte ihnen die Augen auskratzen mögen, diesen Abscheulichen, diesen Ekelhaften! Wenn doch nur die Sintflut wiederkäme! Wenn nur bald der letzte Tag anbräche! — Wenn nur — wenn nur! Und bann wurde sie überdies Jungfer betitelt, wenn sie auf den Fischmarkt kam und Fische kaufen wollte, als ob nicht ihr Vater ein großes Fischerboot besessen und diese Leute heute alle in der Tasche gehabt hätte! Einsprache erheben —! Danke schön, davon hatte sie die Aase voll. „Ich bin keine Jungfer !" hatte sie einmal mit großem Nachdruck gesagt; aber da hatten sie sie so boshaft fragend angesehen und einander zugeblinzelt — diese Tiere! Das war ein fürchterliches Dasein. Die Bitterkeit nagte und brannte in ihr, und selbst der Haß, der ja nichts anderes war als verschmähte Liebe, unendlich große Liebe, die sich nach innen geschlagen hatte, sich selbst verzehrende Siebe, die sie verbrannte und aufzehrte in der schlimmen Gestalt des Hasses. Sie wurde lang und mager; ihre Brüste wurden flach, und ihre Nase wurde spitz mit roten Stellen um den Ansatz herum — sie schoß in Samen. An jenem Tag, als ihr ihr Verhältnis zu der Stadt klar wurde, erschrak sie. Sie fühlte, daß der Krieg erklärt fei und daß es jetzt heiße, aller Hand' gegen eine und einer Hand gegen alte. Aber ihre verschmähten Gefühle wurden zur Tatkraft, und sie nahm den Kampf auf. Es wurde ein Krieg bis aufs Messer mit feindseligen Blicken und bösen Worten und herausgestreckten Zungen, erst versteckt und dann offenkundig. An stürmischen Abenden schlugen die Jungen donnernd an ihre Haustür und schickten Schwärmer ihren Schornstein hinunter, so baß ihr Ofen über die ganze Stube Ruß ausspie. Und in mondhellen Dächten brachten ihr die jungen Burschen unter ihrem Fenster Ständchen mit Har- monikabegleitung. Ja, als sie sich eines Morgens erhob, stand ein ausgestopfter Storch vor ihrem Schlafkammerfenster mit einem Wickelkind im Schnabel. Dieser letzte Streich war beinahe zu boshaft, der zielte auf ihren empfindlichsten Punkt, die Muttersehnsucht — ein Gefühl, bei dem trotz ihrer Selbstverhärtung immer noch ihr Herz blutete. Sie war nicht dumm und wußte wohl, daß nicht der Storch die kleinen Kinder bringt — aber gerade das machte sie traurig. Warum konnte es nicht so sein? Dann hätten alle Fräulein doch auch wenigstens ein Kindchen bekommen können. Beim Gedanken an Kinder konnte sie ganz schwach werden, und wenn sich das kleine Volk der Nachbarn auf der Straße her- umtrieb, war sie beinahe geneigt, Frieden mit der Welt zu schließen, hur um das Vergnügen haben zu können, solch ein Kleines in die Arme zu nehmen. Aber wenn sie sich näherte, rissen ihr die Mütter ihre Kinder vor der Nase weg und murmelten etwas vom „bösen Blick". Dann schloß sie sich ein und weinte, und nachher war sie nur noch bitterer. Zu andern Zeiten, wenn die Sehnsucht groß in ihr wurde, kleidete sie den Mops als kleines Kind an, legte ihn in eine Kiste, die die Wiege vorstellen sollte, und wartete und pflegte ihn. Sie kam bis zu dem Punkt, wo sie erkannte, daß der Kampf allzu ungleich sei, und gerne die Waffen niebergelegt hätte, wenn der Friede damit zu erkaufen gewesen wäre. Jetzt sah sie ein, daß sie der Stadt nicht das geringste geschadet, sondern nur zu deren Unterhaltung beigetragen hatte, während ihr von der Stadt das ganze Dasein verbittert und zur Hölle gemacht worden war. Aber der Friede war nicht zu haben, dazu machte den andern der Kampf allzuviel Spaß — und so kämpfte sie denn weiter. Dann kam ein Lichtpunkt in ihr Leben und ein Grund zu neuem Kampfeifer, denn in den Sommerferien erschien eine Vertreterin der Frauenemanzipation in der kleinen Stadt, um da zu baden. Es war eine kleine Lehrerin aus Kopenhagen mit kurz- geschnittenen Haaren, die die Männer noch eifriger haßte als Jungfer Holm und sich mit allerlei Gedanken trag, wie man sie von ihrem Thron stürzen könnte. Die Kopenhagenerin und Jungfer Holm fühlten sich zueinander bin gezogen und fanden M) traft verborgener Sympathien. Die Kopenhagenerin aber fand in Jungfer Holm einen fruchtbaren Boden und eröffnete vor ihrem Blick Tiefen der Ungerechtigkeit, die sowohl die Vorsehung als die; Männer gegen die Frauen ausgeübt hatten. Die ganze zeitgenof» psche Gesellschaft war auf Ungerechtigkeit gegen Ne Frau gegrttw und wenn man das Kind selbst erzog, bann brauchte es ia gar nicht zu werden wie die andern Männer. Sie war vergnügt und tf ihrem Wege. „Seht nur, wie sie daherschwebt, die !" sagten zwei Frauen zueinander, von denen jede — 76 - 1823 eine Zeitlang in ihren Dann gezogen tviellÄcht Sen werdender, Dichter mehr, als Len reifenden Mann), fein herzllches Fühlen für Klärchen wurde durch dieses romantisch« Abenteuer nicht ge* mindert aber die Jugendgespielin nahm erwünschten Anstoh und verlobte sich schnell mit einem andern. Ms Pfarrverweser in Plattenhardt sah Mörike 1829 Luise Bau, die 23jährige Tochter des kurz vorher verstorbenen Ortsgeistlichen. Nach wenigen Mo- natsn ist sie seine Verlobte, und ihr schreibt er während ferner Warrderjahre als Vikar jene wundervollen Brautbriefe, wie sb- inniger wohl nie einem deutschen Mädchen gewidmet wurden. Luise aber verstand diese hochpvetische Sprache nicht: ihr wäre lieber gewesen, Eduard hätte von besseren Heiratsaussichten geschrieben, nach deium ihr prattischer Sinn verlangte. Nach drei-ähr-gem Alm- gang löste sich ohne Mitzton die Verlobung des ungleiche Paares. Luise herrateke später einen biederen Pfarrer und ward mit ihm glücklich. Mörike blieb weiter ruhe- und stellenlos, bis ihm 1834 in 6er klassisch gewordenen Pfarre Cleversulzbach endlich einig« friedlichere und schaffensfrohere Jahre beschieden toaneit. Wer Wied« war er ohne Amt, als er in Mergentheim die 27Mrige Tochter Gretchen des über ihm wohnenden katholischen Oberstleutnants a. D. von Speeth kennen lernte und sie nach den', baldigen Hmschelden ihres Vaters aus Mitleid 1851 zum Altar führte. Zu seinem Unheil, wie Hauns Wolfgang Nath in seiner kürzlich (bei Carl Fr Scholz, Ludwigsburgs erschienenen Monographie „© reichen, eines Dichters Schicksal, «ine Chronik vom Erdenleid Eduard Mörikes", seftzustellen unternimmt. Alm die Herausgabe dieses Buches hat Aath, der Vorsitzende der Gesellschaft der Mörikefreunde, mit den Hinterbliebenen des Dichters. inSbesondsre mit ^dessen Tochter Frrirny (wohnhaft m Frauenstift zu Nerwnstadt am Kocher) und deren Schwregersohn, einem Münchener Architekten, einen erbitterten Kampf geführt. Im vorigen Jabrs, als dieser Streit noch im vollen Gange war. haoe ich bereits in der Presse auf die problematische Nachlastvsrwaltung fettens des Herrn Nath hingewieseu und damals mitgeteilt, cmß Mörikes heute im 68. Lebensjahre stehende Tochter Fanny, die bei Trennung ihrer Eltern sich zur Ma«« gehakte«, sich heftig gegen deren nachträgliche „VernrHsimpfung" gesträubt habe. Gelegmrt- lich efaeä Besuches in NeuerOadt gab mir Frau Hildenbrand gso. Mörike in unzweideutiger» Worten ihre begreiflich« Erregung über SaS Vrraehen Harms WolfMng.Nalhs zu verstehe»^ und ich chatte der ehrwürdigen alten Dturre aus vollem Herzen beipflicht«» Mussen. .Und ich stehe auch heute, nach dem Erscheinen der Enthül- llrnMHrift auf dem StMÜpunkte, dach, wenn nun einmal dis Oefsentlichkeit mit den Sntimifäten aus Mörikes Sch« behelligt w«- den muß dies aus Gründen schonenden Taktes erst nach dem Ableben der Tochter des Dichters hätte geschehen sollen. Bis 'dahin konnte sich Herr Nath, dessen Material freilich kein günstiges Lickt auf die Verträglichkeit von Mörikes Gattin fallen lacht, getrost gedulde!»: vorweWSnommen hätte ihm, dem am meisten Eingeweihten in jene Ehrgsheimmsfe, wohl kaum jemand die Entschleierung. SvbaD eine Ehe in das Schaffen eines Mchkers restlos bestimmend eingreift, sein weiteres Wirken unmittÄbar prägt, wird nismcmd gegen di« Erforschung und Bsrvffentlichung dieser biographischen Kleinarbeit etwas «inwe>rdsn können, — im Falle Mörikes ist jedoch, riefe Nokwsndigir'tt der Veröffentlichung schwerlich gelben. Selbst eine gesegnetere Ehe würde den poetisch schon früh unfruchtbar gewordenen Dichter nicht gespornt oder gar gewandelt haben. Die Willensschwäche des von Jugend auf Kränkelnde« war unheilbar, an dem „vorzeitigen Absterben von Mörikes Dichtergenius" war seine Ehe mit Margarethe von Speeth bei Wettern nicht in dem Matze schuld, wie solches Hanns Wolfgang Nach cmzunehmsn scheint. Kurt MshTr-Notermund. Die Stabt der BiZo Ntsriefadrikation. Bon Jgna Maria. Pferzheim! Emst die kleine martzrWiche badische Nesidenz, Heute weltbekannt ob der Schmuckwaretrindustrie. An dies« Stadt, obgleich sie eine Umgebung besitzt, tote sie nicht leicht wieder- zuftnden ist — der idyllische Kupferhalmner, das SHwarzwald-- haus, die lieblichrn, abwechslungsreirhAt Täler der Gnz, Nagold und Würm —, interessiert am stärksten die Bijouteriefabri'kation. Sie ist es ja auch, die Mörzheims Weltruf befestigte: denn! wenn man hört, dah in dieser Stadt bespielsweise der „Originalschmuck" für die Eingeborenen d« Südfeeinfeln oder „Original" ägyptische Zigarettenetuis hergestellt werden, so staunt man zwar über die ungeheuere Anpassungsfähigkeit, aber man kennt auch den Grund dieses Weltrufs: zäher Wilke und d« Glaube an das eigene Können! Im Jahre" 1761 arbeitete ein« einzig« Ähren- und Stahlfabrik mit 74 Arbeitern, und zwar waren es durchaus keine glückverheißenden Anfänge, die sich zu den heutigen 1000 Betrieben mit 35 000 Arbeitern ausbauten. Darunter 53 Großbetriebe beschäftigen mehr als 100 Arbeiter, und Pforzheims Postverkehr steht an erst« Stelle nach Berlin. Pftrzheim ist Fabrikstadt: man versuche einmal bei Fabrik- schloß gegen den gewaltigen Strom der zum Dahnhvs silenden Arbeiter und Arbeiterinnen anzugehen! Ganze Straßen, in denen sich Fabrik an Fabrik reiht, selbst die Privathäuser beherbergen! Bijoutteriebetriebe, und doch ist alles licht, hell und freundlich Keine rußgeschwärzten Mauern, keine rauchenden, himmÄanstre- bemöen Schlote adrett und sauber die Arbeiterinnen, die nach Fabrikschluß durch die Stadt spazieren. Einkäufer aus aller Herren Länder finden sich hier ein: Die Einkäuserlists verzeichnet weit mehr Namen des valutastarken Auslandes denn des kaum noch luxusbedürftigen Deutschlands. Eine ständige Musterausstellung der neuesten Erzeugnisse der Fabrikation befriedigt so ziemlich den Geschmack der ganzen Welt. Seltene kunstvolle Schmuckstücke, handziseliert, mit Emailmalerei, kostbare Edelsteine, zartgliedrige Goldketten, als Kuriosität und Beispiel von Kunstfertigkit die Ringuhr, daneben auch den Bolksgeschnrack treffende Tombak-Dubkeeketten, Ringe, Medaillons. Kein Fabrikant, nicht einmal der ausstellenöe, darf die Ausstellung betreten, damit der Musterschutz gewahrt bleibe, und auch ber Einkäufer maß sich als solcher legitimieren, bevor er die strenggehüteten Räume mit ihren Schätzen betreten darf. Interessant ist ein Gang durch eine Silberwarenfäbrik in vollem Betrieb. In offenen Schmelzöfen schmilzt das körnige SW« in großen Tvnrigeln flüssig, wird in Formen gegossen und erkaltet hier zu Barren, die nun in den weiteren FabriS- räumen gur Verarbeitung gelangen. Schwere Preßhämm« hämmern den Barren in die gewünschte Länge, andere Maschinen walzen und schneiden das Rohfilber zu dünnen Platten, formen es zu langen, schlanken Röhren, die durch entsprechrnve Bearbeitung zu fernem Silberdraht gezogen werden. ®ä ist das Material zur Herstellung Von Silberketten und Maschengeflechten. Kunstvoll konstruierte Maschinen schireiden den Silberdraht in bestimmte Länge, formen die Stückchen zu rNLtnanderhängenden glatten od« gedrehten Ringelchen und lasten endlich das fertige Kettenband in aufgeflellte Behält« rieseln. Andere Maschinen stricken Rundnetzgeflechte für die so beliebten Silbertafchen und Silberbörsen. Scharfe Drahtscheren schneiden das Geflicht in Taschengröße, das dann zu Taschen verarbeitet wird. Mit dem Meterstab messen geübte Arbeiterinnen das Kettenband in Ketten ab, versehen die Ketten und Kettchen mit Verschluß, geben sie zum Putzen weit«. Fermmaschinen stellen Löffel, Gabeln, Messergriffe, Siebe, Kaffeekannen, Zuckerdosen usw. her, die nächste feilt die über» flüssigen Ränder glatt, so wandern die Gegenstände von Maschine zu Maschine, bis der gebrauchsfertige Gegenstand den Putzerinnen übergeben werden kann. Ebenso w«den Medaillons, Silberbügel. Zigarettenetuis hergestellt, alles auf dem Wege des maschinellen Verfahrens. Das vielverwendete Alpakasilber erfährt dieselbe Behandlung inti> Verwendung, nachdem durch ein besonderes Verfahren eine Silberplatte von bestimmt« Stärke einem minderwertigen Metall aufgewalzt wird, und zwar so, daß. die Silberfchichch inaner die Oberfläche bedeckt. Dann ber Blick in das fertige Musterlager der Fertigfabrllate: Da stehen große Silberhumpen für Südamerika bestimmt, da liegen Scheuchen, Fing«hüte, Bestelle, Reisenecessaires, Ketten, Ringe und Medaillons, und wenn man auswählen .sollte, man vermöchte es nicht, überwältigt von solch vielseitigem Angebot. Die Fabrikation von Gvldwaren ist ähnlich wie die bar SWertoaven, nur, daß der Gedanke der Goldverarbeitung für Laien etwas Berauschendes hat, während die Arbeit« sich lärmst an das unansehnliche, schmutzige, kaum den Namen Gold verdienende Arbeitsmaterial gewöhnt haben. Die Gewohnheit tötet schließlich auch den „Goldrausch", und erst müssen die Putzerinnen es in energische und liebevolle Behandlung nehm«, ehe das glänzende strahlende Gold seine faszinierende Wirkung ausübt. Wie man bei Alpakasilber eine Silberplatte einem anderen Metall aufwalzte, so wird auch bei Dublee eine Gold- platte von bestimmt« Stärke einem unedlen Metall aufgewalzt, stets bedeckt die Goldschicht die Oberfläche. Die Herstellung von Ketten, Ringen, Taschen, Medaillons ist die nämliche wie bei SW«: sehenswert ist das Fassen von Edelsteinen und Gmall- malerei. Natürlich sind diese Fabriken, die mit solchem hochwertigem Material arbeiten, ein« besonders scharfen Kontrolle unterstellt. Der Niedergang unseres Wirtschaftslebens macht sich auch hi« bemerkbar, viele Fabriken, je nach Fabrikation, arbeiten mit verkürzt« Arbeitszeit unö sehen sich zu weiter« De- triebsemschränkung veranlaßt, kommt nicht bald eine Wendung zum Besseren. Das sanfte Hügelland des Kraichgairs, das die blauschimmern- den Schwarzwaldberge ablöst, liegt in goldenem Frühlings» sonnenschein: Pforzheim, noch Schwarzwaldkind, arbeitet in un- verörvsfenem Fleiß, um Tausenden Unterhalt unö damit Lebensfreude zu geben. Schriftleitung: August Go«h. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Univ.»Buch« und Steindruck««!, R. Lange, Gießen.